Aber ein Traum …

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Erste Anmerkungen zur „Feenliebe“

Im Sommer 2002 ist Hans-Dieter Heun abgesoffen.

Die damals unschuldig zum „Jahrhunderthochwasser“ gekrönten Überschwemmungen, die Herrn Schröder gerade noch einmal die Regentschaft retteten und uns allen einen Bundeskanzler namens Stoiber ersparten, wirkten sich zuerst in den Niederungen zwischen Donau und Inn aus, in denen Hans-Dieter in der Nähe von Bad Füssing wohnte. Fingerdick sprudelte plötzlich Grundwasser aus der lückenhaften Betonverschalung in den Keller seines Hauses, überall tropfte es und rannen Rinnsale über die Wände. Den eilig herbeigeschafften Pumpen gelang es nicht mehr, der Wassermassen Herr zu werden.

Ich war damals zufällig bei ihm zu Besuch* und kann mich noch gut erinnern, wie er in übergroßen Gummistiefeln durch sein unfreiwillig entstandenes Schwimmbad im Keller stapfte, hilflos den Blick nach oben wendete, milde den Kopf schüttelte, um dann entschlossen festzustellen:

„Mein nächstes Haus steht auf einem Hügel.“

blattUnd so kam es dann auch. Mit seiner Frau Michaela, seinem gigantischen Neufundländer George (eine inzwischen leider im Hundehimmel hechelnde und sabbernde große Seele) und seinen über Jahrzehnte angesammelten Kuriositäten zog er noch im selben Jahr weiter ins nördlichere Niederbayern, hinauf in die Gegend zwischen Pfarrkirchen und Vilshofen. In eine Landschaft, die für Promis und die Schickeria, ältere CSU’ler und stadtmüde Münchner in etwa das darstellt, was der Toscana-Fraktion der SPD die sanften Hügel zwischen Arezzo und Cortona sind: Ein dem Auge angenehmer, naturnaher Ruhesitz mit Golfplätzen und Kurbädern an jedem Ort. Nur gibt es im sog. Bäderdreieck keine Weingüter und kaum Renaissance, dafür aber in der nähereren Umgebung die Klosterbrauerei Aldersbach und mehr Barock, als man sich wünschen will. Zudem ist es eine verwunschene, bäuerlich geprägte Gegend. Oft ist sie menschenleer und herb, sogar abweisend und streng, aber dann wieder einladend und gemütlich. Auf eine geheimnisvolle Weise  ist sie der Welt und ihren Läufen abgewendet und auch in der Zeit verrückt. Um einen Spruch von Bismarck abzuwandeln: „Falls die Welt untergeht, reise ich nach Egglham, dort geschieht alles erst zwanzig Jahre später.“

Der alte, aus den zwanziger Jahren stammende Vierseit-Bauernhof mit dem Feldnamen „Tabor“, den Hans-Dieter anmietete, liegt zwar nur halb auf dem Hügel, mitten in Ackerland und Streuobstwiesen, allein durch eine schmale Landstraße von einem lichten Mischwald getrennt. Aber wenn es regnet, fließt das Wasser einfach ab, durch das Wohnhaus und die Ställe hindurch. Der Hof ist übrigens gut getroffen auf dem Titelbild des neuen Romans von Hans-Dieter zu sehen.

Tabor

Trotz der Ähnlichkeit: Auf der Treppe steht nicht die Hollerfee, sondern Frau Klammerle

Die nächsten Nachbarn, gestandene Alt-68’er, rotweinaffine Philosophen  und Überlebenskünstler (mache sind inzwischen auch schon Alt-75’er), leben weiter oben in einer etwas unübersichtlichen Landkommune.  Als ich die Familie Heun zum ersten Mal in ihrem neuen Refugium besuchte, war mir, als würde ich heimkommen. Manche Orte haben diese Wirkung auf mich. Sie strahlen Vertrautheit und Willkommen aus, es sind Plätze des Déjà-vu. Sie wecken eine Urerinnerung. Machmal tritt man durch eine fremde Tür und weiß: Man ist zuhause.

Für Hans-Dieter begann dort auf dem Hügel, weit, weit weg von jeder Zivilisation und dem Lärmen der Städte, ein neues Leben. Fasziniert erkundete er diese neue Welt, in die ihn sein Schicksal geführt hatte. Er beobachtete den Lauf der Natur und den Gang der Tage, erntete Birnen und Äpfel, suchte Pilze und hackte Holz. Er kochte Marmelade, war gastfreundlich und arbeitete an seiner Literatur. Seine Welt engte sich von ihm selbst kaum bemerkt auf das Tagwerk um sein Haus ein und wurde gleichzeitig weit und tief. Nur ein lahmes Internet verband ihn noch mit „Draußen“. Häufig schloss er sich dabei seinem Vermieter an, einem brummeligen, in sich selbst ruhenden Bauern, dem die Felder rund um Tabor gehören, auf seinem Hof Schweine mästet und leise vor sich hin philosophiert. Dieser Bauer, für den bereits Passau fern in der Fremde liegt, war ihm dann auch eines der beiden Vorbilder, aus denen er die Hauptfigur seines Romans „Feenliebe“ formte. Der zweite Bestandteil der Hybride war selbstverständlich Hans-Dieter selbst.

Hans-Dieter war schon immer ein begeisterter Freund der keltischen Mythen, der Anderswelt, den Eldern, den Feen. Oben auf Tabor hat er sie gefunden: Unter den Hollerbüschen, hinter den Birken, im Fischweiher. Das kleine Volk raschelt nächtens in den Ställen, stibitzt dem Hund das Futter, sein warnendes Pfeifen ertönt im Gemüsebeet. Im Wald duckt es sich ins Moos und verbirgt sich unter dem Schatten eines Parasol. Im giftig-gelben Raps hockt es und spielt die Grasharfe. Es reitet auf den Hasen und den Wildschweinen und nascht von den Himbeeren, die an der warmen Stallwand reifen. Hans-Dieter sitzt im Sonnenuntergang vor Tabor und er lauscht ihren Geschichten. Sie sind verrückt und fantastisch, verlogen und wahr, paradox, märchenhaft sanft und deftig erotisch, dabei tief, geheimnisvoll, eine Schatztruhe, deren Schlüssel lange verloren war.

All das ist „Feenliebe“. All das.

Und noch viel mehr.

Feenliebe-Cover-gross[1]

Seit 1. Februar 2015 bei allen einschlägigen Online-Buchshops erhältlich und selbstverständlich auch beim Buchhändler des Vertrauens. (aaVaa-Verlag)

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* Ich brachte es damals trotz des Dauerregens fertig, mir den Sonnenbrand meines Lebens auf die Haut brennen zu lassen.

„Feenliebe“ – Leseprobe Teil 2

… und sogleich folgt der zweite Streich.

Vergnügen ist garantiert! Lieber Leser, vergiss aber über dem Lachen und Nachdenken nicht, dass Autoren nicht allein von Luft und Liebe leben können, auch wenn sie sich alle Mühe geben. Ab und an benötigen sie auch einen kleinen stützenden Beitrag in pekunärer Form. Wenn dir also die Leseprobe gefällt – dann kauf das Buch, herrgottsakerzementnoamal!

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»Großknecht, wenn die Not am größten, ist dir Gott am nächsten. Die Kirche fiel mir ein. Wer geht schon freiwillig an einem normalen Wochentag in eine finstere und, wenn du es dir recht überlegst, ziemlich ungemütliche Kirche? Folglich konnte ich zwischen den hohen grauen Säulen und dunklen Bänken mit den abgegriffenen Liederbüchern eine geraume Weile die notwendige Ruhe für völlig damische Überlegungen finden – so sehe ich das wenigstens heute. Vielleicht nach Hamburg zum Hafen entfliehen, auf einem Schiff als Leichtmatrose nach Amerika abdampfen und irgendwann mit einem Haufen Dollars im Hosensack heimkehren, um mir ein Verzeihen teuer zu erkaufen … Und die Nachbarin, deren Mann sich sicherlich vor Kummer in Bier und Schnaps ersoffen hat, zu ehelichen, wieder ehrbar zu machen.

Ich schlich mich tatsächlich in die Kirche, versteckte mich und die Wucht meiner Verfehlungen vor dem Bildnis des heiligen Antonius. Meine Augen brannten, dennoch keine Tränen, nur blinde Ohnmacht. Großknecht, in meiner Verzweiflung dachte ich sogar an Freitod … aber in einem Chorgestühl? Mein leerer Blick heftete sich auf die Falten im Gewand des gütigen Heiligen, füllte sich mit der Hoffnung auf die Macht eines flehentlichen Gebetes um ein Wunder. Ein Gebet und vielleicht noch die Kraft einer brennenden Kerze. Zehn Pfennige für ein Kerzenopfer hatte ich gerade noch in der Tasche.

Ich betete: „Heiliger Antonius, hilf mir aus dieser Not, und ich entsage auf immer allen Weibern!“

Ich wartete auf irgendeine Antwort. Nichts, kein Widerhall. Antonius ließ mich in meinem Elend einfach verrecken. Oder? Vielleicht musste ich eindringlicher bitten: „Ich schwöre dir, heiliger Antonius, findest du eine Lösung, bewahrst du den Frieden zwischen den mir liebsten Menschen, weihe ich dir mein Leben und werde Priester. Amen!“

Fee-ausschnitt2Das war es, Großknecht. Auf einmal überkam mich eine große, vom Himmel gesandte Ruhe und mit erhobenem Haupt ging ich heim, mich seiner, meines Schutzheiligen, Entscheidung zu stellen. Zuhause herrschte eine merkwürdige Unruhe, die aber anscheinend mit mir nichts zu schaffen hatte. Obwohl es mit meiner vorgezeigten Sicherheit auf der Stelle vorbei war, als ich hinter der verschlossenen Küchentür die greinende Stimme unseres Nachbarn vernahm, legte meine Schwester, die ihr Ohr an die Tür gelegt hatte, nur warnend einen Finger auf ihren Mund. – Ich, im Moment nur der lästige Bruder, sollte ob zu belauschender ungeheuerlicher Vorfälle gefälligst das Maul halten. Was ging da vor, so fragte ich mich, und warum war ich nicht der mit Sünden beladene Mittelpunkt?

„Was ist denn da in der Küche los?“, wagte ich endlich zu flüstern.

„Psssst“, Finger auf den Mund, ein ärgerlicher Blick, „dem Nachbarn ist heut Mittag sein Weib davon, hat ihren Koffer gepackt und ist einfach verschwunden. Nun plärrt und trenst der Alois eben. Mag sein, sie ging in die Stadt. Ich sag dir was, hier bei uns auf dem Land war es ihr eh immer zu langweilig gewesen, da kann ich sie durchaus verstehen. Und nun sei endlich staad, ich kann sonst nichts mehr hören.“

Ein Wunder, Großknecht, das von mir erflehte Wunder und vom heiligen Antonius ohne Umschweife gesandt. Ich war gerettet, ein Berg von der Größe des Tabor fiel von meinem Herzen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, welch große Erleichterung mir der Heilige verschafft hat. Es war schlichtweg meine körperliche und seelische Wiedergeburt. Doch nun lag es bei mir, die mir selbst auferlegte Buße zu tun und mein Versprechen gleichfalls zu erfüllen. Ja, ehrlich, ich wollte büßen, mein neues Leben seiner Kirche weihen. An die Nachbarsfrau und ihr Kind habe ich dabei allerdings nicht mehr gedacht.

Auch wenn du mich so ungläubig ansiehst, mein Lieber, beinahe wäre ich tatsächlich Priester geworden. Aber trinken wir aus, denn der Rest ist schnell erzählt. Ich studierte diesen einzig wahren Glauben, war aber von Anfang nur halbherzig bei der Sache, hätte mich folglich niemals einer Weihe unterziehen dürfen. Auf der einen Seite kam ich mit verschiedenen Dogmen nicht klar, konnte einfach nicht verinnerlichen, dass die Jungfrau Maria leibhaftig in den Himmel aufgefahren ist oder dass es einen Menschen auf Erden gibt, der in Glaubensdingen auf Grund von Offenbarung und kirchlichem Lehramt angeblich unfehlbar sein soll … Ein Mensch und unfehlbar?

Dir zu hoch, Großknecht? Mir auch, immer noch, obwohl ich nicht aufgehört habe, nachdem ich das Studium geschmissen hab, mich mit der Religion – und nicht nur mit einer – zu beschäftigen.

Fee-ausschnitt3Auf der anderen Seite erwachte während dieses Kirchenlateins ganz allmählich die Erkenntnis in mir, dass vielleicht irgendwo ein Kind von mir aufwuchs. Ohne Vater, der vor der Verantwortung aus Feigheit in den Schoß der Kirche geflohen war. Und solches quälte mich. Ich kam mit mir nicht mehr ins Reine. Da bin ich abermals weggelaufen, hab von einem Tag auf den anderen einer sicheren, auskömmlichen Laufbahn als Pfarrer entsagt und mich darauf in den verschiedensten Berufen versucht. Manchmal sogar mit Erfolg. Stets jedoch hielt ich meine Augen offen. Aber obwohl ich vielen Menschen auf meinen Wegen begegnet bin, des Nachbars Weib habe ich nie mehr gesehen, noch von einem Kind aus meinem Samen gehört.

Nun ja, Großknecht, das war es im Großen und Ganzen. Und weil der Mensch nichts ohne seine Wurzeln ist, ich besonders ein Nichts ohne ein Leben auf dem freien Land, habe ich mir den Hof auf Tabor gekauft. Irgendwann kamst dann du des Weges, hast angeklopft und stehst nun hier in Lohn und Brot – hörst mir sogar gelegentlich zu. Auch wenn du meistens nicht verstehst, was ich so von mir gebe und es am besten auch gleich wieder vergisst.

Macht nichts, Großknecht, ziemlich viele Menschen meinen, Wichtiges zu denken, Lebensnotwendiges zu ersinnen, gar verkünden zu müssen. Und doch sind ihre Gedanken meist für die Katz. Welche Gedanken, welche Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen kümmern schon das wahre Leben?

Eine lange Beichte, mein Lieber, und du musst nicht glauben, dass sie mir leicht gefallen ist. Doch im Nachhinein tat es gut, sich nach langen Jahren der Selbstvorwürfe einem Menschen zu öffnen. Selbst wenn derjenige nur mein Großknecht ist. Bittschön, behalte das Gesagte aber für dich, erzähl es entgegen meiner ursprünglichen Absicht noch nicht einmal Frau Holda. Ich denke, wenn die Zeit dafür reif ist, werde ich ihr selbst davon berichten.

Und nun wollen wir uns wieder den Dingen vor unserer Tür zuwenden, denn, Großknecht, draußen spielt die laute Musik.«

Hans-Dieter Heun, 2015 – Alle Rechte liegen beim Autor

Feenliebe-Cover-gross[1]

Ab 1. Februar 2015  bei allen einschlägigen Online-Buchshops erhältlich und selbstverständlich auch beim Buchhändler ihres Vertrauens. (aaVa-Verlag)

„Feenliebe“ – Leseprobe Teil 1

Der ehrwürdige Dichter und Denker vom Berg Tabor ging in sich und er lieferte.

Und siehe: Es war wohlgetan und so üppig, dass ich die Leseprobe von Hans-Dieter Heuns neuem Roman „Feenliebe“, die er mir so prompt zur Verfügung stellte, heute und morgen in zwei Häppchen geteilt darreiche.

Viel Vergnügen!

(Und für diejenigen unter uns, die immer alles ganz genau wissen wollen: Der Großknecht, zu dem der Bauer spricht, ist nach meiner Wenigkeit gestaltet.)

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»Großknecht, ich habe wirklich lange darüber gegrübelt, doch mich nun endgültig durchgerungen, dir einmal etwas über meine Vergangenheit zu erzählen. Möglicherweise verstehst du dann, warum ich manchmal so hochgestochen daherrede. Könnt aber ebenso sein, obwohl ich das nicht glaube, dass dich Frau Holda einmal danach fragt. Und dann will ich nicht, dass du Falsches berichtest oder dir gar deine eigene Mär zusammenspinnst. Komm, setz dich her, wir trinken einen Roten, das alles dürfte nämlich ein wenig länger dauern.

Mein Vater und die Mutter besaßen gleichfalls einen Bauernhof. Wo, das tut nichts zu Sache, schon lange her, und den Hof gibt es leider nicht mehr. Ist heute ein Golfplatz, wenige vornehme aufgeputzte Damen und meist zu dicke Herren vergnügen sich auf ehemaligen Feldern, die früher Menschen mit dem täglichen Brot versorgt haben … Entschuldige meine Bitterkeit, aber ich habe unseren Hof wahrlich geliebt.

Unter fünf Geschwistern war ich der Zweitgeborene, zwei Buben und drei Mädchen, und du weißt, was das bedeutet. Mein älterer Bruder musste irgendwann übernehmen, doch er war es, der unser Land schließlich an die Stadtmenschen verschachert hat. Die Schwestern wurden gut verheiratet, und ich, weil ich angeblich gescheiter als manch anderer war, sollte auf Forstwirtschaft studieren. Mir nur recht, wann immer es ging, streifte ich ohnehin durch das Holz, lauschte den Stimmen der Vögel, kannte den Unterschlupf von Hase und Reh, den Bau von Fuchs und Dachs, sammelte Beeren und viele essbare Schwammerl. Zugegeben, ich ging lieber in den Wald als auf den Sportplatz oder wie die anderen gleichaltrigen Deppen aus dem Dorf ins Wirtshaus zum Weißbiersaufen.

Das Holz war folglich mein zweites Zuhause, und zum großen Kummer meiner Großmutter, die das Tischgebet sprach und für Kirche und angeschlossene Pfaffen stets ein offenes Portemonnaie bereit hielt, insgesamt wohl auch die Hoffnung hegte, ich, der Zweitgeborene, würde nach alter Sitte Pfarrer werden, schätzte ich damals schon das Wunder eines lebendigen Baumes höher ein als die mit Gold und Silber bemalten Heiligenfiguren, die, aus einem toten Stamm geschnitzt, in der einzig wahren Kirche ihre Verehrung einfordern.

Ein langer Satz. Öha, Großknecht, verstehst du eigentlich, was ich gerade versuche dir begreifbar zu machen? Es geht hier um meine durch mein ganzes Denken und Fühlen begründete Abneigung gegen … Schmarrn, tut nichts zur Sache, kam eh ganz anders, als damals von mir geglaubt. Ganz anders, denn – wie heißt es so schön, mein Lieber? –, die Wege des Herrn sind unergründlich. Also pass auf, ich mache es auch ein wenig einfacher für dich.

Fleischliche Begierde – und schreib dir das gefälligst sogleich hinter deine ungewaschenen Ohren –, wird meistens vom Himmel bestraft und zu einer gar grausamen Geschichte. Ausgerechnet beim Schwammerlsuchen an meinem Lieblingsplatz im Unterholz traf ich die blonde junge Frau unseres Nachbarn mit einem Weidenkorb am Arm. Sie war ziemlich verschwitzt, hatte Tannennadeln im Haar und an der Bluse, roch aber trotz ihres Schweißelns nicht ungut. In ihrem Korb lagen schon etliche Reherl, ein paar Brätlinge, aber leider gleichfalls ein Pantherpilz. Jung und deppert, wie ich damals war, sagte ich frech: „Wenn du den Panther ganz verspeist, hast in zirka zwei Stunden einen Rausch, dass du die Englein singen hörst. Außerdem wirst davon websig!“

Ich weiß nicht mehr, ob mir die letzte Bemerkung der Beelzebub selbst zugeflüstert hatte. Normalerweise war ich damals eher einer von der schüchternen Sorte, einer, der sich das Unkeusche mit einer Frau zwar oft genug ausgemalt, jedoch noch nie erlebt hatte. Aber des Nachbars Weib nahm mir meine Frechheit nicht übel, sondern antwortete nur: „Na und, Hanserl, vielleicht will ich das ja sogar.“ Dabei tippte sie mir äußerst schamlos mit dem Zeigefinger auf meinen Bauch. Sogleich trieb es mir Feuerröte ins Gesicht, und sie bemerkte das selbstverständlich. „Ach, wie süß, unser kleiner Schwammerlkönig wird noch richtig rot.“

Ich war kein Hanserl, nicht klein, war Hans, groß und kräftig. Ich packte sie mit beiden Händen an ihren Schultern, wollte sie vielleicht etwas schütteln oder so … Ah, Großknecht, auf einmal machst du Augen wie ein gamsiger Bock! Vorher hast nur ziemlich gelangweilt in dein Glas gespitzt, aber nun, beim Geschlechtlichen, bist du hellwach. Dacht ich es mir doch, Schweinkram wirkt halt immer.

Fee-ausschnitt1Die Nachbarin drängte sich mir jedenfalls hitzig entgegen, langte nach meiner rechten Hand und legte sie auf ihre Brust. „Willst sie anpacken, Hanserl?“ Irgendwo, sehr wahrscheinlich sogar in der Bibel, hatte ich einmal gelesen „Brüste wie Melonen“. Und ich fühlte tatsächlich süße Melonen, obwohl ich noch nie eine gesehen, geschweige denn berührt oder gar gekostet habe.

Ja, Großknecht, wir haben geschnackselt, auf der Stelle im weichen grünen Moos. Und nicht nur an diesem Tag. Ihr Mann, der Nachbar, saß nämlich lieber beim Rösslwirt zu Amsham, als sich um seine junge Frau zu kümmern. Und die wollte mich, andauernd. Ich bekam bereits schwarze Ringe unter den Augen, ging jedoch so oft in den Wald, dass meine Mutter bald voller berechtigter Sorge bemerkte: „Was ist bloß los mit dir, Bub? Du wirst immer magerer und ausschaun tust wie gespiem. Vertragst etwa die viele frische Luft nicht … Oder hast vielleicht gar Würmer?“

Ich hatte keine Würmer, war aber dem blonden Weib und ihrer Unkeuschheit hoffnungslos verfallen. Bis, ja bis die Nachbarin eines Tages meinem Tatschen und Grapschen wehrte, in Tränen ausbrach und nur noch stammelte: „Hanserl, ich bin tragert!“

Der Blitz schlug ein, ich verbrannte vor Schrecken, denn damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Sie war verheiratet, sollte doch zumindest wissen, wie so ein Unglück zu verhindern ist. Ich musste ausgeschaut haben wie ein Ochs vorm Metzger, nur sie flennte immer weiter: „Ja, Hanserl, ich krieg ein Kind von dir, und das darf gar nie nicht sein! Der Alois, mein Mann, der schlagt mir mein Kreuz ab, der kann nämlich nicht. Also weiß er sofort, der Bankert ist nicht von ihm. Und wenn der Alois spannt, was ja nicht schwer ist, dass du der Vater bist, rennt er dir gleich die Mistgabel in den Leib!“

Ein Kind, ein Bastard, noch dazu gezeugt mit der Nachbarsfrau. Großknecht, verstehst du, was das zu jener Zeit bedeutete? Nicht nur Schande sondern bittere Feindschaft und blutige Rache zwischen Familien, die durch ihren seit Jahrhunderten aneinander grenzenden Besitz untrennbar verbunden waren. Eintracht, gar Freundschaft, die immer zwischen den Nachbarn geherrscht, war nie mehr zu retten. In Sekundenbruchteilen wurde mir das klar. Oh Gott, was war ich bloß für ein Depp gewesen. Ich, noch ein Schüler, wenn auch kurz vor dem Abitur – ja, schau nicht so ungläubig, später durfte ich sogar noch studieren –, hatte mich und zwei Familien aus purer Fleischeslust in die allerschlimmste Hölle geschnackselt.

Das, mein Lieber, war schlichtweg zu viel für mich. Ohne mich noch um die arme Nachbarin und ihr schmerzvolles Schicksal zu bekümmern, rannte ich aus dem Wald, von Furien dunkelster Gedanken gehetzt. Wohin? Nach Hause traute ich mich nicht, meine Mutter, selbst meine Großmutter hätten sofort gespannt, dass mit mir etwas nicht in Ordnung war. Sie hätten gefragt, nachgebohrt, und ich, zur Ehrlichkeit erzogen, hätte irgendwann alles erzählt. Das jedoch wäre das Ende der Geborgenheit, das Ende zweier Familien gewesen. Nein, ich brauchte ein einsames, tiefes, dunkles Loch, mich und mein offensichtlich Leid zu verstecken. Am besten für immer. Also wohin? In den Fuchsbau, wo es furchtbar stinkt und mich außerdem der Dackel des strengen Herrn Vaters binnen kürzester Zeit aufgespürt hätte? Siehst du, solch depperte Gedanken gingen mir damals durch meinen Schädel.«

Hans-Dieter Heun, 2015 – Alle Rechte liegen beim Autor

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Demnächst erhältlich in allen einschlägigen Online-Shops und selbstverständlich auch beim Buchhändler ihres Vertrauens. (aaVa-Verlag)

Endlich: Ein neuer Heun

Gestern erreichte mich folgende E-Mail von Hans-Dieter Heun:

Gruß aus Tabor, Freund Klammer,

noch nachträglich verbunden mit mit den besten Wünschen für frohes literarisches Schaffen im neuen Jahr.

Am 1. Februar erscheint offiziell mein Schwanengesang. Ob ich unseren Heimatroman noch fertig schreiben kann, steht wegen zunehmender Unbeweglichkeit in meinem Schreibfinger in den Sternen. Vielleicht kannst du ja dann das Ding fertig schreiben, obwohl es sich, sehr hinterfotzig, entgegen deinem Sonstigen entwickelt hat.

Aber nun zu meinem neuen Werk:

Feenliebe-Cover-gross[1]

Unter dem Hollerbusch sitzt eine Fee und singt.

Und manchmal denke ich,
Unser Leben drehet sich
Gleich dem Dasein der Elfen
In sanften Tänzen um ein Nichts.

‚Feenliebe‘ – ein neuer Heun, und zwar dreifach neu.

Die erfolgreiche Zusammenarbeit zweier armer Poeten: Martin Gehring, begnadeter Graphiker – in, um und um Ulm herum – gestaltete das Cover. Ich darf mich für seine einfühlsame Interpretation meines Textes mehr als nur herzlich bedanken. Ich mag seine Art und dieses besondere Umschlagsbild ganz besonders.

Mir selbst war neu, ist es immer noch, dass ich, im Allgemeinen hundsgemeiner Zyniker, derart besinnlich zu schreiben vermag: romantisch verklärt, feenhaft lyrisch, bäuerlich listig, manchmal sogar altersmilde philosophisch.

Zum neuen Buch: Vor etwa zwölf Jahren, nach meinen Umzug auf den Berg Tabor, packte mich die Landschaft, in der ich seitdem lebe, und ließ mich nicht mehr los. Aus vielen Gesprächen mit der heimischen Landbevölkerung, aus eigenem Erleben in Wald und Flur, aber auch aus den Überlieferungen der Altvorderen, der Kelten, mit ihrem Wissen um die Zusammenhänge in der Natur und ihren vielen Sagen, die sich um eine geheimnisvolle Anderswelt drehen, gewann ich den Stoff für diese wundersam erblühende Liebesgeschichte zwischen einer Holler-Fee und einem mit den vergehenden Jahren immer kauziger gewordenen Bauern.

Offizieller Erscheinungstermin: 1. Februar, aber möglicherweise nach Bestellung im Buchladen eures Vertrauens auch früher. Ergo nach ein paar Wartetagen erhältlich, weiterhin bei allen üblichen Versandhändlern oder, ganz einfach und versandkostenfrei, über die Webseite des Verlages: www.aavaa.de

Über eine Rezension von dir würde ich mich ’natürlich‘ ganz besonders freuen.

Dein lahmer Freund

Die Rezension kommt ’natürlich‘, wenn ich das neue Werk gelesen habe, das es selbstverständlich auch als E-Book geben wird. Schließlich lese ich HDs literarische Ergüsse ebenso eifrig wie er die meinen. Vielleicht reicht der Philosoph von Tabor mir ja auch eine kleine, exklusive Leseprobe nach, mit der ich meinen interessierten Blogbesuchern den Mund wässrig machen kann.

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