Aber ein Traum …

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Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 37)

Dies ist der letzte Abschnitt von „Die Wahrheit über Jürgen“, den ich auf meinem Blog posten werde. Ende des Monats wird der – selbstverständlich vollständige – Roman als 2. Teil meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus‘ veröffentlicht und ist dann überall im Buchhandel als Softcover (270 Seiten) oder als E-Book erhältlich. Im Moment bin ich noch bei den letzten Korrekturen.

Ich habe in den letzten zwei Monaten kein einziges Buch verkauft, was mich ein wenig in eine Schaffenskrise gestürzt habe, aber vielleicht wird ja der Künstler-Roman, der dem Mainstream und der Belletristik zuzuordnen ist,  den einen oder anderen Leser finden, der bisher um meine Genreliteratur einen weiten Bogen gemacht hat.

Die Auszüge aus dem Buch werde ich jedenfalls Ende November von meinem Blog löschen – wer das spannende Ende und die Auflösung der Geschichte erfahren möchte, muss sich den Band kaufen.

Mein Korrekturexemplar

[Zum ersten Teil]

Vielleicht erhellt die originelle, wenngleich etwas schwer verständliche Laudatio von MBB, die sie in Ab­wesenheit des Künstlers vor dem nur langsam zur Ruhe kommenden Publikum hielt, etwas von Qualität und Sendung der Kunst von Jonas. MBB be­gann die Rede, die sie trotz des Manuskripts in ihrer Hand auswendig konnte und frei hielt, mit einem seltsa­men Zitat:

»Der Mensch durstet nach dem Bösen, ihn dürstet da­nach, schuldig zu werden, aber er wagt – oder ver­mag – es nicht, dem Bösen seine Seele zu verschrei­ben, er schlägt krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, usw … So sagt Georges Bataille in einer Geschichte.

Mögen Sie sie auch, diese kaum aussprechbare Ab­kürzung einer nichtssagenden Floskel, dieses usw., das es auch noch als usf. oder als, besonders schön auszuspre­chen: u. Ä. gibt. Was wäre ein Schülerauf­satz ohne die­ses usw …? Man benutzt es immer dann, wenn man selbst nichts mehr weiß, wenn die Inspi­ration versagt und man erschöpft den Rest der Ge­dankenkette der Fantasie des Lesers überlässt. Je­der von uns setzt instinktiv und intuitiv für dieses usw. etwas ein, das ihn persönlich be­trifft, es ist eine Art Rorschach-Test mit Buchstaben. Als ich den eben zitierten Satz zum ersten Mal bei Bataille las, ersetzte mein Unterbewusstes das usw. sofort mit dem Wörtchen Kunst. Der Satz las sich dann für mich so:

Der Mensch durstet nach dem Bösen, aber er ver­mag es nicht, ihm seine Seele zu verschreiben, des­halb schlägt er krumme Wege ein, die Neurose, das Geläch­ter, die Kunst. Und ich war anschließend von Batailles ent­täuscht, weil er auf diesen – nämlich meinen – durchaus freudianischen Gedan­ken nicht weiter einging, sondern sich im Weiteren nur mit der Neurose und dem Ge­lächter beschäftigte. Später fand ich dann zu meiner Beruhigung heraus, dass für ihn die Neurose und die Kunst nahezu synonyme Begriffe sind. Neurose ist ihm die Sehnsucht nach der Angst, die Gott hat. Kunst ist also die Sehnsucht nach der Angst Gottes.

Keine Angst, ich habe nicht vor, mit Ihnen über die Schwierigkeiten der Hermeneutik zu reden. Ich bin hier, um Ihnen etwas über die Kunst von Jonas Nix zu erzäh­len. Und, zu Ihrer Beruhigung, ich bin selbst Künstlerin und werde mich daher kurz fas­sen. Worte sind wie Gardinen, die man vor Gemälde zieht. Wenn man durch sie hindurchsieht, bleibt das Wesentliche verborgen.

Deshalb komme ich aber an Batailles nicht vorbei, des­sen Unbehagen am Dasein eine enge Geistesver­wandschaft mit dem Nixschen Behagen an der Besudelung zeigt. Denn Batailles‘ Anliegen war neben dem selbstzer­störerischen Schenken, auf das ich später eingehe, im­mer in vorderster Front das Tabu und das bewuss­te Überschreiten und Brechen dessel­ben, um sich durch diese heroische Tat zum Mensch­sein zu befreien. Klingt Ihnen das zu hochgesto­chen? Ich kann es auch anders formu­lieren: Es gibt von Batailles einen Text, in dem jemand seine tote Mutter schändet. Und es gibt von Jonas Nix ein Bild, das er mit seinem eigenen Blut gemalt hat.

Wir loben uns, in einer tabulosen Gesellschaft zu leben, die all die kleinlichen Vorurteile unserer Vä­ter über­wunden glaubt. Keine abwegige sexuelle Leidenschaft kann uns noch schockieren, wir sind in der Psychologie unseres Jahrhunderts geschult, ha­ben für alles Ver­ständnis. Keine menschliche Re­gung ist uns fern. Sind wir also, wie ich formulierte, zum Menschsein befreit? Manche glauben es, aber ich will es stark bezweifeln. Ich den­ke, das Gegenteil ist der Fall: Wir leben in einer gefessel­ten, in einer neu­rotischen, engstirnig bürgerlichen Ge­sellschaft. Mit unserer freien Sexualität ist es nicht weit her, wir haben sie nur hygienisch und steril gemacht. Wir alle haben den Sex im Hirn, aber das ist der Ort, wo er am wenigsten hinpasst und auch am wenigsten be­friedigt wird.

 Und daraus lässt sich nur der Schluss ziehen, dass die Ta­bus der Gesellschaft noch lange nicht gebrochen sind, diese spießige Ge­sellschaft noch immer die Kraft hat, sie aufrecht zu hal­ten und ihre Verletzung unter Strafe zu stellen. Das Böse ist dabei das kräftigste Tabu. Ich spreche nicht von einem mythischen oder religiös definierten Bösen als Wi­derpart des guten, aber ängstlichen Gottes, sondern von der gesell­schaftlichen Vereinba­rung böse, zu der es uns laut Ba­tailles als egoisti­sche Einzelwesen alle hinzieht. Und was ist böse? Es ist vor allem der Tod; er ist der Schaden der Gesell­schaft und wir alle haben ihn zur Seite ge­drängt, um ihn zu vergessen. Wir würden das Sterben unter Strafe stellen, wenn es einen Sinn hätte. Und gleich­zeitig und das ist die Perversion dieses Tabus, seh­nen wir uns alle nach dem Tod, denn er ist ein Teil von uns, den wir nur mit Hilfe einer Neurose, eines Ge­lächters oder eben der Kunst verdrängen können. Er schlummert in jedem von uns, wird jeden Tag ein wenig wacher. Jeden Tag werden wir ihm ein wenig ähnlicher. Da hilft kein Makeup.

Und trotz unseres Ekels vor der Sterblichkeit und der Verwesung gibt es uns einen masochistischen Schauer, erkennen wir uns wieder, wenn wir ver­stohlen in den Fernseher sehen und uns die Leichen der Kriege, Ver­brechen und Unglücke in handliches Format gepackt häppchenweise und farbenfroh vor­geführt werden. Aber nie darüber reden, diese Sehn­sucht verschließen wir in uns: Das ist die Neurose, die uns fesselt. Solange wir nicht mit dem Tod umge­hen können, werden wir keine Menschen sein. Jonas Nix hat die Überwindung dieser Neurose zu seiner Kunst gemacht. Geben wir zu, seine Bilder und Collagen schockie­ren uns, es fällt unendlich schwer, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Aber es ist unsere eigene Einstellung zum Tod, die uns schockiert, die wir nicht sehen wollen, die uns hindert, frei zu werden. Hegel sagt, der Tod sei das Furchtbarste, und das Tote festzu­halten, sei das, was die größte Kraft erfordere. Nix nimmt sei­nen Kampf mit diesem Schrecken auf, er packt un­ter Aufbietung seiner Lebenskraft den Tod an den Hörnern und er läd uns alle ein, bei diesem Spekta­kel zuzusehen. Er macht uns mit seinem Stierkampf ein Geschenk, schenkt uns einen Teil seines Daseins, auch wenn er sich selbst dabei zerstört. Nur wer das Höchste versucht, gewinnt die Freiheit des Menschseins.
Auch das Leben ist ein Geschenk, so trivial es klin­gen mag. Das Furchtbarste ist nicht, jemandem ein Ge­schenk wegzunehmen, sondern es ihm kaputt wieder­zugeben. Wir alle haben das Geschenk Leben von dieser grausamen, gleichgültigen Gesellschaft kaputt zurückbekommen. Und einmal in dieser mageren Frist zwischen Ge­burt und Tod, mit der wir so verschwenderisch um­gehen, sollte jeder darüber nachdenken, was dies für ihn bedeutet.

Nehmen Sie das Angebot an. Benutzen Sie die Bil­der zum Nachdenken, zum Nachfühlen, zum Erle­ben usw …

Ich danke Ihnen für den kurzen Moment der Auf­merksamkeit.«

[…]

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 36)

[Zum ersten Teil]

Auf der anderen Seite konnte man die Wintherbrü­der auf keinen Fall ignorieren oder vor den Kopf sto­ßen, da sie doch in der Kunstszene der Stadt eine ge­wisse, ich bin versucht, zu sagen, Macht darstellen; sich als örtlich anerkannte Künstler im Laufe der Zeit einen Status er­obert hatten, der ihnen und ihren Verrücktheiten Unan­greifbarkeit verliehen hatte. Außerdem konnte man, wenn man es schaffte, Frieden mit ihnen zu halten, si­cher sein, dass sie zu einem standen und einen im Rah­men ihrer nicht un­bedeutenden Möglichkeiten unter­stützen. Da ich es mir also nicht mit den beiden ver­scherzen wollte, litt ich still und ergeben vor mich hin, ließ mich auf den sinnlosen Schlagwortdisput um ihre Kunst ein und hoffte, dass die Autofahrt bald vorbei war.

Es war längst dunkel geworden, als wir endlich in Mün­chen ankamen. Keiner von uns wusste so genau den Weg zu der Galerie und die Passanten, die wir frag­ten, schienen in dieser Stadt ebenso fremd zu sein wie wir. Wir wären wahrscheinlich noch eine ganze Weile weiter umhergeirrt, wenn wir nicht zu­fällig Paulis gro­ßen Wa­gen am Straßenrand und da­mit die Seitenstraße, in der die Galerie lag, entdeckt hätten. Dass der Kultur­referent nach den Ereignis­sen des Nachmittags an der Vernissa­ge seines Nef­fen teilnahm, erstaunte mich. Die üblicher­weise auf­wendige Suche nach einem Parkplatz kürzte MBB in ihrer unnachahmlichen Weise rigoros ab, indem sie einfach auf den Bürgersteig hochfuhr und dort ste­henblieb.

Wir mussten eine Weile warten, bis sich die beiden Win­ther aus den Rücksitzen gearbeitet hatten. Jochen-Maria stauchte sich dabei etwas seinen Hut, was er als eine mittlere Katastrophe nahm und ihn, ohne ihn abzuneh­men, von seinem Bruder richten ließ. Ich vergnügte mich inzwischen mit Gedankenspie­len, was er wohl un­ter dieser Haube hatte, einen Haarzopf wie Ernst Fuchs wohl kaum. MBB und ich sahen uns an und in unseren Blicken lag all die ver­zweifelte Müdigkeit, die unser Los manchmal in uns erwachen ließ.

Die Galerie Nasolt & Haschek trug über die gesam­te Län­ge der Vorderfront eines breiten Gebäudes zwei langge­zogene Fenster zur Schau und war eine der re­nommiertesten Galerien von München. Sie stand in dem Ruf, Künstler zu machen. Wer es als Maler oder Bild­hauer fertigbrachte, hier ein paar Bilder unterzubringen oder gar wie Nix eine eigene Ausstellung zu bekom­men, war auf dem Sprung: An­gebote aus Zürich, Lon­don und New York würden mit der Sicherheit einer physikali­schen Gesetzmä­ßigkeit folgen. Nix war also dabei, end­gültig aufzu­steigen. Bald konnte ihn das mit­telmäßige, kleinli­che Geplänkel in seiner Heimatstadt gleichgültig lassen, bald würde er sich in Kreisen bewe­gen dür­fen, in denen zwar mit Sicherheit die gleichen Spiele gespielt wurden, aber die Einsätze ungleich hö­her lagen. Wer wohl der nächste war, den er mit Jauche übergoss? Oder war er bald so etabliert, dass er selbst besudelt wurde?

Ich weiß heute nicht mehr, ob ich Nix diesen Erfolg nei­dete, als ich in die hell erleuchteten und gold­glänzenden Schaufenster der Galerie spähte und im Inneren bereits viele elegant gekleidete Menschen mit gediege­nen Sekt­gläsern in den Händen umher­schlendern sah. Zwischen ihnen standen wie bunte Farbflecken verschüchterte Künstler und de­ren Freunde, ihnen war merklich unwohler in der noblen Umgebung. Von Nix Bildern war von der Straße aus wenig zu erken­nen, sie wurden meist von den Leu­ten verdeckt, die sich in Trauben vor ihnen drängelten. Beim Eintreten duckte ich mich eng in den gewaltig­en Schatten meiner Begleiterin und versuchte eine gewichtige und dabei selbstsichere Miene aufzuset­zen. Ich rechnete nicht damit, man­gels Ein­ladungskarte Schwierigkeiten beim Einlass zu bekom­men. Ich hatte mich mal wieder geirrt. Ich war noch nicht einmal halb in der Tür, als mich eine Hand schwer am Kragen packte und brutal zu­rückriss. Jemand schleppte mich zur Seite und drückte mich grob gegen ein parkendes Auto.

»Ich glaube es nicht«, konstatierte mein Gegner. »Was tust du denn hier? Gerade dich wollen wir hier nicht. Du hast so etwas von sicher keine Einladung erhalten!« Ich erkannte mein Gegen­über. Der Tür­steher war einer der schwachsinnigen Kerle, die mich vor einem guten halben Jahr mit Lackfarbe besprüht hatten; einer von dem „dreckigen halb­en Dutzend“ gewalttätiger Epigonen von Nix, die im Rü­cken seiner Genialität wie Hunde umherstreunten, um ein Stück seines Ruhmes zu erhaschen. Er war sicher auch bei der Aktion bei der Weissensteiner-Lesung da­bei gewe­sen. Mir ging ein Licht auf: Natürlich, er war es ge­wesen, der das Fass Odel zu früh ausgekippt hatte! Ich erinnerte mich an seinen feixenden Gesichtsausdruck. Das war ein Privatkrieg, den er mit mir führte. Ich über­legte kurz, ob ich hier vor der Galerie mit ihm eine handgreifliche Auseinandersetzung beginnen sollte, aber er war doch wesentlich stärker als ich und der Griff, mit dem er mich noch immer hielt, war fest und bestimmt. Die brutalen Kerle gewinnen doch immer … Ich wand also nur schwach ein:

»Ich bin mit Nix längst versöhnt und muss ihn spre­chen, es ist sehr wichtig. Frag ihn.« Er schüttel­te nur den Kopf, durchschaute meine ungeschickte Lüge sofort. Da trat die MBB, die mein Missgeschick bemerkt hatte, näher und rettete den Tag. Sie erkun­digte sich streng, was hier denn überhaupt los sei. Durch ihre dominante Lei­besfülle und den walküren­haften Ton ihrer Stimme erschreckt, ließ mich mein Gegner endlich los.
»Er hat keine Einladung …«, erklärte er merk­lich un­sicherer, aber er richtete sich doch drohend vor der Vor­sitzenden des BBK auf, um seine einzige Überlegen­heit, nämlich seine Größe, auszuspielen.

»Georg ist mit mir hier. Ich halte die Laudatio. Hast du damit ein Problem, sag?«, fragte MBB kalt. Die beiden maßen einander kurz. Schließlich kam MBB zu einem offensichtlich nicht sehr schmeichel­haften Ergebnis, denn sie verzog verächtlich lä­chelnd ihren Mund. Dabei wog sie warnend das ge­rollte Manuskript ihrer Eröff­nungsrede in der Rech­ten. Ich setzte mich halb auf die Kühlerhaube des Wagens hinter mir, verschränkte ver­gnügt die Arme und genoss die Szene, die sich mir nun bot. Die Au­genschlitze von MBB wurden noch enger, dann schnaubte sie plötzlich einmal wie ein wütender Stier, machte einen überraschenden Schritt nach vorn. Sie sah in ihrem hinreißend gut gespielten Zorn wirk­lich erschreckend aus. Der Kerl stolperte tatsächlich ent­setzt zurück und fiel hin: Erst strau­chelte er zurück, dann kipp­te er halb nach vorn, auf seine Knie und Hände. MBB beugte sich drohend über ihn und er machte sich ganz klein am Boden.

»Hast du damit ein Problem?«, wiederholte sie. Er schüt­telte den Kopf. »Ich höre dich nicht«, drohte sie.

»Nein!«, rief er laut und gedemütigt. »Ihr könnt bei­de rein.«

MBB wollte noch etwas sagen; wahrscheinlich soll­te er ihr jetzt noch die Füße küssen. Aber ich fand, dass es ge­nug war und drängte die Frau zurück. Es fiel uns bei­den schwer, ernst zu bleiben und ein La­chen zu unter­drücken. Ich konnte mir selbstver­ständlich nicht ver­kneifen, zu ihm herab: »Das wird dir hoffentlich eine Lehre sein«, zu sagen und dann triumphierend bei der mannhaften Verteidigerin meiner Ehre untergehakt die Galerie zu betreten.

 Glücklich innen angelangt, bedankte ich mich ar­tig bei ihr und machte mich sofort auf die Suche nach Nix, von dem ich vermutete, dass er, von einer Menschen­traube um­geben, irgendwo bleich und aufgeregt in einem Winkel stand und nervös an den Fingernä­geln kaute. Aber ich konnte ihn nicht finden. In den drei großen Räumlich­keiten mochten sich über­schlagsmäßig sicherlich zwei­- oder dreihundert Leute aufhal­ten, die sich, einander auf die Füße tretend, in un­terschiedlich großen Gruppen lautstark unterhielten oder sich an den ausgestellten Bildern und Collagen vorbeischoben. Ich hätte Nix dennoch finden müs­sen, wenn er sich hier aufgehalten hätte. Ich nahm an, dass er sich gerade in einem Nebenraum auf sei­nen großen Auftritt vorbereitete. Also entschloss ich mich, auf ihn zu warten und reihte mich in den Strom ein, der sich im Kreis langsam und kunstbeflissen an den Wänden entlang bewegte. Zum ersten Mal bekam ich einen genauen Über­blick von der erstaunlichen Bandbreite der Kunst von Nix zu sehen, auch wenn ich mich natürlich nicht intensiv mit den Gemälden beschäftigen konn­te. Es hingen vielleicht fünfzig meist großformatige Bilder an den Wänden, durch geschickte Beleuch­tung gelangten sie bemerkens­wert eindringlich und plastisch zur Geltung. Viele der Collagen waren ge­nau so, wie ich sie erwartet hatte. Es waren düstere Schlachtfeste aus unappetitlichen Mate­rialien, die in diesem geballten Auftreten die Magenschleimhäut­e erheblich strapazierten. Aber dazwischen gab es immer wieder Bilder, die ich als echte Meister­werke empfand. In diesem Text ist ihr Genie nicht annä­hernd beschreibbar und das Heran­ziehen von Verglei­chen kann ihnen unmöglich ge­recht werden.

[Zum 37. Teil …]

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 35)

[Zum ersten Teil]

Ich entschloss mich, mit Nix selbst zu reden und ihm von dem Vorfall in seiner Wohnung zu be­richten. Ich fand, das sei ich ihm und vor allem seiner Freundin schuldig. Gerade zu ihr und zu ih­rer Lage empfand ich ein wütendes Mitleid. Also rief ich von der nächsten Telefonzelle, der ich begegnete, die MBB an, von der ich ja wusste, dass sie zur Vernissage nach München fahren wür­de. Ich wollte sie fragen, ob sie mich mitnehmen könnte. Zu meinem Glück war sie in­zwischen aus ihrem Studio heimgekehrt und es mach­te sich be­zahlt, dass sie eine ziemlich intime Vorliebe für mich hatte. Sie erbot sich sogar, am Abend extra einen Umweg zu machen und mich von daheim abzuholen. Allerdings müsse ich ertragen, dass sie auch die Winther-Brüder, die eine Einladung von Nix hatten, mitnehmen würde; sie habe es den beiden in einem leichtsin­nigen Moment, den sie inzwischen bereue, verspro­chen. Diese Tatsache war für mich fast der Grund, mit der Bahn in die Landeshauptstadt zu fahren, aber die Leere in mei­nem strapazierten Geldbeutel trug den Sieg über die durch die Brüder zu erwar­tenden Nervenschäden davon. Ich biss in den sauren Apfel, eine knappe Stunde mit ihnen auf der Auto­bahn verbringen zu müssen und dabei ihrem Geschwätz schutzlos ausgeliefert zu sein.

Es ging bereits auf fünf Uhr, als ich endlich wieder zu Hause war. Ich hatte keinen Hunger; mir war im Gegen­teil übel und schwindlig. Obwohl ich weder verschwitzt noch schmutzig war, fühlte ich mich un­sauber und hat­te das paranoide Gefühl, der Geruch von Nix Bildern würde noch an mir haften. Er hing trotz meines langen Fußweges noch immer aufdring­lich in meiner Nase. Ich duschte daher intensiv und wechselte meine Kleidung. Dann erst lud ich meinen inneren Müll bei Christine ab, die geduldig auf ein paar Erklärungen für mein abson­derliches Verhal­ten wartete. Es war Zeit, mich mit ihr auszuspre­chen. Ich hatte das klärende Gespräch schon allzu lange hinausgezögert. Ich erzählte Christine endlich von Theresa und be­richtete ihr dann von den seltsamen Ereignissen des Tages, versuchte sie und wohl auch mich selbst von ihrer Harmlosigkeit zu überzeugen. Dass sie eben erheblich merkwürdiger aussahen, als sie es in Wirklichkeit wa­ren, dass alles eine Gaukelei war wie dieser geschlachte­te, geplatzte Kadaver, der mich und Theresa auf den ersten Blick so er­schreckt, sich dann aber mitsamt den Schmeißflie­gen auf dem Gedärm als eine geradezu genia­le At­trappe aus Wachs, Draht, Farbe und Pappe heraus­gestellt hatte. Es war eine Arbeit, die Nix Wo­chen, wenn nicht Monate beschäftigt haben musste.

Dennoch blieb mir ein bohrendes Unbehagen, denn die verschmierten, geronnenen Blutspuren an den Wänden und Fenstern des Ateliers, die merkwürdige archaische Formen und obzöne Wörter nachbilde­ten, waren mei­ner Meinung nach echt ge­wesen. Hatte Pauli nicht er­zählt, Nix hätte verbun­dene Hände? War der Maler nach dem Streit mit Emilio Parma wieder in einen Selbstgeißelungs­wahn verfallen, hatte er sich mit seiner Rasierklinge die Handflächen zerschnitten und dann sein Atelier auf diese grausige Weise geschmückt? Die Diagnose meiner Freundin war kurz und vernichtend: Sie hielt Nix für geis­teskrank oder zumindest für schwer verhaltensge­stört. Er stelle eine Gefahr für sich und andere dar; eine Bedrohung, die man auf dem schnellsten Wege in eine geschlossene Anstalt zu schaffen habe. Ich wollte es bei weitem nicht so krass sehen, war aber durch die grotes­ke Schallplattensammlung und das viele Blut unsicher geworden. War Nix noch ein um Wahrheit und Er­kenntnis ringender Künstler, der auf seiner Suche außergewöhnliche, ra­dikale Wege einschlug? Oder war er tatsächlich schlicht verrückt geworden – hat­ten ihn seine tägliche Beschäfti­gung mit den Nacht­seiten der menschlichen Existenz, sein intimer Um­gang mit Tod, Blut und Verwesung und der Druck von Öffentlichkeit und reicher Verwandtschaft um den Verstand gebracht? Hatten ihn seine Mühlräder zer­malmt? Ich weiß das heute noch nicht endgültig zu beantworten. Ungeduldig fieberte ich auf mein Tref­fen mit ihm hin.

Kurz nach sieben Uhr holte mich dann die MBB wie versprochen ab. Sie tat mir den Gefallen und ließ mich vorne bei ihr sitzen. Die Winther-Brüder – die es ja nur im Doppelpack gibt – hatten es sich be­reits auf dem Rücksitz bequem gemacht. Obwohl sie zwei Jahre aus­einander sind, gleichen sie sich von Natur aus wie ei­neiige Zwillinge. Da diese Ähnlich­keit aus irgendeinem dunklen Grund den beiden Unzertrennlichen nicht ge­fällt, hatten sie sich mal wieder in dem Versuch lächer­lich gemacht, sie zu verbergen. Der jüngere, nämlich Hans-Albert, hatte sich bemüht, seinen spärlichen Haarwuchs durch eine kurzgelockte Dauerwelle zu be­schönigen und sein Bruder Jochen-Maria trug einen dunklen, eben­so unecht wirkenden Schnauzbart. Beide dufteten frisch gewaschen und waren unauffällig,  aber doch sichtbar geschminkt, was ihnen eine reichlich dekad­ente, transsexuelle Aura verlieh. Doch an die­sen An­blick war man gewöhnt, er erzeugte nicht je­nes kaum beherrschbare Gefühl in mir, jeden Mo­ment in schallen­des und kränkendes Gelächter aus­brechen zu müssen. Nein, der Grund war die Klei­dung der beiden, die sie sich für diesen Abend ge­wählt hatten: Sie hielten sie si­cher für exzentrisch und extravagant, einer aufsehener­regenden Vernis­sage in München angemessen. Aber sie war grauen­voll kindisch und komisch. An Jochen-Maria fiel fiel mir zuerst ein zylindri­sches, samtrotes Ungetüm von Kopfbedeckung auf, das er, wohl um seinen ebenfalls schütteren Haar­wuchs zu ver­bergen, im Auto nicht abgenommen hatte. Er war des­halb gezwungen – halb auf seinem Bruder liegend –, den Kopf unbequem zur Seite ge­kippt, die ganze Fahrt über geduldig in dieser Stel­lung auszuharren. Er trug eine Art von römischer Tracht, nämlich Toga und Tunika in einer herrlichen Farb­kombination, in speichelgrün und eiter­gelb, wie er in aller Ausführlichkeit erläuterte. Das sollte seine spöttische Hommage an Jonas Nix sein. Er hatte auch stilechte Sandalen an und fror er­bärmlich, auch wenn er das nicht zugab. Man konn­te die Gänse­haut sehen, die seine Beine und Arme empor kroch. Hans-Albert war wärmer, aber nicht weniger erhei­ternd bekleidet. Er trug einen schwarz-rot-goldenen Pullover, der selbstgestrickt aussah und dazu einen, man höre und staune, ka­rierten, knöchellangen Rock, der das Feminine sei­ner Gestalt unterstrich und von ihm selbst als mit­teleuropäischer Herbstkilt bezeichnet wurde. Natür­lich hatte er Stiefel mit hohen Pfennigab­sätzen an. Die Brüder Winther wohnten zusammen in einem Haus in der Bleiche, in dem sich auch ihre gemein­same Ga­lerie befand. Sie bezeichneten sich beide als Ma­ler. Ob­wohl der Ältere sich auf Akte und der Jün­gere auf Landschaften spezialisiert hatte, waren ihre durch Ver­wendung von Naturmaterialien schmutzig-erdbrau­nen Bilder einander zum Ver­wechseln ähnlich. Beider Ar­beiten waren durchaus geschmackvoll und dekorativ, waren aber, da sie ihren Stil seit Jahren selbst kopierten, doch mehr als Kunsthandwerk einzuschätzen. Dies je­doch im besten Sinne des Wortes. Selbstverständlich waren sie da völlig anderer Meinung und verkünden über­all, wo sie auftauchen, überzeugt und unüberhör­bar ihre seltsame Kunsttheorie. Jedes Gespräch bogen sie innerhalb kürzester Zeit daraufhin um. Ihre Mei­nung war, wenn man sie zum ersten Mal hörte, zwar abwegig, aber durchaus noch interessant, auch beim zweiten Mal ließ sich noch gut über sie reden. Inzwischen hatte ich ihr Thema aber sicherlich schon zwan­zig Mal gehört und eine gepflegte Langeweile machte sich im Auto breit, als die beiden prompt – wir waren noch nicht einmal aus der Stadt heraus – wieder damit begannen, mir und der MBB auseinan­derzusetzen, was man unter Vererdung, Verschlam­mung und tektonischer Leidenschaft der Verwer­fung in ihrer Kunst zu verstehen habe. Zudem wa­ren sie wie immer einer Meinung und bestätigten sich einander in ihr. Da MBB sich stumm mit dem Lenkrad beschäftigte, war ich mit den beiden Schwätzern allein gelassen, deren rein physische und vor allem rhetorische Überlegenheit es mir ver­wehrte, auf ein anderes Thema abzuweichen. Leider war es auch nicht möglich, die beiden als eine Art von lästiger, aber unvermeidbarer Störung zu be­trachteten, die man stumm von den eigenen Gedan­ken abgelenkt ertragen kann, da sie sehr wohl dar­auf achteten, dass ihr jeweili­ger Gesprächspartner ihren Gedankenflügen folgen konnte und sich zu ih­nen äußerte.

[Zum 36. Teil …]

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 34)

[Zum ersten Teil]

»Da siehst du, wo er unter anderem sein Geld ge­lassen hat. Schau nur hin, Resa! Die Stereoanlage von Bang & Olufsen hat er sich für das Preisgeld des regionalen Kunstpreises gekauft, nicht so wichtig. Aber die Plat­ten …, weißt du, wie viele das sind?« Theresa stand stumm und staunend, wie erstarrt. Sie war anscheinend wirk­lich zum ersten Mal in die­sem Zimmer. Der An­blick hatte sie vollkommen überrascht. »Der Herr Künstler mag keine CDs, es mussten unbedingt Schallplatten sein. Ich habe mir die Mühe gemacht, sie überschlagsmäßig zu zählen«, fuhr Pauli fort. »In ei­ner Reihe sind es etwa zweitaus­end Alben und er hat fünf Regalreihen übereinander. Er be­wahrt hier übrigens nur klassische Musik auf. Die vier-, oder fünftausend Alben mit moderner Musik im Wohn­zimmer, die du sicher kennst und in dem er ja auch eine Stereoanlage hat, wollen wir mal unter den Tisch fallen lassen. Er hat die Sammlung hier alpha­betisch sortiert, es ist nicht zu fassen. Dort oben links be­ginnt er mit Tomaso Albinoni und der Fami­lie Bach, hier unten schließt es mit Vivaldi, Wagner und Ziehrer. Er besitzt allein siebzehn verschiedene Interpretationen von Rachmaninoffs zweitem Kla­vierkonzert. Siebzehn! Und zehnmal hat er das Deutsche Requiem. Wenn er hintereinander alle Platten hören wollte, wäre er zwei ganze Jahre be­schäftigt. Hast  du eine Vorstellung, wie­viel Geld da an der Wand hängt, weißt du das, Resa? Mit den Platten im Wohnzimmer zusammen hängt da ein Mittelklassew­agen!«

Theresa schwieg. Bleich und krank starrte sie auf die endlosen Reihen von Plattenhüllen und es schien, als würde sie sich von diesem Anblick nie mehr losreißen. Ich konnte in diesem Augenblick nachvollziehen, was in ihr vorging: Etwas zerbrach, ein weiteres Kettenglied, das sie mit ihrem Freund verbunden hatte. Viele waren wahrscheinlich nicht mehr übrig. Pauli hatte ihr eine klinische Facette ihres Freundes gezeigt, die für sie absolut neu und da­bei erschreckend war. Nix hatte diese krankhafte Sam­melwut vor ihr ge­heimgehalten, sie fühlte sich von ihm betrogen und allein gelassen und fragte sich be­stimmt, was sie noch alles nicht von ihm wusste. Sie tat mir leid, aber ich wusste nicht, wie ich sie trösten konn­te. Pauli, der ebenfalls bemerkte, was Theresa emp­fand, riss sie mit beiden Händen an den Schul­tern herum. Er war noch nicht fertig mit ihr.

»Das hast du nicht gewusst, nicht wahr, wie mein sau­berer Neffe sein Geld verschwendet hat?«, sagte er und rüttelte sie, damit sie aus ihrem Tagtraum erwachte. »Ich hat­te bis heute auch keine Vorstellung von diesem Ab­grund. Aber das ist noch nicht alles. Schau dich um. Hast du eine Ahnung, was eine Wohnung in dieser Lage und Größe monatlich kostet? Ich selbst könnte sie mir nicht leisten. Jürgen wohnt hier seit über einem Jahr und wirtschaftet sie völlig herab. Er hat noch nie daran gedacht, auch nur eine müde Mark als Miete zu bezahlen.«

»Nix hat mir erzählt, er könne hier mietfrei woh­nen«, warf ich ein, wollte ihn von Therea ablenken, die er längst waidwund geschossen hatte. Pauli widmete mir einen müden ‚Was, du bist auch noch hier‘-Seitenblick.

»Das war eine Lüge. Er hat einen Mietvertrag mit der Follia-Immobiliengesellschaft wie jeder andere auch. Niemand hat Geld zu verschen­ken, auch mein Vater nicht. Ich habe eine Aufstel­lung der Kosten bei mir, sie belaufen sich, abgerun­det versteht sich, auf 45.000 Mark. Heute habe ich es endlich geschafft, Jürgen abzupassen und ihm diese Rechnung vorzulegen. Es ist ein verwandt­schaftlicher Gefallen von mir, seine Bilder in Zah­lung zu nehmen. Ein anderer hätte ihn längst ver­klagt.«

»Nix ist gerade in München, oder?« fragte ich nach, be­müht, ihn zu einem anderen Thema zu ziehen. Ich hatte Erfolg: Pauli ließ The­resa endlich los und wandte sich zu mir. Ich sah be­sorgt, wie sie etwas zurück gegen das Regal mit den Schallplatten schwankte und sich unsicher an den Kopf fasste.

»Ja, natürlich, schon seit gestern. Er überwacht die Auf­bauten für die Eröffnung seiner Vernissage bei Nasolt & Habek. Wo soll er denn sonst sein? Ich hatte heute Morgen in Schwabing zu tun und da­durch die Möglichkeit …«

»Wie sah er aus?«, unterbrach ich ihn. Pauli zog eine Braue in die Höhe, denn er war daran gewöhnt, dass man ihn respektvoll aussprechen ließ. Aber er antwortete friedlich:

»Wenn Sie mich schon fragen: Ganz schrecklich. Er war unrasiert, übernächtigt, er roch nach Schweiß und war sehr gereizt und unfreundlich. Er scheuch­te die Be­leuchter wie eine Hammelherde herum. Ja, die Herren Künstler …« Er seufzte wissend. »Stellen Sie sich vor, er hatte an beiden Händen einen dre­ckigen Verband, als hätte er sie sich an einer Herd­platte verbrannt.« Ich war nicht so sehr mit Paulis Geschwätz be­schäftigt, um nicht auch gleichzeitig auf Theresa zu achten. Bei der Erwähnung des Verbandes bekam ihr Gesicht die Farbe einer Käseku­chenfüllung. Sie ruderte hilflos und abwehrend mit ei­ner Hand, dann verließ sie die Kraft. Ich trat rechtzeitig einen Schritt auf sie zu und fing die Fallende auf. Merk­würdig schlaff und weich hielt ich sie in meinen Armen. Sie war zwar bei Bewusstsein und betrachtete mich mit einem starren, erstaunten Blick, dennoch konnte sie sich nicht mehr auf den Beinen halten, sie atmete flach und hektisch. Ich strich ihr sanft über das Haar, um sie zu beruhigen. Ihre Stirn glühte. Pauli verstumm­te und be­trachtete uns beide wie eine anstößige Skulptur.

»Das wird dieser Gestank hier sein!«, stellte er bei­nahe mitleidig fest. »Weshalb muss dieser Idiot von einem Neffen auch ausge­rechnet echte Knochen aus dem Schlachthof für seine Collagen benutzen?« Theresa stöhnte mit­leiderregend und verdrehte die Augen, das war keine Replik auf Pau­lis Bemerkung, sondern ein Zei­chen, dass es ihr noch schlechter ging. Ich nahm sie in die Höhe. Theresa war erstaunlich leicht. Ich trug sie hinaus in den Gang, hin­über zu Nix‘ Atelier, das ich als den lichtesten und freundlichsten Raum der Wohnung in Erinnerung hatte. Ich stieß die Tür auf. Es fehlte nicht viel und ich hätte vor Überraschung meine Last fallen gelassen. Ich keuch­te entsetzt auf. Es war grauenvoll:

Alle Wände und Fenster waren rot beschmiert, wie von blutigen Händen besudelt. Und in der Mitte des Rau­mes lag auf dem Parkett ein ausgeweidetes Kalb; die grünliche, verwesende Eingeweide war be­deckt von Fliegen und Maden. Es roch schrecklich nach Leim und Urin. Theresa schrie und wurde ohn­mächtig.

Pauli und ich brachten Theresa sofort in seinem Wagen zu ihren entsetzten Eltern, die die Erschöpfte, die nun ein fiebriger Schüttelfrost quälte, sofort zu Bett brachten. Sie hielten sie auf Anraten des Hausarztes dort über eine Woche fest, was sich nachträglich als das Beste heraus­stellte, was sie hätten tun können. Pauli ließ mich vor der Vorstadtwohnung ihrer El­tern stehen. Er dachte überhaupt nicht daran, mich wieder in die Innenstadt mitzunehmen. Er stieg grußlos in seinen Wagen und fuhr einfach davon.

Ich schimpfte ein wenig. Dann machte ich mich er­geben auf den langen, trübsinnigen Heimweg. Nicht zu­letzt durch die Stimmung des grauen, kühlen Herbstta­ges fand ich immer deutlicher zu der Ah­nung, dass et­was Unangenehmes, Gefährliches in der Luft lag. Ich hatte die Vorzeichen einer heranna­henden Katastrophe erlebt, die nun wie eine drohen­de Gewitterfront in der Atmo­sphäre hing. Ich kann nicht sagen, woher diese Empfin­dung kam, aber sie verstärkte sich während mei­nes tris­ten Fußmar­sches durch die leere Vorstadt. Und es war nicht nur die Kälte in der Luft, die mich frösteln ließ. Ich wusste, das letzte Kapitel stand unmittelbar bevor.

[Zum 35. Teil …]

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 33)

[Zum ersten Teil]

»Ah, meine kleine Resa, das ist ja eine liebe Über­raschung, dich mal wieder zu sehen. Du machst dich lei­der auf Festen der Familie sehr rar. Was kann ich denn für dich tun?« Ich neidete ihm die sonore und men­schenfreundliche Klangfarbe, die er mühelos in seine Stimme legte und mit der er trotz aller intimer Wärme klarmachte, dass er sich nur herabließ und weit über uns stand.

»Das ist meine Frage an Sie, Dr. Pauli. Was ma­chen Sie hier?«, entgegnete Theresa. Dabei legte sie eine zornige Betonung auf die förmliche Anrede. Sie deutete auf das Ge­mälde. »Weiß Jür­gen, dass Sie hier sein Atelier plün­dern?« Paulis Lächeln verstärkte sich, man konnte nun sein Zahnfleisch sehen. Sein Ton wurde um eine gallige Spur kälter:

»Ich plündere nicht, kleine Dame. Achte auf deine Worte. Ich nehme in Ver­wahrung, was mir, beziehungsweise, was mei­nem Herrn Vater gehört; der, wie dir bekannt sein dürfte, der Besitzer dieses Hauses ist und sich nun erlaubt, auf die­se Weise seine Mietaußenstände bei Kapitän Nemo ein­zuholen.« Er kicherte, von seiner eigenen Eloquenz ein­genommen. »Das ist eine völlig legale, es ist sogar eine verantwortungsvolle Tat, die, ich muss es wiederholen, mit Plünderung nichts zu tun hat. Ich verbitte mir ent­schieden deine doch recht böswilligen Formulierun­gen.« Wenn er sich im­mer so ausdrückte, musste eine Stadtratssitzung mit ihm die Hölle auf Erden sein.

»Ich denke, die Polizei wäre da nicht ganz Ihrer Mei­nung«, mischte ich mich ein und trat näher. Mich streif­te nur ein kurzer Blick des Politikers und er war voller abgrundtiefer Verachtung.

»Ich glaube nicht, dass wir uns kennen, Herr …«, be­merkte er ruhig und musterte die Lippen schür­zend meine alte und schmutzige Jeans. Obwohl ich mir vor­genommen hatte, dem Kulturreferenten reso­lut entge­genzutreten, machte mich seine Gering­schätzung und seine unnahbare Aura nervös. Ich stotterte unsicher meinen Namen. Ich hatte nicht erwartet, dass er mich kannte, aber er war natürlich bestens informiert. »Georg Hauser, so, so … Es tut mir leid, aber ich habe Sie nicht sofort erkannt. Bei unserer letzten Begegnung waren Sie, wie soll ich mich ausdrücken … etwas deran­giert?« Er grinste breit und kicherte amüsiert. »Sie sind doch der junge Mann, der einmal einen unfreundlichen Artikel über meinen Neffen veröffentlicht hat und, so­weit ich mich erinnere, auch einige derbe Kritik an mei­ner Amtsführung. Sie haben mir unter anderem Nepotismus vor geworfen«, stellte er im Ton einer Urteilsverkündung fest und rückte seine Brille zurecht. Er kannte seine Feinde, die Hausaufgaben waren gemacht. Bei seiner Geste bemerkte ich ein paar Farbflecken an seiner Hand, die er sich wahrscheinlich zugezogen hatte, als er in Nix‘ Atelier gewühlt hatte. Das holte ihn für mich von seinem Podest. Er war für mich nur noch ein aufgeblasener Popanz und ich lachte ihm ins Gesicht. Er ging einen Schritt auf mich zu, verlor aber nicht seine Ruhe.

»Sie wollen also die Polizei rufen, Herr …? Ent­schuldigen Sie, aber ich habe Ihren Namen erneut vergessen. Bitte, das steht Ihnen völlig frei. Aber be­vor Sie sich zu diesem Schritt entschließen, den Sie – da bin ich mir sicher – bereuen wer­den, empfehle ich Ihrer Aufmerksam­keit diese schriftliche Einverständniserklärung vom feinen Herrn Künstler.« Er hatte aus einer Tasche seines Jacketts schnell einen gefalteten Zettel ge­zaubert, den er nun umständlich öff­nete und mir un­ter die Nase hielt. Als ich nach ihm grei­fen wollte, zuckte seine Hand zurück. »Ich denke, Sie benötigen zum Lesen nur die Au­gen, nicht etwa die Hände. Ich gebe zu, dass die Form dieses Schriftstückes etwas ungewöhnlich ist, aber der Text ist doch unmissverständlich.« Ich kniff die Augen zusam­men und entzifferte zwei hastig hingeschmierte Sätze, die – das konnte ich erkennen, ohne Graphologe zu sein – von einem sehr aufgereg­ten Menschen stammten. Aber es war eindeutig die unverwechselbare Handschrift von Jonas. Der Wort­laut war:

»Hiermit gestatte ich meinem Onkel, dem Stadtrat Dr. Arno S. Pauli, in meiner Wohnung in der Ste­phansgasse 8 nach Gutdünken zu walten. Insbeson­dere meine dort lagernden fertiggestellten Bilder und Collagen lege ich in seine Obhut und beauftrage ihn, sie nötigenfalls zur Deckung meiner Schulden zu veräußern. Jürgen Nieder­meier, Jonas Nix.« Interessant waren Datum und Ort, die in der obe­ren Ecke standen: »München, den 24. Oktober 199.« Das war der heutige Tag.

Pauli hielt den Zettel nun auch vor Theresas Ge­sicht, während er mich weiter abkanzelte. »Haben Sie die Erklärung gelesen? Ist Ihnen auch der Sinn klar und verständlich? Nun, es steht Ihnen frei, deswegen die Polizei zu belästigen. Ich werde die Beamten dann allerdings auf Ihr unberechtigtes Eindrin­gen in dieser Wohnung aufmerksam machen müs­sen, Herr!«, drohte er. Mir platzte der Kragen und ich entschloss mich zu einem Gegenangriff.

»Haben Sie Nix diesen Text diktiert?« Für einen Au­genblick sah Pauli mich verblüfft an, dann schrie er mir feucht ins Gesicht:

»Wissen Sie überhaupt, wen Sie vor sich haben? Sie lä­cherliches Stück Mensch wollen mir drohen! Ver­schwinden Sie hier endlich, bevor ich die Polizei rufe!« Eine ge­schwollene Zornader erschien auf sei­ner Stirn. Er zer­knüllte die Einzugsermächtigung in seiner Faust und machte den Eindruck, als wolle er mich eigenhändig vor die Tür setzen.

»Er ist gemeinsam mit mir hier«, sagte in diesem Au­genblick Theresa erstaunlich gelassen, aber bestimmt. »Und ich habe ja wohl das Recht, mich in Jürgens Wohnung aufzuhalten. Solange ich nicht wünsche, dass er geht, bleibt er. Ver­stehen Sie mich, Dr. Arno S. Pau­li?« Theresa erstaunte mich immer wieder. Ich hatte ihr nach allem, was ich von ihr wusste, nicht so viel Willensstärke zugetraut. Pauli nickte stumm. »Wie Sie es zustande gebracht haben, dass Jürgen die­sen Wisch unterschrieb, weiß ich nicht und ich will es auch nicht wissen«, fuhr sie fort, »aber mich würde in­teressieren, was für Schulden er bei Ihnen hat, schließ­lich hat er in den letzten Monaten gut verdient.« Pauli fiel ihr in die letzten Worte.

»Gut verdient, Resa? Das ist ein Witz! Keinen Pfen­nig hat er verdient, dein sauberer Freund. Wie der Kuckuck ist er mir und seiner Mutter auf den Ta­schen gelegen; aber seine Bilder wollte er nicht ver­kaufen. Er hat be­hauptet, die Ausstellung im Rat­haus habe ihm gezeigt, er sei noch nicht so weit. Das ist dumme Koketterie! Da­bei weiß er genau, dass ein wirklicher Markt für seine Kunst existiert. Es ist, als hätte man auf jemanden wie ihn gewartet. Jedes seiner Gemälde, das dann doch ei­nen Weg zu einem Käufer fand, musste ich ihm buch­stäblich aus den Händen reißen. Ich habe ihm immer den gesamten Erlös überwiesen, und nicht einmal eine Vermitt­lungsprovision einbehalten, die mir doch sicher zu­stand. Er hat dieses Geld, über dreißigtausend Mark, einfach verpulvert. Du glaubst mir nicht, ja? Dann komm ….«, er packte Theresa bei der Hand, » … komm, ich zeige dir etwas Interessantes.«

Er zog sie in den Raum, aus dem er vorhin gekom­men war. Ich folgte den beiden. Das Zimmer war etwa zwan­zig Quadratmeter groß und zu einem Drittel mit Lein­wänden verstellt, die gegeneinander gelehnt waren und uns ihre Rücken mit den Titeln und dem Entstehungs­datum zeigten. Es mochten um die vierzig meist groß­formatige Bilder sein. Die Gemälde, die in seinen Kof­ferraum passten, schien Pauli schon aussortiert zu ha­ben. Es war an den Staubrinnen auf dem Fußboden zu erkennen, dass der Raum normalerweise voller war. Hier war au­genscheinlich Nix Lager. Trotz des geöff­neten Fens­ters war hier jener entsetzliche Geruch, der mir vor­hin schon latent aufgefallen war, von einer schier atemberaubenden Intensität, es stank erbärmlich nach Verwesung und Farben, Leim und Blut. The­resa rümpfte angewidert die Nase, sah sich aber neugierig um.

»Ich war noch nie in Jürgens Lager. Woher haben Sie den Schlüssel?«

»Er hat ihn mir selbst gegeben, damit ich mir die Gemäl­de ho­len kann. Doch die Bilder sind es nicht, die ich ich dir zeigen will. Schau hin.« Pauli führte sie zu der gegen­überliegenden Wand, an der ein großer Stereoturm stand. Um ihn war eine Regalwand her­um gebaut, darin befand sich eine imposante, das ganze Regal ausfüllen­de Schallplattensammlung. Pauli deutete auf die Plat­ten.

[Zum 34. Teil …]

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