Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Fragen”

Lieblinge

Es ist langsam an der Zeit, meine krankheits- und unlustbedingte Pause zu beenden.

Die ersten Texte des neuen Jahres stammen aus der Feder von Daniel Greff. Er ist der Sohn meiner Cousine, also mein Neffe 2. Grades von der Seite meiner Mutter. Damit bin ich plötzlich nicht mehr der einzige Autor in meiner doch recht unliterarischen Familie. Daniel hat im letzten Jahr einen Band mit 101 Miniaturen zusammengestellt, sie für Connaisseure binden lassen und seine Lieblingstexte daraus für den Blog zur Verfügung gestellt. Er selbst schreibt dazu im Vorwort des Büchleins:

Diese Ansammlung an Geschichten ist einfach so im Laufe der Zeit entstanden, aus einer Idee heraus gewachsen und wurde jetzt, ohne große Vorwarnung, in der Wildnis ausgesetzt.

Ich weiß noch nicht, ob sie bereit sind, aber ich hoffe es. Ich bin mir sicher, dass einige Geschichten ankommen werden und andere irgendwo im Graben liegenbleiben. Denn für manche seht hier nichts drin, für andere vielleicht viel. Manchen wird es gefallen, manchen aber bestimmt auch nicht. Aber egal, denn genauso geht es mir auch.

Ich möchte dazu mit Balzacs Worten anmerken: „Die Kritik gleicht einer Bürste. Bei leichteren Stoffen darf man sie nur vorsichtig verwenden; denn sonst bliebe nichts mehr übrig.“

Ich wollte, ich könnte heute noch so frei von der Leber weg und unbelastet schreiben wie Daniel.

 

Du

Du warst noch nie bei mir. Ich habe noch nie Zeit mit dir verbracht, aber ich habe dich schon gesehen. Ich habe dich gesehen in den Fotos und in den Filmen. Ich habe von dir gehört in den Liedern und in den Erzählungen. Meine Freunde haben dir von mir erzählt. Es gibt viele Leute, die von dir reden, vielleicht viel mehr, als dich wahrhaftig kennen. Aber ich verspreche dir, ich werde nicht von dir reden, ohne dass ich dich vorher kennengelernt habe. Ich glaube, ich weiß mehr oder weniger, wie du dich anfühlst. Einige Male warst du schon ganz nah. Ich habe von dir geträumt, jedenfalls denke ich, dass du das warst. Wie kann ich es denn wissen, ohne dich jemals kennengelernt zu haben?

Aber ich will dich kennenlernen, ich will dich sehen, ich will wissen, wie du dich anfühlst. Aber nur, wenn du mir versprichst, an meiner Seite zu bleiben. Dass du nicht eines Tages wieder verschwinden wirst. Weil das ist das, was du mit den anderen machst. Ich sehe es. Wenn die Leute von dir reden, sind sie voller Emotionen, sie reden über dich, aber sie reden auch über deine Abwesenheit. Darüber, dass du da warst aber nun nicht mehr da bist. Ich habe Freunde gesehen, die dich verloren haben, und beinahe haben sie sich dann selbst verloren. Du bist einzigartig und das ist das, was dich so gefährlich macht, und im gleichen Moment so lohnend.

Immerhin sehe ich es so von außen. Vielleicht sieht dich jeder einzelne auch ein wenig anders, vielleicht, weil du vor jedem ein wenig anders bist, wer weiß? Ich stelle mir gerne vor, dass du ein Kunstwerk bist, versteckt in einem großen Museum, in einem Raum, den nicht jeder findet. Und wenn sie dich sehen, sieht dich jede Person durch ihre eigenen Augen. Aber für dieses Museum gibt es keinen Lageplan. Man kann die Leute, die man trifft, nach dem Weg fragen, aber schlussendlich weiß keiner, wo genau du bist.

Die Grafittiwand

Nach Hause kommen nach einem harten Tag, einfach sich ins Bett fallen lassen, die Stiefel ausziehen und an nichts denken. In diesen Momenten bist du ein kleiner Wassertropfen im Fluss deines Lebens. Wenn du dich einfach treiben lässt, bist du zufrieden. Aber manchmal gibt es in deinem Fluss auch Wasserfälle. Dein Leben ist kein ruhiger Fluss, sondern ein Fluss, der lebt. Mit jedem Wasserfall, den du herunterfällst, malst du ein Graffiti deines Lebens. Jeder Tropfen, der diese Wasserfälle hinunterfällt, malt einen weiteren Fleck auf deine Grafittiwand. Am Anfang sind es nur ein paar Flecken hier und da, aber mit der Zeit und mit weiteren Wasserfällen, wird auch deine Grafittiwand wachsen und wachsen.

Kennst du mich?

Ich bin oft überall. Aber im gleichen Moment bin ich nirgendwo. Manchmal sieht man mich, normalerweise aber nicht. Manche sahen mich schon und andere noch nicht. Und selbst wenn du mich siehst, dann siehst du immer nur einen kleinen Teil von mir. Den Rest verberge ich vor dir. Mein Ursprung liegt weit weg, obwohl meine Geburt sehr nah vor dir stattfindet. Wir beide brauchen das Gleiche, ohne dies würden wir nicht existieren. Viele kennen mich, aber wenn, dann nur aus Geschichten. Ich bin über dir, passe auf dich auf, passe auf die ganze Welt auf. Und selbst wenn alle Leute diesen Planeten verlassen, werde ich hierbleiben. Für immer ein Teil dieses Himmels.

Das Eichhörnchen

Früher, als ich noch ein Kind war, war ich der Überzeugung, dass Eichhörnchen unglaublich sind. So schnell, so klug und so süß. Mit ihrem großen, weichen Schwanz und ihren spitzen, zuckenden Ohren. Ihrem weißen Bauch im Kontrast zu ihrem roten Fell. Früher gab es nichts Besseres als ein Eichhörnchen für mich. Eichhörnchen können klettern, können schnell rennen und ohne Aufwand von einem Baum zum nächsten springen. Eichhörnchen sind magische Wesen. Ich sage das nicht nur, weil sie mein Lieblingstier sind, sondern vielmehr, weil es so ist. Sie lassen an Orten Leben auferstehen, wo sich nie ein Samenkorn hätte hinverirren können. Es ist interessant, dass für viele Eichhörnchen nur einfache Tiere sind, obwohl sie Wunder vollbringen. Wenn du dir ganz genau das Leben anschaust, dann siehst du vielleicht auch, dass alles ein klein wenig magisch ist und einem großem Wunder ähnelt.

Die Wellen gegen die Steine

Von oben kannst du alles sehen. Von oben ähnelt es einem Krieg. Mit jeder Welle versucht das Meer, die Steine zu verschlucken. Manchmal ist es rau, manchmal ist es ruhig, aber immer mit derselben Absicht. Manche Steine schaffen es nur, während den ruhigen Phasen zu atmen. Sie sind zu klein; sie haben eigentlich keine Chance. Andere sind größer. Das Wasser versucht, auch sie zu verschlucken, aber es läuft einfach nur wieder an ihnen herunter. Für diese Steine ist das Leben an der Küste einfach. Egal was passiert, sie können immer den Horizont sehen. Können sich nicht verlaufen. Aber so ist es nicht für alle. Die anderen müssen kämpfen, kämpfen um jeden Atemzug, und müssen auf die Momente warten, wenn das Wasser wieder fort ist.

Verliere sie nicht

In deinen Augen sehe ich die Jugend, ich sehe die Lebenslust und ich sehe die Neugier. Deine Augen reflektieren nichts. Nichts, was du siehst, geht verloren, du heißt alles willkommen. Deine Augen glänzen vor Unschuld, du siehst die Welt wie kein anderer. Du siehst in jedem Menschen den echten Menschen und nicht das, was er sein sollte oder das, was die Leute dir gesagt haben. Du verstehst nicht alles, aber genug. Eigentlich brauchst du gar nicht mehr zu wissen. Du weißt, wer für dich da ist und du weißt auch, wen du mit deinen Aktionen verletzten würdest.

Aber leider wird auch irgendwann sogar deine Unschuld sich verfärben und verschwinden. Mit jedem Wort, das du hörst und jeder Sache, die sie dir sagen, wirst du mit deinen Augen weniger und weniger sehen. Irgendwann kommt der Punkt, ab dem du nicht mehr die Sachen so sehen kannst, wie sie sind, sondern nur, wie sie laut den anderen sein sollten. Aber bitte, hör mir zu, versuch alles, was du kannst, versuch das Unvermeidbare zu verhindern. Behüte und beschütze deine kleine Person in deinem Kopf, lass nicht zu, dass sie verschwindet. Lass nur so viel rein, so dass die Löcher nach draußen zu klein für sie sind. Oft wird sie die einzige wahre Sache sein, die dir noch bleibt. Bitte, verliere sie nicht an die Welt um dich herum.

Die Vorstellungskraft

Hey du! Hier bin ich schon wieder. Komm, ich nehme dich mit auf eine Reise, die du vorher noch nie gemacht hast. Ich werde dir Sachen zeigen, die nur einige schon einmal gesehen haben. Du wirst die Personen sehen, die reicher sind als die Reichen auf dieser Welt. Die, die mehr haben als die, die fast alles haben. Eine Reise an einen Ort, wo du glücklich sein wirst, wo du eine glückliche Person bist. Dort kannst du machen, was du willst, dir diejenigen Leute anschauen, die du willst. Aber vorab eine Sache: Du darfst nur mitkommen, wenn du mir schwörst, dass du dein Gepäck hierlässt. Ich will es nicht tragen, und du wirst es auch nicht brauchen. Du brauchst nur dich selbst. Also, kommst du mit mir mit? Mach dir keine Sorgen; ich werde dich begleiten, du musst nicht alleine gehen. Du musst nur deine Augen schließen und schon geht die Reise los.

Wieder einmal

Wir laufen durch dieselben Straßen, sehen dieselben Gebäude, nehmen die gleichen Wege. Wir essen und trinken die gleichen Sachen an denselben Orten, aber trotzdem ist etwas anders. Die Leute um mich herum sind nicht die gleichen. Du kannst dir alles viele Male anschauen, aber wenn du es mit anderen Leuten erlebst, ist es wie zum ersten Mal. Am Ende bleiben nicht die Orte in Erinnerung, die du gesehen hast, sondern die Momente und die Zeit, die du mit den Leuten geteilt hast. Die Erlebnisse sind durch die Personen geprägt und nicht durch das Erlebnis an sich. Morgen werde ich mich nicht an eine Brücke oder ein Gebäude erinnern, die ich gestern oder vor einem Jahr gesehen habe, sondern an die Momente, in denen wir gelacht haben. Und das ist das Schöne, man muss nicht an besondere Orte gehen, man muss auch nicht etwas Besonderes machen, man muss es nur mit besonderen Menschen machen.

Eure Geschichten

Die ganzen Geschichten schreiben sich nicht von selbst. Oft ist es viel Arbeit, manchmal muss ich viel nachdenken, worüber ich schreiben werde. Aber einige der Geschichten habe nicht ich selbst geschrieben. Viele der Geschichten habt ihr geschrieben.

Die Unterhaltungen mit dir haben ein paar geschrieben. Meine Gedanken an dich haben andere geschrieben. Der Fakt, dass ihr immer an mich glaubt, hat auch eine geschrieben. Dein Lächeln hat auch eine geschrieben, vielleicht sogar zwei. Ohne dich hätte es auch die eine oder andere Geschichte nicht gegeben. Denn einige schrieb nicht ich, sondern das Wissen, dass du immer da bist. Eine weitere Geschichte hat sich geschrieben durch eure Liebe. Und nicht zu vergessen ist deine Fantasie, diese hat auch eine geschrieben. Eure Wörter, die mich begleitet haben, ließen mich auch einige schreiben. Seht ihr? In Wirklichkeit macht ihr den Großteil der Arbeit. Ich bewege nur meine Finger.

Fragen

Es gibt wichtige Fragen. Zumindest welche, die wichtig erscheinen.
Es gibt offizielle Fragen, die, die eine offizielle Antwort benötigen.
Es gibt Fragen, auf die du direkt mit deinem Bauchgefühl antworten kannst. Aber auch Fragen, die warten können und Fragen, die jetzt gerade keine Antwort benötigen.
Es gibt schwierige Fragen, aber wenn du suchst, kannst du eine Antwort finden.

Manchmal gibt es auch Fragen, die mehr bedeuten als das, was sie fragen. Und Fragen, die mehr von dir wissen wollen, als es scheint.
Es gibt Fragen, auf die du die Antworten schon kennst. Es könnten Fragen sein, die du dir schon selbst gestellt hast, aber sie könnten auch von anderen kommen.

Am Ende bleiben die Fragen, auf die du nicht antworten kannst, ohne nachzudenken. Die Fragen, für die du keine Antworten in einem Buch finden wirst. Diese sind die besten Fragen. Die Fragen, bei denen deine Antwort für jemanden wirklich wichtig ist. Wo die Frage eine Umarmung ist, manchmal zwar aus der Ferne, aber was zählt, ist, dass sie ankommt. Das sind die besten Fragen.

(c) Daniel Greff

Ich will das wissen: 130 Phantome

Die Statistik von WordPress behauptet einfach,(1) es würden 131 Leute meinem Blog „Aber ein Traum“ folgen. Das ist eigentlich eine tolle Zahl, aber mindestens 120 dieser „Follower“ schauen hier niemals vorbei, kommentieren nicht und drücken auch nicht nebenbei den „Gefällt mir“-Knopf. Sie sind nicht mal stumme Connaisseure, sondern schlicht nicht existent. Nun, ich vermute mal, dass die Hälfte der 131 „Follower“ ähnlich wie bei Facebook computergenerierte Bots sind oder Personen, die ihren eigenen Blog längst aufgegeben haben und damit nur als „Karteileichen“  meine Statistik aufhübschen. Von den restlichen „Followern“ werden wohl 50 bis 60 mir nach dem Twitter-Prinzip folgen, um für sich selbst zu werben; in der Hoffnung, dass ich es auch mit ihnen mache und dann auf ihrer Seite Kommentare und „Gefällt mir“ verteile – als wäre die Bloggerei ein Basar, auf dem man Gefälligkeiten handelt. Was ich hier schreibe, ist ihnen mit ziemlicher Sicherheit vollkommen egal. Ich könnte an dieser Stelle auch Katzenbilder posten oder Strickanleitungen oder Pornografie. Wahrscheinlich hätte ich dann noch mehr Phantom-Follower.

Selbstverständlich tappe ich mit meinen Vermutungen vollkommen im Dunkeln und würde gerne wissen, ob meine Mutmaßungen über die Zombies in meiner Followerliste ins Schwarze treffen. Jedoch … die, die ich fragen will, werden auch das hier nicht lesen, weil sie meine Seite niemals besuchen. Die Schlange beißt sich letzlich in den Schwanz; dieses Rätsel werde ich nicht lösen können.

Tatsächlich wäre ich die Pseudofollower gerne los, aber ich weiß nicht wie. Habt ihr ein paar Vorschläge?

Auf jeden Fall poste ich jetzt noch ein Bild von meiner Katze. Wer auf ein paar Nackte gehofft hat, den muss ich leider enttäuschen.(2)

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(1) Ich weiß nicht, ob die WordPress-Statistiken alle mit der neuen EU-weiten DSGVO konform sind und ich habe auch keine Lust, mich mit diesem Mist auseinanderzusetzen.

(2) Und stricken kann ich auch nicht.

Acht Fragen, die man einem Autor keinesfalls stellen sollte

[Ab und an werde ich meine Glossen auch noch als „Lesung“ zum Zuhören einfügen. Ich hoffe, das gefällt dem einen oder anderen. Ich experimentiere noch und bin für Kommentare dankbar …]

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Acht Fragen, die man einem Autor nach der Lesung auf keinen Fall stellen sollte

Autoren (hier ist selbstredend immer auch die Autorin gleich welchen Geschlechts mitgemeint, denn ich werde niemals den unsäglichen Gendergap in meinen Texten einführen) machen nie freiwillig eine Lesetour quer durch die Buchhandlungen der Provinzstädtchen der Republik, sondern sie sind in aller Regel von ihrem Verlag dazu gezwungen worden, um Werbung für ihr neues Buch oder sich selbst zu machen.

Das geht selten gut. Vor einer überschaubaren Gruppe beflissener Leserinnen – in aller Regel sind es Buchhändlerinnen, Lehrerinnen oder gelangweilte Doktoren-Gattinnen kurz vor dem Klimakterium, denn „Lesen“ ist heutzutage weiblich – gibt der Autor Ausschnitte aus seinem Werk zum Besten, die nur selten einen Eindruck vom ganzen Buch vermitteln können. Er weiß, dass er der schlechteste Vermittler seiner eigenen Texte ist, dass er nuschelt, ohne (oder mit zu viel) Betonung spricht, stottert, blättert, zögert und auch mal ganz den Faden verliert. Aber die meisten hören ihm eh bald nicht mehr zu, denn eine klassische Lesung hat viel Ähnlichkeit mit einer Predigt in der Kirche; die meisten klappen nach ein, zwei Sätzen ihre Ohren zu und lassen ihre Gedanken und Empfindungen wie Luftballons frei im Raum schweben.

Ganz wenige Autoren haben schauspielerische Talente und unterhalten ihre Zuhörer wirklich. Die meisten sind anstrengend und langweilig – fade, schüchtern, misantroph. Würde jemand schreiben und sich hinter seinen Werken verstecken, wenn er ein offener, freundlicher und sympathischer Zeitgenosse wäre? Wohl kaum. Der konservative Schriftsteller ist ein eher widerborstiges, menschenscheues Wesen, das seiner Berufung in einem kleinen abschließbaren Kämmerchen nachgeht, unauffällig im Verborgenen an seinen Sätzen feilt und sie in die Maschine tippt – voller „promethischer Scham“, um mit Günther Anders zu sprechen. Das Schlimmste ist ihm, direkt mit seinem Publikum konfrontiert zu werden und sich nach der Lesung noch der meist üblichen Diskussion ausetzen zu müssen. Denn selten will jemand über den Inhalt seiner Texte sprechen oder seine beeindruckende Sprachgewalt und die enorme Kraft, mit der er sein Thema beherrscht und den Finger in offene Wunden der Zeit legt. Nein, die meisten interessieren sich für Privates, Intimes, Peinliches.

Wenn du also, mein lieber Leser oder Zuhörer, nett zu mir sein willst, wenn ich demnächst in der Buchhandlung deines Vertrauens auftrete und Verwirrendes aus „Aber ein Traum“ oder dem „Geltsamer“ vortrage, dann meide die folgenden acht Fragen. Da die Qualität der Antworten selten die Qualität der Fragen übersteigt, tust du nicht nur mir, sondern auch dir selbst einen Gefallen.

Wir beginnen mit dem Klassiker aller Publikumsfragen:

1. Wie kommen Sie eigentlich auf Ihre Ideen?

Was soll der Autor dazu sagen? Dass ihm die besten Ideen in der Badewanne oder auf dem Klo kommen, dass er zu viel gegessen und danach schlecht geträumt hat? Dass er das bei Dostojewski oder bei Facebook klaute? Seine Nachbarn mit einem Nachtsichtgerät beobachtete? Oder dass er schlicht ein psychotisches, menschliches Wrack ist, dem so etwas einfach zwischendurch einfällt? In die gleiche Richtung zielt die nächste Frage:

2. Wie kann Ihnen nur so etwas Abartiges einfallen?

Tja. Das hat man davon, wenn man sich vor Publikum prostituiert. Erzählt man etwas Monströses, wird man für ein Monster gehalten. Und schreiben männliche Autoren gar über Frauen, finden sie sich plötzlich in einem Gender-Minenfeld wieder, dem sie nicht mehr ausweichen können; egal, wohin sie sich wenden: Sie sprengen sich selbst in die Luft (siehe oben).

3. Wie autobiografisch sind Ihre Texte?

Ich weiß schon, das würdest Du gerne wissen. Aber den Teufel werde ich tun. Alles was ich mache, ist autobiografisch. Auch wenn ich reife Stachelbeeren pflücke und sie mit Gelierzucker einkoche, ist etwas von mir drin; ist dieses Glas Marmelade „autobiografisch“. Genau wie die Beeren durch ein Sieb gepresst werden, um Schalen und Kerne zu entfernen, fließt auch ein Text durch ein Gitter, nämlich durch das Raster das meiner Persönlichkeit. Meine Geschichten sind durchtränkt vom Gelierzucker meiner eigenen Meinung. Man sieht: Wenn alles autobiografisch ist, ist nichts, was ich schreibe, autobiografisch. Ich mache mir nicht die Mühe und arbeite jahrelang an einem Schlüsselroman, um anschließend bei einer Lesung den Schlüssel zu verschenken.

4. Wie stehen Sie eigentlich zur aktuellen Politik?

Es ist seltsam. Autoren wird immer einiges zugetraut. Sie sollen sich auf allen geisteswissenschaftlichen und sozialen Gebieten auskennen, ihr Wort eine moralische Instanz sein. Man sieht sie als Gutmenschen und belesene Intellektuelle. Tatsächlich ist das eher selten der Fall. Autoren sind keine Denker. Sie haben keine neuen Ideen, sie machen sie aber manchmal populär. Auch in Deutschland sollte es sich langsam durchsprechen: Schriftsteller sind Menschen wie du und ich. Die haben vielleicht gar nicht Kant oder Heidegger gelesen, wissen nichts Vernünftiges über das transatlantische Handelsabkommen oder die montenegrische Innenpolitik zu sagen. Aber sie haben eine Meinung und die findet sich in ihren Werken. Ist es sinnvoll für sie, ihre Weltsicht wie all die Facebooker und Twitterer wütend in alle Welt zu posaunen? Ich denke nicht.

5. Wie stehen Sie zur Rechtschreibung?

Autoren sind in der Regel Instinktschreiber, nur wenige haben Germanistik studiert. Ich behaupte frech, wer das getan hat, kann kein guter Schriftsteller sein, da ihn sein Wissen um die deutschen Sprachregelungen daran hindert, frei von der Leber weg zu schreiben. Ich kenne zum Beispiel keine Kommaregeln; ich setze an den Stellen Kommas, bei denen ich beim Vorlesen eine kleine Pause mache. Zu 90 % ist das an der richtigen Stelle. Den Rest soll ein Lektor machen.

6. Welche Vorbilder haben Sie?

Bitte! Da könnte man mich ja gleich fragen: Wo haben Sie ihre Ideen geklaut? Ich habe keine Vorbilder. Nie gehabt. Doofe Frage. Kein Autor hat Vorbilder. Vor ihm gab es niemanden, der ihm das Wasser reichen konnte.

7. Was halten Sie von Frau X oder Herrn Y?

Manche Autoren haben wütende Anhänger. Es sitzt seltsamerweise immer einer dieser „Fanboys“ in meiner Lesung und bringt seinen Liebling aufdringlich ins Gespräch. Meist sind das Schriftsteller, denen ein wenig der Ruch der Trivialität anhängt. Stephen King ist dafür ein gutes Beispiel. Ich weiß nicht, wie oft ich schon über mein Verhältnis zu diesem Autor befragt wurde, obwohl ich nie auch nur eine Seite von ihm gelesen oder ihn irgendwie erwähnt habe. Leute! In meiner Lesung will ich nur über mich reden. Aber die folgende Frage will ich auf keinen Fall beantworten:

8. Was machen Sie eigentlich beruflich?

Diese Frage ist kein Witz, sondern ernstgemeint. Ihr begegnen alle Künstler irgendwann und Musiker sogar häufiger. Es mag zwar sein, dass der eine oder andere nebenzu einem Broterwerb nachgeht, um sich und seine Familie zu ernähren. Aber seine Kunst ist kein Hobby, auch wenn er nicht von ihr leben kann. Eher zählt der bürgerliche Beruf zu den Steckenpferden.

 

Vermischte Fragen

1.

In der letzten Woche quartierte sich in Diedorf ein neues Storchenpärchen ein. Ihr Nest ist direkt an der B300 auf einem Strommast. Am selben Tag begannen Arbeiter die Fangzäune für Kröten zu errichten, damit diese nicht im Paarungsrausch (die Kröten, nicht die Arbeiter) „Frogger“ auf der Landstraße spielen.

Haben nun die Störche auf die Arbeiter gewartet oder die Arbeiter auf die Frösche? Oder die Frösche auf die Störche?

2.

Warum sind alle Rockgruppen, die ein „Black“ im Namen tragen, gut? Roy Black hingegen eine Katastrophe?

3.

Für mich als bayerisch-rustikalen, ausufernd geschwätzigen Erzähler mit Adjektivsucht, der wie Proust nichts Kurzes schreiben kann oder will und dem jeder Satz und jede Geschichte und jeder Text ins Epische entgleiten, sogar eine Urlaubspostkarte, für mich ist Twitter ein Alptraum. Warum bilde ich mir dann trotzdem ein, dort meinen Senf im Telegrammstil beitragen zu müssen und quäle mich selbstzerstörerisch mit gerademal 140 Zeichen ab? (twitter.com/NikolausKlammer)

4.

Warum lesen Frauen „Shades of Grey“ und nicht „Brautschau„? Meine Werke sind schließlich auch quälend trivial, mies geschrieben und bereiten beim Lesen Schmerzen aller Art. Mr. Klammer wird sie jetzt empfangen.

5.

In diesem Zusammenhang (eine Frage ergibt die nächste): Mir wurde vorgeworfen, ich sei in meinem Blog nicht politisch genug, den Glossen fehle der satirische Biss. Auf der anderen Seite war der am häufigsten angeklickte Beitrag dieses Jahres derjenige, in dem ich Frau Klammerles Muffin-Rezept verriet. Hat mein Blog mehr Publikum, wenn ich über griechische Mohammed-Cookies mit braunen Pegida-Stückchen schreibe? Und will ich das überhaupt? Denn eigentlich geht es mir wie Arno Schmidt: Ich lebe in der Literatur – der rest is a nightmare.

6.

In diesem Zusammenhang (s. o.): Warum wollte ich schon immer Schriftsteller werden, mein ganzes Leben lang? Ich habe mich nie für so wichtige Themen wie Fußball, Grillfleisch und Autos interessiert. Das stellt mich bei Smaltalk unter Männern ein wenig in die Ecke, denn niemand will mit mir über den Niedergang der deutschen Sprache und über Balzac reden. Oder über die wirklich wichtigen Dinge: Ob Erson in Brautschau seine Sakket wiedersehen wird und welches Spiel Alban und Ruben Waldescher eigentlich in Aber ein Traum mit Jonas Habakuk spielen. Welches in mein Unterbewusstes verdrängtes frühkindliches Trauma ist für diese schmerzhafte Neurose verantwortlich? Ist mir einmal beim Spielen im elterlichen Wohnzimmer die Bertelsmann-Ausgabe von Goethes Werken auf den Kopf gefallen?

Ich meine, ich frage ja nur …

storch

Dies ist ein Schnappschuss von den neuen Diedorfer Störchen. Leider waren die Störche schneller als ich.

Ich will das wissen! (3) – Eine Frage der Zeit

Das Tausend-Seiten-Rätsel.

Heinrich Albert Oppermann (1812 – 1870) schrieb neben der Arbeit in seinem Brotberuf als Rechtsanwalt und Politiker auch noch etliche literarische Werke, darunter den gut dreitausendseitigen Generationenroman „Hundert Jahre“. Es ist laut Arno Schmidt der einzige politische Roman eines Deutschen. Ungefähr 100 Jahre dauert es auch, diesen leicht angestaubten Schmöker zu lesen. Wie viel Zeit Oppermann wohl brauchte, ihn zu schreiben?

Georg Philipp Telemann (1681 – 1767) war in 2 Kirchen Kapellmeister und leitete die Hamburger Oper. Nebenbei entstanden soviele musikalische Werke in jeder damals bekannten Musikgattung, dass die Forschung auch heute ihren ganzen Umfang noch nicht ermessen kann. Man kennt über 3600 Werke, aber vieles ist verlorengegangen. Wenn man alles am Stück ohne Pause und Schlaf anhören will, benötigt man etwa 4 Monate. Wie schnell brachte Telemann mit einer gespitzten Gänsefeder und selbst angerührter Tinte aus Schweineblut und Ruß die Noten seiner komplexen Orchesterwerke aufs Papier?

Dies sind nur zwei etwas unbekanntere Beispiele von Künstlern, die ein kaum übersehbares Mammutwerk hinterließen. Die Liste ließe sich beliebig verlängern: Schriftsteller wie Balzac, Gutzkow, Meredith, Proust, Jules Verne, Pérez Galdós, Heimito von Doderer oder Tolstoj schrieben endlose Romanungetüme, die heutzutage kaum mehr jemand in die Hand nimmt, wenn sie nicht gerade verfilmt wurden. (1) Freilich entstehen auch heute noch ab und an solch dicken Wälzer, etwa „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace oder „Dein Name“ von Navid Kermani – von endlosen Fantasyroman-Bandwürmern wie „Game of Thrones„, „Otherland“ oder „Brautschau“ mal ganz zu schweigen -, aber dem modernen Schriftsteller stehen inzwischen einige Möglichkeiten zur Verfügung, sein Schreiben zu beschleunigen: Er hat in aller Regel einen Schreibcomputer und das Internet zur Verfügung (paste and copy), ein fleißiges Lektorat, das ihm die Korrekturen abnimmt und einen Verlag, der jederzeit über eine SMS erreichbar ist (Achtung: Ironie!). Dostojewski hingegen stand an seinem wackligen Schreibpult und beschrieb mit Bleistiften, die er ständig anspitzen musste, linierte Papiere. Balzac hüllte sich zum Schreiben in eine weiße Mönchskutte, schüttete 50 Tassen Mokka in seinen Schmerbauch, machte endlose handschriftliche Korrekturen auf den Fahnen seiner an ihm verzweifelnden Druckerei. Tolstoj ließ seine Frau Sonja Krieg und Frieden“ sechzehnmal abschreiben. Dazu hat jeder dieser Autoren noch eine umfangreiche Korrespondenz hinterlassen, die alleine schon dicke Bände füllt. Viele der oben erwähnten waren zudem noch für Zeitungen und Zeitschriften tätig.

Warum erzähle ich das alles? Nun, weil ich mich ernsthaft frage:

Woher nahmen diese Autoren die Zeit, ihre gigantischen Werke zu schreiben?

Gut, ich weiß, es gab im 19. Jahrhundert noch keine Freizeitgesellschaft, vor allem kein Fernsehen; aber abends wurde im gutbürgerlichen Haushalt nicht geschrieben, sondern sich gegenseitig vorgelesen oder eine Abendgesellschaft besucht. Auch die patriarchische Gesellschaft funktionierte noch: Falls der Schriftsteller verheiratet war, machte die Frau die alltägliche Arbeit und kümmerte sich um die Kinder. Die anderen hatten dafür Bedienstete, die ihnen einen faulen Apfel in den Schreibtisch legten oder ihre Tischgespräche mitschrieben. Doch das alles erklärt nicht, wie es den Künstlern gelang, ihre fetten Tausend-Seiten-Wälzer zu schreiben, wann sie dazu die Zeit fanden.(2) Auf diese Menschen trifft auch nicht Jorge Sempruns Behauptung zu, man müsse sich als Autor irgendwann zwischen dem Schreiben und dem Leben entscheiden. Sie hatten alle – von Marcel Proust einmal abgesehen – ein Privatleben, pflegten ihre Steckenpferde (3), verliebten sich und machten Reisen.

Manchmal glaube ich, dass früher, vor dem Maschinentakt, den uns die Moderne vorgibt, eine Minute länger war als heute, dass sich die Erde heute schneller dreht und die Zeit mit ihr.  Es heißt, als Gott die Zeit schuf, habe er genug von ihr gemacht. Aber er hat sie ungerecht verteilt. Mir rinnen die Tage wie Sand durch die Finger. So viel nehme ich mir morgens beim Aufstehen vor, doch so wenig kann ich beenden, bevor es Abend wird.

Ich bin wohl im falschen Jahrhundert geboren. Vor 200 Jahren, da hätte noch ein großer Autor aus mir werden können. Heute jedoch fehlt einfach die Zeit dazu…

Manuskript2

Zwei Seiten vom Manuskript meiner neuen Erzählung. Ob sie jemals fertig wird?

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(1) Mich ärgert es als Autor maßlos, wenn ein Roman im Buchhandel plötzlich auf dem Titel ein Foto aus der Verfilmung trägt und darüber in Verwechslung von Ursache und Wirkung aufdringlich „Das Buch zum Film“ zu lesen ist. Die Cinematografie ist eine Afterkunst; oftmals nett, aber belanglos. Und was wären diese hochgejubelten Schauspieler ohne den Autor, der ihnen die Worte in den Mund legt, den Maskenbildner, der sie schön macht, den Beleuchter, der sie ins richtige Licht rückt, den Kameramann und den Regisseur, die ihnen erklären, wie sie sich zu bewegen haben? Eine noch größere Untat begeht gerade Piper, der sich nicht entblödet, die aktuelle Taschenbuchausgabe von Thomas Hardys „Tess“ ausgerechnet mit einer Aussage der 50-Shades-of-Gray-Produzentin (meine Hand weigert sich, Autorin zu schreiben) zu bewerben, sie habe beim Schreiben ihres unsäglichen Machwerks an diesen großen Roman denken müssen. Aber darüber habe ich mich schon einmal aufgeregt.

(2) Ich habe es ausprobiert und eine Seite von Dostojewskijs letztem großen Roman „Die Brüder Karamasoff“ mit der Hand abgeschrieben. Ich benötigte dafür ziemlich genau eine Viertelstunde, ohne Korrekturen, ohne Nachdenken, ohne Recherche. Wie schnell schrieb der große Russe solch eine Seite? Brauchte er 30 Minuten, eine Stunde, länger? Wie schaffte er das in seinen 60 Lebensjahren, obwohl er vier Jahre im Straflager saß, an Epilepsie und Spielsucht litt? Schließlich hinterließ er acht weitere Romane ähnlichen Umfangs, Novellen und Erzählungen, sein „Tagebuch eines Schriftstellers“ und gründete zwei Zeitschriften.

(3) Balzac versuchte reich zu werden, indem er in Paris in Gewächshäusern Ananas züchten wollte. Ein früher Frost machte seine Pläne zunichte.

 

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