Aber ein Traum …

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Aber da gab es noch einen Traum – Postkarte ZWEI

All that we see or seem
is but a dream within a dream.
E. A. Poe

Liebe unbekannte Leserin, lieber unbekannter Leser und alle anderen dazwischen und daneben und was es sonst noch so gibt, (ab jetzt der Einfachheit halber „Lieber Leser“ genannt),

das Schreiben ist eine Form des Lesens; man liest sich selbst. Da ist immer eine Stimme, die mir den Text ins Ohr flüstert, während ich hektisch und manchmal vergeblich versuche, mitzuschreiben. (1) Oft jedoch erzählt dieser innere Vorleser mir seine Geschichte, während ich keinen Stift in der Hand halte. Vielleicht ist das der Grund, aus dem viele Autoren (auch ich selbst) Schwierigkeiten haben, ihre Romane und Romanserien zu Ende zu bringen. Sie kennen den Plot schon und langweilen sich, wenn sie ihn auch noch für andere niederschreiben müssen. Für sie ist die Geschichte längst abgeschlossen, sie haben sie bereits gelesen und in ihrem Bücherschrank einsortiert. Sie wenden sich lieber Neuem zu.

Ein Text von mir, der 2013 zur Gründung dieses Blogs führte, heißt „Aber ein Traum“. Der Titel nimmt Bezug auf die oben zitierte Gedichtzeile von Poe, die ich zugegebenermaßen sehr eigenwillig übersetzt habe. In den Katakomben des Blogarchivs finden sich viele hundert Seiten des Romans. Viele der Ideen aus dem, von meiner inneren Stimme schon längst zuende erzählten aber nie zuende geschriebenen, Buch landeten später bei meiner „Geltsamer“-Trilogie. Obwohl „Aber ein Traum“ im Gegensatz zum „Geltsamer“ gehobene Literatur ist und über weite Strecken recht retardierend (um nicht zu sagen, langweilig), hat der Roman wirklich besseres verdient, als hier in den Kellern meines kaum gelesenen Blogs zu verschimmeln. Vor allem ist zwischen die Zeilen sehr viel von meinem Herzblut getropft und manche Passagen darin gehören zu dem Besten, das ich je geschrieben habe. Es ist an der Zeit, „Aber ein Traum“ einem größeren Publikum vorzustellen und es selbst urteilen zu lassen.

Ich habe deshalb in der letzten Woche begonnen, den vorhandenen Text vorsichtig umzugestalten und umzustellen. Ich will das Romanfragment, das momentan ungefähr 400 Seiten lang ist (das ist etwa die Hälfte des ganzen Buchs) so organisieren, dass ich aus ihm eine Trilogie machen kann. Ich habe vor, den 1. Teil, der „Das Geheimnis der Eulenvilla“ heißen soll, noch in diesem Jahr im Eigenverlag zu veröffentlichen. Ich habe in der letzten Woche bereits am Cover gebastelt. Dies ist mein erster Entwurf, mit dem ich schon recht zufrieden bin:

Wie gefällt es dir, mein lieber Leser? Was glaubst du, erwartet dich, wenn du den Roman aufschlägst? Wohin wird er dich geleiten? Und, die wichtigste Frage: Willst du mit mir diesen Weg gehen?

Grüße von deinem Nikolaus.

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(1) Habe ich hier eigentlich schon einmal eingestanden, dass ich vor 25 Jahren die Deutsche Einheitskurzschrift (Stenografie) erlernt und tatsächlich eine deutschlandweit gültige Lehrbefugnis für dieses Fach erworben und in der Schublade verstauben lasse – ein Fach, das ich gottseidank niemals unterrichten musste? Als ich erkannte, dass das Schreiben eine brotlose Kunst ist, habe ich alles Mögliche und auch Unmögliche aus der Furcht heraus unternommen, dass meine Familie und ich bald verhungern werden, wenn ich nicht für ein geregeltes Einkommen sorge. Ich habe z. B. auch jahrelang als Briefzusteller bei der Bundespost gejobbt, Fliesen verlegt und Computerkurse gegeben.

Irgendwann einmal werde ich ausgestopft mit einem Notizblock und einem Stenobleistift ausgerüstet im Ichenhausener Schulmuseum stehen und unter mir wird ein Schild angebracht sein, auf dem „Der letzte Stenolehrer (20. Jhd.)“ steht. Das Erlernen der Kurzschrift ist in etwa so schwer wie das Erlernen einer Fremdsprache. Es benötigt ständige Übung und Pauken. Das sind Dinge, die mir nicht so liegen. Als Schüler hatte ich Stenografie und das Zehn-Finger-Tastschreiben 3 lange Jahre als Unterrichtsfach. Da man darin nicht durchfallen konnte, ignorierte ich es vollkommen und las währenddessen unter der Bank Perry-Rhodan-Hefte. Ich konnte nach den 3 Jahren nicht einmal meinen Namen in Kurzschrift kritzeln und tippte weiterhin im 2-Finger-Adlersuchsystem (einkreisen und zuschlagen!). Heute schreibe ich längst mit allen zehn Fingern und schaffe 300 Anschläge/min. Um hier mal mein Lieblingszitat von Goethe aus dem Torquato Tasso anzubringen:

„So zwingt das Leben uns, zu scheinen, ja, zu sein,
wie jene, die wir blind und kühn verachten konnten.“

Flink in Steno schreiben ist nicht so schwer, wenn man mal die höheren Weihen, also Schnell- und Eilschrift, beherrscht. Aber eine Herausforderung ist es allerdings, das Aufnotierte anschließend wieder entziffern zu können. Da verliert man mehr Zeit als man vorher gewonnen hat. Heutzutage, im Zeitalter der Diktiersysteme und der modernen Textverarbeitung, ist diese Kunst zudem so überflüssig wie ein Bootsverleih in der Sahara. Selbstverständlich hat die Kurzschrift ihre Meriten. Ohne ihre Erfindung würden sich die Lateinschüler nicht mit Ciceros Anklagereden herumquälen müssen (Tironische Noten) und wir besäßen kaum ein Theaterstück von Shakespeare, der zwar seine Stücke nie zu Papier brachte, deren Aufführungen im Globe Theatre jedoch eifrig von Fans und Raubkopierern mitstenografiert wurden.

Im Gegensatz zum Tastschreiben, das ich mir selbst beibrachte, benutze ich die Kurzschrift übrigens überhaupt nicht mehr. Die Herren Gabelsberger, Stolze-Schrey und Co. mögen es mir verzeihen, aber ich bin noch immer der Meinung, die ich schon als Schüler hatte, der sich mit Kürzeln und seinem Geschmiere herumschlug: „Steno ist doof.“

Tapetenwechsel beim Herrn Dr. Geltsamer – Postkarte EINS

Lieber unbekannter Leser,

es sind meine am häufigsten verkauften Romane und sie haben bisher die meisten und besten Rezensionen erhalten:

»Meister Siebenhardts Geheimnis« aus der Brautschau-Reihe und der erste Band des Geltsamer-Zyklus‘ »Die Frau, die der Dschungel verschluckte« waren die beiden ersten Bücher, die ich vor 4 Jahren im Selbstverlag veröffentlichte und da ich ja alles allein mache (Ich habe nie einen Künstler gefunden, der mich beim Design und den Illustrationen unterstützen wollte), ging ich unbedarft an die ganze Sache heran und meine Cover sahen entsprechend amateur-, um nicht zu sagen, stümperhaft aus. Aber damals glaubte ich noch, es käme nicht auf die Verpackung, sondern auf den Inhalt an. Das war ein Irrtum, wie ich langsam erkennen musste. Da ich immer mehr Bücher gestaltete und in den Buchhandel stellte, war es nur eine Frage der Zeit, bis mir meine von vielen Seiten kritisierten Titel nicht mehr gefielen. Zuerst erneuterte ich die Bücher der Brautschau-Reihe, und an diesem Wochenende habe ich mich nun endlich an die Geltsamer-Romane gemacht (Irgendwann sind dann auch die Noch einmal …-Bände an der Reihe).

Hier ein Vergleich:

Ich weiß natürlich nicht, wie du das siehst, lieber imaginierter Leser, aber bin mit der neuen Variante zufrieden. Sie ist wesentlich schlichter und seriöser und ich denke, sie sieht einfach edler und optisch ansprechender aus. Stimmst du mir zu? Die Softcoverausgaben haben bereits die neuen Titel, auch wenn es noch nicht in allen Shops angezeigt wird – bei den E-Book-Ausgaben dauert es noch ein wenig.

Wie du sehen kannst, steht nun auch der Einzeltitel des Bandes vorne (Es sorgte für einige Verwirrung, dass ich ihn früher wegließ) und ich benutze jetzt den Originalstich aus dem alchymistischen Werk »Atalanta Fugiens« von Michael Maier und nicht ein farbenfroh hingeklextes Wasserfarben-Plagiat des Emblems aus eigener Produktion. Ich sehe es dir an der Nasenspitze an: Du bist neugierig, was es mit diesem hermetischen Text und dessen rätselhaften Illustrationen aus dem Jahr 1618 auf sich hat. Aber ich werde einen Teufel tun und dir das jetzt erzählen. Da musst du schon meinen Romanzyklus lesen, damit du es erfährst.

Und so habe ich die ganze Reihe neu gestaltet:

Ja, ich weiß, den 4. Band ganz rechts gibt es noch nicht im Handel, denn ich arbeite noch an ihm. Es fehlt auch der 5., noch namenlose, der die »Trilogie in fünf Bänden« zum krönenden Abschluss bringen soll. Aber jetzt lies erst einmal die ersten drei Romane und erzähle mir bitte anschließend, wie sie dir gefallen – und was du zu meinen neuen Titeln sagst.

Ich danke dir schon mal und grüße dich herzlich von meiner 1. Urlaubsarbeitswoche, die ich noch zuhause verbringe, da Frau Klammerle noch arbeitet und ich nicht nur den »Geltsamer«-Zyklus, sondern gerade auch meinen Balkon renoviere.

Dein Nikolaus

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.7)

[Zum 1. Teil]

„Ich befinde mich ganz in Ihrer Gewalt“, murmelte er. Durch das schnelle Aufstehen war ihm etwas schwindlig, aber er schob dieses Schwächegefühl nicht auf seinen Kreislauf, sondern auf die letzten Auswirkungen des Betäubungsmittels, das ihm seine Entführer ins Bier geschüttet hatten. Er ging ein paar Schritte hin und her und bemerkte erst jetzt, dass er keine Schuhe mehr trug, sondern mit seinen feinen Seidensocken den Staub des Bodens aufwirbelte. Inzwischen hatte die Alte die Suppe auf der aufgeklappten Tischfläche des Sekretärs neben der Tür angerichtet.

„Beeilen Sie sich, bevor die Minestrone kalt wird“, sagte sie und holte aus ihrer Tasche einen großen, angelaufenen Löffel, den sie anhauchte und am derben Stoff ihrer Kutte glänzend rieb, bevor sie ihn auffordernd neben den Teller legte. Welkenbaum wurde misstrauisch von dem Mann mit der Pistole, die Karl May als einen „Schießprügel“ bezeichnet hätte, beäugt, während er langsam auf dem antiquierten Stuhl Platz nahm, der dem Aussehen nach mit der Chaiselongue zusammen einmal eine Sitzgruppe gebildet hatte und interessanterweise auch auf dem Gemälde des Kardinals dargestellt war. Das Möbel ächzte und stöhnte unter seinem Gewicht, hielt ihm aber zumindest vorläufig stand. Der Verleger probierte vorsichtig die noch heiße Suppe, dann schloss er die Augen und atmete langsam und voller Genuss ein. Er nahm an, die Alte hatte diese Speise zubereitet. Sie war eine Meisterin ihres Fachs! Welkenbaum leckte sich das Fett von den Lippen. Dieser Geschmack versöhnte ihn beinahe mit seiner Situation.

„Kann ich auch noch etwas zu trinken bekommen?“, krächzte er übertrieben heiser. Sofort zauberte die Alte aus den offenbar unergründlichen Taschen ihres Gewands ein kleines, dickwandiges Glas und eine halbvolle, schwarze Flasche, die sie entkorkte und deren bernsteinfarbenen Inhalt einschenkte und Welkenbaum reichte, bevor sie ihm die eckige Weinflasche wie ein Somelier zur Begutachtung vorzeigte.

Tu autem servasti bonum vinum usque adhuc“, stand auf dem Etikett. Welkenbaums Lateinkenntnisse aus seiner Pennälerzeit reichten aus, um diesen Satz zu übersetzen: „Ich habe dir den besten Wein aufgehoben.“

„Wenn wir von etwas im hier Vatikan reichlich haben, so sind es angebrochene Messweine“, kicherte sie und verriet damit zum ersten Mal ihren Aufenthaltsort, den er onehin schon vermutet hatte.

„Dieser hier ist aus der privaten Reserve des Papa“, ergänzte ihr Partner. „Er stammt von der Cantina Cormòns aus dem Friaul. Ihr Vinum po Sancta Missa ist ein Cuvée aus Tocai, Verduzzo, Chardonnay, Pinot Bianco und Sauvignon und wird bei allen Messen des Vatikans in den Leib Christi transsubstantiert. Es ist ein süßer, aber leichter und milder Likörwein, weil der Papst ja meist am Vormittag die Messe feiert. Auch zu viel Säure darf er nicht haben – das ist nicht so gut für seinen empfindlichen Magen. Achten Sie bitte auf das feine Muskataroma, Signore editore.

Welkenbaum war hinreichend beeindruckt, auch wenn er mehr mit bayerischen Biersorten als mit italienischen Cuvées vertraut war. Er grunzte anerkennend und leerte das Glas durstig in einem Zug, streckte es dann der Alten zum Nachschenken entgegen. Dann konzentrierte er sich auf sein Essen. Schließlich schob er den Teller, den er vollkommen geleert und mit dem Kanten Brot ausgewischt hatte, zur Seite und trank den Rest des Weins. Die Alten, die ihm kommentarlos dabei zugesehen hatten, blickten ihn nun erwartungsvoll an. Welkenbaum fragte sich, ob sie auf ein höfliches Aufstoßen von ihm warteten.

Era molto buono!”, sagte er dann und ahmte unwillkürlich die umständliche und antiquierte Redeweise seiner Gefängnisaufseher nach. „Ihre Minestrone mundete ganz köstlich, meine Liebe. Fürs Erste bin ich saturiert. Der Wein jedoch, ich gestehs, war mir ein wenig zu süß. Ist hier im Vatikan denn kein Bier erhältlich, vorzugsweise bayerisches? Schließlich ist doch der papa emeritus ein Landsmann von mir, dessen Geburtshaus übrigens nur einen Katzensprung von meiner Villa entfernt liegt.“ Die Alte nahm Teller und Löffel auf und machte dabei tatsächlich einen Hausmädchenknicks, bei dem aus ihren Knien ein metallisches Knirschen ertönte. Offenbar hatte Welkenbaum den richtigen Ton gefunden.

„Ich werde sehen, ob noch etwas vorrätig ist.“

„Aber nun lassen Sie uns endlich reden!“ Welkenbaum schob den Stuhl etwas zurück. „Warum in aller Welt haben Sie mich entführt? Ich wäre liebend gerne freiwillig einer Einladung in den Vatikan gefolgt, wenn Sie mich freundlich gefragt hätten. Ich habe übrigens für morgen eine Einladung zur Papstaudienz, da hätte es doch wunderbar gepasst.“

„Glauben Sie mir, Signore, es gehört nicht zu unseren Gepflogenheiten, Menschenraub zu begehen …“

„… doch die außerordentlichen Umstände zwangen uns dazu. Aber wo sind unsere Manieren?“

„… wenn wir uns vorstellen dürfen: Ich heiße Alegra Artifici und dies ist mein Bruder Jacopo. Wir arbeiten offiziell für den Haushalt des Kardinaldekans Angelo Sodano …“

„… aber dies ist selbstverständlich nicht unser tatsächliches Aufgabengebiet, wie Sie sicherlich bereits vermuten werden. Es ist eher … privater Natur. Doch kommen wir nun zum Grund Ihres Aufenthaltes.“

Es folgte eine dramatische Pause. Welkenbaum runzelte die Stirn. Er hatte die Namen des Duos bereits wieder vergessen. Sie waren von seinem Ohr überhaupt nicht bis zu seinem vom Genuss der wirklich köstlichen Minestrone abgelenkten Gehirn gelangt. Er entschied sich, das Paar bei sich „Pat und Patachon“ zu nennen, nach den beiden vergessenen dänischen Komikern, deren Filme er in seiner Kindheit geliebt hatte.

„Sie müssen uns einen Gefallen tun.“ Patachon deute mit dem Lauf seiner Pistole auf eines der Bücherregale an der Wand. Erst jetzt entdeckte Welkenbaum, dass es nicht so vollkommen leergeräumt wie die anderen war. Auf Augenhöhe stand ein dicker, schwarzer Band darin, den er sofort am Titelblatt erkannte. Es waren Dr. Geltsamers erinnerte Memorien!

„Sie haben mich wegen des Romans von Nikolaus Klammer betäubt und entführt?“, fragte er fassungslos. Die beiden Alten tauschten einen dieser Blicke, bei denen ihm erneut deutlich wurde, dass sie zwar körperlich getrennt, aber in ihrer Seele eine Einheit waren, aus der ein Geist und ein Wille aus zwei Mündern sprach.

„Wer ist Nikolaus Klammer?“, fragten sie gleichzeitig. Welkenbaum hob die Hände.

„Sein Name steht auf dem Cover. Er hat das Buch geschrieben.“

„Tatsächlich?“, fragte der Alte. „Ist das so? Nikolaus Klammer, sagten Sie?“

„Das ist egal“, mischte sich seine Schwester ein. „Wir möchten, dass Sie das Buch weiter und so schnell wie möglich zuende lesen. Danach haben wir ein paar Fragen an Sie, Signore editore.“

„Das ist alles. Wir wollen Ihnen nichts Böses.“

Welkenbaum konnte kaum glauben, was er da hörte. Das Groteske seiner Situation, das ihn seit dem Auftauchen der Alten ständig zum Lachen gereizt hatte, schlug wieder in Grauen um. Die zwei mussten vollkommen irre sein! Deswegen hatten ihm Pat & Patachon eine Droge ins Bier gekippt und in die Katakomben des Vatikans geschleppt? Damit er unter Aufsicht in Klammers bescheuertem Buch weiterlas? Wie hatten ihn diese gebrechlichen Mumien eigentlich bewusstlos aus dem Raphael schleppen und hier in diesen muffigen Keller transportieren können? Keiner von den beiden sah ihm danach aus, als würde er einen 130-Kilo-Verleger wie ihn einfach über die Schulter werfen und davontragen können. Sie mussten noch einen Helfer haben – oder eine Sackkarre. Und dann war da noch eine Frage, die unbeantwortet im Raum stand:
„Aber warum haben Sie mich dann mit sich genommen? Hätte es nicht gereicht, mir das Buch zu stehlen? Das wäre doch viel einfacher gewesen.“

„Leider ist es das nicht, sonst hätten wir Ihnen niemals diese Inkommoditäten bereitete. Ich versichere Sie, dass wir Sie auch sogleich freilassen werden, wenn Sie das Buch studiert haben.“

„Uns ist es leider nicht möglich, darin zu lesen.“

[Zum 8. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich auch überall als E-Book erhältlich.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.6)

[Zum 1. Teil]

„Herrgott! Zefix!“, rief der Verleger aus und wollte von dem muffigen Sofa aufspringen, das wohl schon seit dem Biedermeier hier unten in dem dunklen Kellerraum vor sich hinmoderte und entsprechend scharf nach feuchtem Schimmel und anderem, unaussprechlichem roch. Sein linker Arm konnte diese Bewegung nicht mitmachen, wie er dabei auf recht schmerzhafte Weise feststellen musste. Sein Handgelenk war mit einem der Löwenfüße des alten Liegemöbels über massive Handschellen verbunden. Er landete deshalb äußerst unsanft neben dem Sofa – Chaiselongue wäre wohl die bessere Bezeichnung gewesenauf den kalten Fliesen und verrenkte sich die Schulter. Welkenbaum nieste in den zentimeterdicken Staub, der den Boden bedeckte und jammerte kurz auf, hielt sich dmit der freien Hand die wehe Stelle. Dann steigerte er sich in einen bemerkenswerten Wutanfall hinein, der jeden, der ihn kannte, verblüfft hätte; galt er doch als ruhiger, besonnener, geradezu phlegmatischer Mann. Er spuckte, wütete und tobte – und diese gotteslästerliche Schimpfkanonade wurde heiter von der ewig wiederholten Tonfolge der kaputten Schallplatte untermalt. Zum Glück war der bayerische Dialekt so reich wie kaum eine andere Sprache auf der Welt mit passenden Kraftausdrücken gesegnet. Ohne eine Pause bei seinem schier unerschöpflichen Fluss an Verbalinjurien zu machen, kniete sich Welkenbaum hin und versuchte, das Sofa ein wenig hochzuheben, um seine Handfessel unter dem Fuß hindurchzufädeln. Aber das scheußliche Möbelstück gehörte anscheinend zum Inventar und war zumindest für ihn mit bloßen Händen unlösbar mit dem Boden verschraubt. Dadurch wurde seine Wut noch größer.

„Sakrisches ***ding, verrecktes! Hurasakrament!“, brüllte er, dass die Wände wackelten und rüttelte verzweifelt an dem Sofa. Es war nicht auszumachen, ob er den Plattenspieler, das Sofa, seine Handschelle oder alles zusammen meinte, aber endlich bewirkte sein Fluchen eine Reaktion. Die nervtötende Tonfolge endete mit einem dissonanten Knirschen, das entsteht, wenn man mit der Nadel des Plattenspielers über das Vinyl kratzt. Eine Tür öffnete sich, durch die seine beiden Entführer zu ihm hereintraten. Ein weiteres und helleres Deckenlicht wurde eingeschaltet und nun konnte Weltenbaum, der seine Brillen vermisste, mehr von dem großen, fensterlosen Ort erkennen, in dem man ihn festhielt. Es schien sich um das Kellergewölbe eines alten Archivs zu handeln. Große, bis an an die Decke reichende Holzregale, die offenbar alle leer waren, bedeckten drei Seiten des Raums, in dessen Mitte er an das Sofa gefesselt auf dem lange nicht mehr gereinigten Boden hockte und nach etwas suchte, mit dem er um sich schmeißen konnte. Nur die Frontseite des Raums, in dem die Tür war, war anders. Hier standen ein alter, wertvoll aussehender Sekretär und ein barocker, vergoldeteter Stuhl an der Ziegelwand und über diesem Arbeitsplatz hing ein großes, dunkles Ölgemälde, das einen Geistlichen zeigte. Anhand der Kleidung vermutete Welkenbaum, dass es sich um einen Kardinal aus dem 19. Jahrhundert handelte, der mit finsterem Blick unter zusammengezogenen Augenbrauen missbilligend und voller Abscheu auf den Verleger herabsah, als wäre er über dessen Schimpfwörterflut ebenso empört wie die Entführer.

„Reißen Sie sich zusammen und hören Sie endlich auf, so entsetzlich zu fluchen!“, sagte der alte Mann und seine verwitterte Begleiterin vollendete: „Das ist ungehörig! Sie sind an einem heiligen Ort.“

Für einen Moment wusste Welkenbaum nicht, wie er reagieren sollte, dann lachte er schallend. Er hatte schon eine Antwort auf den Lippen, wohin sich die beiden Mumien ihren heiligen Ort hinstecken konnten, aber er hielt es dann doch für vernünftiger, die Menschen, in deren Händen er war, nicht weiter zu reizen. Er verstummte und starrte das Duo neugierig an. Sein erster Eindruck war, dass sie mit ihm ebenso wenig anzufangen wussten, wie er mit ihnen. Waren die beiden altgewordene, eineiige Zwillinge oder ein Ehepaar kurz vor der Gnadenhochzeit, weil sie sich so vollkommen ähnelten und einer die Sätze des anderen beendete? Auf jeden Fall machten sie auf den Verleger den Eindruck einer eingespielten, ja, symbiotischen Einheit. Es wäre sicherlich anstrengend, aber auch interessant gewesen, die zwei „Siamesen“ aus ihrem Leben erzählen zu lassen. Sie waren bestimmt keine niederländischen Touristen, wie Welkenbaum anfangs vermutet hatte; die beiden trugen auch nicht mehr die schreiend bunte und abgetragene Kleidung aus der 70er-Jahre-Mottenkiste, in der sie ihren Nachmittagstee auf der Dachterrasse des Raphael eingenommen hatten, während sie ihm aufdringlich Löcher in den Bauch starrten. Stattdessen hatten sie nun weite, schwarze Überwürfe an, die Welkenbaum an Mönchskutten erinnerten. Ihre Blicke waren finster und ließen das Schlimmste befürchten. Er fühlte sich direkt in einen Schauerroman des 19. Jahrhunderts versetzt; in ein Werk von Eugène Sue oder Wilkie Collins.

„Himmel hilf!“, rief er und erschrak: War er etwa in die Hände einer Sekte von Satanisten gefallen? Vorausgesetzt, dass es solche Teufelsanbeter auch außerhalb von schlechten Dan-Brown-Roman-Klonen und apokalyptischen Netflix-Serien im wahren Leben gab. Und warum fielen ihm in diesem seltsamen Ambiente auch noch die gewalttätigen und pornografischen Romane des Marquis de Sade ein? Das fehlte ja gerade noch! Er wollte ängstlich zurückrutschen, doch die ehemals rote Chaiselongue hinderte ihn daran.

Dann stieg ihm der fette Geruch einer kräftigen Suppe in die Nase und überdeckte appetittlich den Staub- und Schimmelgeruch des Raums. Der wahrscheinlich weibliche Teil des greisen Duos trat ein paar Schritte näher. Sie hielt einen Teller in der Hand, dessen Inhalt verheißungsvoll dampfte und so verführerisch duftete, dass Welkenbaums Magen verkrampfte und fast lauter knurrte, als er eben noch geschimpft hatte.

„Wenn Sie sich vernünftig verhalten, Signore editore …,“, begann sie in zögerndem, aber gut verständlichem Deutsch, das aber sicher nicht ihre Muttersprache war.

„… dann können wir Sie von ihren Fesseln befreien. Sie haben sicherlich Hunger“, ergänzte ihr Partner mit dem gleichen, nicht näher verortbaren Akzent. Er stellte sich abwartend neben die Alte und hob die Linke, in der er einen übervollen Ring hielt, an dem sicherlich dreißig oder vierzig Schlüssel hingen. Welkenbaum nickte nur begierig. Er hätte in diesem Augenblick für diesen Teller Suppe töten können, was er aber offensichtlich nicht tun musste. Seine Situation erschien ihm auch nicht mehr so gefährlich wie gerade eben, sondern eher grotesk. Mit den zwei Klappergestalten würde er im Zweifelsfall schon zurecht kommen. Jetzt überwogen die Neugierde und sein gewaltiger Appetit.

„Gut, dann halten Sie jetzt still.“ Der Alte mit seinem enormen Schlüsselbund, mit dem er wohl im halben Rom Türen öffnen konnte, trat sehr vorsichtig näher und kramte mit seiner rechten Hand für alle Fälle eine riesige Duellpistole aus seiner Kutte. Er richtete sie sogleich auf seinen Gefangenen, während er sich herabbeugte und die Handschelle löste. Er fand den richtigen Schlüssel auf der Stelle, obwohl er sich in Welkenbaums Augen kaum von den anderen unterschied.

„Diese Steinschloss-Perkussionspistole wurde im Jahr 1860 von Houllier Blanchard in Paris gefertigt“, erklärte er dabei fachmännisch und fast liebevoll, „und hatte einige prominente Auftritte bei den Ehrenhändeln des Conte Julio Antonio di Mattei, des Cousins des Kardinaldekans Mario Mattei, dessen Portrait Sie hier sehen.“ Er deutete auf das Gemälde über dem wuchtigen Nussbaum-Sektretär. „Mit dieser pistola wurde seit Ewigkeiten nicht mehr geschossen, aber ich habe sie immer gepflegt und sorgfältig in Waffenöl gelagert. Sie ist frisch geladen und – wie Ihnen sicherlich nicht entgangen ist -, auch entsichert. Ich hoffe sehr, Sie wollen nicht ausprobieren, ob die Waffe noch funktionstüchtig ist.“

„Und wenn der eher unwahrscheinliche Fall eintritt“, sprang hier die Alte ein, während ihr Partner eine Verbeugung andeutete „und das Schießpulver zündet nicht, so taugt die Pistole doch dazu, sie Ihnen über den Schädel zu ziehen. Und ihr Knauf will mir härter erscheinen als die Schädeldecke des Signore.“

Welkenbaum musterte schaudernd den achteckigen, sicherlich dreißig Zentimeter langen Lauf, der einen beeindruckenden Innendurchmesser aufwies. Die Kugel darin würde ihm wahrscheinlich den halben Kopf wegreißen, wenn der Alte die Antiquität abfeuerte. Das wollte er nicht riskieren, deshalb hütete er sich, eine misszudeutende Geste zu machen. Mühsam richtete sich der dicke Verleger auf und rieb sein wundes Handgelenk.

[Zum 7. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich auch überall als E-Book erhältlich.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.5)

[Zum 1. Teil]

„Was ist mit euch, wollt ihr hier Wurzeln schlagen?“ Verena, die schon ein gutes Stück vor den Männern war, drehte sich nach ihnen herum. „Darf ich euch daran erinnern, dass wir es eilig haben? Welki ist in höchster Gefahr!“ Ihre Stimme übertönte ohne Schwierigkeiten den Lärm von den vorbeifahrenden Vespas und dem ekstatischen Glockengeläut, das Klammer wie einen Zahnschmerz in seinem ganzen mitvibrierenden Schädel fühlte.

„Ich weiß nicht, warum, aber Elena scheint immer wenige Probleme mit diesen Erscheinungen und Zuständen zu haben, wenn wir die Dimensionen wechseln“, bemerkte Marini nachdenklich. „Ich glaube, sie nimmt sie kaum wahr … Vielleicht liegt es an ihrem merkwürdigen Metabolismus.“

Klammer schüttelte nur den schmerzenden Kopf. Metabolismus! Er hatte keine Ahnung, wovon der kleine Italiener da eigentlich sprach. Er wusste nicht einmal, was genau dieses Wort bedeutete. Und ihm war es im Augenblick auch vollkommen egal. Wenn nur endlich dieser merkwürdige, traumwandlerische Zustand vorbeigewesen wäre, in dem er wie einer endlosen Schleife an immer wieder erscheinenden Déjà-vu‘s gefangen war! Am liebsten wäre er jetzt einfach aufgewacht und hätte in seinem Bett in Augsburg das unbelastete Leben fortgesetzt, das er bis vorgestern noch selbstzufrieden und unwissend geführt hatte.

Als hätte ihn endlich eine höhere Macht erhört, fuhr bei diesem Gedanken die letzte Vespa an ihm vorbei, endete das enervierende Vesperläuten und es wurde mit einmal auch wesentlich heller und wärmer in der schmalen und wieder vollkommen leeren Vicolo. Klammer stellte fest, dass die drei nur wenige Menter von der Kreuzung beim Hotel entfernt standen.

„Sie sind unterwegs“, stellte Marini fest und ließ den Arm des Autors los. „Non preoccuparti per tua figlia – Keine Sorge, mein Freund! In diesem Moment befinden sich Isa und Mercedes bereits im Rayon beim alten Mann und sind dort in Sicherheit.“

Rayon?“, fragte Klammer, der diesen merkwürdigen Ausdruck nun bereits zum zweiten Mal hörte. Er war zwar stolz auf seine umfassenden Fremdwortkenntnisse, die er gerne und häufig in seinen Romanen verwendete – schließlich war es für einen Schriftsteller immer besser, ein kompliziertes Fremdwort zu benutzen, als die einfache deutsche Entsprechung. Aber mit diesem Begriff wusste er nichts anzufangen. Doch Marini antwortete ihm nicht. Er winkte beschwichtigend ab und eilte hinter Verena Salva her, die ihre Schritte zum Hoteleingang lenkte.

Klammer seufzte. Es kostete ihn einige Überwindung, zurück in die Gasse zu sehen. Tatsächlich bewahrheitete sich seine Vermutung: Die Buchhandlung war nicht mehr an ihrem Ort und mit ihr war seine Tochter fort. Wo gerade noch eine Auslage mit guter italienischer Literatur für dein Landen geworben hatte, befand sich nun ein rostiges, bodenlanges Gitter, das den Blick ins Innere des Schaufensters und die Tür daneben versperrte. Der trostlose Anblick der öden römischen Vicolo machte Klammer erst bewusst, was er gewonnen und gleich darauf wieder verloren hatte. Für einen allzu kurzen Moment des flüchtigen Glücks hatte er Isa in den Armen halten dürfen und alles hatte darauf hingedeutet, als wären nun alle Schwierigkeiten überwunden, alle Bösewichter geschlagen und das rätselhafte Abenteuer würde sein ENDE finden. Doch wie schnell war dieser Wunschtraum verflogen! Der Autor fühlte es: Er war wieder auf sich gestellt, fast wieder am Anfang seiner Suche. Er stand vor neuen, vielleicht noch schwierigeren Herausforderungen und Geheimnissen. Deshalb folgte er seinen beiden Begleitern nur widerstrebend und voller böser Vorahnungen in das klimatisierte Foyer des Raphaels.

Er irrte sich nicht: Das Spiel gegen die Hyänen war in eine neue Runde gegangen. Sein feister Verleger saß nicht mehr auf seinem bequemen Sessel auf der Dachterrasse des Hotels. Auch im seinem Zimmer befand er sich nicht und hatte weder dort noch an der Rezeption eine Nachricht hinterlassen. Niemand in Raphael hatte sein Weggehen bemerkt oder eine Ahnung, wohin er aufgebrochen war. Der fette Karl-Heinz Welkenbaum war mitsamt dem wertvollen Geltsamer-Buch so spurlos verschwunden, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.

 ❧

Welkenbaum fragte sich, ob er wirklich schon ganz wach war. Die Wohlklänge eines barocken Musikstücks, das von leisen, knisternden und knackenden Nebengeräuschen, wie sie die Wiedergabe einer Vinyl-Schallplatte mit sich bringt, begleitet wurde, füllten den nicht gerade kleinen, fensterlosen Raum. In dessen Mitte lag der Verleger auf einer schäbigen roten Stoffcouch und starrte an die Decke. Er nahm kaum wahr, was er dort sah, denn hatte noch einen weiten Weg von seinem Falltraum hinein in die Wirklichkeit zu gehen und es dauerte eine gefühlte halbe Ewigkeit, bis sein Verstand endlich die Sonate wahrgenommen hatte, die sein Ohr schon lange hörte und deren Melodie seine Lippen bereits eine Weile mitsummten. Es kostete ihn ein gewaltiges Maß an Konzentration, sich auf die Kaskaden der perlenden Gänge des Cembalos und das elegische Seufzen der Streicher zu konzentrieren und das Auf und Ab der Töne als eine Strickleiter zu benutzen, an der er zurück in den Wachzustand klettern konnte. Doch die überaus reine und feinstrukturierte Klarheit des Adagios, die ihm jede nahende Tonfolge im voraus verriet und genießen ließ, bevor sie dann tatsächlich erklang, half ihm schließlich, langsam aus seiner tiefen Betäubung zu erwachen. Es war beglückend und befriedigend, sich von dieser Musik an die Hand nehmen und von ihr zurück in die Welt führen zu lassen. Aber es benötigte viel Zeit, denn sein Geist war endlos tief und fast komatös in ihm selbst begraben gelegen.

Welkenbaum kaute abgelenkt auf etwas Trockenem, Säuerlichem und Abgestandenem herum – seine eigene Zunge! – und gab sich ganz den himmlischen Harmonien der Musik hin. Endlich begriff er auch, was seine an die Decke gerichteten, schon lange offenen, Augen betrachteten: Es war ein aus roten Ziegeln errichtetes Tonnengewölbe, von dessen Zentrum eine warme und unzureichend helle Lampe herabhing. Ihrem Licht gelang es nicht, den weiten Raum vollkommen auszuleuchten. Die zum Großteil mit leeren Regalen verstellten und unverputzten, rohen Backsteinwände lagen im Dunklen. Mit Welkenbaums beginnender Wahrnehmung seiner Umgebung geschahen zwei Dinge gleichzeitig: Die Schallplatte kam an einen Kratzer, an dem sie hängen blieb, sie sprang zurück und ein halber Cembaloakkord erklang von Neuem und dann noch einmal und noch einmal …

Doch in Welkenbaums umnebelten Gehirn passierte dadurch genau das Gegenteil: Er kam endlich wieder in die richtige Spur und erwachte endgültig. Er erinnerte sich mit einem Mal deutlich an die Momente vor seinem Traumsturz in diesen Keller hinab. Er hatte auf dem Dach des Raphaels in Klammers außergewöhnlichem Buch gelesen und nebenzu viel zu viel Bier getrunken. Dem Roman, der vorgab, die aberwitzige Autobiografie eines sowjetischen Gulagsträfling zu sein, war eine sepiafbraune Fotografie beigelegt gewesen, die ihm in den Schoß gerutscht war. Auf der Abbildung war eine junge Frau mit Tropenhelm auf dem Kopf und Kleidung aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts abgelichtet gewesen. Die Aufnahme wirkte wie ein publicity still aus einem uralten Tarzan-Film, das die abgebildete Schauspielerin als Autogrammkarte vervielfältigt hatte. Was Welkenbaum jedoch fast um den Verstand gebracht hatte: Die gutausehende Forscherin sah haargenau wie seine Verlobte aus. Auch wenn sie auf dem Foto eine andere Frisur trug, hatte Welkenbaum sie doch sofort an ihrer unverwechselbaren Körperhaltung und an ihrem kecken Profil erkannt.

Anschließend … ja, was war dann eigentlich im Anschluss geschehen? Jemand muss ihm etwas ins Bier getan haben, ganz sicher, irgendeine KO-Droge, die ihn dann in seinen wahnwitzigen Falltraum geschwemmt hatte. Und er wusste mit einem Mal ganz genau, wer ihm das angetan hatte. Es waren die beiden Alten gewesen, die ihn schon den ganzen Nachmittag über von ihrem Tisch aus auf der Dachterrasse des Hotels beobachtet hatten.

[Zum 6. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

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