Karl-Heinz, der Weihnachtshund, und der König der Karlnickel – VIER

Der Autor, Erzählung, Experimente, Fantasy, Heimat, Humor, Lesung, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Satire, Sprache, Weihnachten, Weihnachtsgeschichte

<– zum 3. Teil

Karl-Heinz, der Weihnachtshund, aber: Er war daheim. Die städtische Unterwelt mit ihren weihnachtlichen Kanälen, Ort seiner Aufzucht und der ersten Trottversuche … er war ihm vertraut. Er erschnüffelte die Neuigkeiten von den Wänden und roch überall Duftmarken, die ihm nicht gefielen. Sein kurzes Nackenhaar sträubte sich unter seiner Weihnachtsmütze. Von hier aus hatte ihn sein Meister, der alte Karlnalrumpelstilz, auf die Mission geschickt, den Ur-ur-ur-ur-ur-Enkel zu finden, den letzten des stolzen Stammes der Ceratias-Corvii, der ›gehörnten Raben‹, diesen Einen, in dessen Händen allein die Macht lag, den großen Pinkelbaum vor dem Karlnickelkönig zu bewahren.

Und wie geschickt hatte der alte Weihnachtsköter doch seinen Auftrag ausgeführt, ganz wie in den alten aufregenden Tagen, als er noch für die Bescherung der Straßenköter unter eben jenem magischen Pinkelbaum sorgte, auf dessen mächtigen Wurzeln die Altstadt von Bromberg errichtet war.

Sich Rabenhorn direkt zu nähern war ihm nicht möglich gewesen, da sich dieser ja vor großen Hunden fürchtete. Also hatte Karl-Heinz sich erst einmal vor die Haustür des mittelmäßigen Autors Egon M. Friederbusch gelegt und dort geduldig ausgeharrt, bis der Schreiberling auf dem vor Liebe blinden Weg zur Marie-Theres Kienbauer buchstäblich über ihn stürzte. Karl-Heinz hatte die sentimentalen Bücher des Schriftstellers über den tierlieben Zauberlehrling ›Edwin Edgard‹ gelesen und seinen Autor richtig eingeschätzt. Er musste nur noch ein wenig mitleiderregend jaulen, mit treu-traurigen Hundeaugen nach oben blicken, zögernd einen Hinterlauf nachziehen und er schon hatte gewonnen: Friederbusch adoptierte ihn auf der Stelle.

Der Rest war einfach. In jeder stillen Adventsnacht, in der Friederbusch daheim schlief und nicht am Schichtkohl und seiner Marie-Theres naschte, diktierte Karl-Heinz nun dem friedlich schlummernden Autor die Geschichte vom ›Weihnachtshund‹. Friederbusch schrieb sie morgens eilig auf, bevor er den spannenden Handlungsfaden wieder vergaß. Er war glückselig über die Muse, die ihn in seinen Träumen so reichlich mit Einfällen bescherte. Nie wurde ihm bewusst, wem er die Einflüsterungen in Wirklichkeit verdankte, dass seine Muse ein 200 Pfund schwerer Weihnachtshund war. Er wunderte sich nur jeden Morgen über sein nasses, vollgeschlabbertes rechtes Ohr.

Der Plan des alten Weihnachtshundes ging auf. Der naive Friederbusch sandte sein Manuskript an den Kienbauer-Verlag und nahm seinen Hund tatsächlich mit zu Rabenhorn, um gemeinsam mit ihm Überzeugungsarbeit zu leisten. Womit Karl-Heinz allerdings nicht gerechnet hatte, war der zweifelhafte Geisteszustand des Lektors, der sich im Fieberwahn vom Schreibtisch wie Tarzan auf seine Jane stürzte und grunzend mit der Kienbauer abgezogen war. Aber das war ja alles gut ausgegangen und er hatte Rabenhorn dort, wo er sein sollte, in der Kanalisation von Bromberg, wo das Karlnickelungeheuer hauste. Jetzt musste nur noch der Meister gefunden werden!

An einer Biegung teilten sich die Kanäle. Verwirrt stoppte Karl-Heinz und ließ es geduldig über sich ergehen, dass Rabenhorn und Ömer Özgür, die er bisher an seiner Leine hinter sich hergezogen hatte, gegen sein Hinterteil rannten. Das waren ihm ja zwei schöne Helden! Ob der Meister da nicht einen Fehler begangen hatte? Ihre gestrigen Taten waren schon einmal ein vollkommener Reinfall gewesen und hatten die Lage nur noch verschlimmert, wenn er an die arme Marie-Theres dachte, die sich nun in den Fängen des Monsterkönigs befand … Karl-Heinz schüttelte das Haupt und schleuderte ein paar Speichelfäden zur Seite. Jetzt nur nicht ablenken lassen!

Er lauschte in die sich verzweigenden Gänge und vernahm tatsächlich aus dem Rechten einen fernen, jammernden I-Ah-Gesang, der ihm sehr vertraut war:

»Voll fett der Dreck, eh.
Das steckt keiner weg, yeah.
Da hilft kein Doney-Gin, he.
Bald sind wir alle hin – oh, jeh!«

Karl-Heinz stürmte aufgeregt hechelnd los, zog und zerrte – fast vermochten Rabenhorn und Ömer Özgür, die sich erneut an seiner Leine festklammerten, nicht zu folgen. Er schnüffelte durch die farbenfrohe, von Kerzenleuchtern und Fackeln erhellte Welt. Bald fand er einen Schnallenschuh seines Herrn. Und er war nicht leer.

In ihm steckte ein noch immer weißbestrumpfter, aber blutiger Fuß des Karlnalrumpelstilzchens. Hatte es mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde gestoßen, dass es bis an den Leib hineinfuhr und dann in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen gepackt und sich selbst mitten entzwei gerissen? Ömer nahm den Schuh vorsichtig an zwei abgespreizten Fingern aus dem Schnee.

»Da war wohl jemand schneller als wir. ›Hinfort, du schnöder Gallert‹«, bemerkte er und schleuderte den blutigen Schuh samt Übelkeit erregendem Inhalt zur Seite. Rabenhorn sah anerkennend zu dem Türken. ›King Lear‹, dachte er, 1. Akt, 7. Szene. ›Hinfort ist ein schönes, ein feines, ein doppelsinniges Wort. Schade, dass die heutigen Autoren es kaum mehr kennen.‹ In diesem Moment wurden seine Gedanken von einem schmelzenden Gesang unterbrochen, der ganz in der Nähe erklang:

»Ach, Bro, nun ist’s vorbei,
mit der Christmas-Feierei.
Bald ist der big old Tree gefällt,
der Bromberg on the Top erhält.«

Die rote Mütze fiel Karl-Heinz vom Kopf, als er vorwärts stürmte. Rabenhorn, noch immer mit dem Weihnachtshund durch die Leine verbunden, flog hinterher. Ömer folgte den beiden langsamer und sah sich vorsichtig um. Hinter den beiden trat er aus dem engen Gang in eine hohe und große Halle, sie war so gigantisch, dass der Dönerbudenbesitzer ihr hinteres Ende nicht ausmachen konnte. Es entzog sich ihm durch einen dichten Nebel, der zwischen den Schneehügeln waberte. Ömer kannte diese von mächtigen Fackeln erleuchtete Höhle. Erst gestern hatte er hier gemeinsam mit Rabenhorn und dem Karlnalrumpelstilz verzweifelt gegen die heranstürmenden Karlnickel-Horden gekämpft und gerade noch durch einen anderen Gang fliehen können, Marie-Theres, den Esel und den alten Meister dabei im Stich lassend! Irgendwo hier musste auch seine Waffe liegen, der Dönerbratspieß, mit dem er den Lektor aus Versehen bewusstlos geschlagen hatte.

Rabenhorn und Karl-Heinz waren inzwischen bei ihrem Ziel angelangt: Sie fanden Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo, auch Karl-Nickel, der Karlnalrumpelstilz genannt, den Ur-u-rur-ur-ur-Ahn des Lektors. Er lehnte mit dem Oberkörper gegen einen mächtigen grauen Esel, der jämmerlich weinte und i-ahte. Karl-Nickel blutete am gesamten, nicht mehr ganz vollständigen Körper und lag im Sterben. Doch als er Rabenhorn bemerkte, der sich zu ihm herab beugte, kam noch einmal Leben in den einst so mächtigen Herrn der Bromberger Unterwelt. Er hob den einen Arm, der ihm noch verblieben war und winkte seinen Nachfahren zu sich heran.

»Nun bist du doch wieder gekommen«, flüsterte er mit brechender Stimme. Er versuchte, sich ein wenig aufzurichten, was ihm nur gelang, weil der Esel sein Gewicht etwas zur Seite verlagerte. »Jan, du musst beenden, was ich in meinem Leichtsinn begonnen habe. Es ist der Fluch der Söhne, die Sünden ihrer Väter zu büßen. Ich sehe erfreut, du bist heute klar bei Verstand. Drum höre …« Karl-Nickel hustete und kleine Blutbläschen bildeten sich an seinen Mundwinkeln. Aber noch hatte er die Kraft, fortzufahren:

»Vor gut 800 Jahren, als hier inmitten des Karlnuten-Waldes auf dem Bromberger Hügel nur ein einziger gewaltiger Tannenbaum stand, der alle anderen überragte und zwischen dessen Wurzelwerk sich die große Höhle gebildet hat, in der wir uns jetzt befinden … Damals erprobte ich in meinem Wahn meine alchemistischen und chymischen Erkenntnisse, experimentierte mit dem geheimnisvollen Saft El Ixier, der aus dem Lapis philosophorum gewonnen wird. Doch statt Gold formten sich in meinen Leidener Flaschen zufällig die Karlnickel, gefährliche, kleine Bestien, die sich von den Wurzeln des Baumes nährten und ab und an auch mal einen vorbeikommenden Bauern oder Wandersmann fraßen. Später dann, als über uns die Stadt Bromberg entstand, wollte ich meinen Fehler gutmachen und erweckte zur Abwehr der Karlnickel und zum Schutze der Menschen allhier meine Weihnachtshunde und manchmal auch einen Christmasdonkey …« Das Grautier hinter dem Karlnalrumpelstilz zitterte und seufzte auf.

»Ruhig, Sam, ruhig… Chill mal, Alter, ich hab’ hier was klarzuchecken. Don’t cry for me«, er tätschelte beruhigend den dicken Bauch, auf dem er lag. Er wand sich wieder an Rabenhorn, der ihm atemlos lauschte.

»Viele Jahre ging alles gut. Weihnachtshunde und Karlnickel hielten einander die Waage und der Baum – der große Pinkelbaum der Straßenköter von Bromberg – er blieb kräftig und gesund. Doch dann kam das Unglück: Meine Hunde wurden alt und zahnlos und die Karlnickel vermehrten sich, sammelten sich, verknoteten sich, umwimmelten, verbissen und verbanden sich und wurden zum großen Karlnickelkönig, der dort hinten im Nebel haust und an den Wurzeln des Baumes frisst. Der Baum ist krank, Rabenhorn! Er stirbt. Nur noch wenige seiner Wurzeln halten das Dach dieser Halle und wenn der Karlnickelkönig die letzten durchnagt hat, dann stürzt uns hier der Himmel ein. Verstehst du? Bromberg wäre dann nur noch ein großes, tiefes Loch, aus dem sich der König der Karlnickel erheben wird, zu knechten die Menschen und das Land. Und das am Heiligen Abend! Das geht doch nicht.«

Der alte Alchimist und Druide packte seinen Nachfahren an der Schulter. Feuer stach aus seinen Augen und brannte sich in Rabenhorns Seele. Ihm war, als würde er in der Stimme Karl-Nickels alle seine Vorfahren mitrufen hören.

»Ich bin besiegt, in der gestrigen Schlacht geschlagen. Aber du hast die Macht, den Karlnickelkönig aufzuhalten! Nimm mein Schwert, das ich beim Schmieden in El Ixier tauchte, es hat die Macht, das Karlnickelungeheuer zu zerschlagen. Das ist deine Aufgabe, deshalb bist du hier!« Der Kopf des Meisters sank erschöpft auf seine blutige Schulter.

»Aber …«, stotterte der Lektor. Noch einmal sah das Karlnalrumpelstilz auf. Er war unendlich müde, das war ihm anzuhören.

»›Aber‹ ist kein Wort, das kein Rabenhorn kennen sollte. Nimm das Schwert, zerschlage die Karlnickel und rette die Frau, die du in den Kanal gebracht hast, bevor der Monsterkönig sie unter dem großen Pinkelbaum frisst. Du bist unsere letzte Hoffnung!«

Karl-Nickel atmete langsam aus und seine Augen schlossen sich. Karl-Heinz, der Weihnachtshund, heulte auf. Singin’ Sam sang:

»Goodby, Nickel, schön war die Zeit.
Goodby, Nickel, sei nun bereit.
Du steigst in den Himmel,
der Weg ist so weit …«

Rabenhorn erhob sich. Seine Augen suchten das magische Schwert. Es lag nur wenige Schritte entfernt im Schnee, warte geduldig auf den Ritter, der es zu führen wusste. Dort stand auch schon Ömer bereit, sein edler Knappe, den Dönerspieß in der Hand. Eine Träne glitt über seine Wange.

»Biz gitmek«, sagte der Türke, »lass uns gehen …« Rabenhorn nickte. Der Würfel war gefallen.

»Ja. Hinfort die Zweifel. Nicht mehr das Wort, die Taten zählen. Retten wir Marie-Theres, den Großen Pinkelbaum, Bromberg … und die ganze Welt!«

Vier Helden mit zwölf Füßen traten in den dichten, beißenden Nebel, der wie ein Leichentuch auf der Winterwunderwelt des Karlnalrumpelstilzchens lastete. Sie wurden von ihm verschluckt. Nebeneinander, nur durch eine Hundeleine miteinander verbunden, gingen stumm und entschlossen: Ömer Özgür, eine Geheimwaffe in der Tasche, von der außer ihm noch niemand etwas wusste, stolzer Besitzer der Imbissbude ›Traum vom Bosporus‹. Oh, er hielt seinen Dönerspieß wie einen Speer nach vorn in die verwaschene Düsternis gestreckt, in der man keine zwei Schritte weit sehen konnte. Daneben trottete besorgt Karl-Heinz, der große, alte Weihnachtshund, der letzte seiner Art, der noch Zähne zum Zubeißen fletschen und schwere Walnüsse aus seinem Sack schleudern konnte und an seiner Seite ging der treue Singin‘ Sam, der Esel, dessen Zunge wie eine Peitsche zuschlug und dessen Gesang die Reihen des Feindes zum Erzittern bringen konnte. Das Grautier, das trotz seiner Vorliebe für Weihnachtspunsch leider keine rotleuchtende Nase besaß wie sein Vetter Rudolph, das Rentier, eine Schnauze, die die Szenerie hätte erhellen können, summte leise die Melodie von »Auf in den Kampf, Torero« vor sich hin.

Die drei mutigen Recken folgten wie die drei Weisen aus dem Morgenland ihrem Stern: Jan Philipp Rabenhorn, dem letzten Ritter des edlen Geschlechts der Ceratias-Corvus, der die Faust so fest um den Griff seines orange schimmernden, in El Ixir getauchten Schwertes geklammert hielt, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Ihn leitete sein Instinkt sicher durch den dichten Nebel.

Noch nie hatten die uralten Hallen unter Bromberg solch mutige, zu allem entschlossene Helden gesehen und noch nie war auch so viel auf dem Spiel gestanden. Nachdem das Quartett eine gefühlte Ewigkeit unterwegs war und zumindest in Ömer ein erster Zweifel auftauchte, ob sie auf dem richtigen Weg und nicht von demselben abgekommen wären, erklangen direkt voraus dumpf klatschende Geräusche. Es waren ein paar farbige Lichter in dem stumpfen Weiß auszumachen, das sich endlich etwas lichtete und eine ungesunde, giftig-grüne Färbung annahm. Mit heftigem Schwefelgestank wehte eine üble Brise die letzten Reste der Nebelschwaden hinfort und die vier Helden waren an ihrem Ziel angelangt: An dem Nest des großen Karlnickels.

Die Halle erinnerte hier an einen noch tätigen Höllenvulkan, an dessen Rand sie nun standen und hinunter starrten. In seiner Mitte, zu der das nach Kohl, altem, fetten Hack und faulen Eiern dünstende Gelände flach abfiel, brodelte eine gewaltige Grube, in der ein hellloderndes Feuer brannte. Davor kauerte wie ein Schattenriss eine dunkle, gigantische Gestalt mit zwei langen, spitzen Ohren, die bis zur Decke reichten, von der kaum zählbar viele dicke Wurzelstränge teilweise bis zum Boden herabhingen. Die meisten von ihnen sahen aus, als hätte eine Biberarmee sie angefressen. Die Grube ihres Gegners – denn niemand anderes als der Karlnickelkönig saß dort am Feuer und briet sich etwas Undefinierbares in einer monströsen Bratpfanne, während er ihnen seinen schwarzen, behaarten Rücken zuwandte – diese Grube musste direkt unterhalb des großen Pinkelbaums liegen, der den Weihnachtsmarktplatz von Bromberg zierte und in den letzten Jahren schon recht angeschlagen und vertrocknet gewirkt hatte; weshalb der Stadtrat, der um seine Bedeutung wusste, die Weihnachtsbeleuchtung das ganze Jahr über hängen ließ.

Rabenhorn wollte schon entschlossen auf den übermächtigen Gegner losstürmen, als ihn Ömer in die Rippen stieß und zur Seite deutete, wo völlig unbewacht einige Gefängniskäfige am Kraterrand standen, von denen nur einer belegt war: MARIE-THERES! Rabenhorn fiel ein Stein vom Herzen. Sie hatten seine Chefin gefunden und sie lebte noch, winkte aufgeregt zu ihnen herüber. Seltsam, der Lektor hatte das Gefühl, der Kohlgestank ginge von ihr aus, ein Gefühl, das sich mit jedem Schritt, mit dem er sich ihrem Gefängnis näherte, verstärkte.

›Schichtkohl, die Kienbauer riecht nach Schichtkohl. Wahrscheinlich hat sie wieder mal diese Scheußlichkeit gekocht und der Karlnickelkönig hat sie deshalb noch nicht gefressen, weil sie so stinkt‹, erkannte er plötzlich erfreut. Ihre Vorliebe für diese unbeschreiblich grauenvolle Speise hatte sie gerettet. Auch Karl-Heinz verzog angewidert die Schnauze und sogar Singin‘ Sam, den normalerweise nichts aus der Ruhe brachte, bemerkte zur Seite:

»Boah, eh, Babo! Die alte Chick müfft vielleicht. Ist das krass!«

Nur Ömer weitete verzückt seine Nasenflügel, schnupperte den Duft, der von der Gefangenen ausging und ihm ging das Herz auf. Hier roch es wie hinter seiner Dönerbude und ein heftiges Heimweh befiel ihn. Sein dunkel schmachtender Blick kreuzte den blauäugigen von Marie-Theres und wenn jemals zwei Seelen durch ein Augenblinzeln zu einer verschmolzen, dann waren es die des Türken und der Verlegerin. Mit einem laut klirrenden Schwerthieb durchtrennte Rabenhorn die Kette mit dem Vorhängeschloss, die das Gefängnis versperrte und an ihm vorbei stürzte zu seiner Verblüffung eine ziemlich derangierte, aber vollkommen unversehrte Marie-Theres und landete aufschluchzend in den starken Armen von Ömer.

›Da wird der arme Friederbusch in der nächsten Zeit ein paar traurige Bücher abliefern‹, dachte Rabenhorn, ›aber ein Dichter sollte ja leiden, wenn er Großes vollbringen will.‹

Seine Nackenhaare standen plötzlich empor, denn er hörte ein mächtiges Grunzen hinter sich und ein Geräusch, als würde sich ein Berg erheben. Der Lärm, den er mit seinem Gewalthieb gemacht, hatte die Aufmerksamkeit des Karlnickelkönigs erweckt, der sich nun unten am Feuer zu seiner ganzen Größe aufrichtete und donnernd mit dem Kopf gegen die Decke schlug.

Oben auf dem Weihnachtsmarkt um den großen Pinkelbaum wurde durch dieses mittlere Erdbeben viel Glühwein verschüttet und die Bratwürste glitten aus ihren Brötchen. Überall rieselte Erde wie dünne Wasserfälle herab in die Höhle. Noch so eine Erschütterung und die Decke würde einstürzen, mitsamt den Feiernden oben und allen Buden und Würstchen- und Punschständen, erkannte Rabenhorn. Das schwarze Ungeheuer ließ einen schrillen Pfiff ertönen. Fast gleichzeitig tauchten am Kraterrand unzählige kleine Karlnickel auf, gefährliche, scharfzahnige und zähe Biester, die sich unvermittelt mit einem Aufschrei auf die Helden und die gerettete ›Jungfer‹ stürzten.

»Das wird jetzt übelst derbe, Bro«, murmelte der Esel und er sollte recht behalten:

Es wurde jetzt oberübelst, uzverdammt derbe. Was nun folgte, ging in die Annalen der Stadt Bromberg als ›Die Große Schlacht in den Weihnachtshöhlen‹ ein. Jeder hat sie mehr oder weniger begeistert in der Schule als Pflichtlektüre lesen müssen und sie und die Heldentaten der Tapferen brauchen daher an dieser Stelle nicht erneut erzählt werden. Weniger bekannt ist vielleicht, dass die Schlacht nie einen Sänger gefunden hätte, der von ihr in seinem Heldenepos berichtete, wenn nicht Ömer Özgür, der Imbissbudenbesitzer, den Tag gerettet hätte.

Er zog eine kleine Pfeife hervor und blies in der höchsten Not in sie, gerade, als die Recken von den Massen der Karlnickel aussichtslos umflutet und eingekreist waren, ihr König sich schon mit stampfendem Schritt, die Bratpfanne wie eine Keule schleudernd, genähert hatte. Seltsam – nichts war zu hören … und doch!

»In diesen Grenzen mit des Herrschers Ton Mord rufen und des Krieges Hunde entfesseln …«, zitierte Ömer mal wieder seinen Lieblingsautor, erneut aus Julius Cäsar, wie Rabenhorn wohlwollend registrierte. »Dass diese Schandtat auf der Erde stinke von Menschenaas, das um Bestattung ächzt!«

Und die Hundepfeife wirkte! Von überall kamen sie, von allen Seiten. Sie stürmten den Hang hinab, die Hunde und Esel des Krieges, die nur auf ihr Signal gewartet hatten: Karl-Georg, der gewaltige Dobermann, Karl-Theodor, der Winsler, Karl-Gustl, der Berner Sennenhund, Carlos-Santana, der schwarze Pudel, Karl-Maria, der kurzbeinige Dackel. All die anderen Weihnachtshunde mit ihren roten Mützen und den Säcken voller Hundetrockennahrung und unter ihnen Jumpin‘ Jack, Hoppin‘ Hermann, Cryin‘ Clause und Hummin‘ Henry, die Brüder von Singin‘ Sam.

Ihr Kriegsgesang erschütterte erneut die Halle und wie Haie stürzten sich die Weihnachtstiere in die Fluten der bösartigen Karlnickel-Armee, brachten sie zum Wanken, gar zum Zurückweichen! Es war eine entsetzliche Schlacht, der das Heldenquartett staunend und in letzter Sekunde glücklich gerettet wie einem absurden Theaterstück beiwohnte.

Da zupfte Karl-Heinz den Rabenhorn mit der Schnauze am Ärmel.

»Haben wir nicht noch etwas zu erledigen?«, fragte er.

»Du kannst sprechen?« Rabenhorn nickte. »Karlnickelklar, du kannst es. Warum eigentlich auch nicht?« Er sah hinüber zu dem Karlnickelkönig, der nun ziemlich verlassen vor seiner Feuergrube stand und mit wilden Flüchen vergeblich seine Untertanen zum Widerstand aufrief, der längst gebrochen war. Heillose Flucht war das Gebot der Stunde.

»Dann komm«, sagte der Held von Bromberg zu seinem treuen Hundegefährten, hob das funkelnde, zu unser aller Glück nicht singende, sondern ungewöhnlich schweigsame Schwert und trat dem Monster entgegen, »retten wir Weihnachten.«

Tiefe Zuversicht erfüllte das heldenhafte Herz des Lektors und mit seinem ersten Hieb durchtrennte er bereits den Fuß des Ungeheuers. Die abgeschlagene Gliedmaße flog durch die Luft und als sie auf dem Boden landete, verwandelte sie sich in panisch umherirrende, gegeneinander rempelnde und stolpernde kleine Karlnickel.

»Das ist für Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo«, rief er und mit jedem Namen seines Vorfahren, den Rabenhorn rief, trieb er sein mit El Ixir behandeltes Schwert erneut in den Bauch des Monsters. Aus dessen Wunden sprudelten keine Blutfontänen, sondern unzählige Karlnickel. Der König wankte, die Bratpfanne entglitt seinen plötzlich wieselflink davon flitzenden Fingern, die wie der Rest seines Körpers aus seinen fliehenden Untertanen geformt gewesen waren. Dann fiel er zu Boden. Rabenhorn hob ein letztes Mal sein Schwert, den gewaltigen Kopf vom Körper zu trennen.

»Halt ein!«, rief da plötzlich eine bekannte Stimme. Karl-Heinz, der sich in ein Organ des Karlnickelkönigs verbissen hatte, das in einem Märchen nicht erwähnt werden darf, und Rabenhorn wirbelten erschrocken herum. Hinter ihnen standen Karlnickellaus-Rumpelstilz und der ebenfalls längst verstorbene Hubert Emanuel Kienbauer. Beide wirkten sehr lebendig, auch wenn sie ein heller Lichtschein umgab. Rabenhorst fühlte sich an das Ende von StarWars VI erinnert.

»Halt ein, sonst wird an Ostern die Welt untergehen!«, schluchzten die beiden. »Denn wer soll den Kindern ihre Eier verstecken – etwa ein Osterhund

Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll …

ENDE

Rabenhorn klappte sein Prüfexemplar von ›Karl-Heinz, der Weihnachtshund, und der König der Karlnickel‹ zu, legte es vorsichtig auf seinen Schreibtisch und sah zum Panoramafenster aus dem 8. Stockwerk hinaus. Inzwischen dämmerte es und in den Häusern unten in der Stadt erstrahlten die ersten Weihnachtsbäume. Endlich schneite es dicke Flocken.

Obwohl der Lektor sich inzwischen mit Friederbuschs neuestem Werk arrangiert hatte und er einsah, dass ein erfolgreiches Buch fortgesetzt gehörte, war er mit dem Schluss nicht ganz glücklich. Dieses Ende war besser als das originale, in dem der Autor alle Protagonisten hingeschlachtet hatte – wahrscheinlich waren dies die Nachwirkungen der Trennung von Marie-Theres Kienbauer, die mit einem Dönerbudenbesitzer durchgebrannt war. Nein, so war das entschieden besser; schließlich hatte er persönlich, der große Jan Philipp Rabenhorn, das letzte Kapitel des Weihnachtshundes nach Jahren der Schreibblockade selbst verfasst. Aber irgendetwas fehlte.

Er starrte in das wirbelnde Schneegestöber vor seiner Fensterscheibe und sann nach. Gut, der Geschichte fehlte entschieden eine kluge Katze, aber die konnte er ja in eine der geplanten Fortsetzungen hinein schreiben. Es war etwas anderes; ein bohrendes Gefühl verblieb in ihm, dass er etwas vergessen hatte. Sein Blick fiel auf seinen großen, zotteligen Hund, der friedlich auf dem Sisalteppich schnarchte und nun wie auf Kommando seinen Kopf hob und Rabenhorn mit seinen geheimnisvollen, tiefen Augen fixierte. Da verstand er:

»Du hast recht, Karl-Heinz«, sagte er zu dem zustimmend nickenden Tier, »jetzt weiß ich, was ich vergaß.«

Er wand sich zu den Lesern seiner Geschichte, die ihn und den Hund aufmerksam betrachteten. Er winkte ihnen zu, winkte DIR zu. Ja, dir, meinem Leser, der du mir tatsächlich bis hierher auf die Seite 78 gefolgt bist – erstaunlich genug bei dem Blödsinn, den ich verzapfte:

»Gesegnete und Glückliche Weihnachten!«

ENDE

Karl-Heinz, der Weihnachtshund, und der König der Karlnickel – DREI

Der Autor, Erzählung, Experimente, Fantasy, Heimat, Humor, Lesung, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Satire, Sprache, Weihnachten, Weihnachtsgeschichte

<– zum 2. Teil

Doch von alldem wusste Jan Philipp Rabenhorn noch nichts. Denn er war weiterhin in seinem Fiebertraum gefangen.

Und Marie-Theres kam über ihn, wurde geschichtet wie Kohl und im Fass gärte ihr Saft zu saftig Weinigem, während sie Karl-Heinzens Zunge englisch brieten: Halleluja! …

Und selbst in den wirren Gedankenlabyrinthen seiner Ohnmacht erledigte Rabenhorn noch zuverlässig seinen Job:

»So hätte Friederbusch schreiben müssen, so wird im 21 Jahrhundert zeitgemäß gedichtet! Ich nenne euch nur einen Namen und den mit der nötigen Ehrfurcht: ›Durs Grünbein!‹ Ha! Durs und nicht anders, und ›Friedi‹ wäre ein Großer. Mit einem Weihnachtshund jedoch, mit Singing Sam, diesem absonderlichen Schmuseesel und mit gefährlichen Karlnickeln aus dem Abgrund wird dieser Schreiberling zugrunde gehen … und eigentlich: In Bezug auf sein schamloses Verhalten hier im Büro ist das sogar wünschenswert!«

Rabenhorn erschrak, erwachte fast aus den bunten Bildern seiner Phantasmen. Moment, hatte er gerade von langlebigen Karlnickeln geträumt? Was war denn das für ein Unfug? Wie kam er denn darauf? Er kniff seine Augen fest zu. Aber das Fieber ließ ihn nicht los.

»Und es ging ein Raunen durch die Straßen. Ein Flüstern durch die Gassen. ER war auferstanden aus den Eingeweiden der Stadt, suchte seinen Nachkommen, um zu retten, was noch zu retten war. ER, der ER seit Jahrhunderten rumorte wie schwerverdaulicher Schichtkohl. Karl-Nickel, der Karldinalgroßfürst, genannt Karldinalkaiser und im Volksmund Karlnalrumpelstilz. Doch jetzt war ER da. Und der Karlnikolaus suchte, schnüffelte, fand. Er war mitten unter uns, mitten im Advent. Angekommen wie angekündigt in den Archiven der Stadt, wo die geheimgehaltene Weissagung hinter sieben Türen ängstlich verborgen gehalten wurde. ER, der Herr und UR-UR-UR-UR-und-so-weiter-und-so-weiter-und-so-fort-URAHNE des Geschlechts derer von Ceratias-Corvus.

Und ein Schauern fegte durch die kalten Schluchten aus Schichtbeton und Schichtkohl, durch Nachtschichten und Tagschichten, durch alle Schichten der schlichten Bevölkerung.«

Aber nur das feine, ahnungsdralle Gemüt des Lektors Jan Philipp Rabenhorn erfasste den Ernst der Gegenwart mit einem visionären Blick seines dritten Auges hinter seiner fieberigen Stirn: Karl-Nickel war adveniert und er plante etwas! Friederbusch hatte seine Aufgabe erfüllt, Verkünder und Vorbote zugleich, er war nur das hohle Gefäß, das der Rumpelstilz zum Klingen gebracht hatte. Der echte Karl-Heinz leckte dem Lektor über die schweißnasse Stirn, aber das bemerkte er kaum. Rabenhorn sprang im Fieberwahn auf. Er sah eine blinkende Kienbauer in ihrer halben Nacktheit vom Leuchter herabsinken.

»Marie-Theres, schnell weg von hier! Er kömmt über dich! Er wird dich nehmen, füllen, schichten wie Kohl. Karl-Nickel, der inkarlnalische, der untergründige, er ist aufgefahren aus den Katakomben. Nichts wie weg hier! Sonst bist du dran!«

Mit diesen Worten fasste er Marie-Theres Kienbauer, die Herrin des Kienbauer-Imperiums, beim eingebildeten Schweifstern und schleifte sie zur Tür hinaus.

Friederbusch und sein Hund blickten ihnen fassungslos hinterher.

Jan Philipp erwachte, rieb sich genüsslich die Augen, griff dann in die zerwühlte rechte Betthälfte, suchte, fand aber beruhigende Leere und seufzte erleichtert. Das war wohl noch einmal gutgegangen! Alles nur ein schlechter Traum: Kein bärtiger Türke schlief neben ihm, kein fetter Köter mit Weihnachtsmütze auf dem Kopf war zu einem blonden Drachen mit den Gesichtszügen von Marie-Theres Kienbauer mutiert. Helga Jolanda Weißeggerle-Rabenhorn, seine Ex-Gattin und ehemalige Muse der Schreibkunst, hockte nicht zeternd auf einem Drachenhort neben seinem Bett, sondern seit der unerfreulichen Trennung vor vier Jahren weiterhin in ihrer eigenen Wohnung, die er ihr bezahlte.

Rabenhorn erinnerte sich nur ungern an die etwas unbequeme Phase seines Lebens, als auch er, der er doch eigentlich über solchen Dingen stand, der Krise der mittleren Jahre verfiel und er sich sterblich in eine blutjunge, bemerkenswert vollbusige und dabei doch so tief vergeistigte Dichternymphe verguckt und geheiratet hatte. Wahrscheinlich hockte Helga im Moment verhuscht und verträumt vor ihrem Computer, postete in Instagram und in irgendwelchen Literaturforen Schlechtgereimtes und Weihnachtsglückwünsche – schließlich war heute der Hl. Abend.

»Ach, wie liebe ich diese stille Zeit!«, rief Rabenhorn sich rekelnd aus, schwang die ansonsten schweren Beine leicht aus dem Bett, schlüpfte in seine warmen Puschen und hüpfte wie ein Tänzer in die Küche. Dabei ignorierte er einen leichten Kopfschmerz, der ihm von seinem Alptraum oder – wahrscheinlicher – der Erinnerung an seine Exfrau übriggeblieben war.

Als er bald darauf noch im Morgenmantel mit einer Tasse seines Lieblingskaffees vor seinem privaten Internetzugang saß, um seine Mails durchzusehen, überlegte er, ob er nicht längst wüsste, was sich heute wieder alles bei ihm auf dem Bildschirm tummeln würde – in seiner eigenen kleinen Welt war es schließlich recht übersichtlich. Und das zumindest sollte auch so bleiben!

Es war so, wie nicht anders zu erwarten: Neben den üblichen Weihnachtsgrüßen von Verlegern und fernen Bekannten, neben Preisokkasionen  – was für ein entsetzliches Wort! -, heiratswilligen russischen Damen und Angeboten für blaue Pillen und Krankenversicherungen waren sie über Nacht wieder aus ihren Löchern gekrochen, hatten sich in ihren literarischen Schweißausbrüchen gesuhlt, sich mit ihren glitschigen, schmierigen Fingern verkrampft über die unschuldige Sprache hergemacht und ihn als Unschuldigen mit allem überschüttet, was eigentlich Dinghaft auslösen müsste – immer und ewig auf und über ihm, dem seinem Selbstverständnis nach weltbesten Lektor! Wenn er all die unverlangten Manuskripte ausdrucken sollte, die als PDFs oder WORD-Dateien in seinem Mailkonto strandeten, würde er Tonnen an unschuldigem Papier damit besudeln müssen!

War das sein persönliches Purgatorium? Musste er wirklich über diese trüben, gelblich schillernden Bäche springen? Auch heute, am Heiligabend, da es wieder mal zu kalt war, um überhaupt irgendwo einkehren zu können, es sei denn unter einer warmen Decke?

Er öffnete die Datei-Anhänge der Autoren-E-Mails. Was war das?

›Die Mamille des Todes – Ein Engelsgesicht mit Spitzhackenbrüsten, das eine schwedische Kleinstadt terrorisiert!‹ Erbarmen! Nein, danke …

›Eishart und Gwendulina – Eine sprechende Parkbank und ein erfrorener Penner. Eine Schneekönigin-Allegorie?‹ Was wird diesem Autor noch alles einfallen, wenn ihm nichts mehr einfällt? Nein, danke!

›Aber ein Traum – der aber eigentlich gar kein Traum ist, sondern aber eine geträumte Wirklichkeit in einem Traum, der aber von der Wirklichkeit träumt‹? Das passte zwar auf seine eigene Situation, aber: Wer will von so etwas schon über 400 Seiten lesen, Herr Klammer? Nein, danke!

›Karl-Heinz, der Weihnachtshund uns der König der Karlnickel‹ – noch eine Hundegeschichte? Bloß nicht! Die Welt war mit dem unsäglichen ›Weihnachtshund‹ von Daniel Glattauer gestraft genug. Zusammen mit dem Philosöphchen Richard David Precht war er der unangefochtene Herrscher über die literarischen Vorhölle! Wie war denn der große Friederbusch ausgerechnet auf solch ein ausgelutschtes Thema gekommen?

All diese E-Mails hatte Rabenhorn erwartet. Sein Zeigefinger tippte lässig im Takt von Jingle Bells und alles verschwand im Orkus des Junk-Ordners. Damit war seine Arbeit für heute getan; für heute und den Rest der Weihnachtswoche. Er hatte sich zwischen den Jahren freigenommen, um endlich seine Wohnung zu renovieren.

Rabenhorn stellte den PC aus, warf sich ungewaschen die Arbeitsklamotten über, nahm sich einen Brenner und einen alten, metallenen Eiskratzer. Er begann, von außen an der Badtür die gelbliche Lackfarbe heißzumachen und sie abzuschaben. Solch händische Tätigkeit war wenigstens noch etwas Ehrliches, Reines. Hier war der Werktätige noch nicht von seiner Arbeit entfremdet. Konstruktivität, Freilegen der Struktur. Dieses wohltuende Entfernen des Altangebrachten. Und Farbe stinkt! Holz nicht. Also weg mit der Farbe! Tod der modernden Farbe und dem Altanstrich, der sich nur modern nennt! Hatte er tatsächlich vierzig Jahre über Büchern gesessen, um zu wissen, dass er eigentlich nur ein Abbrenner und Lackierer werden wollte?

»Wenn das keine Weihnachtsbotschaft ist!«, dachte er euphorisch. »Arbeitet im Schweiße eures Angesichts, Leute, Möchtegernschriftsteller, nicht im Geiste! Vornehm ist das Handwerk. Sinnentehrend, sinnentleert ist allein das Geisteswerk!«

Und da er das dachte, lächelte er und verbrannte sich die Hand am heißen Brenner. Rabenhorn ließ das Heißluftgerät auf den Boden fallen. Es schmorte ein Loch in den wertvollen Berberteppich vor der Tür. Wütend riss der Lektor das Kabel aus der Steckdose. Das war er doch, der Unterschied zwischen der Literatur und dem wahren Leben: Das Leben schmerzt! Und es geht immer weiter. Da gibt es kein ENDE und alle singen glücklich Weihnachtslieder. Man muss sich ständig auf Neues einstellen, kann nicht im Index nachschlagen oder ein paar Seiten zurückblättern, wenn man etwas nicht versteht oder einen Namen vergessen hat. Rabenhorn rieb sich über die brennende rote Stelle an seiner Hand und überlegte, was zu tun war.

»Kaltes Wasser«, fiel ihm ein, »eine Brandblase muss man kühlen. Und dann eine Salbe drauf.« Ah, das war kein vollständiger Satz: »Und dann muss man eine Salbe über die Wunde streichen.« Jetzt hatte er eine »muss man«-Wiederholung, das war sehr schlechter Stil: »Und dann sollte man besser eine Brandsalbe über der Wunde verstreichen.«

Gut so. Rabenhorn trat also ins Badezimmer, wo er kurz die Vision eines in Fett und Filz eingewickelten Joseph Beuys hatte, der auf dem fest getrampelten Erdboden eines russischen Bauernhauses seine Brandwunden überlebte. Doch es war nur ein schlafender, müffelnder Hund, über den er beinahe stolperte.

Was heißt ›nur‹? Das war ein Riesenvieh, das Untier! So entsetzlich groß, dass Rabenhorn nicht an ihm vorbei zum Waschbecken gelangen konnte. Aber seine Brandwunde war eh vergessen! Was hatte er eigentlich noch im Badezimmer gewollt? Der Hund, so fiel ihm siedend heiß ein, der hieß ›Karl-Heinz‹. Jetzt kam die Erinnerung wieder mit voller Wucht, und er bekam weiche Knie. Rabenhorn trat einen Schritt zurück, setzte sich schwer auf den hölzernen, wohlig vertrauten Deckel seiner Kloschüssel.

Von wegen Traum! Alles kam zurück, kristallklar schälte sich die Erinnerung an den gestrigen Tag aus seinem Gedächtnis, als wäre der Anblick des Hundes ein heißer Küstenwind, der den Nebel verjagt:

Er konnte das furchtbare Manuskript voller Rechtschreibfehler und verunglückten Halbsätzen von Friederbusch geradezu vor sich sehen, dann folgten der Fieberanfall und die oben zwischen den Neonröhren schwebende, halbnackte Witwe seines ehemaligen, geliebten Verlegers und jener entsetzliche Kalbshund, der ihm das Gesicht abschleckte. Auch der alte Familienfluch der Rabenhorns fiel ihm wieder ein, jener Jahrhunderte alte Fluch, von dem ihm Herbert Emanuel Kienbauer in seiner Sterbestunde berichtet und an den der Lektor nie geglaubt hatte – gleichzeitig die Erkenntnis, dass Marie-Theres Kienbauer in höchster Gefahr war! Gestern war der Schock des Begreifens wie ein Faustschlag gewesen, der ihn ohnmächtig vor seinem Schreibtisch niederstreckte. Dann, noch wie betäubt, hatte er handeln wollen, denn nur eine Person konnte hier noch helfen, auch wenn Rabenhorn eigentlich nicht an sie glaubte. Daher hatte er Marie-Theres gepackt und die Widerstrebende zum Aufzug gezerrt. Doch was dann geschah …

Rabenhorn konnte sich nicht erinnern. Ein unheimliches Loch war in seinem Gedächtnis. Der Aufzug öffnete sich, das wusste er noch. Aber dann? Und wie kam er in der Nacht in sein Bett, und wie dieser vermaledeite Hund von Friederbuch in sein Badezimmer? Fehlte nur noch ein singender Esel in seinem Kleiderschrank, der lautstark Felis Navidad! sang! Der Lektor sackte auf der Toilette in sich zusammen, presste die Fäuste gegen seine Stirn, aber er konnte keine weitere Erinnerung hervorquetschen. Alles war schwarz. Das erste, was er wieder wusste, war eben sein Erwachen im Bett mit dem niederdrückenden Gefühl, schlecht geträumt zu haben.

Da hörte er ein Geräusch an seiner Wohnungstür, es klang, als würde jemand an seinem Schloss herumfummeln. Rabenhorn stand auf, zog den Badschlüssel ab und sperrte so den noch immer schlafenden Hund ein. Er öffnete mit Schwung die Tür. Vor ihm stand herabgebeugt ein kleiner, untersetzter Mann mit imposantem Schnauzbart, ein ›Bürger mit Migrationshintergrund‹, wie Rabenhorn für sich feststellte. Einen Schlüssel, der dem Lektor bekannt vorkam, hielt er nach vorn gestreckt in der einen, eine Tüte mit verlockend riechendem Backwerk in der anderen Hand. Rabenhorn war sicher, ihn noch nie zuvor gesehen zu haben. Das war wahrscheinlich ein entlassener Strafgefangener, der ihm ein Abonnement des Readers Digest andrehen wollte. Welch ein entsetzliches Heft, Untergangsliteratur des Abendlandes. Oder das war einer dieser Asylanten, der vielleicht um eine Arbeit als Abbrenner und Anstreicher bettelte. Den konnte er jetzt gut brauchen.

»Ja, bitte, was wollen Sie?«, fragte er unhöflich. Sein Gegenüber hob überrascht die Augenbrauen.

»Du erinnerst dich wirklich nicht mehr, Jan? Du hast mich vergessen?«, fragte der Fremde. »Weißt du nicht mehr, wie wir gestern mit dem Schaitan persönlich gekämpft haben? Du an meiner Seite und ich an deiner? Mit Dönerspieß und Degen als Waffen gegen den Karlnickelkönig? Du und ich? Kreuzritter und Gotteskrieger vereint gegen den Feind?«

Der Türke erkannte und nickte. »Tatsächlich, du hast es vergessen. Ömer Özgür bin ich, dein guter Freund. Schließlich hast du mir deinen Schlüssel gegeben.«

Dieses Argument zog. Rabenhorn erkannte seinen eigenen Schlüsselbund mit dem kleinen Plastik-Reich-Ranicki in der Hand des anderen. Kurzentschlossen schob Ömer den verdutzten Lektor beiseite und trat ein.

»Ich habe schnell Brötchen geholt«, bemerkte er und hob seine Tüte. »Kämpfer brauchen ein gutes Frühstück. Wenn der Magen gefüllt ist, ist die Schwerthand stark.«

Aus seinem übervollen Orientalenherzen rieselten jetzt die Worte wie der Sand der Wüste oder der Schnee im Winter Ostanatoliens.

»Rabenhorn, mein Freund, Kämpfer, krass, wie wir ihn in die Flucht geschlagen haben, diese Ausgeburt der Hölle. Wir beide, der Esel und der große Hund! Aber dann stürzten sich von allen Seiten – aus allen Karnalöffnungen – die entsetzlichen Karlnickel auf uns. Wie eine Tsunamiwelle waren sie und wir standen wie Felsen in der tödlichen Brandung. Aber dann bist du gestolpert und etwas traf dich am Kopf. Weiß nicht, was es war.«

Ömer zögerte und überlegte, ob er dem Lektor erzählen sollte, dass er ihn im Eifer der Schlacht aus Versehen mit seinem Dönerspieß ins Reich der Träume verfrachtet hatte. Es entschloss sich, dieses kleine Detail auszulassen.

»Egal, was es war. Du verlorst das Bewusstsein. Wir mussten uns zurückziehen! Ich warf dich über den Hund und wir flohen vor den anstürmenden Gegnern. Gerade eben noch fanden wir den letzten freien Kanaldeckel. Aber jetzt ist nur die Schlacht verloren, noch nicht der Krieg! Wir brauchten eine kleine Verschnaufpause, dann machen wir weiter. Deshalb brachten Karl-Heinz und ich dich in deine Wohnung, Jan.«

»Wie haben Sie sie denn gefunden?« Der Albtraum setzte sich anscheinend fort.

»Aber mein Freund, dich kennt doch jeder hier in Bromberg. Ich musste nur fragen und schon redeten die Leute. ›Meinen Sie vielleicht Herrn Rabenhorn, den Gelehrten?‹ oder ›Ach, der nette Herr Professor Rabenhorn, ja, der wohnt am Lärchengrund.‹ Also kein Problem, deine Wohnung zu finden, lieber Freund. Dein Bett ist sehr weich und bequem. Allerdings müsstest du mal etwas gegen dein Schnarchen unternehmen.«

Rabenhorn wuchs um fünf Zentimeter. Er wusste, dass er angesehen und geachtet war. Doch dieser Beweis seiner stadtweiten Dominanz als Kulturmensch kam überraschend, tat seiner verletzlichen Lektorenseele jedoch gut.

»Aber was ist mit Marie-Theres Kienbauer? Der Frau mit dem Stern. Die fast nackt war. Du weißt schon. Und was ist mit Friederbusch?« Und, nach einem Zögern:

»Und wo ist der Karldinalsrumpelstilz? Mein … Vorfahr?« Erinnerungen stiegen in seinem Gehirn empor wie Kohlenstoffblasen an die Oberfläche eines Weißbiers. (Das war übrigens ein Vergleich, den er jedem Autor gnadenlos gestrichen hätte!)

Ömer lachte verschmitzt. »Wenn wir gefrühstückt haben, klärt sich alles auf. Karl-Nickel erwartet uns unten im Kanal. Er wird dir alles erzählen, was du im Fieberrausch gestern vergessen hast.«

Rabenhorn packte ihn bei den Schultern. »Sprich, was ist mit Marie-Theres?«

Ömer zuckte zusammen. »Der Böse, der Karlnickelkönig, der Fürst von Hölle: Er nahm sie mit, hinab ins Innere der Erde, wo die Feuer brennen, unter die Wurzeln des großen Pinkelbaums, von denen er sich und eine abscheuliche Brut ernährt. Heute Nacht muss es sich entscheiden!«

Rabenhorn wankte. Sollten alle Kämpfe, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, vergebens gewesen sein? Alle Angst, alle Anstrengung, die Wunden an Seele und Körper, alles umsonst? Aber just an diesen Punkt seiner Verzweiflung regte sich das Blut seiner Vorfahren in ihm: Niemals! Und wenn er dem Scheusal bis in die städtische Kloake folgen müsste, er würde Marie-Theres retten.

»Los, Ömer, wir müssen sie befreien. Wir dürfen keine Zeit verlieren.« Und mit einer Kaltschnäuzigkeit, die er sich selber niemals zugetraut hätte, lief er ins Bad, packte den völlig verdutzten und tranigen Karl-Heinz-Hund bei den Ohren und schleifte ihn zur Tür hinaus.

»Ömer, auf geht’s! Auf in den Kampf! Wir retten das ehrbare Weib aus den Fängen des Untiers!« Der Dönerbudenbesitzer schleuderte die Tüte mit dem Backwerk zur Seite.

»Das ist mein Held! Hurra! So wollen wir Mord rufen und des Krieges Hund‘ entfesseln!« Und mit diesem theatralischen Aufruf (Julius Cäsar, 3. Akt, 1. Szene) zogen sie von dannen, öffneten den nächstgelegenen Kanaldeckel und verschwanden gemeinsam in der Unterwelt.

Jan Philipp Rabenhorn hatte erwartet, dass die Kanäle seiner Heimatstadt eine feuchtklammer-rutschigheunsche Angelegenheit waren, erbärmlich fies nach allerlei in diesem Weihnachtsmärchen Unaussprechlichem stanken und zappen-zappeldunkel waren, aber das genaue Gegenteil war der Fall: Überall leuchtete es grün und gülden funkelnd von den speckigen, wie aus Lebkuchen geformten Wänden und es lag ein appetitlicher Geruch nach Weihnachtsstollen und allerlei anderem würzigen Backwerk in der warmen Luft.

Der Lektor rieb sich die Augen, doch die Sinneseindrücke veränderten sich nicht: Dies waren keine düsteren Abwässer mehr, in denen zwischen Herabgespültem aus zehntausend Toiletten eklige große Ratten schwammen, nein, hier unten sprudelten zwischen glitzernden Schneehäufen glühweinrote, nach Zimt und Tannennadel riechende Wasserläufe durch die Gänge, munter singende Bächlein, in denen sich fröhlich Lametta-Sprotten, Nikolausbarsche, Engelshaarrochen und Weihnachts- kugelfische tummelten.

Rabenhorn fragte sich nur kurz, woher er die Namen dieser Tiere kannte, die sich ja in keinem ichthyologischen Fachbuch fanden – schließlich hatte er das eine oder andere lektoriert – aber er hatte sich ja vorgenommen, sich über nichts mehr zu wundern. Trotzdem sah er sich staunend um. Die Unterwelt von Bromberg an der Fiesel war eine geschmacklose Weihnachtswunderwelt, ein unterirdisches Rothenburg ob der Tauber.

[Zum letzten Teil →]

Karl-Heinz, der Weihnachtshund, und der König der Karlnickel – ZWEI

Der Autor, Erzählung, Experimente, Fantasy, Heimat, Humor, Lesung, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Satire, Sprache, Weihnachten, Weihnachtsgeschichte

<– zum 1. Teil

Ein Piepen seines Tablets ließ Rabenhorn auffahren. Eine E-Mail war angelangt und ploppte am Touchscreen auf. Als Absender prangte unübersehbar Marie-Theres Kienbauers Adresse: ›Sexyhexy69@kienbauer.com‹.

»Öffnen Sie sofort die Anlage!«, war der bündige, ein wenig bedrohlich wirkende Text.

Rabenhorn tat wie ihm angeordnet – weniger aus Neugierde, als aus Duckmäuserei. Er befürchtete eine weitere Einladung zu einem Schichtkohl-Essen, welche unverdauliche Speise sie in der Adventszeit gerne mit Zimt und Hirschhornsalz würzte. Wahrscheinlich wollte ›Sexyhexy69‹ ihm wegen ›Friedis‹ Manuskript gut zureden. Es hätte ihn auch nicht weiter gewundert, wenn sie ihm einen Trojaner geschickt hätte.

Aber zu seiner Überraschung entrollte sich auf dem Bildschirm ein funkelnder Farbenteppich in Rot, Grün und Gold. Daraus schälte sich ein erstaunlich realistisch wirkender, wenngleich eine Weihnachtszipfelmütze tragender Hund in einem roten Mantel. Gleich daneben entstieg ein ebenso echt aussehender Esel mit Schlitten im Schlepptau einer grauen Wolke, aus der fortwährend glitzernde Schneeflocken fielen und langsam den unteren Rand des Desktops füllten. Der Schlitten barg als einziges Weihnachtspräsent ein gewaltiges Buch, auf dessen rotbraunem Umschlag eine goldene Schrift blinkte: ›Karl-Heinz, der Weihnachtshund und der König der Karlnickel‹, stand dort zu lesen. Jetzt erst bemerkte Rabenhorn die kursive Laufschrift am unteren Rand des Bildes, inzwischen halb vom künstlichen Pixelschnee begraben:

Nur bei Kienbauer: Die Sensation! Das neue Weihnachtsmärchen von Egon M. Friederbusch, dem Autor der erfolgreichen Egart-Serie. Schon jetzt ein Klassiker.

Rabenhorn konnte nicht länger hinsehen. Wer hatte denn diese Geschmacklosigkeit mit Hilfe von Photoshop verbrochen? Die schreienden Farben und die grelle Aufmachung taten ihm körperlich weh.

»Wenigstens passt das Bild zum Text«, murmelte er und schloss eilig die unerfreuliche App auf dem Display seines Tablets. Der künstliche Computerschneehaufen blieb trotzdem unten liegen. Dann blickte er hinaus in den grauen Adventshimmel, lehnte sich weit in seinem Sessel zurück und wartete auf den im Moment noch Äonen und Lichtjahre entfernten Feierabend. Im Gegensatz zu dem Special Effect auf seinem I-Pad ließ der Schnee in der Wirklichkeit auf sich warten.

Er war gerade ein wenig eingenickt, da klopfte es kurz und bestimmt an der Bürotür.

»Herein«, murmelte er. Wenn das jetzt die Kienbauer war, dann würde er sie kurzerhand aus dem Fenster werfen – was durchaus schwierig war, denn es ließ sich wegen der Klimaanlage nicht öffnen. Die Tür schwang auf und der Lektor glaubte, noch zu träumen:

Seine Kinnlade klappten nach unten – nicht vor Erstaunen, eher schon aus purem Entsetzen. Durch die Tür schob sich ein riesiger, schwarzer und zotteliger Hund. Falsch, das war kein Hund mehr: Das war ein Kalb, ein Bär, ein Minotaurus, ein Oger! Eine Woge muffigen Gestanks nach nassem, ungepflegtem Fell schlug dem Lektor entgegen. Er wusste sich keine andere Hilfe, als eiligst auf seinen Schreibtisch zu steigen. Rabenhorn hatte Angst vor großen, bösen Hunden, und dieser hier war bestimmt der größte und böseste Hund, dem er jemals so nahegekommen war. Da half es auch nicht, dass das Tier eine Zipfelmütze trug und einen grün-rot gestreiften Schal. Der Hund jedenfalls trottete näher, legte seine riesige Hundeschnauze auf den Tisch, sah treuherzig nach oben zu dem panischen Lektor auf und sabberte genussvoll dessen Tischkalender voll.

»FRÄULEIN WIESENGARD!«, schrie Rabenhorn nach seiner Vorzimmerdame. »FRÄULEIN WIESENGARD! Hier steht ein gar schrecklicher Hund! Meine Liebe, Sie haben einen Hund in mein Büro gelassen! Bringen Sie dieses Maleur bitte sofort wieder in Ordnung.«

»Wuff«, machte der Hund. Fräulein Wiesengard jedoch antwortete nicht. Wahrscheinlich hatte das gigantische Vieh Fräulein Wiesengard gefressen, bevor es hereinkam. Ob das Monstrum jetzt wohl satt war? Rabenhorn sah sich vorsichtig um. Vom Schreibtisch auf die Fensterbank klettern und hinaus in die Tiefe springen? Das war im 8. Stock keine schlaue Idee. Außerdem ließ sich das Fenster ja auch nicht öffnen. Telefonieren? Das konnte vielleicht diesen Mörderhund reizen. Ihn mit Friederbuschs fettem Manuskript in die Flucht schlagen? Das wäre mutig. Aber Rabenhorn war nicht mutig, keinesfalls schon lebensmüde, aber der Gedanke hatte etwas, das passte irgendwie. Er schielte unauffällig zu dem Stapel Blätter in seiner Griffweite hinüber. Bevor er sich noch entscheiden konnte, öffnete sich erneut die Tür. Der leibhaftige Egon M. Friederbusch stand im Rahmen und lachte sich schief.

»Komm schon, Karl-Heinz, sei lieb«, rief er endlich, »der Onkel will nicht mit dir spielen. Karl-Heinz!« Er klopfte auffordernd auf seine Oberschenkel, doch der Hund ignorierte ihn völlig. Friederbusch zuckte bedauernd mit den Schultern. »Schlecht erzogen, tut mir leid. Er ist mir zugelaufen.«

Rabenhorn sah von oben auf den Schriftsteller, dann auf den Hund. Langsam wich die Panik. Er wäre jetzt gerne von seinem Schreibtisch heruntergestiegen, denn er spürte, dass er sich dort oben lächerlich machte. Aber ein kurzer Blickkontakt mit dem Monstrum ließ ihn weiter in Unwürde verharren.

»Das ist Ihr Hund, HERR Friederbusch? Ja, sind Sie denn völlig wahnsinnig geworden?«, forderte er keine Antwort, sondern Trost. Dabei bemüht er sich, leise und ruhig zu sprechen, damit der Hund bloß nicht nervös wurde. »Den Esel haben Sie hoffentlich nicht dabei«, fügte er noch mit Galgenhumor hinzu.

»Das nicht, der hatte keine Zeit. Aber jetzt kommt noch etwas viel Besseres …«, erwiderte der Autor.

Die angekündigte Überraschung war gelungen, auch wenn dem Lektor der singende Esel doch lieber gewesen wäre:

Am lächelnden Friederbusch vorbei schwebte ein strahlender Engel mit einer Tupperschüssel in der Hand in das Büro. Es war eine Schneekönigin, blond, blauäugig blinzelnd, mit grell geschminkten Lippen. Sie war nicht ganz jugendfrei nur mit einem langen Nerz bekleidet, der in der Farbe des Winters schimmerte. Das war endlich Marie-Theres Kienbauer in natura, wie der Herr oder ein Chirurg sie in einer Schapslaune erschaffen hatte. Sie wirkte auf Rabenhorn, als käme sie frisch von einem Wellnessurlaub. Ihm sträubten sich die Haare: Seine Chefin schwebte tatsächlich wie ein mit Helium gefüllter Ballon einige Handbreit über dem Boden! Rabenhorn wäre vor Schreck fast von seinem Schreibtisch gefallen, auf dem er immer noch als die Unwürde in Person hockte.

Die Schneefrau Marie-Theres, Hetäre dieses Schafscheiß dichtenden Dichters und gestrenge Vorgesetzte, sank nicht einem Flöckchen gleich zu Boden. Nein, Schwerkraft spielte für sie offenbar keine Rolle. Geradezu mühelos flog sie jetzt zur Decke empor und nahm auf der Hängelampe Platz. Dort entnahm sie ihrer Tupperdose, die sie mit einem schmatzenden Geräusch öffnete, ein Spruchband, entrollte es und ließ es von der Decke flattern. Güldene Lettern in Leipziger Frakturschrift:

Einladung zu meiner Weihnachtsparty mit Schichtkohl, anschließend menage a trois!

Den altertümlichen Schriftfont nahm des Lektors geschultes Auge noch schaudernd wahr. Dann stürzte Rabenhorn vom Schreibtisch auf die Sisal-Teppichauslage des harten Bürobodens. Er rang mit all seinen verbliebenen Kräften darum, gleich und auf der Stelle ohnmächtig zu werden. Aber Karl-Heinzens feucht-sorgende, über sein Gesicht leckende Zunge und sein widerlicher Mundgeruch verhinderten es. Der Monsterhund schleckte ihn hartnäckig wieder zurück ins Bewusstsein, dem er so verzweifelt entkommen wollte.

»Ja, ja, mein Lieber!« Egon M. Friederbusch grinste sardonisch. »Sie stecken jetzt wohl mitten in einem, will sagen: in meinem Weihnachtsmärchen. Kommen Sie, genießen Sie das Wunder! Der Höhepunkt wartet auf uns.«

Und aus weiter Ferne sang dazu ein besoffener Esel:

»Wenn zur Weihnacht die rote Sonne im Meer versinkt,
und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt,
dir ‘n cooler Donkey vom Ufer zum Abschied winkt …«

Dann geriet alles ein wenig durcheinander: Menage a deux! Marie-Theres kam über ihn, und sie wurden geschichtet wie Kohl, im Fass gärte ihr Saft zu saftig Weinigem. Und während sie Karl-Heinzens Zunge englisch brieten, im Rosenrot seines Inneren lustvoll schwelgten, klang von draußen das Jingle Bells, das wie das Glockengeläut einer großen Nikolausverschwörung über ihre Leiber hinwegfegte. Und dunstvoll roch ihr Gebäck nach Zimt. gepaart mit dem rosmarinmus der holden marietheres. es geronn zu lustvollen. gaumenfreuden. des Riesenhundes raues bellen verhaucht. in der Kehle des Genießers. sein schwanzwedeln. es würzt die suppe der begehrlichkeit. zack. sein fell. zack. getrocknet und gepulvert. zack. lindert husten und schleim. doch wenn er kommt. zackzack-oh. lindert er ihre dürre. ah. und wasser füllt die abendmahlschale mit wein der frühe der nacht erwacht lacht sacht …

Rabenhorn applaudierte: Was für ein Text! Endlich gehobene, erhabene Literatur! Das war moderne Dichtung!

… hallelujatanztenengelgleichchimärenausplatzendenringen. Um die Welt

Zack!

Hart schlug Rabenhorns Kopf endlich auf dem unnachgiebigen Sisalboden seines Büros auf.

Gleichzeitig und genau in dem Augenblick, in welchem Rabenhorn vor den erstaunten Augen von Egon M. Friederbusch und der Verlegerin Marie-Theres Kienbauer mit brünstigen Fieberphantasien von seinem Schreibtisch hernieder und gen Hölle des Sisalbodens stürzte …

Während sich ihm die Zeit dehnte und Rabenhorn in den grausigen Visionen eines Weihnachtsrausches gefangen war … den übrigens nur ein plötzlich mit Macht zu Tage tretender grippaler Infekt auslöste und durch den Schock, den der Hund in ihm ausgelöst hatte, noch stärker wurde …

Während er von einer Himmelsleiter der Glückseligkeit ins Antlitz des Herrn blickte, welcher ihm mit seiner großen, weichen und feuchten Zunge liebevoll ableckte – es war natürlich Karl-Heinz, welcher solches tat – und ihm dabei war, als würde eine getragene Stimme nur für ihn moderne Dichtung vortragen, eben da …

… nahm am anderen Ende der Stadt, jenseits des Flusses und des Waldes, dort, wo der soziale Wohnungsbau scheußlich bittre Sumpfblüten wachsen ließ und nur Lebensmüde und Triebtäter sich des Nachts aus den Häusern trauten, ein Ereignis seinen Lauf, das, obgleich sich daran Personen beteiligten, die Rabenhorn vollkommen unbekannt waren, später auf das Leben des Lektors einen bedeutenden, um nicht zu sagen, den bedeutendsten Einfluss gewann – selbiger Lektor hätte übrigens jedem Autor, der ihm mit solch einem Bandwurmsatz kam, auf dem Scheiterhaufen der Literaturinquisition verbrannt:

Es öffnete sich mitten auf dem Bürgersteig vor einer schmuddeligen und traurigen Döner-Bude knirschend ein Kanaldeckel. Er klappte langsam in die Senkrechte, um anschließend – von der Wucht der Schwerkraft gezogen – scheppernd auf den Beton zu klatschen. Anschließend stieg ein Mann aus dem rauchenden und stinkenden Untergrund. Er störte sich nicht im Geringsten an den Blicken der Fußgänger, die einen weiten Bogen um ihn machten. Neugierig sah er sich um und schnüffelte in die Luft. Sein runzliges Gesicht verzog er dabei zu einer angewiderten, empörten Grimasse.

Ömer Özgür, schnauzbärtiger Ostanatolier und stolzer Besitzer des ›Bosporus-Imbiss‹, träumte sich eben fröstelnd aus seinem Straßenverkaufsfenster in ein Restaurant am Strand des sonnen- und wärmeüberfluteten Bodrum, als sich der Mann aus dem Untergrund wie der leibhaftige Schaitan vor seinem Stand aufrichtete. Ömer war zwar einige seltsame Aufzüge gewöhnt, schließlich wohnten einige seiner besten Kunden in der nächsten Straße im Männerasyl, aber solch einen Menschen hatte er noch nie gesehen.

Der Fremde sah aus, wie sich der theaterbegeisterte Türke den shakespeareschen Macbeth vorstellte: Es war ein großer, hagerer, dabei kräftiger und in Gliedern und Muskeln stark gebauter Mann – scheinbar in seinen Sechzigern. Das Antlitz mochte einmal gutaussehend gewesen sein, denn noch funkelten die großen Augen unter den schwarzen, buschigen Augenbrauen mit jugendlichem Feuer hervor. Jedoch seine Kleidung, Mantel, Barett, gekräuselter Kragen, kurze, aufgeplusterte Hosen, darunter ein dunkelgrüner Strumpf – hing da nicht etwa auch ein schmaler Degen an seiner Seite? – schienen aus einem anderen Jahrhundert zu stammen; seltsamerweise aus der elisabethanischen Zeit, die Ömer so sehr schätzte. Erstaunlicherweise hatte die seltsame Kleidung jedoch nicht unter dem Abwasserkanal gelitten, dem der Mann eben entsprungen war. Sie war überaus farbenfroh, reich bestickt und sauber – ein Kunststück, das der kleine Putzteufel in Ömer durchaus zu schätzen wusste.

»Bin ich hier richtig im bildhübschen Bromberg an der Fiesel, der edlen Fürstenstadt mit ihren wohlgenährten Pfeffersäcken und deren liebreizenden Töchtern? Sprich, Muselmann!«, deklamierte der Fremde zu Ömer mit schöner, gleichwohl schon lange nicht mehr geübter Bassstimme. Und Ömer konnte nur nicken. Solch eine Sprache kannte er von der Bühne, nicht aus dem Leben, in dem jeder Deutsche mit ihm so sprach, als sei er dämlich und wäre bereits von einem Konditionalsatz überfordert. Wollte der Fremde sich lustig machen und ihn beleidigen oder meinte er sein geschwollenes Geschwätz Ernst?

»Dann, oh Sohn des Propheten, sage mir: Wo kann ich den edlen Herrn Johann Emanuel Kienbauer finden, der allhier ein angesehen Buchgeschäft führet? Sieh, Abgesandter der Goldenen Pforte, ich war einige Jahre nicht mehr im Lande und will einem Freunde liebvoll die Hände reichen«, fuhr der Fremde fort und lächelte hintersinnig. Ömer hingegen staunte und schwieg, während er für sich die Sätze des Unbekannten in verständliches Deutsch übersetzte. »Aber verzeihe mir meine Ungeduld, rechtgläubiger Herr der Töpfe und Fleischspieße, deren sottene Wohlgerüche gar leckerlich in meine Nase stechen, der ich einige Jahrhunderte auf solch feine Genüsse verzichten musste. Ich vergaß, meine Wenigkeit vorzustellen.«

Er machte eine dramatische Pause und verneigte sich tief.

»Ich bin Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo«, und der Fremde in den Pluderhosen schlug sich mit Macht auf die Brust, vollführte dann plötzlich einige seltsame Koboldsprünge, schrumpfte dabei ein wenig und bekam einen Buckel, »aber du darfst mich Karldinal-Rumpelstilz nennen, ich bin’s, der Echte Karl-Nickel! Der Karlnickelaus! Du hast sicherlich von mir gehört. Mein Ruf eilt mir voraus. Aber eigentlich, Sohn des Orients, ist Karl-Nickel nicht nur mein Name, sondern auch meine Berufung. Ha! Seit Jahrhunderten schon züchte ich in den Abwässern dieser schönen Stadt Karlnickel, eure Abwässer erlauben ihnen nämlich ein besonders langes Leben. Verstehst du?«

»Klar doch, schon … krass!« Ömer verstand … Bahnhof. Aber Irren sollte man immer recht geben.

»Das musst du auch, denn wir sind uns gar nicht so fremd, Osmane. Du betreibst dein Geschäft und ich das meine, mein Freund. Nun höre er mir einfach mal zu!« Er klatschte im Rhythmus in die Hände. »Heute koch ich, morgen brau ich und übermorgen mache ich der Marie-Theres ein Karlnickel! Kommt dir das nicht türkisch vor?« Der Rumpelstilz brach in schallendes Gelächter aus! Ömer Özgür konnte nur nicken, obwohl er eigentlich den Kopf schütteln wollte. Er griff unauffällig nach seinem Schabefleischschaber, um sich für den Notfall zu bewaffnen.

»Jedoch …«, erneut zwei Sprünge. Der Degen schlug dabei Funken auf der Straße und das war furchteinflößend. »Vor fünfhundert Jahren wurde mir langweilig, ewig nur Karlnickel zu produzieren. Das sind auch ganz gefährliche Zeitgenossen! Diese kleinen Biester, diese! Mit denen will ich nichts mehr zu tun haben! Wusel, wusel, fress, fress, ah! Schrecklich. Folglich verlegte ich mich auf die Aufzucht von … Trommelwirbel! Je nun, von Weihnachtshunden. Tada! Und was soll ich dir sagen, mein Freund vom Bosporus, nach unerheblichen Anfangsschwierigkeiten – einige Nachgeburten entwickelten ein Eigenleben und mutierten zu singenden Schmuseeseln – glückten mir die besten, die langlebigsten und die treuesten Weihnachtshunde, die unsere Welt je gesehen. Ich bin wahrhaft stolz auf sie, und jeder von ihnen trägt auch meinen Namen: Karl-Ludwig, Karl-Friedrich, Karl-Marx und Karl-Heinz. Letzterer jedoch ist nun in eurem lieblichen Bromberg in geheimer Mission für mich unterwegs. Ganz geheim! Es ist wegen der Karlnickel. Pst! Deshalb, oh mein getreuer Muselmann, musst du mir helfen.«

Er blickte zurück zu dem Loch, aus dem er eben gekrochen war. »Komm mit mir hinab. Allein bin ich zu schwach.«

[Zum 3. Teil →]

Karl-Heinz, der Weihnachtshund, und der König der Karlnickel – EINS

Der Autor, Erzählung, Experimente, Fantasy, Heimat, Humor, Lesung, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Satire, Sprache, Weihnachten, Weihnachtsgeschichte

 

»Es war einmal ein uralter Weihnachtshund, der trottete müde, fast schon vor Schwäche torkelnd, auf dem winterlichen Trottoir. Seine Flucht durch Nacht, Nebel und bitteren Gestank hatte ihn bis an den Rand der völligen Erschöpfung gebracht. Der Weihnachtshund trug eine zerschlissene rote Zipfelmütze. Sein Bart war silbern und eisig hart vom bitteren Frost. Auch stand sein kurzer Atem weiß in der klirrend kalten Winterluft, denn der schwere Sack, den er sich umgebunden hatte, war voll mit Nüssen und Hundekuchen und drückte auf Lunge und Rücken. Seine Pfoten schmerzten darüber hinaus von dem Viehsalz, das allzu eifrige, der frühmorgendlichen Schneeräumungspflicht bewusste Bürger aufs Trottoir gestreut, damit niemand sich vor ihrer Haustüre ein Bein oder gar Schlimmeres brach.

Ja, es war wahrhaft keine gute Zeit, diese Adventszeit, für einen mit den vielen Jahren seines Lebens ergrauten Weihnachtshund: Die Nase triefte; der Alte spürte die Grippe, sein Weihnachtsbellen war rau, und verzweifelt versuchte er sich an die Verse von »Oh du Fröliche …« (sic!) zu erinnern.

Seine Weihnachtslaune war wahrhaft im Hundearsch. Die Pflicht, bei diesem Sauwetter zu bescheren, drückte doch schwer auf seine einfache Hundeseele. Der Weihnachtshund dachte tatsächlich für einen kurzen Augenblick: ›Ach, wäre ich doch nur ein Osterhund! Wie viel schöner muss es wohl sein, auf einer grünen, von der warmen Frühlingssonne beschienenen Wiese viele bunte Eier und auch mal einen Schoko-Hasen zu legen.‹

Aber auf einmal, in seiner allertiefsten Depression, da hörte er ein glockenhelles Stimmchen: »Schau einmal, Mama, schau, da läuft doch glattauer ein echter Weihnachtshund!«

»Oh ja«, antwortete die Mutter verzückt, »endlich mal ein Köter, dessen Kacke auf dem Bürgersteig nur nach Tannennadeln und Lebkuchen duftet. Und schon denkt man doch gleich viel lieber ans Christkindl.«
Da aber wurde es dem alten Hund richtig warm ums Herz. War doch nicht alles so grau, wie es ihm seine farbenblinden Augen vorgegaukelt hatten? Gab es wirklich noch Hoffnung und Liebe in dieser tristen Welt, die ihm so aufs Gemüt drückte? Gerade wollte er auf die freundlichen Menschen zuwanken, ihnen mit seiner kalten, feuchten Schnauze die Knie reiben und sie mit seinen Nüssen erfreuen, als plötzlich …

Ein durchdringendes Sirren von eiskaltem Stahl zerschnitt den Morgen, bohrte sich schmerzhaft in sein rechtes, halbtaubes Ohr. Doch die Reflexe des Weihnachthundes funktionierten noch immer: Trotz der erlittenen Strapazen, trotz des Alters, trotz der Kälte, trotz der Grippe! Gedankenschnell wich – ja, in winterlicher, christlicher Wahrheit, so hieß unser Weihnachtshund – ich sage, Karl-Heinz wich der Schlinge des fiesen Hundefängers mit einem atemberaubenden Reflex aus, sprang los. Aber rutschten ihm die Hinterläufe weg! Er schlitterte über das Eis der nächstbesten gefrorenen Pfütze auf die freundliche Mutter und das liebliche Kind zu, landete mit Sack und Pack …«

Jan Philipp Rabenhorn senkte das Blatt, von dem er gelesen hatte, und legte es dann so eilig, als habe er sich die Finger daran verbrannt, zu den anderen Seiten des mit sauberer, fast kindlicher Handschrift geschriebenen Stapels Papier. Er seufzte. Dann nahm er seine schmale Lesebrille ab und rieb sich mit der freien Hand über die Augen. Er versuchte vergebens, mit dem festem Druck der Wirklichkeit ein anderes Bild aufzupressen.

»Karl-Heinz, der Weihnachtshund …«, murmelte er fassungslos und zitierte damit den Titel des fetten Manuskripts, das er in seiner ›EILT!‹-Ablage entdeckt hatte und gerade zum ersten Mal durchblätterte, »ein winterliches Märchen.«

Rabenhorn drehte sich erschüttert in seinem ergonomisch geformten Sessel von seinem ausladenden Schreibtisch in Mahagoni-Imitat weg. Er sah aus dem Fenster seines Büros, in dem er im 8. Stockwerk des Kienbauer-Verlagshauses residierte. In fünfzig Grautönen breitete sich tief unter ihm bis zum Horizont hin der entlaubte Karlnickelwald aus. Allein schon die Höhe der Etage unterstrich seine bedeutende Stellung als leitender Lektor und Verlagsdirektor. Über ihm, direkt unter dem Dach, befanden sich nur noch die Tagungsräume des Verwaltungsrats und die ausgedehnte Zimmerflucht von Marie-Theres Kienbauer, der Witwe des großen Hubert Emanuel Kienbauer. Doch im Gegensatz zu dem allzu früh verstorbenen und zumindest von Rabenhorn auch viel beweinten Verblichenen – der sein enger Freund gewesen -, leitete Marie-Theres zwar mit leichter Hand die wirtschaftlichen Belange des Verlages. Das literarische Programm überließ sie aber in aller Regel ihrem Cheflektor Rabenhorn, denn sie fand die aktuelle ›Bunte‹wesentlich aufregender als den neuen ›Kehlmann‹.

Während Rabenhorn in die amorphen, allzu düsteren Wolken über dem stillen, regenfeuchten Wald starrte – ›amorph‹ war eines seiner Lieblingswörter, fast so schön wie ›Socke‹ oder ›Kakadu‹ -, da überlegte er, was wohl sein alter Kumpan Hubert Emanuel zu dieser Geschichte gesagt hätte, die heute der erfolgreichste Autor des Verlages als lang erwartetes Meisterwerk persönlich bei der Vorzimmerdame von Rabenhorn vorbeigebracht hatte. Wahrscheinlich hätte er den handgeschriebenen Text sofort im Ofen verbrannt und seinen Autor, den großen Egon M. Friederbusch, gleich mit dazu.

»Karl-Heinz, der Weihnachtshund und der König der Karlnickel …«, wiederholte Rabenhorn kopfschüttelnd den Titel des unverlangt eingereichten Manuskripts, »ein Weihnachtsmärchen von Egon M. Friederbusch, dem Autor von ›Edwin Egart und die Last des Schweigens‹ und Edwin Egart 2: ›In Alwins Zaubergarten‹.«

Egon M. Friederbusch, der ganz allein mit seinen Büchern um den Zauberlehrling ›Edwin Egart‹ für den Verlagserfolg verantwortlich zeichnete …

Egon M. Friederbusch, auf dessen dritten Egart-Roman ganz Deutschland voller Ungeduld wartete. Der nichts Besseres zu tun hatte, als eigenhändig – ohne Computer, Textprogramm und Rechtschreibhilfe – ein grauenhaftes 264-Seiten-Machwerk über … über Weihnachtshunde zu verfassen …

Egon M. Friederbusch, der Geliebte der Marie-Theres Kienbauer …

Egon M. Friederbusch, der nicht einmal ›Oh, du Fröhliche‹ richtig schreiben konnte …

Rabenhorn, in dessen Seele sich wie ein Luftballon eine große, innere Leere aufblies, starrte weiter beharrlich zum Fenster hinaus, entschlossen, sich erst zu bewegen, wenn es dort draußen über den Wipfeln des Karlnickelwaldes zu schneien begann.

Da klingelte das Telefon auf dem Schreibtisch. Das rote Lämpchen des Hausanschlusses blinkte wie der ›rote Alarm‹ auf dem Raumschiff Enterprise. Marie Kienbauer war am Apparat – natürlich. Rabenhorn hasste dieses Weib aus ganzem Herzen. Kaum verwitwet war sie schon die Geliebte eines Zauberlehrlings- und jetzt Hundeschriftstellers geworden! Nebenbei bemerkt, war sie eine grauenhafte Hobbyköchin, die so etwas Unsägliches wie ›Schichtkohl‹ fabrizierte und die üppigen Ergebnisse ihrer Kochkünste gerne erkaltet in Tupperschüsseln gestopft unter ihren Angestellten verteilte. An solchen Tagen hängte Rabenhorn ein Schild vor seine Bürotür, auf dem in Kapitälchen ›Ich bin auf irgendeiner Buchmesse‹ stand und schloss die Tür von innen zweimal zu.

Vor ein paar Wochen hatte er eine Einladung zum Abendessen nicht ablehnen können, die wohl auch noch in der lüsternen Absicht ausgesprochen wurde, ihn über ihre Gourmetküche in Schlafzimmer von Marie-Theres zu locken. Er, ein gestandener Rabenhorn und stadtbekannter Feinschmecker, konnte es nicht verhindern: Er hatte seiner Chefin nach den tapfer heruntergewürgten Kohlrouladen auf das teure Designersofa gekotzt. Nun ja, seither war das Verhältnis etwas frostiger, aber sie hatte sich zu Rabenhorns Erleichterung nach einem anderen Objekt ihrer Begierde umgesehen und es ausgerechnet in dem Erfolgsautor Friederbusch gefunden. Der hatte wohl Geschmacksnerven aus grünem Gartendraht.

»Rabenhorn!« Ihre aufgeregte Stimme schrillte ohrenpfeifend in seine trüben Erinnerungen an zermatschten Schichtkohl mit fettigem Hack. »Rabenhorn, haben Sie schon das Manuskript von Friederbuschs ›Karl-Heinz, der Weihnachtshund‹ gelesen? Ehrlich, ich bin überwältigt. Ich sage Ihnen, das ist schlichtweg ein Hammer!«

Friederbusch musste wahrhaft ein As im Bett sein. Eine andere Erklärung gab es nicht. Rabenhorn räusperte sich: »Wenn ich ehrlich bin, bin ich nur bis zu der Stelle gelangt, an der der Hundefänger aufgetaucht ist. Das …«

»Da sind Sie doch noch ganz am Anfang! Rabenhörnchen, Sie müssen sofort weiterlesen! Unbedingt! Das ist Weltliteratur, die ›Friedi‹ da geschrieben hat. Nun machen Sie schon, und ich erwarte eine ausführliche Stellungnahme von Ihnen. Bald, sonst lasse ich Sie auf unserer Facebook-Seite die Hasskommentare von Pegida-Anhängern korrigieren!« Und zackig aufgelegt. Die Führerin hat gesprochen.

›Friedi!‹ Ha! Was sollte das denn sein? Die Kienbauer mischte sich in seine Kompetenzen ein? Das war ja ganz was Neues. So ging das nicht. Er war der Cheflektor und alleine für literarische Programm des Verlags verantwortlich. Vorbei mit dem Vorsatz, sich nicht zu rühren. Nun war Machtkampf angesagt! Andererseits: Die Zeiten waren schlecht. Gute Lektoren, die niemand benötigte, gab es wie Sand am Meer. Seufzend nahm Rabenhorn erneut das Elaborat über den Weihnachtshund in die Hand und suchte die Stelle mit dem Hundefänger. Und auf einmal bannte ihn die Handlung, denn es wurde dramatisch. Doch ein echter Friederbusch?

»… und landete mit Sack und Pack, sich fast überschlagend, auf dem roten Plastikschlitten, den das Kind hinter sich herzog. Erschrocken ließ die Kleine los. Durch den ungestümen Sprung des alten Weihnachtshundes schoss der Schlitten ungebremst über die Bürgersteigkante auf die spiegelnde, glatte Straße. Zorniges Hupen, ein Möbelwagen – Aufschrift: ›Sicher von Heim zu Heim‹ – versuchte, noch zu bremsen. Vergebens!

Karl-Heinz, machtlos auf dem Schlitten, sah das Weiße in den Augen des Möbelwagenfahrers, das Weiße und darin sein eigenes Ende. Aus, vorbei! Die ihm von seinem Herrchen persönlich gestellte Aufgabe, nach vielen Jahren des Ruhestands erneut herrenlose Hunde mit Nüssen und Hundekuchen unter dem großen Pinkelbaum zu bescheren, wurde durch einen simplen Möbelwagen verhindert. Nur noch Sekundenbruchteile im Advent, und der Hundetod durfte Weihnachten feiern. Versagt, eindeutig, er hatte es verdient, in der Hölle für stinknormale Köter zu braten. Ergeben senkte der alte Hund sein Haupt.

Urplötzlich: »Iiaah, Iiaah und Iiooh!«, sang eine mächtige Stimme gegen sein Verderben an. Ein Freund in allerhöchster Not?

Es war so, denn eine kräftige Zunge wickelte sich um Karl-Heinzens Lenden, wischte ihn von dem Schlitten und zog ihn unwiderstehlich in die warme Sicherheit einer rauchigen Kneipe. Uff, das war gerade noch einmal gut gegangen. Karl-Heinz wagte zu blinzeln und ein Auge zu öffnen. Daraus quollen sogleich Freudentränen, als er den Freund erkannte. Kein Zweifel möglich:

Es war Singing Sam, der singende Kuschelesel.«

Rabenhorn blickte wieder versonnen aus dem Fenster. Er seufzte. Diesen Schmarren von sage und schreibe 264 endlosen und von Rechtschreibfehlern gespickten Seiten sollte er noch weiter lesen? Musste er sich das wirklich antun? Er, der Cheflektor des Kienbauer-Imperiums – der gleichste unter den Gleichen? Und das nur, weil der vertrottelte Friederbusch ein Weihnachtsmärchen geschrieben hatte und sich einbildete, es auch publizieren zu müssen? Einzig und allein, weil die Kienbauer auf ihren ›Friedi‹ flog?

Das verlangte man von ihm! Von Jan Philipp Rabenhorn, der Klassiker lektoriert hatte wie ›Die Schwalbe‹ oder gar den Jahrhundertroman ›Wie das Schwarze in den Himmel kam‹? Andererseits: Er war siebenundfünfzig Jahre alt und die Zeiten waren für die Literatur schlecht. Abertausende jobsuchende Germanisten und Germanistinnen lagerten vor den Toren der Verlage und waren bereit, für ein paar aufmunternde Worte und ein schlecht kopiertes Praktikumszeugnis zu arbeiten. Selbstredend hatten die keine Ahnung. Aber das zählte doch heute nicht mehr, wo Selfpublisher und grottige E-Books den Markt verstopften wie die fetttriefenden Buletten der Burgerketten die Mägen der Schnellhungrigen.

Jan Philipp Rabenhorn seufzte erneut, diesmal lauter und länger. Dann wandte er sich wieder resigniert dem verhassten Manuskript zu …

»Hey, das war aber knapp, Alter«, Sams Eselsohren wackelten vorweihnachtlich und seine Nase leuchtete rot, »voll krass. Nur gut, dass ich gerade rein zufällig in meiner Stammlocation chillte. Ich find‘ eigentlich so gut wie nie die Chicks, äh, also, die Zeit, mal voll gemütlich abzuhängen. Voll krass, dieser Möbelwagen. Das war der VW-Diesel unter den Möbelwägen! Der hätte dich doch sowas von uncool ins Off befördert. Na, wer ist hier der Babo?« Sams Eselsaugen glänzten verdächtig, selbstverständlich nur aus reinem Zufall. Er schlug seine Vorderhufe knallend zusammen.

»Zack! Deckel zu! Und ab ins Hunde-Jenseits. Ins Paradies darfst du ja nicht, wie die Bibelfesten unter uns beiden wissen. He, he, für den treuen, grauen SUV, der den Herrn lässig nach Ägypten schmuggelte, gilt das stressige Verbot nicht. Ich bin viel zu fly dazu. Oneway-Ticket to Paradise, oh yeah …« Sam würde doch nicht wieder zu singen beginnen? Karl-Heinz beeilte sich, den feuchten Redefluss des angeheiterten Esels, von dem er übrigens nur die Hälfte verstand, zu unterbrechen.
Der Weihnachtshund musste sich erst den Schleim aus der brennenden Kehle räuspern, ehe er antworten konnte:

»Danke, Sam! Man sollte alte Hunde wie mich nicht mehr bei so einem Sauwetter vor die Türe jagen. Ich weiß überhaupt nicht, warum der Chef mich ausgerechnet in diesem Jahr noch einmal auf die Große Tour geschickt hat, wo ich doch seit einhundertunddreiunddreißig Jahren nicht mehr in Bromberg an der Fiesel war. Ehrlich, ich finde mich hier gar nicht mehr zurecht. Das ist hier auf Erden so hektisch geworden und so laut. Es stinkt. Da wundert es mich nicht, dass es in Deutschland nicht einmal mehr einen Kaiser geben soll …«

»Komm Alter, chill mal. Vergiss doch den Beckenbauer. Schlag ’ne Weihnachtskugel drüber, Bro, wie wir modernen Esel sagen. Und dann, Charly, trinkst du erst mal ’nen Pott von meinem Eselstraum. Ich sag dir was: Gei … el, Alter, voll das Gesöff. ›Sams Eselstraum‹ ist wahrhaft der heißeste Punsch zwischen hier und der Bronx. Die fetteste Droge, die jemals ein Esel braute. Donkeybuisness, absolut der Burner. Da hebst du ab wie Superman, grinst dir einen und es geht dir so gut, als ob dir Lassie persönlich an den Nüssen knabbert.«

Ja, Singing Sam war schon ein wahrer Freund …«

Rabenhorn hustete rau. Das wurde immer stärkerer Tobak! Hätte jemand anderer als Friederbusch solch einen Text geliefert und hätte ihn die Kienbauer nicht zum Lesen gezwungen, das Manuskript wäre längst im Papierhäcksler gelandet. Es war zum Heulen. Da lag auf seinem Schreibtisch noch der wundervolle Roman eines jungen Debütanten über eine amour fou. Der Titel ›Die neunhundertneunundneunzig Jahre alte Fee, die von einer Parkbank sprang und verschwand‹ müsste allerdings noch verändert werden. Und dann gab es auch noch das nobelpreisverdächtige neue Werk von Nikolaus Xaver Maria Klammer, das auf seine pflegende Hand wartete. Aber er, der große Rabenhorn, er hatte sich mit diesem grotesken Machwerk auseinanderzusetzen! Friederbusch musste ja schon völlig schwachsinnig oder größenwahnsinnig geworden sein, so etwas Unausgegorenes aus der Hand zu geben. Ein Schafscheiß war das!

Und es sollte noch toller kommen, denn der Lektor war ja erst auf Seite 37.

»Der Weihnachtshund trank, schmatzte und schlürfte und sabberte den ›Eselstraum‹. Er spürte dabei in seinen Gliedern die aufsteigende Wärme eines sanften, dann gewaltig durch den Schlund wieder aufsteigenden Feuers. Das war die Mutter aller Sodbrände. In allen Gliedern regte es sich zu einer Überraschung! Seitdem er einmal in einer Sakristei Messwein aufgeschlürft, den ein völlig besoffener Pfarrer auf dem Boden verschüttet, hatte er sich nicht mehr so wohl gefühlt. Vergessen die Gabenverteilung unter dem großen Pinkelbaum, vergessen die Beschwerden seines weit über sechshundertjährigen Körpers, er fühlte sich schlichtweg ›Pudel‹-wohl, obwohl er sich relativ sicher war, dass keiner dieser hochnäsigen Kerle jemals seinen bunten Stammbaum befleckt hatte.

Karl-Heinz betrachtete den Kuschelesel mit neuen Augen. Der stimmte gerade hingebungsvoll den einen Schlager an, welcher ihn bei allen Damen rund um den Erdball berühmt gemacht hatte:

»Iiaah, Iiaah und auch Iiooh!
Will dein Stecher nicht mehr kuscheln,
Selbst nach Penne arabiata mit zu viel Muscheln,
Sind sie leer, des Typen Eier,
Hol zum Teufel ihn der Geier!

Denn du brauchst ihn wahrhaft nicht,
Den Wicht,
Du kennst ja schließlich … Saaaam!«
(Letzterer Reim leise, fast flüsternd vorgetragen)

»Iiaah, Iiaah und auch Iiooh,
Sam, der Esel, macht dich froh.
Das beste Grauohr für die Liebe,
Seitensprung und Seitenhiebe.
Iiaah, Iiaah und Yeah für die Triebe!«

Ehrlich, so übel klang dieses Lied nach dem zweiten Eselspunsch nicht (oder war es gar schon der dritte?). Und auch der Typ selbst, der hatte was. Zumindest war er nicht mehr der graue Langweiler von früher, an den er sich erinnerte. Wenn der Weihnachtshund richtig überlegte, war das alte, abgenutzte Chagrinleder schon ein bisschen des Kuschelns wert. Es störte Karl-Heinz nicht, dass Sam ausgesprochen männlichen Geschlechts und stockbesoffen war. Das war er schließlich auch. In seinem runzligen Hundealter nahm man doch alles mit, was sich bot – im Himmel wie auf Erden. Er winkte dem ausgesprochen depressiv wirkenden Kellner, der sich gerade in vergeblicher Hoffnung ein Küchentuch über die Ohren schlang: »He, mein Freund, noch einen Liter von dem Stoff!«, und dabei blinzelte er Sam, der gerade die dritte von unzähligen weiteren Strophen begann, vielversprechend zu.«

Rabenhorn wurde schlecht, dieses blödsinnige Lied eines kuschelnden Esels schmerzte ungeheuer in seinem feinen, onomatopoetisch geschulten Gehör. Der Refrain reimte sich nicht einmal. Was zu viel war, das war wirklich zu viel! Gut, Friederbusch war der Hausautor, noch dazu der erfolgreichste, und es war in allen ihm bekannten Verlagen gute Politik, die Geld bringenden Hausautoren mit Samthandschuhen zu streicheln. Doch wie weit sollte diese Übung gehen? Musste er, ein Rabenhorn, Germanist und Philosoph, sich aus reiner Existenzangst diesem Schwachsinn beugen? Nur, weil ›Friedi‹ was mit der ranzigen Kienbauer hatte? Er besaß doch noch seinen Stolz … und an Weihnachtshunde und singende Kuschelesel glaubte er schon gar nicht, auch wenn Friederbusch sie hier in seiner Heimatstadt Bromberg an der Fiesel auftreten ließ, in der es tatsächlich in der Mitte der Altstadt einen vom Volksmund sogenannten ›Großen Pinkelbaum‹ gab, um den herum der jährliche Christkindlesmarkt stattfand.

Doch Jan Philipp Rabenhorn sollte eines Besseren belehrt werden. Schließlich herrschte die gnadenbringende Weihnachtszeit.

 

[Zum 2. Teil →]

Diese Sommerlektüren (2) – Cesare Pavese

Alltägliches, Augsburg, Über den Tellerrand, Der Autor, Erzählung, Gedankensplitter, Geschichte, Gesellschaft, Heimat, Kolumne, Kurzgeschichte, Kurzkritik, Leben, Literatur, Literatur, Mein Dorf, meine weiteren Werke, Philosophie, Rezension, Sprache, Werkstattbericht

Es wird andere Tage geben,
andere Stimmen werden sein.
Ganz alleine wirst du lächeln.
Cesare Pavese, The cats will know

Manchmal brauche ich eben ein wenig Halt in diesem leeren Kosmos, dieser gleichgültigen, im wörtlichen Sinn Gott-losen Welt, in der mich die Dinge nicht beobachten, mich nicht beachten, ja, nicht einmal ignorieren. Gut und Böse, Trauer, Freude, Liebe, Wut, gar eine Moral: Sie werde ich unter ihnen vergeblich suchen. Wenn ich einmal ermüdet sterbe, werde ich mich wandeln; endlich ebenfalls in ein leeres, gleichgültiges Ding.

Wenn mich die nüchterne Interesselosigkeit der Welt niederdrückt und die abweisende Kälte der am Nachthimmel funkelnden Sterne deprimiert, wird mir mal wieder deutlich, wie einsam ich in diesem Universum bin. Dann erwachen Selbstmitleid und der Künstler in mir, denn andere Konsequenzen erschrecken mich. Ich beginne ungeschickt wie ein Mensch der Steinzeit, meine Fingerabdrücke auf den Oberflächen der Dinge zu hinterlassen, sie zu prägen. Auch wenn sie nur ein schnell vergehender Fettglanz sind, ich habe sie doch berührt. Ich schaffe mir Totems und Idole, personifiziere Gegenstände und Ideen, eine Religion: Ein Nagel ist ein Nagel, aber vier Nägel ergeben bereits ein Kreuz. (1)

Wenn ich die Jahreszeiten personifiziere, um sie persönlich ansprechen oder beschimpfen zu können, denke ich mir den Sommer immer als eine ältere Frau, die dem Glanz und der Schönheit ihrer Jugend hinterher weint. Die Sommerfrau dieses Jahres ist bisher eine strenge, alles unter ihrer Wucht erdrückende Herrscherin, zumindest hier unten im seenreichen südlichen Deutschland zwischen der hier noch jungen und rassigen Frau Donau und den stolzen, arroganten Alpengipfeln, nahe jener pfahlbürgerlichen Renaissancestadt, deren Bewohner von ihr behaupten, sie wäre die nördlichste Italiens – als wäre damit irgendetwas bewiesen. Frau Sommer ist in diesem Jahr eine Domina, die ein SM-Spielchen mit Zuckerbrot und Peitsche aufführt, wobei sie lieber die Peitsche schwingt und – um es mit einer der drolligen Formulierungen des Wetterberichts auszudrücken – „markantes“ Wetter mit sich bringt. Endlose, hitzige Sonnentage, dazwischen heftige Gewitter. Sie fallen kaum ins Gewicht, da sie nicht für die erhoffte Abkühlung sorgen, sondern die Luft weiter mit klebriger Schwüle schwängern. Dann drückt wieder die Last des Thermometers auf uns.

Habe ich dich nun in die richtige Stimmung gebracht, lieber von mir imaginierter Leser, der für mich nur als seltener Pixelstrich auf dem glatten, spiegelnden Bildschirm meines Netbooks erscheint, während ich im Schatten meines Kirschbaums schreibe? Dann folgt jetzt eine

Sommerlektüre-Empfehlung

Habe ich eigentlich schon einmal Cesare Pavese (1908 – 1950) gelobt, aus dessen letzten Gedicht vor seiner Selbsttötung an einem weiteren schwülen Sommertag die oben zitierten, mich immer wieder aufs Neue erschütternden Zeilen stammen?

Seltsam, obwohl der große italienische Dichter einer der prägenden Autoren für mich ist, habe ich ihn bislang wirklich in meinem Blog vernachlässigt. Das ist eine geradezu sträfliche Unterlassung. Ich kenne eigentlich keinen weiteren Schriftsteller, der seine Prosa und seine Gedichte so konsequent und konzentriert geschrieben hat und dem es so eindringlich gelingt, komplette Geschichten mit ein paar lakonischen Worten und alleine zwischen den Zeilen zu erzählen.

Das wird vor allem bei seinen Kurzgeschichten deutlich, die als zweibändige Taschenbuchausgabe bei Claasen und in drei Bänden antiquarisch z. B. von Fischer erhältlich sind. Meist spielen sie in endlosen, bewegungslosen Sommertagen in den Hügeln des Monferrato, einem bäuerlichen, patriarchalischen Regeln unterworfenen Land, das sich sanft hinter der zu Paveses Lebzeiten noch grauen Arbeiterstadt Turin über der Po-Ebene erhebt, wo „bitterer Reis“ und Mückenschwärme gezüchtet werden, die wie schwelende Gewitterwolken über die Dörfer herfallen. Hier oben ist die Welt noch eine archaische. Sie ist voll von Geißeln, Idolen und Totems, überall sind Tabus und halbvergessene Mythen zu finden. Es ist eine Welt, in der Individuen gebrochen werden wie das vertrocknende Getreide auf den von einer unbarmherzigen Sonne beschienenen Feldern; auf der das Blut so dunkel und schwer fließt wie der Wein, der hier gekeltert wird.

Davon zu erzählen, gelingt Pavese in unnachahmlicher Weise auf manchmal nur zwei, drei Seiten Text. Wer Blut geleckt hat und mehr will, sollte sich an seine kurzen, aber konzentrierten Romane halten, deren poetische Titel schon Bände sprechen und zusammenfassen, was ich eben wortreich ausführte: „Der junge Mond“, „Der Teufel auf den Hügeln“, „Die einsamen Frauen“, „Der schöne Sommer“, „Unter Bauern“. In seinen Kurzgeschichten und Erzählungen ist Pavese allerdings auf dem absoluten Höhepunkt seines Schaffens. Wer also nicht die Aufmerksamkeitsspanne besitzt, einem längeren Erzählfaden zu folgen, aber zwischen Sonnenliege, Eincremen und Baden im Meer nicht den üblichen Liebes-Vampir-SM-Thriller, sondern Literatur von Weltrang lesen möchte, ist bei Paveses kurzen Texten gut aufgehoben.

Freilich habe ich auch ein paarmal versucht, wie Pavese zu schreiben. Ein Ergebnis kann im Anschluss bestaunt werden:

*

Diese klassische Short-Story, in der ich ursprünglich versuchte, den knappen Stil Cesare Paveses nachzuahmen, hat eine lange Geschichte: Zuerst war sie Teil meines Romans „Das Spiel“ von 1983, wurde dann 2001 von mir extrem gekürzt und bei einen Wettbewerb des Wolkensteinverlags, Magdeburg unter dem Titel „Der Badeplatz“ eingereicht. Ich habe sie jetzt noch einmal ein wenig verändert. Die Illustration ist ein Ausschnitt aus dem Bild „Kiesbank“ von dem in Ulm wohnenden Maler Thomas Becker, der seine großformatigen und großartigen Landschafts-Traumbilder gerade in der Nähe von Ulm ausstellt.

*

Kleine Veränderungen

Diese Geschichte hat mir Vitalij erzählt. Er meinte, sie sei zwei desillusionierten Männern würdig, die in einem ausgetrockneten Flusslauf spazieren gehen und mit ihren Füßen den Sand ihrer Erinnerungen aufwühlen:

Die Schulbehörde hatte sich endlich dazu durchgerungen, die großen Ferien auf vier Monate auszudehnen. Vitalij, übrigens der schlechteste Schüler meiner Klasse, ein in jeder Beziehung dürrer Junge, verbrachte diese geschenkte Zeit mit seinen Freunden Stefan und Burak unten am Fluss. Nur dort waren die heißen Julitage erträglich. In jenem Sommer lastete die Hitze zwar schon staubschwer auf der Stadt, aber über die heute üblichen Wasserrationierungen wurde nur diskutiert. Man konnte auch noch ins Freie gehen, ohne größere Vorkehrungen treffen zu müssen.

Die drei Freunde trafen sich jeden Vormittag am Ostufer der Staustufe. Sie war nahe bei den Hochhäusern, die bereits mit Hitzeschlieren getüncht waren. Dort wohnte der quirlige Stefan bei seinen beiden Vätern. Obwohl er damit den kürzesten Weg hatte und jedesmal hektisch und außer Atem zum Wehr herunter geradelt kam, mussten die anderen immer auf ihn warten. Stefan konnte überhaupt nicht anders als unpünktlich sein. Meist war Burak der erste am Treffpunkt. Er ließ die Füße ins Wasser hängen, sein Rad in Griffweite abgestellt. So harrte er geduldig. Seltener kam Vitalij zuerst. Er war nur vor Burak da, wenn er bereits am Morgen mit seiner Mutter Streit bekommen hatte.

Nachdem Stefan geduldig die üblichen Vorwürfe der anderen über sich hatte ergehen lassen, stiegen sie auf ihre Räder und folgten dem Uferweg flussaufwärts. Sie ließen sich auf der kurzen Strecke zu ihrem Ziel viel Zeit, es war angenehm, die Räder im fleckigen Schatten der Bäume rollen zu lassen und sich vom Fahrtwind den Schweiß kühlen zu lassen. Die Freunde waren zu einer sehr unzugänglichen Stelle unterwegs. Es war eine Kiesbank im Fluss, an der sie allein nackt sonnen und baden konnten. Burak hatte sie vor einigen Wochen durch einen Zufall entdeckt, als er nach einer verflogenen Frisbeescheibe forschte: Diese schmale Landzunge im Fluss war nur zu Fuß durch einen engen Pfad in dichtem Gestrüpp und eine wagemutige Klettertour den Hang hinab zu erreichen. Vitalij war sicher, dass es an dieser Stelle im letzten Jahr noch keine Kiesbank gegeben hatte. Sie wäre ihm bei seinen Bootsausflügen aufgefallen. Er nahm an, sie sei erst im Dauerregen des Winters durch eine seltsame Laune des Flusses aufgeschwemmt worden.

Kiesbank

Die Freunde hatten niemandem von ihrem Badeplatz erzählt, das war ihr Geheimnis. Auch wenn sie häufig abends mit Bekannten und Mädchen am Flussufer grillten, tranken oder Computer spielten, sie führten nie jemanden an ihre Stelle. Obwohl ich Vitalij bei diesen Gelegenheiten häufig traf, wusste ich ebenfalls nichts von der Kiesbank. Sie war nur für die drei bestimmt, für die langen, heißen Nachmittage jenes Sommers. Hier lagen die drei Jungen den ganzen Tag über, sonnten und unterhielten sich. Manchmal lagen sie still da und lauschten den Vögeln, die in den Zweigen über ihnen saßen und die Klingeltöne von Handys nachahmten. Wenn ihnen zu heiß wurde, sprangen sie gemeinsam in den Fluss, ließen sich in der starken Strömung ein Stück hinab treiben. Im spärlichen Schatten der vertrockneten Erlen kletterten sie dann über die klobigen Ufersteine wieder zu ihrem Badeplatz zurück. Trotz der Sunblocker wurde ihre Haut im Verlaufe der Ferienmonate dunkel, fast ledrig. Sie waren stolz auf diese nahtlose Bräune, auch wenn sie sie, außer sich gegenseitig, niemandem vorführen.

Burak war der schweigsamste der drei. Nur selten er hörte zu, wenn sich Vitalij und Stefan über ihre Chat-Erlebnisse im Internet austauschten; meist las er konzentriert in den dicken, seltsamen Büchern, die ihn interessieren.

Erst spät am Abend, wenn mit der untergehenden Sonne der Hauch einer Abkühlung über den Fluss wehte, kletterten sie durch das Ufergestrüpp zu ihren Rädern zurück.

Die Idylle konnte nicht ewig währen. An einem Tag am Anfang des Augusts warteten Burak und Vitalij am Treffpunkt vergeblich auf Stefan. Die beiden mussten schließlich allein zur Kiesbank radeln. Da Vitalij mit Burak allein nicht viel anzufangen wusste, wurde ihnen schnell langweilig und sie trennten sich früher als sonst üblich. Am nächsten Tag ließ Stefan die beiden wieder vergeblich auf sich warten.

Doch als sie zu der Kiesbank kamen, war er bereits dort. Er war nicht allein. Er hatte ein Mädchen mitgebracht. Er küsste es demonstrativ, als er die anderen kommen sah. Burak übersah Stefans Freundin kommentarlos. Er ließ nur seine Badehose an, als er sich etwas abseits auf den Kies legte und nickend eines seiner Bücher hervorzog. Vitalij wurde jedoch sofort wütend. Er fühlte sich betrogen und winkte Stefan zur Seite. „Warum hast du das getan?“, fragte er scharf, eine abfällige Handbewegung in Richtung des Mädchens machend, das sich gerade auf den Bauch legte und dabei die Träger ihres Badeanzugs von den Schultern streifte.

„Diese Stelle sollte doch eine Sache zwischen uns dreien bleiben, unsere Zuflucht.“

Stefan zuckte abgelenkt mit den Schultern. Er ließ seine Freundin keinen Moment aus den Augen.

„Na und? Das ist jetzt anders. Sie ist meine Freundin. Ich nehme sie überall hin mit. Das hat sich eben geändert. Was ist daran schlimm?“

„Ich will nicht, dass sich etwas ändert. Ich will, dass es so bleibt, wie es ist“, erwiderte Vitalij. Am meisten enttäuschte ihn, dass er diesen einfachen Sachverhalt auch noch erklären musste. Stefan sah ihn nun zum ersten Mal an. Einen Augenblick wirkte er erstaunt, dann lachte er.

„Das soll wohl ein Witz sein! Wir sind keine kleinen Kinder.“ Nein, er begriff noch immer nicht, was Vitalij eigentlich wollte. Genauer gesagt, er hatte nicht überhaupt nicht vor, seinen Freund zu verstehen. Vitalij wusste keine Worte, keine Entgegnung, die sinnvoll gewesen wären. Was blieb ihm übrig? Er schlug dem Freund mit der flachen Hand ins Gesicht. Stefan taumelte überrascht rückwärts. Vitalij setzte nach. Stefan verteidigte sich, nun selbst voller Wut. Bevor Burak oder das Mädchen eingreifen konnten, rangen die beiden miteinander, lieferten sich ein verbissenes Handgemenge. Endlich rollten sie ineinander gekrallt in das an dieser Stelle recht tiefe Wasser. Um nicht gemeinsam unterzugehen, mussten sie sich trennen. Vitalij ließ von Stefan ab und schwamm so würdevoll, wie es ihm möglich war, davon.

Nach geraumer Zeit kehrte er zu der Kiesbank zurück, fand er aber nur noch Burak vor. Stefan und seine Freundin waren längst gegangen. Eine Weile leckte Vitalij noch klagend seine Wunden. Burak ging nicht auf ihn ein, er starrte ohne zu lesen in sein Buch. Dann sagte er:

„Niemand kann zweimal in den gleichen Fluss steigen.“

Es war das letzte Mal, dass Vitalij mit den beiden zusammen beim Baden war. Auch zur Kiesbank ging er nie mehr. Von dem Tag an bis zum Beginn des neuen Schuljahres traf er sich mit uns anderen im Freibad. Natürlich hat er sich später mit Stefan versöhnt. Sie schwiegen den Vorfall tot. Vitalij musste sich eben daran gewöhnen, dass die Freundin, bis sie sich von Stefan trennte, immer dabei war. Mit Burak trafen sich weder er noch Stefan wieder. Es war ihnen beiden peinlich, wenn sie ihm zufällig begegneten.

So hat Vitalij mir diese Geschichte erzählt. Das sei eine alte, eine sentimentale Geschichte, meinte er noch. Aber sie sei immer wieder neu.

*

Und um diesen heftigen Flirt mit dem Selbstmitleid mit Paveses letztem Tagebucheintrag vom Tag seines Todes zu enden:

All das ist ekelhaft.
Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben.