Die Kelten und der Siasskass (II)

Alltägliches, Essen, Leben, Rezepte, Wandern

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch: Ich wanderte am Samstag in den Vogesen und zwar rund um den Felsrücken des Kleinen Belchen, der den Altvorderen angeblich so wichtig für das Festlegen der Jahreszeit war. Ich habe mir inzwischen von einem Experten glaubhaft erläutern lassen, dass dieses Belchen-System vielleicht nur in der Einbildung der Archäologen und der Kelten-Nostalgiker existiert und hier Bedeutungen in Zufälligkeiten gelesen wurden. Manchmal ist ein Berg eben nur ein Berg.

EDiavoloines aber ist sicher: Der Menschenschlag, der an den Flanken des petit ballon seinen Bauernhof und seine Gaststätte betreibt und dort eine bodenständige elsässische Küche anbietet, ist kein Nachfahre der Kelten. Ich hatte bei der Mittagsrast in der Ferme-Auberge Rothenbrunnen, wo die Nichtvegetarier eine üppige Fleischpastete und ich eine Käseauswahl zu sich nahmen, ausreichend Gelegenheit für ethnosoziologische Studien, die aufgrund Leibesfülle und Behäbigkeit der Probanden auf allemannische Vorfahren hindeuteten. Dort oben hat niemand daran Interesse, sein scheußliches französisches Bier aus den Schädeln der geschlagenen Feinde – fast hätte ich „Gäste“ gesagt – zu trinken oder sie in einem großen Topf zu garen. (Obwohl – wenn ich an die Pastete denke oder an das diabolische Aussehen der dortigen Kühe…)

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Der Blogger auf dem Gipfel des Steinbergs (Gegenlichtaufnahme)

Themenwechsel:

Das Wandergebiet ist sehr überschaubar und die Einkehrmöglichkeiten liegen wenn schon nicht auf Sicht-, so doch zumindest auf Rufweite. Egal, welchen der Rundwege man einschlägt, man kommt zwangsläufig an der einen oder anderen Auberge vorbei, die einen zur Rast verleitet. Auf diese Weise vergehen die Stunden wie im Flug. Ob’s nun am kleinen Weißen oder am Pastis oder doch an der Aussicht liegt, man geht die Wege immer beschwingter. Ein lohnender Ausflug, den man allerdings auf dem gleichen Pfad wieder zurückmachen muss, aber sich keinesfalls entgehen lassen sollte, führt über einen Grat zu einem Nebengipfel des petit ballon, der nicht ohne Grund le Steinberg heißt, weil dort markant zerklüftete Granitfelsen wie liegengelassenes Spielzeug von Riesen aus dem Boden ragen. Diese pittoresken (hab’s wieder geschafft!) Felsbrocken sehen tatsächlich so aus, als hätten sie die Kelten zu Ritualzwecken aufgestellt, aber sie sind natürlich geschaffen und reizen, auf ihnen herumzuklettern oder faul unter ihnen im Schatten zu liegen.

Den kahlen Rundgipfel des Kleinen Belchen selbst ziert eine unglaublich hässliche lebensgroße Lourdes-Madonna auf einer Säule, aber der Blick über das Rheintal bis hinüber zum Feldberg und den Schweizer Jura (auch dieses Wort hat seinen Ursprung im Keltischen) ist an klaren Tagen überwältigend und lohnt allein schon den nicht allzu schweißtreibenden Aufstieg.

DSCF1047Wenn dann die spezielle Kuhrasse der Gegend mit ihrem dominanten „Silberrücken“ zum Gemolkenwerden wie trunken zurück in die Ställe wankt, ist es auch für den Wanderer Zeit, zum Abendessen einzukehren. Und nun komme ich endlich zum Siasskass, der als Spezialität der Vogesen ein Dessert-Muss (nicht Dessert-Mus) ist.

Es ist ein Euphemismus, das Essen in den Ferme-Auberges als reichlich und schwer verdaulich zu beschreiben. Hauptzutat und Krönung jeder Speise sind die dort hergestellten Käsesorten: So gibt es auf der Karte unter anderem panierten Bergkäse (Tomme), mit stinkigem Münsterkäse überbackene Bratkartoffeln (Brägele) oder Ziegenkäsetoasts, aber natürlich auch Cordon bleu und Käsenudeln.

Der Siasskass (Süßkäse) ist eine Wagenrad Frischkäse, vom Aussehen einem Mozarella, geschmacklich und von der Konsistenz eher einem panna cotta nahe. Er wird mit gezuckerter Sahne und – zumindest kam es mir so vor – mindestens einem halben Liter Kirschwasser übergossen; letzteres wohl, um die Verdaubarkeit zu erhöhen. Die erste Hälfte des Siasskas isst man noch trotz der magenfüllenden Brägele begeistert, dann stellt sich schnell ein flaues Gefühl der Bedrängung ein, das in eine Übelkeit mündet, die ihresgleichen sucht und durch den Anblick im Teller noch verstärkt wird.

siasskasDa ich von seiner Mutter gelernt habe, den Wirt zu ehren und den Teller immer zu leeren, noch einmal mein Rat: Übernachten Sie dort oben, nüchtern Sie sich aus und fahren Sie auf keinen Fall wie ich auf steilen Serpentinen-Schlangenlinien wieder den Berg hinunter. Ihr Magen wird es ihnen danken.

Die Kelten und der Siasskass (I)

Alltägliches, Leben, Wandern

Frau Klammerle reagierte diesmal schnell:

Nachdem am Ende einer Katastrophenwoche auch noch der heftigste Gewittersturm seit Jahren meinen Garten verwüstet und eine Schneise der Zerstörung quer durchs Dorf gezogen hatte, setzte sie mich – der ich mich in einer Art Schockstarre befand – ins Auto und fuhr mich zu unseren Freunden im sonnigen Freiburg. Seit fast 25 Jahren fahren wir in vierteljährlichem Rhythmus  hinunter in diese schöne Stadt, in deren Weichbild (ha!) immer alles ein wenig wärmer, heiterer und gelassener wirkt als anderswo. Auch der Sohn studiert dort. Und seit 25 Jahren sind die A 8 und die A 5 oder die Ausweichroute über die A 81 und die B 31 Baustelle und wir haben es noch nie geschafft, ohne längere Staus durchzukommen – auch diesmal nicht.

Unsere Freunde sind aktive Teilnehmer am „Bewegungsprogramm“ für Herrn Klammerle und hatten zu diesem Zweck eine Wanderung in den Vogesen auf den Petit Ballon (Kleiner Belchen) geplant. Die Vogesen sind der Mittelgebirgszwilling des Schwarzwaldes – zwei Brüder, die das Rheintal voneinander trennt.

Einschub der keltischen Art:

Da ich weiß, dass der fleißigste Kommentator meiner Blogtexte ein begeisterter Freund des mystisch-mythisch-keltischen ist, folgt nun ein kleiner Einschub. Wem das ganze Keltengesums auf den Geist geht und mit jenen „schönen Verlierern“ nichts anzufangen weiß, die nie eine Schriftsprache entwickelten und über deren Kultur wir nur durch Cäsars durchaus parteiischen und oberflächlichen Bericht im bellum gallicum etwas zu wissen meinen, sollte einfach den folgenden Absatz überspringen und vielleicht morgen beim 2. Teil meines Reiseberichts weiterlesen.

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Blick auf den Elsässer Belchen

Der kleine Belchen gehört neben vier weiteren Bergen gleichen Namens zu dem sogenannten Belchen-System. Drei sind in den Vogesen (Elsässer Belchen, großer und kleiner Belchen), einer ist markante Landmarke und zweithöchste Erhebung des Schwarzwaldes und der fünfte liegt etwas abseits im Schweizer Jura. Von der nördlichsten Erhebung, dem Elsässer Belchen aus, peilte der astronomisch interessierte Kelte die Zwillingsberge an, mit denen ihr Standort zwei ausgedehnte Dreiecke bildet. An diesen Zwillingserhebungen konnte er dann genau die Tag- und Nachtgleichen, sowie die Sommer- und Wintersonnenwenden festmachen, weil die Sonne an diesen Tagen dann jeweils über einem anderen der übrigen Belchen aufgeht. Das Belchen-System ist also ein riesiger astronomischer Kalender und das Wort „Belchen“ leitet sich vom keltischen „Der Strahlende“ ab. Es hat nichts mit einem „Ballon“ zu tun, wie die Franzosen übersetzten. Selbstverständlich werden an all diesen Gipfeln von keltophilen Schamanen und Druiden „heidnische“ Beltane und Samheine abgehalten – ein ähnliches Theater wie in Stonehenge, das allerdings entgegen der landläufigen Meinung nichts mit den Kelten zu tun hat, sondern viel, viel älter ist.

Unseren Zahlen-Mystiker, dem dieser Einschub gewidmet ist, wird es aber erfreuen zu erfahren, dass der „Petit Ballon“ exakt 1264 m. hoch ist. Nebenbei erwähnt, haben die Deutschen diesen Hügel im ersten Weltkrieg zur Festung ausgebaut. Dort finden sich noch heute Reste einer gigantischen, vierstöckigen (!) Bunkeranlage und einer Seilbahn; heute – in friedlicheren Zeiten – sieht man vom Gipfel aus eher Kühe und eine Perlenkette von Ferme Auberges (Berggasthöfen).

Einschub Ende

Vogesen1Wer mit dem Auto zum Ziel gelangen will, fährt – von Colmar kommend – auf der D 417 nach Munster, wo er links abbiegend (auf das Hinweisschild am Straßenrand achten) über eine enge Serpentinenstraße etwa 5 km hoch zum Anfangs- und Endpunkt der Wanderung gelangt: Der Auberge et Ferme du Ried, die bereits auf bequemen 950 m Höhe liegt und den idealen Einstieg in das überschaubare, dabei eher unbekannte und auch nicht überlaufene Wandergebiet des „Petit Ballon“ bildet, der auch „Kahler Wasen“ genannt wird. Dort kann man auch – und das sei hier dringend angeraten – in einfachen Zimmern übernachten.

Nein, ein Carrefour ist kein Supermarkt, sondern eine Kreuzung

Nein, ein Carrefour ist kein Supermarkt, sondern eine Kreuzung

Ich setze morgen fort, dann erkläre ich auch, was ein „Siasskass“ ist.