Aber ein Traum …

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Ja, er ist’s oder Frau Klammerles Frühling

Der phänologische Kalender kennt drei Stufen des Frühlings; den sogenannten Vorfrühling, wenn die Haseln und Schneeglöckchen blühen, den Erstfrühling, in dem die Forsythien gelb erstrahlen und die Obstbäume ihre Knospen öffnen und endlich den Vollfrühling, in dem das Laub an den Bäumen erscheint und die Kastanien gierig ihre Kerzen in den Himmel recken. Im Gegensatz zum bescheuerten Mondkalender (–> siehe hier: https://klammerle.wordpress.com/2014/12/27/bock-des-monats-dezember/) und anderem weltanschaulichem Unfug stimmt der phänologische immer und der Gärtner kann seiner Leidenschaft nachgehen, ohne sich vorher zur Ader zu lassen oder Detox-Heilzufasten; nur kann sich je nach Witterung das Erscheinen einer Stufe verfrühen oder – wie in diesem Jahr – etwas verspäten. Aber wie sagte schon mein guter Freund Jean Paul: „Das Schöne am Frühling ist, dass er immer dann kommt, wenn man ihn am dringendsten braucht.“

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Leider ist dieser phänologische Kalender nicht ganz vollständig, denn zumindest in meinem Garten fehlt eine Frühlingsstufe, die zwischen Erstfrühling und Vollfrühling einzuordnen und die ich wohl eher der Phänomenologie als der Phänologie zuordnen möchte. Das ist der Frau Klammerles Frühling. Er beginnt, wenn die Temperaturen erstmals für ein paar Tage die magische 15°C-Marke übersteigen, eine heitere Sonne bereits frühmorgens vom Himmel lacht und die Frühjahrsblüher im lauen Wind auf den Feldern ihre Köpfe neigen, also in den Wochen nach Ostern. Dann geschieht etwas Seltsames mit meiner Frau. Im Gegensatz zu mir und auch der Katze Amy, die wir uns dann am liebsten in einem bequemen Gartenstuhl in die wamen Strahlen einer gütigen Sonne setzen, resp. liegen würden, um dort für ein paar Stunden das Leid der Welt, an dem wir so schwer tragen, zu vergessen, packt Frau Klammerle dann wie die vom Brutgeschäft aufgeregten Amseln eine schwer beschreibbare Unruhe. Katze und Mann würden gerne unserer Frühjahrsmüdigkeit erliegen, das lange vermisste Vitamin D tanken und wir wollen uns unter Protest nur dann von unserem Platz wegbewegen, weil die Abende doch noch recht kühl sind und – in Amys Fall – die Meisen gar zu frech um unsere Köpfe fliegen. Ganz anders ist da Frau Klammerle. Sie hält es keine Sekunde auf einem Ruheplatz, dann springt sie schon wieder auf. Sie platzt förmlich vor Energie und innerer Ungeduld; sobald sie neben mir für einen Wimpernschlag auf dem Gartenstuhl sitzt, ist es, als würde sie ein Stromstoß durchzucken und sie muss augenblicklich in die Höhe springen und einen Dekofrosch aufstellen oder an einem Gräslein zupfen (–> siehe auch: https://klammerle.wordpress.com/2014/03/21/geschmackloses-rewind). Das muss irgendetwas merkwürdiges mit ihren Hormonen sein, die ab 15°C Amok laufen, ich kenne mich da nicht so gut aus. Vielleicht ist es auch nur ihre Art, ihre Freude über den überstandenen Winter und der Lust am Leben Ausdruck zu verleihen.

Garten, Haus, Mann und Katze werden einem harten Regiment unterworfen, da gibt es etwas zu zupfen, dort etwas zu putzen, hier etwas zu befehlen und da eine Katze zu quälen. „Der Vorgarten! Wie schaut denn der aus? Man muss sich ja schämen! Möchtest du nicht den Rasen vertikutieren?“ – „Die Fenster. Bei dem Licht sieht man erst den Dreck!“ – „Schatz! Wann möchtest du endlich die ewig versprochene Erweitung zu unserem Frühbeet bauen?“ (1) – „Amy, dein Winterfell ist ja ganz verfilzt. Gott, was haart diese Katze! Ich muss dringend ein Mittel gegen Flöhe und Zecken kaufen! Aber zuerst wird sie gestriegelt!“ – „Lass uns auf der Stelle zum Bauhaus, Obi, IKEA, Segmüller, Depot, Dehner, in die Gärtnerei und zum Rewe fahren.“ – „Was essen wir eigentlich heute Abend? Möchtest du Zucchini?“

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Ein geniales Hochbeet

Seit ein paar Tagen herrscht nun wieder Frau Klammerles Frühling in meinem Garten und meine Frau verwandelte sich wie von einem alten Fluch belegt in einen erbarmungslosen Herrn, der mich wie Herkules zu zwölf Heldentaten zwingt. Ich habe in der letzten Woche zum Beispiel unseren alten Komposthaufen entfernt und an seinem Platz eine großzügige Erweiterung meines genialen Hochbeets errichtet und dafür einen Sonnentag im kalten, finsteren Keller und einen Regentag im Matsch und Dreck verbracht. „Möchtest du nicht gleich auch noch den Keller mit aufräumen! Der sieht ja furchtbar aus.“ Ich habe 500 l Pflanzerde. Rindenmulch und Pflastersteine gekauft und geschleppt, dann unser Gartenhäuschen, dessen Kiesfundament im langen Winter abgesackt ist und das nun etwas windschief stand, mit Hilfe der von Frau Klammerle rekrutierten Söhne 1 und 2, ausgeräumt, ausgemistet und wieder aufgerichtet, einen Gartenweg restauriert und mit Platten belegt, die vermooste Terrasse gekärchert (2), und, und, und … jetzt habe ich mich aus Furcht, Frau Klammerle könnte noch etwas einfallen, in meinem Arbeitszimmer eingeschlossen und ihr verboten, mich zu stören (3), da ich an meinen Romanen, die die Welt braucht, arbeiten müsse. (4) Sie putzt inzwischen ein wenig die Wohnung, bezieht die Betten und bereitet mir ein wenig Arbeit vor.

Jammern beiseite, das heißt jetzt nicht, dass nur ich als kleiner Befehlsempfänger arbeite. Frau Klammerle leistet wesentlich mehr als ich und es ist meist mein schlechtes Gewissen, das mich von meinem Ruheplatz aufschreckt und frühjahrsputzen lässt, weil sie wieder wie Rumpelstilzchen durch Heim und Garten tobt und zwischendurch tatsächlich noch Zeit findet, zum Sport zu gehen, 10000 Whats-App-Nachrichten zu schreiben, Kuchen zu backen, meinen neuen Roman zu lesen, zur Nachtwache zu gehen oder unsere Ehe zu pflegen. Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, wie sie das macht und dabei im Gegensatz zu mir auch noch gut aussieht. Ihre Minuten müssen 180 Sekunden haben. Und ja, am heutigen Sonntag in einem ehrlichen Moment im warmen Sonnenschein betrachtet: Das Ergebnis dieser Arbeitswoche kann sich wirklich sehen lassen. Der Garten ist wunderbar und das Haus glänzt. Vielleicht können wir uns jetzt -, für ein paar Minuten -, auf ein Radler …

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Unser Traumgarten (noch nicht vertikutiert) …

„Schnickschnack! Wir müssen unbedingt zum Wertstoffhof, da liegt so viel Müll im Keller. Mein Arbeitszimmer muss ich noch aufräumen. Möchtest du den Crosstrainer in den 2. Stock bringen? Komm, wir fahren schnell zur Gärternei und kaufen einen Busch, dann sieht man die hässliche Ecke hinter dem Gartenhäuschen nicht. Wollen wir heute Nachmittag irgendwohin radeln, nach Oberschönefeld? Möchtest du erst die Räder putzen und herrichten? Und überhaupt, da fällt mir ein: Auf den Autos sind ja noch die Winterreifen. Möchtest du nicht …?“

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(1) Frau Klammerle gibt nie direkte Befehle. Sie formuliert sie immer als rhetorische „Möchtest du …?“-Fragen, bei denen sie allerdings nie das Fragezeichen mitspricht. „Nein“, wird als Antwort nicht anerkannt.

(2) Ja, Sohn Nr. 2, das Wort „kärchern“ gibt es, es ist keine Werbung, sondern kürzt genial „mit einem Hochdruckwasserstrahlreiniger abspritzen“ ab.

(3) Es sei denn, der Dachstuhl brennt, eine Zombiearmee trampelt über die Primeln oder das Mittagessen ist fertig.

(4) In Wirklichkeit schreibe ich diesen Text.

Der Freitagsaufreger (38) – Verlage und ich

Ich bin fassungslos …

 

Ich fürchte, heute werden mir die Gänsefüßchen und Klammern auf meiner Tastatur ausgehen – und die Baldriantropfen. Ich bin angefressen wie nur selten und daran ist der Piper-Verlag schuld. Er scheint mir geradezu paradigmatisch für jene deutschen Verlage zu stehen, denen der Autor ein eher lästiger bis störender Faktor in ihrer wirtschaftlichen Gesamtrechnung ist.

 

Wie ich gerade sehe, verunziert der Piper-Verlag seine aktuelle Taschenbuchausgabe von Thomas Hardys grandiosem „Tess“-Roman ausgerechnet mit einem riesigen, überaus hässlichen orangen Fleck, in dem eine angebliche Aussage der 50-Shades-of-Gray-Produzentin (meine Hand weigert sich standhaft, sie als „Autorin“ zu bezeichnen) zu lesen ist, diese Geschichte sei Teil ihrer Inspiration für ihren „Roman“ gewesen. Man kann diesen Aufkleber nicht einmal ablösen, um das Buch in Ruhe und ohne Scham in der Öffentlichkeit lesen zu können. Im Werbetext heißt es dann tatsächlich: „Entdecken auch Sie die Faszination dieses Buchs, mit dem die zügellose Leidenschaft zwischen der Studentin und dem attraktiven Unternehmer ihren Anfang nahm.“ (!) Zuerst glaubte ich an einen verspäteten Aprilscherz, aber offenbar ist es dem Verlag damit ernst.
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Tess und SM – Ich könnte kotzen …

 

Mich ärgert es als Autor bereits maßlos, wenn ein Roman im Buchhandel plötzlich auf dem Titel ein Foto aus der Verfilmung trägt und darüber in Verwechslung von Ursache und Wirkung aufdringlich „Das Buch zum Film“ zu lesen ist. Das ist Hardy übrigens auch schon passiert. Wie weit ist es mit den Verlagen jedoch gekommen, wenn die Produzentin einer SM-Schmonzette (wir warten auf ihr neues Buch, das die Geschichte des Herrn Grey und seiner devoten Sekretärin aus der Sicht seines Schäferhunds beschreibt), die urspünglich Fan-Fiction (ich habe zuerst unbewusst „Fan-Ficktion“ geschrieben – Freud’sche Fehlleistung) zu den glitzernden Vampiren war, als Garant für gute Literatur zitiert wird. Klar, jeder Fantasy-Roman muss mit dem unsäglich langweiligen, rassistischen „Herrn der Ringe“ verglichen werden und jedes Buch ist „Augenkino“ (wer hat eigentlich diesen blödsinnigen Begriff erfunden? Aber Thomas Hardy – Thomas Hardy? Seine immer nach Kartoffelfeuer und Herbstlaub riechenden Romane aus der erfundenen Provinz Wessex waren zwar in viktorianischer Zeit skandalös, weil sie starke, selbstbestimme Frauen zeigten, haben aber mit Pornografie und SM so viel zu tun wie A. A. Milnes Winnie the Puh. Was, um Himmels Willen, hat das Machwerk dieser E. L. James mit Tess von den d’Urbervilles (wahrscheinlich wurde der Titel gekürzt, weil man dem 50-Shades-Publikum nicht zutraut, ihn richtig auszusprechen) gemein – außer dass in beiden Fällen Buchstaben benutzt wurden, um das Werk zu Papier zu bringen? Werden wir demnächst Hinweise auf die „Grautöne“ auch auf den Romanen von Henry James finden, weil der mit der schriftstellernden Dame zufällig den Nachnamen teilt und ab und an eine emanzipierte Frau vorkommen lässt? Sehen wir bald auf Goethes „Wilhelm Meister“ die Anmerkung kleben, dieses Werk habe die Rowlings zu „Harry Potter“ und Dantes „Inferno“ die Produzenten von „Walking Dead“ zu ihrer Fernsehserie inspiriert? Oder auf Dostojewskys „Schuld und Sühne“, diese Geschichte sei Teil der Inspiration für den neuen Kluftinger-Heimatkrimi gewesen? „Entdecken auch Sie die Faszination dieses Buchs, mit dem die Fälle des Kriminalkommisars aus dem Allgäu ihren Anfang nahmen“. Ich muss hier meine Fantasie zügeln, sonst bekomme ich noch ein Magengeschür.

 

Was ist mit den deutschen Verlagen los, mit Piper, Suhrkamp, Rowohlt, Hanser und den anderen – früher waren sie doch einmal Garanten für Qualität? Beschäftigen sie in ihren Räumen blutjunge Praktikantinnen und Bachelors und keine Lektoren mehr? Lassen sie nur noch von geknechteten Übersetzern Lizenzromane aus dem Englischen übertragen, weil es so schön billig ist? Ist es bereits ein Risiko, einen Roman von Hardy nachzudrucken, ohne ihn in einen Kontext mit einem irgendeinem Bestseller zu stellen? Ich fürchte, wir erleben gerade alle einen Niedergang des deutschen Verlagswesens, wie er noch nie stattgefunden hat.

 

Freilich, es wird immer weniger gelesen (Mein niveauloser Zwilling auf siebenhardt.wordpress.com, der Fantasyautor Niklas, wollte eben seinen neuen Roman gratis verteilen und hat eben die Erfahrung gemacht, dass die meisten seiner Follower seinen neuen Roman nicht einmal dann geschenkt haben wollen, wenn er sogar die Portogebühr für seine Übersendung übernimmt). Bücher sind einfach nichts mehr wert. Aber einen der größten Romane der Weltliteratur auf diese Weise bewerben, als sei er ein Schokoriegel oder eine Wichsvorlage – das ist schäbig, billig, beschämend.

 

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Anmerkung: Ich für meinen Teil habe längst die Konsequenzen gezogen. Ich glaube nicht an Verlage und reiche dort auch keinen meiner Texte ein (Was eh erfolglos wäre, da der Verlag mit mir nur Ehre, aber kein Geld gewinnen könnte).

Der Freitagsaufreger (34) – Das Fotobuch – Teil 1

[Es ist mal wieder an der Zeit für den Freitagsaufreger, meine beliebte Kolumne, die ich im Herbst als Buch herausgeben will.]

No. I will not fix your computer for free!

Ich verdiene meine Brötchen nicht mit dem Schreiben. Das hat sich unter den wenigen, die meine Texte lesen, inzwischen herumgesprochen und diese sattsam bekannte Tatsache habe ich hier nur wiederholt, weil ich einen ordentlichen Einstieg in mein Thema wollte.

Jetzt bitte nicht erschrecken: Nikolaus Klammer ist in seinem bürgerlichen Leben ein Nerd – oder, wie man es in den USA nennt – ein Geek. Jetzt ist es raus: Er betreut unter anderem als Administrator Computernetzwerke, repariert und wartet PC’s, installiert Software und programmiert. Seit er sich in den 80ern des letzten Jahrhunderts einen C64 kaufte und ihn begeistert an einen kleinen, tragbaren Fernseher anschloss*, um in endlosen Nachtsitzungen tausende Peeks und Pokes einzutippen, hält ihn die Faszination gefangen, die für ihn von diesen Rechenmaschinen ausgeht. Bald schaffte er sich einen IBM-PC mit MS-DOS als Betriebssystem und einer schier endlosen Platz bietenden Festplatte mit sagenhaften 20 MB Speicher für seine Programmierversuche an. Er begann, Informatik zu studieren, schrieb in Pascal, Basic und Cobol, verdiente sich Geld mit Computerkursen und Software. Doch genug vom unverständlichen Technikgeschwätz. Dies ist ein Literatur- und kein Computerblog.

Ich will in der Hauptsache zwei Dinge von einem PC: Ich möchte auf ihm meine Texte schreiben und überarbeiten und ich will mit ihm spielen. Für die heutzutage so wichtigen Social-Media-Möglichkeiten der Computer interessierte ich mich nie. Am Anfang waren Rechner nur ein Spielzeug für Autisten, denen bereits ein einfaches Telefongespräch Schweißausbrüche und schlaflose Nächte beschert – also genau das Richtige für einen sozial impotenten Geek mich. Es mag absurd klingen, aber ich besitze zwar ein Notebook, ein Tablet, mehrere E-Book-Reader, PC’s und eine Spielekonsole, aber kein Smartphone oder Handy. Die Whats-App-Kommunikation überlasse ich Frau Klammerle.

Meine fundierten Computerkenntnisse sind selbstverständlich bei meinen Arbeitskollegen und bei meinen Freunden und Verwandten bekannt. Es vergeht keine Woche, in der ich nicht wegen irgendeines privaten PC-Problems um Rat und Tat gebeten werde. Das anschließende Gespräch hört sich dann ungefähr so an:

„Du, du kennst dich doch mit Computern aus. Ich hätte da mal eine Frage: Mein PC ist kaputt (… ist langsam, … hat kein Internet, … macht Geräusche, .. wird heiß, … fährt einfach runter, … startet nicht, … der Bildschirm sieht komisch aus, usw.). Woran kann das liegen?“

Ich fasse mich in Geduld. Sie ist mein zweiter Vorname. Nikolaus Patientius Klammer.

„Ich bin kein Hellseher, weißt du. Du würdest auf einer Party auch nicht einen zufällig anwesenden Arzt fragen, warum du gerade ein wenig Kopfschmerzen hast und was du dagegen tun kannst. Was passiert denn, wenn du ihn einschaltest?“

„Na ja, er geht nicht.“

Nein, ich werde jetzt nicht fragen, ob der Stecker vom Stromkabel in der Dose ist oder vielleicht der Netzschalter aus ist, denn dann kriege ich den „Ich bin doch nicht blöd“-Blick.

„Was hast du denn für ein Betriebssystem?“

„Na, WORD.“

„Nein, ich meine nicht ein Textverarbeitungsprogramm, sondern das Betriebssystem.“

„Microsoft.“

Ich stöhne leise.

„Das ist die Firma, die das Betriebssystem „Windows“ herstellt. Welche Version von Windows hast du denn?“

„Weiß nicht. Windows WORD?“

Ich stöhne lauter.

„Was ist denn zu sehen, wenn du den Rechner einschaltest?“

„Na – nichts. Das ist doch das Problem.“

„Der Monitor bleibt schwarz?“ Nein, ich werde nicht fragen, ob er ausgeschaltet ist.

„Nein, das steht schon etwas. Aber dann nichts mehr.“

„Und? Was steht da?“

„Keine Ahnung. So Zeug halt.“

Und so weiter und so weiter und so weiter und so weiter … Ähnlich sinnvolle Gespräche kann man über Grafikprobleme, Browser und nicht druckende Drucker führen. Ein weites Feld. Normalerweise lasse ich mich überreden, persönlich vorbei zu kommen und das Gerät in Augenschein zu nehmen. In den meisten Fällen genügt tatsächlich meine Anwesenheit, dass doch alles funktioniert. Das nennt man unter Computerfreaks den Vorführ-Effekt. Manchmal reicht es auch, wenn ich meine heilenden Hände auf das defekte Gerät lege. Und natürlich gibt es oft auch ein kleines Stromproblem. Selten ist wirklich etwas kaputt, aber dann ist nicht das Versagen der Komponenten der Grund, sondern der User der Verursacher der Schwierigkeiten. Mein Schwager bringt es zum Beispiel innerhalb eines Vierteljahres fertig, seine Computer so mit Trojanern, Adware und anderen Schädlingen zu vermüllen, dass man während des Startens des Rechners bequem ein paar Partien Schach (analog) spielen kann. Keine Ahnung, auf welchen Seiten er im Internet surft. Ich will es auch nicht wissen. Also muss ich wieder ran und die Kiste in Ordnung bringen.

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Nicht einmal dieses T-Shirt, das mir Frau Klammerle geschenkt hat, hat mir geholfen.

Wie viel Zeit habe ich wohl in meinem Leben damit verschwendet, vor einem fremden Computer zu sitzen und einem Balken dabei zuzusehen, wie er sich langsam von 0 auf 100 verschiebt, um dann irgendwo bei 97 stehenzubleiben? Wenn es einen Himmel gibt, hoffe ich, dass mir diese Tage oder eher Wochen auf meine Zeit im Fegefeuer angerechnet werden. Aber wie gesagt, ich bin ein legendär geduldiger Mensch und erkläre jedem gerne ein-, zwei-, dreimal oder öfter, wie man ein Netzwerk einrichtet, einen Text in Blocksatz setzt, eine Powerpoint-Präsentation automatisiert oder wohin – verdammt noch mal – die eben abgespeicherte Datei verschwunden ist.

Sagte ich jedem? Nein, es gibt eine Person, der kann ich überhaupt nichts erklären, ohne eine Ehekrise auszulösen. Das ist Frau Klammerle. Doch davon und unserem Versuch, gemeinsam ein Fotobuch von unserem Moselurlaub zu erstellen, berichte ich in der nächsten Woche.

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* Wenn ich den Commodore 64 einschaltete, konnte niemand mehr im vierstöckigen Mietshaus ohne Störungen fernsehen. Es wurde zwar verzweifelt nach den Ursachen der Bildausfälle geforscht, aber es ist nie jemand darauf gekommen, dass mein gewaltige Magnetfelder erzeugender Heimcomputer die Ursache war.

Meine eigene Dummheit (Rewind) oder: Wie schnell doch so ein Jahr vergeht…

Da mir heute endlich die Handwerker mit einer neuen Tür ins Haus gefallen sind (kaum drei Monate darauf gewartet…) und gerade mit viel Lärm und metallisch beißendem Gestank das alte Aluminiummonstrum aus seinem Rahmen fräsen, fehlt mir heute die Muse (Muße?) und Ruhe, einen neuen Artikel zu schreiben. Deshalb gibt es heute Aufgewärmtes, einen „Freitagsaufreger“ vom 07. Juni des letzten Jahres, in dem ich erläuterte, wie es dazu kam, dass ich eine neue Haustüre benötigte, weil ich die alte in einem Akt von unfreiwilligem Vandalismus irreparabel beschädigte und meine Katze endlich einen eigenen Eingang braucht. Im Moment stellt sie sich noch jammernd und kratzend vor eine Tür, wenn sie rein und raus will und das soll anders werden.

Amy (die Katze) trägt inzwischen einen in den Nacken implantierten Chip, der einen Code aussendet, der sie für PETA und die NSA überall auffindbar macht und mit dessen Funkwellen sich die Katzenklappe automatisch für sie öffnet.  Wie das Ganze funktioniert, habe ich nicht vollkommen verstanden; es ist eine moderne Form des all inclusive-Armbändchens. Es soll nämlich nur Amy (und die diversen Mitbringsel, die sie dabei hat) ins Haus an ihr Futter und ihren bequemen Schlafplatz lassen und nicht irgendeine andere Katze, von denen in der Gegend einige herumspazieren. Auch Marder und Waschbären sollen draußenbleiben.

Jetzt muss Amy nur noch kapieren, dass sie durch die schmale Klappe ins Haus kann. Wahrscheinlich werde ich in den nächsten Tagen meine Freizeit vor der Öffnung gekauert verbringen und mit der heißgeliebten Katzen-Bifiwurst wedeln, um sie zu locken. Denn ich will demnächst mit Frau Klammerle in den wohlverdienten Urlaub fahren und dann soll Amy allein ein- und ausgehen können und mutig das Haus bewachen.

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Wird diese Katze clever genug sein, die Sache mit der Klappe zu verstehen?

Wir werden sehen und ich werde demnächst hier darüber berichten. Meine alte Tür wird übrigens in mein privates DOOR-ART-Museum im Keller kommen, in dem ich schon diverse Schranktüren, eine alte gußeiserne Ofentür, eine kaputte Küchen-, und eine überflüssige Wohnzimmertür exponiere. Es ist zwar etwas eng, aber diverse alte Stühle und anderer Sperrmüll sorgen dort für Gemütlichkeit.

Aber nun zum Freitagsaufreger:

*

Meine eigene Dummheit.

Sie ist manchmal grenzenlos. Ich will nicht viele Beweise anführen, um diese These zu verifizieren, denn ich möchte heute für diesen Artikel nicht die Proust-Medaille für ausschweifendes Erzählen erhalten. Fremdschämen und Schadenfreude sind nur als Fast-Food bekömmlich. Außerdem ist mir das alles wirklich peinlich und ich will niemanden mit sattsam Bekanntem belästigen – denn jeder kennt die Dummheit aus eigener Anschauung.

Ich folge hier einem Themenvorschlag von Frau Klammerle, ich solle doch mal über meine geistigen Unzulänglichkeiten schreiben.

Nehmen wir daher nur einmal die letzten Tage. Vorgestern entschloss ich mich unter konsequenter Umgehung des Gehirns spontan, alle Regeln des örtlichen GUV zu missachten und schnell mal mit der Standbohrmaschine ein Loch in einen Metallstreifen zu bohren, ohne diesen im Maschinenschraubstock vorher gesichert zu haben – tausendmal gemacht: Nie ist etwas passiert. Selbstverständlich wurde mir das Metall diesmal aus der Hand gerissen, rotierte mit 1650 rpm wie ein Hubschrauberrotor um den Bohrer. Seither kann ich nur noch mit den Fingern der rechten Hand tippen, da von den linken ein paar entscheidende Teile weggesäbelt wurden (Ich verzichte auf eine Illustration).

Gestern Vormittag nun ging ich frohgemut aus dem Haus – Pflaster kaufen und in die Arbeit fahren – und zog die Tür hinter mir zu. Sie ahnen es schon: Ich hatte mich selbst ausgesperrt. Der Sohn war in der mündlichen Prüfung, die Frau in der Arbeit, ein Handy besitze ich aus Prinzip nicht und ein dringender Termin wartete ungeduldig. Deshalb bin ich bei mir selbst eingebrochen. Ich versuchte es zumindest. Die Zahl der Einbruchsdiebstähle ist in Deutschland in den letzten Jahren stark angestiegen, 140.000 Brüche im Jahr, aber wann ist schon ein Einbrecher in der Nähe, wenn man mal einen braucht?

Nach einer schweißtreibenden Weile (ja, der Sommer ist zurückgekehrt) gelang es mir, das Blech am alten Briefkastenschlitz mit Hilfe eines Besenstiels ein stückweit wegzubiegen, damit ich durch dessen Öffnung nach innen langen konnte. Was erzähle ich noch: Der Schlitz war zu klein, die Finger steckten fest – natürlich (ja, natürlich) die der linken Hand, deren Wunden wieder aufplatzten und in die Wohnung bluteten. Inzwischen standen auch schon zwei besorgte Nachbarn parat und hatten gute Ratschläge; in meiner Wohngegend macht man nie etwas unbeaufsichtigt. Deshalb wird hier auch wahrscheinlich auch so selten eingebrochen.

Dann öffnete die Nachbarin von Nebenan ihre  Tür, beunruhigt wegen des Lärms bei mir. Als ich ihr meine Lage schilderte, fragte sie erstaunt, warum ich nicht meinen Hausschlüssel benutzen wolle, den ihr Frau Klammerle für solche Fälle zum Aufbewahren überreicht habe.

Genug!

Unsere alte, hässliche Alu-Türe, die Winters innen eine Eisschicht bildet und sich im Sommer so verzieht, dass man sie mit einem Ruck aufstemmen muss, schließt nach meinem dilettantischen Heist-Movie noch immer hervorragend, aber sie ist leicht lädiert und ich muss mich mit dem Gedanken anfreunden, sie demnächst durch eine neue Tür zu ersetzen; am Besten gleich eine mit Katzenklappe, damit Amy ihr halblebendiges Spielzeug mit in die Wohnung nehmen kann.

Dabei ist mir aber die Idee zu einer neuen Kunstrichtung gekommen:

DOOR-ART!

Man braucht außer dem Medium (der Tür) nur noch einen stabilen Besenstiel, eine vom Nachbarn entliehene Kombizange und eine angstfreie, schmerzresistente Künstlerseele und kann interessante Kunstwerke mit einer Botschaft gestalten (paint it bloody red, Türen, die trennen, ein- und ausgrenzen, Knockin‘ on Klammers door, die Grenzen überwinden, das Nord-Süd-Gefälle, der Mann als Irrtum der Natur, doorway to heaven usw., usf. Mir schwirrt der Kopf vor Ideen!) – und das Ganze an der eigenen Haustüre. DOOR-ART! Die Kunst kehrt heim.

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Der Freitagsaufreger (I): „Da bin ich ganz bei Ihnen…“ (Rewind)

Heute gönne ich mir (und meinem Leser) einen kleinen Rückblick auf meinen allerersten Freitagsaufreger, eine kurze, zugegebenermaßen sanfte Kritik an der Politikersprache. Damals, am verregneten 17. Mai des letzten Jahres, hatte ich noch nicht geplant, mich Woche für Woche freitags ‚aufzuregen‘. Aber mein Alltag wollte es anders: Inzwischen habe ich mich schon über dreißigmal ereifert.  Um auch hier einmal meinen Lieblings-Goethe zu zitieren: „So zwingt das Leben uns, zu scheinen, ja zu sein, wie jene, die wir stolz und kühn verachten konnten.“

Die Motivation für den Erstling war simpel: Ich hatte am Vorabend einen Polittalk gesehen und war gefühlte einhundertmal über den Satz: „Da bin ich ganz bei Ihnen!“ gestolpert, den Politiker und Prominente jeder Couleur immer dann einstreuen, wenn sie besonders volksnah jemandes Meinung für ihre sinistren Zwecke vereinnahmen wollen.

Mit diesem ersten Aufreger sind ein paar Erkenntnisse verbunden: Es ist mir nicht gegeben, politische Satire zu schreiben. Das können andere viel, viel besser als ich. Auch hier macht die Übung den Meister. Der Aufreger unten mag zwar rührend, aber vergeblich um Originalität bemüht sein, aber er ist unscharf und holprig formuliert. Bei einem Leser mehr als ein gutmütiges Schulterzucken zu erwarten, wäre Hybris.

Außerdem fehlt ein Foto. Im Internet sollte jeder Text von einer Illustration begleitet sein, wenn er Aufmerksamkeit erregen will. Was auf dem Foto zu sehen ist, muss nicht im Zusammenhang mit dem Inhalt stehen; ein Foto von einem Säugling oder meiner Katze reicht vollkommen aus, ganze Webseiten leben davon. Immerhin ist der Aufreger unten ganz kurz. Das kann ich nicht von jedem meiner Blogartikel sagen, denn ich leide häufig unter Sprach-Diarrhoe und schaffe es selten, unter 800 Wörtern zum Punkt zu gelangen.

 Trotzdem begann mit dem ersten Freitagsaufreger etwas und er ist bei Kollegen, Freunden und meiner Familie die beliebteste Kolumne. Inzwischen sind die Texte ja zu einer ganz netten Sammlung angewachsen und ich plane, sie überarbeitet als ein kleines E-Book zusammenzustellen und meinen ‚Followern‘ zu meinem einjährigen Blogjubiläum zu schenken.

 *

 Da bin ich ganz bei Ihnen…“

Wer hat eigentlich als erster diese blödsinnige und vollkommen sinnfreie Formulierung aufgebracht, die sich gerade unter Politikern wie eine Seuche verbreitet hat? Bei den Liberalen hat jene unterirdische Formulierung inzwischen epidemische Züge angenommen, aber auch die Damen und Herren der anderen Parteien sind eifrig dabei, sich anzustecken.

Dieser „Un-Satz“ kann erst ein paar Jahre alt sein, aber er ist wie eine Zecke. Inzwischen findet keine Talkshow und keine Podiumsdiskussion mehr statt, in der nicht mindestens fünfmal dieser Satz auftaucht.

Der Thesaurus bietet so viele Möglichkeiten: „Ich stimme Ihnen zu.“ – „Ich teile Ihre Meinung.“ – „Ich verstehe Sie.“ – „Wir sind uns einig.“

Aber: „Da bin ich bei Ihnen…“ und das auch noch ‚ganz‘? Soll das jung, dynamisch, cool sein? Es ist gleichzeitig arrogant und hochnäsig, dabei schleimig anbiedernd. Die tatsächliche Bedeutung ist deutlich mitzuhören, obwohl das anscheinend kein Politiker wahrhaben will: „Ich stimme dir mal besser zu und halte mit dir symbolisch Händchen, dann beruhigst du dich und findest mich nett. Aber eigentlich ist mir vollkommen egal, was du sagst.“

Wenn ich so angesprochen werde, fühle ich mich so unwohl, als ob ich mit einem Fremden konfrontiert bin, der in meinen privaten Raum eindringt und zu nah an mich herantritt. Ich will nicht, dass jemand außer meiner Familie und meinen besten Freunden mir so nah kommt – ich bin ja selbst nur ganz selten bei mir.

Meist bin ich außer mir. Vor allem, wenn ich diesen Satz höre.

 

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Wie gesagt – das Foto hat nichts mit dem Text zu tun – aber ist sie nicht süß?

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