Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Lieblinge

Es ist langsam an der Zeit, meine krankheits- und unlustbedingte Pause zu beenden.

Die ersten Texte des neuen Jahres stammen aus der Feder von Daniel Greff. Er ist der Sohn meiner Cousine, also mein Neffe 2. Grades von der Seite meiner Mutter. Damit bin ich plötzlich nicht mehr der einzige Autor in meiner doch recht unliterarischen Familie. Daniel hat im letzten Jahr einen Band mit 101 Miniaturen zusammengestellt, sie für Connaisseure binden lassen und seine Lieblingstexte daraus für den Blog zur Verfügung gestellt. Er selbst schreibt dazu im Vorwort des Büchleins:

Diese Ansammlung an Geschichten ist einfach so im Laufe der Zeit entstanden, aus einer Idee heraus gewachsen und wurde jetzt, ohne große Vorwarnung, in der Wildnis ausgesetzt.

Ich weiß noch nicht, ob sie bereit sind, aber ich hoffe es. Ich bin mir sicher, dass einige Geschichten ankommen werden und andere irgendwo im Graben liegenbleiben. Denn für manche seht hier nichts drin, für andere vielleicht viel. Manchen wird es gefallen, manchen aber bestimmt auch nicht. Aber egal, denn genauso geht es mir auch.

Ich möchte dazu mit Balzacs Worten anmerken: „Die Kritik gleicht einer Bürste. Bei leichteren Stoffen darf man sie nur vorsichtig verwenden; denn sonst bliebe nichts mehr übrig.“

Ich wollte, ich könnte heute noch so frei von der Leber weg und unbelastet schreiben wie Daniel.

 

Du

Du warst noch nie bei mir. Ich habe noch nie Zeit mit dir verbracht, aber ich habe dich schon gesehen. Ich habe dich gesehen in den Fotos und in den Filmen. Ich habe von dir gehört in den Liedern und in den Erzählungen. Meine Freunde haben dir von mir erzählt. Es gibt viele Leute, die von dir reden, vielleicht viel mehr, als dich wahrhaftig kennen. Aber ich verspreche dir, ich werde nicht von dir reden, ohne dass ich dich vorher kennengelernt habe. Ich glaube, ich weiß mehr oder weniger, wie du dich anfühlst. Einige Male warst du schon ganz nah. Ich habe von dir geträumt, jedenfalls denke ich, dass du das warst. Wie kann ich es denn wissen, ohne dich jemals kennengelernt zu haben?

Aber ich will dich kennenlernen, ich will dich sehen, ich will wissen, wie du dich anfühlst. Aber nur, wenn du mir versprichst, an meiner Seite zu bleiben. Dass du nicht eines Tages wieder verschwinden wirst. Weil das ist das, was du mit den anderen machst. Ich sehe es. Wenn die Leute von dir reden, sind sie voller Emotionen, sie reden über dich, aber sie reden auch über deine Abwesenheit. Darüber, dass du da warst aber nun nicht mehr da bist. Ich habe Freunde gesehen, die dich verloren haben, und beinahe haben sie sich dann selbst verloren. Du bist einzigartig und das ist das, was dich so gefährlich macht, und im gleichen Moment so lohnend.

Immerhin sehe ich es so von außen. Vielleicht sieht dich jeder einzelne auch ein wenig anders, vielleicht, weil du vor jedem ein wenig anders bist, wer weiß? Ich stelle mir gerne vor, dass du ein Kunstwerk bist, versteckt in einem großen Museum, in einem Raum, den nicht jeder findet. Und wenn sie dich sehen, sieht dich jede Person durch ihre eigenen Augen. Aber für dieses Museum gibt es keinen Lageplan. Man kann die Leute, die man trifft, nach dem Weg fragen, aber schlussendlich weiß keiner, wo genau du bist.

Die Grafittiwand

Nach Hause kommen nach einem harten Tag, einfach sich ins Bett fallen lassen, die Stiefel ausziehen und an nichts denken. In diesen Momenten bist du ein kleiner Wassertropfen im Fluss deines Lebens. Wenn du dich einfach treiben lässt, bist du zufrieden. Aber manchmal gibt es in deinem Fluss auch Wasserfälle. Dein Leben ist kein ruhiger Fluss, sondern ein Fluss, der lebt. Mit jedem Wasserfall, den du herunterfällst, malst du ein Graffiti deines Lebens. Jeder Tropfen, der diese Wasserfälle hinunterfällt, malt einen weiteren Fleck auf deine Grafittiwand. Am Anfang sind es nur ein paar Flecken hier und da, aber mit der Zeit und mit weiteren Wasserfällen, wird auch deine Grafittiwand wachsen und wachsen.

Kennst du mich?

Ich bin oft überall. Aber im gleichen Moment bin ich nirgendwo. Manchmal sieht man mich, normalerweise aber nicht. Manche sahen mich schon und andere noch nicht. Und selbst wenn du mich siehst, dann siehst du immer nur einen kleinen Teil von mir. Den Rest verberge ich vor dir. Mein Ursprung liegt weit weg, obwohl meine Geburt sehr nah vor dir stattfindet. Wir beide brauchen das Gleiche, ohne dies würden wir nicht existieren. Viele kennen mich, aber wenn, dann nur aus Geschichten. Ich bin über dir, passe auf dich auf, passe auf die ganze Welt auf. Und selbst wenn alle Leute diesen Planeten verlassen, werde ich hierbleiben. Für immer ein Teil dieses Himmels.

Das Eichhörnchen

Früher, als ich noch ein Kind war, war ich der Überzeugung, dass Eichhörnchen unglaublich sind. So schnell, so klug und so süß. Mit ihrem großen, weichen Schwanz und ihren spitzen, zuckenden Ohren. Ihrem weißen Bauch im Kontrast zu ihrem roten Fell. Früher gab es nichts Besseres als ein Eichhörnchen für mich. Eichhörnchen können klettern, können schnell rennen und ohne Aufwand von einem Baum zum nächsten springen. Eichhörnchen sind magische Wesen. Ich sage das nicht nur, weil sie mein Lieblingstier sind, sondern vielmehr, weil es so ist. Sie lassen an Orten Leben auferstehen, wo sich nie ein Samenkorn hätte hinverirren können. Es ist interessant, dass für viele Eichhörnchen nur einfache Tiere sind, obwohl sie Wunder vollbringen. Wenn du dir ganz genau das Leben anschaust, dann siehst du vielleicht auch, dass alles ein klein wenig magisch ist und einem großem Wunder ähnelt.

Die Wellen gegen die Steine

Von oben kannst du alles sehen. Von oben ähnelt es einem Krieg. Mit jeder Welle versucht das Meer, die Steine zu verschlucken. Manchmal ist es rau, manchmal ist es ruhig, aber immer mit derselben Absicht. Manche Steine schaffen es nur, während den ruhigen Phasen zu atmen. Sie sind zu klein; sie haben eigentlich keine Chance. Andere sind größer. Das Wasser versucht, auch sie zu verschlucken, aber es läuft einfach nur wieder an ihnen herunter. Für diese Steine ist das Leben an der Küste einfach. Egal was passiert, sie können immer den Horizont sehen. Können sich nicht verlaufen. Aber so ist es nicht für alle. Die anderen müssen kämpfen, kämpfen um jeden Atemzug, und müssen auf die Momente warten, wenn das Wasser wieder fort ist.

Verliere sie nicht

In deinen Augen sehe ich die Jugend, ich sehe die Lebenslust und ich sehe die Neugier. Deine Augen reflektieren nichts. Nichts, was du siehst, geht verloren, du heißt alles willkommen. Deine Augen glänzen vor Unschuld, du siehst die Welt wie kein anderer. Du siehst in jedem Menschen den echten Menschen und nicht das, was er sein sollte oder das, was die Leute dir gesagt haben. Du verstehst nicht alles, aber genug. Eigentlich brauchst du gar nicht mehr zu wissen. Du weißt, wer für dich da ist und du weißt auch, wen du mit deinen Aktionen verletzten würdest.

Aber leider wird auch irgendwann sogar deine Unschuld sich verfärben und verschwinden. Mit jedem Wort, das du hörst und jeder Sache, die sie dir sagen, wirst du mit deinen Augen weniger und weniger sehen. Irgendwann kommt der Punkt, ab dem du nicht mehr die Sachen so sehen kannst, wie sie sind, sondern nur, wie sie laut den anderen sein sollten. Aber bitte, hör mir zu, versuch alles, was du kannst, versuch das Unvermeidbare zu verhindern. Behüte und beschütze deine kleine Person in deinem Kopf, lass nicht zu, dass sie verschwindet. Lass nur so viel rein, so dass die Löcher nach draußen zu klein für sie sind. Oft wird sie die einzige wahre Sache sein, die dir noch bleibt. Bitte, verliere sie nicht an die Welt um dich herum.

Die Vorstellungskraft

Hey du! Hier bin ich schon wieder. Komm, ich nehme dich mit auf eine Reise, die du vorher noch nie gemacht hast. Ich werde dir Sachen zeigen, die nur einige schon einmal gesehen haben. Du wirst die Personen sehen, die reicher sind als die Reichen auf dieser Welt. Die, die mehr haben als die, die fast alles haben. Eine Reise an einen Ort, wo du glücklich sein wirst, wo du eine glückliche Person bist. Dort kannst du machen, was du willst, dir diejenigen Leute anschauen, die du willst. Aber vorab eine Sache: Du darfst nur mitkommen, wenn du mir schwörst, dass du dein Gepäck hierlässt. Ich will es nicht tragen, und du wirst es auch nicht brauchen. Du brauchst nur dich selbst. Also, kommst du mit mir mit? Mach dir keine Sorgen; ich werde dich begleiten, du musst nicht alleine gehen. Du musst nur deine Augen schließen und schon geht die Reise los.

Wieder einmal

Wir laufen durch dieselben Straßen, sehen dieselben Gebäude, nehmen die gleichen Wege. Wir essen und trinken die gleichen Sachen an denselben Orten, aber trotzdem ist etwas anders. Die Leute um mich herum sind nicht die gleichen. Du kannst dir alles viele Male anschauen, aber wenn du es mit anderen Leuten erlebst, ist es wie zum ersten Mal. Am Ende bleiben nicht die Orte in Erinnerung, die du gesehen hast, sondern die Momente und die Zeit, die du mit den Leuten geteilt hast. Die Erlebnisse sind durch die Personen geprägt und nicht durch das Erlebnis an sich. Morgen werde ich mich nicht an eine Brücke oder ein Gebäude erinnern, die ich gestern oder vor einem Jahr gesehen habe, sondern an die Momente, in denen wir gelacht haben. Und das ist das Schöne, man muss nicht an besondere Orte gehen, man muss auch nicht etwas Besonderes machen, man muss es nur mit besonderen Menschen machen.

Eure Geschichten

Die ganzen Geschichten schreiben sich nicht von selbst. Oft ist es viel Arbeit, manchmal muss ich viel nachdenken, worüber ich schreiben werde. Aber einige der Geschichten habe nicht ich selbst geschrieben. Viele der Geschichten habt ihr geschrieben.

Die Unterhaltungen mit dir haben ein paar geschrieben. Meine Gedanken an dich haben andere geschrieben. Der Fakt, dass ihr immer an mich glaubt, hat auch eine geschrieben. Dein Lächeln hat auch eine geschrieben, vielleicht sogar zwei. Ohne dich hätte es auch die eine oder andere Geschichte nicht gegeben. Denn einige schrieb nicht ich, sondern das Wissen, dass du immer da bist. Eine weitere Geschichte hat sich geschrieben durch eure Liebe. Und nicht zu vergessen ist deine Fantasie, diese hat auch eine geschrieben. Eure Wörter, die mich begleitet haben, ließen mich auch einige schreiben. Seht ihr? In Wirklichkeit macht ihr den Großteil der Arbeit. Ich bewege nur meine Finger.

Fragen

Es gibt wichtige Fragen. Zumindest welche, die wichtig erscheinen.
Es gibt offizielle Fragen, die, die eine offizielle Antwort benötigen.
Es gibt Fragen, auf die du direkt mit deinem Bauchgefühl antworten kannst. Aber auch Fragen, die warten können und Fragen, die jetzt gerade keine Antwort benötigen.
Es gibt schwierige Fragen, aber wenn du suchst, kannst du eine Antwort finden.

Manchmal gibt es auch Fragen, die mehr bedeuten als das, was sie fragen. Und Fragen, die mehr von dir wissen wollen, als es scheint.
Es gibt Fragen, auf die du die Antworten schon kennst. Es könnten Fragen sein, die du dir schon selbst gestellt hast, aber sie könnten auch von anderen kommen.

Am Ende bleiben die Fragen, auf die du nicht antworten kannst, ohne nachzudenken. Die Fragen, für die du keine Antworten in einem Buch finden wirst. Diese sind die besten Fragen. Die Fragen, bei denen deine Antwort für jemanden wirklich wichtig ist. Wo die Frage eine Umarmung ist, manchmal zwar aus der Ferne, aber was zählt, ist, dass sie ankommt. Das sind die besten Fragen.

(c) Daniel Greff

Blicke ins Jenseits

Ein weiterer Gasttext von Hans-Dieter Heun, zu dem er mir geschrieben hat: „Bitte sehr, mein Niklas, die besagte tote Geschichte. Du kennst sie möglicherweise bereits, aber Deine Leser nicht. Diese Story gehört zu meinen Lieblingen, immer wieder verbessert, und manchmal denke ich, sie hat tatsächlich etwas zu sagen.“ Die Geschichte hat einen ordentlichen Umfang, aber ich habe mich trotzdem entschieden, sie nicht in mundgerechte Stückchen zu teilen. Vielleicht gibt es ja den einen oder anderen Leser, der die Geduld hat, auch mal etwas längeres am Bildschirm zu lesen.

Blicke ins Jenseits

Eine Kurzgeschichte von Hans-Dieter Heun

Der unwichtige Mann stieg durch einen hellen Tunnel. Hinauf. Okay, am Ende eines Lebens gibt es immer einen Tunnel. Oder nur die Möglichkeit eines Tunnels? Oder nur den Traum von einem Tunnel?

Jedenfalls stieg er – oder schwebte er, wurde magisch hochgehoben? –, bis der Unwichtige sich urplötzlich in einer riesigen Kugel mit unzählig vielen verschlossenen Türen und wenigen, unterschiedlich beleuchteten Fenstern ohne Gardinen befand. Es ärgerte ihn, dass die Fenster keine Gardinen hatten, denn Gardinen kann man vor hängen, zu ziehen. Mit Gardinen kann man verhüllen, verbergen: ein Fenster, ein Zimmer und auch ein Geschehen. Gardinen schützen vor Einsicht. Fenster ohne Gardinen nicht. Unterschiedlich beleuchtete Fenster ohne Gardinen erlauben jedoch unterschiedlich beleuchtete Einsichten. Dennoch, eine solch riesige Kugel mit unzähligen, aber verschlossenen Türen und diesen preisgebenden Fenstern hatte er noch nie gesehen, im Leben wie im Traum. Der unnütze Mann dachte bei sich: Von einer solch riesigen Kugel mit so vielen Türen und so wenigen, verschieden beleuchteten Fenstern habe ich noch nie geträumt.

„Falsch, du träumst nicht. Du bist tot! Das ist leider so.“

„Wer spricht? Gott, bist du das?“

„Schwierig zu beantworten. Ich würde sagen, nicht ganz tot. Ein Teil lebt, etwa einundzwanzig Gramm. Nein, ich bin es, deine innere Stimme. Wenn du – oder was von dir noch übrig geblieben ist – dich noch an mich erinnerst. Also, du hast in deinem letzten Leben für viele Menschen gekocht und somit ein wahrhaft gutes Werk getan. Folglich darfst du dich auch als erlöst betrachten. Das bedeutet, du hast nun fast alles Körperliche zurückgelassen und bist für eine neue Ewigkeit von allem Ballast befreit. Und ich ebenfalls, dem Himmel sei dafür erneut mein tief empfundener Dank! Lange genug war ich wieder in dir eingesperrt, und lange genug hast du wieder nicht auf mich gehört. Ich sage dir was, von dieser Stunde an wirst du mich nicht mehr übergehen können, wirst du dein weiteres Vorgehen mit mir abstimmen müssen.“

Der Unnütze war verwirrt. Wohin hatte es ihn verschlagen? „Bin ich … Ist diese Kugel nicht der Himmel, die jenseitige, den männlichen Sinnen unzugängliche Welt des lieben Gottes und der Gemeinschaft aller katholischen Seligen?“

„Quatsch. Du weilst höchstens in dem so genannten blauen Himmel, einem scheinbaren Gewölbe über den Männern, das in Wahrheit  jedoch eine Kugel ist, die durch einen Horizont in eine obere sichtbare und eine untere unsichtbare zerlegt wird.“

„Was ist los? Träum ich oder spinn ich? Ich sehe doch die ganze Kugel.“

„Wach endlich auf, du bist tot! Das hier ist der Raum, der einzige, unendliche Raum! Und deine Zukunft.“

„Und wo steckt meine Vergangenheit, ist meine Gegenwart?“

„Gegenwart gibt es nicht. Und deine Vergangenheit liegt hinter diesen Fenstern. Die sind jedoch schalldicht. Also, selbst wenn du besserwisserisch noch etwas ändern willst oder sogar schreien aus verständlichem Ärger, es würde nichts nützen. Die Körper, die mit dir deine Vergangenheit spielen, können dich absolut nicht verstehen.“

„Darf ich trotzdem einmal durch diese Fenster sehen?“

„Später, erst musst du Rechenschaft ablegen.“

 

„Beichte!“ Das Stimmchen wurde gebieterisch.

„Habe nichts zu beichten.“ Der unbedeutende Mann war patzig.

„Sei nicht so bockig. Jeder Mann ist von Natur aus sündig, dafür wurde gesorgt. Also beichte.“

„Na gut, meinetwegen, ich habe Vater und Mutter geschlagen!“ Ein Lichtjahr Pause. „Was ist, wächst mir jetzt die rechte Hand aus dem Grab?“

Die Stimme schwankte: „Mag sein, deine Eltern hatten es verdient. Die schwache Möglichkeit besteht, schwache Möglichkeiten existieren immer. Augenblick, ich schau mal nach … Wo ist denn nur wieder dieses verdammte Buch?“ Wenn eine innere Stimme in einem Buch zu blättern vermag, dann blätterte sie nun in einem sehr dicken Buch. „Ja richtig, hier steht es, sie haben es verdient. Weiter, was sonst noch?“

Etwa Schamröte auf dem Gesicht des Unwichtigen? Nicht genau zu bestimmen, aber beinahe hätte er – oder was von ihm noch übrig war – geschluchzt, bittere Tränen der Reue geweint. „Ich habe dringend Geld gebraucht für Sex, Drogen und Rock´n´Roll. Du verstehst schon, ich war abhängig und da habe ich mein angetrautes Weib auf den Strich geschickt.“

„Ehrliche Frauenarbeit schändet nicht, vor allem, wenn sie einem guten Zweck dient. Also weiter.“ Stimmchen war schwer in Ordnung, wahrhaft einsichtig.

„Ich betrog mein Weib mit einer Unzahl von anderen Weibern … Mir war halt danach.“

„Nun, ein Mann braucht, was er braucht. Kann die eigene Blume keinen Honig liefern, muss er eben seinen Stachel in fremde Blüten stecken.“

Der unbedeutende Mann – oder das, was von ihm noch übrig war – hegte den Verdacht, dass diese innere Stimme ein ziemlicher Macho sein könnte. Und dieser Verdacht wurde von seiner Inneren auch prompt bestätigt: „Frauen sind ebenfalls Möglichkeiten, unterschiedliche Wannen sexueller Erfüllung, in denen die kreativen Wünsche eines wahren Mannes allemal baden dürfen.“

Das war hart. Auf den Ort bezogen, der ihn umschwebte, schon mehr als verwunderlich. „Und das soll eine Wahrheit des Himmels sein?“

„Des Raumes, einzig und allein eine Meinung des unendlichen Raumes. Du weißt doch, es gibt keine Wahrheit, sondern stets nur eine Meinung. Du magst alles transponsiv oder auch interprekativ betrachten und danach auszuwerten versuchen, letztendlich kommst du stes nur zu einer Meinung. Schau dir hier die unzähligen Türen an, alle verbergen Spielarten von drei dir verbleibenden Möglichkeiten in diesem besonderen Raum. Glaubst du da tatsächlich, dass es bei dem gewaltigen Angebot nur eine Wahrheit gibt?“

Der unerhebliche Mann – oder was von ihm noch übrig war – zweifelte. Spielarten seiner drei Möglichkeiten? „Wenn das so ist, was …“

Stimmchen unterbrach auf der Stelle: „So ist das keineswegs! Selbst das war eine Meinung. Du solltest schon selbst herausfinden, welche der wahren Meinungen zu dir passen.“

Der Bedeutungslose wurde langsam sauer: „Moment einmal, ab jetzt reden wir bitte Tacheles …“

„Das ist mein wahrer Name.“

„Wirklich? In voller Wahrheit? Das ist ja geil, die Stimme in mir mit jüdischer Offenheit? Macht aber nichts, ich hegte längst den Verdacht, ein entfernter Abkömmling des gelobten Volkes zu sein. Also Tacheles, meiner Meinung nach habe ich nun nichts mehr zu beichten, für gar nichts mehr Rechenschaft abzulegen. Darf ich jetzt bitte zu meinen Fenstern?“

„Du meinst, deiner Meinung nach? Doch meine Meinung ist, und die, nebenbei gemeint, gilt, steht auch in dem großen Buch, aus dem Er, Gott, Sich gleichfalls Seine Meinung bildet, dass sehr wohl noch etwas zu besprechen wäre. Du hast getötet!“

„Um Himmels Willen, habe ich nicht!“ Der Unwichtige war baff.

„Hast du doch! Nur um zu fressen und Fressen zu kochen, hast du jede Menge tierisches und pflanzliches Leben vernichtet. Allein bis vorgestern hattest du bereits neuntausendsiebenundzwanzig Pfund Fisch und Fleisch verzehrt, die vielen Wachteln, Tauben und Enten, die du dein Leben lang so gerne geschmatzt, gar nicht erst mitgezählt. Und dann noch der Salat, das ganze Gemüse, Berge von Obst und die vielen Kräuter. Alles Leben, von dir zerkaut, danach tot und stinkend in deinem Gedärm.“

„Und was war gestern?“ Der Belanglose vermochte sich nicht mehr zu erinnern.

„Da gab es Pfannkuchen.“

„Ach ja richtig und fast schon vergessen, obwohl sie mich dermaßen gebläht. Aber gestatte mir doch die Frage, wovon hätte ich mich deiner maßgeblichen Meinung nach stattdessen ernähren sollen? Wachsen, gedeihen, mein Leben erhalten?“

„Das weiß der Geier. Vielleicht von den radices dulces cognitii.“

„Halt, was ist das schon wieder?“

„Die süßen Wurzeln der Erkenntnis, Meinungen. Doch leider wachsen jene hinter den Türen.“

„Na dann guten Appetit! In diesem Fall würde ich es jedoch vorziehen, mich wie in meiner Vergangenheit zu verköstigen. Und, wenn du nichts dagegen hast, ich schaue jetzt durch diese Fenster.“

 Der farblose Mann war mehr als neugierig und wurde enttäuscht. Vorerst. „Was ist denn das? Ich kann kaum etwas sehen, das Licht ist zu schwach. Einzig und allen entfernte Schemen, möglicherweise ein altes Segelschiff aus Holz vor einer ziemlich dunklen Insel. Das ist doch niemals meine Vergangenheit?“

Tacheles verkündete in aller Ruhe: „Du entdeckst gerade Amerika.“

„Kolumbus, spinnst du? Ich und Kolumbus? Das muss wohl eine Verwechslung sein.“

„Im unendlichen Raum existieren keine Verwechslungen, einzig und allein die verschiedenen Spielarten der drei Möglichkeiten. Aber bitte, wenn der gnädige Herr meinen – oder das, was von ihm noch übrig ist –, ich kann ja mal nachblättern. Hier, hier steht es genau. Es stimmt, du warst einer der Entdecker, allerdings nur der Koch. Wie immer halt, gleicher Beruf, aber in einem anderen Körper.“

„Das ist ja geil!“

„Nicht besonders originell, deine Antwort.“

Der unbedeutende Farblose ging zum nächsten Fenster. „Wenigstens ein bisschen heller. Und ein ziemlich wackeliges Gerüst. Da kniet einer, wartet der etwa auf seine Enthauptung? Ah, ich hab´s, die Französische Revolution! Vielleicht Robespierre und seine Guillotine?“

„Bockmist“, die Stimme wurde grob, „wie oft soll ich dir das noch sagen, du warst Koch in wechselnden Körpern. Der da ist Escoffier, ein großer Küchenkünstler, schaut gerade von einem Baugerüst der berühmten Opernsängerin Melba beim Baden zu und benennt später eine Nachspeise nach ihrem Pfirsichhintern. Pass auf, gleich fällt er von der Leiter.“

„Ja leck mich doch am Arsch, also gibt es sie wirklich, die Seelenwanderung.“ Es war schon erstaunlich, was ein Mann nach seinem Tode alles erfährt, und dieses Erstaunen brauchte Ausdruck.

„Einen Arsch besitzt du zwar nicht mehr, aber ansonsten geht das in Ordnung. Du bist nun wieder Seele, und du Seele warst immer die selbe Seele, und du Seele bleibst auch ewig die selbe Seele. Der Rest waren und sind nur Körper, Modelle, die gewechselt werden.“

„So ist das also. Nun gut, doch wie steht es dann um meine jüngste Vergangenheit? Ich kann da leider gar nichts erkennen.“

Tacheles winkte ab. „Deine jüngere Vergangenheit wirf wohl nicht wichtig für die Weltgeschichte gewesen sein, deswegen bleibt dieses Fenster auch unbeleuchtet. Gehen wir zu den Türen.“

Sie gingen, der Unwichtige warf noch einen kurzen Blick zurück. „Halt, Stimmchen, jetzt flackert was! Ein Licht … wird heller … scheint doch etwas los gewesen zu sein.“

„Lass mal sehen! Ja, tatsächlich, sie errichten dir ein Denkmal.“

„Wer errichtet mir ein Denkmal? Warum, wieso, was sind das für Leute?“ Die ungeduldige Seele zappelte, ungeduldiges Seelchen schrie sogar.

„Bewohner der Stadt D, ein Denkmal mit einem großen Kochlöffel darauf. Aufschrift: IN MEMORIAM COQUUS MAGNUS.“

Die arme Seele war verwirrt: „Die überaus ehrenwerte Stadt D? Wieso kommen die Bewohner der berühmt berüchtigten Stadt D dazu, ausgerechnet mir ein Monument zu widmen? Die haben mich zu meinen Lebzeiten doch völlig übergangen, sogar in den Ruin getrieben, mir das Geschäft und mein Zuhause genommen. Mich letztendlich auch noch vor ihre Tore  geworfen. So war das und nicht anders.“

„Ist das ein Wunder? Du hast schließlich die meisten ihrer Frauen gevögelt, was deren wichtigen Männer selbstverständlich niemals öffentlich eingestehen konnten. Logisch, dass sie ärgerlich auf dich waren.“

„Tacheles, sagtest du nicht: Was ein Mann braucht, das braucht ein Mann? Aber warum dann trotzdem ein Denkmal für mich? Ich meine, wenn sie schon sauer waren.“

„Die Frauen, ihre Frauen stecken dahinter. Es hat ganz den Anschein, als ob du sehr gut gewesen bist, wenigstens auf diesem einen bestimmten Gebiet.“

„Ein Mann ist, was ein Mann ist, und mein Ich-Trieb bleibt hoffentlich auch mein Ich-Trieb!“

„Larifari, gehen wir lieber zu den Türen und suchen deine Möglichkeiten.“ Stimmchen erneut sehr bestimmt.

„Also, dir stehen nun drei Möglichkeiten zur Verfügung, oder, wenn dir das lieber ist, drei Bilder: Glaube, Hoffnung und Liebe.“

Der bedeutungslose Mann war erstaunt: „Warum nur so wenig, mein Stimmchen? Der Raum besitzt doch unzählig viele Türen. Ich denke, da müsste sicherlich mehr angeboten werden als nur der alte kirchliche Sermon. Zum Beispiel: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit!“

„Satans Werk, igittigittigitt! Wie kannst du nur? Außerdem ist in Glaube, Hoffnung und Liebe ja schon alles erdenkliche Bedenkliche erhalten. Da braucht es nicht mehr. Weiterhin gehören die unendlich vielen Türen gleichfalls zu unendlich vielen erlösten Seelen, für die ebenso die gleichen Spielarten der drei himmlischen Wunschvorstellungen gelten. Selbst für erlöste Kommunisten oder ähnlich mindere Lebewesen. Gerade erst habe ich mich mit einer gelben Tulpe unterhalten, sie wählte die Liebe, wollte einzig allein mit ihrem Stängel in Marylins zarten Händen liegen. Brave Tulpe, und ihr Wunsch wurde erhört.“

„Und was meinte die Monroe dazu?“

„Auch ihr gehörten selbstverständlich drei Möglichkeiten, und sie entschied sich ebenfalls für die Liebe. Nun ruhen Marylin und der Stängel in ihren Händen friedlich vereint.“ Stimmchen schwoll an: „Es reicht jetzt, dein erstes Bild, aber dalli!“!

„Ich wähle, ja was wähle ich denn? An sich möchte ich erst einmal ganz unverbindlich, sozusagen mit einer Rücktrittsgarantie eine kleine Tür des Glaubens.“

„Selbstverständlich, mit Rücktrittsgarantie. Und welche Art oder Abart von Glauben wünscht der gnädige Herr?“

„Ich dachte bisher, es gibt allein den wahren Glauben, den mit Lobpreisen zum guten Schluss, Halleluja- und Hosianna-Singen. Glaube an die rundherum strahlende himmlische Seligkeit.“

„Guter Mann – oder was von dir noch übrig ist –, du denkst zu viel. Und das meine ich absolut ernst. In diesem von dir angesagten Glauben ist Denken nicht gefragt. Aber bitte, hier ist die Tür. Halt, nur bis zum Fußabstreifer, von wegen Rücktrittsgarantie und so.“

Farben und Töne begannen sich untereinander zu mischen. Aus den Fellen von Trommeln, geschlagen von schwarzen Riesen im lila Ornat – Taktmeister, Zuchtmeister – stiegen blaugraue Wirbel kirchlichen Staubes. Von Kränzen aus blutroten Rosen in Demut umschlungen, von Kanzelgetöse in Gehorsam durchdrungen, duckten sich weiße Seelen wie katholisch erwünscht, schrien das Preisen aus heiseren Kehlen. Und unerbittlich dröhnten die Trommeln. Zwingender Rhythmus, in dem Seelchen mit muss:

Miteinander Hosianna,
Jubilate der Oblate.
Halleluja,
Heiliger Stuhl da.
Urbi et orbi!

Niemals mehr schweigen,
Jauchzen im Reigen
Vom Takt wild gepackt.
Der Pax sei vobiscum
Trotz Knacken im Bistum.

Ein Seelchen ist nackt!

 Der fahlblasse Mann wunderte sich: „Stimmchen, wieso ist eine Seele nackt?“

„Nur eine? Nicht mehr? Das wundert mich denn auch. Normalerweise frisst dir dieser Glaube bereits kurz nach deiner Geburt das erste Hemd vom Leib, vom letzten nach dem Tode ganz zu schweigen.“

„Tacheles, mir gefällt es hier nicht. All diese weißen Seelen haben so einen belämmerten Ausdruck in ihren seligen Gesichtern. Verstehst du, so etwa wie Opferlamm Gottes.“

„Massensuggestion, pure Massensuggestion. Aber du – oder was von dir noch übrig ist – musst hier nicht bleiben, besitzt immer noch zwei andere Möglichkeiten.“

Und wie zur frommen Bestätigung drehte sich ein riesiger Trommler um und brüllte ein paar heilige Sprüche: „Ora et labora! Weiche, du Heide! Und mach die Tür zu, hier zieht´s!“ Farben verblassten, Töne verstummten, die erste Tür schloss sich ernsthaft beleidigt.

 „Das war wohl eher nicht mein Fall, gute Stimme. Als nächstes wähle ich die Liebe, und bitte ebenfalls mit Rückfahrschein.“

Stimmchen nickte: „Also wie gehabt. Es sei, doch möchtest du die rein körperliche oder eine von sinnlicher Begierde freie, mehr geistige Liebe? Vielleicht eine in der Art, von der Brentano einst schrieb: Das mit der richtigen Liebe zu Liebende, das Liebenswerte, ist das Gute im weitesten Sinne des Wortes.“

„So rein und gut dann wiederum auch nicht, ein unanständiges Maß an sinnlichen Körpern dürfte durchaus sein. Nun guck nicht wie ein Auto, war nur ein Scherz. Nein, in der Liebe habe ich meine Illusionen: Sie sollte ruhig und aufbrausend zugleich, erst glatt und kühl, dann wärmer, leichtgekräuselt bis hin zu heißen, stürmischen Wellen sein. Sie müsste mich durchdringen, durchströmen, mich erfüllen, ein unverzichtbarer Teil meines Wesens werden. Sie muss mein Dasein begleiten, ja, diese Liebe müsste mein Dasein sogar erhalten. Sie selbst sollte jedoch uneigennützig sein, niemals besitzergreifend auf mich fixiert. Weiterhin müsste sie meinen Körper – oder, meinetwegen, was von ihm noch übrig ist – pflegen, ihn erfrischen, durch immerwährende Anwesenheit dafür sorgen, dass mir Verzicht nicht mitttels böser Säfte Pickel auf den Hintern zaubert. Und auch wenn ich sie im Übermaß genieße, sogar in blinder Leidenschaft durchschwimme, dürfte eine wahre Liebe nicht zerstören, mich niemals ersticken. Ja, sie sollte großmütig sein, zwar immer in Bewegung und dennoch überaus nahe.“

„Brav gebrüllt, mein Freund! Auch lautmalerisch durchaus ansprechend und in der Wortwahl wohl überlegt. Besonders das mit den Pickeln am Arsch, den du ja nicht mehr hast. Na gut, dann werde ich dir mal deine Liebe im unendlichen Raum zeigen. Da ist die Tür, doch denke erneut an den Fußabstreifer.“

 Türflügel schwangen auf, still ruhte ein See, und ein wenig lud er auch zum Bade. „Ein See, Wasser, einzig und allein Wasser? Ist das alles?“

Tacheles grinste wässrig: „Wie, ist das alles? Du hast sie doch wie Wasser beschrieben, deine Liebe. Und hier ist es, das Ruhige, die Kühle, das Kräuseln und manchmal selbst ein wildes Wogen. Hör mir zu, du wurdest nun mal dafür geschaffen, Weiber wie das Wasser zu lieben, so wie der Wind dazu erkoren ward, Wellen zu kräuseln, Wogen zu werfen … Mann, das war jetzt geradezu genial, diesmal von mir mit Worten gemalt. Manchmal wundere ich mich fast über mich selbst, echt geil. Trotzdem, weiter im Text. Und das Wasser liebt dich auch. Schau nur in diesen See, ein Spiegel der Wahrheit, er wird dir – oder dem Rest, der von dir noch übrig ist – seine Liebe beweisen, dir sagen, wer und was du wirklich bist. Also sieh hinein und sage mir, was du erblickst.“

Hatte er das nicht sein ganzes Leben gemacht, in den Spiegel geblickt und sich gefragt, wer er eigentlich ist? Und nun erneut eine Bestandsaufnahme? Irgendein Jemand, irgendein Etwas, der oder das ihn vielleicht sogar liebte, wollte schon wieder wissen, wer er in Wirklichkeit war. Scheiße, er wusste es doch selbst nicht. Warum also erneut ein Spiegel? Und normalerweise wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, aus diesem Trauma zu erwachen, an den See zu gehen und mal kurz hinein zu pinkeln. Er musste immer pinkeln, wenn er zu viel Wasser sah. Genauso wie nach Liebe. Aber er war in keinem Trauma, er war tot. Kein gnädiges Erwachen, nie mehr, und das drückte auf seine Stimmung. Missmutig trat er auf den Fußabstreifer der Rückfahrversicherung und starrte in den See. Der See starrte zurück. Sonst nichts. Nur nichts. Kein Bild, keine Identifikation, einfach nichts, was er auf sich beziehen konnte. Er sah allein Wasser. „Ich sehe nur Wasser.“

„Ist wohl sonst nichts mehr übrig von dir.“ Die Stimme lachte sich einen Ast, auf dem sie fröhlich turnte. „Logisch, fünfundsechzig Prozent von dir sind Wasser. Aqua vitae, das Feuchte liegt in deiner Natur. Und wenn du ehrlich bist, ist Wasser ebenso der Urstoff jeder Liebe.“

„Wie bitte? Ich bin normalerweise durchaus für Rätsel zu haben, doch das ist mir jetzt zu hoch und zu blöd. Ich kann auf das Wasser gut verzichten, und auf die Liebe, so wie ich sie mag, werde ich es wohl müssen. Nein, mein Stimmchen, schließen wir diese Tür, ich wähle die Hoffnung. Die Hoffnung ist grün.“

Grün ist die Hoffnung, grüne Bewegung. Wallen und Wogen, Kräuseln und Säuseln wie spielender Wind in einem frühlingsgrünen Haferfeld. Unzählige Strippen, Bänder, Schnüre und Fäden tanzten vor seiner Nase, an allen hingen hellgrüne Zettel.

Der fahlblasse Unwichtige wich unwillkürlich zurück. „Was soll nun wieder dieses Strippenzeug?“

„Seidene Fäden! Hoffnungen hängen immer an seidenen Fäden.“

„Und das Gewackel?“

„Schwankende Hoffnung, die müsstest du doch kennen.“

Stimmchen wusste Bescheid, und wie er die kannte. Zum Beispiel die schwankende Hoffnung, ob endlich einmal die Richtige käme. Derart oft gehofft und doch nie erfüllt. Dafür meistens Blondinen, ausnahmsweise glatte Schönheit und geistlose Körper, die im Alter von Fettheit gebläht. Ähnlich die Schwarzen, glühende Kohlen von knisternder Geilheit, welche sich im eigenen Feuer verzehrt. Selbstgefällige, nichts übrig für einen Partner, allerdings stolz vor einem Spiegel, dem Ort, an dem ihre Jahre vergehen. Kaum anders die Braunen, willfährige Seelchen, immer anwesend und immer um einen klebrig herum. Stets gute Laune – oftmals bis zum Kotzen –, streichelnd, schmeichelnd, schnurrend, gurrend, nie auch nur ein bisschen murrend. Bäääääh, am Halse hängend, zum selben heraus hängend!

Leider niemals gekannt die Roten – heißes Bedauern –, die Töchter des Mondes. Möchtegern-Gespielinnen in schlaflosen Nächten, schwüle Gedanken, nie erfahren Salomes Charme. Kupferrote Haare, Fahnen der Wollust, wehend getragen von Lilith, dem Weib, das lange selbst vor Eva war. Sie hatten seine Hoffnung gebildet, rothaarige Weiber, die das Wort Weib als Ehre begriffen. Grüne Augen und Sommersprossen auf heller Haut, schlanke Körper, leicht umflossen von hellgrauer Seide. Anbetungswürdige Geschöpfe, allein diese Hoffnung blieb unerfüllt.

Neben den wackelnden Aussichten auf die eine Richtige, das einzig zu ihm passende Weib, hatte es noch Hoffnung auf die Zukunft aller Kinder gegeben. Ebenfalls Zuversicht in die Macht ihrer alle Grenzen überfliegenden Musik. Gleiches Gefühl bei ihren Protesten, berechtigt aus Sorge um eine kranke Welt. Resultierend daraus sein Verständnis für die Bedürfnisse aller Heranwachsenden, gefolgt von Vertrauen, Einigkeit, Gemeinschaftsgeist und dem Willen zu gemeinsamen Lösungen selbst schwierigster Probleme.

Blah, Blah, Blähungen! Weiterhin die gleiche Scheiße, erst die Hoffnung, dann folgte bei gründlicher Sichtung die Resignation. Das alte Lied, immer und ewig der gleiche Mist: Habsucht, Neid und Missgunst. Warum hat er, was ich nicht habe? In voller Wahrheit war und ist Nehmen stets seliger denn Geben.

Auf den Feldern dieser Fehler gedieh jedoch eine andere Hoffnung, eine auf die Kunst. Provokation, Anregung zum Insichgehen in Stein gemeißelt, Monumente, die Jahrtausende lang mahnen. Oder Schönheit und Versprechen mit Öl auf Leinwand gebannt. Ebenso lyrische Worte, starke Sprüche, Herzen bewegende, schwarz auf weißem Papier. Aber was hat diese Kunst letztendlich gebracht? Wenigen Künstlern gebührendes Lob und für ihr kurzes Leben ausreichende Anerkennung. Ach ja, Denkmäler für sie, viele Denkmäler an wichtigen Plätzen: Denk mal nach! – Das ist doch schon etwas.

„Tacheles, ich weiß, dass ich nicht weiß, ob ich überhaupt noch Hoffnung will.“

„Na hör mal, wer bist du denn, dass du – oder was von dir noch übrig ist –, keinerlei Hoffnung möchtest? Oder wer warst du eigentlich, dass du hier einfach Glaube, Liebe und Hoffnung verleugnest?“

„Wenn ich darauf antworten soll? Nun, nachdem ich durch viele Fenster und Türen gesehen habe, war ich nur ein Mann, der mit allen erdenklichen Fehlern und wenig Tugenden ausgestattet war. Manchmal wurde ich in meinen verschiedenen Leben sogar fast vom Glück gestreift. Und es schien mir immer so, als wäre ich kurz davor, bedeutend zu werden.“

„Ach, du kommst zur Erkenntnis? Trotzdem darfst du nicht ohne jegliche Hoffnung sein, nicht hier im Raum der einzigen drei Möglichkeiten. Nachdem du Glaube und Liebe abgelehnt hast, wie willst du nackt im Totenreich bestehen? Also zier dich nicht und greif nach einem Zettel. Nun mach schon!“ Tacheles schien es auf einmal eilig zu haben, Stimmchen drängte.

„Okay, weil du es bist, und weil wir stets so inniglich verbunden waren. Hier habe ich einen. Holla, da hängt ja ein Würfelbecher dran? Papier und Würfel, Donnerwetter Stimmchen, damit kann ich locker im Totenreich leben, wenn vielleicht noch eine gute Flasche Wein dazu kommt.“

„Kein Sarkasmus mehr, bitte, lies lieber vor. Ach Quatsch, gib mir den Zettel, bevor ich noch vor Neugier platze. Also da steht … Monopoly! Würfle und setze alles auf die Hoffnung, dass deine Gedanken für Jedermann lesbar in dicken Büchern abgedruckt werden. Wenn du jemals aus diesem Gefängnis zur schönen Aussicht frei kommst, gehe erneut über das Los des Lebens. Dann erhältst du unter Umständen auch eine Rote.“

Der fahlblasse, unwichtige, bedeutungslose arme Mann breitete die Arme aus: „Ich danke! Tausendmal Dank! Ein wahrer Segen des unendlichen Raumes. Ich – oder was von mir noch übrig ist – darf hoffen auf die Einzige, die zu mir passt, auf eine wunderschöne rote Blüte. Ich liebe sie schon jetzt. Aber weil wir gerade beim Thema sind, Tacheles, und in aller Offenheit, was ist denn eigentlich noch von mir übrig?“

„Einundzwanzig Gramm, die sich morgen bei Gott im Himmel vorstellen werden.“

 

Hans-Dieter Heun
(Alle Rechte beim Autor)

 

Ausflug in die Vergangenheit

Nach Hans-Dieter Heuns Märchen Das melancholische Bibabirnentalerbutzengirl folgt nun ein weiterer Gastbeitrag; diesmal von einer jungen Autorin, die gerne anonym bleiben möchte und sich deshalb nach einer Figur aus meinen Geltsamer-Romanen Verena Salva getauft hat. Es ist eine intime, melancholische Annäherung an die eigene Kindheit und ihren längst verstorbenen Großvater. Danke für diesen Text, Verena, auch wenn es mich vor Lakritze, besonders in der gesalzenen Version, ziemlich gruselt!

Ich freue mich schon auf die nächste Geschichte und möchte noch einmal meine schreibenden Kollegen an mein Angebot erinnern, dass sie hier auf meinem Blog jederzeit einen Text veröffentlichen können.

 

Ausflug in die Vergangenheit

Eine Kurzgeschichte von Verena Salva

lakritze1

Immer wenn ich in besonders schlechter Stimmung bin oder sich meine Muse wieder einmal in den Untiefen meiner Seele versteckt hat, greife ich zu einer ganz besonderen Süßigkeit: den Lakritzschnecken. Gerade jetzt, wenn es durchgehend regnet, brauche ich diese Nascherei besonders oft. Mein Freund verschmäht diesen Süßkram. Er versteht nicht, warum ich gerade Lakritze so gerne mag. Erklären kann ich es nicht wirklich. Dennoch – und so lächerlich sich das anhört – fühle ich mich dieser Süßigkeit ganz besonders verbunden …

Es ist bereits dunkel draußen, wieder regnet es. Ich, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, sitze auf dem schweren Ledersofa meiner Großeltern. Die Wochenenden, die ich bei ihnen verbringen darf, gehören zu den glücklichsten Erinnerungen, die ich später an meine Kindheit haben werde. Vorsichtig lege ich meine Hand auf das Fell des belgischen Schäferhundes, der sich neben mir breit gemacht hat. Die große, gelbe Hündin hebt ruckartig den Kopf und sieht mich aus ihren klugen Augen misstrauisch an. Wie immer, versuche ich nicht zurückzuzucken. Nach einem kurzen Augenblick befindet sie meine Berührung als tolerierbar und legt ihren Kopf mit einem leisen Seufzen wieder zurück auf die Sofalehne.

Mein Großvater liegt auf dem Zweiersofa, das im rechten Winkel zur großen Couch ausgerichtet ist und sieht zwischen seinen Füßen hindurch gebannt auf den Fernseher. In meinen Augen hat er unglaublich große Füße und immer stecken sie in den scheußlichen Wollsocken, die meine Urgroßmutter so liebend gern strickt und zu jedem Anlass verschenkt.

Opili (so dürfen wir ihn nennen und eine Zeit lang dachte ich sogar, das sei sein Name) ist ein großer Fußballfan. Er sieht sich jedes Spiel an, das von seiner Lieblingsmannschaft Werder Bremen im Fernsehen übertragen wird. Gerade läuft wieder so ein Spiel und weil ich eben nichts Besseres zu tun habe und das Buch mit den Zwergen dieses Wochenende auch schon durchgelesen habe, schaue ich mit ihm in die Röhre.

Auf dem Bauch meines Großvaters liegt eine Tüte mit Lakritzschnecken. Er isst sie bei jedem Spiel. Ich verstehe nicht, warum er diese Süßigkeit überhaupt mag. Aber er hat viele dieser merkwürdigen Vorlieben: Er isst zum Beispiel zu jeder warmen Mahlzeit Essiggurken aus dem Glas, steht nachts oft auf und macht sich Marmeladenbrote und hat mindestens schon ein Dutzend Mal mit dem Rauchen aufgehört, seit wir uns kennen. Und ich kenne ihn ja nun schon mein ganzes Leben lang.

In genau diesem Moment, als wüsste er, dass ich ihn schon seit einer Weile beobachte, hält er mir die Tüte mit den Naschereien hin. Er sieht mich nicht an und er spricht auch nicht. Bei Fußballspielen darf nicht gesprochen werden, sagt er immer. Das stört seine Konzentration. Schnell beeile ich mich eine Lakritzschnecke aus der Tüte zu fischen. Dabei passe ich mich auf, dass sich meine rechte Hand, die immer noch auf dem Fell der Hündin liegt, nicht bewegt. Sie ist für mich nicht ganz berechenbar und auch, wenn sie nicht beißt, so kann es gut sein, dass sie knurrt, wenn ihr etwas nicht passt. Das will ich nicht, denn erstens erschrecke ich mich dabei immer und zweitens möchte ich meinen Großvater nicht stören. Dieser zieht die Tüte wieder zurück und holt sich unter leisem Rascheln ebenfalls eine Süßigkeit heraus, steckt sie sich ganz in den Mund und kaut darauf herum.

Auch, wenn ich nicht verstehe, warum er Lakritze so gerne mag und sie für mich einfach komisch schmeckt, esse ich sie dennoch. Vorsichtig nehme ich das Ende zwischen die Zähne und rolle die Schnecke auf.

Ich werfe einen hektischen Blick in den Wintergarten. Dort sitzt, bei düsterem Licht und die Lesebrille auf der Nasenspitze, meine Großmutter und liest einen ihrer Heimatromane. Später, wenn ich vierzehn Jahre alt bin, werde ich selbst einmal diese Romane lesen. In dieser Zeit wird kein Buch vor mir sicher sein. Doch auch, wenn ich jeden der Romane meiner Großmutter gelesen haben werde, werde ich nicht verstehen, was sie daran findet. Wahrscheinlich kann ich einfach nicht so gut mit der Protagonistin Erika mitfühlen, die sich einfach nicht zwischen dem Jungbauern Franz und Großstädter Viktor entscheiden kann.

Meine Großmutter sieht nicht auf, als ich zu ihr schaue. Sie hat nicht mitbekommen, dass mein Großvater mir heute zum wiederholten Male eine Lakritzschnecke gegeben hat. Das ist gut so, denn sie sieht es nicht gern, wenn ich diese Süßigkeit esse. Das sei nichts für Kinder, sagt sie immer, und überhaupt sei es ganz schlecht für die Zähne und ich könnte danach ja sowieso nicht schlafen. Das stimmt so nicht, das kann ich bezeugen. Immer, wenn sie mich erwischt, muss ich nämlich ins Bett und ich habe nie Probleme mit dem einschlafen.

Diesmal erwischt sie mich nicht, sie ist zu gefesselt von Erika und ihren Entscheidungsschwierigkeiten, und diesmal muss ich auch nicht ins Bett.

Glücklich kaue ich auf meiner Lakritzschnecke herum, meine rechte Hand liegt immer noch auf dem warmen Fell der Hündin. Und mit einem Mal stelle ich fest, dass ich diese Nascherei sogar ganz gerne mag. Sie gibt mir ein Gefühl der Sicherheit und der Geborgenheit und in über dreiundzwanzig Jahren, wenn ich an meinem Schreibtisch sitzen werde und mich an die Zeit zurück erinnere, werde ich feststellen, dass dies immer noch der Fall ist.

Verena Salva
(Alle Rechte bei der Autorin)

 

Das melancholische Bibabirnentalerbutzengirl

Mit diesem bewährt skurrilen Gast-Text über ein gemeines Birnenkomplott von Hans-Dieter Heun möchte ich  wieder die gute, alte Tradition aufleben lassen, befreundeten Autoren hier auf meinem kleinen, aber feinen Blog ein Asyl für ihre Geschichten (bitte, bitte keine Lyrik!) anzubieten. Falls du, mein lieber Freund und Schreiberling, also einen Text in deiner Schublade ruhen hast, für den du noch keine Unterkunft gefunden: Dann melde dich doch einfach bei mir.

Und nun viel Vergnügen mit diesem quer-, starr- und hintersinnigen Märchen des Herrn auf Tabor:

Das melancholische Bibabirnentalerbutzengirl

Ein Märchen von Hans-Dieter Heun

Es war einmal ein goldiges, superklitzekleines Mädchen namens Sabirne. Es hatte kein Bettchen zum Schlafen und kein Zimmerchen, um darin zu wohnen. Denn seine unlieben Eltern, bekennende Veganer, die an sich für Bettchen und Zimmerchen hätten sorgen müssen, brachten sich vor lauter Verzweiflung über den Kaumwuchs des Kleinstkindes mit einem Tofuburger – der allerdings von Knusperknäuschenschweinespeck durchzogen war – selbst um ihr veganes Leben. Darob verfiel das Minimädchen in tiefe Melancholie und weinte gar manche bittere, wenn auch winzige Zähre.

Unweit des Keinbettchens und des Nichtzimmerchens wurzelte in einem geheimnisvollen goldigen Birnenwald ein besonders riesiger goldener Birnbaum. Der wurde ob dieses Kindleins Elend vom Mitleid schier überwältigt und bot flugs dem Zwergkindchen an, es – als grüne Birnbaumblattlaus verkleidet – zwischen seinen vielen Blättern und Zweigen wohnen zu lassen. Da jedoch im Birnbaumgeäst ebenfalls der übermächtig grausame Birnbaumblattlausfresskäfer hauste, verzichtete Sabirne schwersten Herzens auf die bestens gemeinte Hilfe. Statt eines gemütlichen Birnbaumappartements wollte sich die schwerstherzige Pimpfin lieber eine total verschimmelte, depressiv machende Souterrainbude im großen weiten Birnenwald suchen. Der besonders riesige goldene Birnbaum nahm der Göre das aber keineswegs übel, sondern schenkte ihm sogar drei besonders riesige goldene Birnen für seine Reise. Einigermaßen dankbar knickste das Winzigdingelchen und machte sich mit ihrem Obst auf den Weg.

Der Birnenwald war duster, kalt und alt. Kaum minimale Meter gewandert, traf die unterdurchschnittliche Kleine auf eine seelenverwandte Däumlingin mit gleichfalls eindeutig melancholischen Anwandlungen. Jene Daumenlutscherin fror es arg wegen der herrschenden Dusternis und Kälte an den roten Haaren, in den jadegrünen Augen, im sonnengepunkteten Gesicht und hier ganz besonders an den zierlichen Öhrchen. Aus schierer Empathie schenkte ihr die Birnenlütte das eigene Birnenmützchen, darüber hinaus eine güldene Birne und gab ihr noch dazu den kostenlosen Rat: „Der große Birnbaum segne dich.Tausche seine goldene Birne gegen harte Birnentaler ein und kaufe dir einen wunderwarmen Hut, mindestens so schön wie einer aus dem Hutschrank der Königin vom Engelland.“ Puff machte es und Knuff, ein Wölkchen mit Birnenblütenduft quoll, und schon war die Beschenkte im Kaufrausch nach Engelland verschwunden. Immerhin, die Schwermut der Bobabirnenbutzenlütten hatte sich ob ihrer guten Tat um einen Blattlaushupf gelüpftet.

Sogleich erschien ein nächstes ultramagersüchtiges, deswegen gleichfalls schwermütiges Winzigfräulein und bat um ein Leibchen, da es wegen Hungerleidens obenrum entsetzlich fror. Das Birnenbutzelchen schenkte der Elendiglichen ihr aus feinen Birnenfasern selbstgestricktes Oberteil mit der handgestickten Inschrift „Und ewig rauschen die Birnenwälder“. Zusätzlich die obligatorische goldene Birne nebst den üblichen kostenlosen Rat: „Tausche die weiche goldene Birne gegen knallharte Birnentaler ein und kaufe dir ein Bustier der Wäschemarke Triumph, das formt deine Figur.“ Puff und Knuff, der Magerquark hatte sich in Birnenwaldluft aufgelöst. Dafür war nun Sabirne oben ohne, jedoch fast fröhlich von der erneut guten Tat.

Mittlerweile war es im Birnbaumwald nahezu Nacht geworden. Da trat ein exhumierter Exhibitionist namens Jacob Grimm hinter einem Zwergbirnenbusch hervor, unten herum leuchtend vor fahler Blöße. – Nein, oh nein, das durfte nicht sein, niemals nimmer nicht der exorbitante Jacob in einem Birnenmärchen. Rasch wie der duftende Birnenwind zog Sabirnchen ihr Röcklein aus und bedeckte mit ihm die Unkeuschheit des somit Ex-Hibitionisten. Desweiteren schleuderte sie aus übergroßer Angst vor den eigenen unkeuschen Gefühlen die letzte goldige Birne genau dorthin, wo es der ehemalige Hibitionist Jacob an und für sich am liebsten hatte. Freudigst birnenüberrascht machte der „Uhmmmpf“ und sang auf der Stelle sein Lied vom Bibabutzenbirnenbaum. Ein geradezu unheimlicher Song, dessen niederdrückende Schwermut durch Birnenmark und Birnenbein ging.

Blätter raschelten unmutig, Äste mit reifen Früchten bewegten sich zornig. Was würde geschehen? War Sabirne nun zu ewiger Melancholie verdammt? Nahezu unlösbare Rätsel. Da, urplötzlich wurde der alte, riesige, per se goldige Birnbaum von ungeheurem Furor überbäumt und schrie: „Birniget ihn, birnigt den Zipfivorzeiger, diese hundsgemeine Glühbirne, diesen hinterfotzigen Birnenholzbettbrunser Jacob, birniget ihn!“ – Man glaubt es kaum, der Birnenbaum war Niederbayer. Die anderen Birnbäume ebenso, ergo folgten sie nur zu willig der Aufforderung, ihre Früchte flogen, und Jacob …

Das war´s. Das Märchen vorbei. Nun ja, vielleicht wäre noch erwähnenswert, dass eine aus der Reihe fliegende weiche Birne das Wachstumszentrum im Kleinsthirn von Sabirne traf. Das Minihirn erwachte aus seinem Birnen-Koma, das Butzengirl wuchs und wuchs und erblühte letztendlich zu einer wunderschönen Prinzessin mit satten Birnenformen. Ja, sogar zur Dirnenkönigin der letzten zweihundertvierundsechzig Herbste wurde es erkoren, wie die Fama berichtet.

Als Erzähler dieser Birnenmoritat möchte ich mich noch herzlichst beim 1.VC Gartenlaube, Unterabteilung Autoren und nachgeordnete Lyriker bedanken, dessen wöchentliche Kameradschaftsabende bei Birnenmost mir stets eine Quelle aufbauender Inspiration gewesen sind. Weiterer inniger Dank gilt meinem unbekannten Vater, welcher mich nach etlichem Birnengeist trotz heftigsten Widerstandes meiner Mutter gezeuget hat. Doch möge auch sie im Frieden mit Birnen ruhen.

Hans-Dieter Heun
(Alle Rechte beim Autor)

 

Sammy Davis Jr. – Eine Geschichte von Hans-Dieter Heun

Zur Abwechslung mal wieder eine kleine Story von Hans-Dieter Heun, dem bäuerlichen Philosophen (oder philosophischen Bauer?) vom Heiligen Berg Tabor. Neben seiner bienenfleißigen Tätigkeit als Autor und Landmann leitet er auf Facebook das sehr erfolgreiche literarische Form „Arme Poeten“, und arbeitet seit Neuestem als Ernährungsberater.

Dies ist übrigens der 350. Beitrag auf meinem Blog.

Viel Vergnügen.

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Sammy Davis Jr.

Ich schwöre bei meinen drei letzten, mittlerweile toten Hunden, aber mir ist wirklich nicht mehr bewusst, warum ich ausgerechnet heute am frühen Morgen Mr. Bojangles von Sammy Davis Jr. hören wollte. Mindestens 34 Jahre bin ich ohne Mr. Bojangles ausgekommen, warum dann ausgerechnet heute?

I knew a man bojangles and he danced for you in worn out shoes“

Innerer Zwang? Jedenfalls fand ich den Song und legte ihn in meinen mir noch verbliebenen Plattenspieler. – Weihrauch wallte, Posaunen ertönten, es machte Dong … oder ein simples Yeaaah, meinetwegen auch Karakarabamm – was weiß denn ich noch –, und Sammy Davis stand leibhaftig in meinem Wohnzimmer.

Sammy sagte: „Hi Heun, Deine toten Hunde haben mir erzählt, du liebst meinen Song?“

Auf einmal stellte er sich in Position, sprang aus dem Stand hoch und schlug in der Luft mit den Hacken zusammen. Sammy war jetzt Mr. Bojangles, mein Gott, konnte der tanzen. Ausgefranstes Hemd, ausgebeulte Hosen, graues, fast silbernes Haar, und trotz seines Alters hat er ganz weich getanzt. Gesprungen aber ist er wie kein anderer, so hoch und trotzdem ganz zart aufgekommen.

Und dann sah er mich an, als wäre er die Weisheit in Person. Und dann sprach er von den fünfzehn Jahren, als er mit seinem eigenen Hund überall herumzog. Und dann ist sein Hund ebenfalls gestorben, und jetzt, in meinem Wohnzimmer, müsse er nach den vielen Jahren immer noch darüber weinen. Und sein toter Hund hätte meinen toten Hunden erzählt, dass ich seinen Song darüber überaus liebe. Und daher wäre er jetzt hier, außerdem wäre er nun eine saubere Fee. Und alle dreckigen Nigg … „Sorry“, und er sah nicht mich an, sondern entschuldigend zum Himmel. Und alle schmutzigen Mitglieder der afro-amerikanischen Bevölkerung würden nach ihrem Ableben saubere Feen. Und folglich hätte ich jetzt drei saubere Wünsche frei.

Aber anstatt sich um meine drei Wünsche zu kümmern, wie es sich für eine anständige Fee gehört hätte – ich dachte an sauberen Sex, Suff und Rock’n’Roll –, erzählte er von der Zeit, als er mit seinem noch lebenden Hund durch die Südstaaten tingelte. Er hatte nie eine Chance ausgelassen, in einer Tanzkneipe aufzutreten. In einer Tanzkneipe gab es immer was zu essen und vor allem was zu trinken. Aber die meiste Zeit hatte er wohl im Knast verbracht. – Ohne seinen Hund? Und wo waren eigentlich …

Wo waren eigentlich damals deine Freunde, Dean Martin und Frank Sinatra?“, wagte ich zu unterbrechen.

Wer?“, fragte er zurück, ziemlich verwirrt, und rollte mit seinen hervorstehenden Sammy Davis Jr. Augen. „Ach die, ja die schmoren heute in der siebenten Hölle, Abteilung für Vergewaltiger der Sangeskunst.“

Nein, ich meine damals, als sie noch lebten. Ihr ward doch nahezu unzertrennlich?“

Sammy, die saubere Fee, dachte lange Zeit ernsthaft nach. Dann schüttelte er bedauernd seinen silbernen Kopf: „Sorry, kann mich nicht mehr daran erinnern. Anscheinend doch zu viel Alkohol.“ Er begann zu summen „Mr. Bojangles“, setzte zögernd ein paar Tanzschritte.

Ich unterbrach ihn erneut: „Ich dachte, nur Dean Martin hat so furchtbar viel gesoffen?“

Abrupt blieb Sammy stehen, ein verklärtes Lächeln huschte über sein sauberes Feengesicht: „Jetzt erinnere ich mich, ich habe sogar meinen Hund nach ihm benannt.“

Ernsthaft, nach Dean Martin oder Frank Sinatra?“

Die Weihrauchwolke löste sich auf, ohne ein Karakarabamm. Einzig und allein eine Posaune tönte aus himmlischer Höhe: „Mr. Bojangles!“ – Und ich schwöre bei meinen drei toten Hunden, das nächste Mal, wenn ich Wünsche habe, rufe ich gleich eine saubere Fee vom Begleitservice an.

sammy

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