Aber ein Traum …

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Nur ein Satz – eine Kurzgeschichte von Hans-Dieter Heun

Nur ein Satz

Gestern habe ich einen merkenswert guten Satz aufgeschnappt. Leider vermag ich mich nicht mehr an die Worte zu erinnern oder worum es in diesem Satz ging. Nur, dass er merkenswert gut gewesen. Das nachlassende Gedächtnis, dem Alter geschuldet, oder beginnender Alzheimer, ebenfalls dem Alter verbunden? Was weiß ich denn … noch? Ebenso nicht mehr, von wem ich diesen merkenswerten guten Satz aufgeschnappt habe. Ich lebe als Eremit in meiner Eremitage mitten im Wald, und die Bäume … neigen sich tief und schweigen, nur atmend lauscht die Nachtigall.

Warum fällt mir jetzt ausgerechnet die Ballade vom Nöck ein, aber nicht jener merkenswerte gute Satz? Wurscht und richtig gestellt: Die Bäume reden nicht mit mir, niemals … Außer meine dichten Fichten, die erzählen Geschichten … Und was für welche. Zum Beispiel jüngst von Schwammerlsuchern, einem Paar, das jedoch nicht unbedingt auf Schwammerl aus war, sondern sich am wilden Wasserfall traf, um … Da rauscht und braust der Wasserfall, hoch fliegt hinweg die Nachtigall … doch keineswegs die Lerche … wenigstens in dem Poem über den Nöck.

Es ärgert mich maßlos, dass mir zwar ein Nöck im Gedächtnis verblieben ist, jedoch nicht dieser Satz. Allerdings wäre es mir ein Leichtes, nun einen anderen guten Satz hinzuschreiben und so zu tun, als ob es der von gestern wäre. Etwa: Würde ein einfacher Mensch – eine Frau – dessen Gedanken kaum über den kleinen Kreis seiner gewohnten Täglichkeit hinausgehen, gezwungen, ausschließlich mit Gelehrten und Philosophen zu verkehren, ohne einen anderen Menschen seines Schlages zu sehen, er würde – also sie, die Frau – mit der Zeit melancholisch werden, sich bedrückt fühlen und an der Gesundheit Schaden nehmen … Ein guter Satz. Ein zweiter: Da tönt des Nöcken Harfenschall und wieder steht der Wasserfall umschwebt mit Schaum und Wogen. Wahrhaft schön, und selbst das Schwammerlpaar macht von diesen wohlklingenden Worten angetan erneut Liebe, wohingegen die Nachtigall, zurück vom Hochfliegen und nun beim Spannen, verlegen atmend weiter schweigt.

Liebe? Ja genau, Liebe, das war´s. Zumindest Teil dieses merkenswerten schönen Satzes … Nein, auch sonst. Liebe ist das wundersame Elixier für das Werden und den Erhalt des Lebens schlechthin. Weil aber die Sprache unmittelbar zu einem Leben dazugehört, schriftlich niedergelegt selbst dem Stummen als Ausdrucksmittel für seine zwischenmenschliche Kommunikation dient, ist Liebe ebenfalls Teil der Sprache und des geschriebenen Wortes. Dem Dichter gar stellt sich die Liebe als unverzichtbare Mitte seines literarischen Schaffens dar. – Beeindruckend poetisch gesprochen, nicht wahr? Oder noch besser: als Satz für diese Geschichte beeindruckend geschrieben. Allerdings, Schönschreibung hilft mir nun nicht weiter, wenn der Rest jenes merkenswerten Satzes weiterhin im Nebel meiner Vergesslichkeit verborgen liegt.

Boing, Nebel, doing – Hammerschläge auf den Hinterkopf, der merkenswert schöne Satz steht wieder klar vor meinen inneren Augen … Oder, um es dem Nöck nachempfunden zu sagen: Es spielt der Satz und spricht mit Macht von Liebe, Lust und Sonnenpracht, vom Sprechen kann er leben … Der Satz, und diesmal nicht der Nöck. Die Nachtigall hat ohnehin nichts gesagt oder tiriliert, nur weiterhin atmend geschwiegen. Obwohl im wahren Waldrandsein – da lebt die Luscinia megarhynchos nämlich mit Vorliebe, doch ebenso manchmal, wenn für sie gerade kein Waldesrand zur Verfügung steht, im dichten Gebüsch … Wo war ich, wo will ich hin? Ach ja: Obgleich ihr Gesang reich, wohltönend, weiterhin überaus komplex erklingt und aus mehreren Strophen dicht gereihter Einzel- und Doppeltöne besteht. Jawohl, das ist so. – Leser, die mir bis hierher noch gefolgt sind und solches nun nicht glauben, mögen sich auf YouTube von ihrem Gesang als Beweis meiner Behauptung überzeugen.

Ich, dessen Wortkargheit sprichwörtlich ist, verzettele mich wohl momentan. Das heißt: Wenn ich meine kargen Gedanken zu diesem merkenswert schönen Satz auf Zettel geschrieben hätte, lägen jetzt bereits schon einige dieser kleinen, meist rechteckigen Papiere, sprich Zettel, vollgeschrieben vor mir.

DER SATZ! – Wer schreit? Gewissen, bist Du das? Ich sollte mich wohl bequemen und … Nun dann: „Liebe ist wie Nebel, im hellen Sonnenschein des alltäglichen Miteinanders löst sie sich auf:“

Gut, wahrhaft merkenswert schön aufgeschnappt. Ich muss mich loben. Allerdings trifft dieser Satz für mich keineswegs zu: Alle Tage, die ich lebe und weiter leben darf, möchte ich auch lieben. Selbst wenn die Nachtigall, Vogel der Liebe, noch so lange atmend lauscht und keinen einzigen Piep von sich gibt.

vogel

Krebs – und trotzdem lacht der Darm (Auszug aus dem neuen Buch von Hans-Dieter Heun)

Heun-DarmAAVAA-Verlag, 2014
Taschenbuch, 11,95 €
ISBN 978-3-944223-21-6
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Am 1. September 2014 erscheint das neue Buch von Hans-Dieter Heun. Er hat mir Teile seines Werkes überlassen, von denen ich in den nächsten Wochen mit seiner freundlichen Erlaubnis ein paar Auszüge auf meinem Blog „veröffentlichen“ werde.

Wenn es wirklich stimmt, dass nur ein leidender Künstler Großes schaffen könne, dann ist Hans-Dieter Heun ein ganz großer Autor. Das kürzlich bei ihm diagnostizierte und eilig in einer Operation entfernte Darmkarzinom, über das er in seinem neuen Buch direkt auf dem Krankenlager und später während eines Kuraufenthalts im Bayerischen Wald geschrieben hat, ist nur die letzte einer langen Reihe von teilweise chronischen Krankheiten, die den Autor und Baum von einem Mann immer wieder heimtückisch und hinterrücks niederwerfen. Trotzdem rappelt er sich jedesmal auf und macht unverdrossen weiter, unterstützt von seiner Frau und einem gesegneten (Galgen)-Humor, den er auch in seinem neuen Buch wieder aufblitzen lässt.

Mit seinem tagebuchartigen neuen Werk unternimmt Heun eine Reise in sein Ich, in verschlunge Darmwindungen ebenso wie in sein Denken und sein Leben. Dass die Sachbuchbestseller gerade ein Buch mit einem ganz ähnlichem Titel beherrscht, ist dabei reiner Zufall, zeigt den Autor aber mal wieder auf der Höhe der Zeit.

Aber nun zum längeren Ausschnitt aus „Und trotzdem lacht der Darm“, der die ersten, durchaus „traum“-atischen Tage in der Kurklinik beschreibt. Viel Vergnügen!

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Onkologische Klinik in Kellberg – Auf Reha.

Ich komme wegen eines erst kürzlich operativ entfernten Dickdarm-Karzinoms zur Regeneration, ich möchte meine Lebenskraft, so gut es eben geht, wieder herstellen … lassen.

1.Tag, Anreise

Zimmer 333, Quersumme 9, reimt sich auf Heun. Ist das ein Zeichen? Wie auch immer: Ein freundliches helles Zimmer mit einem Bad, so groß, dass eine Damenfußballmannschaft darin gleichzeitig duschen könnte. Und ich mittendrin. Beachtlicher Balkon, gemeinsam mit dem Nachbarzimmer. Wenn da also mein Wunschkurschatten, eine Rothaarige mit jadegrünen Augen und Sommersprossen auf heller Haut, insgesamt gewandet in schwingender grauer Seide – des Nachts folglich im silbergrauen Seidennegligé, kaum etwas verhüllend –, sich gleich mir regenerieren würde, nur wenige heimlich leise Schritte entfernt. Puh, einfach nicht auszudenken! – Quersumme Heun, reiß dich zusammen! Wenigstens am ersten Tag.

Abendessen, Tisch 27, Quersumme 9, schon wieder das Zeichen? – Ich bin entzückt: Kaltes und warmes Büffet nebst einer schmackhaften Salatauswahl. Ich kann also viele kleine Häppchen picken, ganz so wie ich es mag. Mir fällt auf, dass fast alle Patienten nur Wasser trinken. Etwa Heilwasser? Danach ein leichter Verdauungsspaziergang vor dem Haus, ich trau mir eine kleine Runde um einen Brunnen zu, welcher der heiligen Ottilie gewidmet ist. Spendet sie, die Freiburger Äbtissin, vielleicht das heilende Wasser? Direkt aus dem Himmel, immerhin liegt Freiburg ziemlich weit entfernt? Und ich bin doch hoffentlich nicht in einem Kloster, außerdem zu müde, um groß darüber nachzudenken. Noch ein kurzer Schwatz mit freundlichen Krankenschwestern und dann ab auf mein Zimmer, ins ergometrische Bett. Die Operation liegt gerade einmal vierzehn Tage zurück, alles ist noch verdammt anstrengend.

Schafe.

Halb drei Uhr morgens, ich bin putzmunter. Gut, lassen wir den munteren Putz beiseite, ich liege wach. Was tun? Zu früh, um den Tau von den umliegenden Wiesen zu schöpfen und meinen Körper mit reiner Natur zu waschen. Ich probiere es mit Schäfchen, die ich über einen Zaun springen lasse – möchte die flauschigen Bählämmer dabei zählen. 264 Schafe sind schnell ausgedacht, ein Schäferhund und der dazugehörige Schäfer auch. Der Schafhirte raucht in seiner Pfeife gewisse einheimische Kräuter, sicherlich mit Bewusstsein erweiternder Wirkung. Er lehnt auf einem Hirtenstab. Ein Priester? – Heun, konzentrier‘ dich auf die Schafe und den Zaun!

Einen Zaun habe ich noch nicht, aber ich kann mir gedanklich einen bauen. Etwa einen nach guter alter Art, als Adenauer noch Bundeskanzler und die Welt der Zäune somit noch in Ordnung war. 6 Meter lang und 160 Zentimeter hoch, das sollte reichen, den Schäfchen die Zwangsvorstellung zu verleihen, sie müssten unbedingt über meinen Phantasiezaun springen. Ich bräuchte also drei dicke Holzpflöcke, 2 Meter hoch und zirka 25 Zentimeter Durchmesser, um insgesamt 6 Fichtenbretter, diese 3 Meter lang, 30 Zentimeter hoch und 2 Zentimeter breit, bei 20 Zentimeter Zwischenraum anzunageln. So ein von Hand genagelter Holzzaun dürfte doch jedes Schaf, welches auf sich hält und noch mit einigermaßen guten Sprungkräften gesegnet ist, reizen, den ultimativen Schlafsorgehupf zu wagen.

Ich ramme also mit einem erdachten Vorschlaghammer die Pflöcke 40 Zentimeter in die Erde, solches ist anstrengend … aber wie … ich werde, bin müde … und

2. Tag

Amsel, Drossel, Fink und Star nebst der übrigen Vogelschar brüllen vor meinem Fenster. 6 Uhr 30, ich torkele unter die warme Dusche, die Damenfußballmannschaft, wohl besser Fußballfrauschaft, ist nicht vorhanden. Möglicherweise bereits abgereist? Auch trocknet kein rothaariger Kurschatten – heimliche Schritte aus dem Nachbarzimmer über den Balkon hin zu mir – meine Blöße. Dafür wartet im Speisesaal ein geradezu opulentes Frühstücksbüffet auf mich, allerdings ohne meine selbst komponierte und heiß geliebte Rhabarber-Marmelade.

Pünktlich um 9 Uhr werde ich im Wartezimmer von einer sympathischen Ärztin – ich liebe Ärztinnen! – zum medizinischen Aufnahmegespräch abgeholt. Ganz entspannt und ohne Zeitdruck unterhalten wir uns über meine verschiedenen Klagepunkte und wählen diverse, hoffentlich helfende Therapien aus. Ich, versponnener Esoterikfreak, freue mich besonders auf Traumreisen mit einer Psychologin. Ich glaube, ich liebe auch die Psychologin, schon jetzt.

Anschließend wird meine teils noch offene Operationsnarbe im Schwesternzimmer neu verbunden … Was heißt verbunden: gereinigt, gepflegt von unendlich sanften Händen. Ergo hingabevoll verwöhnt und der Heilungsverlauf sogar fotografiert. Gedanken an die eine Rothaarige kommen bei dieser schwesterlichen Sanftheit nicht auf.

Mittagsschläfchen genossen, ich wage mich an einen Spaziergang durch den Park. Es gibt Skulpturen, Kunst, kenntlich an hinweisenden Schildern. Bereits der Deutschen Dichterübervater Goethe sagte, dass zwischen einem Kunst-Schaffenden und einem Kunst-Aufnehmenden ein nahezu erotisches Verhältnis bestehen muss. Zu dem Heiligen Franz von Assisi, dargestellt mit Schafen aus gewollt rostigem Eisenblech, herrscht von meiner Seite aus kein derartiges Verhältnis. Vielleicht zu der Heiligen Ottilie, die, wie bereits erkundet, mitten im Park eine mineralreiche Quelle sprudeln lässt. Ob sie bei so vielen Mineralien und Spurenelementen gar rothaarig, rosthaarig gewesen ist, die heilige Ottilie?

Nach dem an meinen Kräften zehrenden Rundgang gönne ich mir in der Cafeteria einen Cappuccino. Belohnungen heben das allgemeine Wohlbefinden. Wichtig, wie anschließende Begrüßungsvorträge immer wieder betonen. Belohnung ist gleichfalls das abendliche Büffet, ein mittlerer Fels fällt von meiner unsterblichen Seele: Ich vermag mich mir gemäß zu ernähren.

Erneut ein die Beweglichkeit stärkender Rundgang, dann aufs Zimmer, etwas unkonzentriertes Fernsehen und schließlich mit den letzten Medikamenten in mein wartendes Bett.

Schafe.

Halber Drei, hellwach, aber der Zaun ist fertig. Und die 264 Schäflein nebst Schäferhund und guter Hirte warten nur darauf, drüber zu springen. Sollen sie: links mit allen Vieren loshüpfen, durch die Luft fliegen – die Vorderbeine graziös angezogen, die Hinterbeine elegant gestreckt –, etwa 40 Zentimeter über den 1,60 hohen Fichtenbretterzaun schweben und nach ungefähr 7 bis 15 Metern auf der von mir, den Schlaf unbedingt Wollenden, aus gesehenen rechten Seite sicher landen.

Bei dem Schäfer funktioniert solches wohl kaum. Erstens ist der wegen Rauchens einheimischer psychedelischer Kräuter für jeglichen Sprung noch zu bekifft. Und hat man zweitens schon jemals einen guten Hirten auf allen vier Pfoten über einen Zaun hüpfen sehen? Nein, hat man nicht.

Der Schäfer auf Droge braucht folglich ein Tor im Zaun, durch das er verletzungsfrei torkeln kann. Eine Tür, befestigt mit 6 Türzargen, die gleichmäßig in das Fichtenholz geschraubt werden wollen. Trotz aller reichen Phantasie vermag ich mir jedoch keinen Akku-Schrauber vorzustellen. Ich muss gedanklich also zu einem ganz normalen Schraubenzieher greifen, insgesamt 18 Löcher markieren – pro Türzarge 3 – und dann schrauben … schrauben … das ist furchtbar anstrengend … ich werde müde … und

3. Tag

8 Uhr 30, ich bekomme Wickel. Nein, ich bin keine Mumie, noch nicht. In einem großen lichten Raum im Therapiebereich mit vielen Liegen, durch leichte helle Vorhänge voneinander getrennt, darf ich mich betten, dann werden meine beiden Beine einzeln mit eiskalten nassen Tüchern umwickelt und bedeckt. Die wickelnde Dame erklärt, solches wäre gut, um Stau abzubauen und für die Leber. Dann macht sie das Licht aus. – Wenn ich bedenke, wie oft man im Stau steht, gänzlich ohne eiskalte Wickel. Wie muss da die Leber leiden!

Ich schlummere leicht weg und genieße einen kurzen Traum. Eine wunderschöne Rothaarige unterhält sich mit einem Schaf, das Schaf spricht: „Hätte ich nur ebenfalls so tolle rote Wolle, würde ich mir einen reichen Schafbock mit einem Ferrari angeln und …“ Die Rothaarige unterbricht: „Mähäääh!“ Jemand zupft an meinem Arm: „Entschuldigung, aber Sie schnarchen gar fürchterlich.“

Nach dem obligatorischen Mittagsschläfchen unternehme ich eine erste größere Wanderung: 10 Minuten nach rechts – wohin? – und 10 Minuten, hoffentlich, zurück – woher? Die angestrebte Heilung bestimmt die Zeit. Gewandet in ausgebeulten Trainingshosen, aber mit super schickem Anorak komme ich an einen Teich mit wilden Enten und sanften Büffeln vorbei. Die Büffel tragen unterschiedliche Felle wie aus Wolle. Vielleicht könnte ich ja die Büffel statt der Schafe über meinen Schlafhilfezaun springen lassen?

Der Weg führt leicht bergab in einen Wald hinein. Und später zwangsläufig auch steil bergauf aus jenem Wald heraus. Was ist, wenn ich zwischen den Urwaldbäumen schlapp mache und mich niemand rechtzeitig findet? Ausgerechnet ich neben schmackhaften Büffeln verhungere? Ob man mir wenigstens ein Gedenkschild am Wegesrand gönnt: Wanderer, kommst du nach Kellberg, sage, du hast ihn liegen gesehen, wie es sein Dickdarm befahl?

Später beim Belohnungs-Cappuccino erzählt mir der Herr über Kaffeemaschine und Kuchentheke, das Büffelfleisch würde durchaus in der Klinikküche verarbeitet. Gut so: Ich wünsche mir einen saftig sanften Büffelschwanz und die Büffelkopfbacken in Burgunder, Knoblauch und Rosmarin geschmort.

Erneut zurück in meinem Zimmer lese ich Boshaftes von Thomas Bernhard. Ein Satz springt mich geradezu an: „Einer der größten Irrtümer der Menschheit besteht darin, dass man glaubt, wenn man nicht schreibt, würde man nicht existieren.

Ich schreibe und hoffe, noch möglichst lange zu existieren.

Schafe.

Endlich springen sie. Leider nicht von links nach rechts, wie erhofft, sondern kreuz und quer durcheinander, übereinander. Schier unmöglich, sie ordentlich zu zählen. Einige der saudummen Viecher … Ist eine Sau dumm? Oder ein Schaf, das immerhin meinem überragenden, wenn auch Schlaf fordernden Geist entstammt?

Noch einmal: Einige der lieben Tiere rennen sogar über das 20 Zentimeter schmale Fichtenbrett, als ob es eine Schafautobahn wäre. Das muss doch schief gehen! Und richtig, ein besonders dickes Exemplar rempelt ein besonders süßes, goldiges Schäfchen rüde an, das fällt vom Zaun und bricht sich den Hals. Notschlachtung! Schließlich besitzt so ein goldiges Schäfchen auch einen besonders guten Geschmack.

Ich phantasiere mir ein Messer – ein Messer macht Sinn, schneidet und teilt in Portionen. Ich setze den ersten Schnitt, ziehe dem leckeren Tierchen das Fell über die Ohren … fachmännischer: Ich schlage das Tier aus dem Fell … das ist anstrengend … ich ermüde rasch, obwohl ich doch nur den Schafschwanz und die Schafskopfbacken, geschmort in Burgunder, Knoblauch und Rosmarin, vertilgen möchte … Letzter Gedanke: Sollen doch die anderen schlaflosen Patienten sich ihr eigenes Schäfchen ausdenken und notschlachten … Allerletzter vor dem Wegnicken: Schluss mit den scheiß Schafen, dem nächtlichen Schafscheiß, ab morgen lieber eine Schaftablette.

4. Tag

Blutabnahme, Narbenkontrolle und achtsames Verbinden einer noch offenen, nässenden Stelle, Sonographie sowie Fußwechselbad brauchen den Vormittag auf. – Ich muss mich im Land der Sanften-Finger-Frauen befinden, ich merke allenfalls den Flügelschlag eines Schmetterlings, wenn die pflegenden Damen meine Haut berühren. Und der Flügelschlag eines Schmetterlings soll ja bekanntlich einiges bei einem Mann bewirken … oder an dem, was noch so an ihm hängt. Da fällt mir auf, etwas ist anders mit mir geworden. Ich grübele, was. Schuppen fallen von meinem Denkapparat: Seit 6 Uhr morgens habe ich nicht an eine Rothaarige gedacht. Muss ich mir insgesamt um meine Männlichkeit Sorgen machen?

Selbst die Leber zeigt sich laut Sonographie unauffällig. Kein Wunder bei dem vielen Wasser, gespendet von der heiligen Ottilie, das ich auf die Leber schütte. Würde man mich derart oft duschen wollen – selbst wenn mich die rothaarige Ottilie in eigener heiliger Person begießen täte –, hätte ich auch keine große Lust, mich auffällig vorzudrängen.

Die Wanderung am Nachmittag in den nahen Wald fällt mir heute nicht leicht. Die Sonne sticht mir auf den kurz geschnittenen Kopf, der Anorak ist zu warm, ich atme schwer. Sanfte Büffel und wilde Enten, mit denen ich mich über den Sinn des Lebens unterhalten wollte, lassen sich nicht sehen. Als mich ein Regenwurm überholt, habe ich die Schnauze voll, schleppe mich zurück auf mein Zimmer und lese Boshaftes von Thomas Bernhard:

Wer einem Arzt glaubt ist verloren
sagte Vater
sich mit einem Arzt einzulassen
bedeutet nicht weniger als sich mit dem Tode einlassen
Wenn wir uns den Ärzten ausliefern
sind wir dem Tode geweiht
Ist es ein Arzt der uns begegnet
so ist es am besten wir gehen ihm gleich aus dem Wege
wir ersparen uns dann entsetzliche und zumeist
lebenslängliche Leiden
und entkommen in den meisten Fällen auch dem Tode
Die Ärzte sind die Zulieferer des Todes sagte Vater
Ja wenn wir sie nur zu dem Zwecke brauchen
dass sie uns auf unseren Befehl sozusagen
den Blinddarm herausschneiden oder ein Bein absägen
weil wir sonst auf alle Fälle zugrunde gingen
aber sonst
der Umgang mit den Ärzten ist der gefährlichste

Aha, den Blinddarm herausschneiden und nicht ein Krebsgeschwür am Dickdarm. – So oder so mag ich Thomas Bernhard nicht zustimmen, schließlich lebe ich noch dank des Wissens und der Kunst hervorragender Ärzte.

Wie bereits geschrieben: Heute Nacht keine Schafe, statt ihrer nehme ich eine Schlaftablette … obwohl diese bestimmt nicht so schön springt.“

Wahrheit – eine Kurzgeschichte von Hans-Dieter Heun

ハンス·ディーターの干し草

真実

 

Die Geburt einer zufälligen Japanerin … also nicht die zufällige Geburt einer Japanerin, sondern eine ganz normale Geburt einer zufallenden … Japanerin, die fiel … Quatsch, Zufall eben…

 

Es begab sich an einem grauen Mittwochvormittag … Entschuldigung, dass ich, der Verfasser, bereits am Anfang den Fluss der Erzählung – also eher die Quelle der Erzählung, für Mitdenkende – unterbreche, aber an sich ist das Grau des Morgens nicht besonders wichtig, es soll nur implizieren, dass sich keineswegs der Himmel über Japan auftat – und besonders keineswegs über Shikoku – und folglich auch kein japanischer Jesus mit Gloriole in einem solarbetriebenen Honda auf morgendlichen Sonnenstrahlen gen Tokushime (bekannt für die Züchtung von Shikoku-Hunden, sogar weltbekannt) herab fuhr und ebenso folglich auch keineswegs für den nachfolgenden berichtenswerten Bericht verantwortlich gemacht werden kann … jener japanische Jesus.

 

Wo war ich, wo will ich hin? – Es begab sich also, dass die zweijährige Mamiko, ein Mädchenname. der übersetzt, obwohl ich kein Japanisch kann und wahrscheinlich in meinem hohen Alter auch nicht mehr lernen möchte, ‚Kind von Mami‘ bedeutet … irgendwie logisch, Kind von Mami, ja, ziemlich logisch sogar.

 

Es geschah durch reinen Zufall, dass die zweijährige Mamiko an einem grauen Mittwochmorgen ein gesundes Mädchen gebar. Weil jedoch die Zweijährige ihren Namenswunsch für das Neugeborene mittels des für sie ebenfalls noch recht schwierigen Japanisch nicht selbst klar zu äußern vermochte – außerdem kannte Mamiko noch nicht besonders viele japanische Mädchennamen, gleichermaßen logisch in ihrem Alter –, nannte die Mami von Mamiko das per Zufall geborene Mädchen einfach oder auch klipp und klar Mitsuko, Kind des Lichtes. Obgleich der Morgen tatsächlich eher grau erschien. Und Zufall eigentlich nur, weil Mamika noch keinen männlichen Boyfriend besaß … besser ausgedrückt, mit keinem japanischen Boyfriend regelmäßig schlief, und damit eine natürliche Zeugung eher unwahrscheinlich gewesen ist. So wurde von der Behörde, dem zuständigen Standesamt auf Shikoku, welche die Geburtsurkunde schließlich anstandslos – ohne Anstand – ausstellte, reiner Zufall als Vater akzeptiert. Schließlich war Mamiko wahrhaft eine reine Jungfrau, zumindest noch. – Und solches ist in ihrem Alter selbst auf japanischen Inseln eher kein Zufall, im Gegensatz zu manch norddeutschen, schwäbischen oder mittelösterreichischen Gauen. Obwohl, bei Japanern weiß man das auch nie ganz genau. Ich erinnere an die allseits bekannte Enge der japanischen Wohnungen, da kann sich eine Zweijährige schon einmal schnell und unwiderruflich an intimster Stelle verletzen.

 

Nach Durchtrennung der Nabelschnur und dem Verspeisen der Nachgeburt durch den weltbekannten Shikoku-Hund – Lieblingsfressen, also nicht Hähnchen- oder Walfischhoden, wie so oft fälschlich berichtet –, stellte die Hebamme fest, das Neugeborene wäre gänzlich gesund: gesunde japanische Zehen bis zu den japanischen Lenden, gesunder japanischer Bauchnabel, gesunde japanische Nippel, gesunde japanische Augen, leicht japanisch geschlitzt, und … auf dem kleinen japanischen Köpfchen ein gesunder Haken, ähnlich dem eines Kleiderbügels. Eines ganz normalen europäischen Kleiderbügels. Die Mami von Mamiko wunderte sich aber nicht allzu lange japanisch über jenen normalen Bügel, sondern redete nur in der Landessprache vor sich hin: „O wie praktisch, da kann ich die kleine Mitsuko ja einfach zum Wachsen in den Kleiderschrank hängen.“ – Die Enge ihrer Wohnung war Mami gleichfalls wohl bewusst.

 Japan

Japanisch gesagt, japanisch getan, und nun geschah tatsächlich ein Wunder – doch selbst dafür brauchte es keinen Jesus, der in einem solarbetriebenen Honda Mami, Mamiko, Mitsuko, ihre enge Wohnung und den Kleiderschrank heimsuchte: Hinfort verbreitete sich nämlich ein geradezu himmlischer Duft in den Fächern des Schrankes, zwischen den Kimonos, der Reizwäsche und selbst in den Laken. So überwältigend reizvoll, dass Frau Mami schier nicht mehr auf den odeur paradisiaque japonais verzichten mochte und daher Mitsuko nie mehr aus dem Kleiderschrank nahm. Doch als die zweijährige Tochter Mamiko, wiederum aus reinen Zufall oder Parthenogenese, in Abständen von zwei Tagen weitere weibliche Kleinstkinder mit Bügel in die japanische Inselwelt setzte – wobei bekanntermaßen die Kleinkinder in Japan ohnehin zu den kleinsten unter kleinen Kindern zählen –, wurde der Kleiderschrank selbst für die Kleinsten der Kleinen zu klein.

 

Es ist neben dem Nachgeburten fressenden Shikoku-Hund weiterhin weltweit bekannt, dass Japaner gute Geschäftsmänner sind, japanische Frauen noch bessere Geschäftsfrauen. Die Mami von Mamiko und Großmami von unzähligen Mitsukos, immer noch restlos überzeugt von dem paradiesischen Duft und dessen Wirkung, gründete alsbald eine Verleihfirma für ihre Enkelkinder, Rent a japanese Minigirl, und warb mit dem Slogan:

 

Häng Mitsuko in den Schrank,

Keine Motten, kein Gestank!

 

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Ich, armer Poet, erwachte an diesem bewussten grauen Mittwochmorgen, und vor meinem inneren Auge standen leuchtend klar jene Worte: Die Geburt einer zufälligen Japanerin. – Was also sonst damit machen?

 終わり

Auf Kur – eine Kurzgeschichte von Hans-Dieter Heun

1. Eine Gasterzählung

An diesem Wochenende muss ich einigen Verpflichtungen nachkommen und werde daher nicht in der Lage sein, einen Freitagsaufreger zu schreiben (wie der eine treue Leser –  der hiermit freundlich von mir gegrüßt sei – aus meinem letzten Beitrag weiß, habe ich eh keinen Grund mehr, mich aufzuregen).  So war es ein Glücksfall, dass mir Hans-Dieter Heun freudestrahlend eine seiner „tolldrastischen“ Geschichten überließ, die aus seiner eigenen, intimen Kenntnis ein wenig expizierter als mein Bad-Birnbach-Artikel vom letzten Wochenende über die Sitten und Bräuche der Kurgäste des niederbayerischen Bäderdreiecks zu berichten weiß. Es ist mir ein Vergnügen, diesen Text hier zu veröffentlichen.

Bei der Gelegenheit will ich noch einmal nachdrücklich auf den neuen köstlichen Roman von Hans-Dieter Heun hinweisen: „Die Läusekönigin“, ein Juwel der zeitgenössischen Literatur, das leider noch nicht ganz den Erfolg beim Publikum hat, der dem lesenswerten Buch zu wünschen wäre. Kaufen, Lesen, Freuen! Es ist auch ein ideales Geschenk für einen lieben Menschen (Ich hoffe, das war jetzt genug Werbung, HD).

läusekönigin

2. Wer nicht lesen will, darf hören

Was diesen heutigen Glücksfall ganz besonders und zu einem Vergnügen macht, ist, dass die begabte und liebenswerte Wiener Autorin Elsa Rieger  – die ich an dieser Stelle herzlich grüße – von dem Text eine gelungene Hörfassung eingesprochen hat, die ich als Sahnehäubchen beifügen darf. Aber nun genug der Vorworte.

Viel Vergnügen!

Auf Kur – Hörbuchfassung von Elsa Rieger.

Auf Kur
Kurzgeschichte von Hans-Dieter Heun

Lindenstraße? Wieso Lindenstraße? Es standen da Zäune aus Maschendraht, der Draht von grünem Plastik ummantelt, vor kurbadmäßig kurz geschnittenen Thujen-Hecken, hinter denen sich kackgelbe Osterglocken und Gartenzwerge mit zipfelroten Mützen vor einem saukalten Regen in durchtränkten Rasen duckten. Kulturwiese, die gesprenkelt mit aufgeweichten Marlboro-Schachteln der üblicherweise verdächtigten Kassenpatienten, welche in ihren Heimen – billige Pensionen, abgehalfterte Wellness-Farmen oder Schnellschlaf-arme-Leute-Häuser, ab zehn Uhr dreißig geschlossen – nicht rauchen durften. Dem unwichtigen Mann fröstelte. Aber er hatte Ausgang und durfte rauchen. Auch saufen! Wenn er nur wollte, selbst bis zum Wecken. Völlig wurscht in welchem Bett, das war der Vorteil von Reichtum.

Es gab Blutpflaumen, Rodeldröhn, Jasmin und japanische Zierkirschen mit tropfenden Blüten. Der Pullover des unwichtigen Mannes unter seinem regennassen Trenchcoat sog langsam kühle Feuchte. Wenn er nicht aufpassen, ergo nicht weiter saufen würde, hätte er bald einen kräftigen Schnupfen. Und das in einem Heilbad. Warum war er eigentlich zur Kur gefahren? Ach ja, Rückenschmerzen und noch ein kleines urologische Problem, nicht besonders wichtig, altersbedingt.

In den zweihundertvierundsechzig gefühlten Vorgärten, an denen er bisher im Kurgastschritt vorbei getrottet, hatte er auch drei Birken gezählt, merkwürdigerweise mit abgeschnittenen Kronen. War etwa ein Flugplatz in der Nähe? Blöder Witz. Nein, in den Vorgärten der Patientenburgen mit ihren die unsägliche Wetten-Dass-Show spiegelnden Fernsehfenstern stand alles bemüht Bepflanzte, was ein zahlender Gast in einem Kurort nur erwarten konnte. Alles außer Linden. – Warum also Lindenstraße? Keine Ahnung und bitte, bitte, bitte nicht noch ein ungelöstes Rätsel für den Rest seines versoffenen Lebens. Früher, in einem anderen Märchen, hatte er Rätsel geliebt. Aber jetzt …

Eine Regentropfen-Katze strich an seinen Beinen entlang. Der unwichtige Mann mochte keine Katzen. Nur tote Katzen sind gute Katzen. Muschi machte ihm die Hose noch nasser, und eine durchnässte Hose mochte er schon gar nicht. Der Unwichtige gab der streichenden Katze einen kräftigen Tritt, und Muschi flog in Richtung der Bar. Hoppla, eine Bar in dieser Regen-Linden-Straße? Wunschdenken, Zauberei? Wurscht, eine Bar steht für viele braune Freunde, Freude. Obwohl, die Bar hieß Pussy Cat! Unentschieden, remis. Einerseits mochte er keine Katzen, andererseits war er durchaus von Pussies angetan. Er, Mann, entschied sich für das Andererseits.

Die Bar war, wie von ihm erwartet: Mahagoni-Furnier, rotgeschwollene, abgewetzte Cordsamtpolster, Coca-Cola-Reklame, Deckenleuchten aus verstaubten Milchglas und – tausende Male bereits begrüßt – die sich ewig drehende Spiegelkugel, huschende Strahlen farbigen Lichts. Ein dürrer Alleinunterhalter mit einem Menjoubärtchen … das war ja geil! Ein nächstes, ein neues Rätsel? Wer zum Teufel war Menjou? Ein Stehgeiger? Es fiel ihm wieder ein, klar doch, vormals Rätsel geübt: Ein amerikanischer Filmschauspieler! „A star is born“ mit Judy Garland. Ein schmieriger Franzosennachahmer, nur ein Klamottenschauspieler.

Der Alleinquäler bearbeitete angestrengt seine moderne Japanelektronik und sang dazu ein ebenso modernes Lied: „ Wenn auf Capri die rote Sonne im Meer versinkt.“ Rudi Schuricke! Der trug, wenn sich der unwichtige Mann richtig erinnerte, auch so ein dünnes Bärtchen. War wohl damals schwer in Mode. Errol Flynn, der Pärchen-durch-ein-Loch-in-der-Wand-beim-Bumsen-Beobachter, ebenfalls. Hat bestimmt viel Spaß gemacht, Pärchen beim Bumsen zu beobachten.

Ein Pärchen tanzte schmutzig, die einzigen Gäste. Sie, süße sechzig, in ein lila Paillettenoberteil über einem rostroten Minirock aus Kunstseide gepresst, der knapp und eng bis zu Mitte ihrer Cellulitis-Oberschenkel reichte. Ihr Partner, mit Krawatte geputzt, rührte eifrig ein Bügelfaltenbein zwischen Orangenschenkel römisch eins und Orangenschenkel römisch zwei. Wahrscheinlich rührte der alte Freund vieler vergangener Jahre, sein Schniepel, noch ein wenig mit. Er, unwichtiger Regenlatscher, wünschte es ihm, dem Schniepel, von Herzen und latschte zur Bar. Adolph Menjou sang ein weiteres modernes Lied: „Du schwarzer Zigeuner – respektive Sinti oder Roma, auf jeden Fall Mitglied einer ethnischen Randgruppe –, komm, spiel mir ins Ohr.“

Die Thekenschlampe, toupierter blonder Dauerwellenkopf, grelle Breitmaullippen im Teiggesicht und einem Tattoo, röhrender Hirsch, zwischen schwellenden Möpsen, war um die fünfunddreißig und bestimmt nicht teuer. Wenigstens etwas. Für eine Regennacht, für einen hurmäßig kurmäßig kurzen Bums würde sie schon reichen, der unwichtige Mann war nicht mehr besonders anspruchsvoll.

Billige Schlampe kaute eine Breitmaulfrage: „A Woazn?“

Er war überrascht: „Bitte? Entschuldigung, aber ich habe Ihr Idiom nicht verstanden. Tut mir wirklich leid, nicht böse sein.“

Sie kaute Kaugummi-Antwort: „Na, i bin ned saua, weshoib a.“ Auf einmal verständliches Deutsch: „Ich habe Sie sehr höflich gefragt, ob der feine Herr vielleicht ein Weißbier trinken möchte, und Sie haben mich sogleich einen Idiom genannt. Aber nein, ich bin keinesfalls sauer!“ Es wurde bedrohlich. „Waltraud, habe ich mir gesagt, der feine Herr kennt sich aus, der feine Herr kann mir helfen … Also, wollen Sie nun ein Weißbier oder nicht?“

Sein Blick glitt suchend über die Flaschen: „Könnte ich auch einen doppelten Chivas auf Eis bekommen? Und für Sie, falls genehm, ein schönes Glas Champagner?“ Spannung nehmen.

Schlampe wurde auch gleich entspannter: „I bring a Goaßmaß. Verzeihung, feinster Herr, ich trinke eine Ziegenmaß. Und Schiwasser führen wir nur im Winter.“

„Dann bitte irgendeinen Scotch, und wobei darf ich Ihnen helfen?“ Freundlich bleiben, schließlich wollte er mit Waltraud noch bumsen.

Auf der Stelle schickte sie Breitmaulstrahlen, gelbe Zigarettenzähne bleckend. „Nicht viel Betrieb heute Abend, da löse ich zwischendurch immer Kreuzworträtsel. Wissen Sie vielleicht, was ein Lebensbund mit drei Buchstaben ist?“

Nein, nicht schon wieder Rätsel! Er trank, der Whisky schmeckte bitter. „Ehe!“

„Ehe was?“

„Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal fragen!“

Waltraud löste sich auf in einer blauen, alles und jeden vergiftenden Wolke. Er, unwichtiger Mann, steckte erneut in einer alten Reise. Nur durfte ihn diesmal der alberne Menjou – Katzenschnurrbart und urplötzlich rubinrote Flatterflügel auf dem Franzosenbuckel – auf seiner goldenen Elektronikorgel begleiten. Der elektronische Chansonnier sang ein modernes Lied: „Im Puff ist Ruh, die Nutten schlafen, kein blond gelockter Jüngling betritt mehr den Salon. Die Puffmutter kratzt sich am Hafen, und aus dem Fenster fliegt ein voller Luftballon.“ Beim Refrain stimmte der Unwichtige ein: „Ja, ja, die Sonne von Mexiko war niemals so schön wie Waltraud, oho!“

Eine rote Sonne brannte in sein Gesicht, dessen Haare Latschenkiefernnadeln, dessen Augen Gletscherseen und dessen Nase eine Bergspitze waren. Der Hals, die Brust, sein Unterleib formten sich zu einer fruchtbaren Ebene, deren Korn die ganze Menschheit nährte. Er war die Erde, die Fehler verzieh. Die Arme wurden zu Euphrat und Tigris, mächtige Ströme, die in einem rosa Meer mündeten. Es war, wie schon einmal geträumt: Seine Füße trieben im Wasser wie uralte Wurzeln – Wurzel-Fuß-Holz, aus dem nasse Katzen mit scharfen Tatzen Splitter kratzten.

Halt, Einhalt! Die Katzen waren neu! Katzentatzen, Katzen kratzten noch nie auf seiner Reise. Was sollte das? Was war nun zu tun? Vielleicht könnte er sich einen mörderischen Mörderwal erträumen, der dieses Katzengesocks endgültig verschlang, seinen Füßen die Schmerzen ersparte. Und vielleicht würde dieser Wal ebenso Waltraud … Zu spät, die begehrenswerte Schlampe regnete aus ihrer blauen Wolke die erste Frage: „Was ist der Sinn deines versoffenen, unanständigen Lebens?“

Das war zu einfach. Gleich würde er sich wieder dem patzenden Katzenkratzen widmen können, mörderische Mörderwale antanzen lassen, im Dreivierteltakt. „Der Sinn meines versoffenen, unanständigen Lebens ist das versoffene, unanständige Leben selbst!“ Und Menjou sang dazu ein modernes Lied: „Blau, blau, blau blüht der Enzian. Wenn ich ihn nur saufen kann, ist die Farbe scheißegal, nicht zu saufen eine Qual. Und Alle …“

Es war dies der Moment für den Auftritt des Drachen, ergo kein mörderischer Mörderwal. Drachen sind immer und überall, verstecken sich zwischen Träumen und Wolken. Ein Mann muss sie locken. Manchmal fliegen Drachen mit gemordeten Mörderwalen zwischen ihren Pranken über alle Nasenberge. Möglicherweise vermochte er den Drachen dieser Reise mit den Tatzenfratzen locken, die sich gerade im Kornfeld rund um seinen Genitalius versammelten. Der Genitalius war schlichtweg in Gefahr.

Der Drache vom Traumdienst schwebte aus der blauen Rauchwolke heran, die vormals Waltraud gewesen. Er war ziemlich schwerschwebend, sein Bauch gebläht, wahrscheinlich hatte er bereits die Thekenschlampe gefressen und keinen Hunger mehr auf platzende Katzen. Auf des Drachens Rücken, zwischen riesigen Schmetterlingsflügeln, klammerte sich der amerikanisch-französische Süßling Menjou und sang kein modernes Lied. Vielmehr kreischte er in höchsten Tönen: „Isch, nur isch allein und nisch Elvis, die Locke, wurde von Aliens entführt! Isch, der Schnurrepurrebart!“ Dann sang er doch noch ein modernes Lied: „Über der blauen Wolke musch die Freiheit grenzenlos sein. Nix du macken grande Sorgen, jamais plus la chat pisset a ton bleu Bein.“

Es war so, das Fantasievieh hatte Waltraud gefressen. Ihr blaues Rauchwölkchen kräuselte noch schwach zwischen den Karies-Zähnen im Drachenrachen. Doch das Wölkchen stellte gänzlich unerschrocken die zweite Frage der nächtlichen Reise. Und ein Gockel, der üblicherweise in der ersten Morgenröte krähen würde, pennte wohl noch unter dunklem Regenhimmel: „Was ist der Sinn deiner Kur?“

Was ging hier vor? Blau-Rauch-Schlampe war zwar blond und blöd, aber so einfache Fragen wurden ihm noch nie auf einer Reise gestellt. Irgendetwas stimmte nicht, irgendjemand ließ schwer nach. Er vielleicht? Wenn er wieder nüchtern, falsch, falls er noch einmal nüchtern würde, müsste er sich dringend darum kümmern. Erst jedoch die richtige Antwort, Wolke wartete, und er wollte sie noch dreimal bumsen, bevor ein Hahn dreimal krähte. „Meine Kur, hör zu, du Hur´ verlängert nur den Lauf der Uhr für ein zufriedenes, versoffenes, unanständiges Leben!“ Menjou schien verblüfft, Menjou sang erneut kein modernes Lied. – Na so was aber auch, den Sinn einer Kur zu hinterfragen!

Der Drache furzte, Blau-Wolke verursachte Blähungen. Unverdauliche Wolke entfleuchte, war wieder frei, von heißen Drachenwinden neu geboren. Waltraud beeilte sich, die letzte, alles entscheidende Frage zu stellen. Schwer beeindruckt von seinem ungewöhnlich großen Wissen war sie ebenfalls gierig bereit, breit, bevor ein Hahn seinen Weckruf ertönen ließ. Es galt sich zu schicken, auch sie wollte ficken. „Mein feiner Herr, sag´ mir geschwind, welche Farbe hat der Wind?“

Dem unwichtigen Mann wurde warm in einem Kornfeld. Der Wind? Fön? Warm und nass. Schwitzte er etwa? Schwierige Frage, verdammt schwierige Frage sogar. Nicht mit Waltraud bumsen? – Waltraud schien aus Sand gebaut, Wunschhaut würde nicht versaut? Das durfte einfach nicht sein! Er war der Rätselmeister, kannte jede Antwort. „Gold´ne Farbe hat der Wind, ist ein echtes Sonnenkind …“

Der Drache platzte, Drachenfetzen. Pitschnasse Katzen flohen aus dem Kornfeld, versteckten sich in schwarzen Löchern. Menschliche Arme mit schrillen Stimmen zerrten an Euphrat und Tigris, heftige Schläge prasselten auf den Rücken des unwichtigen Mannes. Selbstverständlich das schmalzige Franzosenschwein, doch die Alte in ihren Pailletten eilte zu Hilfe. „Polizei! Das ist ja unerhört! Eine solche Behandlung in einen Kurort, lassen Sie sich das bloß nicht gefallen! Wir Senioren müssen zusammenhalten, eine Blasenschwäche in Ihrem Alter ist doch ganz was Normales! Polizei, die Polizei muss her! Die bringen Sie ja um!“

Die blonde Waltraud, keineswegs mehr Traumfrau, schrillte, schlug und zerrte dagegen: „Ja so a Sau! Ich hab´s gleich gewusst, Kurgast! Kommt schon sternhagelvoll an den Tresen, stiert ununterbrochen auf meinen Busen, labert mich voll, pennt plötzlich weg“, erstaunlich viele Worte mit nur einem Möpse-Atem. „und pinkelt dann voll in die Hose! Rrrrausss! Sofort rrrrausss! Was glauben Sie eigentlich, wo wir hier sind?“

Der unwichtige Mann war eingeschüchtert, schon wieder ein schwieriges Rätsel. Er murmelte leise: „Im Pussy Cat?“

Die Katze, treue Freundin in feuchter Nacht, strich erneut um seine Beine. Der unwichtige nasse Mann lächelte, eigentlich war er bei Waltraud Breitmaul ziemlich weit gekommen, hätte sie beinahe bumsen dürfen. Er bückte sich, streichelte die freundliche Muschi und schaute ohne Zorn zu Pussy Cat zurück. Wortfetzen, leicht französisches Idiom, Klänge eines modernen Liedes drangen durch die für ihn wohl auf ewig verschlossene Tür: „Heute isch nisch alle Tage, du kommen wieder, keine Frage. No, tu ne regrette rien!“

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