Aber ein Traum …

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Mein neues Buch – „Noch einmal daran gedacht“

NOCH EINMAL DARAN GEDACHT

Neuerscheinung!

Ir sult sprechen willekommen:
der iu maere bringet, daz bin ich.
allez daz ir habt vernomen,
daz ist gar ein wint: nû fraget mich.
Walther von der Vogelweide

Wie versprochen steht nach dem erfolgreichen 1. Band „Noch einmal daran gedacht“ nun mein zweiter Band mit Artikeln aus meinem Blog in den virtuellen Regalen der Online-Buchhandlungen und ist beim Buchhändler des Vertrauens bestellbar. Selbstverständlich kann man wie immer auch mein neues Buch direkt über meine Wenigkeit erwerben; E-Mail genügt:

Noch einmal daran gedacht
Die besten Essays aus meinem Blog
„Aber ein Traum“
260 Seiten, illustriert
7,99 € als Taschenbuch und
2,49 € als Ebook

Ich habe auch diesen neuen Band so billig wie möglich gemacht und verdiene selbst nichts daran.

In „Noch einmal daran gedacht“ habe ich eine Auswahl aus meinen

      • halbautobiografischen Wahrlügen-Texten, aus meinen
      • originellen Essays und Glossen über die Literatur und das Schreiben,
      • Buchkritiken und
      • Kurzgeschichten

versammelt und gebe mal wieder ein paar tiefere und heitere Einblicke in mein Autoren- und Familienleben. Der umfangreiche Band ist üppig illustriert und enthält 103 Fußnoten(1).

Wer Vergnügen an kurzweiligen, mit Humor, Geist und Esprit geschriebenen Texten und meinen Gedankensplittern hat, wer Sprache liebt und sich gerne auf das Abenteuer „Denken“ einlässt, wird sich mit dem Buch in der Hand wohlfühlen und es genießen. (Und es haben sich sogar ein paar Gedichte zwischen die Prosa gemogelt – Entschuldigung!)

Um es – salopp übersetzt – mit meinem alten Kumpan Freund Walter zu sagen:

Heißt mich willkommen!
Der, der euch neue Gedanken und Geschichten bringt – das bin ich.
Und alles, was ihr vorher gehört habt, ist nur ein Furz.
Jetzt erzähle ich!

 

Das Inhaltsverzeichnis – Da ist für jeden etwas dabei!

Jetzt müssen nur noch mein Lektor und ich ein paar kleinere Korrekturen erledigen und hier und da noch etwas feilen – dann steht nichts mehr zwischen euch und dem Lesevergnügen!

Auch mein alter Kumpan Wolfgang hat schon sein Wohlgefallen an meiner „Wahrheit und Dichtung“ bekundet.

_______________

(1) Ich weiß, mit Fußnoten habe ich ein kleines Problem; ich bin süchtig nach ihnen. Ich liebe sie einfach, auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass es für einen Leser dadurch nicht leichter wird, meine Texte zu genießen.(1a)

(1a) Aber sind wir mal ehrlich: Wollen wir, dass uns alles leichtgemacht wird?

Vorankündigung: „Noch einmal daran gedacht“

Neuerscheinung!

Ir sult sprechen willekommen:
der iu maere bringet, daz bin ich.
allez daz ir habt vernomen,
daz ist gar ein wint: nû fraget mich.
Walther von der Vogelweide

Nach dem erfolgreichen 1. Band „Noch einmal daran gedacht“ steht nun mein zweiter Band mit Artikeln aus meinem Blog in den Startlöchern:

Noch einmal daran gedacht
Die besten Essays aus meinem Blog
„Aber ein Traum“
260 Seiten, illustriert
demnächst als Softcover und als Taschenbuch

 Heute erhielt ich mein Korrekturexemplar vom Verlag und ich bin zuversichtlich, dass der Band in zwei Wochen im Internet und im traditionellen Buchhandel erhältlich sein wird. Wie immer wird es eine Taschenbuch- und eine billige EBookausgabe geben. In „Noch einmal daran gedacht“ habe ich eine Auswahl aus meinen halbautobiografischen Wahrlügen-Texten, aus meinen originellen Essays und Glossen über die Literatur und das Schreiben, Kritiken versammelt und gebe mal wieder ein paar tiefere Einblicke in mein Autoren- und Familienleben. Der Band ist üppig illustriert und enthält über 100 Fußnoten(1). Wer Vergnügen an kurzweiligen, mit Humor, Geist und Esprit geschriebenen, Gedankensplittern hat und Sprache liebt, wird sich hier wohlfühlen. Und es haben sich sogar ein paar Gedichte zwischen die Prosa gemogelt.

Um es noch einmal mit meinem Freund Walter v. d. V. zu sagen:
Heißt mich willkommen!
Der, der euch neue Gedanken und Geschichten bringt – das bin ich.
Und alles, was ihr vorher gehört habt, ist nur ein Furz.
Jetzt erzähle ich!

Das Inhaltsverzeichnis – Da ist für jeden etwas dabei!

Jetzt müssen nur noch mein Lektor und ich ein paar kleinere Korrekturen erledigen und hier und da noch etwas feilen – dann steht nichts mehr zwischen euch und dem Lesevergnügen!

Zwei Brüderbücher – endlich vereint!

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(1) Ich weiß, mit Fußnoten habe ich ein kleines Problem; ich bin süchtig nach ihnen. Ich liebe sie einfach, auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass es für einen Leser dadurch nicht leichter wird, meine Texte zu genießen. Aber sind wir mal ehrlich: Wollen wir, dass uns alles leichtgemacht wird?

Erkenne dich nicht selbst!

Wie versprochen, habe ich hier ein paar Anmerkungen zu Schreibmaschinchens Artikel „Der Autor, der sich selbst kennt…“, der hier zu finden ist:

Der Autor, der sich selbst kennt…

Neben anderen schlauen Sprüchen, die heutzutage keinen mehr interessieren und Zweifel an der Gedankentiefe der klassischen hellenischen Philosophie wecken (z. B. „Bürgschaft – schon ist Schaden da!“*), konnte der Grieche in der Antike über dem Tor des Apollontempels von Delphi die vielzitierte Aufforderung lesen:

„Gnothi seauton“ – „Erkenne dich selbst.“

Der unbekannte Verfasser dieser Weisheit war also der Meinung, es genüge, den Blick von der Außenwelt weg nach innen, zu sich selbst, zu wenden, um Erkenntnis zu erlangen; man solle im Spiegel die einzelne Ameise beobachten und nicht den ganzen Bau, da der eigene Kosmos ein Spiegelbild des äußeren ist. Wer den eigenen Kosmos erkenne, könne auch die Welt beherrschen. Keiner hat dies schöner formuliert als Novalis, in dessen „Klingsors Märchen“ die Sphinx die verzweifelte Frage stellt: „Wer kennt die Welt?“ – „Wer sich selbst kennt“, antwortet Fabel selbstsicher. (Fabel ist übrigens kein Eigenname. Hier ist tatsächlich die Belletristik gemeint, die übrigens die „Milchschwester“ von Eros, also von der körperlichen Liebe sei.) Platon baute auf diesem Spruch eine ganze Moralphilosophie auf und die ersten Wissenschaftler fanden ihre Erkenntnisse nicht im Beobachten des Allgemeinen, sondern im Einzelfall, den sie dann auf die Welt erweiterten. Kein Wunder, dass in den delphischen Mysterien und der Orakelstelle selbst mit bewusstseinserweiternden Drogen gearbeitet wurde. Zu Beginn der Neuzeit wird dieser Erkenntnisgedanke der Alten in Frage und auf den Kopf gestellt: „Erkenne die Welt“, heißt es heute. Die moderne Wissenschaft und Philosophie beschäftigen sich von da ab nicht mehr mit dem Individuellen, sondern mit dem objektiv Erkennbaren, das mich dann zu mir selbst als Teil der Welt führt.

Aber was hat das alles mit dem Schreiben zu tun? Viele Autoren scheinen noch immer dieser 2500 Jahre alten Meinung zu sein – nämlich, dass man zuerst Selbsterkenntnis benötige, bevor man ein Buch schreiben könne. Ich glaube, dass so etwas wie „Selbsterkenntnis“ gar nicht möglich ist, weil es mir überhaupt nicht möglich ist, mich selbst zu erfassen. Vom Versuch, sich selbst zu erkennen, führt meiner Meinung nach ein direkter Weg in die Hölle der Selbstzweifel. Der innere Kosmos jedes einzelnen ist gewaltig und schier unüberblickbar. Er ist ein gärendes, brodelndes Gemisch aus Bewusstem, Un- und Unterbewussten, aus Erfahrenem und Erlerntem, aus genetischer Veranlagung, aus Vererbung, aus Neurosen, Traumata und Unbewältigtem; wobei das Bewusste wie der sichtbare Teil eines Eisbergs ist: Er ragt kaum über den schwarzen, undurchsichtigen Meerespiegel hinaus, der gewaltige Rest aber bleibt verborgen und unerkennbar. Auch die moderne Psychologie stochert nur hilflos in trüben, flachen Gewässern. Dazu ist mein „Ich“ das Ergebnis einer Entwicklung, eines Fortschreitens in der Zeit: Wie bei einer Zwiebel, lagern sich Hülle für Hülle tagtäglich neue Ich-Schichten um den Kern meiner selbst und ich bin heute Morgen buchstäblich ein anderer als gestern Abend. Wenn ich mir selbst vor zwanzig Jahren begegnen würde, wäre ich mir wahrscheinlich nicht einmal sympathisch. Als Autor kann ich über meine Texte gut mit meinen alten „Ichs“ kommunizieren und stehe oft fassungslos vor Fremden. Selbsterkenntnis ist letztenendes wie der Versuch, „Alles“ in einen Koffer zu packen, also auch den Koffer selbst – da er ja Teil von „Allem“ ist -, in sich selbst zu stopfen. Das kann nicht gelingen. Überlassen wir dieses selbstquälerische Nachgrübeln über sich selbst den „schöngeistigen“ idealistischen Philosophen des 19. Jahrhunderts. Die Lektüre von Schopenhauer und Kierkegaard heilt von solchen Gedanken.

Ist es nicht besser und einfacher für mich, zuerst meine Umwelt zu „erkennen“, bevor ich ein Buch schreibe? Es heißt nicht ohne Grund, man solle zuerst tausend Bücher lesen, bevor man sich selbst an eines wagt. Ein Autor hat keine neuen Ideen, denke ich, er ist nur Zeitgenosse der Avantgarde, die er aufmerksam belauscht. Der Autor macht die Ideen seiner Umwelt populär, nicht die Ergebnisse des Nachgrübelns über sich selbst; seine Persönlichkeit und in erster Linie sein Handwerk sind allerdings das Sieb, durch das er die Ideen anderer aufs Papier presst. Dadurch fließt natürlich auch viel von ihm selbst in den entstehenden Text ein – doch das ist ein unbewusster Akt. Mir zumindest geht es beim Schreiben so: Nicht mehr „Ich“ schreibe, sondern „Es“ schreibt für mich – und das übrigens ganz ohne bewusstseinserweiternde Drogen und Alkohol, die sich einige einschmeißen, um genau diesen Effekt zu erzeugen, der von alleine kommt, wenn man als Autor ganz bei sich ist.

Es mag auch sein, dass ich mich noch nicht ganz von meiner Erkältung erholt habe und ein paar Gehirnwindungen verstopft sind, aber letztendlich – nach diesen auch mich selbst verwirrenden und auch ein wenig fiebrigen Gedanken – komme ich wieder zu dem Schluss, dass es besser ist, zu schreiben als über das Schreiben zu reflektieren. Deswegen höre ich hier auch auf. Also schau nicht in dich selbst, Schreiberling.

Schau aus deinem Fenster in diese Welt hinaus und schreibe darüber, was du siehst.

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* Wobei ich zugeben muss, dass ich zumindest eine Person kenne, der diese Weisheit geholfen hätte.

Ausführliche Handreichung für Kritiker und Wichtigtuer (Teil I)

Ausführliche Handreichung, wie man eine Kritik schreibt, ohne das Buch gelesen zu haben
(… nebst gelungenen Mustersätzen in Klammern)

Feierlich sein ist alles! Sei dumm wie ein Thunfisch, temperamentlos wie eine Qualle, stier besessen wie ein narkotisierter Frosch, aber sei feierlich, und du wirst plötzlich Leute um dich sehen, die vor Bewunderung nicht mehr mäh sagen können.“
Otto Julius Bierbaum

 1. Ablenkung

Dies ist freilich eine Kunstfertigkeit, die ein jeder Schüler beherrschen sollte, aber auch dem professionellen Kritiker erleichtert sie viel Mühsal und Arbeit. Es liegt auf der Hand: Bücher freiwillig lesen macht in der Regel Spaß, dazu gezwungen zu werden, seltener („Wenn Sie nur ein Buch in dieser Saison lesen, nehmen Sie dieses!“). Gerade im Herbst, in dem jeder neu verlegte Fünfhundertseitenwälzer durchaus Ereignis sein will, das unbedingt gelesen, connaissiert und rezensiert werden sollte („Dieser Roman ist ein Muss!“), wenn man auch nur halbwegs informiert wirken möchte, ist die angebotene Überfülle für einen einzelnen Menschen oder auch eine Feuilletonredaktion kaum bewältigbar. Auch wenn es ein paar Literaturfanatiker anders sehen, gibt es schließlich im Leben noch ein paar andere Dinge („Dieses Buch wird Sie an ihren Sessel fesseln!“). Kurz: Es ist eine Arbeit, die man doch irgendwie umgehen müsste – wenn man nur wüsste, wie. Denn oft reicht es, nur so zu tun, als hätte man das wichtige Buch gelesen („400 Seiten – und jede ist es wert, genossen zu werden.“)

Dazu werde ich euch ein Beispiel aus meiner eigenen, leidvollen Erfahrung als Schüler anführen. Denn die Schulzeit setzte uns doch fast täglich der Qual aus, einen Text rezensieren oder repetieren zu müssen, den wir nicht gelesen oder verstanden hatten:

Lasst mich zuerst die Situation beschreiben. Wir denken uns gemeinsam ein Gymnasium in Augsburg, das schon widerwillig Bertolt Brecht besuchte, das den ranzigen Charme von Verwahrlosung und Ennui ausstrahlt und ein wenig nach einem Fischmarkt riecht, dessen Fliesen frisch gebohnert sind. Ganz hinten rechts am Fenster hockt im Klassenzimmer der 6c im zweiten Stock der zu unberechtigten Hoffnungen Anlass gebende junge Klammer. Mathe und Religion hat er schon irgendwie überlebt und jetzt ist es nur noch eine kleine Deutschstunde bis zur Großen Pause. Doch die Zeit wird ihm lang. Fünf Minuten Unterricht oder das, was das noch in der NS-Zeit geschulte Lehrpersonal als „Unterricht“ begreift, sind länger als der Roman, an dem er seit geraumer Zeit schreibt; sein Erstling, der die Abenteuer von Johnson Kelb im Wilden Westen beschreibt. Ein Kapitel hat Klammer schon und fast alle Protagonisten sind tot, der Held liegt von einem Indianerpfeil durchbohrt blutend im Staub der Prärie. Wie also weitermachen im 2. Kapitel? Wie kann man das noch steigern? Der junge Klammer sieht den Krähen und Mäusen zu, die unten im Hof die Reste der Pausebrote vertilgen, die die Schüler im Rücken der aufsichtführenden Lehrer zu Boden fallen ließen. Ab und an streift auch der vollgefressene, fette Kater des Hausmeisters vorbei. Da der kratzbürstige ältere Herr (der Kater, nicht der Hausmeister) von den Schülern überreichlich mit Leberwurst und Lyoner gefüttert wird, ist er weder an den Vögeln, noch an den Nagern interessiert. Er liebt aber den großen Auftritt, genießt es, für ein wenig Aufregung unter den friedlichen Restevertilgern zu sorgen. Vielleicht ein Kampf mit einem Puma im 2. Kapitel? Die Rolle des Katers (für Aufregung zu sorgen, nicht sich füttern zu lassen) hat im Klassenzimmer der Deutschlehrer S. übernommen, der seine sanft wiederkäuenden Zöglinge an die realistischen Autoren des 19. Jahrhunderts heranführen möchte – weiß der Teufel warum. Da er spät aus russischer Gefangenschaft zu seinem Vorkriegsberuf zurückkehrte, ohne im Lager oder in der Bundesrepublik nennenswert sein am „Mythus“ geschultes Weltbild anzupassen, ist er ein „scharfer Hund“, der auch schon mal großzügig saftige Ohrfeigen austeilt, was er als der Pädagogik letzten Schluss erachtet und einer der Gründe ist, aus denen er noch den „Lehrberuf“ ausübt. Schließlich wird es in Bayern noch fünf Jahre dauern, bis die Prügelstrafe dort offiziell abgeschafft wird.

Es ist also mucksmäuschenstill. Man redet nicht, man schläft oder träumt. Nun, der junge Klammer sieht sich damals bereits als genialer Schriftsteller – schließlich existiert ja schon das erste Kapitel seiner bedeutenden Romantrilogie, deren ersten Band er „Johnson I“ genannt hat, auch wenn er gerade eine Schreibkrise durchlebt und außer ein paar Jules-Verne-Romanen, Karl May und den Fünf-Freunde-Büchern nichts liest. Der Bürgerliche Realismus allerdings ist ihm wie auch den anderen Schülern vollkommen schnuppe, dieser Conrad Ferdinand Meyer, den der Lehrer am letzten Freitag vorstellte und um ihn herum umständlich eine Tafelanschrift über Erzählebenen und Rahmenhandlungen anfertigte, ist ihm noch gleichgültiger. Ein vor gefühlten zweitausend Jahren verstorbener Schweizer Novellenautor aus dem letzten Jahrhundert! Geht’s noch? Kann etwas für einen Zwölfjährigen noch langweiliger sein, dessen Held gerade einen Pfeil in der Brust hat? Ja, das geht tatsächlich: Als Hausaufgabe sollten die Schüler Meyers Ballade „Die Füße im Feuer“ zuende lesen, von der man in der Vorstunde gerade mal die erste Strophe gemeinsam las. Eine Ballade! Und das Ding reimt sich nicht einmal wie das Schillerzeug, das im letzten Monat dran war. Da kann man ja gleich die Merseburger Zaubersprüche auswendig lernen lassen! (Auf diese Idee wird Sx dann tatsächlich auch noch kommen, aber erst in der 7. Klasse: bên zi bêna, bluot zi bluoda,lid zi geliden, sôse gelîmida sîn).

Liebe vor Aufregung an den Nägeln kauende Leser meines Blogs. Ihr dürft eine Pause machen und raten, wer nach vorne an die Tafel musste, um über seine Leseerfahrung mit der dramatischen Ballade zu berichten. Wer für die Klasse in kurzen Worten zusammenfassen sollte, worum es in der Geschichte ging. Ihr könnt aber auch einfach weiterlesen, wenn ihr es vor Spannung nicht mehr aushaltet. Ich stand also vorne neben dem erwartungsfrohen Lehrer und hatte keine Ahnung. Ich erinnerte mich wie durch einen Nebelschleier, dass es da am Anfang ein Gewitter gab und kam nicht jemand durch den Sturm zu einer Burg geritten? Das war aber auch schon alles. Gelesen hatte ich das Ding selbstverständlich nicht, wo kämen wir denn da hin? Was tut also der Schüler, wenn er nichts weiß? Er lenkt ab. Er muss seinen Lehrer wie ein Psychologe studiert haben und genau wissen, wo dessen Auslöser sitzen. Bei Herrn S. waren es der GRÖFAZ und im Speziellen die Bomberflüge der Alliierten, denen er nicht nur eine Stahlplatte im Schädel, sondern auch seine Traumata verdankte.

„Conrad Ferdinand Meyer beschreibt zu Beginn der Ballade ein wütendes Gewitter. Er wählt Worte, die uns in ihrer Anschaulichkeit an die Bombennächte des zweiten Weltkriegs erinnern …“, setzte ich also an und weiche ein wenig in Richtung Tür aus, um mich im Fall der Fälle durch eine schnelle Flucht einer körperlichen Züchtigung entziehen zu können. Doch mein Plan geht auf:

„Klammer! Du Schwätzer. Du kannst doch nicht die englischen und amerikanischen Mordflieger mit einem Gewitter vergleichen! Du hast ja keine Ahnung!“

„Wie war es denn dann?“, frage ich nach.

„Die Amis haben es den Nazis so richtig gegeben!“ Das kam von hinten, einer der Wiederholer versuchte, meinen Arsch zu retten. Was nun folgte, liegt auf der Hand.

„Wer war das? Quatsch, völliger Quatsch! Ihr seid ja ahnungslos! Saubande!“

Irgendwann schleiche ich mich zurück zu meinem Platz und die Schulglocke stört nach einer halben Stunde den Pädagogen S. bei der Beschreibung des Brands von Dresden. Alle packen ihre Sportsachen und rennen los. Meine Ohrfeige bekomme ich trotzdem. In der Tür hält der Deutschlehrer mich auf:

„Du stinkfaule Waldhornisse! Du hast die Ballade überhaupt nicht gelesen!“ Klatsch! „Drei Seiten Protokoll über die heutige Stunde!“

Habt Ihr es gemerkt? Ich meine jetzt nicht mein Schülererlebnis, da hat das Ganze ja nicht so gut geklappt. Ich meine die Geschichte überhaupt. Gebt es zu: Ihr wisst überhaupt nicht mehr, warum ich diesen Schulschwank eigentlich erzählt habe, wart aber gut unterhalten. Wie gesagt: Ablenkung ist alles.

Die „Füße im Feuer“ habe ich noch immer nicht gelesen.

[Wird morgen fortgesetzt!]

 

Nachschrift zu „Tradition“ – Eins

Am letzten Wochenende habe ich hier meine Erzählung „Tradition“ veröffentlicht (Teil 1Teil 2Teil 3). Sie bietet ihren wenigen Lesern einigen Widerstand, ist sperrig, symbolbeladen und unangenehm – alles andere als eine leichte Lektüre für nebenzu. Ich wurde gefragt, ob ich etwas zu der Geschichte sagen kann. Obwohl ich kein Freund vom Auslegen meiner eigenen Texte bin, mache ich hier einmal eine Ausnahme und erzähle von meiner Jugend. Dieser Text lässt sich übrigens auch gut konsumieren, b e v o r man Tradition gelesen hat und steht auch für sich allein. Auch für diejenigen unter euch, die den 2. Teil vom „Geltsamer“ hier mitverfolgen, mag diese Nachschrift interessant sein, denn hier schließt sich einer der Kreise, um dessen Mittelpunkt sich mein Leben dreht.

1. Das Haus

Meine Sommerferien verbrachte ich als Jugendlicher im Haus meiner Großeltern mütterlicherseits in Berlin-Tegel. Außer zu den festen Essenszeiten war ich sechs lange Sommerwochen allein gelassen und fand in dem weitläufigen Gebäude mit angrenzendem Garten, das mein Großvater selbst in den 20er Jahren erbaut hatte, genug Gelegenheit, den Großeltern und ihren penibel durch die Uhrzeit festgelegten Aufenthaltsorten aus dem Wege zu gehen.

Überall gab es etwas zu entdecken. Außer dem wohlgehüteten Schlafzimmer war kein Raum vor meiner pathologischen Neugierde sicher. Jeder von ihnen hatte einen eigenen, spezifischen Geruch, den ich noch heute erkennen würde, wenn man mich mit verbundenen Augen in eines der Zimmer stellte. Zudem gab es durch den exzentrisch geschnittenen Grundriss des Hauses hinter Tapetentüren, in Schränken, Kellerräumen und kaum erreichbaren Winkeln unterm Dach wirklich Lohnenswertes zu entdecken. Es hatte sich Strandgut aus über vierzig Ehejahren angesammelt – Dinge, die den voyeuristischen Blick eines wissbegierigen Vierzehnjährigen zum Leuchten bringen: Jahrgänge der unterschiedlichsten Zeitschriften, vom Readers Digest bis in die graue Vorzeit der Gartenlaube reichend, alte Möbel voller Geschirr in Jugendstilformen, Uhren, Radios, seltsame, vom tüftlerischen Großvater gebastelte Geräte, Bilder, Fotos, ein Luftgewehr, über das noch zu sprechen sein wird, und vor allem Bücher, immer wieder an den überraschendsten Orten Bücher, in Regalen, in alten Koffern, in verborgenen Wandschränken, gestapelt in einer Ecke.

Ich las alle, zuerst die Unterhaltenden: Karl May, der mir Zuhause verboten war, weil zu aufregend für ein Kind, Hans Dominik, C. S. Forester, Mika Waltari und Sienkiewicz, dann entdeckte ich die anderen: Theodor Storm, Kleist, Tolstoj, Keller, die Droste-Hülshoff und all die bürgerlichen Autoren des vergangenen Jahrhunderts, aber auch Swift oder Petronius, Herodot und dann, einer Offenbarung gleich, hielt ich E.T.A. Hoffmann und E. A. Poe in den Händen, letzteren in der gewöhnungsbedürftigen Arno-Schmidt-Übersetzung. Sie passten vortrefflich zu der stehenden Hitze der endlosen Sommernachmittage, es waren Geschichten, die mir für mich geschrieben schienen, deren Tempo genau zu meinem Erleben passte und deren Geschmack ich noch heute auf der Zuge habe.

Wenn ich gerade sicherlich meine Initiation in die Literatur verkläre, sie allerdings auch nicht anders beschreiben kann, so ist sie in meinem und im Gefühl des Vierzehnjährigen ebenso wahr, wie sie im Moment des Hinschreibens verlogen und falsch klingt.

Was ich dort schätzte, waren das Haus und der Garten der Großeltern, weniger ihre Personen, als ihr Tageslauf, in dem jede Minute ihre Bestimmung und jeder Tag einen seit Jahrzehnten festgelegten Rhythmus und Ritus besaßen. Trotz des vielen Leerlaufs, der Langeweile, die aus meiner nicht weiter definierten Rolle in dem Kalender meiner Großeltern entstand und die mich manchmal die Stunden bis zu solch herausragenden Ereignissen wie dem Abendessen zählen ließ, hatte ich in jenen Sommerferien ein Gefühl von Geborgenheit, Beständigkeit und Sinn, das ich in dieser Intensität und so lang andauernd nie wieder empfunden habe, ein Gefühl, das ich manchmal beim Spielen mit Kindern oder beim Lesen von Literatur aus dem frühen 19. Jahrhundert ahne.

Ein Leben nach dem Tod – wenn es eines gibt – das sollte, wenn es glücklich wäre, ähnlich sein; nicht die Langweile der Beständigkeit, gehetzte Abwechslung ist die Hölle. Der Himmel dagegen ist die von festen Regeln umfasste Langeweile, in der jeder Tag ohne herausragendes Ereignis und vor allem bar der Qual der Entscheidung dem nächsten folgt und es die Zeit gibt, tausend Dinge zu beginnen und keines zu beenden.

Großeltern

2. Die Großmutter

GroßmutterMeine Großmutter war voll jener baptistischer Frömmigkeit, die trotz der Furcht vor Gottes Strafgericht selbstbewusst und elitär, dabei ohne jeglichen Selbstzweifel ist. Sie war eine geschäftige, fleißige Frau, die zur Pedanterie neigte, wenn es um die Reinhaltung der Wohnung ging. Sie pflegte zweimal täglich mit einem Kamm die Fransen des Berberteppichs im Wohnzimmer in Reih´ und Glied zu bürsten. Obwohl sie aus einer Großbauernfamilie aus Pasenow – ich schrieb ein andermal darüber – stammte, war sie nicht sehr gebildet, was ich bei ihr allerdings nie als Mangel empfunden habe.

Im alltäglichen Leben wirkte sie oft schroff und abweisend; und von einer mutwilligen Gottheit wurde sie im Alter mit unfreundlich verkniffenen, verbissenen Gesichtszügen ausgestattet, die jedoch nur die Maske über einer humorigen Launigkeit waren, die manchmal aus Augen und Mundwinkeln sprang. Trotz ihrer nur selten ans Öffentliche dringenden Vorurteile war sie im christlichen Sinne menschenfreundlich, hilfsbereit und dabei der einzige mir bekannte Mensch, der mit dem Lauf seines Lebens in vollkommener Harmonie übereinzustimmen schien.

Nicht einmal der plötzliche Tod meines Großvaters warf sie später aus ihrer inneren, gefestigten Ruhe, die sie wahrscheinlich zum größten Teil aus ihrem Glauben schöpfte. Ihre einzige Beunruhigung schien mir die Bewältigung der Kondolenzbesuche, der Beerdigung und des Leichenschmauses. Danach kehrte sie zielstrebig in ihren Alltag zurück, die durch den Tod ihres Gatten entstandenen Freiräume füllte sie mit dem Umordnen des Hauses und dem Vernichten von Erinnerungsstücken und Möbelstücken aus, bis sie eine durch einen Schlaganfall verursachte Demenz bis zu ihrem Tod ins Krankenbett zwang.

Dabei fällt mir ein: Ich half beim Ausräumen dieser Möbel mit – da war ich schon Ende Zwanzig. Bei jener Gelegenheit wagte ich es zum ersten Mal, mich in den Sessel meines Großvaters zu setzen. Es war ein hässliches, abgewetztes, mit grünem Cord bezogenes Ding mit dunkelbraunen, hölzernen Armlehnen. Hier hatte ich ihn während meiner Ferien jeden Abend ab acht Uhr sitzen sehen, ein mit dem Fernseher verbundenes Hörgerät im Ohr, über dem er wie schützende eine Hand zur Muschel formte, die Augen hinter der dicken Brille halb geschlossen.

Während ich saß und mir den alten Mann noch einmal bewusst machen wollte, bemerkte ich plötzlich, wie meine Daumen an einer Unebenheit der Armlehnen links und rechts rieben. Ich sah hinunter. Im Lack waren dort Mulden, die bis in das helle Holz des Sessels reichten. Diese Gruben hatte die Tiefe und Form meiner Finger. Mit Schaudern stellte ich fest, dass ich das Werk meines Großvaters fortsetzte. Er hatte in jahrelanger nervöser Arbeit seine Daumen immer tiefer in das Holz gerieben. So nah wie in diesem Moment bin ich ihm danach nie mehr gekommen.

Zurück zu meiner Großmutter: Die Pflege des altersschwachen und oft wegen seiner Hilflosigkeit zornigen Ehemannes hatte sie bis an den Rand der Leistungsfähigkeit erschöpft und sie wirkt erleichtert, dieser Bürde ledig zu sein. Sie erinnerte mich in ihren letzten Lebensjahren sehr an die Heldin von Vita Sackville-Wests bemerkenswertem Emanzipations-Roman Erloschenes Feuer.

Mit vierzehn ahnte ich natürlich wenig von ihrem Charakter; viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, hatte ich nicht die Möglichkeit oder gar die Menschenkenntnis, sie zu beobachten. Ich nahm sie ihrem Status als Großmutter gemäß als einen um mein Wohl besorgten Menschen, dem ich ein Eigenleben nur zugestand, wenn es mit meinen Interessen nicht kollidierte. Dies ihre Hobbys waren Fernsehen und das Lösen von Kreuzworträtseln. Ansonsten hatte sie auf Abruf zu meiner Verfügung zu stehen, wenn ich sie benötigte. Dafür respektierte ich widerwillig ein paar Schrullen oder das, was ich für welche hielt, wie zum Beispiel ihr ausdauerndes hinter mir her räumen, der ich eine Spur Unordnung bei meinen Erkundungen durch das Haus zog. Das kannte ich auch abgeschwächt von meiner Mutter, aber die Großmutter tat es im Gegensatz zu ihr ohne zu klagen. Als einzige Hilfe bei der durch mich entstandenen Mehrarbeit ließ ich mich dazu herab, jeden Mittag das Geschirr abzutrocknen; dies jedoch nur, weil ich von der Mutter ausdrücklich dazu angehalten worden war, als sie mich am Anfang der Ferien in den Zug Richtung Berlin setzte.

Ich gestand niemandem, hier längst noch nicht der selbstsüchtigen Rolle des Kindes entwöhnt, einen Wandel von Gesinnung, eine Entwicklung, Eigenleben zu. Jedermann sollte sich dem Bild, das ich von ihm hatte, entsprechend verhalten und –  sofern mit mir verwandt – auch freundlich zu mir sein. Obwohl ich alle mit meinem Verhalten abstieß, meine phlegmatische, interesselose, mit Impertinenz getuschte Art und das unglückliche Äußere zur Abneigung, ja Ekel reizten, vernachlässigten die Großeltern trotzdem ihre Sorgfalt und Freundlichkeit nie. Das rechne ich ihnen in tiefer Dankbarkeit an. Ich weiß inzwischen aus eigener Anschauung, dass nichts schwerer ist, als einen launenhaften, faden und dabei verschlossenen Vierzehnjährigen zu ertragen, ohne ihm zwei- bis dreimal am Tag ins Gesicht zu schlagen. Sie taten es nicht, das war mehr als Verwandtschaft, das war echte Nächstenliebe.

3. Der Großvater

GroßvaterEin herausragender Bestandteil im Leben der Großeltern war ihre strenge, an Balzacs Grandet erinnernde Sparsamkeit, um nicht zu sagen, ihr Geiz; die beiden hatten sich über magere Jahre einen spartanisch kargen Lebensstil angewöhnt und ihn auch, als man sie mit Fug begütert nennen konnte, nicht abgelegt. Kleidung wurde ewig getragen, Verschlissenes immer wieder repariert, den Garten ließ man in heißen Sommern vertrocknen, um Wasser zu sparen. Die Speisen waren einfach und billig, die gekochte Kartoffel stand im Mittelpunkt des Menüplans, Gewürze waren praktisch unbekannt, Eier konnte man nur im Kuchen finden. Getrunken wurde zweimal am Tag, nämlich morgens dünner Kaffee und am Abend Bier oder Saft. Den Höhepunkt der Dekadenz bildeten ein abendliches Glas selbst gekelterten Obstweines und vielleicht ein paar Pralinen; wobei sich der Großvater an einem kleinen Stück Schokolade stundenlang verlustieren konnte. Ihn zu beobachten, wie er etwas Süßes aß, gab dem Begriff »Genuss« eine ungeahnte Dimension.

Der Großvater war eine dominante Person, deren bloße Anwesenheit eine bezwingende Autorität hatte. In vielerlei Hinsicht glich er einem biblischen Patriarchen, einem Sippenoberhaupt, dessen Alter und Weisheit die letzte, entscheidende Instanz bildete. Nahezu taub und nach Staroperationen schlecht sehend, saß er bei Familienfesten am Ende der Tafel und schien mit halb geschlossenen Augen schwerwiegenden Dingen nachzusinnen. Wenn er ab und an etwas sagte, hatte es in der Regel nichts mit den Gesprächen zu tun und glich in seinen letzten Jahren tatsächlich oft den Konklusionen einer seltsamen, mittelalterlichen Mystik. Obwohl er nie Philosophie gelesen hatte und sie sicher auch nicht verstanden hätte, war sie doch das Feld, in dem er sich heimisch fühlte: Er war ein Jakob Böhme des zwanzigsten Jahrhunderts und es ist schade, dass es von ihm keine Aufzeichnungen gibt. In meiner Erinnerung ist noch eine eigenwillige Deutung des biblischen Sündenfalls, bei der ihm der Baum der Erkenntnis für die Lust der Frau, die Schlange für das Geschlecht des Mannes und der Apfel für ihre Brust standen.

Bis zu seinem fünfundsiebzigsten Lebensjahr ging er dem ehrbaren Beruf eines Schlossers nach, aber der aus ärmlichsten Verhältnissen stammende Arbeiter fühlte sich immer auch zu Höherem, zur Kunst berufen. Er malte, vom Jugendideal der christlichen Wandervogelbewegung und von dem Maler Fidus geprägt, ideale Landschaften, die er in der Regel von Postkarten kopierte und veredelte. Natürlich blieb er wie auch in seinen späteren philosophischen Gedankenflügen im guten, reinen Sinn Dilettant, in Auffassung und Durchführung naiv.

Wie seiner Frau waren dem Großvater Fleiß und Ordnung eine Grundtugend. Auch in der Rente hatte er einen strengen Arbeitsplan, der ihn nach dem Frühstück und einem intensiven, vollständigen Lesen der Tageszeitung bis zum Abend einspannte und auch den Sonntag nicht aussparte. Der Garten und das mit eigenen Händen erbaute Haus boten ihm dazu Anlass genug. Bis zu seinem neunzigsten Lebensjahr war er so agil, auch schwere Arbeiten auszuführen, das Dach zu decken, Wege zu verlegen oder sich neue handwerkliche Spielereien zu überlegen, die die Arbeit im Haushalt erleichtern sollten, es aber nicht in jedem Fall taten. Das war übrigens seine wahre Begabung: Er war der geborene Handwerker. Von der Schreinerarbeit bis zur Reparatur einer Uhr, vom Mauern bis zum Verlegen einer elektrischen Leitung, er war in jedem Handwerk gleich heimisch, eine Art von Universalgenie (im 18. Jahrhundert hätte man ihn als „Originalgenie“ bezeichnet), das seinesgleichen suchte.

Sich selbst betrachtete er als faul; auf ungläubiges Nachfragen führte er aus, es gäbe zwei Kategorien von Faulheit: Die eine, häufigere, schiebe anfallende Arbeit beständig vor sich her, sei immer dabei, zu beginnen und komme doch nie weiter, bis sich die Arbeit von selbst oder durch einen anderen erledige (das war wohl auf meine Art, mit Problemen zu leben, gemünzt), die andere Faulheit aber, also seine, würde voller Elan eine Arbeit beginnen und sie dann so langsam und genau wie möglich ausführen, immer beschäftigt wirken und doch nie fertig werden. Das ist die Konklusion von Hermann Hesses Novelle Unter der alten Sonne. Dieser späteste Spätromantiker war – erstaunlich genug – nicht in seinem Bücherschrank und ich bezweifle, dass er die Novelle kannte.

Tatsächlich ließ der Großvater sich bei seinen Arbeiten unglaublich viel Zeit und führte sie mit kleinlichster Akribie aus; doch faul war er sicher nicht, denn zum einen war seine Arbeit meist selbst gewählt und zum anderen wurde er immer mit ihr fertig – auch wenn es dauerte. Er war ein pedantischer Perfektionist, der, wenn er es wollte, jahrelang an einer Uhr bastelte, bis sie wieder ging.

Religion war ein fester Bestandteil im Leben der Großeltern. Als tägliches Ritual wurde vor jedem Essen gebetet, die Großmutter ging regelmäßig in die Kapelle und zu Bibelstunden, morgens beim Frühstück wurde ein Kalenderblatt mit Bibelzitat und längerer Auslegung gereicht, das zu lesen ich in meinen Sommeraufenthalten ebenfalls gezwungen war. In meiner Erinnerung ist der Genuss von Schmalzbroten, die ich ausschließlich in Berlin verzehrte, fest mit den salbungsvollen Worten in Einheit gekommen. Wenn ich heute als Vegetarier und Agnostiker unfreiwillig zu einem Kirchenbesuch verdammt werde und abgelenkt einer Predigt lauschen muss, habe ich den Geschmack von Schmalz auf der Zunge.

Ob auch der Großvater religiös war? Ich meine nicht, aber die Meinungen gehen auseinander und vielleicht hätte er selbst diese Frage ob ihrer Einfachheit abgewiesen und sie mit der Bemerkung gewürzt, dass einfache Fragen immer zu fehlerhaften oder falschen Antworten führen. Mit Sicherheit dachte er viel über Gott und die Mythen der Bibel nach, über die er dann ja in oft eigenwilliger und schöpferischer Art philosophierte. Das hat er sein Leben lang getan und seine Meinungen haben sich im Laufe der Jahre entwickelt. Glaube im Sinne einer gefühlsmäßigen oder anerzogenen Sicherheit war ihm allerdings nie gegeben; er war ein Verstandesmensch und las die Bibel, die das zentrale Buch war, aus dem er Ideen und Anregungen bezog, mit der Kritik seiner Urteilskraft. Er war endlos weit entfernt vom Glauben der Großmutter, zu deren christlichen Leben vor allem auch ein Teilnehmen in der Gemeinde gehörte. Gottes Existenz hat er wohl nie ernsthaft angezweifelt, aber er war ihm nicht der gütige Vater des Neuen Testamentes, vielmehr die halb heidnische, allmächtige und allumfassende Gottheit der Juden, am ehesten der Demiurg; ein Christ aber war er, zumindest in seinen späten Jahren, in denen ich ihn kennen gelernt habe, nicht, mit entschiedener Sicherheit nicht, er glaubte wahrscheinlich nicht einmal an ein Leben nach dem Tod. Ob sich seine Ansichten während seines Sterbens noch einmal änderten, weiß ich nicht.

Aufgrund ihrer Länge teile ich diese Erinnerung in zwei Teile auf. Hier geht es weiter:

Nachschrift zur „Tradition“ – 2. Teil

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