Die Dichterecke

Alltägliches, Der Autor, Garten, Leben, Literatur, Mein Dorf, meine weiteren Werke, Noch einmal davon gekommen, Roman

Ich will mich noch einmal kurz in Erinnerung bringen, bevor ich für die nächsten zwei Wochen verstumme.

Nachdem ich seit über einem Jahrzehnt glücklicher Reihenhausbesitzer im ländlichen Weichbild der Stadt Augsburg bin, nenne ich auch einen schmalen rückwärtigen Garten mein Eigen. Er hat in etwa die Größe einer Picknickdecke; bietet aber immerhin Platz für eine Südterrasse, einen Werkzeugschuppen, ei­nen Kirschbaum, Obststräucher, Blumenbeete, ein Kräuterbeet, Kompost und sogar ein selbst gebautes Hochbeet, in dem ich gerade Salat, Mangolde (ist das die richtige Mehr­zahl?), Gurken und wie Unkraut wuchernden Meerrettich züchte. Demnächst will ich es sogar noch erweitern. Selbstverständlich ist hier alles in der Bonsaiausführung – gut, dass  meine Familie und ich eher unterdurchschnittlich groß sind. Die Rasenflä­che ist so ausladend, dass ich schon an die Anschaffung eines Aufsitzmähers gedacht habe.

Und zwischen den Sträuchern ganz hinten am Zaun, die helfen sollen, die neugierigen Blicke der Nachbarn zu behindern, habe ich mir auch mein ganz persönliches, durch ein Bambusgebüsch gut abgeschirmtes und immer schattiges und auch bei den augenblicklichen Sommertemperaturen kühles Dichtereck eingerichtet, in dem ich träumen, lesen und schreiben kann – nur dichten, das mache ich eigentlich nie. Im Moment schlafe und schnarche ich hier oft und ein dünner Speichelfaden läuft mir dabei aus dem Winkel des geöffneten Mundes auf das T-Shirt, auf dem mein herab gesunkener Kopf mit der Wange liegt, denn ich bin noch immer etwas erkältet. Die Sommergrippe habe ich zwar inzwischen an Frau Klammerle weiter gereicht, aber ich bin noch nicht gesund.

Wer genau auf das Foto schaut oder es vergrößert, sieht eines meiner inzwischen überall im Handel erhältlichen „Noch einmal davon gekommen“-Bücher, von denen ich nach den Feiertagen auf Lovelybooks ein paar Exemplare verlosen werde(*). Man muss immer ein wenig Werbung für sich machen – man kann nie wissen, wer gerade über den Zaun schaut. Darunter liegt ein Band mit etwas veralteten literarischen Reisebildern: „Mein Gardasee“ von Godehard Schramm. Ich bereite mich eben immer gewissenhaft auf meinen Urlaub vor. In meinem Dichtereck werde ich heute sitzenbleiben, bis mich die Gewitter oder die Mücken ins Haus treiben.

Wenn jemand vorbei kommen möchte: Ich hätte da noch einen Schattenplatz frei. Wir könnten über Italien oder Literatur oder Gartenarbeit reden, von Frau Klammerles Erdbeerkuchen naschen oder auch nur gemeinsam ein wenig schnarchen. Ich würde mich freuen. Falls wir uns nicht mehr sprechen sollten, dann wünsche ich allen meinen Freunden wundervolle Pfingsttage, traumhaftes Wetter und die Zeit, mein neues Buch zu lesen. Es ist mir wirklich gelungen.

Bis in zwei Wochen, Euer Nikolaus.

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(*) Auch wenn ich auf diese Weise keine Bücher verkauft, sondern nur drei Exemplare von „Dr. Geltsamers erinnerte Memorieren“ verschenkt habe, war die Erfahrung durchaus positiv, denn ich bekam von zwei der Gewinnerinnen sehr wohlwollende und schmeichelhafte Fünf-Sterne-Kritiken und ausführliche Rezensionen. – Danke noch einmal.

Der Mangold-Affäre zweiter Teil

Alltägliches, Aufreger, Der Autor, Essen, Garten, Glosse, Heimat, Kolumne, Leben, Literatur, Mein Dorf, Rezepte, Satire

Hatte ich doch – der eine erinnert sich vielleicht noch an gestern, der anderen nutze eifrig diesen Link – zu tief in die grünen Augen einer studentischen Gemüsehändleraushilfskraft geblickt und mich mal wieder von einer gespielten Unschuld um den Finger wickeln lassen. Ich erwarb bei der stud. Ghahk im Stadtmarkt ein paar maßlos überteuerte Pflänzchen und ein freundliches Lächeln obendrauf, trug beides zufrieden nach Hause. Aus diesem Grund wuchs in unserem überseekoffergroßen Hochbeet (das habe ich selbst gebaut) statt Mangold eine mir vorher völlig unbekannte Gemüsepflanze, die der Kenner als Poc Choi zu schätzen weiß.

Nun bin ich kein Kenner und eigentlich auch kein Freund der fernöstlichen Küche, zumindest der Variante, die mir hierzulande im Chinarestaurant vorgesetzt wird. Mir schmeckte der nahe Verwandte des Chinakohls, der sich am besten bei feuchtwarmem Klima im Gewächshaus entwickelt, einfach nicht. Ich fand kein Rezept,  das seinen faden, metallischen Geschmack verbarg. (Sogar einer großzügigen Beigabe von Sambal Oelek konnte er sich widersetzen). Auch Frau Klammerle brachte dem gerade in den letzten zwei Tropenwochen wie Wahlplakate im Hochbeet (eigenhändig von mir entworfen und errichtet) wuchernden Kraut erhebliches Misstrauen entgegen. Jedes Mal, wenn das Gepräch auf den Poc Choi kam, sah sie mich mit einem merkwürdig resignierten Blick von der Seite an, in dem ich deutlich das Wort: „Männer!“ mit einem dicken Ausrufezeichen dahinter lesen stand.

Wenig später nun, während ich ermattet darüber nachdachte, ob ich nicht den kühlen Keller aufräumen und mein Arbeitszimmer in ihm einrichten sollte, was auch den Vorteil hätte, dass die Eisvorräte und die kalten Getränke griffbereit, nahm meine geliebte Ehefrau sich ein Herz. Mangold2Der stehenden Hitze, die wie eine staubige Glocke über dem Garten lag, und der bissigen Bremsen tapfer trotzend, säuberte sie das Hochbeet (habe ich eigentlich schon erwähnt, wer es erbaute …?) von der Poc Choi-Plage. Er bekam von ihr eine neue Wohnstätte gleich nebenan im Kompostbehälter zugewiesen. Die dort ansässigen großen Weinbergschnecken, alle von mir im Garten gepflückt und dort ausgewildert (*), freuten sich über diese exotische Änderung ihres Speiseplans und essen jetzt Chinesisch.

Unter den großen Blättern des Poc Choi fristeten auch einige andere Gemüsepflanzen ein beschattetes, leicht kümmerliches und unbeachtetes Dasein, das nun plötzlich wieder ans Tageslicht geriet. Unter anderem fand sich ein vergessener Radiccio, einige Kohlraben (demnächst wieder auf dem Speiseplan) und der rote Mangold, den Frau Klammerle nachgekauft hatte. Der sah jedoch reichlich seltsam aus.

Dazu müssen wir zurück in die Vergangenheit, in den verregneten, endlosen Juni, als mein Versagen beim Gemüsepflanzenkauf ruchbar wurde. Frau Klammerle schüttelte den  Kopf:

„Dich kann man schicken! Dazu rennt man doch nicht nach Augsburg auf den Stadtmarkt! In Gessertshausen ist der Mühlenladen! Da kauft man das Gemüse – regional und bio.“ Kleiner Seufzer.

„Aber die haben doch gerade keinen Mangold …“

„Die im Stadtmarkt offensichtlich auch nicht.“ Mittelgroßer Seufzer.

„Aber wie sollte ich wissen …“

„Schnickschnack! Das nehme ich jetzt in die Hand!“ Großer Seufzer.

Und dann fuhr Frau Klammerle zum nächsten Dehner, dem großen Rentner-Aldi für den Gartenbedarf; kam tatsächlich nach geraumer Zeit zufrieden mit sechs Pflänzchen in einer Schale zurück: es war dreimal weißer Mangold und dreimal roter. Stolz setzte sie die zarten Gemüsetriebe ins Hochbeet (… also ich habe das wirklich selbst gemacht, mit meinen eigenen Händen und einem Akkubohrer).

Hier erreicht die Spannung wieder einen Höhepunkt, aber bei den Temperaturen rate ich, schnell weiter zu lesen, weil sonst ein Hitzeschlag wegen der Erregung droht. Der geneigte Leser ahnt es bereits: Bei mir wuchs wieder kein Mangold, zumindest der rote nicht:

Mangold1

Haben Sie’s erkannt? Im Herbst gibt es in Abwandlung des Heun’schen Rezeptes bei uns Rote-Beete-Carpaccio …

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* Nein, Herr Heun. Wir essen auch keine Schnecken.

Der Mangold-Affäre erster Teil

Alltägliches, Aufreger, Der Autor, Essen, Garten, Glosse, Heimat, Kolumne, Leben, Literatur, Rezepte, Satire

Herrn Klammerles Unlust, sich zu bewegen (siehe hier) ist nicht die einzige Baustelle seiner rührend um ihn besorgten Frau. Sie hält es auch für dringend notwendig, ihn gesünder zu ernähren. Das sollte bei bei einem Vegetarier nicht allzu schwierig sein, aber ich bin nun einmal ein erklärter Feind von Sellerie, Brokkoli, roten Rüben, nichtssagendem Zuccini oder Sauerkraut und neige eher fettem Käse, Pizza und Nudelgerichten zu. Und so lautet der Beschluss, dass ich mehr Gemüse essen muss, wenn ich nach meiner Fastenkur wieder fit werden soll.

Imvorletzten Sommer (ja, Kinder, solch eine Jahreszeit hat es früher mal gegeben) hatte Frau Klammer einige Erfolge mit im Hochbeet selbstgezüchtetem Rotem Mangold (Beta vulgaris – für den Biologen in der Familie, Ihr wisst schon – der, der jetzt wieder unter unserem Dach wohnt). Diesen versteckte sie dezent in der Lasagne oder vermengte ihn mit Gnocci und Sahne, bis er nicht weiter ins Gewicht fiel . Die Stängel – die kann man essen, wenn man sie blanchiert – fanden dann noch in einer Quiche Verwendung. Darum sollten auch im Jahr wieder ein paar Mangold-Pflänzchen in unser luftiges Gemüsehochbeet, Platz war ja vorhanden, nachdem die Kohlraben verzehrt (Dank an HD, dem auch diese Satzkonstruktion ohne Hilfszeitwort gewidmet).

Beim Bummel über den Stadtmarkt erwarb ich also ein paar zarte, aber robust überteuerte Pflänzchen, die die studentische Gemüsehändleraushilfskraft (im weiteren stud. Ghahk genannt, das klingt schön klingonisch) mit charmantem Lächeln und den Worten anpries: „Das müsste eigentlich unser weißer Mangold sein.“

Was denn sonst?, dachte ich, immer bereit, einer hübschen, wenngleich etwas hilflosen stud. Ghahk Glauben zu schenken und da sie zudem die einzige war, die mir auf dem ganzen Markt Mangold verkaufen wollte, erwarb ich die letzten Pflänzchen in der Auslage bei der stud. Ghahk. Ich hätte misstrauisch sein sollen, als sie beim Umwickeln des Mangolds mit Zeitungspapier merklich unsicher wirkte und immer wieder nach ihrem Chef Ausschau hielt, der sich aber – wahrscheinlich aus gutem Grund – nicht sehen und seine ein wenig überforderte stud. Ghahk, die er sicher nicht aufgrund ihrer botanischen Fähigkeiten einstellte, allein werkeln ließ.

Ich kam gut mit unseren teuren neuen Pflänzchen ins Dorf zurück, gab ihnen eine neue Heimat oben im Hochbeet und unter Frau Klammerles Pflege und Düngergaben wuchs der Mangold schnell an. Dann kam der Große Regen und mit ihm die gemeine spanische Nacktschnecke (Arion vulgaris, Herr Biologe!). Doch unter großen Opfern (der Pflücksalat und die Brotzeitgurke) und mit großzügigem Einsatz von scharfen Gegenständen, einem Salzstreuer und Schneckenkorn gelang es uns, zumindest den teuer erworbenen Mangold zu retten, der sich auch dankbar weiterentwickelte, Blätter bildete und an Höhe gewann.

falscher MangoldWie groß war aber mein Erstaunen, als sich an jedem der Gemüsepflanzen ein Blütentrieb bildete. Da ich Panaroma von Tom Robbins gelesen habe, weiß ich zwar, dass Mangold blühen kann, aber ein prüfender Blick in Wikipedia zeigte mir: Dies geschieht erst im zweiten Lebensjahr der Pflanze und mein Mangold war eindeutig aus dieser Saison. So schloss ich messerscharf: Das ist gar kein Mangold, den mir die liebreizende stud. Ghahk da verkauft hat!

Aber was ist es dann?

(An dieser Stelle sollte der Leser der atemlosen Spannung wegen kurz innehalten, sich vielleicht einen beruhigenden Kräutertee aufgießen oder den Hund Gassi führen …)

Ich habe es herausgefunden – niemand muss in bangem Zweifel und brennender Ungeduld seine Bettruhe opfern oder mir Beistands-Emails schicken (obwohl – den einen oder anderen Kommentar hätte ich schon gerne):

Bei meinem „Mangold“ handelt es sich um – Trommelwirbel – Pok Choi (Brassica rapa chinensis, Biologe, bla, bla), auch Senfkohl genannt, ein Verwandter des Chinakohls. Poc Choi ist eine Gemüsepflanze, von der ich vorher noch nie etwas gehört hatte, denn Thailand oder die Volksrepublik gehören nicht zu meinen bevorzugten Reisezielen. Bei feuchtem, warmem Wetter bildet die rasch wachsende Pflanze schnell Blüten aus. Und jetzt kommt’s.

Poc Choi wird in der Küche gerne als Spinat- oder Mangoldersatz verwendet. Er ist, was die Schwarzwurzel (auch ein Gemüse, das ich hasse) für den Spargel ist: Er sieht ähnlich aus, schmeckt aber nicht so gut. Was ihn von dem Spargel für Geizige unterscheidet – Poc Choi ist viel teurer als das Original.

Aber heute Abend gibt es erst einmal ein thailändisches Gemüse-Curry mit Poc Choi; am nächsten Freitag werde ich meiner freundlichen stud. Ghahk mal einen Besuch abstatten, vielleicht schaffe ich es diesmal, richtigen Mangold von ihr zu bekommen.

Wenn nicht – auch egal.

Gut. Ich gebe mich geschlagen.

Alltägliches, Der Autor, Garten, Leben, Literatur

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Der Wind bläst zwar noch recht kräftig aus dem Westen, aber man kann es nicht leugnen: Seine Brise ist lau und sie duftet nach Frühling, nach schwerer Erde, Sonnenstrahlen und Hoffnung. Die Vögel haben sie längst bemerkt. Ich spüre ein Durchatmen wie nach einer langen Bergwanderung, eine im Unbewussten längst geahnte Erleichterung ist in meiner Brust. Es geht aufwärts, es beginnt etwas von Neuem. Das Leben wird weiter, offener, intensiver. Es hat Qualität gewonnen.

Ich gehe nach draußen in den Garten, mache ein Foto vom Geilwuchs der wilden Krokusse, die Natur tut mir gut. Ich erwache mit ihr gemeinsam aus einem langen unruhigen Schlaf. Vielleicht ist ja 2016 mein Jahr – wer weiß?

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Obwohl es vielleicht ein Fehler war, habe ich mich überreden lassen und mir eben ein Facebook-Konto eingerichtet. Wahrscheinlich ist kaum jemand ungeeigneter für soziale Netzwerke als ich, aber gehört es für einen modernen Autor offenbar doch zum Unverzichtbaren, dort präsent zu sein. Wer mich also tatsächlich näher kennenlernen, an meinem Leben als Autor und auch als Mensch direkt teilnehmen will, ist herzlich eingeladen, dort mein „Freund“ zu werden:

Moi
Nikolaus Klammer