Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Genreliteratur”

Ich bin eine Genrefigur

Liebe Familienmitglieder, Freunde und Bekannte! Liebe Leser meines Blogs!

Kennt ihr das Gemälde ‚Der Mittag’ von Caspar David Friedrich? Nicht? Aber ihr besitzt doch einen hoffentlich noch funktionierenden PC! – habe ich ihn euch nicht erst kürzlich repariert? Googelt das Bild bitte, es gibt gute Abbildungen dieses Kunstwerks im Internet. Und es lohnt sich, denn es ist ein schönes Bild. Habt ihr es gefunden? Fein. Ich sehe schon, ihr seid Profis … (1)

Schaut euch die Gruppe dunkler Kiefern da in der linken Mitte des Gemäldes an. Seht ihr einen Mann auf seinen Spazierstock gelehnt im Gras neben den Maulwurfshügeln stehen? Er ist recht klein und unauffällig. Dieser Mann in grüner Kleidung: Der bin ich. Man nennt mich eine Genrefigur.

Wundert euch nicht, wie ich da hinkomme – in ein Gemälde vom Anfang des 19. Jahrhunderts – aber da stehe ich schon immer. Stellt Euch nun weiter vor, jemand würde mich jetzt übermalen oder meinetwegen entfernt mich selbst mit einem Bildbearbeitungsprogramm. Ihr kennt euch ja aus; ich habs euch erklärt, wie es geht. Da wären nur noch diese weite, brandenburgische Landschaft, die feuchten Wiesen, ein paar Bäume und Büsche begrenzen den Horizont; auch der Wanderer links auf dem Weg hätte das Bild mit zügigem Schritt bereits in der Richtung seines mir unbekannten Zieles verlassen – wie leer und bedeutungslos wäre das alles, das Auge glitte ohne Anhaltspunkt über den Ölschinken, Achselzucken – langweilig! Würde es einen Laut machen, wenn nun einer der Bäume umfiele?

Bei den sieben oder acht Milliarden Individuen auf dieser unter ihrem Gewicht stöhnenden Erde muss es eben auch solche wie mich geben; Nebenfiguren, die niemandem weiter ins Auge fallen, von denen man sich auch nicht vorstellen kann, sie je zu vermissen – die aber eine wirbelnde und schwindelerregende, kaum erträgliche Leere hinterlassen würden, wenn sie fehlten. Die Welt wäre ohne mich unvollständig. Und dann wäre sie nicht mehr existent. Denn eine Welt, die nicht vollständig ist, kann es nicht geben. Sie wäre ein Widerspruch in sich selbst. Ich fülle also die entscheidende Lücke aus, an der die Welt auseinanderzuklaffen droht. Ohne meine Anwesenheit an genau diesem Ort würde alles zerreißen und untergehen. Ich bin der seidene Faden, mit dem Gott den Kosmos zusammengenäht hat; nur dafür hat er mich geschaffen.

Wenn das nicht alle Anstrengung wert ist, zu der ich schwacher Mensch fähig bin, dann, meine Freunde, nennt mir einen besseren Grund zu leben. Ich für meinen Teil habe keinen gefunden und verteidige daher mein Nichtstun und „faul in der Landschaft rumstehen“ mit aller Kraft; es ist das Lohnendste und zugleich Schwerste überhaupt; ich packe den Stier an den Hörnern und zwinge ihn in den Staub!

Reicht es da nicht schon, dass ich oft genug den ermüdenden Konventionen und Regeln folgen muss, die mir mein soziales Leben aufzwingt und mein für die Existenz der Welt so wichtiges Nichtstun sauer machen? Wenn ich also in die Arbeit gehe, einen Alltag im Rahmen meiner Rolle als Vater, Ehemann, Freund und Kollege ausfülle – an fünf, sechs Tagen in der Woche -, wenn ich mich schon der Anstrengung unterwerfe, mich zu waschen, zu schlafen, zu essen, die Zähne zu putzen, mich an- und auszuziehen, am Haushalt, dem Einkauf, dem Kochen und sogar noch am öffentlichen Nahverkehr und am Internet teilnehme – zumindest in aller Regel eben körperlich anwesend bin – wenn ich also all diese Dinge betrachte und noch tausend andere dazu (und ich habe noch überhaupt nicht diess zeitraubenden Textlein erwähnt, das ich eben schreibe), dann fühle ich mich von mir selbst getrennt und ausgehöhlt, verliere ich mich, habe ich das Gefühl, ich vernachlässige sträflich Gottes Auftrag an mich, eine untätige Genrefigur in seiner besten aller möglichen Welten zu sein.

Daher muss ich mir meine Freiräume durch Fluchten schaffen. Nur wenn ich konzentriert sitze – im Winter zumeist in meinem Zimmer oder in einem Café, im Sommer in einem Park oder auf meiner Gartenterrasse (ein Biergarten ist auch nicht übel) – und angestrengt nichts mache, was eine auslaugende, herausfordernde Yoga-Übung ist, Tantra in höchster geistiger Vollendung, nur dann fühle ich mich geborgen, identisch, echt. Manchmal, wenn meine Augen vom Sehen gefüllt sind, kurz bevor sie sich ermattet zum erholenden Schlafe schließen, gelingt es mir, mein Empfinden in ein paar Gedichtzeilen zu fassen oder – seltener – einen Text wie diesen zu beginnen, falle dann aber bald beglückt in einen leichten und traumlosen, dabei erfrischenden Schlaf, der mir die Kraft schenkt, meine schwere Aufgabe weiter zu bestehen.

Da seht ihr mich in diesem Sommer an der österreichisch-slowakischen Grenze bei meiner wichtigen Arbeit als Genrefigur.

… und jetzt genieße ich den frühen Herbst und fahre für ein paar Tage zum Wandern ins hoffentlich nicht allzu verregnete Allgäu. Ich habe vom Herrn für diese wundervolle Woche eine Aufgabe erhalten und die muss ich erfüllen!

Warum sitzt du eigentlich noch auf deinem Sofa und liest diesen Text? Auf geht’s! Die Welt wartet …

(1) … nicht gefunden? Na, es ist kein Meister vom Himmel gefallen. Hier ist ein Link: Der Mittag.

Sommerliche Leseempfehlungen: Arno Schmidt

Alle Dichter wollen weniger gelobt und fleißiger gelesen sein.
Gotthold Ephraim Lessing

Es widerstrebt mir, den scheinheiligen Tanz ums goldene Kalb und den Feuilleton-, Medien-, Verlags- und Buchhandelsrummel um runde Geburts- oder Sterbedaten unserer Dichter und Denker mitzumachen. Man lobt sie routiniert und wohlvorbereitet an ihren Jubiläen, um dann bereits ein paar Tage später die nächste Sau durchs mediale Dorf zu hetzen. Die Erinnerungen und Ehrungen werden des überschwänglichen Feierns müde wie Christbaumschmuck im Januar eiligst zurück in den Keller geräumt, bis die nächste runde Zahl droht. Gelesen werden diese Autoren trotzdem nicht.

Aber für Arno Schmidt (1914 – 1979) müsste ich im nächsten Sommer eine Ausnahme machen, weil er mir wirklich am und manchmal auch schmerzlich auf dem Herzen liegt: Schließlich ist Schmidt der herausragendste und humorvollste, der intelligenteste und zugleich provozierendste Autor, Essayist und Übersetzer, der von uns Deutschen nach dem 2. Weltkrieg mit Nichtbeachtung und Interesselosigkeit abgestraft wurde. Hierzulande werden keine unbequemen Autoren mehr eingesperrt oder mitsamt ihren Bücher verbrannt, man ignoriert sie einfach, ordnet sie bequem in ihren historischen Kontext ein(1) und vergisst sie. Oder man wirft ihnen – auch das ist typisch deutsch – „Nestbeschmutzung“ vor; was den Autor noch nachhaltiger vernichtet, als ihn einfach zu erschießen. Arno Schmidt passierte beides. Er wurde als genialer Außenseiter zu einer wenig beachteten Fußnote im Kapitel „Nachkriegsliteratur der BRD“ degradiert und sein bitterböser Kulturpessimismus und sein verzweifeltes Aufreiben am Deutschen Untertanenwesen als defätistisches Nachhakeln eingestuft.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Sicherlich war an dem fehlenden Nachruhm auch der ärgerliche Streit um die Rechte an seinem Werk schuld. Das führte dazu, dass eine Zeitlang nur atemberaubend teure Nachdrucke der in den 50er und 60er Jahren im Fischer-Verlag veröffentlichten Bücher oder zu ebenfalls gesalzenen Preisen die von der Arno-Schmidt-Stiftung herausgegebenen Gesamtausgaben erhältlich waren.(2)

Und ich gebe es gerne zu: Es ist nicht leicht, Arno Schmidts Welt zu betreten, er macht es dem Leser und auch sich selbst nicht einfach. Keiner schreibt wie er. Schmidt ragt wie ein Mount Everest aus den seichten Vorgebirgen der deutschen Nachkriegsliteratur in sauerstoffarme Höhen. Er ist einzig, aber ganz und gar nicht artig. Sein – formulieren wir es mal euphemistisch – eigenwilliger Umgang mit Grammatik und Zeichensetzung, seine am stream of consciousness und den Wielandschen und Jean-Paulschen satzungethümen Bleistiftwüsten geschulter, synästhetischer, oft monologischer Stil, in dem manchmal jedes Wort und oft auch jedes Satzzeichen eine Anspielung an ein- bis zwei von ihm mitgedachte, aber durchaus nicht hingeschriebene Literaturquellen (3) und unbewusste freudianische Fehlleistungen sind, seine – der Generation, zu der er gehört, geschuldeten – muffigen sexuellen Fixierungen (man kann von einer Vorliebe für Alt-Herren-Witze reden) sind zum Fremdschämen und alle wirken wie eine fest verschlossene Tür in sein Gedankengebäude, eine Tür, die nur mit äußerster Anstrengung und aller Geduld und Aufmerksamkeit geöffnet werden kann. Das lohnt sich allerdings. Hat man sich erst einmal an die anspielungsreiche und exzentrische Ausdrucksweise gewöhnt, kann Schmidt süchtig machen. Und diese Liebe hält ein ganzes Leben an.

Schmidt2Arno Schmidt
Schwarze Spiegel
(suhrkamp BasisBibliothek 2006)

Zum Einstieg in sein überbordendes Werk sei hier seine feine kleine Erzählung „Schwarze Spiegel“ angeführt, eine erstaunlich klassische, dystopische Science-Fiction-Geschichte, von der es in der zeitgenössischen deutschen Literatur viel zu wenige gibt, weil hierzulande Genrewerke nicht ernst genommen und als Unterhaltung abgetan werden.(4) Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase liest sich diese Anti-Utopie flüssig und spannend und enthält doch alles, was ein Schmidt-Œuvre ausmacht. Eine weitere gute Möglichkeit, Schmidt kennenzulernen, sind seine Radioessays über meist vergessene Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen er die Ergebnisse seiner literaturarchäologischen Arbeiten als appetitanregende Häppchen serviert. Dass Johann Karl Wezel oder Karl Philipp Moritz heute wieder gelesen werden, ist der Schmidtschen Radio-Werbung zu verdanken, einige seiner weiteren, äußerst lesenswerten Entdeckungen gibt es beim 2001-Verlag in der Reihe „Haidnische Alterthümer“. Arno Schmidt war auch ein fleißiger Übersetzer englischer und angloamerikanischer Literatur. Hier seien eine kongeniale, stellenweise neudichtende Poe-Übertragung erwähnt, seine Verdienste um John Fenimore Cooper, Jules Verne oder auch Karl May, die in Deutschland als Jugendbuchautoren verschätzt und deren Werke verstümmelt wurden oder seine zugegebenermaßen exzentrischen Bulwer-Lytton-Übersetzungen, die allerdings nur antiquarisch erhältlich sind.(5)

Obwohl es Arno Schmidt Zeit seines Lebens nicht einfach fiel, von seinem literarischen Schaffen zu leben und er im Alter immer zynischer und bitterer wurde, gibt es doch eine Sache, um die ich ihn aufrichtig beneide. Er fand in dem außerordentlich intelligenten und belesenen Millionär Jan Philipp Reemtsma(6) einen Förderer, der ihn mit einem Geldbetrag unterstützte und damit aller materieller Sorgen enthob. Schmidt konnte sich in seinen letzten Lebensjahren in seine Zettelkästen und seine Literatur vergraben und ich nehme an, dass er genau dort glücklich war.

Wenn ich nicht unbedingt muss, dränge ich mich keinem mehr auf : ich habe im Zimmer weit größere Freiheit;
und die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.
Arno Schmidt, Julia, oder die Gemälde

—————–

(1) Arno Schmidt gilt vielen als eher zweitrangiger James-Joyce-Epigone, der oft noch schlechter lesbar ist als sein Vorbild. Die haben sich noch nie an Joyce im Original versucht. Arno Schmidt ist zumindest in einer Sache dem kurzsichtigen Iren überlegen: Er ist selten langweilig.

(2) Man versuche nur einmal, von Schmidts Haupt-, Fuß-, und Meisterwerk „Zettels Traum“ eine für Normalverdiener erschwingliche Ausgabe zu erhalten.

(3) Ein Link zur Schmidtschen Referenzbibliothek. Die meisten der Bücher sind urheberrechtsfrei und stehen als PDFs eingescannt zum Download zur Verfügung. Viele von ihnen gibt es allerdings auch bei den üblichen Verdächtigen als ordentlich überarbeitete EPUBs.

(4) Hier sei auf Franz Fühmann verwiesen, dessen Saiäns-fiktschen leider komplett vergessen ist. Über den leider inzwischen fast vergessenen Autor und den Einfluss, den er auf meine Literatur hat, müsste ich auch einmal schreiben.

(5) Ich empfehle in der Übertragung von Schmidt „Was wird er damit machen“ von Edward Bulwer-Lytton. Diese alte zweibändige dtv-Ausgabe habe ich in einem Tübinger Antiquariat entdeckt. Bei mobileread gibt es – freilich in zeitgenössischen Übertragungen – einige weitere der absolut lesenswerten Romane des viktorianischen Autors, den Schmidt sehr verehrte.

(6) Falls Jan Philipp Reemtsma zufällig mitliest: Bitte, Herr Millionär! Hier sitzt ein katzenfreundlicher Autor, der wie Arno Schmidt dringend eines Gaius Cilnius Maecenas bedarf, um meine kleineren finanziellen Durststrecke überdauern zu können. Ich übersende Ihnen gerne meine Bankverbindung und werde einen meiner Söhne nach Ihnen benennen – wenn gewünscht, auch alle. Hier noch ein Foto von Amy als glücklicher Sommerkatze für Sie persönlich zum Ausdrucken und in den Geldbeutel schieben und in der Bekanntschaft herumzeigen. Katzenbilder, heißt es, rühren das Herz.

amyliege

Neuerscheinungen 2018

In der nächsten Woche kehrt hier der Alltag wieder zurück. Ich werde in leichtverdaulichen, wöchentlich erscheinenden Häppchen (1) die Vorveröffentlichung der Romane, die ich in diesem Jahr veröffentlichen will, fortsetzen. Für mich sind diese noch unredigierten und nicht korrigierten „Beta-Versionen“ meiner Texte aus zwei Gründen wichtig: Zum einen zwingt mich der strenge Wochenrhythmus, konzentriert an den Werken weiterzuarbeiten, zm anderen merze ich auf diese Weise sehr viele Flüchtigkeitsfehler aus und erstelle ganz nebenzu die Druckversion für die Veröffentlichung. Ich weiß, dass diese „Fortsetzungsromane“ in diesem allzu flüchtigen und vergesslichen Medium kaum oder gar nicht gelesen werden, aber der Blog hat längst den Anspruch verloren, Leser mit netten, unterhaltenden Geschichten aus meinem Alltag und meinen Weisheiten über die Literatur und die Welt im Allgemeinen anzulocken. (2)

Der Blog „Aber ein Traum“ dient mir inzwischen als erweiterter Schreibtisch; als Fortsetzung meiner Autorenarbeit mit anderen Mitteln: Zuerst ist da selbstverständlich die Fantasie, dann die erste handschriftliche Textversion in einem Notizbuch, anschließend die Libre-Office-Datei (3), der die „Vorveröffentlichung“ auf diesem Blog folgt, eine weitere Überarbeitung und oft auch Erweiterung und Neustrukturierung des Textes und schließlich das Buch, das ich als Selfpublisher drucken, lektorieren und dann auf die literarisch interessierte Welt loslasse. Fehler finden sich dann immer noch zur Genüge, so dass ich z. B. beim 1. Geltsamer-Band: Die Frau, die der Dschungel verschluckte bereits bei der 7. überarbeiteten Auflage bin. Jeder Text wandert also aus meinem Geist zuerst ins Analoge, gelangt anschließend ins Digitale und kehrt schließlich ins Analoge zurück.

Und so sieht mein Plan aus:

Montag

Mein Schlüsselroman Die Wahrheit über Jürgen (260 Seiten) über das Augsburger Kunst- und Kulturleben in den 90er Jahren.
Er wird in seiner endgültigen Fassung Ende März, Anfang April d. J. veröffentlicht.

Mittwoch

Ab dem 10. Januar beginne ich mit der Vorveröffentlichung des 3. Teils meiner Geltsamer-Trilogie in 5 Bänden.
Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Teil 3: Das Gulag des Dmitrj Alexandrowitsch Krakow

Der fertige Roman (250 Seiten) soll im September 2018 erscheinen

Freitag

Freitags schließlich setze ich das Prequel zu meiner Fantasy-Trilogie Brautschau fort:
Der Weg, der in den Tag führt

Lange angekündigt und verschoben, weil sich diese Geschichte – 600 Seiten –  nicht in dem ursprünglich geplanten Umfang fertigstellen ließ, werde ich sie veraussichtlich erst im ersten Halbjahr veröffentlichen.

Ich werde oft gefragt, wie ich das alles zeitlich hinbringe und meine ehrliche Antwort ist: Das weiß ich auch nicht. Trotzdem hat es im letzten Jahr geklappt und ich hoffe, dass mir meine ehrgeizigen Pläne auch 2018 gelingen. Falls mich jemand auf meinem „Weg, der in den Tag führt“ unterstützen will, findet er/sie in der rechten Bildleiste die Links zu meinen Büchern. Mit jedem verkauften Buch fällt es mir leichter, meine Arbeit zu machen. Ich freue mich selbstverständlich über jeden, auch kritischen Kommentar.

Danke!

__________

(1) Jeweils montags, mittwochs und freitags wird pünktlich um 08:30 Uhr ein etwa 1200 Wörter langer  Abschnitt – das sind 8 Buchseiten – aus meinen zur Veröffentlichung anstehenden Werken erscheinen.

(2) Der Sammelband Noch einmal davon gekommen (230 Seiten, illustriert) mit den überarbeiteten und teilweise stark erweiterten Glossen und Artikeln aus den letzten fünf Jahren dieses Blogs verkauft sich trotz überschwänglicher Kritiken der wenigen Leser überhaupt nicht. Das will offenbar niemand von mir lesen.

(3) Ich finde WORD umständlich, überladen und unübersichtlich, es ist eine furchtbare Textverarbeitung. Deshalb arbeite ich seit Jahren mit der kostenlosen Open-Office-Alternative LibreOffice. Die hat zwar auch ihre Macken, ist für mich als Autor aber eindeutig das bessere Programm.

Glaubt mir – er beißt nicht

Alle Dichter wollen weniger gelobt und fleißiger gelesen sein.
Gotthold Ephraim Lessing

Es widerstrebt mir, den scheinheiligen Tanz ums goldene Kalb und den Feuilleton-, Medien-, Verlags- und Buchhandelsrummel um runde Geburts- oder Sterbedaten unserer Dichter und Denker mitzumachen. Man lobt sie routiniert und wohlvorbereitet an ihren Jubiläen, um dann bereits ein paar Tage später die nächste Sau durchs mediale Dorf zu hetzen. Die Erinnerungen und Ehrungen werden des überschwänglichen Feierns müde wie Christbaumschmuck im Januar eiligst zurück in den Keller geräumt, bis die nächste runde Zahl droht. Gelesen werden diese Autoren trotzdem nicht.

Aber für Arno Schmidt (1914 – 1979) muss ich eine Ausnahme machen, weil er mir wirklich am und manchmal auch auf dem Herzen liegt: Schließlich ist Schmidt der herausragendste und humorvollste, der intelligenteste und zugleich provozierendste Autor, Essayist und Übersetzer, der von uns Deutschen nach dem 2. Weltkrieg mit Nichtbeachtung und Interesselosigkeit abgestraft wurde. Hierzulande werden keine unbequemen Autoren mehr eingesperrt oder mitsamt ihren Bücher verbrannt, man ignoriert sie einfach, ordnet sie bequem in ihren historischen Kontext ein (1) und vergisst sie. Oder man wirft ihnen – auch das ist typisch deutsch – „Nestbeschmutzung“ vor; was den Autor noch nachhaltiger vernichtet, als ihn einfach zu erschießen. Arno Schmidt passierte beides. Er wurde als genialer Außenseiter zu einer wenig beachteten Fußnote im Kapitel „Nachkriegsliteratur der BRD“ degradiert und sein bitterböser Kulturpessimismus und sein verzweifeltes Aufreiben am Deutschen Untertanenwesen als defätistisches Nachhakeln eingestuft.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Sicherlich war an dem fehlenden Nachruhm auch der ärgerliche Streit um die Rechte an seinem Werk schuld. Das führte dazu, dass eine Zeitlang nur atemberaubend teure Nachdrucke der in den 50er und 60er Jahren im Fischer-Verlag veröffentlichten Bücher oder zu ebenfalls gesalzenen Preisen die von der Arno-Schmidt-Stiftung herausgegebenen Gesamtausgaben erhältlich waren.(2)

Und ich gebe es gerne zu: Es ist nicht leicht, Arno Schmidts Welt zu betreten, er macht es dem Leser und auch sich selbst nicht einfach. Keiner schreibt wie er. Schmidt ragt wie ein Mount Everest aus den seichten Vorgebirgen der deutschen Nachkriegsliteratur in sauerstoffarme Höhen. Er ist einzig, aber ganz und gar nicht artig. Sein – formulieren wir es mal euphemistisch – eigenwilliger Umgang mit Grammatik und Zeichensetzung, seine am stream of consciousness und den Wielandschen und Jean-Paulschen satzungethümen Bleistiftwüsten geschulter, synästhetischer, oft monologsischer Stil, in dem manchmal jedes Wort und oft auch jedes Satzzeichen eine Anspielung an ein- bis zwei mitgedachte Literaturquellen (3) und unbewusste freudianische Fehlleistungen sind, seine – der Generation, zu der er gehört, geschuldeten – muffigen sexuellen Fixierungen (man kann von einer Vorliebe für Alt-Herren-Witze reden) wirken wie eine fest verschlossene Tür in sein Gedankengebäude, die nur mit äußerster Anstrengung und aller Geduld und Aufmerksamkeit geöffnet werden kann. Das lohnt sich allerdings. Hat man sich erst einmal an die anspielungsreiche und exzentrische Ausdrucksweise gewöhnt, kann Schmidt süchtig machen. Und diese Liebe hält ein ganzes Leben an.

Schmidt2Arno Schmidt
Schwarze Spiegel
(suhrkamp BasisBibliothek 2006)

Zum Einstieg in sein überbordendes Werk sei hier seine feine kleine Erzählung „Schwarze Spiegel“ angeführt, eine erstaunlich klassische Science-Fiction-Geschichte, von der es in der zeitgenössischen deutschen Literatur viel zu wenige gibt, weil hierzulande Genrewerke nicht ernst genommen und als Unterhaltung abgetan werden. (4) Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase liest sich diese Anti-Utopie flüssig und spannend und enthält doch alles, was ein Schmidt-Œuvre ausmacht. Eine weitere gute Möglichkeit, Schmidt kennenzulernen, sind seine Radioessays über meist vergessene Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen er die Ergebnisse seiner literaturarchäologischen Arbeiten als appetitanregende Häppchen serviert. Dass Johann Karl Wezel oder Karl Philipp Moritz heute wieder gelesen werden, ist der Schmidtschen Radio-Werbung zu verdanken, einige seiner weiteren, äußerst lesenswerten Entdeckungen gibt es beim 2001-Verlag in der Reihe „Haidnische Alterthümer“. Arno Schmidt war auch ein fleißiger Übersetzer englischer und angloamerikanischer Literatur. Hier seien eine kongeniale, stellenweise neudichtende Poe-Übertragung erwähnt, seine Verdienste um John Fenimore Cooper, Jules Verne oder auch Karl May, die in Deutschland als Jugendbuchautoren verschätzt und deren Werke verstümmelt wurden oder seine zugegebenermaßen exzentrischen Bulwer-Lytton-Übersetzungen, die allerdings nur antiquarisch erhältlich sind.(5)

Obwohl es Arno Schmidt Zeit seines Lebens nicht einfach fiel, von seinem literarischen Schaffen zu leben und er im Alter immer zynischer und bitterer wurde, gibt es doch eine Sache, um die ich ihn aufrichtig beneide. Er fand in dem außerordentlich intelligenten und belesenen Millionär Jan Philipp Reemtsma (6) einen Förderer, der ihn mit einem Geldbetrag unterstützte und damit aller materieller Sorgen enthob. Schmidt konnte sich in seinen letzten Lebensjahren in seine Zettelkästen und seine Literatur vergraben und ich nehme an, dass er genau dort glücklich war.

Wenn ich nicht unbedingt muss, dränge ich mich keinem mehr auf : ich habe im Zimmer weit größere Freiheit;
und die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.
Arno Schmidt, Julia, oder die Gemälde

—————–

(1) Arno Schmidt gilt vielen als eher zweitrangiger James-Joyce-Epigone, der oft noch schlechter lesbar ist als sein Vorbild. Die haben sich noch nie an Joyce im Original versucht. Arno Schmidt ist zumindest in einer Sache dem kurzsichtigen Iren überlegen: Er ist nie langweilig.

(2) Man versuche nur einmal, von Schmidts Haupt- und Meisterwerk „Zettels Traum“ eine für Normalverdiener erschwingliche Ausgabe zu erhalten.

(3) Ein Link zur Schmidtschen Referenzbibliothek. Die meisten der Bücher sind urheberrechtsfrei und stehen als PDFs eingescannt zum Download zur Verfügung. Viele von ihnen gibt es allerdings auch bei den üblichen Verdächtigen als ordentlich überarbeitete EPUBs.

(4) Hier sei auf Franz Fühmann verwiesen, dessen Saiäns-fiktschen leider komplett vergessen ist. Über ihn und den Einfluss, den er auf meine Literatur hat, müsste ich auch einmal schreiben.

(5) Ich lese gerade in der Übertragung von Schmidt mit wachsender Begeisterung „Was wird er damit machen“ von Edward Bulwer-Lytton. Diese alte zweibändige dtv-Ausgabe habe ich in einem Tübinger Antiquariat entdeckt. Bei mobileread gibt es – freilich in zeitgenössischen Übertragungen – einige weitere der Romane des viktorianischen Autors, den Schmidt sehr verehrte.

(6) Es sei an dieser Stelle wärmstens sein brillantes Buch „Im Keller“ empfohlen, in dem er die Erfahrungen beschreibt, die er während und nach seiner Entführung machte.

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