Aber ein Traum …

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Sonntag, 19.01.20 – ein schönes Buch, eine clevere Maus und eine Ruhebank

Sonntag, 19.01.20

Ich darf vorstellen: Das ist Piepsi. So hat sie meine Schwiegertochter getauft. Meine Katze Amy hat die kleine, braune Feldmaus vor einigen Tagen behutsam ins Haus geschleppt, um mit ihr ein wenig zu spielen. Dabei hat sie (Amy, nicht Piepsi) das clevere Tierchen „aus den Augen verloren“. Sie (Piepsi, nicht Amy) lebte seither in Untermiete gut verborgen und geschützt hinter den Küchenschränken in einer warmen Nische der Spülmaschine, wo sie für mich nicht erreichbar war und organisierte sich ihr Futter in meinen Lebensmittelschubladen. Nach mehreren Fehlversuchen ging sie mir vorgestern Abend endlich in die Falle. Sie war wohlernährt und gesund, möchte ich anfügen, denn es gelang ihr mehrmals, den Köder (alte, übriggebliebene Marzipankartoffeln von Weihnachten, denn ich bin Vegetarier und habe keinen Speck zuhause) aus meiner Lebendfalle zu fischen, ohne diese dabei auszulösen. Für Frau Klammerle war die letzte Zeit ein wahrer Horror.

Piepsi und ich machten dann gestern noch einen kleinen Spaziergang von meinem Haus hinüber zum Acker beim Sportplatz, wo wir uns nach einem netten, allerdings recht einseitigen Gespräch verabschiedet haben. Mach es gut, kleine Maus, und lass dich nicht noch einmal von Amy zum Abendessen bei uns einladen! Frau Klammerle weiß das nicht zu schätzen.

Nachtrag: In der Nacht dann kam Amy erneut mit einer Maus, von der diesmal nur ein paar kümmerliche Reste übrigblieben, die ich Heute morgen mit Schaufel und Besen entsorgte. Ich weiß nicht, ob das Piepsi war und hoffe, dass sie noch quietschvergnügt auf dem Kartoffelacker herumsaust … Ami genießt und schweigt sich aus.

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Da ist es nun mit der Post gekommen: Das Korrektur-Exemplar meines neuen Buchs „Das rote Haus“, in dem ich fünfundzwanzig meiner besten kurzen Geschichten versammelt habe. Die älteste (Vision) ist vierzig Jahre alt, die jüngste stammt aus dem letzten Jahr. Obwohl die Texte sehr unterschiedlich sind, wirken sie für mich doch wie eine Art Autobiografie und bilden die Gesamtheit der Themen ab, die mich in meinem Leben beschäftigen.

Es ist jedesmal von Neuem ein unbeschreiblich schönes Gefühl, zum ersten Mal sein neues Buch in den Händen halten zu können, es vom Virtuellen zur Realität geboren zu haben, es zu fühlen, durchzublättern, anzulesen – auch wenn es noch voller Fehler ist. Trotzdem glaube ich, diesmal ist mir wirklich etwas Gutes gelungen. Ich liebe das Titelbild!

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Gestern Morgen glitzerte schockgefrorenes Laub in meinem Garten in der Morgensonne. Ich machte ein paar Fotos und war glücklich, bis mir einfiel, was ich schon die ganze Zeit verdrängt hatte: Ich hatte einen Zahnarzttermin, den ich bereits im Dezember bereits einmal verschoben hatte, weil mich ein Hexenschuss quälte. Tatsächlich ging es meinem Rücken zu diesem Zeitpunkt schon wieder ganz gut, aber die Ausrede war einfach klasse.

Und schließlich noch ein Foto von der Bank am Stadtbach, ganz in der Nähe von der Wohnung in der Augsburger Bleich, in der ich aufgewachsen bin. Wahrscheinlich ist schon B. B. als Jugendlicher auf ihrer Lehne gesessen und hat heimlich eine dicke Zigarre geraucht. Auf ihr saß ich gestern nach meinem glimpflich verlaufenen Zahnarzt-Besuch in der erstaunlich warmen Sonne und dachte intensiv mit geschlossenen Augen über den Plot für mein nächstes Buch nach. (Euphemismusalarm: Tatsächlich habe ich nur den verfrühten Frühlingstag und den Mint-Geschmack auf den Zähnen genossen und – so würden es meine Söhne formulieren – mein Leben „ge-chilled“.)

Heute Abend kocht Frau Klammerle noch nach einem alten Familienrezept von meiner Großmutter für Schwiegertochter, Sohn Nr. 1 und für meine Wenigkeit noch die unbeschreiblich leckeren Dampfnudeln mit Vanillesauce. Dazu muss man unbedingt ein Bier trinken und die Glückseligkeit ist vollkommen. Das war eines der besten Wochenenden seit langem und ich muss dem Januar, den ich kürzlich so übel beschimpfte, Abbitte leisten!

Dampfnudel nach Familienrezept – nur echt mit karamelisierter „Scherre“, Vanillesauce und einem Hellen. Dreieinhalb Stück machten sogar Sohn Nr. 2 satt. Die restlichen gibt es morgen kalt mit Marmelade.

Ein Pilgergang zum Heiligen Berg (Alle Jahre wieder …)

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Einmal im Jahr hat jeder Bayer die staatsbürgerliche Pflicht, auf den Hl. Berg zu wallfahrten. Da der Ministerpräsident ihn schon im letzten Monat aufsuchte – wahrscheinlich aufgrund eines Bußgangs wegen der Affäre um die CSU-Nepoten – war es für mich heute ebenfalls an der Zeit, gen Andechs zu pilgern. Ich wählte den einzigen regenfreien, herrlich sonnigen Tag in dieser Woche. Man kann es mit der Buße nämlich auch übertreiben.

andechsEs führen viele Wege hinauf zu den bierbrauenden und zanksüchtigen Mönchen. Der Klassiker ist ein kurzer Aufstieg von Herrsching aus. Kommt man von Westen, kann man auch am Uttinger Bahnhof parken und vom nahen Landungssteg aus mit der Bayerischen Seeschifffahrtslinie übersetzen – mit einem wunderbaren Blick auf den Wetterstein. Zurück geht es dann durchs wildromantische Kiental. Aber bitte schön langsam und vorsichtig, denn der Weg führt dort stellenweise steil hinab und schon mancher hat beim Versuch, seiner prall gefüllten Blase am Wegesrand Erleichterung zu verschaffen, nicht nur sein Wasser, sondern auch sein Leben gelassen. (Ha! Was für ein Satz! Nehmt dies!)

Man kann als fußkranker Rentner oder lauffauler Oberbayer (vulgo: Münchner) auch bis zum Parkplatz unterhalb des Klosters fahren, aber das ist unsportlich und hat nicht den Segen der Kirche, deren Zwiebelturm noch oberhalb der Schwemme in den weiß-blauen Himmel deutet und mit dem Wallfahrtskloster aus dem 15. Jhd. ein durchaus sehenswertes Barockensemble bildet – wenn man denn auf den Bayerischen Barock, Votivtafeln und Schlangen vor den Toiletten steht.

Der schönste – und auch längste – Weg nach Andechs beginnt jedoch im Hof des sehenswerten Schlosses Seefeld am Pilsensee, in dem man auch baden kann. Das Schloss ist in Privatbesitz derer von Toerring (ja, genau, die brauen ebenfalls Bier) und kann nicht besichtigt werden, aber in den ehemaligen Stallungen und Wirtschaftsgebäuden haben sich einige nette Läden, Kunsthandwerker und ein Kino angesiedelt. Hinter dem Schloss beginnt ein gemütlicher, durchaus pittoresker (ha!) Wanderweg, der sich bis auf wenige Stellen ordentlich markiert Richtung Andechs schlängelt. Im Zweifelsfall hält man sich an diese unscheinbare Wandermarkierung:

andechs4Man läuft auf dem im Moment nach dem Dauerregen etwas matschigen Weg etwa 1 ¾ Stunden bis 2 Stunden (8 km) an schängelnden Bächen entlang, durch lichte Wälder und über Wiesen, hat zwischendurch einen schönen Blick auf den Ammersee und immer mal wieder kommt einem in der Ferne das Ziel vor Augen. Erst ganz kurz vor Andechs verliert sich plötzlich der Weg in einem Acker und man muss aufpassen, dass man bei den ausgedehnten Bärlauchfeldern den Ochsengraben verlässt und ihn auf der Seefelder Straße überquert. (Man kann auch kurz steil über den Tobel absteigen, auf der anderen Seite hinauf und kommt dann am Klostergarten vorbei zur Wallfahrtskirche hinauf.)

andechs3Dann hat man es aber auch nicht mehr weit – eine kurze Durststrecke einen schattenlosen, gekiesten Weg entlang und man steigt durch die Anlagen der Brauerei zur Schwemme empor, dabei ein paar Trödler überholend – und erreicht den wahren Himmel der Bayern: Den geschäftigen und lärmigen Andechser Biergarten, das Ziel der Wallfahrt. Jetzt holt man sich einen dunklen Doppelbock, eine Breze, einen Radi, einen Kas und einen Krautsalat (wenn man keine Brotzeit mitgebracht hat, denn in Bayerischen Biergärten darf man sein Essen selbst mitbringen) oder, wenn man kein Vegetarier ist und Lust hat, eine halbe Stunde an der Essensausgabe anzustehen, die klassische Schweinshaxe und feiert unter den großen Sonnenschirmen sein Leben und die Glückseligkeit, am Leben zu sein.

Der Weg zurück ist dann lang genug, dass man ein wenig ausnüchtert und im Schloss Seefeld wieder durstig und hungrig ankommt. Gut, dass es dort auch ein Bräustüberl mit einer für bayerische Verhältnisse großen fleischfreien Karte gibt …

 

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Ergänzung 2014 Es ist mal wieder an der Zeit. Die göttliche Gnade ist aufgebraucht und ich brauche einen neuen Schub Heiligkeit. Deshalb werde ich heute auf den Hl. Berg pilgern (nein, ich meine nicht Tabor, Herr Heun, sondern Andechs) und mir im dortigen Biergarten bei Doppelbock und einer selbstmitgebrachten Brotzeit meine jährliche Ration an katholischer Labsal und Seelenfrieden abholen. Dann muss es aber auch wieder gut sein für die nächsten zwölf Monate. Der pittoreske (ha!) bayerische Barock ist wie der Genuss von Zuckerwatte: Die erste Portion ist zwar klebrig und knirscht zwischen den Zähnen, aber sie ist doch schön. Von der zweiten wird mir schlecht.

Diesmal werden Frau Klammerle und ich den Berg nicht wie im Vorjahr auf Schusters Rappen erklimmen, sondern einen Abschnitt des launigen Ammersee-Radrundwegs nehmen, von dem wir für diesen kurzen Umweg abweichen wollen.  Das sind knapp 30 km hügeliges Auf und Ab, leider nur selten am See entlang, da die Grundstücke direkt am Ufer den „Großkopferten“, Unternehmern und CSU’lern, gehören und das Vogelschutzgebiet im Schwemmland der Ammer einen größeren Umweg erfordert. Am Starnberger See ist es allerdings noch schlimmer, dort kommt man außer an den Badeanstalten überhaupt nicht ans Wasser. Der Ammersee, den die Augsbürger kürzlich in spontaner Begeisterung in „Schwäbisches Meer“ umgetauft und am 1. April auch auf den Straßenschildern umgeändert haben, als zum Ärger der oberbayerisch königstreuen Herrschinger ein neuer Dampfer der Seeschifffahrt auf den Namen der schönsten Stadt Bayerns getauft wurde, ist glücklicherweise besonders auf dem Westufer noch etwas normaler und bäuerlicher geblieben. Auf unserem Weg liegen z. B. Utting mit seinem schönen alten Strandbad und das „Künstler“-Dorf Dießen mit  berühmtem Töpfermarkt und üppig spätbarockem Augustiner-Chorherrenstift.

Ich wünsche meinen Freunden und Lesern einen wunderschönen sonnigen Freitag. Meiner wird bestimmt traumhaft.

Und so war es im letzten und auch im vorletzten Jahr und so wird es auch diesmal sein. Das Glück der Wiederholung:

Andechs

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Ergänzung 2016 Aus aktuellem Anlass wieder nach oben geholt. Heute geht es mit der ganzen Familie auf den Hl.  Berg und wir starten wieder – siehe unten – am Pilsensee. Die Brotzeit ist schon in die Rucksäcke gepackt, die Wanderschuhe vom Dreck unserer Alpentour gereinigt und die kurzen Hosen, unter denen sich muskulöse, wohl definierte Waden der Sonne, den Mücken und den Zecken aussetzen, gewaschen. Ich trage dem Anlass angemessen ein weißblaues Hemd und werde diesmal auch keinen Krug klauen.

Aber ich  werde eine Kerze für diejenigen anzünden, die meine Texte lesen …

Ich gebe es zu: Ich bin süchtig; süchtig nach Wandern. Die letzten zwei Wochen haben mich wieder voll auf Droge gebracht und deshalb kann ich nicht mehr aufhören: Morgen werden Frau Klammerle, Sohn Nr. 1 (er hat gerade seinen Master in Biologie mit 1,3 gemacht) und meine Wenigkeit für ein paar hoffentlich sonnige Tage in den Bregenzerwald fahren und dort unsere Sucht ausleben. Nicht vergessen: Der Weg ist das Ziel!

Bis demnächst.

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Ergänzung 2018 Falls es einen Himmel gibt und ich tatsächlich – was ich bezweifle – das unverdiente Glück habe, dort anzukommen, hoffe ich, dass es dort in Ewigkeit immer gleich bleibt; sich nichts ändert. Eine Vorschau auf dieses Paradies bietet der Fußweg von Schloss Seefeld nach Kloster Andechs, auf dem ich gestern mal wieder genusswanderte. Hier ändert sich niemals etwas. Auch wenn man ein Jahr mal auf die Wallfahrt verzichtet hat, kennt man doch jede knorrige Buche, alle in den Weg ragenden Wurzeln und jede Matschpfütze. Ich habe sogar das Gefühl, es sind sogar die gleichen Insekten und Vögel, denen ich auf den Wegen begegne. Menschen sieht man hier nur selten. Alles war wie immer und alles war schön. So soll das sein.

Herauszuheben ist unbeding noch die italienische Eisdiele, die auf dem Heimweg einen kleinen Abstecher nach Innig lohnt.

 

 

Zurück im Alltagsgeschäft und eine Zusammenfassung der ersten Geltsamer-Teile

Da finde ich mich also nach ein paar Wochen Kreta im schwülen, gewittrigen Diedorf wieder und habe Schwierigkeiten, in den Alltag zurückzufinden, denn das Jetlag ist gewaltig. Statt einer braven Erlebniserzählung über meinen Wander-, Bade- und Kultururlaub will ich hier nur ein paar schnell ausgewählte Fotos einfügen, die mehr sagen als tausend Worte:

Es war herrlich in Griechenland (wenngleich ich wohl nach diesem Urlaub meine Leberwerte untersuchen lassen muss, denn in Kreta lassen die Tavernenbetreiber einen ohne 3 – 4 „Stamplerl“ Raki nicht aus einem Lokal. Jamas!). Ich habe tatsächlich auch noch die Zeit gefunden, das kleine Wort „ENDE“ unter den handschriftlichen Entwurf meines Romans „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren: Das Gulag des Dr. Krakow“ zu setzen. Was für ein wunderbares Gefühl! Doch jetzt beginnt die harte Arbeit, denn ich will das Buch in ungefähr 6 Wochen fertiggestellt haben – schließlich will ich dann schon wieder in den Urlaub fahren. Ab Montag geht es hier ganz normal mit der nächsten Fortsetzung von „Die Wahrheit über Jürgen weiter“ weiter. In der Zwischenzeit hat übrigens hier auf dem Blog mein 15.000ster Besucher vorbeigeschaut. Ach, wenn nur jeder 10. eines meiner Bücher kaufen würde …

Außerdem hat der Geltsamer auf Wunsch von Frau Klammerle, die ein wenig vergesslich wird, einen neuen Beginn bekommen, in dem ich den Inhalt der anderen beiden Teile zusammenfasse. Da  vielleicht hier jemand noch einsteigen will, folgt nun dieser Text:

 ZWISCHEN DEN BÜCHERN

Doch halt! Ist es von mir als Autor dieses Romans nicht eine Zumutung, die Leserin (1) in den 3. Teil einer Geschichte zu schicken, deren Ende noch nicht einmal für mich selbst vollkommen absehbar ist? Obwohl mir als Schriftsteller natürlich der Inhalt am vertrautesten ist, muss ich ja auch ab und an heimlich zurückblättern, um die ausufernde und zugegeben absichtlich geheimnisvoll gehaltene Geschichte zusammenzuhalten und überblicken zu können. Um wieviel schwerer muss es da erst meiner Leserin fallen, brav den Ereignissen rund um Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren zu folgen, die sie, wenn sie endlich diesen Band in Händen hält, schon im dritten Jahr hintereinander in Atem hält, falls sie kein Neueinsteiger in die Serie ist. Ist das so oder sollten Sie, liebe Leserin, mit dem Gedächtnis eines Elefanten gesegnet sein und sich tatsächlich noch gut an die verwobenen Handlungsstränge der beiden Vorbände erinnern können, überblättern Sie bitte die folgenden Seiten, die in der Hauptsache Dienst an der Kundin sind, Geschehenes rekapitulieren und nichts Neues bringen. Beginnen Sie in diesem Fall nach der kursiven Einleitung auf der Seite 17. Für alle anderen – und auch für den Autor, der neben dem vorliegenden noch an weiteren komplexen Büchern schreibt und sich gerade ein wenig wie der sprichwörtlich von der Meute gehetzte Hase fühlt – folgt nun eine so kurz wie mögliche, aber so ausführlich wie nötige Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse, die gerade einmal knapp zwei Tage, aber schon beinahe einhundert Jahre überspannen. Dies ist einer der Haken, die der gejagte Hase schlägt und auf diese Weise versucht, dem Zuschnappen der Zähne des vordersten Hundes – meiner treuesten Leserin, die das Fehlen eines Rückblicks beklagte – zu entkommen.

(1) Meine männlichen Leser sind bei dieser Anrede immer mitgemeint. Da das Lesen von Prosa heutzutage eine nahezu vollkommen weibliche Tätigkeit ist und diejenigen, die meine Romane öffnen, in überwältigender Mehrzahl Frauen sind, will ich den einen oder anderen meiner Geschlechtsgenossen, der sich wohl eher zufällig hierher verirrt hat, nicht jedes Mal gesondert ansprechen.

Und das ist vorher geschehen: Der mäßig erfolgreiche Schriftsteller Nikolaus M. Klammer, als Autor im kleinen Münchener Welkenbaum-Verlag unter Vertrag, geht eines sonnigen Morgens kurz nach Ostern mit seinem Terrier Cicero in den Altstadtgassen seiner Heimatstadt Augsburg spazieren. Klammer ist Mitte Fünfzig, verheiratet mit seiner Frau Irene und hat zwei inzwischen erwachsene und längst flügge gewordene Kinder, einen Sohn und seine Tochter Isa, die gerade ein Studiensemester in Peru absolviert. Er lebt und arbeitet in einem kleinen Eigenheim in dem Augsburger Vorort Diedorf. Der Autor ist ein ehemaliger Lehrer, ein neunmalkluger, etwas selbstgerechter und ordnungsfanatischer Mann, dessen realistische Romane allesamt ein wenig langweilige und langatmige Gesellschaftsdramen sind. Mit seinem neuesten Werk „Aber ein Traum“ kommt er nicht so recht voran und sein Lektor Jochen Engold wird bereits ungeduldig.

Klammers Überraschung ist groß, als er plötzlich im Schaufenster eines ihm unbekannten und namenlosen Buchladens und Antiquariats ein schwarzes Buch entdeckt, das laut der Angabe auf dem Cover angeblich von ihm selbst stammen soll. Es sind Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, die Sie, liebe Leserin, nun bereits zum dritten Mal aufgeschlagen haben. Klammer betritt die Buchhandlung, die damit wirbt, jedes Buch beschaffen zu können. Er will das vermeintliche Plagiat erwerben und wird von einer jungen, schönen Frau bedient. Aber etwas Seltsames scheint in dem Laden vor sich zu gehen, denn Cicero reagiert verängstigt und der Autor hat später, als er versucht, sich an die Ereignisse im Laden zu erinnern, mit einigen Gedächtnislücken zu kämpfen.

Mit Dr. Geltsamers erinnerten Memoiren heimgekehrt, beginnt Klammer in ihnen zu lesen. Er stößt auf ein von einem Jesuitenpater namens Gaetano Marini herausgegebenes Tagebuch. Marini, der den Text mit vielen Anmerkungen begleitet, gibt vor, in den vatikanischen Archiven zu arbeiten. Das Tagebuch stammt angeblich von der brasilianischen Ärztin Elena Kuiper und ist aus den späten Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Sie berichtet darin vom Schicksal einer entomologischen Expedition in den Amazonasdschungel. Die Forscher stoßen am Oberlauf eines neuentdeckten und bisher unerforschten Seitenarms des gewaltigen Stroms auf einen wehrhaften Eingeborenenstamm, der offenbar nur aus Frauen zu bestehen scheint. Die Männer der Forschergruppe und der Begleitmannschaft reagieren auf diese Amazonen wie tollwütige, brünftige Tiere und es kommt zu einer Auseinandersetzung, bei der außer der Ärztin und dem schwer am Gelbfieber erkrankten Schweizer Professor Urs Bergner, die beide von den Eingeborenen gefangengenommen werden, nahezu alle anderen getötet werden. Nur der einheimische Träger Paco vermag zu entkommen und in den Urwald zu fliehen. Die weiteren, leider etwas lückenhaften Tagebucheinträge erzählen, wie Dr. Kuiper langsam das Vertrauen des Stammes, der sich selbst „Etraquoo“ nennt, und vor allem die Zuneigung der jungen Eingeborenen Lokwi gewinnt, deren Liebe sie bald erwidert. Von Lokwi lernt sie die Grundlagen der Etraquoo-Sprache kennen und erfährt von dem Mythos der Kraqu‘A, die in grauer Vorzeit vom Himmel gestiegen, eine Stadt namens Listakar gebaut und gegen die Frauen des Stammes Krieg geführt hätten. Einige ihrer architektonisch erstaunlichen Ruinen sind in der Ferne in dem Gebirge, in dem der namenlose Fluss entspringt, zu sehen. Der Schweizer Professor hat eine Theorie, doch leider fehlt in dem Tagebuch der Teil mit seiner Erklärung, warum es bei den Etraquoo nur Frauen zu geben scheint. Eines Tages versucht Paco, der sich bisher versteckt gegalten und sich in ein vertiertes Monstrum verwandelt hat, Lokwi zu vergewaltigen. Er wird von Elena Kuiper erschossen. Nach diesem Ereignis entscheidet sich die Ärztin, zusammen mit ihrer eingeborenen Freundin und dem kranken Professor, aus der Gefangenschaft zu entkommen. In einer dramatischen Flucht während eines Gewittersturms gelingt es den beiden Frauen und dem Schweizer, mit einem der Kähne der Expedition über den Fluss zu entkommen. Leider gehen dabei die Ruder verloren und die drei werden von der Strömung mitgerissen. Sie bedroht die Gefahr, mit ihrem Boot in einem gewaltigen Strudel, der sich in einem See unterhalb der Ruinenstadt Listakar gebildet hat, zu ertrinken.

An dieser Stelle wird Klammers Lektüre von seiner heimkehrenden Frau unterbrochen. Solch ein Buch hat er nie geschrieben und es ist ihm ein Rätsel, warum sein Name auf dem Titelblatt steht. Und noch etwas ist merkwürdig: In den Anmerkungen des Jesuitenpaters findet sich ein Hinweis auf Klammers vor dem 2. Weltkrieg in der UdSSR verschollenen Großvater mütterlicherseits, Sebastian Kerr, dem das Expeditionstagebuch der Ärztin anscheinend um 1930 in Berlin in die Hände geriet. Der wenig später vor den Nazis ins Ausland geflüchtete Kerr war wie sein Enkel Schriftsteller und Lyriker gewesen; sein Hauptwerk war der in den Wirren seines Exils verlorengegangener Roman „Die Hyänen von Berlin“. Und genau auf dieses Buch von Kerr stößt Klammer zu seinem vollkommenen Erstaunen in Dr. Geltsamers erinnerten Memoiren, als er sie später am Abend ein weiteres Mal aufschlägt, um seine begonnene Lektüre fortzusetzen. Auf welche Weise das Expeditionstagebuch der brasilianischen Ärztin von den Seiten des schwarzen Buches verschwinden konnte und wie durch Zauberhand durch die „Hyänen von Berlin“ ersetzt werden konnte, bleibt Klammer ein Rätsel. Ein Anruf unterbricht seine Überlegungen. Es ist seine Tochter Isa. Sie ruft aus Südamerika an, um ihn zu fragen, ob ihre Freundin Mercedes ihm das Buch gegeben habe. Isa wird offensichtlich verfolgt, denn plötzlich wird ihr Anruf unterbrochen und eine Männerstimme behauptet am anderen Ende der Leitung, man hätte Isa entführt und werde sich am nächsten Tag wieder melden. Damit endet der 1. Band der fünfteiligen Trilogie, die Sie gerade lesen, liebe Leserin. Erinnern Sie sich wieder? Gut, dann machen wir gleich weiter:

Zu Beginn des 2. Bandes finden wir Nikolaus M. Klammer am frühen Morgen in seinem Wohnzimmer vor. Er hat nicht geschlafen, sondern in den „Hyänen von Berlin“ gelesen, die ihm das unheimliche schwarze Buch auf so ungewöhnliche Weise präsentiert hat. Er hat vergeblich darauf gewartet, dass die Entführer seiner Tochter wieder Kontakt mit ihm aufnehmen.

Im ersten Kapitel der „Hyänen“ beschreibt sein Großvater Sebastian, wie er Ende Januar 1929 von Augsburg aus in Berlin eintrifft, weil er in der Hauptstadt der Weimarer Republik Bertolt Brecht treffen will, von dem sich der junge Mann Unterstützung bei seiner Karriere als noch unbekannter Autor erhofft. Schließlich stammt der berühmte Brecht ebenfalls aus der Fuggerstadt und teilt auch sonst einige weitere biografische Details mit ihm. Er fährt zuerst in den Berliner Vorort Tegel, wo er sich auf Vermittlung seines Vaters fürs Erste im Haushalt des reichen Ingenieurs Eduard Gere einquartieren will. Doch der Empfang durch das Hausmädchen Karla ist kühl und abweisend. Es scheint ein dunkler Schatten über der jüdischen Familie zu schweben. Die Dame des Hauses ist an einem Nervenleiden erkrankt, das sie in ein abgedunkeltes Zimmer zwingt, der Hausherr alles andere als über den Besuch des Sohns seines alten Kriegskameraden erfreut. Allein Greta, die Tochter, und ihr Bruder Gregor empfangen Sebastian freundlich und laden ihn ein, mit ihnen gemeinsam das Berliner Nachtleben zu besichtigen. Schon bald manifestiert sich die Bedrohung und die barsche Karla wird von einem unheimlichen Eindringling überfallen. Nur das beherzte Eingreifen von Sebastian kann Schlimmeres verhindern. Er jagt den Einbrecher, dessen Augen merkwürdig leuchten, in die Flucht. Der Mann lässt dabei einen ziegelsteinförmigen Gegenstand zurück. Wie sich herausstellt, ist es eine Maschine mit unbekannter Funktion, auf der ein Pentagramm mit einem Kugelkreuz darin eingraviert ist. Später entdeckt Sebastian das ungewöhnliche Symbol auch auf einem Plakat eines Berliner Nachtlokals namens „Haricot Doré“, auf dem das Pentagramm auf dem Anhänger der Halskette der dort am Abend auftretenden Schönheitstänzerin Lokwi zu finden ist.

Auch Nikolaus Klammer kennt das eigentümliche Pentagramm. Er hat es auf einer Abbildung in einem Sachbuch über Geheimgesellschaften von einem gewissen Roman Gaitania gesehen, das ihm sein Verleger Karl-Heinz Welkenbaum als Rezensionsexemplar zugesendet hat. Klammer wird klar, dass es sich bei Gaitania und dem Jesuiten Gaetano Marini um ein und dieselbe Person handelt. Er unterbricht seine Lektüre und versucht näheres von seinem Verleger über den Pater zu erfahren, doch Welkenbaum und seine Lebensgefährtin Verena Salva sind über ein verlängertes Wochenende nach Rom verreist. Da sich die Entführer seiner Tochter Isa noch immer nicht gemeldet haben, entscheidet sich Klammer, von sich aus etwas zu unternehmen und nicht mehr länger zu warten. Er fährt nach Augsburg, weil er die Buchhandlung aufsuchen will, in der er Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren erworben hat. Doch das Antiquariat ist über Nacht verschwunden. In den leeren und scheinbar schon lange verlassenen Geschäftsräumen, in denen er keine Spuren mehr von einer Buchhandlung findet, stößt er nur auf ein paar Hinweise, die auf Italien hindeuten; unter anderem auf einen Abriss aus einer Zeitung, auf dem eine Fotografie zu sehen ist, auf der Pater Marini mit den anderen Mitgliedern der Vatikanischen Glaubenskongregation, also der ehemaligen Inquisition, zu erkennen ist. Klammer flieht aus dem leeren Laden, in dem eine seltsame Atmosphäre herrscht, als wären in ihm die physikalischen Gesetze von Zeit und Raum durcheinandergeraten. Wieder zuhause angekommen, stellt der Autor fest, dass sich die Entführer, die vielleicht nur blufften, noch immer nicht gemeldet haben. Dafür hat Isa wieder angerufen, wie er von seiner Frau erfährt. Seine Tochter hat ihm eine verschlüsselte Botschaft hinterlassen, die ihn auffordert, die Vicolo della Volpe in Rom aufzusuchen, eine kleine Gasse, in der sich erstaunlicherweise auch das Hotel Raphael befindet, in der Welkenbaum mit seiner jungen Freundin abgestiegen ist. Klammer reist noch in der darauffolgenden Nacht mit der Bahn nach Rom. Im Zug liest er weiter in dem Roman seines Großvaters.

Sebastian Kerr berichtet darin, wie er immer weiter in die Rätsel der Geres verstrickt wird. Zwischen Greta und Karla gehen seltsame und intime Dinge vor, die er sich nicht erklären kann, und die Dame des Hauses teilt ihm vertraulich mit, die Geres seien eine Familie von „Pagen“, deren Aufgabe es seit Jahrhunderten sei, eine bestimmte Personengruppe zu schützen. Das Erkennungszeichen der Pagen sei das Pentagramm mit dem Kreuz. Ihre bösen Gegenspieler wären ein Geheimbund, der sich die „Hyänen“ nenne und sehr mächtig sei. Mehr kann Sebastian nicht in Erfahrung bringen, da ihn Greta und Gregor mit in die Berliner Innenstadt nehmen. Spät in der Nacht landen sie schließlich im „Haricot Doré“, wo Sebastian einen Auftritt von Lokwi miterlebt. Er verliebt sich Hals über Kopf in das Dschungelmädchen. Er wird nach der Vorführung von einer schwangeren Frau angesprochen, die sich als Elena Kuiper zu erkennen gibt und sich mit Lokwi in der Homosexuellenbar von den Hyänen versteckt. Sie übergibt dem jungen Autor ihr Tagebuch und einen Anhänger, den er niemals ablegen solle. Bevor die Ärztin jedoch ihre Geschichte erzählen kann, beginnt im „Haricot Doré“ eine Polizeirazzia. Die Geschwister, Elena, Sebastian und auch Lokwi entkommen knapp dem Zugriff der Gendarmen, werden jedoch hinter dem Lokal von dem Einbrecher vom Vormittag und von einem korrupten Polizisten gestellt. Die bewaffneten Männer verlangen die Herausgabe des Tagebuchs der Ärztin. Die Situation eskaliert in einem Kampf und einer wilden Verfolgungsjagd, die durch einen plötzlichen Unfall endet, als kein geringerer als Bertolt Brecht, der mit seiner Frau in seinem Auto zufällig das dämonische Mitglied der Hyänen überfährt, das ihm vor den Kühlergrill läuft. Es stellt sich dabei heraus, dass dieser unheimliche Mann ein künstlicher Mensch, ein Roboter, ist. Auch Karla, die Hausangestellte der Geres ist übrigens ein Maschinenwesen, das allerdings aufseiten der Pagen steht. Das Buch verbleibt in Sebastians Händen; gemeinsam mit Brecht flieht die Gruppe.

Obwohl der Roman seines Großvaters an dieser Stelle noch nicht zuende ist, wird Nikolaus Klammer vom Schlaf übermannt und schlummert bis zum nächsten Morgen, als sein Zug schon beinahe Rom erreicht hat. Neben ihm sitzt nun ein Italiener, der sich als Avvocato Fabio Ienalli und als ein Bewunderer des Schriftstellers vorstellt. Klammer ist misstrauisch und versucht in Rom, ihn abzuschütteln. Tatsächlich taucht der angebliche Avvocato am Nachmittag des gleichen Tages wieder auf, als Klammer die Vicolo della Volpe aufsucht und dort in einem der Häuser die aus Augsburg verschwundene Buchhandlung entdeckt. Er will sie gerade betreten, als Ienalli ihn mit einem Messer bedroht und von dem Autor Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren fordert. Doch das Buch ist inzwischen nicht mehr in Nikolaus Klammers Besitz …

Habe ich dich soweit wieder auf den Stand der Dinge gebracht, liebe Leserin? Ist die Erinnerung wieder da? Gut, dann wollen wir den armen Karl-Heinz Welkenbaum nicht länger unter der römischen Sonne schwitzen und ihn endlich in die gut gekühlten Räumlichkeiten des Hotels Raphael gehen lassen.

Und hier noch der Link zu dem Anfang vom 3. Teil:

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Das Gulag des Dr. Krakow

Am Wegesrand: Ein Spaziergang in den Februar

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Die Altwasser-Gehölze an den vom Tauwetter schlammigen und überschwemmten Schmutterwiesen sind noch kahl und kraftlos. Die Farben der Natur sind von dem eisigen Januar ausgewaschen, erschöpft, fahl. An schattigen Orten klammert sich hartnäckig vereister Firnis am Boden fest.

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Das Eis des versteckten Weiher inmitten der sich seit Jahrzehnten selbst überlassenen Schonung hat die Farbe von geronnener Milch. Darüber kämpft eine bleiche Sonne halbherzig mit den Wolkenschleiern. Ab und an färbt sich der Himmel hellblau und eine Ahnung von Frühjahr senkt sich wie ein feiner Geruch durch die Luft herab und liegt wie Tau auf der würzigen Erde.

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Glaube mir, dieser Winter, vielleicht gewinnt er noch die eine oder andere Schlacht, aber den Krieg gegen den Frühling, den hat er längst verloren.

Neujahrsspaziergang

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Auch 2017 ist bereits an seinem allerersten Morgen vom Blut unschuldiger Opfer und dem tollwütigen Geifer der blind Hassenden besudelt. Doch davon ist hier in der bayerisch-schwäbischen Provinz wenig zu bemerken. Dieser Neujahrstag ist strahlend, durchscheinend, mystisch. Die Rauhnächte haben den Wald verzaubert und die Wilde Jagd hat mit eisigen Fingern ihre Spuren an den Bäumen hinterlassen.

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Ich habe meine neuen Winterstiefel ausprobiert (frostsicher bis -50°) und mich zwischen Rommelsried und Agawang mit Frau Klammerle in die »Hölle« begeben – so heißt das hügelige Waldstück dort. Es war tatsächlich eine andere, stillere und bessere Welt, die ich euch nicht vorenthalten will. Und ich hatte warme Füße.

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Und damit verabschiede ich mich für eine Woche, da ich einen kleinen Winterwanderurlaub im Bayerischen Wald antreten will – noch weiter weg von all dem Trubel, dem Lärm und den schlechten Nachrichten. Ich wünsche euch ebenfalls stille, ruhige und vor allem friedliche Tage voller Zeit und einzigartigen Momenten.

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Bis bald, Euer Niklas.

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