Aber ein Traum …

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Donnerstag, 05.12.19 – Das Kreuz mit dem Rücken

Donnerstag, 05.12.19(1)

Was den tristen, nebelgrauen Feiertagen des Novembers nicht gelang, schaffte eine unachtsame Bewegung am letzten Sonntag: Ich wurde mir meiner Sterblichkeit bewusst und dies auf die schmerzhafteste Weise, die man sich vorstellen kann. Und das ging so:

Nichtsahnend ging ich an jenem 1. Adventssonntag meinen alltäglichen Geschäften nach, schmückte die Wohnung ein wenig weihnachtlich(2), räumte auf (nur ein ganz klein wenig), zum ersten Mal in dieser Saison erklangen die festlichen Töne von Jethro Tulls genialer Christmas-CD. Die frühe Nacht senkte sich wie eine gewaltige Pudelmütze über Diedorf herab, im Nebel des Gartens glitzerte die üppige saisonale Beleuchtung meines Nachbarn, gegen die meine nicht im Entferntesten anfunkeln kann. Eine Kerze brannte am Adventskranz; der Holzofen verbreitete Wärme und Frau Klammerles Duftöl-Diffusor „Gute Laune“-Geruch. Sie selbst suchte im Internet nach irgendwelchen Weihnachtsschnäppchen. Ich war dabei, das Abendessen zu kochen (selbstgemachte Fettuccine in einer Zitronen-Fenchel-Sauce). Kann ein Adventssonntag noch harmonischer und friedlicher sein?

Dann machte ich eine ungeschickte Bewegung zum Unterschrank hinab, wo die Töpfe stehen und innerhalb einer einzigen Sekunde war das alles vorbei, unwichtig, Tand und vollkommen unbedeutend: Ein rasender, stechender Schmerz, wie von einem in meinen Rücken gerammten breiten und stumpfen Küchenfleischmesser stach in meine rechte Hüfte und ich stand mit gebeugtem Rücken da und glaubte, dass ich mich nie mehr wieder würde aufrichten können.Sogar das Atmen tat weh. Ich glaube, man nennt dies einen Hexenschuss und es war mein erster. Ich hatte nicht einmal ansatzweise geahnt, wie weh so etwas tun kann und oft leichtsinnig über Leute gelästert, die „Rücken“ haben.(3) Dieser Schmerz hat mich noch immer nicht verlassen und meldet sich trotz Spritzen vom Arzt, hochdosierten Analgetika-Tabletten (die mit Glühwein eingenommen übrigens gut reinknallen), allerlei Salben und Wärmflaschen zuverlässig, wenn ich eine Bewegung mache, die die Unterstützung meiner Hüftmuskulatur benötigt – also eigentlich nahezu jede, wie ich zu meiner Bestürzung festgestellt habe. Erstaunlich schnell ist der Schmerz ein Teil meines Lebens geworden, der mir aber trotzdem immer wieder überraschend in den Rücken springt und mich bei den alltäglichsten Verrichtungen zu grotesken Verrenkungen zwingt und kleine Handlungen wie das Anziehen von Socken (4) zu zeitlich ausufernden Großtaten aufbläht. Allein das Aufstehen aus dem Sitzen oder gar Liegen ist ein Gewaltakt. Die schlimmste Erfahrung war für mich der vom Arzt empfohlene Versuch, einen kleinen Spaziergang zu machen, bei dem ich kaum zehn Meter weit kam, bis mich die heftigen Schmerzen zur Aufgabe zwangen. Der begeisterte Bergwanderer, der vor einem Monat noch im Martelltal unbelastet auf 3000er-Gipfel stieg, weinte verzweifelt.

Auch wenn ich noch lange nicht wiederhergestellt bin, geht es mir seit gestern jedoch etwas besser und ich liege nicht nur im Bett und jammere über mein grausames Los. Die berechtigte Hoffnung, am Wochenende wieder einigermaßen normal unterwegs sein zu können, schimmert als rosige Verheißung am Horizont. Ich kann mich wieder mit Selbstironie betrachten und sogar am Computer sitzen und schreiben, wie man hier lesen kann.

Plötzlich aber ist mir allerdings durch diese Misere bewusst geworden, dass ich tatsächlich in zwei Monaten 57 Jahre alt werde und eigentlich inzwischen ein alter Mann bin; einer von diesen alten, weißen und toxischen Männern, vor denen man gerade überall warnt. Daran habe ich ganz schön zu nagen. Selbstverständlich war mir theoretisch immer klar, dass ich wie alle anderen sterblich bin und altere, es eher früher als später mit den Wehwehchen losgehen wird und ich vergreisen und Stück für Stück alles verlieren werde, was mich ausmacht. Ich habe ja zuerst bei meinen Großeltern und dann bei meinen eigenen Eltern zugesehen, wie das passiert. Jetzt bin eben ich an der Reihe, auch wenn ich diesen Gedanken bislang recht erfolgreich von mir schob und ich mich genauso gefühlt habe wie vor dreißig oder zwanzig Jahren. Doch das ist nun vorbei: Das Russisch-Roulette-Spiel mit dem Tod, das ich nur verlieren kann, hat für mich am 1. Advent begonnen.

Tja.


(1) Mein lieber Unbekannter Leser! Morgen ist Nikolaus, da habe ich Namenstag. Falls es dich wirklich gibt und du zufällig in der Nähe bist, kannst du mir gerne heute Abend oder morgen ein kleines Geschenk vorbeibringen. Ich habe Gratisexemplare von meinen Büchern, Glühwein und Frau Klammerles sensationelle Loible da, von denen sie in diesem Jahr eine kaum verzehrbare Unmenge gebacken hat. Ich werde ganz bestimmt zu Hause sein, auch wenn mir das Bewirten etwas schwer fallen wird.

(2) Frau Klammerle findet ja, dass es auch mal zu viel des Guten sein könnte und der zehnte Nikolaus, die dreißigste batteriebetriebene Lichterkette und andere weihnachtliche Dekoartikel, die sich im Lauf unserer 30jährigen Ehe angesammelt haben und unser Wohnzimmer vermüllen und in eine Art Rothenburger Adventsramschladen verwandeln, unnötig sind. Ich sehe das völlig anders und schleppe bei jedem Kellergang noch mehr kitschige Porzellanengel und Kugeln nach oben, die sie dann in von mir unbeobachteten Momenten seufzend wieder nach unten in ihre Kiste in unserer Weihnachtsgruft zurückbringt.

(3) Frau Klammerle hat da mehr Erfahrung: Ihren ersten Hexenschuss bekam sie mit Ende 20, als sie mit Sohn Nr. 1 (damals noch seine Baby-Ausgabe) unglücklich die Treppe hinunter und dabei auf den Rücken fiel. Dem Kind ist übrigens nichts passiert, es landete weich auf ihr. Damals machte ich mich über sie lustig (eilfertig ist die Jugend), als sie anschließend wie eine Schildkröte auf allen Vieren durch die Wohnung kroch. Heute geht es mir genauso. Nemesis, die Schicksalsgöttin des „gerechten Zorns“, ist manchmal sehr geduldig, wenn sie eine Revanche plant.

(4) natürlich mit Weihnachtsmotiven …

So ist das Leben eben …

Tja, lieber Leser, du hast es sicher auch bemerkt. Es ist November … deshalb verzeih mir diesen Text. Im November darf ich das.

Omne animal post coitum triste, behauptet ein Aphorismus aus dem 18. Jahrhundert, der fälschlicherweise Aristoteles untergeschoben wurde. So weit würde ich zwar aus eigener Erfahrung nicht gehen, aber eines stimmt – zumindest bei mir: Nach dem Bücherschreiben ist der Autor traurig. Seit geraumer Zeit ist mein neuer Roman „Nutzlose Menschen“ im Buchhandel erhältlich und ich warte ungeduldig auf eine Reaktion meiner von mir wohl nur eingebildeten Leser – doch es kommt keine. Der Schriftsteller ist einer, der glaubt, es würden alle so aufgeregt wie er selbst auf sein neues Buch warten. Doch er lügt sich in die Tasche, jeden Tag und mit jedem Buch aufs Neue. Auf die „Nutzlosen Menschen“ wartete niemand und ich befüchte, dass ich bislang der einzige bin, der meinen neuen Roman gelesen hat. Auch für meine anderen Bücher interessiert sich gerade niemand.

Jammer, jammer … du weißt schon, der traurige Autor, in seinem Selbstwertgefühl verletzt. Ich wollte eigentlich ganz anders anfangen.

Ich versuche es mal so: Die Zeitumstellung ist vorbei und die Nächte und meine Dämonen haben vor vier Wochen an Sanhaim nicht wie vorher schleichend, sondern mit einem Handstreich den Abend erobert und frühe Schwärze vor der Haustür ausgeschüttet. Mein Brotberuf zwingt mich im Dunkeln aus den Federn und ich kehre erst heim, wenn es wieder dunkel ist. Nicht, dass ich dabei allzu viel Sonnenlicht versäumen würde; denn hier, in unmittelbarer Nähe zur Donau, liegt bei Hochdrucklagen den ganzen Tag ein zäher, grauer Nebel über der Landschaft und er lässt sich nur selten und dann auch nur für wenige Stunden vertreiben. Es ist eben ein typischer November hier, vielleicht ein wenig zu trocken und zu warm, aber ebenso trist und deprimierend, wie er das seit meiner Kindheit in jedem Jahr ist. Und im November sterben die Menschen.

Jammer, jammer … ihr wisst schon, der traurige Autor. Ich wollte wirklich ganz anders anfangen.

Vielleicht so: Es ist leicht, über das Internet zu schimpfen und ich suche auch fast täglich nach den Gründen (außer meiner Ruhmsucht und Selbstverliebtheit), aus denen ich drei- bis viermal in der Woche meine Literatur und meine Gedanken blogge, mich auf Facebook und neuerdings auch auf Instagram herumtreibe. Mein Brotberuf erlaubt mir zwar eine gewisse Freizeit; doch dieser selbstgewählte, aber nach sieben Jahren bloggen ein fröhliches Eigenleben führende Zwang, mich hier auf diesen Seiten bei einer eingebildeten Öffentlichkeit zu prostituieren, nimmt viel zu viel meiner Zeit in Anspruch, die ich lieber mit Frau Klammerle, Freunden oder einem Buch verbringen sollte. Denn meine Prosa lesen, das habe ich in der langen Zeit, in der ich nun meinen Blog schon führe, gelernt, lesen, das macht im Internet niemand (Es gibt eh von Jahr zu Jahr immer weniger Menschen, die das tun. König Literatur ist tot, es lebe Königin Netflix-Serie). Denn eigentlich – da sind wir uns hoffentlich einig, lieber Leser, den ich mir immer noch trotzig beim Schreiben einbilde, ist Literatur (außer kurzer Lyrik) nicht für dieses schnelllebige und nach der nächsten Sensation gierende Medium gemacht. Die modernen Menschen haben die Aufmerksamkeitsspannen von Essigfliegen(1) und ich bin mir sicher, dass auch diese Ausführungen schon viel zu lang sind, um mehr als einen kurzen, überfliegenden Blick von den Besuchern deines Blogs zu bekommen.

Jammer, jammer … ihr wisst schon, der traurige Autor. Ich werde jetzt mal ganz anders anfangen.

Dennoch möchte ich das Internet mit seinen unzähligen Möglichkeiten und meinen eigenen Blog nicht mehr missen, sie haben nicht nur die Gesellschaft, sondern auch meine kleine Welt vollkommen verändert: Meine Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Internet war meine ganz persönliche Revolution, meine „Renaissance“. Danach war meine Erde eine Kugel und drehte sich um die Sonne. Ich bin vielen, vielen Menschen begegnet, mit denen ich offline niemals in Kontakt gekommen wäre und die mir – im Guten wie im Schlechten – weiterhalfen. Manche – wenige, aber immerhin – von ihnen darf ich inzwischen als Freunde bezeichnen. Ich schätze, dass gut die Hälfte meiner Leser mich zuerst online entdeckte. Ohne den Blog wiederum würde ich vor mich hin privatisieren, tausend Texte und Geschichten beginnen und nichts zuende bringen. Diese Seite gibt mir Halt und Führung, presst eine Struktur in mein Leben, denn sie zwingt mich an jedem Tag, für meine eingebildeten Leser, die alle wissen wollen, wie es mit meinen Figuren oder mit mir weitergeht, zu schreiben. Meine Romane hätte ich ohne die Ordnung und die Termine, die mein Blog mir auferlegt, niemals fertiggeschrieben. Bin ich deshalb ein „Online-Autor“, was immer das auch bedeutet? Doch wohl nicht, denn alle meine Texte entstehen zuerst auf dem Papier und werden – wenn überhaupt – auch eher in Buchform als als E-Book konsumiert. Aber klar, Sucht spielt hier eine Rolle, die Meinung, man würde etwas versäumen, wenn man auf seiner Terrasse in der Sonne sitzt. Der Griff zum Smartphone und der Kontrollblick, ob jemand etwas erwiderte, den Blog besuchte oder gar dort ein „Gefällt mir“ hinterließ, ist eine kaum kontrollierbare, lästige und schlechte Gewohnheit, die mir manchmal wie das Kratzen an einem juckenden Ausschlag erscheint. Manche haben Heroin, Zigaretten, Alkohol, manche ihren Fernseher, ich habe das Internet … Meine Sucht kann ich mir aber auch schnell wieder abgewöhnen, wenn Vodaphone zickt oder ich gerätelos in den Urlaub fahre.

Das Leben allerdings, da gebe ich dir völlig recht, lieber imaginierter Leser, das ist anderswo – an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Nicht hier in Augsburg, nicht im November. (2)

Liebe Grüße, Nikolaus

Dies ist kein informelles Gemälde meines Freundes Norbert Kiening, sondern der eben abfotografierte Himmel über Diedorf.


(1) Sohn Nr. 1, der Biologe, hat vor ein paar Jahren in Oxford an Essigfliegen geforscht. Sie können sich knapp zwanzig Sekunden daran erinnern, dass irgendwo eine Gefahr droht, dann haben sie es wieder alles vergessen und fliegen erneut und unverdrossen in die Gefahr hinein. Zwanzig Sekunden, hm … eigentlich ganz schön lang. Ich muss mein Urteil revidieren. Die Aufmerksamkeitsspanne eines modernen Menschen ist schlechter als die einer Essigfliege. Übrigens: Sohn Nr. 1 ist in der Lage, durch reines Betrachten das Geschlecht einer Essigfliege zu bestimmen. Aber das wirklich nur nebenzu.

(2) Aber zum Glück hat Frau Klammerle wieder Weihnachtsplätzchen und Lebkuchen gebacken und diesmal vielleicht ein wenig übertrieben. Das wird mich retten.

Nutzlose Menschen – Der Jahrmarkt geht weiter …

Das Korrekturexemplar meines neuen Buchs „Nutzlose Menschen“ ist in der letzten Woche, die ich im Urlaub in Holland (1) verbrachte, angekommen und es sieht schon mal sehr gut aus.

Dieser Roman ist der Dreh- und Mittelpunkt meiner „Jahrmarkt in der Stadt“-Reihe, mit dem ich über Jahre hinweg kaum verschlüsselt die Kultur meiner Heimatstadt Augsburg begleitet habe. Er spielt in der Mitte der 1990er Jahre und gibt am deutlichsten preis, welches unerreichbare Vorbild ich hatte, als ich den Zyklus entwarf:

Selbstverständlich war es die Comédie humaine von Honoré de Balzac. Die Literatur ist ein Monotheismus. Sie kennt Genies, Könige und Kaiser, aber nur einen Gott. Das ist Balzac. Vor ihm habe ich mich in den „Nutzlosen Menschen“ verneigt, darauf weisen nicht nur die den Titeln von Balzac-Romanen übernommenen Kapitelüberschriften hin. Der französische Romancier wird von der Hauptfigur Nikolaus Klammer häufig zitiert und in zwei Kapiteln darf der Leser auch eine Erzählung im Stil von Balzac lesen.

Obwohl die „Nutzlosen Menschen“ mit etwa fünfhundert Buchseiten der längste Text des Zyklus ist, spielt er nur an einem einzigen Sommerabend und schildert die Erlebnisse einer Gruppe von Leuten, die in die Fänge eines überlegenen Mannes geraten, der sich wie ein Regisseur in ihr Leben mischt und sie als die Akteure eines von ihm geschriebenen Drehbuchs handeln lässt. Denn er weiß:

Sie tun nichts, was wert ist, getan zu werden, und sagen nichts, was wert ist, gesagt zu werden, aber sie tun und sagen es immer und immer wieder. Diese Menschen mögen zwar nutzlos erscheinen. Aber mit Geschick und Einfühlungsvermögen kann ich sie zu allem bringen: Zur Größe, aber auch zum verabscheuungswürdigsten Verbrechen.

Dieser Mann ist der spöttische, unendlich belesene Beamte Nikolaus Klammer. Er war mir Namenspate für mein Autoren- und mein Internetpseudonym, obwohl unsere einzigen Gemeinsamkeiten die Vorliebe für Balzac und ein gesunder Zynismus sind. Wenn man das eine oder andere Werk des Zyklus bereits gelesen hat, dann ist man Klammer schon ein paar Mal begegnet, z. B. in „Die Wahrheit über Jürgen“ oder in „Ein kleines Licht“. „Nutzlose Menschen“ zeigt ihn jedoch als Hauptperson. Jede meiner Figuren hat das Recht, einmal im Mittelpunkt zu stehen, so wie jeder in seinem eigenen Leben die Hauptrolle spielt.

Es ist seltsam mit diesem Buch. Es tut mir weh, es ist ein Schmerzenskind. „Nutzlose Menschen“ gehört zu den besten belletristischen Texten, die ich bisher geschrieben habe und ich weiß, dass der Roman mit den meisten zeitgenössischen Erzählwerken und Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt zumindest mithalten kann – meiner bescheidenen Meinung nach manchmal sogar besser ist – aber  er hat nie Leser oder Öffentlichkeit gefunden, weil ich als Schriftsteller gescheitert bin und in der Masse derer schwimme, die es nie geschafft haben.

„Nutzlose Menschen“ ist ein Symbol für das, was hätte sein können und das, was ist. Auch von diesem Scheitern erzählt der Roman.

Wenn jemand nicht die Katze im Sack kaufen möchte und hier auf dem Blog ein wenig reinlesen möchte:

Nikolaus Klammer – Nutzlose Menschen
Roman aus dem Zyklus
„Jahrmarkt in der Stadt“

Obwohl ich seit Monaten keine Bücher (auch keine E-Books) mehr verkauft habe, werden ich und meine Lektoren die „Nutzlosen Menschen“ bis Mitte Juli nach Fehlern durchforstet haben und ich werde – trotzig und hartnäckig wie ich bin! – den Roman dennoch in meinem kleinen Selbstverlag veröffentlichen. Auch wenn es wirklich niemanden interessiert, so wächst doch die Nikolaus-Klammer-Abteilung in meinem Bücherregal.

Grüße in den hier im Süden wolkigen, aber bei euch hoffentlich sonnigen Sonntag.

Nikolaus

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(1) Was ich gemacht habe? Nun, in der Hauptsache bin ich mit Frau Klammerle Rad gefahren und habe die Natur bewundert. Die Maasduinen in der Provinz Limburg haben ein übersichtliches, vorbildliches und engmaschiges Radwegenetz, von dem wir hier nur träumen können. Zudem ist es dort so flach, dass ich mir, der ich nur ein normales und noch lange kein E-Bike (so alt fühle ich mich einfach noch nicht) besitze, nicht wie ein Paria vorkam und mit den Rentner-Radl-Kolonnen mithalten konnte.

 

Blogbasteleien

Ich habe heute eine neue Menüstruktur in meinem Blog erstellt. Unter einem Menüpunkt soll all das landen, was sonst nirgendwo einen Platz findet. Er heißt nicht ohne Grund:

Gedankensplitter

Diese Seite soll sich langsam hauptsächlich mit Bildern und kurzen Texten füllen – also eine Art von privatem Instagram, eine „Blogroll“ innerhalb des Blogs werden. Als altmodischer Mensch möchte ich mir ein wenig die „Sudelbücher“ von Lichtenberg zum unerreichbaren Vorbild nehmen.  Ich habe keine Ahnung, ob solch ein Tagebuch eine gute Idee ist, aber ich möchte die literarischen Blogartikel, in denen es um mein Schaffen als Autor und um die Entstehung meiner Werke geht, vom allzu Persönlichen abtrennen und es in diese Gedankensplitter-Rubrik stellen. Insgesamt möchte ich dadurch hier eine klarere, deutlichere Struktur einrichten, die es einem Leser einfacher macht, das zu finden, was er sucht.

Ich würde mich freuen, wenn der eine oder andere Leser meine Gedankensplitter goutieren würde und ein paar seiner eigenen Gedanken hinterlässt.

UPDATE! (09.03.2019) Ich bin noch am Basteln. Ursprünglich war die Struktur hier eine andere und „Gedankensplitter“ keine Kategorie, sondern eine Seite – ach, egal, es war kompliziert. Durch das Entfernen dieser Seite sind leider ein paar Kommentare in den Orkus geschickt worden. Entschuldigt, simonsegur und lunaewunia! Auf jeden Fall hat mich die liebe Luna mit einer ausführlichen Gebrauchsanweisung auf die richtige Fährte gebracht; ohne ihre Hilfe hätte ich das nie so hinbekommen. Vielen herzlichen Dank!

Lieblinge

Es ist langsam an der Zeit, meine krankheits- und unlustbedingte Pause zu beenden.

Die ersten Texte des neuen Jahres stammen aus der Feder von Daniel Greff. Er ist der Sohn meiner Cousine, also mein Neffe 2. Grades von der Seite meiner Mutter. Damit bin ich plötzlich nicht mehr der einzige Autor in meiner doch recht unliterarischen Familie. Daniel hat im letzten Jahr einen Band mit 101 Miniaturen zusammengestellt, sie für Connaisseure binden lassen und seine Lieblingstexte daraus für den Blog zur Verfügung gestellt. Er selbst schreibt dazu im Vorwort des Büchleins:

Diese Ansammlung an Geschichten ist einfach so im Laufe der Zeit entstanden, aus einer Idee heraus gewachsen und wurde jetzt, ohne große Vorwarnung, in der Wildnis ausgesetzt.

Ich weiß noch nicht, ob sie bereit sind, aber ich hoffe es. Ich bin mir sicher, dass einige Geschichten ankommen werden und andere irgendwo im Graben liegenbleiben. Denn für manche seht hier nichts drin, für andere vielleicht viel. Manchen wird es gefallen, manchen aber bestimmt auch nicht. Aber egal, denn genauso geht es mir auch.

Ich möchte dazu mit Balzacs Worten anmerken: „Die Kritik gleicht einer Bürste. Bei leichteren Stoffen darf man sie nur vorsichtig verwenden; denn sonst bliebe nichts mehr übrig.“

Ich wollte, ich könnte heute noch so frei von der Leber weg und unbelastet schreiben wie Daniel.

 

Du

Du warst noch nie bei mir. Ich habe noch nie Zeit mit dir verbracht, aber ich habe dich schon gesehen. Ich habe dich gesehen in den Fotos und in den Filmen. Ich habe von dir gehört in den Liedern und in den Erzählungen. Meine Freunde haben dir von mir erzählt. Es gibt viele Leute, die von dir reden, vielleicht viel mehr, als dich wahrhaftig kennen. Aber ich verspreche dir, ich werde nicht von dir reden, ohne dass ich dich vorher kennengelernt habe. Ich glaube, ich weiß mehr oder weniger, wie du dich anfühlst. Einige Male warst du schon ganz nah. Ich habe von dir geträumt, jedenfalls denke ich, dass du das warst. Wie kann ich es denn wissen, ohne dich jemals kennengelernt zu haben?

Aber ich will dich kennenlernen, ich will dich sehen, ich will wissen, wie du dich anfühlst. Aber nur, wenn du mir versprichst, an meiner Seite zu bleiben. Dass du nicht eines Tages wieder verschwinden wirst. Weil das ist das, was du mit den anderen machst. Ich sehe es. Wenn die Leute von dir reden, sind sie voller Emotionen, sie reden über dich, aber sie reden auch über deine Abwesenheit. Darüber, dass du da warst aber nun nicht mehr da bist. Ich habe Freunde gesehen, die dich verloren haben, und beinahe haben sie sich dann selbst verloren. Du bist einzigartig und das ist das, was dich so gefährlich macht, und im gleichen Moment so lohnend.

Immerhin sehe ich es so von außen. Vielleicht sieht dich jeder einzelne auch ein wenig anders, vielleicht, weil du vor jedem ein wenig anders bist, wer weiß? Ich stelle mir gerne vor, dass du ein Kunstwerk bist, versteckt in einem großen Museum, in einem Raum, den nicht jeder findet. Und wenn sie dich sehen, sieht dich jede Person durch ihre eigenen Augen. Aber für dieses Museum gibt es keinen Lageplan. Man kann die Leute, die man trifft, nach dem Weg fragen, aber schlussendlich weiß keiner, wo genau du bist.

Die Grafittiwand

Nach Hause kommen nach einem harten Tag, einfach sich ins Bett fallen lassen, die Stiefel ausziehen und an nichts denken. In diesen Momenten bist du ein kleiner Wassertropfen im Fluss deines Lebens. Wenn du dich einfach treiben lässt, bist du zufrieden. Aber manchmal gibt es in deinem Fluss auch Wasserfälle. Dein Leben ist kein ruhiger Fluss, sondern ein Fluss, der lebt. Mit jedem Wasserfall, den du herunterfällst, malst du ein Graffiti deines Lebens. Jeder Tropfen, der diese Wasserfälle hinunterfällt, malt einen weiteren Fleck auf deine Grafittiwand. Am Anfang sind es nur ein paar Flecken hier und da, aber mit der Zeit und mit weiteren Wasserfällen, wird auch deine Grafittiwand wachsen und wachsen.

Kennst du mich?

Ich bin oft überall. Aber im gleichen Moment bin ich nirgendwo. Manchmal sieht man mich, normalerweise aber nicht. Manche sahen mich schon und andere noch nicht. Und selbst wenn du mich siehst, dann siehst du immer nur einen kleinen Teil von mir. Den Rest verberge ich vor dir. Mein Ursprung liegt weit weg, obwohl meine Geburt sehr nah vor dir stattfindet. Wir beide brauchen das Gleiche, ohne dies würden wir nicht existieren. Viele kennen mich, aber wenn, dann nur aus Geschichten. Ich bin über dir, passe auf dich auf, passe auf die ganze Welt auf. Und selbst wenn alle Leute diesen Planeten verlassen, werde ich hierbleiben. Für immer ein Teil dieses Himmels.

Das Eichhörnchen

Früher, als ich noch ein Kind war, war ich der Überzeugung, dass Eichhörnchen unglaublich sind. So schnell, so klug und so süß. Mit ihrem großen, weichen Schwanz und ihren spitzen, zuckenden Ohren. Ihrem weißen Bauch im Kontrast zu ihrem roten Fell. Früher gab es nichts Besseres als ein Eichhörnchen für mich. Eichhörnchen können klettern, können schnell rennen und ohne Aufwand von einem Baum zum nächsten springen. Eichhörnchen sind magische Wesen. Ich sage das nicht nur, weil sie mein Lieblingstier sind, sondern vielmehr, weil es so ist. Sie lassen an Orten Leben auferstehen, wo sich nie ein Samenkorn hätte hinverirren können. Es ist interessant, dass für viele Eichhörnchen nur einfache Tiere sind, obwohl sie Wunder vollbringen. Wenn du dir ganz genau das Leben anschaust, dann siehst du vielleicht auch, dass alles ein klein wenig magisch ist und einem großem Wunder ähnelt.

Die Wellen gegen die Steine

Von oben kannst du alles sehen. Von oben ähnelt es einem Krieg. Mit jeder Welle versucht das Meer, die Steine zu verschlucken. Manchmal ist es rau, manchmal ist es ruhig, aber immer mit derselben Absicht. Manche Steine schaffen es nur, während den ruhigen Phasen zu atmen. Sie sind zu klein; sie haben eigentlich keine Chance. Andere sind größer. Das Wasser versucht, auch sie zu verschlucken, aber es läuft einfach nur wieder an ihnen herunter. Für diese Steine ist das Leben an der Küste einfach. Egal was passiert, sie können immer den Horizont sehen. Können sich nicht verlaufen. Aber so ist es nicht für alle. Die anderen müssen kämpfen, kämpfen um jeden Atemzug, und müssen auf die Momente warten, wenn das Wasser wieder fort ist.

Verliere sie nicht

In deinen Augen sehe ich die Jugend, ich sehe die Lebenslust und ich sehe die Neugier. Deine Augen reflektieren nichts. Nichts, was du siehst, geht verloren, du heißt alles willkommen. Deine Augen glänzen vor Unschuld, du siehst die Welt wie kein anderer. Du siehst in jedem Menschen den echten Menschen und nicht das, was er sein sollte oder das, was die Leute dir gesagt haben. Du verstehst nicht alles, aber genug. Eigentlich brauchst du gar nicht mehr zu wissen. Du weißt, wer für dich da ist und du weißt auch, wen du mit deinen Aktionen verletzten würdest.

Aber leider wird auch irgendwann sogar deine Unschuld sich verfärben und verschwinden. Mit jedem Wort, das du hörst und jeder Sache, die sie dir sagen, wirst du mit deinen Augen weniger und weniger sehen. Irgendwann kommt der Punkt, ab dem du nicht mehr die Sachen so sehen kannst, wie sie sind, sondern nur, wie sie laut den anderen sein sollten. Aber bitte, hör mir zu, versuch alles, was du kannst, versuch das Unvermeidbare zu verhindern. Behüte und beschütze deine kleine Person in deinem Kopf, lass nicht zu, dass sie verschwindet. Lass nur so viel rein, so dass die Löcher nach draußen zu klein für sie sind. Oft wird sie die einzige wahre Sache sein, die dir noch bleibt. Bitte, verliere sie nicht an die Welt um dich herum.

Die Vorstellungskraft

Hey du! Hier bin ich schon wieder. Komm, ich nehme dich mit auf eine Reise, die du vorher noch nie gemacht hast. Ich werde dir Sachen zeigen, die nur einige schon einmal gesehen haben. Du wirst die Personen sehen, die reicher sind als die Reichen auf dieser Welt. Die, die mehr haben als die, die fast alles haben. Eine Reise an einen Ort, wo du glücklich sein wirst, wo du eine glückliche Person bist. Dort kannst du machen, was du willst, dir diejenigen Leute anschauen, die du willst. Aber vorab eine Sache: Du darfst nur mitkommen, wenn du mir schwörst, dass du dein Gepäck hierlässt. Ich will es nicht tragen, und du wirst es auch nicht brauchen. Du brauchst nur dich selbst. Also, kommst du mit mir mit? Mach dir keine Sorgen; ich werde dich begleiten, du musst nicht alleine gehen. Du musst nur deine Augen schließen und schon geht die Reise los.

Wieder einmal

Wir laufen durch dieselben Straßen, sehen dieselben Gebäude, nehmen die gleichen Wege. Wir essen und trinken die gleichen Sachen an denselben Orten, aber trotzdem ist etwas anders. Die Leute um mich herum sind nicht die gleichen. Du kannst dir alles viele Male anschauen, aber wenn du es mit anderen Leuten erlebst, ist es wie zum ersten Mal. Am Ende bleiben nicht die Orte in Erinnerung, die du gesehen hast, sondern die Momente und die Zeit, die du mit den Leuten geteilt hast. Die Erlebnisse sind durch die Personen geprägt und nicht durch das Erlebnis an sich. Morgen werde ich mich nicht an eine Brücke oder ein Gebäude erinnern, die ich gestern oder vor einem Jahr gesehen habe, sondern an die Momente, in denen wir gelacht haben. Und das ist das Schöne, man muss nicht an besondere Orte gehen, man muss auch nicht etwas Besonderes machen, man muss es nur mit besonderen Menschen machen.

Eure Geschichten

Die ganzen Geschichten schreiben sich nicht von selbst. Oft ist es viel Arbeit, manchmal muss ich viel nachdenken, worüber ich schreiben werde. Aber einige der Geschichten habe nicht ich selbst geschrieben. Viele der Geschichten habt ihr geschrieben.

Die Unterhaltungen mit dir haben ein paar geschrieben. Meine Gedanken an dich haben andere geschrieben. Der Fakt, dass ihr immer an mich glaubt, hat auch eine geschrieben. Dein Lächeln hat auch eine geschrieben, vielleicht sogar zwei. Ohne dich hätte es auch die eine oder andere Geschichte nicht gegeben. Denn einige schrieb nicht ich, sondern das Wissen, dass du immer da bist. Eine weitere Geschichte hat sich geschrieben durch eure Liebe. Und nicht zu vergessen ist deine Fantasie, diese hat auch eine geschrieben. Eure Wörter, die mich begleitet haben, ließen mich auch einige schreiben. Seht ihr? In Wirklichkeit macht ihr den Großteil der Arbeit. Ich bewege nur meine Finger.

Fragen

Es gibt wichtige Fragen. Zumindest welche, die wichtig erscheinen.
Es gibt offizielle Fragen, die, die eine offizielle Antwort benötigen.
Es gibt Fragen, auf die du direkt mit deinem Bauchgefühl antworten kannst. Aber auch Fragen, die warten können und Fragen, die jetzt gerade keine Antwort benötigen.
Es gibt schwierige Fragen, aber wenn du suchst, kannst du eine Antwort finden.

Manchmal gibt es auch Fragen, die mehr bedeuten als das, was sie fragen. Und Fragen, die mehr von dir wissen wollen, als es scheint.
Es gibt Fragen, auf die du die Antworten schon kennst. Es könnten Fragen sein, die du dir schon selbst gestellt hast, aber sie könnten auch von anderen kommen.

Am Ende bleiben die Fragen, auf die du nicht antworten kannst, ohne nachzudenken. Die Fragen, für die du keine Antworten in einem Buch finden wirst. Diese sind die besten Fragen. Die Fragen, bei denen deine Antwort für jemanden wirklich wichtig ist. Wo die Frage eine Umarmung ist, manchmal zwar aus der Ferne, aber was zählt, ist, dass sie ankommt. Das sind die besten Fragen.

(c) Daniel Greff

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