22.04.21 – Ich werde wieder ich

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Mittwoch, 22.04.21

Liebe Leserin,

ich will zuerst einmal ein Loblied auf das Fasten singen. Dessen Vorteile sind nicht nur, dass die zehn Kilo, die ich mir im Lockdown während der letzten 12 Monate zulegte, langsam wieder verschwinden (leider sehr langsam), sondern in erster Linie ist es auch ein geistiger, mentaler. Wenn man auf feste Speise, Alkohol und Kaffee und andere ungesunde Dinge verzichtet, sind die ersten drei Tage durchaus die Hölle. Aber dann ist plötzlich der Hunger weg, die Kopfschmerzen wegen des Koffeinentzugs schwinden und der Geist wird klarer, leistungsfähiger. Er erweitert sich. Das Fasten ist wie ein Durchlüften des Gehirns. Plötzlich öffenen sich in den Windungen der Neuronen wieder Türen, die vorher verschlossen waren. Es ist ganz erstaunlich. Kein Wunder, dass das das Fasten seit Jahrtausenden in allen Religionen und vielen Philosophien eine bedeutende Rolle spielt. Heute ist mein zehnter Fastentag. Ich fast habe gemeinsam mit den gläubigen Muslimen begonnen (ein reiner Zufall) und plane, bis zum Zuckerfest (das fällt in diesem Jahr auf Christi Himmelfahrt) weiterzumachen. Ich bin voller Tatendrang und das erste Ergebnis meines wiederaufgefrischten ICHs ist die nagelneue Erzählung „Mein Frühjahr in Stillblüten“, von der du den ersten Abschnitt gestern hier auf meinem Blog lesen konntest.

BannerStillblüten

Diese Geschichte wird in etwa 20 E-Mails erzählt, hat also beinahe den Umfang eines Romans, wenn sie fertig ist. Sie beginnt in der Woche nach Ostern 2021. Du begleitest darin ein paar Monate lange einen Autor, den sein Verleger in eine Schreibklause in ein Chalet oberhalb des Schweizer Bergdorfs Stillblüten geschickt hat. Dort soll er seine Schreibkrise überwinden, die ein Trauerfall in der engen Familie ausgelöst hat. In den E-Mails, die der Autor von dort verschickt, berichtet er von seinen Versuchen, wieder auf die Beine zu kommen und seinen angefangenen Roman zu beenden. Doch die scheinbare Idylle in dem abgeschiedenen Hochtal ist trügerisch. Die Menschen in Stillblüten haben ein Geheimnis und auch der Schriftsteller verbirgt etwas … Er ist ein unzuverlässiger Berichterstatter, dem man nicht trauen darf.

Ich plane, die E-Mails, auf denen die Erzählung aufbaut und in denen langsam die Geheimnisse enthüllt werden, regelmäßig auf meinem Blog zu veröffentlichen. Morgen folgt bereits die 2. Fortsetzung. Ursprünglich war angedacht, sie interessierten Lesern direkt und tatsächlich über die elektronische Post zukommen zu lassen. Das ist ein hübscher und wie ich denke, auch origineller Gedanke. Aber nicht zuletzt mangels Interesse nicht durchführbar. Ich kann ja froh sein, wenn sich überhaupt drei oder vier Leserinnen auf meinen Blog verirren. Falls du aber doch Interesse hast, sende ich dir die E-Mails gerne regelmäßig zu.

moi-verletzt

Ich bin also wieder aus meinem Schlaf erwacht. Verletzt, aber ungebrochen … Du hast es sicher bemerkt: Nun habe ich mich schon eine ganze Weile nicht mehr bei dir gemeldet. Und ich war nicht ohne Grund oder aus Faulheit verstummt.

Die letzten Monate waren für mich wie ein schier endloser Sturz in einem düsteren Schacht Richtung Erdmittelpunkt. Ich war antriebslos, frustriert, ausgelaugt. Ich trank und aß viel zu viel, konnte mich kaum zum Arbeiten oder Schreiben aufraffen, habe praktisch nichts gelesen. Im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass ich durch Corona verdummt bin. Meine sozialen Kontakte, die schon immer recht eingeschränkt waren, tendierten gegen Null. Ich war also (mal wieder) in einer veritablen Krise. Ich existierte, aber ich lebte nicht. Ende März/Anfang April schlug ich dann am Boden meines Schachts auf und blieb zerschlagen und zerstört liegen. Das grausame Wetter, das mich in mein Heim fesselte, tat den Rest. Manchmal ist mir, als würde ich mein Leben in Spiralen leben, die sich um die Dinge ziehen. Ich komme regelmäßig wieder an den gleichen Punkt, aber immerhin gelingt es mir mit jeder Drehung, mich ein wenig höher hinaufzuschwingen. Ein Psychologe würde allerdings etwas von boarderline murmeln …

Was ist für eine Zeit, in der wir uns da befinden und an der wir leiden! Ich muss Frau Klammerle danken, die mich trotz meiner üblen Launen und meiner Niedergeschlagenheit tapfer ertrug und immer stützte. Ihr allein ist es zu verdanken, dass ich mich in meiner Verzweiflung nicht aus dem Kellerfenster stürzte. Doch ich war nahe dran und deshalb musste eine Änderung her. Es benötigte einige Anläufe, aber dann sprang mein Motor wieder an. Auch wenn er noch immer rumpelt und ab und an aussetzt. Ich faste, ich lese und ich schreibe.

Mein Blog, der in diesen Tagen 8 Jahre alt wird – ich habe ihn am 1. Mai 2013 gestartet – , soll wieder lebendiger werden. Ich habe schon einige Ideen. Ich hoffe, du bleibst neugierig und bist in »Stillblüten« dabei. Ich würde mich sehr freuen.

Bis bald, dein Nikolaus

 
 

30.03.21 – The rites of spring

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Dienstag, 30.03.21

Liebe Leserin,

kaum sind Ende März die Uhren vorgestellt und ein paar erste warme Sonnenstrahlen haben die Spinnweben und Depressionen dieses Winters aus den unaufgeräumten Rumpelkammern in meinem Kopf vertrieben (1), dann geht mit Frau Klammerle etwas Seltsames vor. Frühjahrsmüdigkeit ist ihr ein Fremdwort. Im Gegenteil, sie explodiert dann förmlich vor Tatendrang und Energie. Das Haus muss gesäubert und vom Dachspitz ganz oben bis hinab in die staubigen Kellergewölbe grundgereinigt werden, Altes entsorgt und Neues angeschafft, hier geputzt, dort drübergewischt, da umgestellt, dieses neu eingetopft, jenes gewienert, eines weggeschmissen, mehreres umorganisiert, umgestellt oder ausgeräumt und vieles hinterfragt werden – und erst der Garten: Ojeh! Er ist noch wintermüde und nur wenige Frühjahrsblüher strecken ihre nadelfeinen Blätter und zarten Blütenkelche aus dem schweren, noch halb gefrorenen Erdreich. Aber für Frau Klammerle hat mit einem Paukenschlag das Gartenjahr begonnen und es ist bald Ostern: Jetzt muss neu gepflanzt, angesät, gekrautet, umgegraben, geplant, gedüngt und organisiert werden. Gut, dass sich die Politiker für „Brot und Spiele“ entschieden haben und die Bau- und Gartenmärkte wieder geöffnet halten. Man könnte frech behaupten, sie übe schon einmal für ihr späteres Rentnerdasein, aber so war meine liebe Frau schon immer, wenn im Frühjahr das Thermometer die 15°C-Marke überschreitet. Sie ist da wie der Roboter in Alfred Besters empfehlenswerter Kurzgeschichte „Geliebtes Fahrenheit“, der ab einer gewissen Außentemperatur durchdreht und sich wie Oedipus selbst jagt (Die dicken, schweren Hummeln, die gerade mit dumpfen Dröhnen unser Gärtlein auf der Suche nach einer geeigneten Erdhöhle durchstöbern, scheinen gerade in Frau Klammerles Hintern zuhause zu sein).

Selbstverständlich ist es in diesen Tagen auch um meine Ruhe geschehen – allerdings nicht aus freiem Antrieb, sondern aus schlechtem Gewissen und Selbsterhaltungstrieb. Mir gelingt es einfach nicht, auf der Gartenterrasse in der Sonne zu liegen und in einem Buch zu lesen (2), während um mich herum in gefährlicher Nähe ninjamäßig mit Besen, Wischmopp, Putztüchern, Staubsauger, Kärcher, Spaten und anderen Werkzeugen hantiert und herumgewuselt wird. Zumal Frau Klammerle nicht nur stumme Impulse setzt, um mich zur Mithilfe zu bewegen, sondern auch mit ihren punktgenauen „Nikolaus, möchtest du …?“-Befehlen genaue Anweisungen erteilt. So bin ich in letzter Zeit wenig zum Lesen und kaum zum Schreiben gekommen, denn es gibt ja in diesen Frühlingstagen so viel zu tun.

urlaub2021v

Osterurlaub 2021 – Traum und Wirklichkeit

Und wir haben beide Urlaub … den wir selbstverständlich brav in Diedorf und im Weichbild von unserem Reihenmittelhaus verbringen. Wir planen nicht einmal Wanderausflüge ins verseuchte Allgäu und unsere geliebten Berge. Obwohl keiner von uns „positiv“ ist und Frau Klammerle längst durchgeimpft wurde, leben wir die vorösterlichen „Ruhetage“ gerade in selbstauferlegter, staatstragender Quarantäne. Leider sind Urlaube in Garten und auf dem Balkon nie ganz vergleichbar mit tatsächlichen in einem südlichen Ferienhaus am Meer. Auch wenn gerade das Wetter stimmt und in den nächsten Tagen sogar sommerlich werden soll: Der Alltag klebt wie Pech am Haus und – siehe oben – will gerade jetzt, wo man so viel Zeit hat, erledigt werden. Aber wir haben das klassische Brettspielen(3) neu entdeckt und können wieder unsere geniale, selbstgekochte Mittelmeerkost genießen, nachdem nun endlich die neue Küche eingebaut ist. Und gestern Abend, da saßen wir noch lange nach Sonnenuntergang vor unserem alten, kleinen Atztekenofen im Freien, testeten unseren diesjährigen Spargelwein und planten einen Radausflug, während im noch kahlen Kirschbaum unser Amselmännchen seinen Gesang anstimmte und sich Amy, die Katze, schnurrend in meinen Schoß schmiegte. Da kam für einen zeitlosen, aber allzu kurzen Moment doch so etwas wie Urlaubsstimmung auf.

Der erste Abend auf der Terrasse

Wenn ich Urlaub mache, dann versuche ich mich auch immer ein wenig mit Internet-Fasten. So auch in diesem Jahr. Ich werde bis Ende April nur sehr selten in die virtuelle Welt eintauchen und meine dortigen „Beziehungen“ pflegen. Wenn nach Ostern Frau Klammerles Frühjahrs-Quartalsfieber rapide nachlässt und wieder etwas Ruhe einkehren wird, will ich fleißig an meinen literarischen Werken basteln und feilen. Bis zum Sommer soll mit den „Bücherkellern des Vatikans“ der 4. Band von „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“ fertig werden. (4)

Ich wünsche dir bis dahin eine schöne und glückliche Zeit!Und frohe Ostern.Dein Nikolaus


(1) Gut, um ein wenig Wermut in den Frühlingscocktail zu mischen: In diesem Jahr II. der Corona-Pandemie hat des der Frühling schwer, den winterliche Trübsinn meiner Gedanken zu vertreiben. Während ich mich exakt an die Seuchenregelungen halte, meine privaten Freuden und meine sozialen Kontakte auf Null reduziert habe, mich an Ausgangs-, Kontakt- und Abstandsregeln halte, sehe ich zu, wie die große Politik eigentlich seit November den Wagen mit Schwung und Anlauf an die Wand fährt, weil die 3. Welle zufällig mit ein paar Wahlsonntagen zusammenfällt. Das macht zornig und hilflos zugleich. Nein, dieser Frühling ist in vielerlei Hinsicht ein spring of discontent.

(2) Gerade ist meine Lektüre „Herzfaden“ von Thomas Hettche. In dem Buch erzählt der Autor, der in meinem Alter ist, in manchmal allzu plakativer und manieristischer Weise, aber oft auch überraschend poetisch und tiefsinnig und damit durchaus gelungen von der Entstehungsgeschichte und den ersten Jahren der „Augsburger Puppenkiste“, die die Kindheit meiner Generation kaum überschätzbar stark beeinflusst hat. Selbstverständlich ist viel „Wahrlügen“ in dem Text, aber das ist ja nicht verkehrt. Da ich Augsburger bin und in meinem weiteren verwandtschaftlichen Umfeld auch Marionettenspieler und frühere Mitarbeiter der „Puppenkiste“ sind und mitreden kann, weiß ich die manchmal vielleicht ein wenig zu aufdringliche Recherchearbeit von Hettche durchaus zu schätzen, der sich nur selten im Ton vergreift (niemand geht in Augsburg „einholen“, man „kauft ein“) und noch seltener irrt (es gibt keinen „Anna-Brunnen“).

(3) Frau Klammerle ist seit drei Monaten „Carcassone“-süchtig, seit sie dieses Spiel zu Weihnachten geschenkt bekam.

(4) Und dann spiele ich gerade wie die viele mit Animationssoftware herum und habe gerade ein Foto meiner Wenigkeit im unschuldigen Alter von 6 Jahren kurz zum Leben erweckt. Das ist ein wenig gruslig und erinnert an den „Daily Prophet“ bei Harry Potter, macht aber Spaß.