Aber ein Traum …

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wahrheit (Kurzgeschichte)

wahrheit
eine kurzgeschichte

die tränen des weinbergs ertränkten ein paar touristen. als dieses geschehen ruchbar wurde, schloss der bürgermeister seine fenster. er mochte doch mittags den gestank der verwesung nicht. der stadtrat beriet unermüdlich. der berg muss weg, da waren sich alle einig. ihm wurde daher vom findigen kämmerer vorgeschlagen, zum propheten zu gehen, da dieser schließlich noch nie hiergewesen sei. der berg weigerte sich trotzig und verbarg sein haupt in nebelschleiern. einige wanderer fanden deshalb über ihr ziel hinaus in den abgrund, der sie angewidert wieder ausspie.

montag vormittag. der raum ist weiß. er ist seit tagen weiß und das ist gut so. meine schmerzen sind nicht mehr so stark wie zuvor. sie sind noch da, selbstverständlich: sie haben sich nur versteckt, lauern heimlich in meinem schädel. wenn ich nach ihnen spüre und suche, bemerke ich sie. trotzdem werden sie mich überraschend überfallen. das tun sie immer und ich kann nichts dagegen machen. seit der raum weiß ist, haben die schmerzen mit mir waffenstillstand geschlossen. der tee, der dampfend vor mir steht, wird langsam dunkler. er ist bitter und seine hitze ätzt sich in meinen gaumen. der tee schmeckt nach dem regen, der gegen meine erblindeten fensterscheiben seufzt. wie lange ist das her? regen. wie lange ist es her? er lacht.

schau, ich bin auf dem weg. ich bin nicht weit von hier. du hörst mich. ist das nicht ein gutes zeichen? wenn wir uns schon hören, dann ist es nicht mehr weit. ich sehe auch schon ein licht, wo bisher schwärze war. siehst du es auch? ist das der morgen? ich wünsche mir, es wäre der morgen. ich möchte dich so gerne sehen. ich weiß genau, wie du aussiehst, obwohl ich dich noch nie gesehen habe. aber so vor dir zu stehen und deine blicke zu spüren, das ist doch etwas anderes. ich bin auf dem weg.

montag vormittag. ich schließe die augen und endlich kann ich wieder sehen. ich bin jetzt ruhig. der raum ist weiß, die schmerzen sind weit weg. meine hand streckt sich, noch vorsichtig, aber gierig. die finger tanzen hektisch, sie dürsten nach berührung. dann ist alles still. ein schwerer tropfen trifft meine nach oben gereckte handfläche, sammelt sich in der grube. er ist klar und durchsichtig und ich kann in ihm meine geschlossenen augen spiegeln sehen. er zittert ein wenig und krallt sich kalt an meiner haut fest. ich fühle sein feuchtes sein. die feuchte kriecht von der hand in meinen körper, gräbt eine hoffnungsvolle furche in meine stirn. mein mund will sich öffnen, meine lippen flüstern. soll es bei dem versuch bleiben?

ich bin in der nähe. so nah war ich dir noch nie. ich bin vor langer zeit aufgebrochen, um dich zu sehen. schwärze war damals um mich herum. ich erinnere mich genau, ich lebte mit vielen menschen in der schwärze. das war nicht einfach, aber ich musste nicht die tränen der anderen sehen, nur ihr weinen war lauter als die dunkelheit. immer stieß ich gegen mauern, wohin ich mich auch wandte. dann hörte ich von dir. der, der mir das erzählte, hatte einen seltsamen klang in der stimme. sie war gebrochen und gleichzeitig frohgemut, obwohl er dich noch nie gesehen hatte. er sagte, in seinem inneren würden helle feuer brennen. da habe ich mich entschlossen, dich zu suchen. ich irrte zwischen den mauern und die anderen nannten mich einen narren. ich irrte lange, es mag sein, dass es eine ewigkeit war. doch ich gab nicht auf. endlich fand ich hinaus. auch dort, jenseits der mauern, war nur schwärze, dunkler noch und wattiger als auf der anderen seite. fast wäre ich verzweifelt, doch dann ging ich einfach los, hinein in die dunkelheit, die vor der schwärze floh, die ich mit mir nahm.

ursprünglich hatten die Berge große flügel. sie flogen über den himmel und landeten auf der erde, ganz wie es ihnen gefiel. die erde erzitterte dann und schwankte. deshalb schnitt gott den bergen die flügel ab. er machte die berge an der erde fest. die flügel wurden zu wolken. seitdem sammeln sich die wolken um die gipfel.

montag vormittag. blut sprüht heran, vergewaltigt den jungfräulichen tropfen in meiner hand. ich öffne die augen. das weiß ist noch da, aber nun hat es begonnen, zu pulsieren. wenn das weiß nur bliebe! wenn ich es nur halten könnte! meine nägel haben sich zur faust gekrallt und in mein fleisch gebohrt. das rote rinnsal tropft zögernd in den tee. der aufguss verschluckt das blut. ich möchte wieder meine augen schließen, aber ich kann es nicht mehr. sie starren. jemand macht einen groben scherz. ich sehe nach ihm. er ist noch immer da und er beobachtet mich. blutige flecken wirbeln nun durch den raum. das weiß der wand ist besudelt. bald werden die schmerzen zurückkommen. ich sehe mir gleichgültig dabei zu, wie ich die teetasse gegen die wand schleudere. sie lässt dort einen klebrigen, braunen schweif zurück. doch die flecken lassen sich nicht vertreiben. so einfach machen sie es mir nicht. eine kleine nadel sticht in meinen kopf. durch mein ohr kriecht das nichts. ich presse meine hände gegen den schädel. ich will diese stille nicht hören, mich ekelt vor ihr. ich will nicht sehen, noch hören. mich foltert unstillbarer durst.

dann fanden sich hindernisse in den schatten, an denen ich meine knie blutig schlug. ich kann dir nicht sagen, was das war, du weißt, ich sah ja nichts. schließlich fand ich das licht. zuerst war es noch sehr entfernt und ich dachte, es sei ein trugbild. doch nun komme ich näher. vielleicht kommt auch das licht näher, denn manchmal habe ich den eindruck, ich würde mich auf der stelle fortbewegen. ist das der morgen? du weißt doch so viel, sag mir, ist er es? du schweigst. warum schweigst du? sag mir, warum du schweigst. hast du angst vor mir? ich höre dich jetzt atmen. dein atem erfüllt die dunkelheit um mich und schenkt ihr wärme, in der ich mich bergen kann. schläfst du vielleicht? wach doch auf und erzähle mir von dir. ich will lauschen.

montag vormittag. der raum ist rot. nun ist er wieder rot. schmerzen peitschen mich in einen fieberwahn. meine augen werden sich nun nie mehr schließen. die letzte gelegenheit ist vertan. er beobachtet mich noch immer. der raum ist tot. ich lebe.

nun musste der bürgermeister doch in das geschehen eingreifen, ob er nun wollte oder nicht. sein posten wackelte bedenklich und ihm wurde doch so leicht übel. er stellte sich also vor den weinberg und rief: „ich trage, wo ich geh und steh doch niemals eine uhr bei mir. denn das habe ich nicht nötig, da ich mich in einer uhr befinde. ich brauche nur den himmel und schon wird mir das verschwinden der zeit deutlich. mit der zeit verschwindest auch du. ich muss nur warten. das machen wir politiker so.“

da nickte der berg und ging. ja, ja.

Labyrinthe – Eine Erzählung aus der Heimat (Teil 2)

Labyrinthe
Eine Erzählung aus der Heimat

Beachtlich sind die zahlreichen Tierarten im Na­turschutzgebiet, wobei besonders zu erwähnen sind: das Damwild, Reh- und Schwarzwild, Hase, Fasan und Rebhuhn, aber auch die weniger auf­fälligen Tierarten wie Marder, Iltis, Fledermaus, Igel, Eich­hörnchen, Fuchs und Dachs sind im Natur­parkgebiet beheimatet. Neben zahl- und artenrei­chen Sing­vögeln sind noch eine Reihe von Greif­vögeln zu beob­achten, so insbesondere Mäuse­bussard, Sperber, Ro­ter Milan, Baum- und Turmfalke, Waldohreule, Waldkauz, Steinkauz und Schleiereule. Immer häu­figer konnen nun auch der Graureiher und der Weißstorch beobachtet werden.

Daniel ging die Wellenburger Straße hinunter zum Anhauser Weiher, dem ersten einer ganzen Kette, die das Anhauser Tal löchrig und sumpfig macht. Er nahm den Weg westlich um den Tümpel herum, bis er sich nach rechts wandte, um spontan einer Forststraße zu folgen. Die bisher reine Fichtenschonung wandelte sich in einen schönen Mischwald, in dem Buchen das lichtfleckige Grün saftig dunkelten. Nach etwa zehn Minuten verließ er diesen Hohlweg nach halb­links und gelangte schließlich zu einer Weggabel, an der er stehen blieb.

Die Aufzählung der Sehenswürdigkeiten im Natur­park wäre nicht vollständig ohne den Hinweis auf die Zeugnisse vor- und frühgeschichtlicher Besied­lung.

Und Elegorn war des Weges und der Kriege müde. Er setzte sich auf einen Baumstumpf, wandte sein Ge­sicht hinauf zu der hitzigen Sonne des späten Wid­dar. Dann betrachtete er nach­denklich den vor ihm liegenden Scheideweg. Wo­hin er sich auch wen­den würde, keiner der in den Wald geschlagenen Pfade würde ihn in die Heimat führen. Denn er hat­te keine, sie war längst verlo­ren. Und schau, da senkte sich eine verirrte Tau­be auf seine Schulter. Er schmiegte seinen Kopf gegen das gurrende Tier und weinte. Elegorn, der große Kämpfer der Inseln, der Bezwinger von Asha, der Grünen und Held von Fafnersaat, war einsam.

ich muss mal dumme wurzel hängengeblieben der hosenfall immer klemmt das gleiche mit wenn jetzt den neuen jeans jemand kommt aber außer mir ist wohl und latscht niemand so blöd bei der hitze im wald rum

„Ich werde ein Tagebuch in Gedichtform schrei­ben.“

gut das ist ein beim pinkeln guter gedanke habe ich immer die besten das erste gedicht einfälle wird die stille des waldes die blätter beschreiben erdrü­cken den laut so wird es was reimt sich auf laut be­ginnen scheiße auf die turnschuhe was gibt es ekli­geres ge­schifft als warme pisse zwischen den da ist eine ameisenstraße zehen die erreiche ich noch im urin mit dem strahl der strahl gotttes ersaufen auch eine art in meinem urin zu sterben es gibt sicher schlech­tere

„Wo habe ich meine Schultasche hingestellt?“

ach neben dem stift und papier baumstamm bevor ich den vers kein hauch an meinem ohr die haut ich fror vergesse ja klasse wollte ich mir nicht noch et­was was ist denn das aufschreiben zeugnis der kriti­sche schüler das zeugnis verfolgte bla bla bla den unterricht religion eins mathe fünf im fach sport konnte der schüler nicht idioten warum benotet wer­den habt ihr nicht geschieben der ziegler dass er sich den verstand weggesoffen hat während wir ein jahr lang aber nein fußball spielten der schüler konnte nicht der baum benotet werden da ist ideal ich hänge es dran wie einen vielleicht steckbrief fin­det ihn eine kopfgeldjäger und setzt sich was bedeu­ten auf meine spur eigentlich die geschmierten blau­en kreuze an alle fünfzig meter den bäumen ist ei­ner sollen die gefällt werden oder ist das ein wan­derweg für kurzsichtige

27. Juli, gegen Abend

die blätter erdrücken jeden laut, kein hauch kommt an mein ohr.
Streichelt sanft meine haut, so ich trotz der hitze fror.
ich wandte mich um und war allein, nur die tannen neig­ten sich
trunken von harz‘gem wein und ich fürchtete mich.
die sonne sandte ihre letzten Strahlen runter zu der erde,
lichtschwerter die verletzten, ich spüre, dass es nacht wer­de.

und scheiße oh die letzte strophe ist scheiße aber mir ist ich werde wohl heiß in der nähe übernachten da ist irgendwo die da habe ich schon buchkopfquel­le einmal einen wandertag gemacht hab mich verlaufen und damals da kann ich pennen die polizei gesucht

*

„Schau mal, der Zettel da.“

„Wo?“

„Na, dort, an der Tanne, nein, wo siehst du denn schon wieder hin?“

„Ach, ja, das sieht aus wie — Hast du meine Brille?“

„In der Tasche. Warte, ich suche sie.“

„Einmal möchte ich wissen, was du alles in deiner Tasche hast.“

„Hier.“

„Wirklich ein Wunder, dass du sie gefunden hast. Das ist tatsächlich ein Schulzeugnis. Ist heute nicht der erste Ferientag?“

„Nein, morgen. Heute war der letzte Schultag.“

„Mein ich ja. Zeugnis der Fachoberschule in Augs­burg. Für Daniel Sonnenberg.“

„Den kenne ich nicht.“

„Ja. Geboren ist er am neunzehnten März 19.., dann ist er jetzt auch neunzehn und in der 11. Klas­se. Folglich müsste er, ja, er müsste einmal durchge­fallen sein.“

„Ob er sein Zeugnis verloren hat?“

„Ruhe, ich lese.“

„Nehmen wir es mit oder lassen wir es hängen? Der arme Junge wird bestimmt danach suchen.“

„Was? Ach, das glaube ich nicht. Das Zeugnis hängt bestimmt nicht zufällig da. Aber hör doch mal: Der kritische Schüler folgte dem Unterricht meist auf­merksam und interessiert. Allgemein und im beson­deren im Fach Mathematik ließ jedoch seine Arbeits­moral zu wünschen übrig. Das Amt des Klassenspre­chers versah er mit Umsicht und Fleiß. Das ist eine wirklich schlechte Zeugnisbemerkung. Und erst die Noten! Hauptsächlich Vierer. In Religion hat er eine Eins, ausgerechnet. Und in Deutsch einen Zweier. Nicht gerade überragend. Dem Thomas hätte ich was erzählt, wenn damit nach Hause gekommen wäre. Ich hätte das Ding an seiner Stelle auch an ei­nen Baum gehängt. Und mich selbst dazu.“

„Das ist ein Dokument.“

„Und ein wichtiges auch noch.“

„Ja, ja, mach dich nur lustig.“

„Nimm meine Brille und stecke sie zurück, aber so, dass du sie gleich wiederfindest, wenn ich sie brau­che.“

„Nehmen wir das Zeugnis nicht mit? Wie könnten es doch mit der Post schicken.“

*

Daniel wachte sehr früh auf. Es fiel ihm schwer, in die Wirklichkeit zu finden. Er wusste nicht, was ihn geweckt hatte. Seine dünne Kleidung war voller Tau und feuchten Grasflecken, aber die Sonne, die durch die Stämme der Tannen zu seinem Schlafplatz her­über spähte, trug bereits die Wärme eines heißen Tages mit sich. Daniel riss zwei Seiten Gauss’schen Algorithmus aus seinem Mathematikordner und trat ins Ge­büsch, um sich zu erleichtern. Hier schreckte er ein kleines Tier auf, das pfeifend ins Unterholz flüchte­te. Er konnte nicht erkennen, was es war – ein Marder vielleicht? An der Buchkopfquelle wusch er sich und stillte trotz eines Warnschildes seinen Durst. Dann hockte er sich wieder in das feuchte, hohe Gras, das er in der Nacht niedergelegen hatte und genoss den jun­gen Morgen. Er schrieb ein Gedicht. Eine gute Stunde später schlenderte er den Weg weiter nach Burgwalden hinein, um im dortigen Gasthaus zu frühstücken.

28. Juli, sehr früh.

Wald
natürlich wäre hier nur
mein ekel.
aber die morgensonne
malt streifen
zwischen die fichten.
der tag erwacht.
vögel begrüßen den tag.
der necropole entkommen
fängt mich die romantik.

sitzen liegen das ist gehen nicht mein fall ich muss um nicht wieder gehen hereinfallen auf den alltag brüder grüßt mir die sonne brüder grüßt mir den burgwalder golfplatz im lichterschein

Der Weiler Burgwalden ist ein beliebtes Ausflugs­ziel inmitten der reizvollen Landschaft der Westli­chen Wälder. Hier am Ausgang des Anhauser Ta­les bilden Wälder, Wiesen und Weiher ein reizvolles Bild. Die Siedlung Burgwalden entstand vermutlich im elften Jahrhundert durch Brandrodung und hieß bis 1513 Ettenhofen. Besitzer war das Augsbur­ger Benedikti­nerkloster St. Ulrich und Afra, das die Herrschaft an verschiedene Augsburger Handels­familien verlieh. An den Kirchenbau von 1513 durch Ambrosius Höchstätter erinnert eine Inschrif­tentafel an der In­nenwand des hübschen Kirch­leins, das nach dem Übergang des Besitzes an das Haus Fugger eine Er­neuerung und im 18. Jahrhun­dert eine üppige spät­barocke Ausgestaltung er­lebte. Reizvoller Stuck und bemerkenswerte Holzfi­guren zeichnen den freundli­chen und gutgepfleg­ten Kirchenraum aus.

[Fortsetzung nächsten Sonntag …]

Labyrinthe – Eine Erzählung aus der Heimat (Teil 1)

Labyrinthe
Eine Erzählung aus der Heimat

 

„Wer versteht die Welt?“
„Nur, wer sich selbst versteht.“
Goethe, Märchen

Der Naturpark Augsburg – Westliche Wälder umfasst eintausendeinhundertfünfundsieb­zig Quadratkilometer Fläche. Er wird im Osten durch den Lauf der Wertach und der Schmut­ter, im Westen duch die Mindel begrenzt. Die Nord-Süd-Ausdehung reicht vom Donauried bis Türk­heim. Die sehr abwechslungsreiche Landschaft wird von zahlreichen Tälern durch zogen. Der hohe Waldanteil von vierzig Prozent setzt sich zu 80 Pro­zent aus Nadelbäumen und zu zwanzig Prozent aus Laubbäumen zusammen.

ob man magengeschwüre vom ehrgeiz bekom­men stillstehen kann heißt ich rückschritt stehe still aber ich gehe nicht sprichwörter zurück sind nicht sondern logisch eine emotion wer rastet irgendetwas der egal ausgerechnet heute hat der bus ausgerechnet heute hat er verspätung warten auf den sie bus sieht wieder hallo her

„Ich bin auch geil.“

ich fürchte wenn ich schuhfetischist ehrlich bin bin ich rote schuhfetischist pumps mit centabsätzen ihr körper ja tänzelt toll ja komm schon lass mich le­cken ja schon zehn nach wo bleibt eins der bus

„Ja. Stefan. Mir geht es gut. Klar, muss es ja.“

ja stef doch doch hast ja stehst recht aber in meiner blickfeld schuhe gesehen ich lecke sie siehst du mit den augen

„Ja. Stefan. Der Brunner ist ein Arsch. Am letzten Tag Mathe.“

rote lackpumps in seinem stecken arschloch span­nen hämorrhoiden

„Ja. Stefan. Ich warte auf den Bus. Ach, so, weiß ich nicht, vielleicht nach Spanien.“

hau zisch doch ich seh sie nicht stehst im weg komm

„Nein. Stefan. Ich weiß nicht, was bei der ersten Aufgabe rauskam. Ist mir auch egal jetzt. Wird eh nicht benotet. Ich bin beim Integral hängen geblie­ben.“

das ist jetzt nicht du dein ernst fragst die mathenull mich da bist du bist doch noch besser

„Nein. Stefan. x – i, ja, sicher.“

also als ob ich der stefan hat ferien und kommt mir mit mathe das ist sowas von tot

„Also, bis dann. Stefan. Klar, wünsche ich dir auch.“

endlich du als ob ich schwätzer also wenn sie das nächste mal werde ich lächeln herschaut das kann ich wenn ich gut mich traue ich habe heute früh die fische vergessen das schulhaus füttern sechs wochen zweiundvierzig tage kotze ich du bist grau auf dich schülerschreie in beton der satz gemauert ist gut schrei zu beton gemauert ich muss ihn bis daheim aufschreiben habe ich ihn sonst vergessen

„Wie die Fische.“

ach der bus drängle mann nicht kriegst schon so ei­nen hock dich endlich sitzplatz wo ist sie ah die schuhe los lächeln jetzt

„Nichts war‘s.“

Als Organisationsform haben die Initiatoren des Na­turparks am 30. Mai 1974 einen Verein gegründet. Die Gründungsmitglieder sind der Freistaat Bayern (Staatsforstverwaltung), der Regierungsbezirk Schwaben, die Stadt Augsburg, der Landkreise Augsburg, Unterallgäu, Günzburg, Dillingen-Donau. Als weitere Mitglieder gehören demVerein an: Der Landkreis Donau-Ries, die Gemeinden bzw. Märkte Bonstetten, Dinkel-scherben, Horgau, Markt Wald, Welden, Zusmars-hausen und Fischach, der Bayeri­sche Wald-besitzerverband, der Bayerische Bauern­verband sowie zahlreiche Einzelpersonen als för­dernde Mitglieder.

Die zwei heruntergeklappten Stufen auf einmal neh­mend sprang Daniel in den Bus. Einen Sitzplatz er­haschte er nicht mehr. Er blieb beim Einstieg ste­hen, stemmte sich gegen die rempelnde Masse, die ihm nachfolgte und sich an ihm vorbei ins Innere schob. Im Gewühl verlor er den Kontakt zu dem Mädchen, das immer so vielversprechend zu ihm herüber sah. Zischend schloss sich die Tür und die Haltestelle glitt nach einem scharfen Ruck nach hinten davon. Daniel ließ die abgewetzte, braune Schultasche zwi­schen seine Beine fallen. Er bemühte sich, dabei ein lautes, endgültiges Geräusch zu machen.

Zu den vordringlichsten Aufgaben des Naturpark­vereins zählt, das großräumige Gebiet als Erho­lungsgebiet zu erschließen und der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Heute ist ein umfangrei­ches Wanderweg- und Radnetz von rund zweit­ausendfünfhundert Kilometer Länge markiert und mit zahlreichen Brunnenanlagen und etwa fünf­hundert Ruhebänken versehen. Außerdem sind zwanzig Kilo­meter Reitwege, fünf Naturlehrpfade und Liegewie­sen angelegt. Eine ständige Sorge beitete dabei vor allem die laufende Sauberhal­tung des Waldes und der Landschaft, wobe der Naturpark auf die bereit­willige Mitarbeit von Ge­meinden und Waldarbeitern bauen kann.

„Was für ein Gesicht der machen würde. Er kommt rein und alle haben den gleichen Bart wie er.“

„Auch die Mädchen.“

„Alle schauen aus wie er. Oder er kommt rein und hinter ihm kommt einer rein, der schaut aus wie er.“

„Und der sagt: Guten Tag, mein Name ist Paul Schludi.“ (Gelächter)

„Der hochanständige Schüler….“ (Lachen)

„Hochanständig! Das einzige, was an dir hoch …“

„Nächste: Rotes Tor.“ (Lachen)

„Oder es kommt einer rein und hat einen Schlafan­zug an und eine Zahnbürste in der Hand und sagt: Was machen Sie in meinem Hotelzimmer?“

„Weißt du noch, der Langer?“

„Ja, ja, im U-Bahnhof. „Waaß, ßo weiid??“ (Geläch­ter)

„Oder, wie er sein Blatt umdreht und gesagt hat: „Ich muuß doch mal schaun, oob daß Käätche da beii Ihne auf den Bläddern au auff der lingen Seide ißt?“

„He, Daniel, weißt du:Deutschör Dualißmuß!?“

„Ja, ja.“

„Wenn ich es dir sage: Obergrenze minus Untergren­ze. Nicht umgekehrt. x – i war doch fünf.“

„Schau, mal. Die Blaue, jetzt steigt sie ein. Oh, Mann.“

„Die würde ich nicht von der Bettkante stoßen.“

„Oder es kommt einer rein …“

„Ich muss hier raus. Schöne Ferien, Jungs.“

„Schöne Ferien.“

„Schöne Ferien, Daniel.“

„Mach’s gut.“

Daneben ist das Augenmerk vor allem auf die Pflege und Erhaltung der Schönheit, Vielfalt und Ei­genart der Landschaft gerichtet, wobei die zahl­reichen Feldgehölze, Einzelbäume und Bachein­grünungen dem Besucher besonders angenehm auffallen. Aber auch die Waldbesitzer leisten ei­nen beachtlichen Beitrag bei ihren waldbaulichen Maßnahmen zu ei­ner abwechslungsreichen Ge­staltung der Waldbilder, insbesondere durch einen stufigen Waldaufbau, ent­sprechende Baumarten­mischung, Belassung von Altbäumen als soge­nannte Überhälter und harmoni­sche Gestaltung der Waldränder. Auf die diesbezüg­lichen beson­deren Anstrengungen sowohl der Oberforstdirektio­n Augsburg als auch der Kommu­nen und Großwaldbesitzer sollte in diesem Zusam­menhang dankbar verwiesen werden.

Daniel stieg langsam aus dem Bus. Er war nicht an der Endhaltestelle ausgestiegen und auch nicht in der Nähe der Wohnung seiner Eltern, bei denen er noch wohnte. Er verließ den Bus und ging willkür­lich die Straße hinab. Sie führte aus der Stadt her­aus. Zu seiner Rechten standen alte Fabrikbauten.

*

Es ist 17.23 Uhr Ortszeit an diesem Mittwoch, dem 27. Juli. Der Tag liegt staubig über der waidwunden Stadt. Eine angespannte Stille herrscht in den zer­narbten Straßen. Wenige verspätete Menschen eilen gehetzt zu ihren Wohnungen. Hinter hohlen Fens­terlöchern starren unruhige Augen.

Man erwartet die Nachmittagsflugzeuge mit ihrer Bombenfracht. Doch da wird in der Ferne das Wum­mern von Hubschrauberrotoren hörbar. Es gleitet näher. Ein junger Mann mit staubigem und fettig schwarzem Haar bleibt zögernd stehen, beschattet sein bärtiges Gesicht mit zitternder Hand. Sieben drohende Punkte sind über dem von der feindlichen Miliz beherrschten Stadtteil aufgetaucht. Sie vergrö­ßern sich rasch. Ihr Ziel ist ganz offensichtlich die­ses ehemals bessere Wohnviertel, auf dessen Haupt­straße sich der junge Mann nun besorgt umsieht. In seiner Nähe, aus einem Loch Schutt, das einmal ein Hotel ge­wesen ist, dringt Hundegebell. Notfalls kann er dort Deckung suchen, obwohl ihn, wie er weiß, nichts vor den Bomben schützen kann. Aber er wür­de sich geborgener fühlen und er müsste dem Tod nicht in die Augen sehen, wenn er kommt.

Jetzt schwärmen die Hubschrauber aus, einer hält direkt auf die Straße zu. Er kommt in niede­rem Flug heran, berührt fast die Dächer. Ein Auf­klärungsflug, will sich der junge Mann beruhigen, noch kommen nicht die Bomber. Da öffnet sich an der Seite der schweren Flugmaschine eine Tür, deutlich ist ein Soldat zu erkennen, der eine Last herabschüttet. Der junge Mann will fliehen, macht einen unsi­cheren Schritt, bleibt dann überrascht stehen. In seiner unmittelbaren Umgebung klatschen Gegenstände in den Sand. Es sind kleine Blech­autos, Puppen und Teddybären. Die Luftwaffe des Feindes wirft Spiel­zeug über dem zu Tode ver­wundeten Stadtteil ab.

Die Motorengeräusche verhallen hinter verkohl­ten Häuserleichen. Viele Menschen kommen aus ihren Verstecken, treten zaghaft ins ungeschützte Freie, als hätten sie Angst vor dem Sonnenlicht. Da bricht sich ein Kinderruf an den geschwärzten Wänden. Der junge Mann sieht sich um. Ein viel­leicht vier­jähriges Kind reißt sich von seiner tief verschleierten Mut­ter los. Sie versucht vergeblich, es zurückzuhal­ten. Das Kind trägt nur ein schmutziges Hemd, das ihm bis zum Knie reicht. Seine kleinen, kräf­tigen Füße stampfen zu dem jungen Mann, es patscht an ihm vorbei. Er erhascht ei­nen Blick auf leuchten­de Augen, die ein mageres, verhärmtes und schmutziges Gesicht überstrahlen. Das Kind stolpert auf einen größe­ren rosafarbenen Plüschbären zu, hebt das Ge­schenk der Luft vorsichtig und zärtlich in die Höhe und umarmt es. Jetzt treffen sich die Blicke der beiden. Sie lächeln.

Der Plüschbär explodiert. Das Kind wird in blu­tiges Fleisch zerfetzt. Durch den Sprengdruck de­toniert ein Spielzeugauto neben dem jungen Mann, dessen beide Beine abgerissen werden. Er fällt schwer zurück in den Staub. Dann ist es wieder still. Ruhe liegt auf dem Platz wie eine dicke Wolldecke. Spä­ter schreit eine Frau. Von der Ferne nähern sich Bomber mit ihrer Nachmittagsfracht.

[Zum 2. Teil …]

Der Engel im Spiegel – Kurzgeschichte (3. Teil)

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Der Engel im Spiegel

„Gott ist doch nie ein Teil der Lösung. Er ist immer nur ein Teil des Problems – oft auch seine Ursache. Deshalb, ich bin mir sicher, wird man schon bald das Theologische abschaffen, Religion unter Strafe stellen. Nur auf diese Weise kann die Menschheit im neuen Jahrtausend überleben. Mit dieser Großtat wird endlich das, was wir ‚Sinn‘ nennen, aus der Welt verschwinden. Wir werden glücklich sein. Und wir werden wieder Römer sein.“

ψ

klärungsversuch fünf: sammlung

an diesem morgen konnte ich nicht weiterleben nicht auf diese weise verloren weiterhin dahinschreiten auf meiner endlosen verschlungenen und in sich selbst verknoteten kette aus grün leuchtenden möbiusbändern blind im gestern nach dem morgen tasten und mich ewig im kreis der paradoxe drehen erwachend ich blickte auf den warmen sanft atmenden körper neben mir und wusste das alles musste ein ende haben nach gestern durfte es endlich nur mehr ein ewiges heute geben nie mehr ein schritt zurück mit dem erwachen trug ich bereits diesen gedanken ihn hatte mir ein traum eingeflüstert in dem ich auf einem hohen turm stand zwischen schnell dahintreibenden weinroten wolken ein halber schritt nach vorn war noch zu tun ein beinahe zufälliges verlagern des gewichts nur ja den rest machte die schwerkraft halb zog sie mich halb sank ich hin stürzte vornüber rasend schnell in den grünen abgrund über dem ich meinen turm aus lügen und vorurteilen errichtet erschütterte mich ein klarer gedanke erkannte ich die lüge die mich mein leben lang getrieben hatte zur seite kippend breitete ich nun meine arme wie adlerschwingen aus krallte mich mit den fingern in die Wolken klammerte mich an ihren gespinsten fest und schwang mich empor hinauf umkreiste den turm gleich einem ewigen gesang dann fasste ich mit dem blick den horizont er leuchtete über den nebeln des abgrunds schau da flog ich tatsächlich in den jungen morgen da hinten das morgen erwartete mich und neben mir waren plötzlich viele andere gedankenschnell waren wir alle unterwegs gemeinsam auf dem weg in die zukunft der ich mich so lange verweigert hatte der schwere schwarze schatten des turms konnte uns nicht mehr erreichen wir badeten in einer zärtlichen sonne wir waren glücklich:

Ich erwachte neben der Frau, die ich liebte und wusste, dies war der erste, dies war der letzte Tag.

ψ

… erschöpfend: Noch war ich nicht am Ziel. Trotz der Enge des Aufstiegs, die so verführerisch eine einzige Richtung vorgaukelte, nämlich die hinauf zur Plattform, galt es doch weiterhin, mit jedem Schritt Entscheidungen zu treffen. Bei unserem kurzen Treppensteigen den Turm empor lagen unendlich viele Kreuzungen versteckt, Scheidewege trennten sich, Irrpfade täuschten uns und Abzweigungen fanden sich zur Genüge. Sie alle führten in eine andere Zukunft, als in die, dich ich formen wollte. Lenkten von dem Weg ab, den ich so hoffnungsvoll wieder und wieder mit ihm begonnen hatte.

Ich wusste von unseren vorherigen Besteigungen, dass die hier in den unteren Stockwerken noch bequem zu begehende Treppe weiter oben in einem schmalen Turmzimmer an einer fast senkrechten Leiter endete. Sie war die letzte Anstrengung, die es zu überwinden galt, um gemeinsam hinauf auf die Aussichtsplattform zu gelangen. Das war die heikle Stelle, an der er schon mehrmals abgebrochen hatte. Ihn erneut zu überzeugen, würde schwierig werden. Zudem rutschten kurz vor der Luke ins Freie die Seitenwände so nah an die unzureichend beleuchtete Leiter heran, dass sich jeder, der sie zum ersten Mal empor stieg, heftig den Kopf an einem großen Holzbalken stieß. Einmal hatte sich der ältere Mann dabei eine stark blutende Platzwunde an der Stirn zugezogen, einmal war er sogar rückwärts hinabgestürzt. Ich hatte gerade noch rechtzeitig abbrechen können, bevor er auf mich fiel und mich mit sich in die Tiefe riss. Diesmal würde ich ihn rechtzeitig warnen können, auch wenn dadurch nicht alles vollkommen perfekt würde. Manchmal müssen aber neunundneunzig Prozent genügen.

… ein wenig Geduld: Noch war es nicht so weit. Noch befanden wir uns in den unteren Stockwerken. Mein Begleiter ließ mir bald den Vortritt beim Aufstieg. Bereits nach zwei Kehren kam der große, schwere Mann außer Atem, nur mühsam Anschluss haltend, stapfte er hinter mir die knarrenden Stufen empor. Obwohl er sich für sein Alter fit hielt, Tennis spielte und jeden Morgen auf seinem Rennrad zwei Stunden durch die Hügel fuhr, musste er dem Brunello und dem eben genossenen Abendessen seinen Tribut zollen. Auch mir standen schnell Schweißperlen auf der Stirn. Die großen Quader, aus denen einst das Kaufmannsgeschlecht seinen angeberisch hohen Turm errichtet hatte, waren durch einen langen umbrischen Sommer aufgeheizt und gaben ihre schwüle Wärme großzügig in die stickigen Innenräume ab.

… ausruhen: „Das ist ja interessant“, keuchte mein Begleiter und trat näher an einen halbblinden Kunststoffkasten heran, in dem sich ein undurchschaubares Gewirr aus Gewindestangen, Zahnrädern und Federwerken bewegte und einen erstaunlichen Lärm erzeugte. Wir hatten die Ebene erreicht, auf der das sorglose und technikbegeisterte 19. Jahrhundert eine große hässliche Uhr in den Turm eingebaut und seine ursprüngliche Symmetrie zerstört hatte. Freilich interessierten ihn das mühsam tickende, wie unter Schmerzen stöhnende Uhrwerk und die in die Mauer gebrochene Wunde nicht. Er nutzte die Gelegenheit, wieder zu Atem zu kommen, ohne vor dem jungen Wolf das Gesicht zu verlieren.

… Geduld ist am Ende die einzige Tugend, die die Zeit lehrt: Ich blieb direkt neben ihm stehen und ließ ihm die Illusion, dass er mich täuschen konnte.

„Diese Kaufherren wollten allen ihre Größe und ihre Macht zeigen“, gab ich meinem Begleiter die Zeit, die er benötigte, um tief ein- und schnell wieder ausatmend seinen Herzschlag zu beruhigen. „Ihr Geschlechterturm überragt seit nun bald siebenhundert Jahren den schlanken Glockenturm der Dorfkirche fast um das Doppelte. Als sie ihn errichteten, war das Christentum eben bedeutungslos geworden. Es war ein hübscher Verlierer, aber tot. Nichts weiter als ein anachronistischer Wiedergänger, der mit mahnendem Blick in die Zukunft schaut und dort nur den Friedhof seiner Ambitionen sieht. Ein neues Zeitalter dämmert am Horizont, es ist die Zeit der Bürger, der Krämer und Geldleute. Dieser wehrhafte Turm ist ihr Denkmal. Er deutet wie ein Finger hinauf zu den Sternen und fordert Unsterblichkeit, will vom ewigen Ruhm seiner Erbauer künden. Doch bald schon kamen Soldaten aus Florenz, danach die Venezianer, Spanier, Franzosen, Österreicher und noch viele weitere Eroberer. Immer wieder brannte der Turm. Zuletzt zündeten ihn die Nazis an. Der letzte Nachfahr dieses Geschlechts aus Kaufherren starb bei der Schlacht von Goito im ersten italienischen Unabhängigkeitskrieg. Und nun ist der Turm nur noch ein weiteres Beispiel der menschlichen Hybris und zeigt den Dörflern, wann sie mittags die Gitter vor ihren Läden schließen dürfen.“

„… und die Uhr geht ein paar Minuten vor“, ergänzte mein Begleiter lächelnd. Er atmete wieder ruhig und gleichmäßig. Aus seiner Tasche holte er ein Stofftuch, mit dem der sich sorgfältig über die Stirn und dann über den Nacken wischte.

… diesmal fand ich die rechten Worte: Nun musste ich ihn vorbereiten. Wieder einmal überraschte er mich. Er sprach die Gedanken aus, die ich noch im Geist formuliere.

„Der Moment vor der Erkenntnis ist ein schmerzhafter“, sagte er und wagte sich noch näher an mich heran. Unsere Oberarme berührten sich. Ich machte ihm Mut und lege meine Hand auf seine Schulter. Ganz nah an sein Ohr ging nun mein Mund. Er hatte diese kleine Belohnung verdient. Wenn ich es wollte, konnte ich nun mit meiner Zunge, ach, der weinroten, wortmächtigen, die durchsichtigen, feinen Haare kitzeln, die wie ein Flaum die Haut seiner Ohrmuschel bedeckten und sich unter meinem Atem zitternd aufrichteten.

„Ja. Er fordert vollkommene Klarheit und Entschlossenheit. Aber immer tut er weh. Sein Licht blendet und brennt deine Seele aus wie ein Feuersturm“, flüsterte ich ihm zärtlich zu und sah gleichzeitig durch eine schmale, wie eine Schießscharte geformte Fensteröffnung in der Wand neben der Uhr, Hinter ihr sank der aufgeblähte Sonnenball allzu eilig herab. Bald würde er die Spitzen der nachtschwarzen Zypressen auf den Hügeln im Westen berühren, von denen bereits wie feines Gewebe durchsichtiger Dunst emporstieg. Wir hatten nicht mehr viel Zeit. Aber diesmal, ich wusste es, würde es nur den einen Weg, den Weg nach vorne, den Weg nach oben geben. Keine Kreuzungen mehr, keine Zweifel.

… drängend: „Komm, eine letzte Anstrengung noch. Dann stehen wir auf dem Turm, den man nur einmal empor steigen kann.“

Er wand mir seinen Kopf zu, sah mir in die Augen. Zuversicht konnte ich dort lesen, Erwartung, auch Erregung. Und Furcht. Für einen kurzen Moment war sein Blick der eines Kindes, das hofft, aber schon zu oft enttäuscht wurde. Ich hatte erst gestern diesen Blick gesehen, bei den beiden Engeln, die die schwangere Madonna begleiteten, dort in dem alten Schulhaus. Gestern, als ich noch in einem ewigen Heute lebte, in einem anderen, mir selbst fremd gewordenen Leben, das ich beenden musste.

„Wir sind gleich oben. Aber gib acht“, mahnte ich, „stoß dir auf der Leiter nicht den Kopf an den Balken an.“ Falls mein Begleiter überrascht war, weil ich das Innere des Turms bereits zu kennen schien, verriet er das mit keiner Geste und mit keinem Wort. Er zögerte nur kurz, dann nickte er und wand sich wieder der Treppe zu. Diesmal blieb ich hinter ihm.

…schließlich: Wir standen auf der Plattform. Vielleicht hatte der Wind die Samen emporgetragen oder ein Vogel in seinem Schnabel. Zu unserem Erstaunen wuchsen dort oben auf magerem Erdreich und zwischen bröckelnden Bodenplatten mehrere alte, verkrüppelte Steineichen, die man von unten nicht sehen konnte. Es war, als würden wir in einen einen kleinen, heidnischen Hain eintreten. Ich hatte diese Umgebung nicht erwartet, da es mir diesmal zum ersten Mal gelungen war, bis hinauf auf die Spitze des Turm zu gelangen, aber sie war perfekt, wie für eine Theaterinszenierung vorbereitet. Ich fragte mich, wie die knorrigen, windschiefen Bäume bewässert wurden, denn ihr Grün war üppig und kräftig.

Diesmal hatte sich mein Begleiter nicht verletzt oder war erschöpft und enttäuscht wieder abgestiegen. Mein Plan hatte endlich funktioniert. Ich trat zur Seite und warf einen neugierigen Blick über die lächerlich niedrige Brüstung hinunter auf die Piazza gut sechzig Meter unter mir. Für mich schienen Jahre vergangen zu sein, seit wir dort unten auf der Terrasse des Ristorantes zu Abend gegessen hatten, aber es war tatsächlich höchsten eine Viertelstunde vergangen. Die Schatten erreichten bereits die Dächer des hoch über die umliegenden Hügel hinausragenden Dorfs und färbten die ihre Ziegel dunkelrot. Der riesige orangerote Glutball der Sonne, dessen Strahlen noch immer stechend im Gesicht brannten, stand nur noch eine Handbreit über einem Band aus geschmacklos rosafarbenen Wolken. In den Lücken, die sie ließen, war der Horizont durchsichtig türkis, fast grün. Sogar die Natur arbeitete eifrig mit, diesem Moment Feierlichkeit und Erhabenheit zu schenken.

… spähend: Die Bustouristen folgten ihrer Reiseführerin erleichtert und von der Kultur überfordert in eine billige Pizzeria am Ortseingang. Der Platz zu meinen Füßen leerte sich flink. Ich fand die Gesuchte endlich auf den Stufen der Säulenhalle vor dem Rathaus sitzend. Wenn ich es recht erkennen konnte, hielt sie ein cono gelato in der Hand und sah aufmerksam zu mir empor. Ja, jetzt winkte sie sogar. Sie hatte mich bemerkt. Eine plötzliche Wärme pochte in meiner Brust und machte sie eng. Da saß der Engel, wegen dem ich auf den Geschlechterturm gestiegen war und leckte abgelenkt an seinem Eis. Geduldig wartete sie am vereinbarten Treffpunkt.

Mein Begleiter, der noch immer genau in der Mitte der kleinen Aussichtsplattform zwischen den Eichen gestanden war, trat zögernd zu mir. Dabei kramte er in der Innentasche seiner dünnen Leinenjacke und zog eine schmale Brille heraus, die er umständlich auseinanderklappte und dann aufsetzte. Ihren Bügel ließ er dabei allerdings nicht los. Er gab ihm offensichtlich den Halt, um seine Höhenangst zu überwinden. Nur kurz warf er ebenfalls einen schaudernden Blick hinab. Dann trat er sofort wieder zurück vom Rand und verstaute wieder seine Brille.

Bevor er sich bewusst werden konnte, dass hier oben außer einem durchaus beeindruckenden Sonnenuntergang, den er allerdings so oder ähnlich auch von der Westterrasse seines Feriendomizils aus hoch über dem Silberrauschen eines Olivenhanges genießen konnte, nichts Bemerkenswertes zu entdecken war, musste ich handeln. Entschlossen schwang ich mich auf die nur zwei Hände breite Brüstung, drehte mich nach innen und balancierte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten. Mein Traum der vergangen Nacht kam mir wieder in den Sinn.

Der ältere Mann riss erschrocken die Augen auf und seine aufkommenden Zweifel verschwanden schlagartig aus ihnen. Auch von unten hörte ich Rufe. Sah Chiara, was ich tat? Egal, sie würde es gleich wieder vergessen haben.

… entsetzt: „Mein Junge“, rief der Mann, „mach dich nicht unglücklich!“

Ich musste lachen. Hatte er das wirklich gesagt? Mach dich nicht unglücklich? So eine banale Reaktion hätte ich ihm nicht zugetraut. Da hatte ich mehr von ihm erwartet. Ich wollte einen gebildeten Zeugen, der meine Tat wie einen Schluck edlen Rotwein oder wie eine Messerspitze überreifen Käse genießen konnte. Doch nun war es zu spät, zurückzugehen, einen anderen zu suchen. Ich war am Ende meiner Reise angelangt.

„Ich stehe am Scheideweg zwischen zwei wunderschönen Frauen“, sagte ich und tänzelte einen Schritt zur Seite. „Wie Engel sehen sie aus. Sie locken zu sich und flüstern mir ihre süßen Lügen zu, werfen verheißungsvolle, alles versprechende Blicke auf mich, zeigen mir ihre Reize. Sie heißen Aretē und Kakia. Sie sind die Tugend und die Schlechtigkeit. Die Umarmung der einen führt in die Freiheit, die der anderen in meinen Untergang. Doch beide Mädchen, die grün gekleidete und die rot gekleidete: Sie sehen genau gleich aus, ihre Stimmen sind die selben, die Haut von beiden ist weich und zart. Sie spiegeln einander in einer endlosen Vexierspiel. Ich kann nicht erkennen, welche die Gute ist und welche von ihnen mir schaden will. Ich stehe und schaue und wage es nicht, mich für eine Seite zu entscheiden.“

Mein Begleiter schnalzte mit den Lippen. Er wurde etwas ruhiger, wollte wieder an die Übereinkunft glauben, die wir getroffen hatten. Er war hier, um zu genießen, deshalb war er mir gefolgt. Unser Spiel der Worte war ihm nichts mehr als ein exquisites Dessert nach einem gelungenen Gastmahl an einem weiteren perfekten Tag in seinem umbrischen Paradies.

„Diese Parabel erzählt uns Prodikos von Keos. Sogar Jesus muss von dieser Geschichte gehört haben. Doch bist du Herkules?“, fragte der Besserwisser, der mit einem Mal begann, mir lästig zu werden. Ich ging nicht auf ihn ein. Das musste ich nicht mehr o knapp vor dem Ziel.

„Ich habe mein Leben damit verbracht, den richtigen Weg zu finden. Ich tastete mich vorsichtig in die eine Richtung, kehrte um. Versuchte die andere und lief feige mit eingezogenem Schwanz zurück zur Kreuzung. Doch nie fand ich heraus, welches der Mädchen Aretē und welche Kakia war, welcher ich trauen und welche mich verraten würde.“ Ich machte eine Pause, genoss den atemlosen Moment in der Zeit. Wie der Gekreuzigte stand ich mit weit auseinander gestreckten Armen auf der Ziegelsteinmauer hoch über der Piazza. In meinem Rücken ging die Sonne unter.

„Doch nun endet das Spiel“, fuhr ich fort. „Ich habe einen dritten Weg gefunden. Er ist ganz einfach zu betreten. Es ist seltsam, dass ich ihn immer übersehen habe, wo er doch so deutlich vor mir lag.“ Ich verlagerte mein Gewicht etwas zurück und schloss die Augen. Ich begann zu zählen: Von ‚Zehn‘ rückwärts auf ‚Null‘.

Bei ‚Drei‘ kippte ich nach hinten und fiel. Jemand schrie – über mir, unter mir. Ich weiß es nicht.

Meine Hände griffen in die Gespinste der Wolken.

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„Zeit ist Leben und Leben ist Verantwortung und Verantwortung bestimme deine Zeit. Weder Vergangenheit noch Zukunft gibt es, sondern es gibt eine Gegenwart der vergangenen Dinge, eine Gegenwart der gegenwärtigen Dinge, eine Gegenwart der zukünftigen Dinge. Diese drei Zeitformen nehmen wir in unserem Geiste wahr, aber sonst nirgendwo. Denn Zeit wohnt in deiner Seele.“

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klärungsversuch sechs: wahrheit.

glaube mir ich habe es auch nie verstanden aber von anfang an war ich anders ob ich die gabe bereits im mutterleib und in den ersten jahren meiner kindheit besaß ich weiß es nicht aber ich vermute es schließlich sind die frühen jahre endlos sie kennen keine zeit kein heute kein morgen dass ich in einem ewigen heute lebte und jederzeit zurück gehen konnte von heute nach gestern und vorgestern und gestern und vorgestern wieder ein heute waren erkannte ich erst spät fast zu spät in den jahren meiner pubertät für mich war die zeit nie eine einbahnstraße ich konnte immer wieder zurückkehren zurücktreten noch einmal versuchen und wenn es wieder nicht gelang noch einmal und wieder und wieder und wieder von innen sieht das hamsterrad wie eine leiter aus die mich hinaufführt doch tatsächlich brachte es mich nie vom fleck:

Bis ich zwischen zwei Engeln meiner Liebe begegnete.

ψ

…wieder: „Ich habe satt!“, und legt beide Handflächen vor sich auf den Tisch. Er dreht sie langsam nach oben, mustert mich über seine randlose Lesebrille mit weinschwerem Blick.

„Da muss es doch noch etwas anderes geben“, fährt er mit gespielter Verzweiflung fort, „einen dritten Weg!“ Ich sehe, seine Hände wollen zwei Waagschalen bedeuten, in denen er das Gewicht seines Schicksals schätzt. Ich kann seine Weinerlichkeit nicht länger ertragen. Sein Selbstmitleid ekelt mich an.

„Ja, den gibt es“, erwidere ich und stehe entschlossen von dem Terrassenstuhl auf. „Ich bin ihn gegangen.“

Ohne ein weiteres Wort wende ich ihm den Rücken zu und trete hinaus auf die hitzestarre braune Piazza, die in der abendlichen Sonne brät. Eine Taube flattert müde auf. Ich spüre den überraschten Blick des älteren Mannes in meinem Rücken, aber er lässt mich ohne einen Kommentar ziehen. Wahrscheinlich fragt er sich, wie er sich so in mir täuschen konnte.

Mein Ziel ist ist das alte Renaissance-Rathaus am anderen Ende des Platzes, weit weg von dem arrogant hohen Geschlechterturm, den ich mit keinem Blick würdige. Ich habe Zeit; schlendere gemütlich über das holprige Pflaster. Ich setze mich auf die Stufen vor der großen Säulenhalle, in der am mercoledì der Wochenmarkt stattfindet. Ich warte geduldig. Bald wird sich hinten durch das Stadttor eine Wagenladung Touristen quetschen. Der ältere Mann, den ich so schnöde an dem Tisch vor dem Ristorante sitzen ließ, diskutiert eifrig mit dem Kellner. Er scheint mich schon vergessen zu haben.

„Ciao,“ sagt eine helle, frohe Stimme und Chiara setzt sich neben mich. Sie hält in jeder Hand eine Tüte gelato. Umständlich schiebt sie mit dem Oberarm ihre langen Haare zurück und gibt mir dann einen zärtlichen kalten Kuss auf den Mund. Er schmeckt klebrig nach dem Wachs ihres weinroten Lippenstifts und nach Himbeereis. Ich verliere mich in olivengrünen Augen und lache glücklich.

Mein dritter Weg wird keine Kreuzungen kennen. Er wird mich geradeaus in die Morgen führen, die nun vor mir liegen.

An der Seite der Frau, die ich liebe.

Der Engel im Spiegel – Kurzgeschichte (2. Teil)

 

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Der Engel im Spiegel

Wenn man nun dermaßen über sich selbst nachdenkt, bleibt einem gar nichts anderes übrig, als einzusehen, dass derjenige frei handelt, der tun kann, was er will und unterlassen kann, was er will, und dass Freiheit nichts anderes ist als das Fehlen äußerer Hindernisse.“

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klärungsversuch drei: annäherung.

der reine ich bin versucht zu sagen nackte physikalische vorgang ist keiner der anstrengung oder gar schmerz bereitet bereits als kind hatte ich keine probleme einen oder mehrere schritte zurück zu gehen ich schließe die augen sehe mit dem inneren blick in den spiegel meiner selbst zähle langsam rückwärts von zehn auf null und während dieses zögernden versenkens des rückzugs in den selbstpanzer stelle ich mir die szene um und so plastisch vor wie nur möglich versuche alle umgebung wiederzuerwecken geräusche gerüche licht und das spiegelbild für das es keine worte gibt da sie nur leere abstraktionen für ehrfurcht sind das ist nicht schwerer als joga selbsthypnose autogenes training lange geübt perfektioniert und in neunundneunzig von hundert fällen geht alles glatt ich rutsche zurück:

Irgendwann wird es mich töten und auch die anderen werden totbleiben.

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drängend: In der Mitte Italiens sind Öffnungszeiten nur ein unverbindlicher Rahmen. Dennoch waren der ältere Mann und ich schon etwas spät dran, wenn wir noch auf den Turm steigen wollten. Aber sein bedauernder Blick zurück auf den Tisch, auf dem eine neue Karaffe Brunello stand, war nur kurz. Ich schob ihn über die flimmernde Ziegelröte der Piazza, sanft die Hand auf seine Schulter gelegt, dabei genau den nötigen Druck ausübend. Es tat Not, sich zu beeilen, denn jeder Augenblick verlor Stimmung, die ich vorher mühsam aufgebaut hatte. Und ich hatte keine Lust, alles noch einmal von vorne zu beginnen. Dies war der letzte Versuch.

Nehmen wir an, wir haben gar keine Möglichkeit“, flüsterte ich ihm daher mephistophelisch schmeichelnd ins Ohr, zum ersten Mal seinen Geruch aufnehmend, „denn wir sind determiniert. Alles ist uns vorbestimmt und unser Leben scheint uns nur voller Alternativen, obwohl sie keine sind.“

Er roch nach Zimt, Rotwein und ein wenig auch nach Schweiß, eine scharfe, appetitliche Mischung. Wie gewünscht blieb er stehen, wandte sich halb zu mir. Der Respekt kehrte zurück und ich konnte mich vorbereiten; atmete die Umgebung ein. Vom Tor her trat eben eine Gruppe Touristen auf den hitzestarren Platz, folgte nur widerwillig der kulturtrunkenen Führerin. Immer häufiger zuckten die Blicke neidisch und ungeduldig hinüber zum Cola-Automaten der paninoteca und zu den staubigen Postkarten vor dem tabaccaio. Dieser Menschenhaufen belastete die perfekt erhaltene Renaissance-Symmetrie der Piazza und brachte sie fast zum Kippen.

„… mit einem Geschlechterturm aus dem trecento, bis hinein ins 16. Jahrhundert mehrmals aufgestockt … die Kaufmannsfamilie hatte … Wappen an der Westfront belegen, beste Kontakte zum Bankhaus ‚Fugger’ … ja, hier ging die Handelsroute über Perugia nach Rom …“, hörte ich Mosaiksteine von Lexikonwissen über der Reisegruppe ausgeschüttet. Ich überlegte, ob eine Korrektur sinnvoll war. Aber nein, der Moment war zu perfekt.

wie zum Beweis: „Das ist doch meine Angst“, erwiderte mein Freund und machte einen Schritt in den Schatten des Turmes, der den Platz inzwischen als dunkler Fluss in zwei Ufer teilte, „auch unsere Taten, auf die wir stolz sind, unsere Entscheidungen und Liebeserklärungen sind möglicherweise nur Wirkung. Versteh’ mich recht!“ Er hob einen mahnenden Zeigefinger, während sich die Hand zur Faust ballte. Mir war, als wolle er diese Gedanken festhalten und nie mehr loslassen. „Alles was wir machen und sagen, hat Ursache. Das ist banal und es beunruhigt mich nicht. Schrecklich ist jedoch die Umkehrung.“ Kopfschütteln. Eine kurze Pause: Etwas bleibt ungesagt. Dann erneutes Kopfschütteln: „Ich glaube, mich für eine Alternative entscheiden zu können – doch das ist Trug, ein Wahnbild. Es war schon vorher festgelegt, was ich mir erwähle. Ich hänge an klebrigen Fäden, die mich ziehen. Ich weiß es nur nicht. Alles was ich bin, ist Wirkung. Freier Wille nur der feuchte Traum einer Marionette.“

Gut: Er hatte sich Gedanken gemacht.

Schlecht: Das war das Gespräch, das ich mit ihm im Torre führen wollte, beim langen, schimmeldunklen Anstieg durch das knarrende Treppenhaus, diesem Gebärmutterkanal hinauf ins Licht. Nur eine kleine Änderung und der ganze Ablauf verändert sich.

Hältst du das für eine gute Idee?“, ließ sich mein Begleiter ablenken und blieb direkt vor der Eingangstür des Turmes stehen. Er deutete eine Gasse hinab, wo verblichene Kunststoffvorhänge und eine „Hausbrandt“-Reklame lockten. „Ich genieße unser Gespräch, aber wollen wir es nicht beim Wein fortsetzen und anschließend in die Bar? Dort gibt es einen Grappa aus der Gegend. Dann fahren wir zur Fattoria. Ich habe dort ein paar interessante Bücher, die ich dir zeigen möchte“, köderte er. Eine Besorgnis zeigte sich als Falte auf seiner Stirn.

wohl abgewogen: „Wir haben zwei Optionen: Zurück in die Welt“, ich machte eine wegwerfende Handbewegung hinüber zu dem schnatternden und fotografierenden Menschenhaufen, der sich nun wie eine Krankheit langsam auf der Piazza verteilte, „oder wir steigen auf den Turm, auf den man nur einmal steigen kann. Aber vielleicht wurde die Entscheidung schon längst für uns getroffen.“

Er lächelte und griff an seinen Gürtel, holte sein Smartphone heraus und stellte es ab. Nichts sollte ihn ablenken. Er hatte entschieden und stieg in meiner Achtung.

In der muffigen Eingangshalle saßen hinter einem kleinen Tisch zwei ältere, geschnitzt wirkende Frauen. Beide strickten an einem undefinierbaren Kleidungsstück. Im Türrahmen stehend sah ich noch einmal zurück auf den umbriafarbenen Platz. Nein, die Touristen machten keine Anstalten, uns zu folgen. Mein Glück hielt an; es war keine Korrektur nötig. Beide Frauen sahen auf. Es bewegte sich kein Muskel in ihren konzentrierten Gesichtern, ihr Blick war scharf und lauernd, die Pupillen schwarze, abgelutschte Olivenkerne. Sie hätten Zwillinge sein können oder eine das Spiegelbild der anderen. Die Treppe im Hintergrund wirkte wie die Strich-Punkt-Linie der Symmetrieachse, die Piero zu übermalen vergessen hatte.

Signori?“, sagte die eine.

Buona sera!“, sagte die andere.

Die Spiegelung hielt an. Dann endlich riss einer der beiden alternden Engel zwei weinrote Tickets vom Block, der auf dem Tisch stand, und hielt sie mir entgegen. Die andere öffnete eine kleine Kasse und hob die leere Hand.

Quattro E-Uro“, sagte die eine.

Per favore!“, sagte die andere.

Ich kramte ein paar Münzen aus meiner Hosentasche und nahm ihr die Abrisse aus der Hand, auf denen die Aufschrift: ‚2000 lit.’ mit ‚€ 2’ überstempelt waren. Ich war stolz, wie sehr sich der reiche Mann bei dieser Trivialität im Hintergrund hielt. Er bewies erneut Geschmack. Die zweite Frau deutete auf die Holztreppe hinter ihr, die nach oben ins nächste Stockwerk führte. Sofort hörten wir für die beiden auf zu existieren. Sie führten ihre Meisterschaft im Synchron-Stricken fort.

endlich: Wir begannen unseren Aufstieg vorbei an vergilbten, kaum leserlichen Texttafeln und historischen Ansichten von Stadt und Turm. Im ersten Stock hingen ein paar speckdunkle, das Kunstlicht spiegelnde Gemälde äußerst zweifelhafter Qualität, die stockhässliche Persönlichkeiten des ehrwürdigen, mit den Fuggern befreundeten Kaufmannsgeschlechts zeigten. Hier im fensterlosen Turm war es angenehm kühl, aber auch drückend, kaltschweißig.

Die Reise beginnt“, sagte ich und meine Stimme klang dumpf, wie erstickt. Der ältere Mann sah mir direkt in die Augen.

„… ein Weg, den wir nur einmal gehen können.“ erwiderte er sehnsüchtig.

Als Herkules das Alter erreicht hatte, wo der Knabe sich in den angehenden Jüngling verliert, und junge Leute, indem sie ihre eigenen Herren zu seyn anfangen, zu erkennen geben, ob sie in ihrem künftigen Leben den Weg der Tugend oder den entgegengesetzten gehen werden, zog er sich einstmals, noch unentschlossen welchen von beyden Wegen er einschlagen wolle, an einen stillen einsamen Ort zurück, um der Sache ernstlich nachzudenken. Da däuchte ihn, als sehe er auf einmal zwey Frauenspersonen von mehr als gewöhnlicher Größe auf ihn zukommen.“

ψ

klärungsversuch vier: begriffe.

wenn ich einfach einmal setze zeit sei nichts weiter als ortsveränderung a nach b durch den raum dann impliziere ich eine rückkehr aber das ist natürlich falsch damit erklärt sich doch nicht die möglichkeit der rückkehr denn ich steige eben nicht zweimal in den gleichen fluss turm tag leben zeit lebenszeit ist ein weg den ich nur in einer richtung begehen kann denn auch in der umkehr ist zeit vergangen ich besuche einen ort und während ich ihn erkunde vergeht zeit weil ich mich bewege vorwärts rückwärts im kreis auch der ort für mich so still bewegt sich in des tages kurzer reise er altert wie ich ist der witterung ausgesetzt den elementen kurz der zeit kehre ich dann nach zwei stunden tagen jahren zurück egal wie lange es dauerte haben wir uns beide verändert der ort und ich wir sind andere geworden ähneln noch der früheren gestalt aber wir sind es nicht mehr wir sind fremde schattenwürfe des vergangenen wie ein physiker mir erklärt hat bestehe ich nicht einmal mehr aus den gleichen bausteinen wie früher ich denke anders bin anders geprägt also besucht eine neue person einen neuen ort das ist die einmaligkeit der zeit:

Doch es gibt für mich einen Weg.

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Sie taucht hinter ihr Buch, tut, als würde sie völlig eingesogen von ihrer nur vorgeschobenen Camilleri-Lektüre: Sie versucht, die störende Wirklichkeit – und damit auch mich – zu negieren, indem sie die Welt außerhalb ihres Glaskastens ignoriert. Das mag manchmal funktioniert haben; Chiara wirkt, als würde sie nicht zum ersten Mal so handeln, aber bei mir klappt das nicht: Ich habe ein Ziel und sie ist nur eine wenngleich hübsche Barriere.

mein Zeitpunkt: Er ist ein zufälliger, auch wenn er so absichtsvoll gewählt wirkt. Wenn ich nur Wirkung bin, dann wirkt etwas Großes. Dieses Mal hat mich mein Versuch, einen perfekten Tag zu erleben, noch nicht dazu verleitet, ihm ein wenig nachzuhelfen. Manchmal geht es auch ohne Eingriffe in den Gang der Zeit; auch wenn die Versuchung groß ist, in alte Gewohnheiten zu verfallen. Es war einzig der Zufall eines schäbigen, von Schüssen durchlöcherten Wegweisers an einer Straßenkreuzung und die dunkel erinnerte Kunst Pieros, die mich nach Monterchi geführt haben. Es ist mein konsequent geleiteter Ausweg aus den quälend engen, perspektivefremden Bildern der Assisi-Maler, die meinen gestrigen Tag durch die Basilica di San Francesco begleitet hatten.

Gestern erscheint mir jetzt als Ungeheuer, eine lange vergangene, eine mythische Zeit. Ich war erleichtert, Assisi heute Morgen mit meinem Auto auf der staubigen E 75 Richtung Norden verlassen zu können. Eigentlich hatte ich einen Umweg über das weiße Gubbio geplant, jenem großartigen am Berghang gestrandeten Schiff. Aber im Nachhinein betrachtet wäre die Stadt eine falsche Fährte gewesen. Meine Tage bestanden seit geraumer Zeit nur aus Umwegen. Mein Ziel, wenn ich überhaupt eines hatte, war fern und fremd. Es war die Ausrede, Treibgut der Wirkung zu sein. Ich wollte Dinge wiedersehen, die mir bei meinem ersten Besuch fremd geblieben waren. Es stimmt schon: Man kann nur sehen, was man auch verstanden hat.

Damals, noch vor dem vernichtenden Erdbeben von 1997 stand ich in der Basilica di San Francesco von Pilger- und Touristenströmen umflutet, hörte etwas von Giotto und Cimabue, erblickte ein paar bunte, surreale Bildchen an Decken und Wänden – und sah tatsächlich nichts. Gestern war ich nun eine neue Person und endlich bereit.

sah: Auch wenn viel Unersetzliches zerstört ist, denn auch der Ort hat sich gewandelt, nahm ich doch eine Spur von dem auf, das mich nach vielen Umwegen schließlich zur Madonna del parto geführt hat, dem heiligen Tabernakel im Tempel des Herrn. Um es noch einmal zu sagen: Es ist wirklich ein Zufall, der mich in der Mittagshitze in das kleine Museum führt, zu einem Zeitpunkt, an dem das ohnehin ruhige Leben im Dorf endgültig zum Stillstand kommt und selbst die wenigen Touristen in den Baumschatten vor der einzigen Trattoria geflüchtet sind.

Einmal bitte“, spreche ich Chiara voller Absicht auf Deutsch an, denn ich will mich verständnislos geben, falls sie das Museum für geschlossen erklärt, „Ein Eintritt zum paradoxen Wunder einer schwangeren Jungfrau“, und setze ein gewinnendes Lächeln auf. Der Blick der jungen Frau geht kurz nach oben, über den Rand des scheinbar so fesselnden Buches hinweg, ein schwarzer Olivenblick, der mich durchleuchtet. Sie macht allerdings keine Anstalten, den Camilleri zu senken. Ich verschränke die Arme und mustere Chiara, öffnete ein paar geistige Schubladen, krame in den Schablonen.

Jung, die Haare kohleschwarz gefärbt, gutausehend: Studentin mit Semesterjob.

Dezent geschminkt, elegant, aber unauffällig gekleidet, einen Krimi lesend: Studium der Betriebswirtschaftslehre.

Ein dünnes Goldkreuz, das fast im Karschnitt ihrer Brust verschwindet: Religion, aber nicht ernsthaft ausgeübt, mehr Folklore als Empfindung.

Die Frisur nicht ganz ordentlich, Kaugummi kauend: Alles in allem eine fast schon zu typische junge italienische Frau. Wo hat sie ihr cellulare versteckt?

Unnahbar? Vielleicht. Ich mache meinen ersten Versuch.

Ah, Commissario Montalbano“, lächle ich. Nun legt sie endlich das Buch zur Seite. Ihre spöttisch nach oben rutschenden Mundwinkel belegen meinen Fehler.

Nein, es ist die Pirandello-Biografie. Ich lese keine kriminalen Geschichten“, erwiderte sie in ordentlichem Deutsch mit einem entzückenden Akzent. „Das Museum ist bis drei Uhr geschlossen.“

Nun sitze ich in der Falle. Ist es sinnvoll, doch einen neuen Versuch zu starten? Ich habe keine Lust, an diesem Ort die Zeit totzuschlagen. Schließlich will ich bis zum Abend ein gutes Stück weiter in der Kunstgeschichte kommen.

Ich wechsle ins Italienische:

Dann lesen Sie doch bitte weiter … und ich brauche nur zehn Minuten, anschließend bin ich wieder weg. Da drinnen wartet eine Dame auf mich. Es wäre unhöflich, sie länger allein zu lassen.“ Falls ich gehofft hatte, Chiara würde auf meinen Scherz eingehen, sehe ich mich getäuscht. Sie bläst die Wangen auf.

Das geht nicht: Das Museum ist zu“, sie bleibt beim Deutschen, benutzt die Sprache zum Abstandhalten. Ich sehe ein: So ist sie nicht zu beeindrucken, ein neuer Versuch wird nötig. Ich bin sicher, dass ich die Brechstange kenne, mit der sie zu knacken ist. Ich schließe die Augen, atme langsam ein und beginne rückwärts zu zählen. Dabei greife ich vorsichtig nach dem Bild, das ich in meinem inneren Spiegel sehe.

schwierig zu tun, noch schwieriger zu erklären: Ich öffne meine Augen und die Szene hat sich nur wenig verändert. Im Halbdunkel des weißgekalkten Flurs sitzt im Glashäuschen Chiara und liest in ihrem Buch. Ein dunkler Blick trifft mich. Vielleicht hätte ich noch ein, zwei Schritte zurücktreten sollen.

Buon giorno, signorina.” Ich trete näher, werfe einen flüchtigen Blick auf ihr Buch, während ich meinen Geldbeutel aus der Hosentasche ziehe. Diesmal werde ich mich auf keine Diskussion einlassen.

Ah … die Pirandello-Biografie“, sage ich auf italienisch, versuche verzweifelt ein paar Erinnerungen an meine Leseerfahrungen mit dem Nobelpreisträger wachzurufen, „ein weiterer einsamer Mann ohne Vater, dem in der Masse des zwanzigsten Jahrhunderts die Identität verlustig ging.“

War das zuviel? Ein wenig scheint sie sich schon über die Art zu wundern, mit der ich ihr meine Kenntnisse aufdränge. Aber ihr Interesse ist geweckt. Nun muss ich es nur noch erhalten. Denn mein Ziel ist es, an diesem Zerberus vorbei ins Museum vorzudringen. Ich ziehe einen Fünfeuroschein aus dem Geldbeutel.

Sie antwortet mir in ihrer Muttersprache, muss mir beweisen, dass auch sie Ahnung hat: „Camilleri ist sogar weitläufig mit ihm verwandt, glaube ich.“ Dann wird ihre Stimme härter. „Das Museum ist geschlossen, kommen Sie bitte um drei Uhr wieder.”

… hartnäckig: „Aber es ist doch noch nicht Mittag. Lesen Sie einfach weiter … ich brauche nur zehn Minuten, dann bin ich wieder weg. Ich will die Madonna sehen … sehen und mich lebendig fühlen. Auch ich bin meiner Identität verlustig – aber dort finde ich sie wieder.”

„… ab drei wieder”, bleibt sie fest, aber sie lächelt nun zum ersten Mal.

„Aber was mache ich denn so lange hier in Monterchi? Der Ort ist um diese Uhrzeit tot.”

„Ich an Ihrer Stelle würde einen kühlen Ort aufsuchen, etwas trinken und in einem Buch lesen.” Nun flirtet sie, aber sie will mich noch nicht vorbeilassen.

„So wie du”, wechsle ich die Anrede. Chiara schüttelt den Kopf.

„Leider habe ich nichts zu trinken.”

… das wird wieder nichts: „Und ich kein Buch. Vielleicht könnten wir gemeinsam …”

„Kommen Sie bitte um drei wieder”, unterbricht sie mich.

Ich muss wieder zurück. Aber jetzt habe ich langsam Spaß daran. Wollen mal sehen, ob ich sie nicht doch noch erweiche.

Mein Weg ist in zwei Hälften geschnitten.

[Zum 3. Teil]

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