Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Erinnerung”

Das Spiel – Erzählung (3)

SIE WAR AM ERSTEN ABEND

Die Wand. Weiß gekachelt. Schwankte auf mich zu. Blähte sich mir entgegen. Ich griff mit der Hand nach ihr. Um sie ruhig zu stellen. Meine Finger glitten über die Oberfläche. Ölig. Schweißig. Aber ich konnte ihre Bewegung. Pulsierend. Nicht stoppen. Eine M****. Ungelenk gestrichelt. Tanzte zum Takt. Fern. Wie ein Bild von Miró. Lebendig geworden. Dann hatte ich diesen Geschmack im Mund. Ganz vorne bei den Zähnen. Er drängte herauf. Ein letztes Schlucken. Unterdrückend. Endete in Würgen. Keuchend. Ich erbrach in die Pissrinne: Viel Rotwein. Schaumig. Schleim und Abendessen. Aufgeschwemmt. Besudelten den Boden zu meinen Füßen. Etwas spritzte gegen meine Hose. Die beste mit dem Fischgrätenmuster. Dunkel. Und die Wildlederschuhe. Ein Speichelfaden tropfte zäh aus meiner Nase. Obwohl mein Magen schnell leer war. Würgte ich ohnmächtig nach Luft schnappend. Erst durch den Anblick meines eigenen Erbrochenen wurde mir wirklich übel. Die Klotür hinter mir öffnete sich rumpelnd. Wurde aber nach Schweigen. Kurz. Betreten. Rasch wieder geschlossen. Jetzt konnte ich mich aufrichten. Vorsichtig. Meine Bauchdecke krampfte hektisch. Für einen Moment. Besinnungslos. War ich versucht. Wieder nach vorn zu kippen. Entschloss mich aber zur Bewegung. Entgegengesetzt. lehnte mich zurück. Mit dem Rücken. Gegen den Kondomautomaten. Der nach Blech tönte. Matt. Ich verharrte. Atmete. Schwer. Mein Kopf sank zurück. Ich schloss die Lider. Drückte auf diese Weise Wasser. Ein bisschen. Aus den Augenwinkeln. Das über meine Wangen lief. Warm.

Ich weiß noch genau

Eine Erinnerung. Belanglos. Kam in den Sinn: Eine Banalität. Das waren die von einer Strumpfhose. Weiß. Plattgedrückten Haare. Fettig glänzend. Schwarz. Am Bein einer Schwester. Ansonsten hübsch und jung. Die mir am Nachmittag im Krankenhaus freundlich und aufmunternd zugelächelt hatte. Als ich meinen Vater besuchte. In diesem Moment war mein Blick zu ihren Beinen herabgerutscht. Ich spürte eine Scham. Plötzlich. Hitzig. Einem Schlag mit der Hand. Flach. Ins Gesicht sehr ähnlich. Die Schwester bemerkte meinen Blick. Der Ekel kam erst später. In jenem Moment. Als ich mich erbrochen hatte und am Automaten lehnte. Er hielt für Tage an. War mal stärker. Mal schwächer. Aber vorhanden. Ständig.

Ein Rhythmuswechsel draußen

Ein Lied. Neu. Lenkte mich ab. Tönte durch die Tür. Angelehnt. Der Geruch. Säuerlich. Meines Erbrochenen überlagerte langsam den Klogestank. Meine Sinneseindrücke wurden nüchterner. Sie schälten sich aus der Dumpfheit. Jetzt schien es mir auch wieder möglich. Mich zu bewegen. Erst nach einem Versuch. Vergeblich. Gelang es mir. Ich spülte den Mund. Unzulänglich. Mit Wasser. Warm. Bedacht. keines zu schlucken. Der Geschmack und auch der Geruch blieben an mir haften. Ich würde eine Weile auf Distanz bleiben müssen. Das hieß. Wenn sie noch da war. Für einen Augenblick der Verwirrung. Zaghaft. Fragte ich mich. Was ich von ihr erwartete. Für eine Ablenkung. Billig. Unverbindlich. Schnell. Für eine Nacht hatte ich noch nie etwas übrig. Ich weiß nicht. Warum ich in diese Diskothek gegangen war. Hier war ich fehl am Platz. Wie ich mich dazu versteigen konnte. Mich an dieses Mädchen. Sichtlich einsam. Mit einer Masche ausgesprochen dumm. Heranmachen. Warum ich nicht in diesem Moment. Nachdem sie darauf eingegangen war. Überraschend fröhlich und geschmeichelt. Die Gelegenheit. Günstig. Nutzte und mich davonstahl. Noch war Zeit. Ich hatte mich bereits den Abend. Ganz. Mit jedem Wort und jeder Bewegung gegen meinen Charakter verhalten. Gefiel mir darin.

Ich schüttelte den Kopf

Wie viel Zeit war vergangen? Minuten? Eine Viertelstunde? Sie hatte gesagt. Sie würde warten. Ich säuberte notdürftig meine Hosenbeine. Besudelt. Dann wagte ich einen Blick. Abschätzend. In den Spiegel. Ich erschien mir zu dünn. Zu bleich. Zum ersten Mal fiel mir auch auf. Meine Nase war wie die des Kranken. Scharf. Kantig. War das nur eine Sinnestäuschung. Die das Neonlicht. Hart. In diesem Raum schuf. Ich riss mich von mir selbst los. Energisch. Trat zurück in die Diskothek. Lou Reed sang. Niemand tanzte.

I‘ m just your average guy. trying to do. what’s right. I’m average looking. and I’m average inside.

Der Bass. Überlaut. Wuchtig. Bearbeitete meinen Magen. Fast hätte ich kehrt gemacht. Wäre zurück in die Toilette gestolpert. Gewöhnlich. Ich. Dachte ich. Schob die Hose. Zu weit. In die Höhe. Machte den Schritt. Entscheidend. Auf sie zu. Den ich nicht mehr zurücknehmen konnte. Ja. Sie saß noch da. Sie hatte ausgeharrt.

Ich wusste ihren Namen nicht. Sie trieb Koketterie mit ihm. Ansonsten schien sie offen. Sie saß halb gegen den Tresen gelehnt vor ihrem Glas. Bis auf einen Schaumrest. Kümmerlich leer. Längst bezahlt. Und sah abwesend in den Spiegel über der Bar. Sann Lichteffekten und Menschen nach. Die sich in ihrem Rücken bewegten. Ihr Gesicht war entspannt. Ungewichtet. Nur die Unterlippe. Breit. War nach vorn geschoben. Sie fühlte sich. Obwohl das in einer Diskothek kaum möglich ist. Unbeobachtet. Da sah sie mich. Ihr Gesicht mühte sich in eine Maske. Freundlich. In dem Augenblick. Abwesend. War sie mir schöner erschienen. Sie hatte ihren Körper. Ein wenig zu drall. In eine Bluse. Leicht durchsichtig. Hell und in einen Minirock. Schwarz. Für die Jahreszeit. Spätherbstlich. Viel zu kurz. Gezwängt. Den sie jetzt im Sitzen mit einer Hand bewachte. Ihn immer wieder übers Knie rutschte. Was im übrigen vergebens war. Da er sich bei jeder Bewegung. Klein. Nach oben schob und viel von ihren Oberschenkeln entblößte. Natürlich hatte sie in ihren Lackschuhen. Hoch. Spitz. Schwierigkeiten beim Laufen und beim Tanzen. Dennoch bewegte sie sich in ihnen mit Anmut und Selbstverständlichkeit. Überlegener.

Obwohl sie also unvorteilhaft gekleidet und nuttiger wirkte. Als sie war. Sie war doch genau das Mädchen. Das ich benötigt hatte. Als mich mein. Ich nehme an. Unterbewusstsein überredete. Diese Disco zu betreten.

Ich hielt mir die Hand halb vor den Mund. Als ich sie aufforderte. Mit mir das Lokal zu wechseln. Sie nickte. Zustimmend. Griff nach ihrem Mantel. Dunkel. Neben ihr. Über einen Barhocker gelegt. Anscheinend um den Platz für mich frei zu halten. Auf meine Abwesenheit. Länger. Ging sie nicht ein. Ihr schien auch kein Geruch aufzufallen.

Wir stiegen zu dem Café

Drei Stockwerk höher hinauf. Ich weiß. Es war ein Fehler. Aber ich bestellte wieder Alkohol. Diesmal Weißbier. Helles. Obgleich ich damals eigentlich keines mochte. Ich erzählte Unsinn. Irgendeinen. Einfach. Um keine Pause aufkommen zu lassen. Sie saß. Das Kinn in die Hand. Die rechte. Gewichtet. Und hörte meinem Redeschwall zu. Leicht lächelnd. Zerstreut. Während sie Zucker in ihrem Kaffee zerrührte. Um uns herum war das Publikum. Üblich. Für das ich mich langsam zu alt fühlte. Keiner meiner Freunde war hier. Das war gut so. Wenn ich mich wie ein Gockel aufplustere. Brauche ich keine Zuseher. Wohlmeinend. Lästernd.

Dann hielt ich inne. Mitten im Satz. Sah sie an. Ich weiß nicht. Ob ich das erklären kann. Vielleicht lag es daran. Mir war übel. Immer noch. Jetzt kam sogar ein wenig Betrunkenheit hinzu. Auf jeden Fall war die Luft plötzlich zäher. Das Schummerlicht brach sich anders. Es schien mir. Als würde ich das Mädchen vor mir zum ersten Mal ansehen. Durch ihr Gesicht. Zugeschminkt. Hindurch. Obwohl es sicher nicht glaubhaft klingt. Habe ich mich in genau diesem Augenblick. In einem Nu. Zeitlos. Nicht erfassbar. Zwischen dem still werden. Noch grundlos. Und einer Erschütterung am ganzen Körper. Plötzlich. In sie verliebt.

Ich war mir dieser Tatsache sofort bewusst. Das Bedürfnis. Einzige. Das ich nun hatte. War. Sie in den Arm zu nehmen. Sie bemerkte mein Verstummen. Fühlte sich durch meine Blicke geschmeichelt. Offensichtlich. Erstaunlich lässig und überlegen nahm sie. Sich zurücklehnend. Meinen Gesprächsfaden auf. Ließ kein Schweigen zu. Sprach dann leider von Politik und machte damit bereits am ersten Abend unserer Liebe viel kaputt. Denn ich konnte nicht verhindern. Dass eines der Reizworte fiel. Die mich an meinen Vater erinnerten. Der zur selben Stunde im Krankenhaus mit dem Tod rang.

In den letzten Tagen habe ich drei längere Ausschnitte aus meinem ersten Roman „Das Spiel“ gebloggt. Falls Interesse besteht – woran ich allerdings begründete Zweifel habe – werde ich weitere Abschnitte veröffentlichen.

Das Spiel – Erzählung (2)

IST DAS EIN SCHREI. DA IST EINE HILFLOSE. HEILLOSE. EINE EINSAME

er warf die Zeitung. wütend. vor sich auf den Tisch. schob sie. um den Abstand zu dem Gelesenen zu vergrößern. mit den Händen. von sich. dann sah er auf. wütend. er suchte jemanden. mit dem er streiten konnte. fand nur mich. ich war allein mit ihm. im Wohnzimmer.

das ist ein Jahr her. nein. es ist September. schon eineinhalb Jahre. mindestens.

zum letzten Mal bin es ich. von dem ich schreibe. gleichzeitig ist es das Ereignis. das Bewegung. alles. brachte. der Anfang meines neuen Lebens.

meine Eltern hatten mich zum Mittagessen eingeladen. ich erinnere mich. es gab falschen Hasen und Erbsen. Nudeln. dann Schokoladenmus. ich war zu früh. ich saß neben Vater auf der Wohnzimmercouch. blätterte. in einer Fernsehzeitschrift. gelangweilt.

er wurde nicht oft wütend. wenn er die Zeitung las. quittierte die Nachrichten mit Nicken. selbstzufrieden. für ihn waren die Neuigkeiten des Tages die Bestätigung. er hatte schon immer gewusst. wie es zuging in der Welt. zornig wurde er nur. wenn seiner Meinung nach falsch über das III. Reich geschrieben wurde. das war allerdings immer der Fall. er war Augenzeuge. wusste alles. besser.

diesmal lagen die Dinge anders. er fühlte sich durch einen Artikel im Lokalteil angegriffen. persönlich. ich konnte ihn in diesem Fall sogar verstehen. er saß neben mir. wohlgenährt. hieb mit der Faust auf den Tisch. zweimal. besann sich. nahm einen Schluck aus seiner Bierflasche. ruhig. ein Tropfen. schaumig. rann ihm über das Kinn. den Hals hinab. er schien ihn nicht zu stören.

das ist seltsam. er ist in meinem Gedächtnis. lebendig. ich denke gerade. die Beerdigung war nur ein Trick von ihm. er lebt noch. in einem Land unerkannt. in mir selbst. vielleicht.

seine Augen hatten sich damals bereits in ihre Höhlungen zurückgezogen. tief. sie lagen im Schatten. dunkel. sie allein erzählten von seiner Krankheit und dem Tod. die Augen. müde. abgeklärt. seine Körpersprache. aufgebracht. wirkte dem Eindruck entgegen.

ich kannte den Grund seines Zorns. ich hatte den Artikel bereits am Morgen gelesen. mich mit gemischten Gefühlen zu Vater gesetzt. er hörte Bruckner. in die Zeitung vertieft war er bereits bei den Sportnachrichten angelangt. ihn trennten nur ein paar Bögen mit Anzeigen vom Lokalteil. ich wollte aber nicht bei Mutter in der Küche bleiben. der ich war ständig im Weg. sie wusste nur den neuen Klatsch über die Schwangerschaft meiner Schwägerin. komplex. schwierig. und gleichzeitig wehleidig. Mutters Hauptthema. da war mir Vater lieber. wenn er klassische Musik hörte. war er schweigsam. gut gelaunt.

ich hoffte. das Essen wäre fertig. bevor er zur die letzten Seite käme. oder er würde seine Entrüstung für sich behalten. doch diese Attacke konnte er nicht verdauen.

hast du das gelesen. fragte er. es hörte sich an wie. hast du das geschrieben.

ich nickte.

der Soldatenverein. in dem Vater Mitglied war. wurde im Verfassungsschutzbericht als verfassungsfeindliche Vereinigung aufgeführt. der Stadtrat hatte deshalb beschlossen. bei der Kranzniederlegung am Kriegerdenkmal am Volkstrauertag eine Abordnung des Vereins nicht zur Feier zuzulassen. daneben stand ein Leitartikel. der die Entscheidung begrüßte. nachdrücklich. und von den ungestraft unter uns lebenden Mördern der Waffen-SS sprach.

ich glaube. Vater hat sich nicht wegen der Entscheidung der Stadt getroffen gefühlt. die er schon erwartet hatte. er war auch nicht aus politischen Überzeugungen Mitglied des Vereines. vielmehr wegen der Geselligkeit und den Kegelabenden. regelmäßig. eingetreten.

es war das Wort Mörder. mit dem er bezeichnet worden war. das ihn getroffen und eine Wunde. tief. innerlich. aufgerissen hatte. die nie heilen konnte. die aber nach außen verschorft war.

ich stellte mich auf einen Disput mit ihm ein. in der Richtung etwa. die Waffen-SS wäre keine Verbrecherorganisation. sondern nur eine Kampftruppe wie alle anderen gewesen. normal. zwar ein Eliteverband. hatte aber nie etwas mit Konzentrationslagern zu tun. Das waren die Totenkopfverbände von Himmler. nicht die Waffen-SS. Soldaten wie andere auch.

ich hatte das tausendmal von ihm gehört. vor allem. wenn er getrunken hatte. mich interessierte nicht die Kollektivschuld dieses Verbandes an Kriegsverbrechen. das war ein Problem für Historiker.

dahinter versteckte sich Vater. mich beschäftigte immer nur er selbst. seine Schuld. seine Unschuld.

aber er erstaunte mich. in ihm war etwas vorgegangen. das Wort Mörder hatte etwas ausgelöst. eine Erinnerung. quälend.

er begann. erst stockend und unsicher. er berichtete von einem Kameradschaftsabend. damit verband sich ein Kriegserlebnis. es war ein Kreis. These und Antithese. ohne Lösung. er gab viel von sich her. es war das einzige Mal.

es war ein Kameradschaftsabend seines Soldatenvereines auf Landesebene. man traf sich in einem Lokal eines kleinen Städtchens am Rhein. dessen Namen ich längst vergessen habe. wenn ihn Vater überhaupt erwähnt hat. man wollte bei Kaffee und Kuchen und gutbürgerlichem Abendessen Geselligkeit üben. Vorstände und Schatzmeister wählen. da Mutter so etwas zu langweilig erschien fuhr Vater allein. gleichzeitig fand im selben Lokal in einem anderen Raum ein Treffen von ehemaligen elsässischen Angehörigen der LVF. der Legion des Volontaires francais statt. das war eine unter Marschall Petain rekrutierte Freiwilligenarmee zur Unterstützung der Deutschen in Russland. im Vorfeld war bereits vergeblich versucht worden. diese beiden Treffen zu verhindern. da beide Vereine ordnungsgemäß angemeldet waren und der Wirt. ein Stadtrat des CDU. auf keinen Fall auf seinen Profit verzichten wollte. war aller Widerspruch vergebens gewesen.

Deshalb hatten Bürgerinitiativen. DGB. Jungsozialisten und Grüne eine Kundgebung organisiert. viel Polizei war da. verhinderte. den Sturm der Demonstranten auf das Lokal. einhundert Leute ungefähr. die Wut dieser Menschen war ehrlich. einen schwülen Nachmittag lang hatten sie die Unbequemlichkeit auf sich genommen und versucht. die Treffen mit Gesängen. Gedichtrezitationen. Ansprachen und Sprechchören zu stören. jetzt waren viele heiser. ermüdet. gereizt. Sie empfanden das Polizeiaufgebot als Provokation. ganz vorn standen ein paar ältere Männer. die KZ-Häftlingskleidung trugen. ob sie Sinti. Homosexuelle. Zwangskastrierte. Juden. politisch Verfolgte waren. weiß ich nicht. es waren Menschen. Opfer. den erneuten Anfängen wehren. sie diskutierten erregt mit den Uniformierten. die sich hinter ihrer Pflichterfüllung verschanzten. sonst waren hauptsächlich junge Leute da. unbequem wollten sie sein. diesen Verbrechern ihre Meinung ins Gesicht schreien.

doch die Ewiggestrigen hielten die Fenster geschlossen. zeigten sich nicht. obwohl sie sich nicht wohl in ihrer Haut fühlten. mein Vater gab zu. er hatte vor dem Mob da draußen Angst. versuchten sie dennoch. ihr Programm zu erledigen. abzuhaken. trotzig. sie entwickelten eine Fröhlichkeit. hysterisch. obwohl ihre Redner sehr laut sprechen mussten. um die Störungen von außen zu übertönen. sie beendeten ihr Treffen früher. als sie ursprünglich wollten. nach dem Abendessen kam der Moment der Stille. es wollte keine Stimmung entstehen. kein Erinnern an die ach so guten Kriegszeiten. weinselig. alle saßen sie auf ihren Stühlen. verschüchtert. voller Furcht. selten äußerte sich einer zu den Sprechchören. hastig. zornig. sie drangen durch die geschlossenen Fenster. durch die zugezogenen Vorhänge zu ihnen. dann war da diese unausgesprochene. uneingestandene Angst..

Schließlich entschloss man sich doch. es gemeinsam zu versuchen. die Versammlung jetzt aufzulösen. hinaus zu treten zu den Protestierenden. als sie nach draußen kamen. unsicher auf dem von der Polizei geräumten Platz vor dem Lokal standen. nicht mehr als zehn Männer. begann einer der älteren Demonstranten ein Wort zu rufen. das sofort von der Menge aufgegriffen wurde. wütend. endlich sah man den Feind von Angesicht zu Angesicht.

Mörder. wie eine Explosion löste sich die aufgestaute Emotion aus hundert Kehlen. die abschirmende Polizeikette. die beschäftigt war. einen Durchgang für die Eingekesselten zu schaffen. wankte.

langsam. man hat Stolz. traten die alten Männer. die ehemaligen Soldaten der Waffen-SS. durch die entstandene Öffnung. mitten durch die Reihen der brüllenden Menschen. Vater war bemüht. hielt sich in der Mitte. hasserfüllte Demonstranten versuchten nach ihm zu greifen. ihn. den sie Mörder schimpften. zu berühren. ganz so. als müssten sie sich überzeugen. es gab ihn tatsächlich.

dann riss die Kette. zwei der Polizisten stolperten. wurden zu Boden gerissen. dieses Wort. das die Menge rief. wurde zu einem Aufschrei. Triumph. Vater rannte. so schnell er konnte. das war vielleicht wirklich das klügste. er spürte einen Hauch Wut in seinem Nacken. das machte ihm Beine.

seine Kameraden waren tapferer oder möglicherweise auch nicht so schnell. bevor die Polizisten eingreifen konnten. fielen einige der Demonstranten über die alten Nazis her. als die Polizei das Handgemenge endlich trennte. waren zwei der Kameraden durch Schläge zu Boden gegangen. einer hatte eine tiefe Stichwunde im Oberschenkel. er hatte viele um sich herum mit seinem Blut besudelt.

Vater war schnell ein gutes Stück entfernt. nur eine junge Frau gab die Verfolgung nicht auf. stumm. hartnäckig. blieb sie auf seiner Spur. beide waren längst in einen gemächlicheren Dauerlauf gefallen. der beider Atem zuträglicher war. ich kann nicht sagen. warum sie ihn noch verfolgte. Vater hielt nicht an. er sah sich nicht um. wähnte sich noch immer von einem größeren Trupp gejagt. schließlich ermüdete die Frau doch. sie blieb stehen. nach Atem schnappend. rief. als würde sie um Hilfe schreien.

Mörder. du Mörder. bleib doch endlich stehen.

Vater sah sich um. verharrte erstaunt. der Abstand zwischen den beiden betrug weniger als zehn Meter. sie waren allein auf dieser Straße.

Mörder. wiederholte sie. du verdammter Mörder.

bei den letzten beiden Wörtern brach ihr die Stimme. jetzt weinte sie fast. Vater hielt seine stechende Seite. die Frau. sagte er erstaunt zu mir. die war in deinem Alter. sie könnte meine Tochter sein.

er wusste nicht warum. aber in diesem Moment nahm er ihren unerhörten Vorwurf ernst. er glaubte ihr den Ernst ihres Anliegens. weil sie ihm über ein so lange Strecke gefolgt war.

wissen sie überhaupt. was sie da sagen. rief er zurück.

wer sind sie. wollen sie denn mein Richter sein.

genau das hat er zu ihr gesagt. wollen sie mein Richter sein. ich an ihrer Stelle hätte diese Frage bejaht. wie gerne wäre ich an ihrer Stelle gewesen. was war das für eine Gelegenheit. warum hat Vater mir nie diese Frage gestellt. warum gab er mir nie die Chance. ihn zu richten.

ich hätte den ersten Stein geworfen.

die Frau jedoch verließ der Mut. ihr Zorn war verraucht. nachdem sie ihren Mörder vor Gesicht hatte. der ein Mensch. ein Vater war. sie wand sich um und ging. ohne noch ein Wort zu sagen.

damit hätte für Vater die Angelegenheit erledigt sein können. doch der Vorwurf der Frau hatte eine Erinnerung in ihm geweckt. die er lange vergessen geglaubt hatte. die jedoch. in seinem Unterbewussten versteckt. weiter in ihm arbeitete. als er zum Bahnhof ging und später. im Zug. der ihn durch die Nacht nach Hause brachte. hatte er beständig das Erlebnis von damals vor Augen.

damals wurde er als Achtzehnjähriger in der Apokalypse von Berlin eingesetzt. um das Leben jener Ungeheuer. die ihn um seine Jugend betrogen hatten. ein paar lächerliche Tage verlängern zu helfen. er war einer von denen. die für ihren Führer gern gestorben wären. schon die geographische Nähe zu ihm erfüllte Vater mit Ehrfurcht. jung. wie er war. führte er wegen seines Status als SS-Mann bereits einen Trupp Soldaten zu verbissenen Straßenkämpfen gegen russische Stellungen und Panzer.

kurzfristig von seinem Trupp getrennt. rennt er durch ein Wäldchen. dort. am Tiergarten. in der Nähe wird geschossen. es riecht nach Rauch. die Russen sind schon Unter den Linden. aus den wenigen übrig gebliebenen. zerschossenen Häuserruinen wehen weiße und auch rote Fahnen. die einen verräterischen runden. helleren Fleck in ihrer Mitte aufweisen.

auf einer kleinen Lichtung. einer Kreuzung von zwei Kieswegen. stößt Vater fast mit einem russischen Soldaten zusammen. der aus einer anderen Richtung gerannt kommt. kaum zwei Meter trennen sie. sie verharren. nur ein Reflex. eine kurze Feuergarbe der Maschinenpistole genügt. sie zerfetzt die Brust des Gegners. schleudert ihn in zwei ruckartigen Bewegungen zurück. zu Boden. er ist tot.

erst jetzt sieht Vater. sieht bewusst die Leiche. die wie eine hingeworfene Marionette vor ihm liegt. der Tote ist jung. sicher. nicht viel älter als Vater damals. er ist nicht bewaffnet.

dann wird erneut geschossen. jetzt ganz in der Nähe. Vater rennt weiter. flüchtet sich ins etwas dichtere Unterholz. am nächsten Tag wird er verwundet und gerät in Gefangenschaft. er läuft dem Feind in einem Hinterhof direkt in die Arme.

das war es. was Vater erzählte. nahe zu mir vorgebeugt. bevor uns Mutter zum Essen rief. er brachte seine Geschichten zum Schluss nicht mehr zusammen. er hatte keine Zeit mehr. eine Konsequenz. eine Moral zu ziehen. vielleicht war er auch nicht fähig dazu. nach dem Essen machte er seinen Mittagsschlaf. als er wieder erwachte. war ich bereits gegangen.

was mir Vater erzählt hatte. arbeitete in mir. er hatte mir sein Problem weitergegeben. aber keine Lösung. ich weiß. er wusste keine. er hatte keine Ahnung. wie er seine Vergangenheit verarbeiten sollte. ob er Mörder oder Opfer war.

er hat nie dieses angefangene Gespräch mit mir fortgesetzt. als ich ihn das nächste Mal sah. war er wie immer. unnahbar. zynisch. krank. aggressiv gegen meine Art zu leben eingestellt. als er starb. ließ er mich mit der Frage nach der Schuld allein zurück. er stahl sich aus der Verantwortung. floh in Krankheit und Tod. alles das blieb unbewältigt in mir übrig. das konnte ich nicht einfach beiseite schieben. um zur Tagesordnung zurückzukehren.

Er war mein Vater. wir waren verwandt und uns ähnlich.

ist das verständlich. kann ich mich verständlich machen. ersticken nicht die Worte meine Empfindung.

es sind nie kriminelle Neigungen in mir gewesen. für Mörder hatte ich nur Abscheu.

das war eine billige Lüge. ich habe sie selbst geglaubt. nun. schließlich. ehrlich.

da ich schon in dieser Stimmung bin. ein gutes Gefühl. werde ich jetzt von dem Erbe reden. endlich. das hat mein Vater mir gegeben. von ihm kann ich mich nicht befreien. selbst wenn ich nur noch Englisch rede. da ist Auschwitz und Zyklon B. das Land. das Ostfront hieß. da ist er selbst. mit der Vergangenheit. die er nie bewältigte. ich habe bis jetzt davon geschwiegen. habe mir ängstlich verboten. bin geflohen. habe verdaut. das ist das Ergebnis.

die Gewalt ist übergegangen zu mir. vom Mörder. ich spreche es aus. vom Mörder. der mein Vater ist. gab er es mir mit seinen Genen oder mit der Hand. mit der er mich streichelte. er hat sich aus seiner Verantwortung gestohlen als er starb. er hat mich allein übrig gelassen.das letzte Wort wurde nicht gesprochen.

Dass der Soldat. durch den Wald hastend. mein Vater war. er dem anderen Soldaten begegnet. nur ein Reflex und der ist tot.

das ist die Marionette. die ich bin. die Flucht. die scheitern muss. das Spiel. das ich verlieren werde.

Das Spiel – Erzählung (1)

DER SOLDAT. DER DURCH DEN WALD HASTETE. WAR MEIN VATER

die Hose schlotterte am Bund. da ich keinen Gürtel trug und Hosenträger verachte. blieb mir nichts übrig. als die Hose. regelmäßig. in die Höhe. den Bund über den Nabel und über das Hemd zu schieben. dennoch hatte ich das Gefühl. ständig. mir schlottere der Schritt in den Kniekehlen. ja. das war widerlich. tatsächlich. jedermann musste glauben. ich hätte in die Hose gemacht. zudem ich auch noch sehr breit ging. um ein Rutschen zu verhindern.

es war eine Stoffhose. meine einzige. sie war grau. Fischgrätenmuster. dunkel. Mutter hatte mich angefleht. komm in ordentlichem Zustand ins Krankenhaus. Vater darf sich nicht aufregen.

es war ein Novembertag. kühl. aber freundlich. ich weiß noch. ab und zu traf mich ein Windstoß scharf. verspielt. er zerrte an der Kleidung. mutwillig. und an den Haaren. es war Nachmittag. früh. der Himmel war durchsichtig. die Stadt lag ruhig und klar. glänzte in einer Transparenz. unwirklich. die Bäume erbrachen sich auf die Straßen. bunt. ich ging. versäumte die Straßenbahn. absichtlich. mir lag nichts daran. pünktlich zu sein.

Vater lag im Krankenhaus. man hatte ihn operiert. wieder. zum dritten. nein. vierten Mal hatte man seinen Unterleib aufgeschnitten. dazwischen machte man Tablettenkuren. bestrahlte. bis er ein Loch im Rücken hatte. chemische Keule. aber das war nur Aktionswut der Ärzte. Vater starb trotzdem. mit jedem Tag ein bisschen mehr. ein wenig schneller. sein Kampf gegen die Wucherungen an der Prostata war vergebens. längst. ein Rückzugsgefecht. es fraßen sich Metastasen die Wirbelsäule empor. alle hatten ihn abgeschrieben. für tot erklärt. auch die Ärzte. wir warteten auf das Ende. Aber dieses Warten zog sich hin. lange. Vater war zäh. war es immer gewesen. er war der einzige. der nicht aufgegeben hatte. er vermochte nicht an sein Schicksal zu glauben und so lange er das nicht tat. verzögerte er das Unvermeidliche.

aber jetzt. im November. stand es um ihn schlecht. Mutter hatte am Telefon gesagt. es sei vielleicht ein Abschiedsbesuch. wenn also noch ein Gefühl für die Familie und meinen Vater in mir geblieben war. übrig. dann musste ich kommen. sagte sie. weinend. er wolle mich sehen. das sei sein Wunsch. während ich flüsterte. begütigend. Trostworte. halbherzig. wusste. fügte sie hinzu. aber zieh dich anständig an.

ja. Mutter. ja. ich komme. nein. ich werde ihn nicht reizen.

ich kann nicht sagen. ob ich Angst vor einer Begegnung mit dem Sterbenden hatte. es war Unbehagen wegen dem Krankenhaus. das ich empfand. deshalb ging ich durch den Herbst. langsam.

sie erwarteten mich vor der Eingangstür. ungeduldig. sie hatten sich vorgenommen. nicht ohne mich bei Vater zu erscheinen. Mutter knitterte bereits das Taschentuch. obligat. tränenfeucht in den Händen. Bruder. überlegen und ruhig. in sich selbst ruhend. spielte mit dem Autoschlüssel. lässig. seine Frau trug ein Bündel Mensch. vorsichtig. auf dem Arm. meine Nichte. in jedem Blick war Vorwurf. es hätte nicht viel gefehlt. ich wäre umgekehrt. auf der Stelle. und hätte mich in der Stadt betrunken. wenn mich Mutter nicht am Arm genommen hätte. Fusseln von meinem Mantel streichend.

wir fuhren hinauf in den fünften Stock. in die chirurgische Abteilung. wir schwiegen. waren uns der Nähe. die uns der Aufzug bescherte. bewusst. peinlich. ich las. die Bedienungsanleitung. die in ein Metallschild gestanzt an die Wand des Fahrstuhls geschraubt war. es war keine Besuchszeit. offiziell. nur Personal weiß gekleidet lief auf den Gängen. geschäftig. es waren gut gelaunte Menschen.

ich weiß nicht. ob ich beschreiben kann. was ich empfand. Ich könnte schreiben. ich empfand nichts. das kommt meinem Gefühl nahe. aber es ist nicht die Wahrheit. auf eine Weise. schwer zu erklärend. war da etwas wie Trauer. war mir nicht wohl in meiner Haut. Das erzeugte auch die Atmosphäre des Krankenhauses. der Geruch. steril. abgestanden. in den Gängen. eine Anspannung der Erwartung. flau. war in mir. sie hielt mich gefangen. Unsicherheit. jeder Schritt war gewichtig und zögernd.

mein Vater lag in dem Zimmer. allein. obwohl noch ein zweites Bett drin war. das war ein Privileg für den Sterbenden. wenn ich eine Auswahl an Kranken gehabt hätte. wäre ich ans falsche Bett getreten. Vater war kaum wieder zu erkennen. ich erschrak bei seinem Anblick tief. wann hatte ich ihn zum letzten Mal gesehen. vor einem Monat. gut. dachte ich. ich hatte ihn als Bürger in Erinnerung. zufrieden. vom wohlstand genährt. Die Hände über dem Bauch verschränkt. mit einer Trainingshose bekleidet. saß er in einem Sessel vor dem Fernseher. bequem. eine Flasche Bier war in Greifweite.

der Mann. der hier lag. erschöpft. aufmerksam die Umgebung beobachtend. nicht die Augen. gelb bewegten sich. der Kopf zuckte wie bei einem Vogel hin und her. dieser Mann. der hatte nichts mit meinem Vater gemein. der Mann war mager. bis auf die Knochen. seine Haut spannte sich über seinen Schädel. dessen Form war deutlich sichtbar. er hatte jetzt eine Hakennase. man konnte durch die Lippen. halb geöffnet. seine Zähne sehen. Die Stirn. die höher war. als ich sie in Erinnerung hatte. glänzte. schweißig. fiebrig. Auf dem Arm. der mit einem Tropf verbunden war. traten Adern hervor. fingerdick. verhornt. sein Adamsapfel. scharf. hart. durch die Lage seines Kopfes. leicht nach hinten geneigt. stach empor. machte heftige Bewegungen. als er uns zum Bett treten sah. dann entdeckte er mich. ich schob mich als letzter heran. im Schutz der anderen.

ja. er war es. jetzt erkannte ich ihn an seinem Blick. meine Schwägerin hielt ihm ihr Kind hin. unruhig. abgelenkt. streichelte er es. ohne den Blickkontakt zu mir zu unterbrechen. Bruder hatte versucht. Vaters Zuneigung mit Kindern zu kaufen. aber Vater war nicht zu haben. so billig. zudem hatte Bruder nur eine Tochter zustande gebracht.

nein. Vater sah mich. kurz verstanden wir uns. begannen wir eine Kommunikation. tastend. stumm. standen nackt voreinander. nur ein Blick hatte genügt. unvorsichtig. unsere Masken herunter zu reißen. In diesem Moment wollte ich Dinge sagen. die mir wichtig schienen. die zwischen uns ungesagt geblieben waren. bisher. es war mir nicht möglich. den Mund zu öffnen. zu beginnen. ich erkannte sofort. er liebte mich. die ganze Zeit hindurch. all diese Jahre. geliebt hatte. er immer nur mich. sein Blick. zärtlich. den er mir schenkte. sprach davon. früher hatte er mir seine Liebe nur zeigen können. in dem er mich quälte. jetzt sah mich. wie ich wirklich war: ein Kind. das sich vor dem Leben zu Tode ängstigt. verunsichert. verwundet.

dann war es vorbei. die Verbindung riss. schnell. brutal. Vater blinzelte krampfhaft. hatte Schmerzen. plötzlich. ich sah sie seinen Körper empor kriechen. fast empfand ich sie selbst. er sah an mir herab. da war sie wieder. die Ironie. hinter der er sich versteckte.

hat dich Mühe gekostet. die Hose anzuziehen. bist sogar jetzt nur halb drin. sagte er. lachte. voll. laut. das war seine Art. die Schmerzen zu bewältigen. er tat mir weh. ich schämte mich. nicht wegen der Hose. wieder herab gerutscht. weil er mich so wehrlos erwischt hatte. ich war hilflos. unfähig. mich zu wehren. gegen seine Krankheit kam ich nicht an. hinter ihr konnte er sich verschanzen. sie nutzen. als Angriffswaffe. um seine Wut loszuwerden. gegen uns Gesunde.

von diesem Augenblick an wollte ich aus dem Zimmer zu kommen. ich hatte kein Verhalten mehr. ich lehnte mich gegen die Fensterbank. halb im Trotz. und sah. hinaus. den Kopf zur Seite gewendet. dort war nichts zu sehen. außer dem flachen Dach eines Gebäudes. vorgelagert. niedrig. Äcker trist. und in der Ferne der Strich eines Waldes. undeutlich. dunkel. er beschloss den Horizont. von dort zog Nebel auf und verdüsterte den Novembernachmittag. ich tat. als beschäftige mich der Ausblick. dieses Land des Nebels und der Kälte.

die Aufmerksamkeit meines Vaters ließ von mir ab. er fand Worte für die anderen sprach mit Mutter. liebevoll. während sie in der Tasche kramte und Lebensmittel zu Tage förderte. die er annahm. gutmütig. spöttelnd. er war nicht gewillt. sie zu essen. er würde sie statt dessen unter den Nachtschwestern verteilen. immer hungrig. aber Mutter hatte Krankheit auf Ernährung reduziert. nahm den Begriff Lebensmittel wörtlich. Sie wollte Vater essen sehen. dabei hoffen. es war ihre Art. das Unfassbare zu bewältigen. den Tod. vielleicht war es nicht die schlechteste.

Bruder sprach dann von Berufserfolgen. und Vorgesetzten. die seiner Karriere im Weg waren. seine Frau nickte dazu. gewichtig. das Kind war eingeschlafen.

eine wunderschöne Familienidylle. dachte ich. sie ist ein Foto wert. das wäre das letzte mit Vater. die Enkelin. schlafend. an seiner Seite. ein Foto zum Erinnern. ein Foto zum weinen.

dann war Leere. ich kann mich nicht erinnern. was geredet wurde. wer wen betrachtete. aber es verging einige Zeit. Bruder legte seine Jacke ab. legte sie über eine Stuhllehne. sorgfältig. ihm wurde warm in dem Krankenzimmer. überheizt. ich hätte es ihm gern nachgemacht. aber ich wollte. den Eindruck erwecken. ich sei auf dem Sprung.

ich schälte eine der Clementinen. die Mutter Vater gebracht hatte. ein Geruch scharf. sauer. stach mir in die Nase. mechanisch aß ich einen Schnitz nach dem anderen. ohne auf den Geschmack zu achten. ich tat es. um mich zu beschäftigen. die Zeit dehnte. wurde mir zu lang. auch das Dach vor dem Fenster Kies geschottert. die Nebelschwaden. träge wandernd. über den Äckern wurden langweilig. da entdeckte mich Vater wieder.

hast du nicht zu sagen. sei nicht so schweigsam. erzähl. wie geht es dir denn. was macht die Arbeit.

vielleicht unterstellte ich ihm die Absicht. böse. aber ich hatte das Gefühl. es interessierte ihn einen Dreck. wie es mir ging. er wollte mir nur deutlich machen. wie unbedeutend mein Wohlergehen neben seinem Zustand war. er erwartete meine Gegenfrage. höflich. wie es ihm denn ginge. um von seinem Los zu berichten.

auch wenn er recht hatte. es gegen sein Leid bedeutungslos war. wie es mir ging. war ich nicht gewillt. darauf einzugehen. ich erzählte von mir. stockend. reihte Belanglosigkeiten aneinander. Bruder hörte zu. ernst. Mutter schüttelte den Kopf. resigniert. Aber Vater lächelte. suchte nach dem Wort. das er aufgreifen. nach der Entgegnung. mit der er mich verletzen konnte. ich hatte mich gut unter Kontrolle. gab ihm keine Gelegenheit. deshalb erlahmte sein Interesse bald. er unterbrach mich. begann vom Klinikalltag zu sprechen. er ermüdete dabei. wir bereiteten uns auf den Abschied vor. den wir insgeheim alle ersehnt hatten.

Bruder benutzte seine Tochter als Grund. die jetzt doch ins Bett müsse. so gesehen. als Ausrede ist ein Kind vorteilhaft. unangenehme Besuche zu kürzen. Mutter küsste Vater. vorsichtig. wir Kinder gaben ihm die Hand. er hielt meine fest. länger und fester. als es nötig gewesen wäre. er sah mich an. stumm. da war es wieder. in seinen Augenwinkeln. ganz kurz nur. das Verstehen. zumindest ein Anflug von Begreifen. Es beengte mein Atmen. ich spürte Trauer bei diesem Abschied. der gerade noch eine Erleichterung war.

ich komme bald wieder. log ich.

wir müssen endlich mal miteinander reden.

sein Kopf zuckte zur Seite. unwillig. dann wieder zu mir. er verstärkte seinen Händedruck.

dann machte er mit ein paar Worten alles wieder kaputt.

dein Händedruck ist schlapp. Michael. sagte er. mutwillig.

ich weiß nicht. warum er das tat. warum er uns keine Chance gab.

ich weiß so vieles nicht von ihm. das wichtig ist. ich floh aus dem Krankenzimmer. eilig hinter den anderen her. ein Abschiedswort murmelnd. draußen standen wir alle im Gang. noch eine Weile verlegen.

einige Stunden später lernte ich Petra in einer Diskothek kennen. ich litt an dem Krankenhausbesuch. die Clementine. verdorben. arbeitete in meinem Magen.

dein Händedruck ist ziemlich schlapp.

es waren die letzten Worte. die ich von ihm hörte.

er starb in der darauf folgenden Woche. qualvoll beendete er das wenige Leben. das ihm noch geblieben war. es verlöschte in einem Schmerzenstaumel. den Morphium nur unwesentlich zu dämpfen vermochte.

Mutter war die ganze Zeit bei ihm. pflichtgetreu. sie wachte bis zum Schluss an seiner Seite. das war tief in der Nacht.

Bruder und ich besuchten den Sterbenden nicht mehr. so fremd wir uns waren. da waren wir uns gleich. obwohl wir uns dessen schämten. hatten wir mit dem Mann. der da starb. nichts mehr zu tun.

wir fühlten uns vaterlos. beide. obwohl ich schon damals wusste. ich belog mich nur selbst. ich habe nicht geweint. als mich Mutter in jener Nacht anrief. trotz ihrer Tränen gefasst und der Verantwortung bewusst. ich war müde. erstaunt. unsicher.

Lieblinge

Es ist langsam an der Zeit, meine krankheits- und unlustbedingte Pause zu beenden.

Die ersten Texte des neuen Jahres stammen aus der Feder von Daniel Greff. Er ist der Sohn meiner Cousine, also mein Neffe 2. Grades von der Seite meiner Mutter. Damit bin ich plötzlich nicht mehr der einzige Autor in meiner doch recht unliterarischen Familie. Daniel hat im letzten Jahr einen Band mit 101 Miniaturen zusammengestellt, sie für Connaisseure binden lassen und seine Lieblingstexte daraus für den Blog zur Verfügung gestellt. Er selbst schreibt dazu im Vorwort des Büchleins:

Diese Ansammlung an Geschichten ist einfach so im Laufe der Zeit entstanden, aus einer Idee heraus gewachsen und wurde jetzt, ohne große Vorwarnung, in der Wildnis ausgesetzt.

Ich weiß noch nicht, ob sie bereit sind, aber ich hoffe es. Ich bin mir sicher, dass einige Geschichten ankommen werden und andere irgendwo im Graben liegenbleiben. Denn für manche seht hier nichts drin, für andere vielleicht viel. Manchen wird es gefallen, manchen aber bestimmt auch nicht. Aber egal, denn genauso geht es mir auch.

Ich möchte dazu mit Balzacs Worten anmerken: „Die Kritik gleicht einer Bürste. Bei leichteren Stoffen darf man sie nur vorsichtig verwenden; denn sonst bliebe nichts mehr übrig.“

Ich wollte, ich könnte heute noch so frei von der Leber weg und unbelastet schreiben wie Daniel.

 

Du

Du warst noch nie bei mir. Ich habe noch nie Zeit mit dir verbracht, aber ich habe dich schon gesehen. Ich habe dich gesehen in den Fotos und in den Filmen. Ich habe von dir gehört in den Liedern und in den Erzählungen. Meine Freunde haben dir von mir erzählt. Es gibt viele Leute, die von dir reden, vielleicht viel mehr, als dich wahrhaftig kennen. Aber ich verspreche dir, ich werde nicht von dir reden, ohne dass ich dich vorher kennengelernt habe. Ich glaube, ich weiß mehr oder weniger, wie du dich anfühlst. Einige Male warst du schon ganz nah. Ich habe von dir geträumt, jedenfalls denke ich, dass du das warst. Wie kann ich es denn wissen, ohne dich jemals kennengelernt zu haben?

Aber ich will dich kennenlernen, ich will dich sehen, ich will wissen, wie du dich anfühlst. Aber nur, wenn du mir versprichst, an meiner Seite zu bleiben. Dass du nicht eines Tages wieder verschwinden wirst. Weil das ist das, was du mit den anderen machst. Ich sehe es. Wenn die Leute von dir reden, sind sie voller Emotionen, sie reden über dich, aber sie reden auch über deine Abwesenheit. Darüber, dass du da warst aber nun nicht mehr da bist. Ich habe Freunde gesehen, die dich verloren haben, und beinahe haben sie sich dann selbst verloren. Du bist einzigartig und das ist das, was dich so gefährlich macht, und im gleichen Moment so lohnend.

Immerhin sehe ich es so von außen. Vielleicht sieht dich jeder einzelne auch ein wenig anders, vielleicht, weil du vor jedem ein wenig anders bist, wer weiß? Ich stelle mir gerne vor, dass du ein Kunstwerk bist, versteckt in einem großen Museum, in einem Raum, den nicht jeder findet. Und wenn sie dich sehen, sieht dich jede Person durch ihre eigenen Augen. Aber für dieses Museum gibt es keinen Lageplan. Man kann die Leute, die man trifft, nach dem Weg fragen, aber schlussendlich weiß keiner, wo genau du bist.

Die Grafittiwand

Nach Hause kommen nach einem harten Tag, einfach sich ins Bett fallen lassen, die Stiefel ausziehen und an nichts denken. In diesen Momenten bist du ein kleiner Wassertropfen im Fluss deines Lebens. Wenn du dich einfach treiben lässt, bist du zufrieden. Aber manchmal gibt es in deinem Fluss auch Wasserfälle. Dein Leben ist kein ruhiger Fluss, sondern ein Fluss, der lebt. Mit jedem Wasserfall, den du herunterfällst, malst du ein Graffiti deines Lebens. Jeder Tropfen, der diese Wasserfälle hinunterfällt, malt einen weiteren Fleck auf deine Grafittiwand. Am Anfang sind es nur ein paar Flecken hier und da, aber mit der Zeit und mit weiteren Wasserfällen, wird auch deine Grafittiwand wachsen und wachsen.

Kennst du mich?

Ich bin oft überall. Aber im gleichen Moment bin ich nirgendwo. Manchmal sieht man mich, normalerweise aber nicht. Manche sahen mich schon und andere noch nicht. Und selbst wenn du mich siehst, dann siehst du immer nur einen kleinen Teil von mir. Den Rest verberge ich vor dir. Mein Ursprung liegt weit weg, obwohl meine Geburt sehr nah vor dir stattfindet. Wir beide brauchen das Gleiche, ohne dies würden wir nicht existieren. Viele kennen mich, aber wenn, dann nur aus Geschichten. Ich bin über dir, passe auf dich auf, passe auf die ganze Welt auf. Und selbst wenn alle Leute diesen Planeten verlassen, werde ich hierbleiben. Für immer ein Teil dieses Himmels.

Das Eichhörnchen

Früher, als ich noch ein Kind war, war ich der Überzeugung, dass Eichhörnchen unglaublich sind. So schnell, so klug und so süß. Mit ihrem großen, weichen Schwanz und ihren spitzen, zuckenden Ohren. Ihrem weißen Bauch im Kontrast zu ihrem roten Fell. Früher gab es nichts Besseres als ein Eichhörnchen für mich. Eichhörnchen können klettern, können schnell rennen und ohne Aufwand von einem Baum zum nächsten springen. Eichhörnchen sind magische Wesen. Ich sage das nicht nur, weil sie mein Lieblingstier sind, sondern vielmehr, weil es so ist. Sie lassen an Orten Leben auferstehen, wo sich nie ein Samenkorn hätte hinverirren können. Es ist interessant, dass für viele Eichhörnchen nur einfache Tiere sind, obwohl sie Wunder vollbringen. Wenn du dir ganz genau das Leben anschaust, dann siehst du vielleicht auch, dass alles ein klein wenig magisch ist und einem großem Wunder ähnelt.

Die Wellen gegen die Steine

Von oben kannst du alles sehen. Von oben ähnelt es einem Krieg. Mit jeder Welle versucht das Meer, die Steine zu verschlucken. Manchmal ist es rau, manchmal ist es ruhig, aber immer mit derselben Absicht. Manche Steine schaffen es nur, während den ruhigen Phasen zu atmen. Sie sind zu klein; sie haben eigentlich keine Chance. Andere sind größer. Das Wasser versucht, auch sie zu verschlucken, aber es läuft einfach nur wieder an ihnen herunter. Für diese Steine ist das Leben an der Küste einfach. Egal was passiert, sie können immer den Horizont sehen. Können sich nicht verlaufen. Aber so ist es nicht für alle. Die anderen müssen kämpfen, kämpfen um jeden Atemzug, und müssen auf die Momente warten, wenn das Wasser wieder fort ist.

Verliere sie nicht

In deinen Augen sehe ich die Jugend, ich sehe die Lebenslust und ich sehe die Neugier. Deine Augen reflektieren nichts. Nichts, was du siehst, geht verloren, du heißt alles willkommen. Deine Augen glänzen vor Unschuld, du siehst die Welt wie kein anderer. Du siehst in jedem Menschen den echten Menschen und nicht das, was er sein sollte oder das, was die Leute dir gesagt haben. Du verstehst nicht alles, aber genug. Eigentlich brauchst du gar nicht mehr zu wissen. Du weißt, wer für dich da ist und du weißt auch, wen du mit deinen Aktionen verletzten würdest.

Aber leider wird auch irgendwann sogar deine Unschuld sich verfärben und verschwinden. Mit jedem Wort, das du hörst und jeder Sache, die sie dir sagen, wirst du mit deinen Augen weniger und weniger sehen. Irgendwann kommt der Punkt, ab dem du nicht mehr die Sachen so sehen kannst, wie sie sind, sondern nur, wie sie laut den anderen sein sollten. Aber bitte, hör mir zu, versuch alles, was du kannst, versuch das Unvermeidbare zu verhindern. Behüte und beschütze deine kleine Person in deinem Kopf, lass nicht zu, dass sie verschwindet. Lass nur so viel rein, so dass die Löcher nach draußen zu klein für sie sind. Oft wird sie die einzige wahre Sache sein, die dir noch bleibt. Bitte, verliere sie nicht an die Welt um dich herum.

Die Vorstellungskraft

Hey du! Hier bin ich schon wieder. Komm, ich nehme dich mit auf eine Reise, die du vorher noch nie gemacht hast. Ich werde dir Sachen zeigen, die nur einige schon einmal gesehen haben. Du wirst die Personen sehen, die reicher sind als die Reichen auf dieser Welt. Die, die mehr haben als die, die fast alles haben. Eine Reise an einen Ort, wo du glücklich sein wirst, wo du eine glückliche Person bist. Dort kannst du machen, was du willst, dir diejenigen Leute anschauen, die du willst. Aber vorab eine Sache: Du darfst nur mitkommen, wenn du mir schwörst, dass du dein Gepäck hierlässt. Ich will es nicht tragen, und du wirst es auch nicht brauchen. Du brauchst nur dich selbst. Also, kommst du mit mir mit? Mach dir keine Sorgen; ich werde dich begleiten, du musst nicht alleine gehen. Du musst nur deine Augen schließen und schon geht die Reise los.

Wieder einmal

Wir laufen durch dieselben Straßen, sehen dieselben Gebäude, nehmen die gleichen Wege. Wir essen und trinken die gleichen Sachen an denselben Orten, aber trotzdem ist etwas anders. Die Leute um mich herum sind nicht die gleichen. Du kannst dir alles viele Male anschauen, aber wenn du es mit anderen Leuten erlebst, ist es wie zum ersten Mal. Am Ende bleiben nicht die Orte in Erinnerung, die du gesehen hast, sondern die Momente und die Zeit, die du mit den Leuten geteilt hast. Die Erlebnisse sind durch die Personen geprägt und nicht durch das Erlebnis an sich. Morgen werde ich mich nicht an eine Brücke oder ein Gebäude erinnern, die ich gestern oder vor einem Jahr gesehen habe, sondern an die Momente, in denen wir gelacht haben. Und das ist das Schöne, man muss nicht an besondere Orte gehen, man muss auch nicht etwas Besonderes machen, man muss es nur mit besonderen Menschen machen.

Eure Geschichten

Die ganzen Geschichten schreiben sich nicht von selbst. Oft ist es viel Arbeit, manchmal muss ich viel nachdenken, worüber ich schreiben werde. Aber einige der Geschichten habe nicht ich selbst geschrieben. Viele der Geschichten habt ihr geschrieben.

Die Unterhaltungen mit dir haben ein paar geschrieben. Meine Gedanken an dich haben andere geschrieben. Der Fakt, dass ihr immer an mich glaubt, hat auch eine geschrieben. Dein Lächeln hat auch eine geschrieben, vielleicht sogar zwei. Ohne dich hätte es auch die eine oder andere Geschichte nicht gegeben. Denn einige schrieb nicht ich, sondern das Wissen, dass du immer da bist. Eine weitere Geschichte hat sich geschrieben durch eure Liebe. Und nicht zu vergessen ist deine Fantasie, diese hat auch eine geschrieben. Eure Wörter, die mich begleitet haben, ließen mich auch einige schreiben. Seht ihr? In Wirklichkeit macht ihr den Großteil der Arbeit. Ich bewege nur meine Finger.

Fragen

Es gibt wichtige Fragen. Zumindest welche, die wichtig erscheinen.
Es gibt offizielle Fragen, die, die eine offizielle Antwort benötigen.
Es gibt Fragen, auf die du direkt mit deinem Bauchgefühl antworten kannst. Aber auch Fragen, die warten können und Fragen, die jetzt gerade keine Antwort benötigen.
Es gibt schwierige Fragen, aber wenn du suchst, kannst du eine Antwort finden.

Manchmal gibt es auch Fragen, die mehr bedeuten als das, was sie fragen. Und Fragen, die mehr von dir wissen wollen, als es scheint.
Es gibt Fragen, auf die du die Antworten schon kennst. Es könnten Fragen sein, die du dir schon selbst gestellt hast, aber sie könnten auch von anderen kommen.

Am Ende bleiben die Fragen, auf die du nicht antworten kannst, ohne nachzudenken. Die Fragen, für die du keine Antworten in einem Buch finden wirst. Diese sind die besten Fragen. Die Fragen, bei denen deine Antwort für jemanden wirklich wichtig ist. Wo die Frage eine Umarmung ist, manchmal zwar aus der Ferne, aber was zählt, ist, dass sie ankommt. Das sind die besten Fragen.

(c) Daniel Greff

Ausflug in die Vergangenheit

Nach Hans-Dieter Heuns Märchen Das melancholische Bibabirnentalerbutzengirl folgt nun ein weiterer Gastbeitrag; diesmal von einer jungen Autorin, die gerne anonym bleiben möchte und sich deshalb nach einer Figur aus meinen Geltsamer-Romanen Verena Salva getauft hat. Es ist eine intime, melancholische Annäherung an die eigene Kindheit und ihren längst verstorbenen Großvater. Danke für diesen Text, Verena, auch wenn es mich vor Lakritze, besonders in der gesalzenen Version, ziemlich gruselt!

Ich freue mich schon auf die nächste Geschichte und möchte noch einmal meine schreibenden Kollegen an mein Angebot erinnern, dass sie hier auf meinem Blog jederzeit einen Text veröffentlichen können.

 

Ausflug in die Vergangenheit

Eine Kurzgeschichte von Verena Salva

lakritze1

Immer wenn ich in besonders schlechter Stimmung bin oder sich meine Muse wieder einmal in den Untiefen meiner Seele versteckt hat, greife ich zu einer ganz besonderen Süßigkeit: den Lakritzschnecken. Gerade jetzt, wenn es durchgehend regnet, brauche ich diese Nascherei besonders oft. Mein Freund verschmäht diesen Süßkram. Er versteht nicht, warum ich gerade Lakritze so gerne mag. Erklären kann ich es nicht wirklich. Dennoch – und so lächerlich sich das anhört – fühle ich mich dieser Süßigkeit ganz besonders verbunden …

Es ist bereits dunkel draußen, wieder regnet es. Ich, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, sitze auf dem schweren Ledersofa meiner Großeltern. Die Wochenenden, die ich bei ihnen verbringen darf, gehören zu den glücklichsten Erinnerungen, die ich später an meine Kindheit haben werde. Vorsichtig lege ich meine Hand auf das Fell des belgischen Schäferhundes, der sich neben mir breit gemacht hat. Die große, gelbe Hündin hebt ruckartig den Kopf und sieht mich aus ihren klugen Augen misstrauisch an. Wie immer, versuche ich nicht zurückzuzucken. Nach einem kurzen Augenblick befindet sie meine Berührung als tolerierbar und legt ihren Kopf mit einem leisen Seufzen wieder zurück auf die Sofalehne.

Mein Großvater liegt auf dem Zweiersofa, das im rechten Winkel zur großen Couch ausgerichtet ist und sieht zwischen seinen Füßen hindurch gebannt auf den Fernseher. In meinen Augen hat er unglaublich große Füße und immer stecken sie in den scheußlichen Wollsocken, die meine Urgroßmutter so liebend gern strickt und zu jedem Anlass verschenkt.

Opili (so dürfen wir ihn nennen und eine Zeit lang dachte ich sogar, das sei sein Name) ist ein großer Fußballfan. Er sieht sich jedes Spiel an, das von seiner Lieblingsmannschaft Werder Bremen im Fernsehen übertragen wird. Gerade läuft wieder so ein Spiel und weil ich eben nichts Besseres zu tun habe und das Buch mit den Zwergen dieses Wochenende auch schon durchgelesen habe, schaue ich mit ihm in die Röhre.

Auf dem Bauch meines Großvaters liegt eine Tüte mit Lakritzschnecken. Er isst sie bei jedem Spiel. Ich verstehe nicht, warum er diese Süßigkeit überhaupt mag. Aber er hat viele dieser merkwürdigen Vorlieben: Er isst zum Beispiel zu jeder warmen Mahlzeit Essiggurken aus dem Glas, steht nachts oft auf und macht sich Marmeladenbrote und hat mindestens schon ein Dutzend Mal mit dem Rauchen aufgehört, seit wir uns kennen. Und ich kenne ihn ja nun schon mein ganzes Leben lang.

In genau diesem Moment, als wüsste er, dass ich ihn schon seit einer Weile beobachte, hält er mir die Tüte mit den Naschereien hin. Er sieht mich nicht an und er spricht auch nicht. Bei Fußballspielen darf nicht gesprochen werden, sagt er immer. Das stört seine Konzentration. Schnell beeile ich mich eine Lakritzschnecke aus der Tüte zu fischen. Dabei passe ich mich auf, dass sich meine rechte Hand, die immer noch auf dem Fell der Hündin liegt, nicht bewegt. Sie ist für mich nicht ganz berechenbar und auch, wenn sie nicht beißt, so kann es gut sein, dass sie knurrt, wenn ihr etwas nicht passt. Das will ich nicht, denn erstens erschrecke ich mich dabei immer und zweitens möchte ich meinen Großvater nicht stören. Dieser zieht die Tüte wieder zurück und holt sich unter leisem Rascheln ebenfalls eine Süßigkeit heraus, steckt sie sich ganz in den Mund und kaut darauf herum.

Auch, wenn ich nicht verstehe, warum er Lakritze so gerne mag und sie für mich einfach komisch schmeckt, esse ich sie dennoch. Vorsichtig nehme ich das Ende zwischen die Zähne und rolle die Schnecke auf.

Ich werfe einen hektischen Blick in den Wintergarten. Dort sitzt, bei düsterem Licht und die Lesebrille auf der Nasenspitze, meine Großmutter und liest einen ihrer Heimatromane. Später, wenn ich vierzehn Jahre alt bin, werde ich selbst einmal diese Romane lesen. In dieser Zeit wird kein Buch vor mir sicher sein. Doch auch, wenn ich jeden der Romane meiner Großmutter gelesen haben werde, werde ich nicht verstehen, was sie daran findet. Wahrscheinlich kann ich einfach nicht so gut mit der Protagonistin Erika mitfühlen, die sich einfach nicht zwischen dem Jungbauern Franz und Großstädter Viktor entscheiden kann.

Meine Großmutter sieht nicht auf, als ich zu ihr schaue. Sie hat nicht mitbekommen, dass mein Großvater mir heute zum wiederholten Male eine Lakritzschnecke gegeben hat. Das ist gut so, denn sie sieht es nicht gern, wenn ich diese Süßigkeit esse. Das sei nichts für Kinder, sagt sie immer, und überhaupt sei es ganz schlecht für die Zähne und ich könnte danach ja sowieso nicht schlafen. Das stimmt so nicht, das kann ich bezeugen. Immer, wenn sie mich erwischt, muss ich nämlich ins Bett und ich habe nie Probleme mit dem einschlafen.

Diesmal erwischt sie mich nicht, sie ist zu gefesselt von Erika und ihren Entscheidungsschwierigkeiten, und diesmal muss ich auch nicht ins Bett.

Glücklich kaue ich auf meiner Lakritzschnecke herum, meine rechte Hand liegt immer noch auf dem warmen Fell der Hündin. Und mit einem Mal stelle ich fest, dass ich diese Nascherei sogar ganz gerne mag. Sie gibt mir ein Gefühl der Sicherheit und der Geborgenheit und in über dreiundzwanzig Jahren, wenn ich an meinem Schreibtisch sitzen werde und mich an die Zeit zurück erinnere, werde ich feststellen, dass dies immer noch der Fall ist.

Verena Salva
(Alle Rechte bei der Autorin)

 

Beitragsnavigation