In den Bücherkellern des Vatikans (14)

Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Leseprobe, Literatur, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Sprache, Werkstattbericht

<– zum 13. Teil …

»да – Ja. Aber ich wurde auch zu Ihrem Schutz abgestellt.«

»Als ob ich den brauchen würde! Seit vier Dekaden bewahre ich den ›Schlüssel‹ für euch auf. Auch wenn ich nie daran glaubte, dass einmal der Tag kommen würde, an dem die Pagen ihn zurückfordern würden. Ich habe ihn behütet. Das war ich meinem Peptej schuldig. In all den Jahren habe ich durchgehalten. Die Hyänen haben mich bespitzelt und wie ich jetzt weiß, niemals aus den Augen gelassen. Von der ›Buchhandlung‹ jedoch habe ich nie mehr etwas gehört – bis sie gestern wieder auftauchte!«

»Das geschah ausschließlich zu Ihrer Sicherheit, glauben Sie mir. Es wäre viel zu gefährlich gewesen, wenn wir weiter Kontakt mit Ihnen gehalten hätten. Aber wir waren immer in Ihrer Nähe, hatten immer einen Blick auf Sie. Aber wir mussten vorsichtig sein. Wenn die Hyänen geahnt hätten, dass Sie den ›Schlüssel‹ besitzen, würden Sie jetzt wohl nicht mehr leben.«

»Natürlich ahnten sie etwas, mein Junge. Besonders einer von ihnen. Wie eine Spinne hat er ein Netz um mich gewoben. Darin sitzt er seit Jahrzehnten geduldig und wartet. Wenn die Hyänen etwas besitzen, dann ist es Zeit. Sie bedeutet ihnen nichts. Auch jetzt hockt er im Geheimen und beobachtet mich. Zumindest versucht er es.« Ich deutete zur Badezimmertür, aus der das Rauschen der Dusche erklang.

»Ich dachte die ganze Zeit, es sei einer dieser grotesken Zufälle in meinem Leben gewesen, dass von allen ausgerechnet Taganow der Direktor des Kolonai wurde. Ich glaubte, er hielt mir nur für einen schwachsinnigen Alten unter vielen. Niemals kam mir der Verdacht, dass auch er mich erkannt hatte. Schließlich war ich ja direkt nach meiner Entlassung aus dem Gulag in meine jetzige Tarnexistenz geschlüpft und hatte sorgfältig mit der Hilfe der Pagen alle Spuren verwischt, die mich mit meinem früheren Ich verbanden. Das war nach der chaotischen Amnestie vom 17. März 1953 kein Problem, während der auch Antenora ›liquidiert‹ wurde. Hunderttausende kehrten abgerissen und ohne Papiere aus den sibirischen Lagern zurück. Da war es nicht schwer, mir die Identität von einem Unglücklichen zu stehlen, der nicht so viel Glück wie ich hatte und in Antenora erfroren war. Ich trat ins Militär ein und begann mein zweites Leben. Ich heiratete ›Птичка моя‹ – mein ›Vögelchen‹ und stieg bis zum Adjutanten von Generalmajor Nischenko auf, dem ich meinen Platz hier im Kollontai verdanke. Ich glaubte mich in Sicherheit. Nie hörte ich etwas von den Pagen, nichts von den Hyänen, nichts vom ›schwarzen Buch‹. Dies alles lag hinter mir wie ein Albtraum, aus dem ich erwacht war. Doch in all der Zeit gab es einen, der mir auf der Spur blieb und mich belauerte. Das erkenne ich erst jetzt. Seit ich ihn in Antenora beinahe getötet hatte, war er hinter mir her. Er trägt zwar ein neues Gesicht – das alte ist ja verbrannt! – aber seine Augen haben ihn verraten. Es sind die Augen der Hyäne.«

Jetzt war es an Wyschnin, schockiert zu sein. Diese Runde ging an mich. »Alter Mann, du meinst …«

»Ja. Dmitri Alexandrowitsch Krakow und Igor Igorowitsch Taganow sind ein und dieselbe Person.«

Siehst du, Freund Leser, ich war ehrlich zu dir. Jetzt weißt du schon fast alles. Aber lass mich noch schnell ein paar Lücken füllen, bevor ich ich mich auf den Weg mache. Nachdem der arme Wyschnin meine Mitteilung verdaut hatte, brachen wir unser konspiratives Gespräch eilig ab, denn er musste sofort die ›Buchhandlung‹ informieren. Wir verabredeten uns auf morgen Nachmittag. Ich würde in der Zwischenzeit den ›Schlüssel‹ aus seinem Versteck holen, das selbstverständlich nicht im Heim ist, sondern an einem anderen Ort, den ich allerdings problemlos zu Fuß erreichen kann. Selbstverständlich erzählte ich ihm nicht, was ich sonst noch zu erledigen hatte. Denn meine kleine Sünde, Lasar mit Brennspiritus zu vergiften, ging ihn nun wirklich nichts an. Würde ich nach so vielen Jahren endlich von der Last befreit worden, die mir Wastija aufgebürdet hatte? Du erinnerst dich? Ich rede von Sebastian Kerr, dessen Urenkelin nun geboren war. War damit meine Aufgabe erfüllt, die begonnen hatte, als ich als grüner Junge im literarischen Club Väterchen Bulgakows Buch gestohlen hatte? Ich hoffte es.

Freilich ist inzwischen alles ganz anders gekommen. Aber das weißt du ja auch schon, mein aufmerksamer Leser. Nachdem Wyschnin die ›Wanze‹ wieder an ihrem ursprünglichen Platz angebracht und sich von mir verabschiedet hatte, muss er sich irgendwie verraten haben. Vielleicht war er sogar so töricht und hat Krakow (bei diesem Namen werde ich jetzt bleiben) konfrontiert. Ich weiß nicht, ob es ihm noch gelungen ist, die anderen Pagen vor dem Direktor zu warnen, bevor dieser ihn umgebracht hat. Und ich bin bei meinem Versuch, meine kleine Giftattacke auf Lasar zu vertuschen, über Wyschnins Leiche gestolpert und musste mich in Krakows Büro vor dessen Handlangern verbergen, die mich zwar nicht entdeckten, aber einschlossen. So weit – so schlecht.

Aber nachdem ich meine Gedanken geordnet hatte, während ich im Dunkeln hektisch mein abendliches Abenteuer aufnotierte, fiel mir wieder etwas ein, das Wyschnin in unserem kurzen Austausch erwähnt hatte: Krakow besaß offenbar in seinem Büro ein geheimes Zimmer, von dem aus er mich abhören wollte. Das musste ich finden und mich darin verbergen. Dort war ich vor der Rückkehr von Renat und Petr sicher, denn sie wissen sicher nichts von diesem Versteck. Es war nicht einfach in der Dunkelheit, aber ich habe die unscheinbare Tapetentür nach einigem Abtasten und Klopfen recht schnell gefunden. Länger dauerte es dann, bis ich den geheimen Öffnungsmechanismus entdeckte. Ich will dich nicht mit meiner Suche langweilen, denn schließlich weißt du ja schon, dass sie erfolgreich war und ich gerade in Sicherheit bin. Die verborgene Tür öffnete sich von Zauberhand, als ich ein Buch im Regal neben ihr nach vorne zog. Es war übrigens Houdinis The right way to do wrong, was ein bezeichnendes Licht auf Krakows Charakter wirft.

Sein Geheimversteck liegt leider nicht auf der gleichen Ebene wie die Zimmer des Direktorats, sondern viele Stockwerke tiefer im Keller des Heims verborgen. Dorthin führte mich eine Art Fluchttreppe aus Gitterrost-Stufen, die in einen Schacht hinein gebaut war. Er wurde wahrscheinlich ursprünglich vom Architekten des Kollontai für den Einbau eines Fahrstuhls entworfen. Da ich in dem Halbdunkel, in dem auf meinem Weg hinab nur ab und an mal ein kleines Notlicht brannte, nur wenig sah, tastete ich mich langsam und vorsichtig in die Tiefe. Zu meinem Glück gab es ein Geländer. Ich will nicht wieder über mein Alter jammern. Aber Treppensteigen, auch wenn es abwärts geht, zählt nicht zu dem bevorzugten Zeitvertreib eines bald neunzigjährigen Säufers mit Herzproblemen. Ich benötigte für meinen Abstieg eine gute halbe Stunde. Dabei bat ich die Wladimirskaja, die Gottesmutter von Wladimir, dass dies keine Sackgasse war und ich später den ganzen Weg wieder hinaufsteigen musste.

»Du bist doch Marxist und Atheist!«, sagst du unwillig. »Warum flehst du eine alte Ikone an, auch wenn sie ein Nationalheiligtum ist? Glaubst du, ein Götzenbild kann dir helfen?« Du hast recht. Ich glaube nicht an die Macht eines bemalten Holzbretts, auch wenn ich es manchmal bedauere. Aber ich habees nie bereut, wenn ich mir eine weitere Option freigehalten habe. Ein Stoßgebet an die Madonna schadet doch nicht. Schau mal: Die Tür am Fuß der Treppe, die ich endlich keuchend und abgekämpft erreichte und sich gefühlt kurz vor dem Mittelpunkt der Erde befand, wäre wahrscheinlich auch offen gewesen, wenn ich die Gottesmutter nicht darum gebeten hätte. Aber weiß man es?

[Zum 15. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (13)

Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Leseprobe, Literatur, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Sprache, Werkstattbericht

<– zum 12. Teil …

»Das war ein elektroakustisches Abhörgerät aus den alten Beständen des KGB«, stellte er fest. »Taganow, der selbst in den Siebzigern als Agent in Westdeutschland tätig war, hat einen direkten Draht zum Bolshoi Dom, dem ›Großen Haus‹ am Litejny-Prospekt. Die ›Wanze‹ ist eine KS3 aus chinesischer Produktion und sehr empfindlich. Aber jetzt sollten wir uns unbelauscht unterhalten können. Wir müssen das Gerät allerdings später wieder unter den Stuhl kleben, damit der Direktor keinen Verdacht schöpft.«

Staunend lauschte ich den pedantischen Erläuterungen des jungen Mannes. Durfte ich ihn nicht als weiteren Feind, sondern etwa als einen Freund betrachten? Er war noch nicht sehr lange Taganows Sekretär – vielleicht ein oder zwei Monate. Vorher hatte diesen Posten ein kleiner, dicker Weißrusse bekleidet, der von einem Tag zum anderen gekündigt hatte und verschwunden war. Im Nachhinein frage ich mich, ob hier auch die Helfer des Direktors ihre Hände im Spiel gehabt hatten.
Mit Wyschnin selbst hatte ich bislang noch kein einziges Wort gewechselt. An seinem ersten Arbeitstag stellte er sich kurz der versammelten Belegschaft des Kollontai im gemeinsamen Fernsehzimmer vor. Anschließend sah ich ihn nur noch von der Ferne. Immer folgte er seinem Direktor wie ein Schoßhündchen auf dem Fuß, um nur keinen von dessen Befehlen zu verpassen. Er war inzwischen so etwas wie ein unvermeidlicher zweiter Schatten von Taganow geworden. Sehr jung und sehr blass war er, dünn wie Birke. Dazu trug er ein einfältiges, nichtssagendes Gesicht ohne Kinn zur Schau. Seine Augen blieben unter versoffenen Schlupflidern verborgen. Nein, er hatte keinerlei Eindruck bei mir hinterlassen. Aber wahrscheinlich war das ja seine Methode, so unauffällig zu wirken. Aus diesem Grund beschäftigte sich niemand länger als einen Augenblick mit ihm und vergaß ihn sofort, wenn er sich abwendete. Gute Agenten zeichnet genau diese Eigenschaft aus, von der ich ebenfalls reichlich besitze. Das Bemerkenswerteste an ihnen ist, dass sie nicht bemerkenswert sind.

»Du meinst, Taganow hat gerade eben dieses Abhör-Dings hier unter meinem Stuhl versteckt?« Nun, das würde erklären, weshalb er sich die Mühe gemacht hat, mich aufzusuchen und mir die Kündigung nicht einfach über die Heimpost zustellen ließ. ›Убить двух зайцев.‹ – ›Zwei Hasen auf einmal erlegen‹, darin war er schon immer gut gewesen. Wyschnin nickte aufgeregt.

»Und nun hockt der Genosse Direktor bestimmt schon in seinem Geheimversteck unterhalb seines Büros und versucht, uns zu belauschen. Doch außer dem Rauschen der Dusche wird er nichts zu hören bekommen«, sagte er zufrieden. »Allerdings werden wir uns beeilen müssen, bevor er misstrauisch wird und mir auf die Schliche kommt. Schließlich reicht das warme Wasser höchstens für fünf Minuten. Dann wird es merkwürdig, wenn du weiter duschst.«

»Also gut, mein Junge. Dann gib mir mal die Zusammenfassung. Wer bist du wirklich und was willst du hier im Kollontai?«

»Mein Name ist tatsächlich Stepan Wyschnin. Ich hatte nicht die Zeit, mir eine Tarnexistenz aufzubauen. Aber ich bin zum ersten Mal im Einsatz und ein unbeschriebenes Blatt für die ›Hyänen‹. Ich studiere Slawistik an der SPbU und wurde erst im letzten Sommer rekrutiert.«

Ich hatte wieder einmal viele, viele Fragen. Aber ich schwieg und bemühte mich um einem ausdruckslosen Gesichtsausdruck. Zudem ahnte ich bereits, wohin uns dieser Zug brachte. Als ich keine Antwort gab, sah sich Wyschnin um. In Ermangelung eines Schreibgerätes tauchte er seinen kleinen Finger in mein Glas auf dem Küchentisch. Anschließend malte er akkurat ein mir wohlbekanntes Symbol in den Staub der Tischplatte. Da die Sonne schräg in den Raum fiel und die Feuchtigkeit zum Glänzen brachte, konnte ich es ohne Probleme erkennen und musste nicht meinen Platz auf dem Bett verlassen. Es war unser Erkennungszeichen.


»Du bist ein Page«, stellte ich fest. Wyschnin warf sich in Positur.

»Eins: Alles ist anders. Was euch auch erzählt wurde von euren Vätern: Es ist eine Lüge«, zitierte er die erste der ›Fünf Wahrheiten‹, die der Katechismus seiner Gemeinschaft waren.

»Zwei: Die Frau entstammt dem Schoß der Erde, der Mann den Wolken im Himmel«, ergänzte ich abwinkend. »Schon recht. Ich habe das nicht vergessen. Und du studierst, mein Junge? Ich dachte, die ›Buchhandlung‹ rekrutiert ausschließlich Schriftsteller?«

Der junge Mann lächelte zum ersten Mal. »Gibt es einen Russen, der kein Schriftsteller ist?«, fragte er etwas hochnäsig. »Die ›Buchhandlung‹ rekrutiert nur Menschen, denen es auch gelingt, sie zu betreten. Dazu muss man literaturaffin …«

»… und nicht ganz Teil dieser Welt sein. Ich weiß. Aber warum dieses plötzliche Interesse an mir? Ich habe seit gut fünfunddreißig Jahren nichts mehr von der ›Buchhandlung‹ gehört und dachte, ich könnte die paar Jährchen, die mir noch bis zu meinem 100. Geburtstag übrig bleiben, in Ruhe hier im Altersheim verbringen. Aber dann tauchst du hier auf und mit dir die ganze alte Geschichte, dich ich längst vergessen hatte. Weißt du, ›маленький брат‹ – ›kleiner Bruder‹, ein alter Freund von mir hat mir vorhergesagt, dass ich einhundert Jahre alt würde. Ich glaube ihm das, denn er trug schließlich die Seele eines Schamanen in sich, der die Zukunft vorhersehen konnte. Er sagte einmal …« Ich zögerte. Wyschnin sah mich stirnrunzelnd an und roch dabei vielsagend an seinem Finger, den er in den Polenschnaps getaucht hatte.

Hat er am Vormittag schon gesoffen? Diese Alten und ihre endlosen Geschichten. Ich konnte ihm diese Gedanken vom Gesicht ablesen. »Nein, nein!«, wehrte ich mich. »Ich bin zu alt für dieses Pagen-Spiel. Reicht es nicht, wenn ich auf euren Wunsch hin meine Erinnerungen an Antenora aufschreibe? Das wühlt mich mehr auf, als es gut für mein Herz ist. Also, was wollt ihr denn noch von mir?«

Wyschnin spitzte die Lippen und zögerte die Antwort heraus. Ich hatte durchaus Sinn für sein zutiefst russisches Gespür für Melodramatik, aber dieser Gesichtsausdruck, der mich an einen zertretenen Frosch erinnerte, machte vieles kaputt. Trotzdem erschütterte mich seine Antwort zutiefst:

»Das Mädchen ist geboren. Die Zeit der Wanderschaft wird enden«, sagte er schlicht.

Ich starrte Stepan Wyschnin an. Es dauerte eine Weile, bis seine Worte von meinem Ohr in meinen Kopf hinein wanderten. Mein eingerosteter Verstand machte sich nur schwerfällig an die Arbeit. Das hatte gesessen! Es war fast zu viel für mein altes, schwaches Herz, das damals in Sibirien eine akute Myokarditis überstehen musste, und ebenso vernarbt war wie meine wunde Seele. Als ich endlich begriff, was der Junge gesagt hatte, setzte mein Herzschlag einmal aus und kam dann nur stolpernd wieder in Gang. Ich schnappte nach Luft und das Verlangen nach einem ›Wässerchen‹ ließ mich erschaudern.

»Dann ist es so weit?«, fragte ich krächzend, nachdem ich den Schock ein wenig verdaut hatte. Das Sprechen fiel mir schwer, denn mein Mund war wie ausgetrocknet. »Wastija hat eine Enkelin?«

»Eine Urenkelin, um genau zu sein. Sie wurde Anfang des Jahres geboren und heißt Isabella.«

»Ein schöner Name. Wissen die Hyänen schon davon?«

»Noch nicht – vermuten wir zumindest. Aber das ist nur eine Frage der Zeit. Sie muss auf jeden Fall beschützt werden. Die russische Abteilung der Hyänen hat an diesem Wochenende eine Versammlung in Odessa. Deshalb fliegt Direktor Taganow mit seinem Jet vorgeblich zu einem geriatrischen Kongress am Schwarzen Meer. Mich würde nicht wundern, wenn es dort um Isabella geht. Für uns ist seine Spritztour jedenfalls eine Gelegenheit, die nicht so schnell wieder kommt.«

»Deshalb bist du hier. Ihr braucht den ›Schlüssel‹!«

[Zum 14. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (12)

Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Leseprobe, Literatur, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Sprache, Werkstattbericht

<– zum 11. Teil …

Meine Sinne verraten mir, dass du noch hier bist, mein Leser. Mir war gerade, als würdest du mir weiterhin über die Schulter sehen und begierig mitlesen. Ja, ich spüre sogar, wie du mich immer wieder mit dem Finger antippst, wenn ich kurz zögere, weil ich nach einem passenden Wort oder einer gelungenen Formulierung suche und dabei gedankenverloren einen Schluck vom Tee zu mir nehme.

»стоп – Stopp!«, rufst du zornig, »was ist denn das für eine Taschenspielerei? Alter Mann, du sitzt mitten in der Nacht im Büro des teuflischen Direktors. Du wurdest von seinen Handlangern eingeschlossen und musst befürchten, dass sie jeden Moment zurückkehren und dich entdecken. Wo also kommt nun plötzlich die Tasse Tee her, an der du nippst? Was hast du mir verschwiegen? Ich schätze diese Autoren-Taschenspielereien nicht!« Und da hast du recht. Da bin ich an deiner Seite, mein Freund. Wer von uns Autoren hätte nicht seinen Wein verfälscht? Manch giftiger Mischmasch geschah in unsern Kellern, manches Unbeschreibliche ward da getan. Lass mich dir deshalb ganz nüchtern und wahrhaft von meiner neuen Situation berichten:

Ist dir eigentlich nicht aufgefallen, dass meine Handschrift seit Beginn dieses Kapitels wieder ruhig und gleichmäßig dahinfließt? Ich verwende zum Schreiben nicht mehr meinen Bleistiftstummel, sondern den sehr hübschen, goldenen Federhalter von Pan Tagenow, den er nur dazu benutzt, um seine schwungvolle Unterschrift unter seine Dekrete zu setzen. Ich finde, er macht sich sehr gut in meiner Hand. Die schwarze Tinte veredelt meinen Text. Falls ich mich hier irgendwie herauswinden kann, dann werde wohl ich den Füller, der bestimmt schon über 50 Jahre alt ist, behalten müssen. Ich verspreche, ich werde ihn für einen besseren Zweck verwenden, als Kündigungen, Mahnungen und Todesbefehle zu unterschreiben. Nämlich meine Geschichte weiterzuerzählen – bis zu ihrem Ende. Das edle Schreibutensil liegt gerade so gut in meiner Hand. Er gleitet nur so – gleitet über das Papier wie der Schlittschuh von Anatoli Wassiljewitsch Firsow von der Сборная über das Eis. Es ist ein Vergnügen, ihn zu benützen.

Ich weiß, ich sollte auf den Punkt kommen. Aber das Alter hat eben einen geschwätzigen Narren aus mir gemacht. Ehrlich gesagt, fühle ich mich gerade trotz meiner misslichen Lage sehr wohl. Damit mir das Schreiben leichter fällt und du später meine Schrift besser entziffern kannst, habe ich die Schreibtischlampe am Tisch eingeschaltet. Die schönste Entdeckung in dem Kellerraum, in dem ich mich jetzt befinde, war es jedoch, dass im Kännchen des Samowars, der auf dem Sideboard an der Wand steht, noch genug bitterer Teesud schwappt und sich auch genügend Wasser im Aufwärmbehältnis darunter befindet. Es ist ein silberfarbener, schlichter und moderner Teebereiter, den ich nicht erst umständlich mit einem Spiritusbrenner befeuern muss. Er bringt das Wasser schnell mit einer elektrischen Heizspirale zum Kochen. Während ich vorhin das Sideboard leider vergebens nach einem wärmenden ›Wässerchen‹ durchsuchte – der niedrige Schrank enthielt nur Akten, die mich nicht interessierten –, blubberte der Samowar heimelig und sein aufsteigender Dampf erwärmte rasch das kleine Kännchen, das auf ihm steht. Ein Geruch nach Geräuchertem und Jasminblüten stieg mit dem Dampfaus dem Teekännchen auf. Wenn er schon den ›Schuss‹ vergaß, so hatte der Direktor zumindest an schöne, hauchdünne Porzellantassen und ein Schälchen mit Kandis gedacht, die griffbereit neben dem Samowar stehen. Ich habe mir großzügig von dem tiefschwarzen, an seiner Oberfläche ölig glänzenden Aufguss eingeschenkt, der wohl schon seit Tagen in seinem kleinen Kännchen köchelte und ihn mit nur wenig Wasser und viel Zucker verdünnt. Das muss mir ein Frühstück ersetzen. Oh, mein Freund, welch ein Genuss waren die ersten Schlucke! Mein Getränk schmeckt beinahe wie der Tschifir, jener hoch dosierte Schwarztee aus Irkutsk, von dem ein Tässchen so anregend ist wie ein Liter Kaffee auf einmal. Er hatte mir und meinen Mitgefangenen so manchen Abend im Gulag versüßt, weil er wie ein psychoaktives Narkotikum wirkt.

Auch wenn ich solch eine Wirkung heute noch nicht verspürt, so fühle ich mich jetzt wieder fit genug, meine Geschichte fortzusetzen. Glaube mir: Die beste Philosophie ist ein starker, heißer Tee. Du siehst also, mir geht es den Umständen entsprechend gut. Nun lass mich weiter berichten. Ich habe dir freilich etwas verschwiegen, nämlich ein Gespräch mit Wyschnin am Nachmittag, bevor ich zu meinem kleinen Abenteuer wegen meines gepanschten Wässerchens aufbrach. Aber dies geschah nicht, um dich zu täuschen oder zu verwirren. Das musst du mir glauben. Ich hatte meine Gründe. Ich wollte den Sekretär des Direktors schützen, weil ich ja befürchten muss, dass meine Aufzeichnungen in die falschen Hände geraten könnten. Aber nachdem er ermordet wurde – wahrscheinlich von Taganow persönlich -, habe ich keinen Grund mehr, auf ihn Rücksicht zu nehmen. Also lass mich an dieser Stelle eine Lücke füllen, die ich im zweiten Kapitel hinterließ:

Nach dem ›Freundschaftsbesuch‹ des Direktors und seines Sekretärs heute Vormittag, in dem die beiden mir mitteilten, dass man mir zum Quartalsende meine kleine Wohnung im ›Kollontai‹ kündigen werde, saß ich noch eine ganze Weile vor den Kopf geschlagen auf meinem Bett und starrte in die düstere Zukunft, die mich erwartete. Ich war so in meine trüben Gedanken versunken, dass es mir nicht einmal in den Sinn kam, meine flatternden Nerven mit dem einzigen Heilmittel zu beruhigen, das mir – sogar in Griffweite! – zur Verfügung stand. Ich spreche selbstverständlich von der Flasche Wodka, die ich zusammen mit meinen Aufzeichnungen hinter meinem Rücken versteckt hatte, als ich so überraschenden Besuch bekam. Ich zerbrach mir den Kopf über der Frage, was Taganow plante. Hatte er mich doch erkannt? Welchen Zweck verfolgte er, aus dem er mich nun so plötzlich aus seiner Nähe entfernen wollte? Nachdem wir so viele Jahre ruhig nebeneinander hergelebt und uns gegenseitig ausspioniert hatten? Warum griff er mich nun an, was hatte sich verändert? Lag es daran, dass die ›Reisende Buchhandlung‹ wieder in Piter aufgetaucht war?

Oh, ich könnte auf diese Weise noch eine Ewigkeit weitermachen, denn ich hatte viele Fragen. Doch ich weiß, wie sehr du nach Antworten verlangst, mein Freund. Deshalb machte ich Schluss mit meinen Grübeleien. Ich zuckte mit den Schultern und wollte mich gerade wieder an die Fortsetzung meines Textes über meine Erlebnisse in Antenora an den Küchentisch setzen. Da hob ich verwundert meinen Kopf, weil sich nach einem leisen Klopfen meine Wohnungstür erneut öffnete und Stepan Wyschnin eilig und dabei aufmerksam über die Schulter spähend bei mir eintrat. Ich fluchte und warf mich zurück in mein unordentliches Bett, verdeckte erneut mit meinem Rücken die verräterische Wodkaflasche und die Blätter mit meiner Geschichte. Ich muss auf Wyschnin so faul wie Ilja Iljitsch Oblomow gewirkt haben.

»Hat der Auftritt eben nicht schon gereicht? Warum werde ich so gequält?«, fragte ich schlecht gelaunt. »Ich werde noch Eintritt verlangen müssen.«

Wyschnin kam auf Zehenspitzen näher und bedeutete mir dabei mit dem Zeigefinger auf dem dünnen Mund, zu schweigen. Er trat an den Tisch, auf dem noch immer mein Zahnputzglas mit einem halben Schluck Wodka darin stand. Er beugte sich zu meiner Verwunderung herab und blickte unter die Tischplatte. Offenbar fand er dort nicht, was er suchte, denn er wandte sich kopfschüttelnd zu meinem Stuhl, auf dem eben der Direktor gesessen hatte. Eine plötzliche Ahnung ließ mich stumm bleiben und ich hinderte ihn nicht an seiner Untersuchung. Wyschnin wurde tatsächlich fündig. Triumphierend hob er einen kleinen, rechteckigen Knopf in der Größe einer Zehnrubel-Münze in die Höhe, der an einer Stirnseite eine kurze Antenne aufwies. Dann nahm er aus seiner Hosentasche eine Münzschatulle, in die er die Wanze behutsam legte. Anschließend ging er ins Badezimmer, wo er das Kästchen auf den Wannenrand stellte. Er stellte die Dusche an und kam dann zurück, schloss dabei die Tür hinter sich. Er räusperte sich.

[Zum 13. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (11)

Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Leseprobe, Literatur, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Sprache, Werkstattbericht

<– zum 10. Teil …

»Ich weiß nicht, warum es so ist. Aber Elena scheint immer wenige Probleme mit diesen Erscheinungen und Zuständen zu haben, wenn wir die Dimensionen wechseln«, bemerkte Marini nachdenklich. »Ich glaube, sie nimmt sie kaum wahr … vielleicht kann man sich daran gewöhnen. Auch wenn mir persönlich dieses Kunststück noch nicht gelungen ist. Ich fühle mich jedesmal wie durch einen Tritacarne gedreht. Mir ist danach für mindestens eine Stunde hundeelend.« Er runzelte die Stirn. »Vielleicht verkraftet ihr merkwürdiger Androiden-Metabolismus diese Reisen durch den Möbius-Tubus einfach besser. Da kenne ich mich nicht aus.«

Klammer schüttelte nur den schmerzenden Kopf. Tausend Teufel stachen zweitausendmal mit sechstausend Dreizack-Spitzen direkt in das Schmerzzentrum seines Gehirns.

›Androiden-Metabolismus!‹, ›Möbius-Tubus!‹ Er fühlte sich verhöhnt und hatte keine Ahnung, wovon der kleine Italiener da eigentlich gesprochen hatte. Er wusste nicht einmal, was genau diese Worte bedeuteten. Und ihm war es im Augenblick auch vollkommen egal. Wenn nur endlich dieser merkwürdige, traumwandlerische Zustand vorbeigewesen wäre, in dem er wie einer endlosen Schleife in immer wieder erscheinenden Déjà-vus gefangen war! War die ›Fuchsgasse‹ ein teuflisches Hamsterrad, dem er nicht entweichen konnte, in dem er sich in alle Ewigkeit im Kreis bewegen musste, ohne von der Stelle zu kommen? Ein Traum vielleicht? Wenn es einer war, dann mochte es ihm mit ein wenig Konzentration vielleicht gelingen, aufzuwachen. Er wünschte sich zurück in sein Haus nach Augsburg, am besten in sein eigenes Bett. Klammer sehnte sich nach dem unbelasteten Leben, das er bis vorgestern selbstzufrieden und unwissend geführt hatte. Solche Abenteuer mochten in einem Buch interessant und spannend zu lesen sein, aber selbst erleben wollte er sie nicht. Wenn nur endlich diese schier unendliche Parade von pinken Motorrollern vorbei war!

Als hätte ihn endlich eine höhere Macht erhört, fuhr bei diesem Gedanken die letzte Vespa an ihm vorbei. Zugleich endete auch das enervierende Vesperläuten. Es wurde mit einmal auch wesentlich heller und wärmer in der schmalen und wieder vollkommen leeren Vicolo. Es war, als wäre plötzlich der Himmel aufgerissen. Unglaublich: Klammer stellte fest, dass die drei nur wenige Meter von der Kreuzung beim Hotel entfernt standen.

»Sie sind unterwegs«, stellte Marini fest und ließ den Arm des Autors los. »Non preoccuparti per tua figlia – Keine Sorge, mein Freund! In diesem Moment befinden sich Isa und Mercedes bereits im Rayon beim alten Mann und sind dort in Sicherheit.«

»Rayon?«, fragte Klammer, der diesen merkwürdigen Ausdruck nun bereits zum zweiten Mal hörte. »Was soll das sein? Ein Ort?«

Er war zwar stolz auf seine umfassenden Fremdwortkenntnisse, die er gerne und häufig in seinen Romanen verwendete – schließlich war es für einen Schriftsteller immer besser, ein kompliziertes Fremdwort zu benutzen, als die einfache deutsche Entsprechung. Aber mit diesem Begriff wusste er nichts anzufangen. Doch Marini antwortete ihm nicht. Er winkte beschwichtigend ab und eilte hinter Verena Salva her, die ihre Schritte entschlossen Richtung Hoteleingang lenkte.

Klammer seufzte. Es kostete ihn einige Überwindung, zurück in die Gasse zu sehen. Tatsächlich bewahrheitete sich seine Vermutung: Die Buchhandlung war nicht mehr an ihrem Ort und mit ihr war ihm erneut seine Tochter geraubt worden. Wo gerade noch eine Auslage mit guter italienischer Literatur für den Laden geworben hatte, befand sich nurmehr ein rostiger, bodenlanger Gittervorhang, der den Blick ins Innere des Schaufensters und die Tür daneben versperrte.

Der trostlose Anblick der öden römischen Vicolo machte Klammer erst bewusst, was er gewonnen und gleich darauf wieder verloren hatte. Für einen allzu kurzen Moment des flüchtigen Glücks hatte er Isa in den Armen halten dürfen. Schlusscoda! Alles hatte darauf hingedeutet, als wären jetzt alle Schwierigkeiten überwunden, alle Bösewichter geschlagen und das rätselhafte Abenteuer würde sein glückliches ENDE finden. Doch wie schnell war dieser Wunschtraum verflogen! Der Autor fühlte es: Er war wieder auf sich gestellt, fast wieder am Anfang seiner Suche. Er stand vor neuen, vielleicht noch schwierigeren Herausforderungen und Geheimnissen. Seine Geschichte hatte gerade erst begonnen. Es war erst das erste Kapitel seines Romans geschrieben. Deshalb folgte er seinen beiden Begleitern nur widerstrebend und voller böser Vorahnungen in das klimatisierte Foyer des Hotels Raphael.

Er irrte sich nicht: Das Spiel gegen die Hyänen war in eine neue Runde gegangen. Sein feister Verleger saß nicht mehr auf seinem bequemen Sessel auf der Dachterrasse des Hotels. Auch in seinem Zimmer befand er sich nicht und hatte weder dort noch an der Rezeption eine Nachricht hinterlassen. Niemand im Raphael hatte sein Weggehen bemerkt oder eine Ahnung, wohin er aufgebrochen war. Der fette Karl-Heinz Welkenbaum war mitsamt dem wertvollen Geltsamer-Buch so spurlos verschwunden, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.

Ziemlich ratlos standen die drei nach ihrer vergeblichen Suche in der großen Eingangshalle. Wo sollten sie nun anknüpfen? Marini hob die Hände:

»Madonna! E adesso? – Und jetzt?«

Ein Lächeln erschien auf Verenas bislang emotionslosen Gesicht. »Es scheint, wir haben den Faden im Labyrinth verloren. Aber ich weiß einen Ort, an dem wir ihn wiederfinden können. Es ist nicht weit. Wir besuchen den Papst.«

Kapitel DREI
Die Rückkehr nach Antenora

Aus den Aufzeichnungen eines Vergessenen
(Fortsetzung)

Mein товарищ, mein братья, mein Leser! Du hast mich durch diese grauenvolle Nacht gebracht. Inzwischen müsste es schon dämmern, aber davon ist hier an meinem neuen, fensterlosen Aufenthaltsort nichts zu bemerken. Bist du noch immer hier bei mir in den Büroräumen des Direktors, der sich heutzutage Pan Taganow nennt? Hältst du mir auch wirklich noch die Treue? Vielleicht hast du ja schon meinen Bericht unzufrieden zur Seite gelegt oder ihn längst wütend in die Ecke deines Zimmers geschleudert, weil es einfach zu viel Unsinn war, den ich dir zumutete. Wahrscheinlich beschäftigst du dich wieder mit deinen zukünftigen, persönlichen Angelegenheiten, die ich nicht kenne und auch nicht begreifen würde. Aber das Wichtigste kommt noch! Trete doch näher an mich heran, mein Freund, ich habe noch so viel zu erzählen.

Ich weiß, meine Handschrift war zuletzt eine Zumutung. Sie war kaum leserlich, schlampig und gehetzt. Sie jagte, ohne auf die Liniierung zu achten, übers Papier. Dazu muss dir der Inhalt meiner Aufzeichnungen zunehmend absonderlicher erschienen sein. Wie ein Lügenmärchen für Erwachsene mögen sie in deinen Ohren geklungen haben. Doch bedenke, in welche äußere Situation du mich am Ende des letzten Kapitels begleitet hast. Ich musste im Dunklen sitzen und mich eilen, dir von den Geschehnissen zu berichten. Schließlich lief ich Gefahr, jeden Moment entdeckt zu werden. Du weißt, das wäre mein sicherer Tod gewesen. Renat und Petr, die hier im Heim als Küchenaushilfen angestellt sind, aber offensichtlich auch ganz andere, schmutzigere Aufgaben für den Direktor erledigen, würden sicherlich kein Mitleid mit einem alten Mann wie mir haben, wenn sie mich entdeckten. Dann wäre es mir sicherlich wie dem armen Stepan Wyschnin ergangen, dessen einzige Verbrechen seine Neugierde und seine Hilfsbereitschaft waren.

Stepan war wohl ein guter Mensch, aber ich habe das zu spät erkannt. Vielleicht hältst du mich für gefühlskalt, weil ich so leicht über den gewaltsamen Tod des jungen Mannes hinweg geschrieben habe. Doch ich bin betroffen. Aber bedenke: Der Tod und das sinnlose Sterben waren mir mein ganzes Leben lang ein treuer Begleiter. Ich habe so viele Menschen verloren, die ich liebte. Nenne mich abgestumpft, aber Stepan muss sich in der Reihe derjenigen, die ich betrauere, weit hinten anstellen. Freilich ist es tragisch, wenn jemand viel zu früh von uns gehen muss. Aber ich habe ihn zu kurz gekannt, um mehr als Betroffenheit zu fühlen. Trauer wie Schmerz, aber auch Liebe und Glück sind nicht beliebig aufeinander stapelbar. Irgendwann ist der Gipfel erreicht und dann zerbrichst du entweder – oder du machst einfach weiter. Ich habe mich schon vor vielen Jahren während der Belagerung von Leningrad für das zweite entschieden.

[Zum 12. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

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Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Leseprobe, Literatur, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Sprache, Werkstattbericht

<– zum 9. Teil …

»Certo! Das waren sie. Aber seit wann ist unser kleiner Geheimbund eine Diktatur, in der du der Tyrann bist? Ich finde, es wäre doch besser, wenn ich mit euch mitkomme. Mercedes und Isa sind ein eingeschworenes Team. Sie kommen gut ohne mich zurecht. Aber euch kann ich helfen«, erläuterte Marini gelassen seine Befehlsverweigerung, nachdem er den Schlüssel sorgfältig in seine Hosentasche gesteckt hatte. Er hob in opernhafter Verzweiflung die Hände vor sich, als würde er an einem Apfelbaum schütteln.

»Überlege doch mal, Elena: Drei Zeugen sind zum einen wesentlich überzeugender als zwei – schließlich kenne ich im Gegensatz zu Niccolo die ganze Geschichte. Und dann könnten wir vielleicht doch noch unseren geplanten kleinen Ausflug in die Bücherkeller des Vatikans unternehmen und nach den anderen suchen. Wie findest du das? Außerdem sind deine Ortskenntnisse über Rom schon ein wenig veraltet, non?«

Verena legte den Kopf schief und kniff ein Auge zusammen. Mit dem anderen musterte sie den kleinen Mann aufmerksam und schätzte ihn ab. Klammer erschien diese Körperhaltung wie auswendig gelernt und sehr gekünstelt. Ihm war, als hätte er diese Haltung oder eine ganz ähnliche schon einmal in einem Film oder auf einem Foto gesehen. Aber obwohl es ihm ganz vorne auf der Zunge lag, fiel ihm einfach nicht ein, bei welcher Gelegenheit das gewesen war. Das Gesicht der geheimnisvollen Frau wurde kurz vollkommen leer, dann nickte sie.

»Ja, ich gebe es zu«, gab sie sich geschlagen. »Seit dem nasskalten Sommer 1816 hat sich hier in der Ewigen Stadt einiges verändert. Und nicht nur zum Guten.«

1816? Klammer biss sich auf die Lippen. Wie alt ist diese Frau eigentlich? Kennt sie etwa das Geheimnis der Unsterblichkeit? Und geht es in Wahrheit etwa darum? Ist sie eine Art ›Ewiger Jude‹?

»Aber irgendwie glaube ich, du hast auch noch einen anderen Grund, uns zu begleiten, oder?«, fuhr Verena nun wieder gelassen fort. Sie lächelte dabei wissend, doch Marini zuckte nur mit den Schultern.

»Gehen wir endlich?«, fragte er und fügte nach kurzem Zögern geheimnisvoll hinzu: »Es wird auch mit deiner Führung schwierig genug werden, aus diesem Labyrinth herauszufinden.«

Die Strecke nach vorne zur Kreuzung, an der die Vicolo della Volpe zuerst in die Vicolo della Pace und anschließend in die Via d‘Lorenesi mündete, wo das von Efeu überwucherte Hotel Raphael seinen Haupteingang hatte, war nur einige hundert Meter lang. Die Gasse war so schmal und eng, dass sie kaum Gelegenheit bot, nebeneinanderzugehen. So mussten die drei mit Verena Salva an ihrer Spitze im Gänsemarsch laufen und sich dabei ganz eng an die schmutzigen, braunen Hauswände pressen, um für die ihnen entgegenkommenden oder sie in tollkühnen, lautstark hupenden Ausweichmanövern überholenden Vespas kein Verkehrshindernis zu sein. Diese lauten Motorroller schwärmten plötzlich, wie auf ein geheimes Signal hin, durch die eigentlich nur für Fußgänger zugelassene Vicolo. Sie glichen einem aufgeregten Hornissenschwarm. Die nahe Santa-Maria-del-Pace-Kirche läutete gerade zur Vesper. Sie verbarg sich hinter einer hohen Mauer, deren Putz schimmelfleckig war und an vielen Stellen abplatze.

Klammer drehte sich zur Seite und ließ eine stinkende, in Altrosa lackierte Vespa an sich vorbei. Auf ihr saß eine junge Römerin, deren dunkle Lockenpracht unter ihrem ebenfalls rosafarbenen Helm hervorquoll. Sie schien dem Autor etwas zuzurufen, während sie ihn überholte. Aber Klammer konnte ihre Worte wegen des infernalischen Lärms aus dem qualmenden Auspuff ihrer Maschine nicht verstehen. Merkwürdig! Er fragte sich, ob die Uhrzeit der Grund war, aus dem unvermittelt so viele Zweiräder mit knatternden Zweitaktermotoren ihren Weg ausgerechnet durch dieses unscheinbare Gässlein bahnten, als wäre es eine Hauptverkehrsader. Dieses aus dem Nichts aufgetauchte Verkehrschaos hatte schon etwas Bedrohliches und auch Apokalyptisches. Er war längst darüber hinaus, eine solche Erscheinung als zufällig abzutun. Seit er dem Avvocato Ienalli begegnet war, schien ihm alles um ihn herum voller Zeichen und geheimer Codes. Er ertappte sich bei dem Gedanken, ob nicht auch die Anordnung der kleinen, holprigen Pflastersteine am Boden eine geheime Bedeutung besaß, die ihm nur verborgen war, weil er nicht ihre Verschlüsselung verstand. Und nun erschien ihm auch der Weg durch die Gasse wesentlich länger als vorhin, als er sie auf der Suche nach der Buchhandlung vorsichtig in die andere Richtung hinuntergegangen war.

Nach dem virtuellen Stadtplan, den er zuhause am Computer studiert hatte, war die Vicolo della Volpe nicht einmal hundert Meter lang und mündete in nördlicher Richtung beim Uhrengeschäft Brandizzi in die Via dei Coronari. Doch nun erschien sie ihm wie ein schier endloser, beängstigend enger Schlauch, der sich mit jedem Schritt weiter vor ihm aufrollte und dessen Ende sich mit jedem Schritt weiter von ihm entfernte. War dies ein ähnlicher Effekt wie jener, den er gestern Vormittag auf der Kellertreppe in dem Haus in der Augsburger Altstadt erlebt hatte? Auch dort hatte es sich für ihn so angefühlt, als hätte er währenddessen Jahre und nicht nur Augenblicke erlebt. Er verzögerte seinen Schritt und wandte sich halb zu Marini um, der zwei Schritte hinter ihm ging. Der ehemalige Priester hielt die Hände in die Hosentaschen gesteckt und pfiff schräg, aber unverkennbar, die Anfangstakte der ›Kleinen Nachtmusik‹. Marini holte auf.

»Ich habe Ihr Buch über die Geheimgesellschaften gelesen«, behauptete Klammer frech, obwohl er nur den Abschnitt über die Illuminaten überflogen hatte. In Marinis Gesicht ging die Sonne auf und seine Augen wurden hinter seiner lupenartigen, schwarzen Hornbrille noch größer.

»Davvero?«, fragte er erfreut und machte synchron mit Klammer einen Sprung zur Seite, um einer weiteren Vespa-Fahrerin auszuweichen, die von hinten angerollt kam. Marini musste schreien, um deren Krach zu übertönen. Auch dieser Motorroller war rosa lackiert, genau in dem Farbton, in dem auch der Helm gehalten war, den die Lenkerin keck über ihre herrlichen, schulterlangen Locken gestülpt hatte. Rief sie den beiden etwas zu? Bei dem Lärm war das schwer zu sagen.

Kommen hier denn immer wieder die gleichen Motorroller vorbei? Wie verrückt ist das denn? Wenn das ein Traum ist, fragte sich Klammer, wann habe ich dann eigentlich begonnen, ihn zu träumen?

Marini, der die Konfusion sah, die in Klammers Gesicht erschienen war, schob ihn noch näher an die bröcklige, mit Graffitis beschmierte Mauer heran. Er fasste ihn vertraulich unter den Arm. Um das weiterhin stete und einfach nicht enden wollende Läuten der Kirchenglocken und das Knattern der Zweitakter zu übertönen, schrie er dem Autor nun direkt ins Ohr.

»Das muss dich beunruhigen, Niccolo. Du bist das noch nicht gewöhnt. Diese merkwürdigen Zustände erscheinen immer, wenn die Buchhandlung zwischen zwei Orten … wie soll ich sagen? … ›transitiert‹. Es ist, als würden ihre Räumlichkeiten in ihrer näheren Umgebung ein Vakuum zurücklassen, in dem die Wirklichkeit wie ein altes Dieselaggregat einige Anläufe benötigt, bis sie stotternd wieder in Gang kommt und die klaffende Lücke mit …, ja, mit ihrer Realität ausfüllt. Ich habe keine Erklärung dafür, denn ich bin Historiker und kein Physiker. Der Spuk müsste aber gleich vorbei sein«, erläuterte er.

Klammer verstand kein Wort. Die Römerin in Rosa fuhr ein weiteres Mal knatternd durch die endlose Gasse und an ihnen vorbei. Doch diesmal schien sie die Gruppe Fußgänger zu bemerken, denn sie drehte ihren Kopf nach ihnen.

»Was ist mit euch, wollt ihr hier Wurzeln schlagen?« Verena, die schon ein gutes Stück vor den Männern war, drehte sich nach ihnen herum. »Darf ich euch daran erinnern, dass wir es eilig haben? Welki ist in höchster Gefahr!« Ihre Stimme übertönte ohne Schwierigkeiten den Lärm von den vorbeifahrenden Vespas und dem ekstatischen Glockengeläut, das Klammer wie einen Zahnschmerz in seinem ganzen mitvibrierenden Schädel fühlte.

[Zum 11. Teil …]

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