Aber ein Traum …

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Der Hase rennt und der Igel spielt Fußball

Ein alter Artikel, aus verständlichen Gründen nach oben geholt:

Der Hase rennt und der Igel spielt Fußball

Bei meiner Geburt muss etwas schrecklich schiefgegan­gen sein. Ich kann niemanden nach dem tatsächlichen Geschehen befragen, denn meine Mutter hat den Kaiser­schnitt (Sonntagmorgen, 09:30 Uhr, der Arzt wollte noch zu Ende frühstücken) unter Vollnarkose verschlafen und mein Vater … nun, damals, als noch Adenauer(1) Bun­deskanzler war, waren die Zeiten anders, da warteten die Väter nicht auf der Entbindungsstation gemeinsam mit ihrer Frau oder waren gar bei der Geburt anwesend, sondern sie saßen daheim und riefen ab und an im Krankenhaus an. Auf jeden Fall kam ich mit einer bluti­gen linken Wange zur Welt, weil der Arzt – vielleicht war der starke Frühstückskaffee schuld  – mit seinem Skalpell zu tief geschnitten hatte. Die Narbe ziert mich noch heute.

Mit diesem Geburtsschock muss sich in mir etwas ver­ändert haben. Ich gestehe es: Ich bin kein richtiger Mann. Freilich habe ich viele typische Männereigen­schaften. Ich drücke mich, soweit Frau Klammerle es zulässt, vor der Hausarbeit, kann nicht tanzen, grille gerne und spiele am Computer. Andere prägende Cha­rakteristiken fehlen mir jedoch vollkommen. So interessiere mich zum Beispiel nicht für Autos – sie dienen mir nur als Mittel zum Zweck -, ich wechsle täglich meine Unter­wäsche, ich verabscheue Fleisch, kann durchaus auch mal Gefühle zeigen und diese mit passenden Worten formulieren. Ich mag auch keinen Sport, weder aktiv, noch passiv.

Vor allem mag ich keinen Fußball.

Fußball, ich gestehe es hier vor aller Welt, langweilt mich zu Tode. Ich kann mir kaum etwas Uninteressanteres vor­stellen, als 20 Mann dabei zuzusehen, wie sie 90 Minu­ten und länger hinter einem Ball her rennen und am Ende steht es 0:0. Wenn es wenigstens mehr Bälle gäbe oder 4 Tore oder ein paar Hindernisse und Wassergrä­ben, wenn sie sich wie beim Rugby oder beim Eishockey häufiger prügeln würden – dann könnte vielleicht aus diesem Sport noch etwas werden und ich ihm etwas abgewinnen. Aber so?

Und dann auch noch endlose Gespräche darüber führen und zu diskutie­ren … Das ist für mich so amüsant wie der ‚Musikanten­stadl‘ oder ein Termin beim Zahnarzt. Auch diese uner­quicklichen Ereignisse versuche ich zu vermeiden und meist gelingt es mir. Dem hl. Fußball aber kann man nicht entkommen; im Moment ist es sogar unmöglich. Er ist der Igel, der „Ick bün al dor!“ ruft, egal, wohin ich ar­mer Hase auch flüchte. Länderspiele, Bundes- und Champi­onsliga kann ich recht erfolgreich ausblenden, aber eine Europa- oder gar eine Weltmeisterschaft ist so allgegen­wärtig wie eine Grippewelle. (2)

Jedes Medium überschüttet mich mit Informationen, die ich nicht nachgefragt habe – über  Spieler, Manager, Trainer, Austragungsorte. Eine Pressekonferenz des Bundestrainers nimmt mehr Platz in den Schlagzeilen ein als eine Ansprache des Bundespräsidenten. Sogar die altehrwürdige ZEIT hat inzwischen eine Fußballsei­te, das ist, als würde die Kanzlerin einen Minirock tra­gen. Nein, mir sind Länder- und Vorbereitungsspiele und Trainings­lager in Südtirol gleichgültig; ich will nicht am Ende je­der Nachrichtensendung darüber unterrichtet werden, wer Konditionsprobleme hat, nicht, was dieser oder jener Spieler zum Frühstück hatte und welche Musik aus seinen Kopfhören tröpfelt, wer wo verteidigt und wer wie die Bäl­le fängt (3) – oder auch nicht.

Ich will bei meinen Einkäu­fen keine Panini-Sammelbilder geschenkt bekommen und keine spezielle Fan-Edition von meinem Deodorant. Ich werde mir keine Deutschland-Fähnchen ans Auto klemmen oder gar aus dem Fenster hängen und will beim Biertrinken keine Gewinnchance auf ein End­spiel-Ticket. Ich esse meine Pizza konservativ am Kü­chentisch und nicht vor der Glotze. Kartoffelchips habe ich noch nie gemocht. Mir ist es gleichgültig, welches Auto Thomas Müller fährt und welches Milchgetränk (4) er zu sich nimmt. Ich will nicht alle zwei Tage eine Info­post von meinem Kabelanbieter oder einen persönlichen Anruf von Sky-Deutschland, dass ich bei ihnen gegen eine geringe Gebühr alle Spiele und Ligen – und selbstredend auch die Formel 1 – in Konferenzschaltung sehen kann. In meinem Radio soll Musik laufen und keine Fachsimpeleien über die Frisuren von Löw und Oliver Welke.

Mein Interesse gilt anderem, das dürfte inzwischen hinlänglich bekannt sein. Aber auch im Politikteil und im Feuilleton regiert gerade König Fußball. Das ist of­fenbar wichtiger als ein Handelskrieg oder die Krise der EU. Jeder Poli­tiker, Dichter oder Denker, jeder Schauspieler oder Künstler gesteht in offenen Interviews seine heimli­che Liebe zum Vereinssport, alle Kolumnen drehen sich ums Thema und die Philosophen erklären uns den er­kenntnistheoretischen Inhalt von 90 Minuten Rasen­spiel. Es wird ernsthaft erwogen, nach Spielen der deut­schen Mannschaft die Schule später beginnen zu lassen!

Nein. Ich habe einen Geburtsfehler. Ich bin kein Mann, vielleicht nicht einmal ein Deutscher.

Es ist ganz einfach: Ich interessiere mich nicht für Fußball.

(1) Ich bin in der Tat so alt, auch wenn ich es nicht wahrhaben will und gerne verdränge: Ich bin im Jahr der Spiegelaffäre geboren, an einem eiskalten Februar­tag.

(2) Warum heißt das Gebolze eigentlich im­mer „FIFA“-Weltmeisterschaft? Gibt es noch eine ande­re?

(3) Bei dieser Gelegenheit: Mir platzt der Kragen, wenn ich an die Gehälter dieser Profi-Kicker denke und an die Gelder, die dieser Sport noch verbrät und verjubelt, wenn ich vergleiche, was jemand in einem sozialverantwortli­chen Job verdient, eine Erzieherin, ein Altenpfleger z. B. oder auch Frau Klammerle, die als Kinderkranken­schwester in einer Frühgeborenen-intensivstation Nacht­wachen und Schichtdienste leistet und für Leben verant­wortlich ist. Ihr Jahreseinkommen ist geringer als die monatliche Weinrechnung von gewissen Fußballmana­gern, die sich als moralische Instanzen aufspielen!

(4) Die bekannte Firma Müllermilch – über den Charakter und die Weltansicht ihres, sagen wir mal verharmlosend, AFD-affinen Besitzers schweige ich lieber, weil er mich sonst zivilrechtlich belangen würde – hat ihren Hauptsitz und ihr Logistikzentrum in einem Nachbar­dorf. Da mein Heimatort Diedorf keine Umgehung besitzt, donnern täg­lich unzählige italienische Laster mit überhöhter Ge­schwindigkeit über die immer verstopfte Hauptstraße. Die „Müllers“ werben damit, dass ihre Firma im Allgäu ansässig ist. Ich bitte dies zu beachten und mich ab jetzt nicht mehr als Schwaben, sondern als Allgäuer oder besser als Südwestbayern zu titulieren.


Wer von mir mehr Texte in dieser Art haben möchte, wird hier fündig:

Der Freitagsaufreger (XXXIII) – Hase und Igel

Was soll ich machen?

Bei meiner Geburt muss etwas schrecklich schiefgegangen sein. Ich kann niemanden nach dem tatsächlichen Geschehen befragen, denn meine Mutter hat den Kaiserschnitt (Sonntagmorgen, 09:30 Uhr, der Arzt wollte noch zuende frühstücken) unter Vollnarkose verschlafen und mein Vater… nun, damals, als noch Adenauer[1] Bundeskanzler war, waren die Zeiten anders, da warteten die Väter nicht auf der Entbindungsstation gemeinsam mit ihrer Frau oder waren gar bei der Geburt anwesend, sondern sie saßen daheim und riefen ab und an im Krankenhaus an. Auf jeden Fall kam ich mit einer blutigen linken Wange zur Welt, weil der Arzt – vielleicht war der zu starke Frühstückskaffee schuld  – mit seinem Skalpell zu tief geschnitten hatte. Die Narbe ziert mich noch heute.

Mit diesem Geburtsschock muss sich in mir etwas verändert haben. Ich gestehe es: Ich bin kein richtiger Mann. Freilich habe ich viele typische Männereigenschaften. Ich drücke mich, soweit Frau Klammerle es zulässt, vor der Hausarbeit, kann nicht tanzen, grille gerne und spiele am Computer. Andere prägende Charakteristiken fehlen mir vollkommen. So interessiere mich zum Beispiel nicht für Autos – sie dienen mir nur als Mittel zum Zweck -, ich wechsle täglich meine Unterwäsche, ich verabscheue Fleisch, kann durchaus auch mal Gefühle zeigen und diese formulieren. Ich mag auch keinen Sport, weder aktiv, noch passiv.

Vor allem keinen Fußball.

Fußball, ich gestehe es hier vor aller Welt, langweilt mich zu Tode. Ich kann mir kaum Langweiligeres vorstellen, als 20 Mann dabei zuzusehen, wie sie 90 Minuten und länger hinter einem Ball herrennen und am Ende steht es 0:0. Wenn es wenigstens mehr Bälle gäbe oder 4 Tore oder ein paar Hindernisse und Wassergräben, wenn sie sich wie beim Rugby oder beim Eishockey häufiger prügeln würden – dann könnte vielleicht aus diesem Sport noch etwas werden. Aber so? Und dann auch noch darüber Gespräche führen und zu diskutieren… Das ist für mich so amüsant wie der ‚Musikantenstadl‘ oder ein Termin beim Zahnarzt. Auch diese unerquicklichen Ereignisse versuche ich zu vermeiden und meist gelingt es mir. Dem hl. Fußball aber kann man nicht entkommen; im Moment ist es sogar unmöglich. Er ist der Igel, der „Ick bün al dor!“ ruft, egal, wohin ich armer Hase flüchte. Länderspiele, Bundes- und Championsliga kann ich recht erfolgreich ausblenden, aber eine Europa- oder gar eine Weltmeisterschaft ist allgegenwärtig wie eine Grippewelle. [2]

Aufreger33

Jedes Medium überschüttet mich mit Informationen, die ich nicht nachgefragt habe: über  Spieler, Manager, Trainer, Austragungsorte. Eine Pressekonferenz des Bundestrainers nimmt mehr Platz in den Schlagzeilen ein als eine Ansprache des Bundespräsidenten. Sogar die altehrwürdige ZEIT hat inzwischen eine Fußballseite, das ist, als würde die Kanzlerin einen Minirock tragen. Nein, mir sind Vorbereitungsspiele und Trainingslager in Südtirol gleichgültig; ich will nicht am Ende jeder Nachrichtensendung darüber unterrichtet werden, wer Konditionsprobleme hat, nicht, was „Schweini“ zum Frühstück hatte, wer wo verteidigt und wer wie die Bälle fängt[3]. Oder auch nicht. Ich will bei meinen Einkäufen keine Panini-Sammelbilder geschenkt bekommen und keine Fan-Edition von meinem Deo. Ich werde mir keine Deutschland-Fähnchen ans Auto klemmen und will beim Biertrinken keine Gewinnchance auf ein Endspiel-Ticket. Ich esse meine Pizza konservativ am Küchentisch und nicht vor der Glotze. Kartoffelchips habe ich noch nie gemocht. Mir ist es gleichgültig, welches Auto Thomas Müller fährt und welches Milchgetränk[4] er zu sich nimmt. Ich will nicht alle zwei Tage eine Infopost von meinem Kabelanbieter oder einen persönlichen Anruf von Sky-Deutschland, dass ich bei ihnen gegen eine geringe Gebühr alle Spiele und Ligen sehen kann. Und die Formel 1. In meinem Radio soll Musik laufen und keine Fachsimpeleien über die Frisuren von Löw und Netzer.

Mein Interesse gilt anderem, das dürfte inzwischen hinlänglich bekannt sein. Aber auch im Politikteil und im Feuilleton regiert gerade König Fußball. Das ist offenbar wichtiger als die Ukraine oder die EU. Jeder Politiker, Dichter oder Denker, jeder Schauspieler oder Künstler gesteht in offenenen Interviews seine heimliche Liebe zum Vereinssport, alle Kolumnen drehen sich ums Thema und die Philosophen erklären uns den erkenntnistheoretischen Inhalt von 90 Minuten Rasenspiel. Es wird ernsthaft erwogen, nach Spielen der deutschen Mannschaft die Schule später beginnen zu lassen!

Nein. Ich habe einen Geburtsfehler. Ich bin kein Mann, vielleicht nicht einmal ein Deutscher.

Ich interessiere mich nicht für Fußball.

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[1] Ich bin in der Tat so alt, auch wenn ich es nicht wahrhaben will und gerne verdränge: Ich bin im Jahr der Spiegelaffäre geboren, an einem eiskalten Februartag.

[2] Warum heißt das Gebolze in Brasilien eigentlich immer „FIFA“-Weltmeisterschaft? Gibt es noch eine andere?

[3] Bei dieser Gelegenheit: Mir platzt der Kragen, wenn ich an die Gehälter dieser Profi-Kicker denke und an die Gelder, die dieser Sport noch verbrät und verjubelt, wenn ich sehe, was jemand in einem sozialverantwortlichen Job verdient, eine Erzieherin, ein Altenpfleger z. B. oder auch Frau Klammerle, die als Kinderkrankenschwester in einer Frühgeborenenintensivstation Nachtwachen und Schichtdienste leistet und für Leben verantwortlich ist. Ihr Jahreseinkommen ist geringer als die monatliche Weinrechnung von gewissen Fußballmanagern, die sich als moralische Instanzen aufspielen!

[4] Die Firma Müllermilch – über den Charakter und die Weltansicht ihres Besitzers schweige ich lieber, weil er mich sonst zivilrechtlich belangen würde – hat ihren Hauptsitz und ihr Logistikzentrum in einem Nachbardorf. Da Diedorf keine Umgehung besitzt, donnern täglich unzählige italienische Laster mit überhöhter Geschwindigkeit über die immer verstopfte Hauptstraße. Die „Müllers“ werben damit, dass ihre Firma im Allgäu ansässig ist.

Ich bitte meinen Freund Herrn Heun, dies zu beachten und mich ab jetzt nicht mehr als Schwaben, sondern als Allgäuer oder besser als Südwestbayern zu bezeichnen.

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