Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Flucht”

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (5)

[Zum Anfang der Leseprobe …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (5)

»Auf diese Weise hätte diese Nacht niemals enden dürfen!«, flüsterte Eóra ib Suda beruhigend. »Ich kann einfach nicht glauben, dass mein Vater dich verraten wollte und kaltblütig den „Bären“ vergiften ließ. Welch eine Schmach!«

Schluch­zend lag der von der Allerbarmerin erwählte Herrscher über das strahlende Juwel der Wüste in den Armen sei­ner Hauptfrau. Sie hatten sich mit Hilfe seiner vor den Toren stehenden Leibwache gemeinsam vor der grausamen Schlacht im Speisesaal in deren Gemächer im Neuen Serail  geflüchtet. Die goldene Maske mit den feuerfarbenen Rubinaugen war achtlos neben ihn auf die Polster der Liege geglitten.

Auch in diesen melancholischen, immer ein wenig dunklen Zimmerfluchten, die während der verspielten Adin-Dynastie als Gerichtsräume gedient hatten und zur gleichen Zeit wie der in einer ganz ähnlichen Farbstimmung gehaltene Thronsaal er­baut worden waren, waren Rosa und watteartige Gipsornamente die vorherrschenden Elemente. Deshalb wurde der Neue Serail auch trotz seiner ehemaligen, grausamen Bestimmung die „Abendsonnengemächer der Frühlingsdämmerung“ genannt. Nur wenige Licht­flecken fielen durch die Fensterlöcher aus hauchdün­nem Alabasterstein, die oben in der von schlanken Säulen getragenen Rotunde angebracht waren und den mit Vorhängen und Teppichen in mehrere Boudouirs unterteilten großen Saal auch in der finstersten Nacht in den lächelnden Rosentraum einer alten Jungfer ver­wandelten. Doch hieß es auch, die Farbe der Fliesen rühre vom Blut der Unschuldigen her, die hier von den strengen Adin-Richtern Karukoras zum Tode verurteilt wor­den waren. Wie dem auch war, in den „Abendsonnenge­mächern“ war es immer kühl und dämmrig und die vie­len Gobelins, die Eóra zwischen die Säulen hatte hän­gen lassen, um das Neue Serail ein wenig wohnlicher und heimeliger zu gestalten, trugen nicht gerade dazu bei, die Umgebung freundlicher wirken zu lassen. Zu­dem hatte der Namenlose, den eine heftige Migräne quälte, befohlen, fast alle Lichter und Feuerschalen zu löschen, die für gewöhnlich in der Nacht und auch am Tag den Saal ausleuchteten.

Seit Eóra schwanger war und seinen Thronfolger unter ihrem Herzen trug, hatte der Namenlose seine Hauptfrau herablassend und abweisend behandelt. Offenbar herzlos und gefühlskalt hatte er sie, soweit es die Pflichten der beiden zuließen, aus sei­nem persönlichen Umfeld entfernen lassen und in den Neuen Serail verbannt. Seit dem Frühjahr hatte er sich nur bei offiziellen Anlässen noch an ihrer Seite gezeigt. Aber auch wenn er sich von dem Unbekannten, das in ihr heranwuchs, fürchtete, war dies nicht geschehen, weil seine Zunei­gung zu ihr erloschen war. Er hielt vielmehr Abstand, weil ihm das sein Seneschall Radik Emre dringend empfohlen hatte. Dem Vezir Ómer Sud sollte deutlich gemacht werden, dass er zwar bald der Großvater des Nachkommens des „Unterwerfers“ wurde, aber dadurch keine neuen Rechte oder Bevorzugungen erwarten konnte. Der un­sichere Namenlose, der unter den Empfehlungen sei­nes Diwans wie ein Grashalm im Wind hin- und her­schwankte, hatte sich bislang an Radiks Ratschlag ge­halten, auch wenn es ihm schwergefallen war. Doch nun war er entsetzt von der Katastrophe im Speisesaal in die Arme der einzigen Person geflüchtet, der er voll­ständig vertraute: Das war seine unscheinbare „Erste“, die ihn nun mit nicht geringer Befriedigung, um nicht zu sagen, Triumph, in den Armen hielt.

»Such, Deşda mi salem, such da‘ Weh …«, summte sie leise in dem altwendischen Singsang, mit dem man in Karukora kleine Kinder beruhigte, die sich ein Knie wundgeschlagen hatten und pustete warm auf seinen glatten Schädel, den sie vorsichtig streichelte. »Alles wird gut, such da‘Weh madiş, Dagor …« Sie war die ein­zige, die es noch immer wagen durfte, ihn mit seinem echten Namen anzusprechen, wenn die beiden unter sich waren. Eóra barg das Gesicht ihres Gatten in der Armbeuge und machte dann gleichzeitig über sein Haupt hinweg ein abweisendes Handzeichen hinüber zu Muhar, der plötzlich neben ei­nem der Teppiche aufgetaucht war und sie offenbar zu sprechen wünschte. Er verstand sofort, dass er sich gedulden sollte und trat lautlos einen Schritt zurück in den Schatten, wo er für den Namenlosen unsichtbar blieb. Endlich hatte Eóra den „Unterwerfer“ dort, wo sie ihn haben wollte, reumütig war er schließlich zu ihr zurückgekehrt. Der Verrrat an ihrem Vater hatte sich gelohnt und diesen Moment wollte sie genießen, so lange es ging.

Oh, ja, sie war eine echte Sud und sie hatte viel vom Charakter des intriganten Ómer geerbt. Es war ihr zu wenig, nur die schmückende Begleitung ihres Mannes zu sein, der Edelstein, mit dem sich der Namenlose ausstaffier­te, schön, aber stumm. Ihr Ehrgeiz reichte weiter, über die verräterischen Pläne ihres Vaters, in die sie selbst­verständlich eingeweiht gewesen war, hinaus. Sie woll­te durchaus nicht nur die Austrägerin des nächsten Namenlosen sein, der nach dem Willen von Ómer eine Sud-Dynastie in Karukora begründen würde. Oh, nein, sie würde nicht züchtig und gehorsam in den Frauengemächern sitzen und mit ihren Zofen Tiban spielen und häkeln, während ihr Vater für seinen unmündigen Enkel die Regentschaft übernahm. Denn es gab noch etwas, das der ehrgeizige und intrigante Vezir nicht auf seiner Rechnung hatte, als er seine Palastrevolte plante: Eóra liebte ihren Da­gor und schmiedete zusammen mit dem ihr ergebenen Muhar ihre eigenen Pläne. Deshalb hatte sie Ómers Plan an den Namenlosen verraten. Sie bemerkte dabei nicht, dass auch sie nur eine Marionette war.

Ihre Zuwendungen schienen dem Namenlosen zu hel­fen, denn er richtete sich plötzlich auf. Ganz offensicht­lich war er zu einem Entschluss gekommen. Er sah sich um und suchte nach einem Bediensteten, dem er befehlen konnte. Doch Eóra hatte ihre Kammermäd­chen weggeschickt. Da fiel sein Blick auf Muhar, dem es nicht mehr rechtzeitig gelang, sich völlig hinter einem der Vorhänge zu verbergen. Während er seine goldene Herrschermaske wieder aufsetzte, die er vorhin ver­zweifelt von sich geworfen hatte und die nun die Spuren seiner Tränen verbarg, winkte der Namenlose den Stummen herrisch zu sich heran. Falls es ihn wunderte, dass ein männlicher Diener in den Gemächern seiner Frau stand, ließ er sich dies nicht anmerken.

»Du, Beschnittener, dort hinter dem Vorhang. Tritt näher«, rief er streng, »ich habe einen Auftrag für dich!« Offensichtlich erkannte er in dem schummrigen Licht des Raums in dem zerlumpten Mann weder den Diener Ómers noch den Märchenerzähler, der ihn in seiner Ju­gend mit allerlei Sagen und heiteren Geschichten un­terhalten hatte. Muhar verneigte sich sofort tief und trat mit weit herabgebeugtem Oberkörper und gesenktem Haupt näher. Den Blick hielt er dabei fest auf den Boden und auf seine nackten Füße gerichtet. Hätte Muhar aufgesehen und die Besorgnis in Eóras Gesicht bemerkt, hätte er wahr­scheinlich so wie sie unkontrolliert zu zittern begon­nen. Falls dem Namenlosen auffiel, dass ein Unterge­bener des Renegaten Ómer mit seiner Frau in Verbin­dung stand, dann hatten die beiden ihr Leben verwirkt. Muhar grunzte einen kehligen Laut, zu dem er trotz des Fehlens seiner Zunge noch fähig war und der nach einer Frage klang. Dem Namenlosen, der sich wie immer nur mit sich selbst beschäftigte, fiel es nicht weiter auf.

»Lass sofort meinen Ser‘Asker herholen«, befahl er, »ich brauche Paşha Ultem an meiner Seite, denn ich muss erfahren, was im Palast vor sich geht.« Muhars gesenkter Kopf fiel noch tiefer hinab, bis sein Kinn seine Brust berührte. Es sah nun so aus, als würde er in jedem Augenblick nach vor­ne kippen und dem Namenlosen in den Schoß fallen, doch er brachte das Kunststück fertig, sich in dieser Lage zu halten und dazu auch noch, leise Zustimmung brummend, langsam rückwärts zum Vorhang zu tappen. Hinter ihm verborgen, konnte er sich endlich aufrichten. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, aber es war noch einmal gutgegangen. Muhar spuckte verächtlich aus und dreh­te sich herum.

Erschrocken zuckte er zusammen. Vor ihm stand der vom Bişra angeforderte General. Er war so plötzlich wie ein Zauberer aus dem Erdboden gewach­sen. Tatsächlich hatte sich Ultem schon eine ganze Weile hinter den Teppichen verborgen gehalten, gelauscht und versucht, die Situation einzuschätzen. Er ging mit keiner Bemerkung oder auch nur mit einem Stirnrunzeln auf Muhars Beleidigung des Namenlosen ein, aber sein scharfer Blick unter den buschigen Au­genbrauen glich einem geworfenen Dolch, der sich in die Brust des Stummen bohrte. Ultem hielt unent­schlossen einen kleinen Zettel in der Hand. Muhar er­schrak erneut, denn das Papier sah genauso aus wie ein Blatt von seinem eigenen Notizblock, den er ja an ei­nem Band jederzeit griffbereit um den Hals trug. Dies war die Stelle, an der ihn Ultems messerscharfer Blick traf. Er beeilte sich, eine weitere Verbeugung zu machen, dann drehte er ei­lig ab und flüchtete an dem General vorbei aus den Ge­mächern Eóras. Der Ser‘Asker der Wüstenfüchse des „Unterwerfers“ beulte nachdenklich seine Wange mit der Zunge aus und sah dem heruntergekommenen Diener zu, bis die Tür hinter dem Stum­men ins Schloss fiel. Die schlechten Nachrichten, die er bei sich trug, hatten ihn im Antichambre zögern lassen. Der Namenlose pflegte gerne einmal im ersten aufbrausenden Zorn statt den Verursacher den unschuldigen Über­bringer einer Botschaft zu bestrafen und Ultem war klar, wie wütend sein Herr werden würde, wenn er erfuhr, was der General zu berichten hatte. Doch dann er­mannte er sich und trat forsch aus seinem Versteck, stellte sich vor den Namenlosen und seine Gemahlin. Seine Ehrbezeugung war nur ein kurzes Nicken mit dem Kopf.

»Das ging ja außerordentlich schnell«, staunte der Bişra. Ultem räusperte sich missbilligend und warf ei­nen kurzen Blick auf Eóra. Dadurch wurde dem Na­menlosen erst bewusst, wie kompromittierend seine momentane Situation war. Der Herrscher über die reichste und größte Stadt der Überlebenden Lande, der Gott der Wüsten und Oasen, Herr über Leben und Tod, Liebling der Allerbarmerin und unsterblicher Zermal­mer aller Feinde Karukoras, lag weinerlich in den Ar­men eines Weibes! Pasha Ultems Plan, von sich abzulenken, ging auf. Der Namenlose errötete unter seiner Maske und stieß Eóra, die sich gegen seine Seite lehnte, fast grob von sich.

»Du bist entlassen, Frau«, sagte er kalt. Fast sah es so aus, als würde Eóra aufbegehren, aber dann senkte sie nur ihr Haupt.

»Ja, mein liebreizender Gebieter, die Staatsgeschäfte rufen dich. Karukora braucht in dieser Krise deinen Weitblick und deine Stärke«, sagte sie und stand auf­grund ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft et­was mühsam aus der niedrigen Liege auf. »Hören und Gehorchen sind mir eine Einheit, Sonne meines Lebens. Nutze nur meine Gemächer als deinen vorübergehen­den Thronsaal, bis wieder Ruhe im Palast eingekehrt ist. Ich werde mich nun zurückziehen.« Sie lächelte Ultem an, der durch sie hindurchblickte, als wäre sie nur eine phantomhafte Geistererschei­nung. Noch wusste er nicht so recht, in welchen Wind er seine Fahne zukünftig hängen sollte und hielt sich daher für den Moment zurück, obwohl er, solange ihr Vater der mächtigste Minister im Land gewesen war, immer freundlichen und aufmerksamen Umgang mit der Gattin seines Herrn gepflegt hatte. Eóra trat wür­devoll an dem General vorbei hinter die Vorhänge. Kurz überlegte sie, ob sie lauschen sollte, aber es gab in dieser Nacht noch Wichtigeres für sie zu tun. Ein schwerer Gang stand ihr noch bevor und vor der Tür zu ihren Gemächern stand bestimmt noch Muhar und wartete auf sie, um sie zu begleiten.

»Also«, fragte der Namenlose, als er mit seinem Gene­ral allein war, und nahm seinen ganzen Mut zusam­men, »ist die Schlacht um mein Königreich endlich entschieden?«

»Der Palast ist längst noch nicht zur Ruhe gekommen. Das wird er in dieser Nacht auch nicht mehr. Er gleicht einem aufgeschreckten Hornissennest. Ich stimme deiner Hohen Gattin zu und denke ebenfalls, dass es das Beste sein wird, wenn du vorerst im abgeschiede­nen Neuen Serail verweilst und geschützt von deiner Leibwache draußen die Entwicklungen hier ab­wartest, mein Gebieter. Lass mich zur Sicherheit eine weiter Abteilung der Treuwacht vor den Fenstern abstellen. Zu deiner Frage: Es war eine blutige und verlustreiche Schlacht, aber die Lamarger sind inzwischen fast vollständig besiegt und bis auf wenige Gefangene erschlagen. Zudem gilt es, ein paar Brände zu löschen und nach Ómers Mitver­schwörern zu fahnden. Eines der Murlane des Regno ist übrigens im Kampfgetümmel entkommen und streicht wahrscheinlich durch die Gärten. Ich habe schon nach dem Tierbändiger des „Unterwerfers“ rufen lassen.« Ultem zögerte. Nun kam der Teil des Ge­sprächs, den er fürchtete.

»Mach ganz so, wie es dir beliebt. Du hast mein Vertrauen, Ser’Asker. Ich will morgen Früh als erstes meinen Soldaten und Treuwächtern für ihren Einsatz danken. Bereite eine Zeremonie vor, in der ich ein paar Orden verteilen und den Witwen mein Beileid aussprechen kann. Jetzt möchte ich die wenigen Stun­den, die noch bis zum Sonnenaufgang verbleiben, dazu nutzen, etwas zu ruhen.«

[←zurück]             [weiter →]

Der Beginn der spannenden Geschichte
ist überall im Buchhandel erhältlich:

Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (4)

[Zum Anfang der Leseprobe …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (4)

»Sicher nicht. Pardais ist so wirklich wie der Sand der Wüste. Glaubt mir, „Der Weg, der in den Tag führt“ ist der größte Schatz, der in Karukora verborgen liegt, und er ist die besondere Würze, mit der ich meine Rache servieren wollte. Ich hatte nie vor, reich werden, son­dern wollte Vergeltung für das einfordern, was meiner unschuldigen Irta einst angetan wurde. Sechs Mörder waren es, die meine Rache spüren sollten: Der machtgierige Ómer Sud, der bösartige Radik Emre, der intrigante Paşha Ultem, der verschlagene Idrichson Galves und verräterische Raul aus der Lamargue und schließlich auch noch der Namenlose selbst, das schlimmste Ungeheuer von allen. Ich habe einen Fluch über diesen Verbrechern ausgesprochen, der sie alle ins Verderben lenken wird – einen nach dem anderen.«

Alis spuckte die Namen aus, als wären sie eine Verwünschung, dann stockte er und sah zärtlich zu dem um Fassung ringenden Stummen auf. »Mein alter, weicher Freund Muhar! Ich wusste, du würdest meinen Plänen niemals zustimmen, wenn ich dir von ihnen erzählt hätte. Deshalb habe ich vor dir davon geschwiegen und dich nur in einen kleinen Teil eingeweiht. Sirtis allein weiß über al­les Bescheid und sie wird mein Werk jetzt fortsetzen müssen. Sie wird hoffentlich been­den, was ich begonnen habe. Fast zwanzig Jahre haben wir gemeinsam gewartet und wie Spinnen in ihren Netzen geduldig unsere Fäden geknüpft, auf unseren Mo­ment gewartet. Und dann hatten wir tatsächlich alle unsere Widersacher bei­sammen, schließlich an einem einzigen Ort beieinander: Jene sechs nieder­trächtigen, bösen Männer, die den Tod meines Augen­sterns verursacht haben, als wäre sie ein Spielzeug, das man wegwirft, nachdem man es mutwillig kaputt gemacht hat. Sie würden sich nach fast zwanzig Jahren wieder in diesem Saal begegnen, zurückkehren zum Ort ihrer Schuld. Mir war klar, dass sich mir in der Lebens­spanne, die mir noch verbleiben wird, solch eine Möglichkeit nicht ein zweites Mal bieten würde. Doch wie konnte ich mich an allen zusammen rächen? Denn schließlich durfte ja keiner von ihnen seinem Schicksal entgehen. Da fiel mir die Sage vom „Weg, der in den Tag führt“ ein und es dauer­te nicht lange, bis ich mei­nen Plan entwickelt hatte. Der Zufall, dass Ómer aus­gerechnet diese Nacht für seinen kleinen, kindischen Putsch erwählt hat, machte alles perfekt.« Alis nickte zufrieden in sich hin­ein.

»Ich begreife langsam.« In Sahars Stimme schwang eine leise Wut mit. »Du hast die Meuchelmörder der „Kalten Hand“ be­zahlt, damit sie den „Bären“ ermor­den und diese Untat an­schließend dem Namenlosen und seinem Vezir in die Schuhe geschoben wird. Der geheimnisvolle Verschwörer, dem Adelf auf die Spur ge­kommen ist, das warst also du?“, fragte Sahar erschüttert. »Jede Untat gebiert ein Ungeheuer, sagt Baruch. Mögen uns die Göt­ter vor den Einflüste­rungen Inets bewahren!«

Sahar traf ein fast mitleidiger Blick von Alis. »Es gibt keine Götter und auch keinen Scheitan. Sie werden nicht gebraucht. Ihre Arbeit erledigen wir Menschen besser, als die Daimonen der eisigen Finsternis dies jemals könnten. Das Gute und das Böse, es ist in uns selbst und wir entscheiden jeden Tag aufs Neue, auf welche von den Stimmen wir hören wol­len, die da da in uns flüstern. Die Liste der Verbrechen dieser sechs Männer ist schier endlos, in ihnen ist längst nur noch Böses. Nur mit ihrem Tod können sie sühnen und ihr Urteil habe ich schon vor langer Zeit gesprochen. Du fragst dich sicherlich, woher das Geld kam, mit dem ich die Assassinenkönigin der „Kalten Hand“ entlohnte, so arm, wie ich bin? Es waren lamar­gische Écu d‘or, die ich von kei­nem anderen als vom späteren Regno selbst erhielt, der sie mir von Idrichson Galves überbringen ließ. Ihn plagte wohl sein schlechtes Gewissen, weil er meine Irta verführt und entehrt hatte. Dass er einen Sohn mit ihr gezeugt hatte, hat er nie erfahren. Ich habe von diesem Blutgeld nie auch nur eine einzige Münze angerührt, sondern es verwahrt, bis ich schließ­lich den passenden Verwendungszweck fand. Der Re­gno hat für seine eigene Ermordung be­zahlt. Ist das nicht ironisch? Die Druşba Es Sakr wollte übrigens nur einen symbolischen Lohn; es lag ihr nichts an dem Geld. Mir scheint, als hätte sie ohnehin vorge­habt, diese Tat auch ohne meinen Auftrag zu begehen. Welch eine Iro­nie …«, wiederholte Alis und lächelte in sich hinein, bis ein plötzlicher Schmerz seine Gesichts­züge verzerrte. Der Sterbende atmete pfeifend ein und aus und wurde dabei immer schwächer. Seine Stimme war nun kaum mehr zu verstehen:

»Und abgesehen davon, dass nun auch unschuldiges Blut vergossen wird und mich diese dumme Pistolen­kugel mitten in die Brust traf, geht alles den von mir vorausbestimmten und vorhergesehenen Gang. Leider konnten Radik, Ultem und der Namenlose dem Kampf im Saal entfliehen, aber sie kleben längst an den Fäden, die ich gesponnen habe. Ich hoffe nur, der fette Dieb hält sein Wort, das er mir vorhin gegeben hat.« Er hus­tete erneut und war dann offenbar der Meinung, er hätte zu diesem Thema genug gesagt.

»Mich friert, Muhar. So kalt war mir zu­letzt vor dreißig Jahren in den bleigrauen Wäldern des Nordens, als ich unter den ewig weißen Gipfeln des Newtongebirges mitten im tiefsten Winter Bäume für den Landbaron Egelharm schlagen musste und mir dabei drei Zehen abfaulten. Ach, da fällt mir ein: Dort be­gegnete mir eines Tages der Nachtalb Lorin Sigdat. Er kam von Litna über den Eisensteinpass und war auf der Suche nach Hygmir, dem Dolch der fünf Welten, und seiner geliebten Frau Süfsa, die ihm Hasud Loderbend geraubt hatte …, ach, das ist eine uralte Geschichte, die ich nun leider niemandem mehr erzählen werde –, heute nicht und auch an kei­nem anderen Tag.« Er überlegte, sammelte seine Ge­danken, die dabei waren, sich endgültig in sei­nen Erinnerungen zu verlieren. »Aber nun fühle ich mich, als würde ich in diese Wälder zurückkehren. Ich kann die wirbelnden Eiskristalle in meinem Ge­sicht spüren, den gelben Staub der blühenden Kiefern rie­chen und das bittere, metallische Aroma ihres Harzes auf meiner Zunge schme­cken. Sage Selin …« Er stockte und ein dünner Blutfa­den rann aus einem seiner Mundwinkel. Alis Au­gen rutsch­ten nach oben. Sahar rüttelte ihn an der Schulter.

»Bis zum Schluss ein Märchenerzähler, hm? Aber so einfach stiehlst du dich mir nicht davon, Alis Dabinghi. Du hast eine andere Geschichte noch nicht zu Ende erzählt, mein Freund. Wenn du, wie du behauptest, die Schuld an diesem Massaker trägst, dann sage mir, wie du das eingefä­delt hast. Wer verbirgt sich hinter der Maske der Druşba Es Sakr?«

Der alte Mann war schon weit fort und immer tiefer in die rauschenden Wälder geschritten, wo sein Bruder und seine Familie, die sanfte Irta und seine geliebte Frau Jade schon so lange geduldig auf seine Heimkehr warteten, aber er machte noch einmal kehrt und richtete sich in Sahars Armen etwas auf. Er musterte den jungen Mann, als würde er ihn zum ers­ten Mal erblicken. Alis sah durch grüne, mitleidige Augen tief hinein in die Seele des Adep­ten. Die Vergangenheit Sahars und auch seine Zukunft lagen in diesem Augenblick wie zwei geöffnete Bücher vor ihm.

»Ich kenne dein Geheimnis und deine Macht«, sagte er klarsichtig und Sahar errötete unter der Larve aus schwarzer Spitze, die sein weiches Knabengesicht und seine Regungen verbarg. »Oh, das ist der Stoff für ein wundervolles Märchen und ich hätte es gerne aus dei­nem Mund ge­hört und auf dem Bazaar weitererzählt.« Er winkte Sa­har mit einer schwachen Handbewegung näher zu sich heran und flüsterte ihm etwas zu, das der weinende Muhar nicht verstehen konnte. Lauter sagte er und deutete auf den Stummen:

»Jetzt lass mich endlich gehen, Mönch! Lass mich. Fliehe diesen Ort. Trage weiterhin die uralten Ge­schichten hinaus in die Welt, schenke ihr Träume und Hoffnun­gen. Sie braucht es, denn das Ende der Welt ist nah. Vergiss das nicht: Du gehörst zu den wenigen, die es aufhalten kön­nen … Und du, mein treuer Muhar, erzähle meinem Enkel nicht, wie viel Schuld ich mir auf die Seele geladen habe. Richte ihm nur von mir aus, wie sehr ich ihn liebe und passe weiterhin gut auf ihn auf. Denn all diese Taten habe ich für ihn getan, für seine Zukunft. Schließlich muss er eines Tages … eines Tages …«

Die Pupillen von Alis weiteten sich. Er blickte durch den Mönch hindurch in eine unbestimmte Ferne. Was er dort sah, blieb sein letztes Geheimnis, das er mit sich nahm. Aber ein Lächeln erschien auf seinen dün­nen Lippen. Dann entspannten sich seine Gesichtszü­ge, die Falten verschwanden auf der Stirn, denn der Tod hatte zwar sein Leben mit sich fortgetragen, aber als Gegengabe seinem Antlitz die Unschuld der Jugend zurückgegeben. Sahar schloss die Augen des Leichnams, legte ihn vorsichtig neben sich.

»Fürchte nicht mehr Sonnenglut,
noch des grimmen Winters Drohn;
jetzt dein irdisch Treiben ruht,
heim nun gehst, nahmst deinen Lohn«

,sprach er die ersten Zeilen eines kurzen Gebets. Dann richtete er sich vorsichtig auf und wendete sich ab. Er atmete seufzend ein und wandte sich mitleidig zu Mu­har, der sein Gesicht in seinen Händen barg. »Ich kenne die Art eurer Beziehung nicht und ich habe auch nicht alles verstanden, was Alis uns erzählte, aber er hat dir und mir einen Auftrag erteilt, stummer Mann. Wir sollten ihn ehren, indem wir ihn schnell ausführen.«

Muhar nickte schluchzend und kritzelte angelegent­lich auf seinen Block, während seine Tränen wie ein unversiegbares Rinnsal auf das Papier tropften. Sahar nahm jedoch sein Blatt, das er abriss und dem Adepten entgegenstreck­te, nicht an. Er lehnte sich über die Brüstung und spähte nach unten ins Kampfgetümmel. Er suchte nach Galves, der „Schwalbe von Avríl“, dem er dringend die wahre Schuldige am Mord am Regno mitteilen musste. Er hatte des­sen Namen gerade durch den greisen Märchenerzäh­ler erfahren. Vielleicht gelang es ihnen gemein­sam, diese sinnlose, blutige Schlacht zu beenden, so lange noch ein paar Lamarger am Leben waren. Denn nachdem Sahar jetzt den Namen der Assassinin kann­te, war es hoffentlich noch nicht zu spät, sie einzufan­gen, bevor sie aus dem Palast flüchten konnte, und sie den Kämpfenden als die Mörderin ihres Herrschers zu präsentie­ren. Er entdeckte Galves unweit von der Galerie auf ei­nem der langen Tische zwischen den exquisiten Spei­sen ste­hend, wo er in arger Bedrängnis war. Mit einem Säbel in der Hand, den er einem seiner Gegner entris­sen hat­te, kämpfte er mit gleichmütiger Todesverach­tung und seinem berühmten Lächeln im Gesicht gegen ein halb­es Dutzend Treuwächter gleichzeitig. Sie versucht­en vergebens, mit ihren Piken zu ihm durchzu­dringen und liefen dabei ständig Gefahr, dass ihnen bei einem zu leichtsinnigen Vorstoß der Schädel gespal­ten wurde. Sahar nickte Muhar noch einmal zu und rannte dann die Galerie hinab, um Galves zu Hilfe zu eilen.

Der Stumme rutschte näher an den toten Alis heran; nahm seinen kahlen, kleinen und überraschend leich­ten Kopf in die Hände und barg ihn vorsichtig in sei­nem Schoß, als würde er einen Säugling hüten und ihn beschützen. Dann bewegte er seinen Oberkörper leicht nach vorne und zurück und summte rau die einfache Melodie ei­nes Wiegenlieds aus den Büchern des Baruch, mit dem man nicht nur in Karukora, sondern in allen Überle­benden Landen kleine Kinder zum Einschlafen brach­te, auch wenn kaum mehr je­mand die uralte Vorgän­ger-Sprache verstand, in der es verfasst war:

Philomel, with melody,
Sing in our sweet lullaby;
Lulla, lulla, lullaby; lulla, lulla, lullaby:
Never harm,
Nor spell nor charm,
Come our lovely lady nigh;
So, good-night, with lullaby.

Auf dem Zettel, den Sahar achtlos und ungelesen zu Boden hatte fallen lassen, stand:

»Um alles weitere an diesem Ort werde ich mich nun kümmern, denn Alis hat seine Rache nicht beenden können. Zwar ist der Regno tot und über Ómer und der „Schwalbe“ schwebt schon das Richtschwert, aber noch sind Radik, Ultem und der Namenlo­se am Leben. Ich werde vollenden, was mein alter Meister begonnen hat. Das ist sein Auftrag an mich.«

[←zurück]             [weiter →]

Der Beginn der spannenden Geschichte
ist überall im Buchhandel erhältlich:

Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (3)

[Zum Anfang der Leseprobe …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (3)

»Du hast doch vorhin der Geschichte vom Ur-Meister Straif und seinem Schlüsseldolch gelauscht, die dieser junge Märche­nerzähler aus Italmar so spannend vorgetragen hat«, erwiderte Juel und wirkte plötzlich sehr aufgeregt, »deine Platine, die man in den alten Schriften auch eine „Leiterkarte“ nennt, ist et­was ganz Ähnliches. Sie ist eine Art „künstliches Gedächtnis“, in dem die Vorgänger wie in einem Buch ihre Gedanken und Texte aufbewahrten. Doch in ihr sind nicht die wir­ren, unsortierten und teilweise unverständlichen und leider auch bruchstückhaften Schriften des heiligen Baruch verborgen wie in dem Schlüssel von Straif. Deine Platine ist wahrscheinlich der echte „Weg, der in den Tag führt“, den Lakmi-âs-Sekr der Sage nach aus dem „Worum“ unter den Ebenen des Ewigen Krieges geborgen hat und nicht diese Papierfetzen, in die sie zum Schutz einge­wickelt war. Auf denen stand wohl nur zu lesen, wo man die Platine einsetzen kann. Deine Leiterkarte ist meiner Meinung nach wie die von Meister Straif eine Art Schlüssel, mit dem man ein Schloss aufsperren kann. Ich bin solchen Vorgänger-Gegenständen schon häufi­ger auf meinen Reisen begegnet. Im Moment ist deine Platine allerdings so nutz­los wie ein versiegeltes Buch in einer Sprache, die nie­mand versteht. Du wirst ein altes Gerät brauchen, das den In­halt auslesen kann, damit du weißt, wo du mit deiner Suche beginnen musst. Ich habe zum Glück ein funktionierendes in meinem Kaufmannswagen.«

»Schau hin, auch Adelf trägt solch eine Platte an einer Kette um den Hals. Es ist das Symbol der „Kirche der Gemeinschaft der lei­denden Gene“, das die wahrhaft Gläubigen bei ihrer In­itiation zur Erinnerung an den Gründerabbas Straif verliehen bekommen. Damit er­kennen wir einander. Doch unsere Platinen sind nur ein Abzeichen, ein wert­loser Tand, von dem niemand mehr weiß, in welcher alten Vorgänger-Maschine er einmal steckte und wozu er vor Jahrtausenden gedient hat. Das ist nur Schrott, wie er zuhauf in den Ruinen, bei Kelleraus­schachtungen oder in alten Bergwerksschächten gefun­den wird. Die irren Hindersöhne schmücken da­mit die Wände ihrer Häuser und man kann sie auf den Märk­ten von Hossberg billig als Glücksbringer kau­fen.« Juel zögerte und nahm den jungen Mann zur Seite. Er senk­te seine Stimme noch weiter. Selin fiel auf, dass inzwi­schen merkwürdigerweise je­der Ost-Akzent aus ihr verschwunden war; wahrscheinlich gehörte er nur zu seiner Tarnung als Kaufmann. Er musste sich anstrengen, den Meisterdieb noch zu verstehen, so leise sprach er jetzt. Übrigens schien sich niemand für ihr Gespräch zu interessieren, denn Semira und Adelf waren abgelenkt. Sie sahen Ja­lah, die inzwischen das erste Auge des Falken an sich gebracht hatte, interessiert dabei zu, wie sie sich mit dem Heraus­lösen des zweiten abmühte.

»Auch wenn ich nicht weiß, wie, haben doch manche dieser Platinen auch nach Jahrtausenden noch ihre Kraft behalten«, fuhr Juel hinter vorgehaltener Hand verschwörerisch fort. »Einige Leiterplatten können nicht nur Texte beinhalten, sondern sogar Goleme besänftigen, jahrtausende­lang verschlossene Türen öffnen, Geister erwecken und Vorgängergeräten Befehle geben. Wenn ich mich nicht irre, macht „Der Weg“, den du da in deinen Händen hältst, deinen Großvater und dich zu sehr mächtigen Männern, wenn du ihn an der richtigen Stelle einsetzt. Ich hatte meine Zweifel, doch ich bin mir nun sicher, dass uns diese Platine direkt hinein nach Pardais führen kann und es doch keine Märchenstadt ist. Und ich möchte, wenn ich darf, mit euch gemeinsam an diesen legendären Ort gehen. Vielleicht finde ich dort, was ich seit fast zwanzig Jahren suche.« Den letzten Satz sagte Juel mehr zu sich als zu Selin.

Es knackte hässlich und dann hielt Jalah triumphie­rend auch den zweiten Schmuckstein in der Hand. Ei­lig kletterte sie von dem entweihten Thron, der durch den Verlust der funkelnden Falkenaugen viel von sei­ner einschüchternden Wirkung verloren hatte.

»Jeder hat, was er wollte. Es ist an der Zeit, dass wir verschwinden! Ein Wunder, dass wir noch nicht entdeckt wurden …« Juel legte kurz seine Hand auf die von Selin. »Wir reden später weiter, wenn wir in Sicherheit sind.«

Laut sagte er: »Einen Moment noch, da ‚abe isch doch beinahe etwas verges­sen. Alis ‚at mir noch eine weitere ordre gegeben, die ich erledigen muss …« Juel kramte in seiner Tasche und trat an den Thron. Dort legte sorgfältig einen handgeschriebenen Zettel, der wie einer aus dem Notizbuch von Muhar aussah, auf den Sitz. Er zögerte, dann be­festigte er das kleine Blatt nach kurzem Nachdenken mit seinem Dolch, den er tief durch das Papier in das Holz der Sitzfläche trieb.

»Isch denke mal, das ‚ier wird der „Unterwerfer“ wohl kaum überse’en können«, stellte er dann mit einem iro­nischen Lächeln und einem fachmännischen Blick auf sein Werk fest. »Le cube est tombé!«

Selin wollte schon hinter den anderen hergehen, die Jalah zu ihrem geheimen, hinter einem Wandrelief verborgenen Ausgang aus dem Thronsaal führte. Doch dann drehte er sich noch einmal neugierig um. »Was ist das denn?«, fragte er und deutete auf den Thron.

»Dies ist eine Nachricht für den Namenlosen. Alis hat sie mir gegeben. Ich sollte sie hier zurücklassen. Ich weiß nicht, was auf ihr steht.« Juel zuckte mit den Schultern und Selin tat es ihm nach, obwohl er seinen ganzen Besitz verwettet hätte, dass ihn der Dieb gerade belogen hatte. Juel hatte mit Sicherheit gelesen, was auf dem Zettel stand. Aber er fragte nicht nach. Der junge Mann hatte schon lange aufgegeben, sich Gedanken über die Beweggründe sei­nes Großva­ters zu machen. Er vertraute ihm ein­fach, denn bisher hatten alle seine Pläne funktioniert. Sogar seine Semi­ra würde ihn bei der Flucht nach Par­dais begleiten; auch wenn er noch immer nicht ganz fassen konnte, dass sie so einfach im Thronsaal aufge­taucht war. Welch ein Glück hatte er doch! Als hätte sie seine Gedanken gelesen, dreh­te das Mädchen sich zu ihm und winkte ihn weiter. Sie lächel­te ihm zu und dem jungen Mann wurde es warm in der Brust.

Was konnte denn jetzt noch schiefgehen?

Zu seiner Erleichterung fand Muhar seinen alten Meister Alis am vorher vereinbarten Platz auf der Ga­lerie vor. Aber der Märchenerzähler war nicht allein. Dem Stummen war, als würde ihm eine kalte Hand ans Herz fassen und er stöhnte auf. Alis saß dort in sich zu­sammengesunken neben seinem Konkurrenten Sahar, der ihn vorsichtig in den Armen hielt und ihn behut­sam wiegend gegen seinen Oberkörper drückte, als würden zwei Freunde ein lange vermisstes Wieder­sehen feiern. Of­fenbar hatte der merkwürdige junge Mann aus Italmar Alis bei seinem Entkommen aus der Schlacht ge­holfen, die unter ihnen mit aller Grausamkeit und Mordlust tobte. Die beiden Männer kauer­ten halb hinter einem Wand­teppich, dessen dicker Stoff den Kampfeslärm dämpfte.

BBeide starrten fassungslos und fasziniert zugleich in den Speisesaal hinunter, der sich in ein blutiges Schlachtfeld verwandelt hatte, auf dem die lamargi­schen Soldaten und Diplomaten einen verzweifelten Kampf gegen Paşha Ultems Wüstenkrieger und die Pa­lastwache ausfochten. In dem mit Bänken und Tischen vollgestellten Raum, die die Kämpfer zu ihrer Deckung umgeworfen hatten, gelang es den Männern des Na­menlosen nicht, eine ordentliche Schlachtlinie aufzu­bauen und so hatten sich überall verbissene Zweikämp­fe entwickelt, die von Seiten der Nordmänner mit der Gnadenlosigkeit von Kriegern geführt wurden, die nichts mehr zu verlieren hatten. Es stand dennoch schlecht um die barbarischen Nordländer, denn sie wa­ren kaum und schlecht bewaffnet und zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen, machten aber vieles durch ihren Zorn, ihre Wildheit und ihren Wunsch, ihrem Re­gno in die Stätten der Krieger zu folgen, wett. Sie hat­ten hilflos den heimtückischen Mord an ihrem gelieb­ten Herren mitansehen müssen und es gab nun nichts mehr, auf das sie in ihrem Leben hoffen durften. Lieber starben sie hier in der Fremde den Tod des Helden, als scham­voll und ohne Ehre mit dem Körper Rauls heim­zukehren und ihn seiner Frau Dora Kahlja und seinen zwei Söhnen vor die Füße zu legen. Kein Krieger moch­te diese Schande auf sich nehmen. Sie konnten nur noch Rache zu nehmen oder bei dem Versuch sterben. Sie kämpften mit dem Mut der Verzweiflung. Ihre mäch­tigste und furchtbarste Waffe waren dabei die bei­den Murlane des „Bären“, die sich wie tobsüchtig in die Rei­hen der Gegner stürzten und mit ihren gewaltigen Reißzähnen und Krallen eine grausame Ernte einfuh­ren. Deshalb war im Augenblick noch nicht abzusehen, wer am Ende der Nacht die Oberhand gewinnen wür­de.

Den meisten Zivilisten, Regierungsbeamten und Wür­denträgern war es inzwischen gelungen, durch die Tore des Saales zu fliehen und nur wenige Unglückliche un­ter ihnen waren zwischen die Fronten geraten und la­gen nun erschlagen oder verletzt zu den Füßen der Kämpfenden auf den vom Blut glitschigen Fliesen des Bodens. Der Namenlose und seine Entourage, seine Frau Eóra und Miladí da Hiver, die Botschafterin der Östlichen Republik, waren von ihren Leibwächtern längst in Sicherheit gebracht worden. Auch Alis war es in dem heillosen Durcheinander gelungen, sich mit Hil­fe von Sahar, der der Meinung war, es sei nicht sein Krieg, der dort unten ausgefochten wurde, heim­lich hinauf auf die Galerie zu schleichen. Doch die Blut­spur, die die beiden auf ihrem Weg hinterlassen hatten, sprach eine deutliche Sprache.

Muhar erkannte mit plötzlichem Schrecken, dass sein alter Lehrer schwer verletzt war. Er beugte sich zu dem Liegenden herab, der sich zit­ternd in Sahars Armen zusammenkauerte und offen­bar unter großen Schmerzen litt. Sahar trug noch immer seine Maske, die er auch während seines Märchenvortrags nicht abge­legt hatte. Deshalb fiel es dem Stummen schwer, des­sen Blick zu deuten. Der Adept aus Italmar drehte kurz die Hand, die er gegen den Oberleib von Alis presste. Sie war blutig und hatte auf einer schweren, großen Schusswunde gelegen, aus der bei jedem ras­selnden Atemzug des Alten sein schaumiger, heller Le­benssaft rann. Dann drückte Sahar sie wieder fest auf die klaffende Verletzung, doch Muhar hatte gesehen, wie aussichts­los dieses Unterfangen war. Die Verwun­dung war so tief, dass die Lunge in Mitleidenschaft ge­zogen war. Der alte Märchenerzähler lag im Sterben. Sahar schüt­telte wie zur Bestätigung langsam den Kopf.

»Ich war nicht mehr rechtzeitig bei ihm. Ich konnte ihn nicht beschützen«, rechtfertigte er sich traurig. »Ich habe nicht einmal gesehen, wer auf ihn geschossen hat. Wahr­scheinlich war es nur ein Querschläger, der Alis zufäl­lig traf. Es sind immer die Unschuldigen, die ein Krieg zuerst tötet.«

»Unschuldig… nein, das bin ich nicht!«, Alis richtete sich ein wenig auf. »Aber solch ein Massaker wollte ich nicht!«, jammerte der Alte plötzlich. »Nein, das wollte ich nicht … niemals! Ich bin doch kein Monster! Es sollte niemand außer meinen sechs Feinden sterben. Und nun ist nur einer von ihnen tot und so viele Unbeteiligte müssen leiden. Das war ein schlechter Tausch. Die Schach­partie lag offen doch vor mir. Warum habe ich diese Ent­wicklung denn nicht vorausgesehen?«

Muhar fuhr erschrocken zurück. Hatte er sich verhört? Auch Sa­har öffnete erstaunt den Mund. Hektisch kritzelte Mu­har ein paar Worte auf seinen Zettelblock und hielt ihn anschließend dem Alten vor die Augen. »Was hast du mir verschwie­gen?«, las Alis, nachdem er sich die Trä­nen aus den Au­gen gewischt hatte. Er lachte grimmig, was einen quä­lenden Husten auslöste.

»Sehr viel«, antwortete er, nachdem er wieder zu Atem gekommen war, »es ging mir nie nur um die Karte al­leine, die uns den Weg nach Pardais weisen wird. Ob­wohl wir sie natürlich brauchen, um uns alle am einzi­gen Ort in Sicherheit zu bringen, bis zu dem der Arm des Namenlosen nicht reicht – direkt hinein in jene sagenhafte En­klave des Friedens inmit­ten der Ebenen des Ewigen Krieges.«

»Beten wir zur edlen Titania, dass Pardais nicht nur der alberne Traum von berauschten „Drafta“-Süchtigen ist«, flüsterte Sahar, aber Alis ließ sich von seiner Skepsis nicht irritieren.

[←zurück]             [weiter →]

Der Beginn der spannenden Geschichte
ist überall im Buchhandel erhältlich:

Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (2)

[Zum Anfang der Leseprobe …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (2)

»Ja, Adelf, der Pechvogel. Ich hoffe, du kennst mich noch. Es ist lange her, Meister der Heilung …«, begann der befreite Gefangene lächelnd, wurde aber von Juel eilig unterbrochen:

»Ich weiß nicht, was du da sagst, mein Freund. Noch nie hat mich jemand einen solchen Meister genannt. Hat die Gefangenschaft an deinem Geist genagt, du Armer? Du kennst mich, isch bins doch, der ehrlische Juel.« Der Dieb trat eilig auf den etwas voreilig für tot erklärten Botschafter von Italmar zu und umarmte ihn erschüttert, drückte ihn dabei allerdings so fest, dass Adelf die Luft und damit auch die Sprache wegblieben.

»Ihr kennt euch?«, fragte Jalah erstaunt. Der Dicke und Adelf nickten im gemeinsamen Takt.

»Aber wie viel Zeit ist seither vergangen, zehn Jahre?«, fragte Juel mit brüchiger, ergriffener Stimme. Dieses unerwartete und unverhoffte Wiedersehen mit seinem uralten Freund ging ihm so nahe wie schon lange nichts mehr. Er räusperte sich. »Doch wie eure Märchenerzähler sagen: Das ist eine Geschichte vor der Geschichte und ich will sie euch an einem anderen Tag erzählen …« Er flüsterte eilig ein paar Worte in Adelfs Ohr und dieser senk­te so­fort zustimmend den Kopf.

»Du bist fett geworden … Juel«, sagte der Botschafter dann und lös­te sich la­chend aus der Umarmung des angeblichen Kaufmanns, der ihm vor langer Zeit so nah wie ein Bruder gestanden war. Adelf stand nun aufrechter und wirkte nicht mehr ganz so jensei­tig. Es war, als hätte ihm die Berührung seines alten Freundes Kraft und Mut gegeben; ganz so, als wäre Juel in der Lage, Menschen nur durch einen Kontakt Stärke und Gesundheit zu schenken. Der Botschafter aus Italmar, der seine schweren Wunden überlebt und als vermeintlicher Attentäter seit Monaten in den pri­vaten Kerkern von Ómer gelitten hatte, wandte sich an Selin, der noch im­mer seine Semira in den Armen hielt und weiterhin von der Situation überfordert war.

»Juel hat recht. Wir haben später noch zur Genüge Zeit, unsere Geschichten auszutauschen. Wir sollten uns nicht mehr allzu lange hier aufhalten und sobald als möglich aus dem Palast fliehen. Doch habe ich das eben richtig verstanden? Du, junger Mann, suchst ei­nen Schatz, der im Thron der Namenlosen Herrscher versteckt ist? Ich glaube, da kann ich helfen und die ganze Ange­legenheit etwas beschleunigen, wenn ich darf. Ich habe da ein paar … Möglichkeiten, die über eure hinausreichen.«

Selin wollte verwundert Einspruch erheben, aber Juel hob die Hand.

»Lass ihn. Er weiß, was er tut, glaube mir.« Er nickte auffordernd und der Mönch schleppte sich mit der Unterstützung der beiden die Stufen des Absatzes zum Thron em­por. Sie traten vor den gewaltigen, aus einem Stück Baumstamm geschnitzten Sitz, von dem herab die Namenlosen seit zweimal tausend und noch einmal tausend Jahren mit eiserner, kalter Despotenstimme Recht sprachen. Adelf nahm lächelnd auf ihm Platz. Er wirkte dabei wie ein Kind, das sich in den Sessel seines Großvaters geschlichen hat. Juel nahm Selin bei der Hand und gemeinsam traten sie etwas zurück. Der junge Mann fragte sich verwirrt, was Adelf und der Dieb vorhatten. Der Mönch strich zärtlich über die Lehnen, die von den Handflächen der Herrscher von Karukora blank gerie­ben waren und zuckte dann zurück, als hätte ihn ein verborgener Hornissenpfeil gestochen.

»Dieses Holz strahlt Langmut aus«, sagte er mit halb­geschlossenen Augen. »Der Geist in ihm ist lebendig, ich kann es spü­ren. Er ist uralt, älter noch als die Vorgänger. Er stammt aus einer Zeit vor den Menschen; noch bevor die Götter frei auf der Erde wandelten. Und der Geist in dem Holz wartet. Dies ist vielleicht die älteste Seele, die es heute auf die­ser Welt gibt; einer älteren bin ich zumindest noch nie begegnet. Im Holz sind die Erinnerungen des Bau­mes eingeschlossen, von dem es einmal ein Teil war. Dieser Baum hatte seine Wurzeln meilentief in die Erde ge­schlagen und ragte einzeln und mächtig in den Himmel der feuerroten Morgendämmerung der Erde. Auf dem höchsten Punkt eines Hügels stand er, umgeben von ei­nem end­losen, immergrünen Wald, dessen Bäume alle seine Söhne waren, die alle aus seinen Wurzeln sprossen. Ich sehe das durch die Ausstrahlung des Holzes, das noch immer die tröstlichen Erinnerungen an diesen Anblick bewahrt. Dieser Baum trug einst die ganze Welt in seinen Ar­men. Er war die ganze Welt, er war Ygdras, der eine, der vor uns kam und vor den Vorgängern und den drei Reichen war, vor den Go­lemen, vor den Daimonen und selbst vor den Göt­tern. Er hat den Anfang gesehen.« Adelf machte eine Pause und atmete zitternd ein. Der Kontakt schien ihn anzustrengen. Die anderen hingen ihm fasziniert an den Lippen. »Und nun – gefällt, ge­häutet, zersägt und in diese Form geschnitzt, aber noch immer voller Macht, wartet Ygdras voller Geduld auf das Ende aller Dinge, auf Mánis Rückkehr, die die Welt und ihn endlich verbrennen wird. Für ihn sind Jahr­hunderte nur ein Tropfen, der ins Meer der Ewigkeit fällt und die Gründung Karuko­ras war für ihn erst ges­tern. Er glaubt, dass er nicht mehr lange ausharren muss und endlich Ruhe im Vergessen des Todes fin­den kann.«

Adelf schluchzte plötzlich auf und Tränen liefen über seine eingefallen, schmutzigen Wangen. Selin wollte et­was sagen, aber Juel verstärkte den Griff, mit dem er den jungen Mann festhielt. Der Mönch lehnte sich in dem Sitz zurück und es sah so aus, als würde ihn die hin­ter ihm aufragende Rückenlehne, die sich über seinem kahlen Schädel in einen Raubvogel verwandelte, der gerade seine Schwingen zum Flug öffnet, verschlin­gen wollen. Nur noch Adelfs helle Augen funkelten im Schatten des Thronsitzes.

»Doch wie in der harten Schale einer Walnuss ist in dem Holz noch eine weitere Seele eingeschlossen, beinahe so mächtig wie Ygdras selbst, aber lange nicht so alt. Sie wurde dort versiegelt, als der Falkenthron errichtet wurde. Der Schreiner muss ein Künstler und ein Magier gewe­sen sein. Dieser Geist ist im Gegensatz zu dem von Ygdras heimtückisch, abgrundtief böse und er dürstet nach Rache und Blut, nach Vergeltung. Ihm wurde ein himmelschreiendes Unrecht angetan, aber ich kann nicht erkennen, welches. Er schläft und ich werde mich hüten, ihn aus seinen unruhigen Träumen zu wecken. All die Namenlosen müssen die Macht und die Stärke dieses unheimlichen, bösen Geistes gespürt und für ihre Zwecke benutzt haben, wenn sie hier saßen – auch wenn sie wahrscheinlich nicht wussten, aus welcher Quelle sie ihre Wut und bedingungslose Strenge schöpften. Dies ist das Geheimnis der Macht der Herr­scher von Karuko­ra und ich spüre, wie der schlafende Geist mich unbewusst ebenfalls zu überwälti­gen sucht. Es ist kein Märchen, dass die Stadt seit ih­rer Grün­dung durch den ersten Namenlo­sen von einem Einzi­gen, von einer einzigen Macht re­giert wird und die Thronfolger ihre Namen vergaßen, nachdem sie auf diesem Sitz Platz genommen hatten. Denn dieser Ein­zige war immer nur die Seele im Inneren des uralten Bau­mes, derer sie alle teilhaftig geworden sind.«

Adelf zögerte, als suche er nach den passenden Wor­ten. »Doch dieser Thron bewahrt seit Jahrhunderten noch ein weiteres Geheimnis, das ihm selbst und auch seinem bösen Inkubus kaum bewusst ist – denn für den Thron in seiner fast vollkommenen Zeitlosigkeit hat der Prinz Selin aus der Dy­nastie der Bingh seinen Schatz gerade eben erst in ihm versteckt … und hier ist er!«, rief der Mönch wie ein Zauberer, der ein Kunststück­chen präsentiert.

Die suchenden Hände des Mönchs hatten links und rechts an den Seiten der Armlehnen zwei identische, geschnitzte Arabesken gefunden, die wie die starren Augen von Ba­silisken aussahen. Auf deren Mitte, auf die schlitzför­mige Iris, legte er nun entschlossen seine Mittelfinger und drückte sie fest nach innen. Adelf musste sich da­bei anstrengen, denn der Mechanismus war alt und eingerostet, aber dann schnappten ge­räuschvoll zwei Riegel an der Hinterseite des Throns auf. In Rücken­höhe senkte sich dort kleine versteckte Klappe herab, hinter der sich offenbar ein Geheimfach verbarg, das der Mönch mit seinen seltsamen Sinnen erspürt hatte.

»C’est le noyau du caniche«, murmelte Juel überra­scht. Selin nutzte die Gelegenheit und wand seine Hand aus dem Griff des Meisterdiebs. Er eilte hinter den Falken­thron. Die anderen folgten ihm neugierig. Auch Adelf stand schwankend auf. Er schien sich nur schwer von seinem Sitz lösen zu können, ganz so, als wäre er mit einem zähen Teer dort festgeklebt worden, als wäre dort etwas, das ihn beim Aufstehen behinderte. Selin langte aufgeregt in das kleine Fach im Holz der schwarzen, verkohlten Rückfront und beförderte eine schmale, in ein brüchi­ges Pergament eingeschlagene Platte hervor. Er befreite die Platte eilig von ihrer schützenden Hül­le. Das uralte, von den Jahrhunderten braune und längst brüchige Papier zerfiel ihm unter der Hand in Einzelteile und segelte wie Herbstlaub zum Boden. Selin hob das rechteckige Fundstück etwas enttäuscht ins Licht. Er hatte etwas anderes – etwas viel spektakuläreres und aufregenderes – erwartet, als diesen merkwürdigen Gegenstand, dessen Bedeutung er nicht verstand. Das war für ihn nur eine recht häss­liche, grüne Scheibe, auf der messingfarbene Linien ein seltsames und chaotisches Muster bildeten. Ein Schmuckstück?

»Ist das alles?«, fragte er. »Was soll das denn sein? Das ist doch keine Landkarte!« Juel trat neben ihn und bückte sich, untersuchte die ausgeblichenen, bräunli­chen Tintenspuren auf den Pa­pierstücken, die um Selin herum am Boden lagen. Er hob eines von ihnen vor­sichtig auf, musterte es stirnrunzelnd und zerrieb es dann mit der Schulter zuckend zwischen den Fingern zu Staub. Er klatschte in die Hände.

»Den Plan hast du eben zerstört«, sagte er spöttisch und stand wieder auf. »Das ist nicht so tragisch, denn du hast et­was viel Besseres …« Juel nahm die eigenar­tige Platte ehrfürchtig aus Selins Hand und betrachte­te sie fasziniert von beiden Seiten. »Nein, das ist zwar keine Schatzkarte, aber das ist viel, viel mehr!« Er drehte die einen Handteller große Platte ein paar Mal im Lichtschein der Feuerschalen herum und reichte sie dann ehrfürchtig an Selin zurück.

»Pass gut darauf auf«, flüsterte er, »dies scheint mir ein Relikt von unschätzbarem Wert zu sein und du soll­test es niemandem zeigen. Es ist gut mög­lich, dass du damit sogar den Ewigen Krieg im Osten beenden kannst. Manch­mal genügt es, ein kleines Steinchen an einer bestimm­ten Stelle ins Wasser zu werfen und alles ändert sich. So sind schon Weltreiche gefallen – durch einem klei­nen Stein, der alles ins Rollen brachte. Ceci est parfois le cours du destin. Ich will behaupten, dass diese Plat­te, die die Vorgänger übrigens eine Platine genannt ha­ben, viel wertvoller ist als die funkelnden Brillanten im Auge des Falken, für die sich die Diebesgilde interes­siert. Wenn sie das wüss­te, könnte es sein, dass sie ihr Abkommen mit deinem Großvater ein wenig zu unse­rem Nachteil … modifiziert.« Er warf einen warnenden Blick auf Semiras Dienerin, die jedoch längst wieder das Interesse an dem Fund verloren hatte und gerade auf den Thron geklettert war, wo sie – breitbeinig auf den Arm­lehnen balancierend – mit ihrem Dolch an ei­nem der großen Brillanten in den Augen des Falken herumsto­cherte, um diesen aus seiner Fassung zu he­beln. Das Holz des Stuhls knirschte und ächzte unter ihrem Gewicht. Es klang, als wolle es sich über diese ruchlose Tat beklagen. Auch Adelf, der in der Nähe stand und mit einer Hand weiterhin die glatte, schwar­ze Oberfläche des Throns streichelte, schien nicht ein­verstanden. Er verzog das Gesicht und litt eine Qual, als fühle er den kalten Stahl am eigenen Leib, als wür­de die Diebin ihm selbst ihr Werkzeug in die Augen­höhlen bohren. Doch zog nur stumm seine Hand zurück und ließ sie ge­währen. Die beiden Edelsteine, die erst nachträglich an dem Kopf des Raubvogels angebracht worden waren, waren übrigens nicht vollkommen gleich. Der eine von ihnen funkelte leicht rosafarben, was in dieser Umge­bung kaum auffiel, der andere hingegen, der etwas grö­ßer war, hatte einen bläulichen Schimmer. Kaum jemand in Karukora wusste, woher die Steine stammten, welcher Namenlose sie erworben hatte und dann in den Falkenthron einfü­gen ließ. Zog man allerdings alte Abbildungen zu Rate, musste es bereits während der barbarischen Songh-Dy­nastie geschehen sein. Juel allerdings, der ihre Geschichte kannte, formte seine Augen zu einem schmalen, gierigen Schlitz und leckte sich kurz von der Platte abgelenkt die Lippen ab. Selin versteckte inzwischen die Vorgänger-Platine gerhorsam unter sei­nem Hemd. Sollte sein Großvater entscheiden, was mit dem Fund anzufangen war.

»Aber wie soll uns dieser alte Gegenstand helfen, die Ebenen des Ewigen Krie­ges zu durchqueren?«, fragte er Juel, zu dem er immer mehr Vertrauen fasste. Ob­wohl er wusste, dass der Di­cke ein Dieb war und wahr­scheinlich eine beachtliche Liste von Gaunereien und anderen Gesetzesübertre­tungen auf dem Kerbholz hat­te, hatte er doch das Ge­fühl, jener angebliche Kauf­mann meine es gut mit ihm. Dieser seltsame, dicke Mann verbarg wahrscheinlich einige Geheimnisse und eine interessante Geschichte, die er zu ger­ne einmal gehört hätte.

[←zurück]             [weiter →]

Der Beginn der spannenden Geschichte
ist überall im Buchhandel erhältlich:

Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (1)

[Zum Anfang der Leseprobe …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (1)

Juel presste sich gegen die Wand und machte sich so dünn, wie es ihm bei seinem beträchtli­chen Leibesum­fang überhaupt möglich war. An­schließend spähten er und sein vorwitziger Bauch vor­sichtig in den ihren Weg kreuzenden Flur hin­ein. Nie­mand war zu sehen. »Das Glück bleibt uns treu«, sagte er zu dem ein paar Schrit­te hinter ihm stehenden Se­lin, der aufmerksam den Lageplan studierte, den ihm Muhar bei ihrer kurz­en Besprechung in der Garderobe überreicht hatte und der den Bereich rund um den Thronsaal abbildete.

»Wir müssen nach rechts«, erwiderte der junge Mann zö­gernd und runzelte dabei die Stirn. Juel nickte und trat in den Korridor. »Nein, halt …«, Selin drehte die Karte, »besser geradeaus …«, er wendete sie ein zweites Mal, »… oder doch eher nach links.« Er kratzte sich un­schlüssig am Kopf und Juel kehrte seufzend zurück. Er riss Selin das Papier aus der Hand und warf einen kurz­en Blick darauf.

»Nach rechts«, kommandierte er dann nüchtern, »und du gehst voran.« Selin gehorchte ergeben und betrat den von dem Dicken erwählten Korridor, der sich leicht bog und wahrscheinlich in einem großen Kreis um den Thron­saal herumführte. »Unser Ziel müsste die fünfte Tür auf der linken Seite sein. Wenn ich dieser Karte glauben darf, führt sie in das Umkleidezimmer des Namenlo­sen, durch das man direkt in den Thronsaal gelangen kann«, erläuterte Juel und schwor bei sich, sich nie mehr in seinem Le­ben auf ein Abenteuer mit einem so unerfahrenen und weltfremden Jüngling einzulassen. Doch bei diesem Gedanken hatte er auch das unbestimme Gefühl, sein Schicksal würde ihn gerade leise auslachen.

»Diese hier?«, flüsterte Selin ohne Not, denn sie waren offensichtlich in diesem Teil des Palastes vollkommen allein. Es waren nicht einmal mehr die aufgeregten Schreie und der Kampflärm zu hören, die seit kurzer Zeit von den Gasträumen und dem Palasthof her ertön­ten und den Beginn von Ómers Aufstand markiert und wie erhofft alle Wachen fortgelockt hatten. Die dicken Teppiche an den Wänden schluckten zudem jedes Geräusch. Der dicke Kaufmann und Dieb in Personal-u­nion schüttelte resignierend den Kopf.

»Non, gegenüber …« Juel trat vor die Tür und klopfte frech. Als ihm nie­mand antwortete, versuchte er die Klinke. Wie er es er­wartet hatte, war der Raum dahin­ter verschlossen. Wäre Selin allein gewesen, wäre an dieser Stelle be­reits die Suche nach dem „Weg, der in den Tag führt“, beendet gewesen. Wenn er überhaupt bis hierher ge­funden hätte. Die Gil­de hatte recht ge­habt: Dies war kein kleiner Raubzug für Laien, hier war ein Meister von Nöten. Während Selin aufgeregte Blicke nach beiden Seiten warf, beugte sich Juel zum Schlüsselloch hinab und fischte aus dem Stehkragen seines Hemds zwei dünne, me­tallene Klingen, mit deren Hilfe er die Verriegelung im Handumdrehen geknackt hatte. Die Tür öffnete sich nach innen und Juel richtete sich zufrieden wieder auf.

»Enfin,Voilà! Gelernt ist gelernt«, sagte er und machte eine Handbewegung, als würde er Selin in seine eigene Wohnung einladen. Die beiden traten hintereinander in Garderobe, die durch eine Decke aus Buntglas von oben in ein blasses, geheimnis­voll wirkendes, blaues Licht getaucht wurde und erstaunlich geräumig war. Hier roch es würzig nach Sandelholz und Zimmet. Juel verschloss die Tür hinter ihnen sorgfältig, trat dann neugierig an einen der ausladenden Wandschrän­ke heran, öffnete ihn in aller Seelenruhe und spähte interessiert in ihn hinein. Er stieß dort auf Hunderte von kostbaren Um­hängen und Tuniken; der Namenlose besaß anschei­nend für jeden Tag, vielleicht sogar für jede Stunde des Jahres eine andere Klei­dung. Der Kaufmann prüfte zwischen zwei Fingern die Quali­tät der Stoffe und nickte an­erkennend.

»Davon würde isch gerne etwas in mein Warensorti­ment aufnehmen«, sagte er bedauernd, aber er schloss den Schrank wieder, ohne sich zu bedienen. Dann stell­te er sich neben Selin, der überrascht hinter einer durchbrochenen, faltbaren Wand aus edlem Holz stand und den Badebereich bewunderte, der gut dreimal so groß wie sein eigenes Zimmer im Hause seines Großva­ters war. Der vergoldete Toilettensitz neben dem riesi­gen Waschtisch hatte sogar eine eigene Wasserspü­lung.

»Je ne pense pas! Es sind bestimmt zwanzig Jahre vergangen, seit isch so etwas zuletzt gese’en ‚abe«, stellte Juel fest und wirkte auf Selin ein wenig traurig.

»Und ich habe so etwas noch nie gesehen«, erwiderte er und berührte vorsichtig das Porzellan der Wasch­schüssel, in der  zwei Kinder problemlos hätten baden können. Doch zu diesem Zweck war auch noch eine geräumige Wanne in den Boden eingelassen. Juel nahm ein großes Stück Seife, das an deren Beckenrand lag und roch daran. Dann steckte er es schulterzuckend ein.

»Isch frage misch, wie wohl das Salle de bain in den intimen Räumen des Namenlosen aussieht, wenn in diesem nicht oft benutzen Bad schon solch ein Prunk ‚errscht«, sagte er und ein wenig Neid klang aus seiner Stimme. »Jetzt aber ‚urtig – wir ‚aben nicht die ganze Nacht Zeit.« Er ging mit schnellem Schritt zur dem Eingang ge­genüberliegenden Tür, die ebenfalls ordent­lich verschlossen war, deren Schlüssel allerdings von Innen im Schloss steckte. Se­lin folgte ihm zögernd, denn es fiel ihm schwer, sich von dem Luxus und all dem Glanz loszureißen. Wie sehr unterschied sich diese nie geahnte Pracht von der Ärm­lichkeit in seinem eigenen Zuhause, in dem ihm ein Trog mit brackigem, bereits von seiner Tante be­nutztem Flusswasser zur Körperpflege diente und der Ab­tritt ein Loch in der Erde mit einem Brett zum Sit­zen darüber war. In diesem Bad hier hätte sich dage­gen eine ganze Armee-Abteilung waschen, parfümieren und mit den wertvollsten Stoffen einkleiden können.

Juel öffnete die zweite Tür und winkte ihm zu. Nebeneinander betraten die beiden endlich den Thron­saal. Die tagsüber so geschmacklos rosafarbenen Wände und mit floralen Mustern überzogenen Säulen schimmerten im Licht der wenigen Feuerschalen so dunkelrot, als wären sie mit frischem Blut gestrichen. Selin stockte der Atem. Die Ausmaße und die erhabene Ausstrahlung des Saals, den er noch nie betreten hatte, schüchterte ihn ein. Er verharrte und starrte hinüber zu dem bedrohlich wirkenden Falkenthron, der, auf einem Absatz ruhend, im Zentrum des kreisrunden Raumes stand. Aber Juel, der bereits am Nachmittag zusammen mit Ómer eine Audienz beim Bişra gehabt hatte, zog ihn weiter.

»Komm jetzt! Wir sind nicht auf Besichtigungstour«, zischte er ungeduldig, nun ebenfalls flüsternd. Während sie vorsichtig die Deckung der Säulen verließen und in die Mitte des Rauimes traten, spähten sie links und rechts in die Nischen und in die Schatten, in denen sie versteckte Treuwächter befürchteten. Doch anstatt von gerüsteten Männern mit gezückten Schwertern, wurden sie von einer lauten Frauenstimme begrüßt:

»Da seid ihr ja endlich! Ich warte schon eine halbe Ewigkeit auf euch.« Die beiden heimlichen Eindringlin­ge zuckten ertappt zusammen und Juel tastete sofort nervös nach dem Dolch, den ihm Muhar zugesteckt hatte. Doch Selin machte nach einer kurzen Schreckse­kunde eine beruhi­gende Geste. Er hatte die Frau an ih­rer Stimme er­kannt, die nun wie ein Geist neben einer der Säulen auftauchte, die im Kreis um den Saal liefen und die hohe Kuppel der Rotunde trugen. Auch wenn ihm voll­kommen schleierhaft war, auf welchem Weg Jalah in das Allerheiligste des Palastes eingedrungen war und warum sie die beiden Einbrecher hier erwarte­te, freute er sich zuerst über das plötzliche Erscheinen der Die­nerin seiner geliebten Semira. Dann erst wurde ihm die Bedeutung ihres Auftauchens bewusst:

»Wie viele Leute sind eigentlich eingeweiht?«, fragte er.

»Ihr habt euch ja ganz schön Zeit gelassen«, antworte­te Jalah mehr zu Juel als zu Selin hin und kam so sorg­los näher geschlendert, als ginge sie durch den Bazaar und nicht durch den verbotenen Thronsaal ihres gna­denlosen Herr­schers. Der Dicke nahm die gefiederte Maske, die er noch immer trug, vom Gesicht und ließ sie achtlos auf den Teppich zu seinen Füßen fallen. Er sah sich misstrauisch um.

»Diese geschwätzigen Märchenerzähler fanden ein­fach kein Ende und im Anschluss verlief die Revolution wohl nicht ganz so, wie sisch der Vezir das gedacht ‚atte«, entschuldigte er sich. Jalah nickte wissend:

»Ich habe ein paar Treuwächter belauscht, die vor der Tür zu den Verliesen wachten. Ómers schöner Plan wurde ausgerechnet von seiner eigenen Tochter verra­ten, die mehr zu ihrem Mann als zu ihrem Vater hält.«

Juel lächelte boshaft. »’ast du eine Familie, dann brauchst du keine weiteren Feinde mehr. Aber warum bist du eigentlich ‚ier? Misstraut die Gilde uns?«

»Sei nicht beleidigt, Ludo sorriento. Aber wir trauen dir nicht mehr als einem hungrigen Köter, den man in der Speisekammer alleingelassen hat. Und die Meister meinten, du wür­dest vielleicht etwas Unterstützung benötigen. Nicht beim Raub der Falkenaugen«, sie deu­tete zu dem Thron hinüber, der auf seinem Podest auf­ragte und einen düsteren und bedrohlichen Schatten auf sie warf, »sondern bei der anschließenden Flucht. Es gibt ganz in der Nähe einen geheimen Ausgang aus dem Palast, der nur der Diebesgilde bekannt ist. Durch ihn werden wir so unauffällig verschwinden, wie wir gekommen sind.«

Juel hob ironisch die Augenbrauen. »Und das Ganze ‚at nicht zufällig etwas mit der Be­fürchtung der Meister zu tun, die Brillanten könnten unter gewissen Umständen nicht ihren Weg in les meins der Gilde finden, sondern vielleicht zufällig in meiner Tasche verbleiben? Warum habt ihr mich über’aupt in diese verworrene und gefährliche Ge­schichte verwi­ckelt, wenn ihr mir nicht traut?«

»Du weißt, dass die Gilde nie ihren gesamten Einsatz auf ein einziges Blatt verwettet, sondern immer noch ein weiteres As im Ärmel hat«, erwiderte Jalah achsel­zuckend.

»Und dieser Trumpf bist du, Mädchen? Incroyable!« Der Dicke verbeugte sich spöttisch.

»Was wäre gewesen, wenn du dich nicht vom Fest hät­test entfernen können oder der Thron weiterhin be­wacht gewesen wäre?«, fragte die Diebin. Sie wirkte nicht beleidigt über das Misstrauen des Ludo sorriento. »Es wäre doch wirklich schade um die günstige Gele­genheit gewesen. Du kennst das dritte Gesetz der Gil­de: „Vier Hände stehlen mehr als zwei.“ Außerdem hatte ich noch einen weiteren Auftrag.«

Juel hob erstaunt die Augenbrauen und wollte sich schon erkundigen, wovon die Diebin sprach, aber da räusperte sich Selin unge­duldig.

»Das ist ja alles schön und gut«, mischte er sich in das Geplänkel der beiden ein. Er war bis jetzt stumm im Schlagschatten des archaischen Herrschersitzes ge­standen und hatte ihn interessiert betrachtet. Seine merkwürdige, düstere Ausstrahlung schien ihn unwi­derstehlich anzuziehen, als würde ihm eine leise Stim­me schmeichlerisch zuflüstern, auf ihm Platz zu nehmen. »Wäre es jetzt aber nicht an der Zeit, den „Weg, der in den Tag führt“ zu suchen? Ich meine, deswegen sind wir doch da, oder?«

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, erklang ein kaum unterdrückter Aufschrei aus dem Hintergrund des Raums und die drei drehten sich ertappt herum. Wie aus dem Nichts tauchten plötzlich sowohl in Jalahs wie auch Juels Hand Dolche auf.

»Zeig dich!«, zischte der Meisterdieb drohend und aus der Deckung einer weiteren Säule trat schüchtern eine schlanke Frau ins Licht.

»Semira!« – »Herrin!«, riefen Selin und Jalah gleichzei­tig. Semira eilte nach vorne und fiel in die Arme ihres überraschten Freun­des, der dabei nicht wusste, wie ihm geschah. Juel sah zuerst zu der Dienerin, dann zu dem Paar und ent­schied sich, dass im Moment keine Gefahr drohte. Er senkte kopfschüttelnd seine Waffe und brummte missvergnügt:

»Na, prima. Ceҫec Binsas verwöhntes Töchterchen darf auch mitspielen. Warum haben wir nicht gleich Einladungen zu dieser Schatzsuche verschickt? Wer hat sich sonst noch in die­sem Thronsaal versteckt – Hierion Éderwerfh viel­leicht? Es heißt ja, dieser Erzschurken-Abbas habe überall seine schmutzigen Finger im Spiel.«

»Du bist nahe dran, mein alter Freund. Aber du warst ja schon immer der Weitsichtigere von uns beiden.«

Eine weitere Gestalt trat aus ihrer Deckung hervor und kam nähergehumpelt. Sie war in schmutzige, zer­rissene Lumpen gehüllt und bewegte sich schleppend und vorsichtig, als habe sie große Schmerzen. Der halb­nackte Mann wirkte unglaublich mager – er war nur noch ein Knochengerüst, über dem sich wie ein viel zu en­ger Handschuh eine dünne, lederartige Haut spann­te. Es sah tatsächlich so aus, als habe sich eine lebende Lei­che aus ihrem Wüstengrab erhoben, in dem sie jahr­hundertelang ausgetrocknet worden war. Juel erschauderte, doch dann erkannte er sein Gegen­über und verstand:

»War dies dein anderer Auftrag, Jalah? Hast du den verschollenen Meister aus dem Kerker des Namenlosen befreit? Adelf von Süderbal, ich kann es kaum glau­ben!«, stieß er fassungslos her­vor, während die Diebin eifrig nickte.

»Die Damen und Herren der „Flinken Finger“ haben von einem an­onymen Auftraggeber diesen äußerst lu­krativen Auf­trag angenommen, den Botschafter von Italmar aus dem Kerker des Palastes zu befreien, falls er dort aus irgend­einem Grund hineingelangen sollte. Ómers Palastrevolte war der beste Zeit­punkt für die Ausführung dieses Ge­schäfts«, erklärte sie, aber Juel hörte ihr kaum zu.

»Der Pechvogel! Ich hielt dich für tot und verscharrt«, stotterte er; noch immer wie vor den Kopf geschlagen. Er hätte eher mit dem Auftau­chen seiner eigenen Großmutter gerechnet, als mit dem Mönch, mit dem ihn in der Vergangenheit so viel ver­bunden hatte und der, hörte man auf die Gerüchte in der Stadt, bei einem Attentatsversuch auf den Namen­losen ums Leben gekommen war. War dies tatsächlich sein rächender Geist?

[weiter →]

Der Beginn der spannenden Geschichte
ist überall im Buchhandel erhältlich:

Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

Beitragsnavigation