Aber ein Traum …

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crisis – Eine Erzählung (Schluss)

ein tag ist doch wie der andere, nur ein endloses karussell, erneut kopfschmerz und verfaulendes fleisch auf der zunge. vielleicht fault die zunge selbst. noch eine woche urlaub. nach dem wichsen wartete ich auf das gewitter, das wieder nicht heraufzog. diesmal war es anstrengend, bis es mir kam. keine freude, ich sagte es schon. auch der gedanke an die breiten knie der magd half nicht. für meine aufzeichnungen wollte ich klarheit. deshalb schlug ich im lexikon nach. aber das WORT stand nicht drin, obwohl es ein gutes nachschlagewerk ist. wie hat man ein WORT an die wand schreiben können, das es gar nicht gib? – an diesem tag merkte ich, wie sich alles änderte. noch wusste ich nicht, was es war. es machte mir angst. das war der tag, und ich schrieb vieles auf.

ich ging später in ein gartenlokal, aber es war anders. ich beobachtete meine umgebung genau, das lachen der schüler dort verstärkte meinen kopfschmerz. ich fand nichts ungewöhnlich. trotzdem, es war anders. es lag in der luft, wie ein ungewöhnlicher geruch. ich trank mehr bier, als ich vertrug, aber es half mir nicht. die nadel blieb in meinem hirn stecken, ließ sich nicht entfernen. sie blieb, spaltete mein hirn. ich beschloss, am wehr spazieren zu gehen. dort war es schattig.

vision, ein irritierendes licht fällt von oben herab.

auf die erste leiche stieß ich bald. es war eine frau. sie war nackt, der bauch aufgerissen, zerfleischt, die hände wie in scham über der brust verkrampft. ich blieb stehen und starrte. ich wollte nicht glauben, was ich sah. ein ehepaar kam vorbei, einen kurzbeinigen dackel an einer leine hinter sich her ziehend. der hund hatte etwas helles im maul. es ähnelte einem hingeworfenen handschuh, in den der köter sich verbissen hatte. als das paar näher kam, sah ich, es war eine abgeschlagene hand, die nägel lackiert. ich deutete auf die hand, dann auf die frauenleiche. ich war nicht fähig zu sprechen. das paar sah mich an, es wirkte erstaunt, dann verstört. verzweifelt packte ich den ehemann an der schulter, schüttelte ihn, schrie. ich weiß nicht mehr, was. aber die beiden sahen mich nur an, staunten ängstlich. der hund ließ die hand in den sand fallen, bellte mich wütend aus. ich stieß den mann beiseite. nur weg von hier. die frau schimpfte hinter mir her. ich rannte den kiesweg weiter, stolperte dabei über die nächste tote. es war eine noch ganz junge frau. ihre lider waren weit aufgerissen, doch sie hatte keine augäpfel. fliegen krochen in der blutigen höhlung. auch ihr fehlte keine hand, aber eine war zermatscht, wie von einem lastwagen überfahren. ein würgender geruch kroch in meine nase. ich übergab mich über der leiche, besudelte sie mit meinem erbrochenen. dann kippte ich ohnmächtig zur seite.

eine nadel in meinem hirn, ein lichtstrahl von oben, vom brunnenrand.

das café war voll. nur mit mühe fand ich einen sitzplatz neben ein paar mädchen, die sich über wollwaschmittel unterhielten. es war kein gespräch möglich, sie waren zwar hübsch, aber jung. mir ging es inwischen besser. ich hatte im park beim wehr auf einer bank meinen rausch weggeschlafen, aber schlecht geträumt. trotzdem spürte ich weiterhin, wie sich alles um mich veränderte, anders, neu und fremd wurde. am abend begegnete mir das WORT wieder. ich traf einen arbeitskollegen, der mir den neuesten klatsch aus der firma berichtete. dann wurde unser gespräch persönlicher.

– wie geht es dir?, fragte er, du siehst schlecht aus.

– das erstaunt mich nicht.

– ja, wie der lebende tod. hast du schlafstörungen?

– die habe ich.

– du hast sie also auch, das dachte ich mir schon.

– warum?

– es geht gerade den meisten so. die halbe firma schläft morgens in den büros. mich hat es gottseidank noch nicht erwischt.

– meinst du etwa, das ist ansteckend? ein schlaflosigkeitsvirus? kann es das geben?

– klar. das liegt doch auf der hand. da geht etwas vor. sogar in der zeitung stand es schon. aber sie wiegeln noch ab. angeblich gibt es kein mittel dagegen. zumindest…, er zögerte. mir fiel etwas ein, aber ich wusste nicht, woher diese erinnerung kam.

– aber es gibt doch etwas, oder? – das war ein schuss ins blaue. er saß.

– du hast etwas gehört, stellte er fest. ich nickte, wollte wissend aussehen. er verfolgte meine bewegungen aufmerksam.- du hast etwas gehört!

auch er nickte, sah sich um. – das bleibt unter uns, klar?

er wartete auf eine reaktion von mir, als keine kam, sah er sich wieder um. dann flüsterte er das WORT. ich zuckte zusammen, wie ertappt. ich wusste nicht, was ich sagen sollte. er lächelte.

– was ist das?, fragte ich und beging meinen ersten fehler. sein lächeln verschwand.

– willst du mich verarschen?

– nein. ich bin nur schwer von begriff. ich meine, ich weiß einfach nicht, stotterte ich. er schien mir nicht zu glauben.

– du bist von den anderen, du sauhund!

red doch keinen unsinn. von welchen anderen redest du überhaupt? geht das wieder los! verteidigte ich mich schwach. – mir fiel das seltsame gespräch mit dem alten ein, auch er hatte von den anderen gesprochen. mein freund nahm eine drohende haltung ein. er ballte die fäuste. ein paar mädchen schlenderten in der nähe vorbei und warfen uns bedeutsame blicke zu, das lenkte ihn ab. als ich wieder seine aufmerksamkeit hatte, war er etwas sanfter.

– so dumm kann doch keiner sein, sagte er, du wirst doch wenigstens wissen, wer die anderen sind, wenn du noch nicht einmal das WORT kennst. macht das keinen sinn für dich? mensch, alles ist in bewegung. durch das land geht ein ruck. noch wissen wir nicht, wann ER rettend eingreift, der mann. aber dass ER kommt, fühlen millionen. das musst auch du bemerkt haben.

– nein. mir ist, als hätte ich ein jahr verschlafen. diese welt ist nicht mehr die meine. ich verstehe sie nicht.

– so schlimm ist das ja nicht. vergiss nicht, niemand weiß genaues! im moment warten alle. und wenn es tatsächlich jemand ahnen sollte, dann schweigt er aus angst.

– wovor?

– angst? ist doch klar! überall sind die anderen. für uns gibt es zwei teile: einen, der sich bekennt, einen anderen teil, der zersetzen und zerstören will. er versucht, uns zu sabotieren, zu verhindern, dass wir wieder schlafen können. aber der tag wird kommen.

– ich verstehe nicht. nochmal, ich fühle mich, als wäre ich in einen brunnen gefallen und komme nun nicht mehr raus. meine eigene welt ist nur noch ein kleines, kreisrundes loch weit über mir. das atmen fällt mir schwer, meine lungen füllen sich mit wasser. ich höre stimmen, aber sie sind fern. ich ertrinke und weiß nicht warum. sag mir, warum sabotieren uns die anderen? was haben sie für einen grund?

– mensch! – er flatterte mit seiner hand vor meinem gesicht. das gespräch schien sich nicht so zu entwickeln, wie er es wollte.- ich habe dir vorhin gesagt …

– ja, genaues weiß man nicht. aber es muss doch gerüchte geben.

– es gibt sie. – er musterte mich scharf. – und du bist sicher keiner von den anderen?

ich schwieg vorwurfsvoll.

– gut, ich glaube dir. es passt auch nicht zu dir. du bist so unschuldig. also, du musst wissen, dass ER kommt, hier in unsere stadt.

– leskoff?, platzte ich heraus. mein freund packte mich wütend am kragen.

– höre gut zu. nenne diesen namen nie mehr in meinem beisein, verstanden? der ist tabu, ja?

– ja, ich entschuldige mich. – ich versuchte, mich loszumachen, aber er hielt mich mit festem griff.

– das alles hat nichts mit IHM zu tun. du musst irre sein, die beiden in einem atemzug zu nennen.

– ich dachte …

– du dachtest. wenn du so weiter machst, bist du bald tot.

einen augenblick war ich stumm. dann spürte ich, wie etwas versank. nein, das ist nicht richtig erzählt. es war anders. es war jetzt verschoben, der boden begann sich zu wölben. ich sah mich um.

vision. wo war mein freund? was war mit mir? und ein splitter spaltete mein hirn. ich blickte herab. meine kleidung funkelte. sie funkelte aus sich heraus, als wäre sie mit goldflitter bestreut, wie die reflektion eines tanzenden lichtes, das durch ein weinglas scheint. und gleichzeitig, sagte ich schon, verschob sich die umgebung nach oben, ich begriff, ich war am versinken. unglaublich, dachte ich, unglaublich, das ist nicht möglich, wenn je etwas unmöglich war, dann das: ich versinke, mich in einen funkenregen verwandelnd, im teer. ich löse mich auf, verschmelze mit der erde, werde eins mit dem wissen. endlich.

jemand tappte mir mit zwei fingern auf die schulter. ich bemerkte die berührung erst nach einer ganzen weile. meine abwärtsbewegung stoppte. das ist ER, dachte ich grundlos, das ist ER.

– hinter mir stand ein kleiner mann. seine augen funkelten spöttisch.

– kennen sie napoleon?, fragte er.

– ja, das ist einer der großen schlächter der menschheit, erwiderte ich, denn ich wollte streiten.

– was reden sie da? wissen sie, was sie da reden?

– sie werden mir das sagen. sie scheinen ja alles zu wissen.

– sie reden scheißdreck. sie sind ahnungslos. so ein mist. fragen sie doch die franzosen, die haben ihn im invalidendom begraben. er war ein gott.

– das ist lächerlich. napoleon war ein mensch und einen menschen muss man begraben. er war ein schlächter.

– ein schlächter. wissen sie überhaupt, was die geschichte ist?

– die geschichte ist eine aneinanderreihung von metzeleien.

– sie haben vollkommen recht. die geschichte ist kriegsgeschichte.

– es an der zeit, das zu ändern.

– guter mann, es ist zeit, ja, wir wollen mal sagen, dass das lämmchen beim löwen weidet.

– amen!

– sie sagen es. sie haben eine interessante art, zu diskutieren.

– gut. ich mag zwar als träumer gelten, wenn ich hier ‚scheißdreck’ erzähle, aber ich bin nicht blind. die menschheit hat immer versucht, ihre probleme mit gewalt zu lösen. das hat ihr nichts gebracht. jetzt ist es an der zeit.

– wenn sie christentum predigen, landen sie am kreuz. wenn sie aber politisch etwas erreichen wollen, müssten sie gewalt anwendenn. sie können nur mit dem schwert macht ausüben. wenn es die not gebietet, scheuen wir auch nicht davor zurück, blut zu vergießen. große fragen werden immer durch blut und eisen entschieden.

– es gibt auch einen anderen weg. macht auf möglichst viele menschen verteilen, damit keiner zu viel in den arsch bekommt.

– demokratie? dazu ist es doch längst zu spät. die macht ist seit jahrhunderten verteilt, das kind in den brunnen gefallen. wenn sie die geschichte überblicken, alle perioden, wann, glauben sie, war sie erfolgreich? die demokratie, wissen sie, war es nie. demos heißt nicht volk, sondern pöbel.

– ich bin utopist. demokratie ist möglich, allein schon deshalb, weil sie die einzige staatsform ist, die sich kein bild vom menschen macht.

– nett auswendig gelernt. sie argumentieren schneller als ich denken kann. und ich glaube, sie reden nicht von der demokratie, sondern vom kapitalismus. schauen sie: man kann die geschichte nicht aus der sicht eines kriminalkommisars sehen, immer schuldige suchen. napoleon war ein mann, die die welt verändert hat. ihre schlächter haben uns weit gebracht. wo wären wir ohne sie?

– weiter entfernt vom abgrund.

– aber wir fallen doch längst. bald schlagen wir auf. wärend sie mit mir reden, wird wieder geschichte gemacht. es war an der zeit. ein mann kommt, nur er kann uns retten. die demokratie endet in einem blutigen chaos. je größer dieses chaos, desto sicherer ist ihr untergang und der erfolg von IHM.

– sie verstärken das chaos?

– ja. die masse braucht in ihrer schwerfälligkeit immer eine bestimmte zeit, ehe sie auch nur von einer sache kenntnis zu nehmen bereit ist. und nur einer tausendfachen wiederholung einfachster begriffe wird sie endlich ihr gedächtnis schenken. zu kommunisten spreche ich faschistisch, wenn ich nazis treffe, lobe ich marx, bei ihnen bin ich polemisch. es wirkt. schau dich doch um, sieh die verwirrung.

und ich versank. der blick des kleinen mannes war mitleidig. das hatte mir gerade noch gefehlt. – mit mir nicht, rief ich ihm zu, ich weiß, was ich weiß.

ein milchweißer splitter.

daran hatte ich zu schlucken. ich starrte meinen freund an, der mir langsam die luft abdrückte. ich wäre am liebsten vor ihm im boden versunken.

– tot? ist das dein ernst?, keuchte ich.

– bin ich ein lügner?, fragte mein kollege. – schau mich an! ich würde dich nicht anlügen. ich will dich nur warnen. glaube mir, ich will ehrlich sein. es ist gefährlich, zu viele fragen zu stellen. versuche doch weiter so zu leben, wie bisher. mach dir nicht so viele gedanken.

– alles um mich herum verändert sich und da soll ich weiter einfach so vor mich hin leben? das kann ich nicht.

– bis jetzt habe ich dich eigentlich wegen deiner sorglosigkeit bewundert, stellte er fest und ließ endlich meinen kragen los. ich stolperte einen schritt zurück, rang nach atem. er senkte den kopf.- lass gut sein, sagte er, das leben ist mehr.

er lud mich auf ein bier ein, begierig nahm ich an. aber es war nichts mehr aus ihm herauszubekommen. wir redeten über alltägliches. in dieser nacht war ich bei einem mädchen, einer bekannten meines freundes, die er zufällig in der pilsbar traf. sie machte es mir ganz einfach, ihr ging es wie mir. sie war ein ordentlicher fick, aber es war heiß. ich verschwitzte mich dabei und mein körper dünstete faulig aus. selbst nach einer dusche fühlte ich mich noch schmutzig. den rest der nacht lagen wir beide schlaflos nebeneinander. die hitze ließ auch in den morgenstunden trotz weit geöffneter fenster nicht nach.

WORTgeklingel.

so kann man sich irren. keine nation wird sich die finger zweimal verbrennen. der trick des rattenfängers von hameln verfängt nur einmal.

ich atme. noch atme ich sieh mich atmen! die luft schmeckt bitter, sie ist endlich kälter geworden. ich bin müde, mein kopf wendet sich zuckend von selbst halb zur seite, auch nach oben, ich beherrsche ihn nicht mehr.

ich atme. noch atme ich. höre mich atmen! meine finger vergraben sich in meinen handflächen zur faust, reißen blutig: ahab. mit dem WORT tropft hass in mein hirn. er erscheint als schweiß auf meiner zerfurchten stirn. ich habe kein morgen mehr. das gestern ist vergessen. das ewige heute bedeutet schaumige qual, die mir den blick für das wahre verklebt.

ich atme. noch atme ich. fühle mich atmen! mein schweiß tränt auf das papier, erbricht sich als sprachlosigkeit, formt sich zu worten, die nichtig sind.

sinnloses WORTgeklingel. das schreibe ich. es wird zeit zu schweigen. ich möchte endlich schlafen lernen.

nach wochen ist es mir wieder in die hände gefallen: mein schwarzes heft. ich sollte doch noch etwas hineinschreiben, zu einem ende kommen. denn ich weiß etwas wichtiges, das ich vergessen hatte. ich bitte einen, der das liest, die folgenden zeilen nicht auszulassen. ein paar wenige wird es geben, die lesen. einer wird in diese wohnung ziehen, in ein paar monaten vielleicht, wenn der herbst kommt und alles vorbei ist. dann wird er dieses schwarze heft neben meinen kleinen cassetten auf dem wohnzimmertisch liegen sehen. vielleicht liest er alles, bevor er es aus angst vernichtet.

inzwischen ist nichts geschehen. in der wirklichkeit passiert nie etwas. die veränderungen merken wir erst, wenn es zu spät ist. ich habe die arbeit nicht wieder aufgenommen und genau so weitergelebt, wie ich es oben beschrieben habe. nun ist mein konto erschöpft. ich bin noch immer nicht hinter die geheimnisse gekommen, aber ich habe sie inzwischen durchschaut. das WORT ist laut auf den straßen zu hören, man schreit es mir hinterher. doch bedeutung des WORTES ist mir inzwischen gleichgültig geworden. mir ist das egal, ehrlich. auch mein telefon läutet nicht mehr. vielleicht ist ganz kaputt, aber das glaube ich nicht. mein verfolger hat es einfach nicht mehr nötig. inzwischen geht er wie ein freund neben mir her, erzählt mir seine geschichten und lässt mich an seinen lebensweisheiten teilnehmen. wenigstens brauche ich nun keine angst mehr vor ihm zu haben. man hat nur angst vor dingen, die man nicht kennt. ich weiß nicht, wie lange ich schon nicht mehr geschlafen habe. der schlaf ist mittlerweile in den bereich der legende gerückt. manchmal gaukelt mir mein fiebriges hirn visionen von der zukunft und träume vor. vielen geht es wie mir, ich sehe es an den schweißiggrauen gesichtern, denen ich begegne. sie leben in der nacht und verdämmern in ihren wohnungen hinter herabgelassenen jalosien den hitzewallenden tag. alle arbeit liegt darnieder, die stadt ist tagsüber wie ausgestorben. es ist sinnlos, dass die ampeln noch funktionieren. die lebensmittelläden sind ausgeplündert, die anderen werden immer frecher, es wird zeit, dass einer kommt, ihnen das maul zu stopfen.

aber ich wollte von dem wichtigen schreiben. mir ist etwas eingefallen. das ist der sinn meiner täglichen selbstbefriedigung: ich war einmal bei meinen großeltern im dorf zu besuch. ich war vielleicht zehn, oder jünger, älter bestimmt nicht. ich frage mich, warum ich mich noch so gut daran erinnern kann, ich habe wenige eindrücke von meiner kindheit behalten und habe alles, was vor meinem, sagen wir mal, vierzehnten lebensjahr lag, vergessen. ich habe mit dem kind, das ich einmal war, nichts mehr gemein. es war ein dummes, fettes und eingebildetes kind. ich habe, bevor die kopfschmerzen zu stark wurden, in einem buch gelesen, jeder würde sich nach seiner kindheit sehnen. das ist grotesk falsch. ich war froh, älter zu werden, nie mehr möchte ich ein kind sein.

warum erinnere ich mich also, wenn ich wichse und mich über kurz lebendig fühle?

ich war bei meinen großeltern im dorf. ich sah einer magd beim melken zu. ich erinnere mich genau an ihre hände, sie waren fett und knubblig. sie ähnelten den zitzen, an denen sie mit festem griff zogen. der helle milchstrahl spritzte in regelmäßigen intervallen in den blechernen eimer, manchmal, wenn ich nicht genau hinsah, hatte ich den irritierenden eindruck, die milch käme aus den fingern dieser frau. der gedanke gefiel mir, das weiß ich noch ganz genau. die magd hatte eine schürze an. sie saß breitbeinig auf dem melkschemel. ihre fleischigen knie waren sehenswert und imposant, mit ihnen konnten die knie, die ich bisher kennengelernt hatte, nicht konkurrieren. ich stand, aus einem spiel gerissen, nahe bei der kuh und starrte auf die mächtigen schenkel dieser frau. ich hätte ihre haut dort gerne betatscht, nicht aus frühreifen gefühlen, sondern weil mich ihre beschaffenheit interessierte. die schenkel schienen wie ein mit milch gefüllter beutel, dessen hülle mit einem dünnen geäst bläulicher linien verkrakelt war.

dann die folgende situation: sie nahm mich wahr. mit einer lässigen handbewegung spritzte sie scherzhaft mit einer zitze in meine richtung. sie lachte hell, als mich der warme milchschaum ins gesicht traf. ich fand nichts witzig. feuerrote scham brannte auf meinen backen. tränen der wut füllten meine augen. ungerechtigkeit. hilflos, machtlos. kind. sie bemerkte alles. dann sagte sie ernst, und diesen satz kann ich nicht vergessen, ich flüchte zurück zu ihm, wenn ich onaniere. sie sagte:

– so ist das, kleiner. beschissen nicht? sie klatschen es dir ins gesicht und du kannst nichts machen. vergiss es einfach, kleiner.

genau so sagte sie es, mit diesen worten. ich wiederhole, sie sagte es wortwörtlich. es ist seltsam, aber ich habe es wirklich nie vergessen.

ich habe eben zum fenster hinausgesehen, es ist noch immer leer dort unten. bald geht die sonne unter. dann werde ich gehen, den neuen mann hören. IHN.

nein, noch bin ich nicht fertig, noch habe ich nicht alles gesagt.ein paar sätze weiß ich noch, zum beispiel diesen: ich werde sterben.

ich muss ihn erklären. ich werde sterben, weil ich es will. allein das ist entscheidend. wenn ich nicht sterben wollte, würde ich es nicht tun. es gibt alternativen. ich kann die leichen übersehen. so einfach ist das, das habe ich erkannt. man stirbt nicht einfach so. man kann einfach so leben, das geht, das mache ich bisher ja jeden tag, aber es macht mir keinen spaß mehr. gibt es überhaupt etwas langweiligeres.

das ist die reihenfolge, die mir am anfang fehlte, nun kann ich beenden, womit ich begann. erst war langeweile, dann unwohlsein, dann angst, gewöhnung an die angst und wieder nur langeweile, ein teufelskreis. nur einen ausweg gibt es, einen letzten. er löst alle fragen und rätsel und als einziger macht er sinn. es ist der tod. ich werde sterben. was interessiert mich noch das WORT? es ist auch nur wieder etwas neues, das eigentlich etwas altes ist. es hat bereits meinen vater zerstört, und den vater vor ihm. nur klang es damals anders. sie waren selbst schuld. ich werde ihre fehler nicht wiederholen. ich habe lang gebraucht, bis ich erkannt habe, wie alt das WORT ist. es hat mich nicht wirklich überrascht. es war zwangsläufig. damit ging die angst und die langeweile kehrte wieder.

ich werde wohl aus langeweile sterben. ich werde gehen, IHN hören, aufbegehren und sterben, bevor sich das alte wiederholt. ich will das nicht erleben, das nicht. ich werde gehen, diese tür hinter mir schließen, nicht absperren, das macht keinen sinn. aber ordnung muss sein. das sagt auch ER.

der krug wurde lange genug zum brunnen geschleppt.

crisis – Eine Erzählung (2)

der nächste tag traf mich. müde von der endlosen nacht, vom wirren lesen und schreiben, war ich wehrlos gegen seine spitze. zu beginn war er wie die anderen tage, der telefonanruf, das onanieren, der geschmack. die milch meiner tage. nur der kopfschmerz war stärker. am abend hatte ich wieder eine verabredung mit einem mädchen, wie immer.

die straßen waren voll, es war sonntag und die leute hatten kein ziel. ich irrte zwischen ihnen, mein diktaphon griffbereit. doch niemand sprach mich an. endlich fiel mir auf, dass ich verfolgt wurde. ich war natürlich daran gewöhnt –  schließlich ist in der stadt jeder hinter jedem her. die komplizierten muster der wege kreuzen sich. es gibt öffentliche gesichter, denen ich jeden tag begegnete. doch dies war nicht mehr die laune eines zufalls. ich war mir sicher: ich spürte einen verfolger. wenn ich mich halb wendete, um einen schnellen blick nach hinten zu werfen, verbarg sich mein schatten zwar, tauchte vorsichtig in einen hauseingang, aber er war immer den kurzen moment zu langsam, zu halbherzig, als wolle er gesehen, jeder zweifel ausgeräumt werden. langsam bekam ich einen eindruck von meinem verfolger. er war groß. ich meinte, ihn lächeln zu sehen, wenn er sich verbarg. ich beschleunigte meinen schritt etwas, erreichte eine haltestelle der u-bahn, ging vorsichtig die wenigen stufen hinab und vorsichtig an den besudelten fliesen vorbei. ich erschrak wie jedesmal, als sich die rolltreppe unter meinen füßen rumpelnd in bewegung setzte. es war ein leiser moment, ein zusammenzucken des unterleibs, ein kurzes gefühl der unsicherheit. meine linke sackte voll genugtuung auf das gummiband, das mit den stufen hinabglitt. jetzt krallten böen in mein haar, blähten mein hemd, kühlten den schweiß meiner haut. gleichzeitig wurden die fahrgeräusche einer bahn laut. der bahnsteig flackerte in der neonstimmung. ich ging ein paar schritte weiter, verharrte unschlüssig, sah mich skeptisch um. wenn ich schnell war und auf der anderen seite wieder herausrannte, konnte ich den verfolger vielleicht abhängen. dennoch blieb ich stehen, denn ich fühlte mich geborgen unter den riesigen zigarettenrauchern. das geräusch eines kurzen, wohlüberlegten fußtritts hallte an mein ohr. eine leere bierflasche.  mein verfolger war nicht so leicht abzuschütteln. ich sah hinüber zum anderen bahnsteig. dort stand im schatten die hohe, zynische gestalt. sie bewegte sich nicht, wartete. ich floh, rannte atemlos hinaus aus dem haltestellenschlauch, hinein in die hitze, die wie eine wand in der straße stand, lief im dauerlauf den weg, den ich eigentlich hatte fahren wollen. ich flüchtete mich in die normalität des cafés, in dem ich mit meinem mädchen verabredet war.

immer und immer wieder trafen wir uns in einem café. unser leben spielte sich in einem café ab, nur dort waren wir eins. in diesem zumindest war die einrichtung teuer.

ich erzählte ihr hastig von meiner begegnung mit dem alten, ohne auf meine mutmaßungen wegen des WORTES oder meinen verfolger einzugehen. sie schien mir nicht dafür geeignet.

– was wollte er?

– wenn ich das wüsste! ich nehme mal an, er hatte zuviel getrunken. sein freund hermann hat probleme und die musste er einfach beim nächstbesten loswerden. mich wundert, dass er keinen betrunkenen eindruck machte.

– vielleicht hatte er einen schaden. – das mädchen tippte mit dem zeigefinger gegen die stirn. in diesem augenblick sah sie roh aus, primitiv. sie war niemand, dem ich erzählen konnte. sie war nur ein fick. das war allerdings genug, ihre dummheit zu übersehen und am ball zu bleiben.

– ich setz‘ mich mal. hallo!

der mann wirkte auf den ersten blick reich, auf den zweiten wie ein zuhälter. bevor ich abwinken konnte, nickte das mädchen. ich sah mich schnell um. nicht alle tische waren besetzt, an einigen saßen frauen, die auf einen märchenprinzen warteten. der mann ließ sich seufzend zwischen uns beiden auf der bank nieder, rückte aber, erstaunlich genug, näher an mich. das gespräch versiegte, aufmerksam musterte ich ihn. er war klein, stämmig, hatte nichts mit meinem verfolger gemein. doch ich hatte noch eine weitere idee, heimlich schaltete ich deshalb mein diktafon ein.

– leskoff. sie sind leskoff. – der mann starrte mich erstaunt an.

– ich heiße karl heller. kennen wir uns? sie müssen mich verwechseln.

– ja. ich dachte nur, sie könnten leskoff sein.

das mädchen kniff ein auge zusammen, legte den kopf schief. sie schien an meinem geisteszustand zu zweifeln.es folgte ein munteres gespräch.

(ich lege die cassette dem heft bei. sie zeigt, wie belanglos, wie naiv unsere gespräche noch waren. wir sprachen über fahrschulen. ich war eifrig dabei.)

vision. – es war mein erster blick in die zukunft und er dauerte nur ein paar sekunden, länger nicht. da bin ich mir sicher, denn in meiner tonbandaufzeichnung ist meine geistige abwesenheit nicht zu bemerken. es war kein traum. war eine vision.

durch hellers sonnenbrille fällt ein lichtstrahl. er ist von dunklen flecken gemasert und schwimmt wie eine hitzeschliere über heißem beton. ich betrachte ihn und höre sein sinken, das regen von leben weit dort unten. der milchige strahl war eben gebündelt, jetzt zerfasert er. er erhellt kaum das dunkel um mich. ich warte. etwas wird geschehen, jetzt, oder doch später, es dehnt sich.

da: die bewegung ist unterbrochen, eine tastende hand gleitet in meinen blick. das könnte meine hand sein, aber sie ist so bleich.von der decke löst sich ein tropfen, quälend langsam stürzt er herab, wie öl in wasser kämpft er sich durch das licht, sich in sich drehend, wendend. dann trifft er die hand. gleichzeitig zerplatzt sie aus sich heraus. alles wird besudelt. ich ekle mich, schließe die augen. das licht verwandelt sich in einen glassplitter, er bohrt sich in meinen kopf, spaltet mein hirn.

– also, die fahrschule ziegler ist billiger und der service ansprechend, sagte heller.

– dafür habe ich beim streng meinen führerschein in einem monat, sagte das mädchen.

– ach? sagte ich.

ich erschrak und sah mich um. dieser tag war anders. es war früh am morgen. ich spürte es, draußen war es bewölkt und kühl. ich lag in einem fremden zimmer in einem fremden bett. die einrichtung war karg, gefängnishaft, aber nicht abweisend. vielleicht war das ein zimmer in einer billigen pension. noch etwas hatte sich verändert. erst nach einer weile wusste ich, was. ich hatte keine kopfschmerzen. ich stand auf, sah zurück. das bett war leer. das passte nicht ins bild. das mädchen hätte drin liegen sollen. ich horchte, vielleicht machte sie frühstück. ich war hungrig und hatte keinen schlechten geschmack im mund. stille lag vor mir, zum greifen nah. ich blickte an mir herab. ich war nackt, meine kleidung lag auf dem boden verstreut. es war nur meine kleidung, glaube ich. ich öffnete einen schrank. muffiger, abgestandener geruch trat aus den leeren fächern. das ist wohl ein hotel, dachte ich, ich hatte recht. wenn ich mich nur erinnern könnte, wie ich hier her gekommen bin. ich zog mich eilig an, trat aus dem schlafzimmer un  erwartete, in einen hotelflur zu gelangen. stattdessen stand ich in einer küche. auch sie war leer, ausgeräumt wie eine musterwohnung, ein unbewohntes appartement. der blick aus dem fenster zeigte die fassade eines miethauses. auf der straße fuhr kein auto, es waren auch keine fußgänger zu entdecken. nervös werdend begann ich zu suchen. es gab noch ein bad und ein wohnzimmer, dazwischen einen kurzen gang. auch hier fand ich keine anzeichen von bewohnung. auf dem wohnzimmertisch lagen zwei briefe. ihre umschläge waren hastig geöffnet, aufgerissen, die absender nicht leserlich. die adresse auf beiden briefen lautete: andreas wert, haffnerweg 12.

wie kam ich in den haffnerweg? der war am anderen ende der stadt. war der eigentümer ausgezogen? hatte er die briefe zufällig vergessen? ich sah mich schuldbewusst um, blöde. natürlich las ich die briefe. der erste war maschinengeschrieben, fehlerlos und fast amtlich.

– wenn du glaubst, ich würde darauf hereinfallen, dann hast du dich geirrt. ich kenne dich und ich weiß, du lässt keinen trick aus, mich zu betrügen. und weil ich dich kenne, würde ich auch nie auf dich hereinfallen. wenn helga dir vertraut, ist das ihre sache. aber mit mir geht das nicht. helga kannst du übrigens wieder haben, wenn du sie noch willst. sie interessiert mich nicht mehr. weißt du, sie ist so ein simples gemüt. meinst du, sie kann mich auf dauer interessieren? unsinn. ich habe gleich gemerkt, wie angelernt ihr geschwätz ist. sie war bei dir in der lehre, nicht wahr? hast sie gleich ins theater geschleppt. gleich am ersten tag war mir das klar. so dumm bin ich nicht. selten habe ich so starr auswendig gelernte meinungen gehört. du kannst dich sicher erinnern, denn es sind deine worte: es war eben wieder der versuch, romantisch, aber noch unfertig, da kann was draus werden, aber es braucht noch zeit. der ganze quatsch. sie hatte die volle palette. es war nur nicht ihre eigene. auch im bett war sie einfallslos. da musst du mir schon mehr bieten. sobald ich etwas gebracht habe, hieß es: du, ich mag das nicht. du, ich bin heute müde. du bist nicht zärtlich genug.

nimm sie wieder, ich gebe sie dir gern zurück.

ich habe dich überschätzt. aus ärger ziehst du diese nummer mit mir durch. ich kann es nicht glauben. bin ich denn ein narr?

die unterschrift war sehr schwungvoll, aber unleserlich. unter p.s. stand:

– wir sehen uns am wochenende. bring monica mit. stefan.

den zweiten brief hatte eine frau geschrieben. ihre schrift war zierlich und übertrieben rund, manchmal war die tinte von einem flüchtigen handrücken verschmiert.

– lieber andreas,

es mit hermann aus. egal, das war nichts. ich habe nur länger als du gebraucht, um es zu bemerken. deshalb schreibe dir ich nicht. ich könnte dich anrufen, aber ich sende dir lieber einen brief, der ist irgendwie anonymer und ich traue mich. weißt du, wie viele wochen es her ist? du wirst es kaum glauben: acht! ich bin gut, nicht wahr? ich glaube, wenn alle meine willensstärke hätten, gäbe es keine probleme mehr. acht wochen, das ist eine kleine ewigkeit. vollziehe das einmal nach: jeden tag in die arbeit gehen, abends ein bisschen spaß haben und in der nacht an die decke starren. irgendwann ist dann der punkt erreicht, an dem du deine augenringe nicht mehr mit makeup verdecken kannst. ich habe ihn längst überschritten. ich bin am ende. acht wochen ohne schlaf, liegen und warten. das kannst du nicht verstehen. du hast es gut, denn dich hat es noch nicht so erwischt. bei männern dauert es länger. außerdem: du hast ES ja. ich weiß deine einwände, du hast auch recht. niemand darf es erfahren und ich habe bis jetzt auch geschwiegen. glaube mir, ich habe niemandem etwas erzählt. aber, versteh mich doch, wenn ich nicht bald wieder schlafen kann, bin ich vielleicht zu nervös und verplappere mich. glaube mir, ich will es nicht und das ist auch keine erpressung, ehrlich, das ist eine bitte. ich bin verzweifelt. besorge mir ES zum schlafen. sonst weiß ich nicht, wozu ich fähig bin.

keine unterschrift, das war alles. ich lehnte mich in dem sessel zurück, in den ich mich zum lesen gesetzt hatte, überlegte.

besorge mir ES zum schlafen.

rauschgift.

erpressung.

mir fiel das WORT wieder ein. hier hatte ich nichts mehr verloren. ich warf die briefe auf den tisch. es war zeit, zu gehen. die wohnungstür war nur angelehnt. ich stieg die treppe hinab, trat ins freie. die straße war noch immer leer. niemand außer mir lief den bürgersteig hinab. es fuhren keine autos. eine ampelanlage schaltete sinnloserweise auf rot. hatten sich denn alle in luft aufgelöst? ich ging die straße hinunter. eine uhr schlug, ich zählte mit. es war neun uhr morgens. aber welcher tag war heute? ich gelangte zur hauptstraße, den hohenzollerndamm. hier erwartete mich das gleiche bild. leere, aber aufgeräumt und sauber. die autos waren ordentlich geparkt. das einzige lebewesen schien ich zu sein, nicht einmal insekten gab es. auch keinen wind, keine gerüche, kein geräusch. nur meine schritte hallten. mein atem keuchte. die stille war tief, erschreckend. ich begann zu laufen, zum markt, in die richard-wagner-straße, leer, leer, leer. – endlich, völlig außer atem, erreichte ich mein haus. ich stürzte hinein, ließ die tür hinter mir zuschnappen, schloss fürsorglich zweimal ab. lange lehnte ich gegen das holz der tür, rang um luft und starrte in den hausflur. dann stieg ich hinauf in meine wohnung. ich war müde. nur mit mühe schaffte ich es in mein bett, meine kleidung ließ ich an. ich schlief sofort ein.

und ein splitter spaltet mein hirn. ein tropfen missachtet die schwerkraft und klatscht zurück gegen die decke.

– aber der ziegler ist doch der bessere lehrer. er ist nicht arrogant. er weiß, worauf es ankommt. ich kann von seinem service nur schwärmen, sagte heller neben mir.

ich nickte, stimmte ihm begeistert zu:- da haben sie recht. ich habe schon viel gutes gehört. und er kennt alle prüfer. – die hitze überfiel mich hinterrücks. hatte ich nicht eben noch gefroren, deshalb eine decke über mich gezogen? ich spürte den schweiß, der meinen rücken nässte. heller drehte sich halb sich zu mir, etwas überrascht, wie mir schien. er hatte bislang mit dem mädchen gesprochen.

– nicht wahr? und was meinst du, claudia?

er wusste schon ihren namen. wann hatte sie ihm den verraten? oder kannte er sie schon länger? war, was ich für zufall hielt, eine absichtliche verabredung? ich beschloss, vorsichtig zu sein. – aufmerksam widmete sich heller dem mädchen. er war auf dem besten weg, sie mir auszuspannen. jetzt kümmerte es mich nicht mehr. es war mir gleichgültig. fast hätte ich ihm das gesagt.

– ich schenke sie dir, hätte ich gesagt und fühlte ein dejavu. gelangweilt sah ich mich um. neben uns saßen zwei junge männer, einer der beiden hatte eine glatze und war geschminkt. sie unterhielten sich lautstark. sie machten ein wenig den eindruck, als würden sie ein absurdes theaterstück proben. ich konnte mich zu ihnen lehnen und lauschen, ohne von ihnen bemerkt zu werden. leider sind nur ein paar fetzen ihres gespräches auf meiner cassette. hellers stimme war zu laut.

– wir haben keine legenden und keine helden. das ist alles mist. was interessieren uns goethe oder dostojewskij, was stuckkard-barre oder hollebeqc, die sind längst tot. wir sind die jungen. wir sind am anfang, punkt null. wir erfinden uns die welt neu. sie ist unser. wie sie früher war, interessiert uns nicht. das haben wir vergessen, ganz und gar. wir sind der sturm, der den gestank vor sich herjagt, jubelte der geschminkte.

– red nicht so geschwollen.

– wir sind die jugend. wir machen schluss mit allem. wir stehen nicht am ende unserer tage, sondern erst am anfang. und ein neues leben verlangt auch eine neue sprache.

– das ist aber eine alte.

 -du verstehst nicht. in mir ist nichts altes. wir haben keine vorbilder in der sprache, ich spreche so, wie ich als neuer mensch sprechen muss. klar? so soll die jugend sein, stark und schön, es darf nichts schwaches und zärtliches an ihr sein, das freie, herrliche raubtier muss wieder aus ihren augen blitzen. so können wir das neue schaffen. das sage wir alle tage. für uns ist alles religion. was wir tun, das leisten wir nicht nur mit unseren händen und hirnen, sondern mit unseren herzen und unserer seele.

– willst du eine ehrliche antwort?

– ja, natürlich. bist du politiker?

– gut. ich kapier‘ nichts. und ich will das auch nicht verstehen. mir graut vor deinen worten.

– du bist der depp. ich glaube manchmal, dein blut ist nicht gesund. sprache ist auch, vor allem, klang, ein sauberes empfinden, der ausdruck der seele eines volkes, wie musik, weißt du. sie berührt dich. kennst du denn ordinäre musik?

– ja.

– lenk jetzt nicht ab! ich lasse mir von dir nicht meine beweisführung kaputtmachen. ich bin die zukunft. ein wille muss uns beherrschen, eine einheit müssen wir bilden, eine disziplin muss uns zusammenschließen; ein gehorsam, eine unterordnung muss uns alle erfüllen.

– wir gehen. du wirst uns ja wohl nicht vermissen.

das kam von meinem tisch. heller und das mädchen standen bereits. sie hatten sich an den händen gefasst, heller grinste anzüglich.

– ich habe für sie bezahlt, sagte er.

– für das mädchen?, fragte ich erstaunt.

– für das bier, erwiderte er und wusste nicht, ob er wütend werden sollte.

– ich wünsch euch einen schönen abend. – ich winkte abgelenkt und drehte mich wieder zu den beiden männern. aber ihr gespräch hatte inzwischen ein völlig anderes thema. plötzlich unterhielten sich die beiden über eine frau und darüber, ob sie einen bh trug. hier gab es nichts mehr für mich zu hören. ich stellte mein diktafon aus.

ich hielt die tür des cafés scharf im auge, nahm die bewegungen im gastraum kaum mehr wahr. deshalb war ich erstaunt, als sich jemand zu mir an den tisch setzte, genau auf den platz, den eben heller besetzt gehalten hatte, direkt neben mir, eng an mich gedrückt. der mann war nicht groß und er betrachtete mich aufmerksam und freundlich. nichts an ihm war zynisch, sein lächeln durchaus interessiert, sein neugieriger blick allerdings nicht zurückhaltend. er nickte mir zu, suchte einen unverfänglichen gesprächsbeginn.

– bist du oft hier?, fragte er, sich noch näher zu mir lehnend.

– oft. manchmal regelmäßig, antwortete ich zögernd, aber ich habe mir die regel nicht zur regel gemacht.

er senkte den blick: – macht es dir spaß? ich meine, leute zu beobachten.

– ja, sicher, erwiderte ich und sah zu den beiden männern am nebentisch, dadurch ist vieles einfacher.

ich machte eine bedeutungsschwangere pause.

– warum rufst du mich immer an?, fragte ich. ich wollte ihn überraschen, für einen kurzen moment schien ihn die frage auch zu verblüffen. hatte ich wirklich ins schwarze getroffen?

– weißt du das denn nicht? -er spitzte vorwurfsvoll die lippen. – ich hatte geglaubt, du würdest es wissen. ich hätte mich doch nicht zu dir gesetzt, wenn… seltsam, so ein fehler ist mir noch nie unterlaufen. du bist so anders. egal, jetzt sitze ich hier. was willst du wissen?

– sie haben meine frage noch nicht beantwortet, beharrte ich.

nicht? ich dachte, doch. du solltest besser zuhören. ach, ich weiß auch nicht. lass dir mal eine geschichte erzählen, wenn ich mehr zeit habe. erinnere mich daran. das wirst du tun, ja? – ich wusste keine entgegnung, blieb stumm. – sei vorsichtig!, flüsterte er mir zu, stand auf, sah noch einmal aufmerksam zu mir herab. er war doch großgewachsen. dann nahm er sein pils und ging, als wäre es das selbstverständlichste auf der welt, mit seinem glas in die toilette.

als sich mein erstaunen gelegt hatte, ging ich dem mann nach. eine tür führte vom klo über eine schmale treppe ins freie, in einen schmutzigen hinterhof. den anrufer, wenn er es tatsächlich gewesen war, vermochte ich nicht mehr zu finden. der himmel war wolkenlos. die hitze stand hier wie eine wand. was sollte ich tun, wohin gehen? wo sollte ich mir später die schlaflose nacht vertreiben? mir war, als müsse ich mich an etwas erinnern, aber es war so fern und verschwommen wie ein traum.- mein blick fiel auf ein garagentor vor mir. dort las ich das WORT, es war mit roter farbe auf die mauer gesprüht, in großen, deutlichen lettern. das WORT klang banal und obszön zugleich. das WORT gab es. hier stand es.

[Zum Schluss —>]

 

crisis – Eine Erzählung (1)

Diese nicht ganz einfache Geschichte ist aktueller denn je. Sie beschreibt das Wiedererstarken der faschistischen und nationalsozialistischen Kräfte in einer gleichgültigen, nur am Konsum interessierten Gesellschaft – unserer eigenen Gesellschaft. Obwohl sie bereits vor vielen Jahren geschrieben wurde, ist sie so aktuell wie nie.

Ich warne nachdrücklich: crisis ist weder leicht zu lesen, noch vollkommen jugendfrei.

crisis

durch sommerhitze dürstete der bock, zum wassertrinken stieg er in den tiefen grund. doch als er getrunken und sich gesättigt hatte und nicht wieder heraussteigen konnte, empfand er tiefe reue, und er suchte nach einem helfer. so erblickte ihn der fuchs und rief ihn an:

du dummkopf, wenn du so viel verstand besäßest, wie du in deinem bart haare hast, so wärst du nicht hinabgestiegen, bevor du den rückweg erkundet.“

mein versuch, die ereignisse in die richtige reihenfolge zu bringen, scheitert.

ich will verständnis, wo ich keines erwarten darf. ich weiß nicht einmal, von wem ich verständnis erwarte. dennoch habe ich mir in einem zeitschriftenladen ein heft gekauft. es hat einen schwarzen einband, dazu rotes buchbinderleinen, din a5, kariert. der kauf war ein bewusster anfang. damit wollte ich beginnen, etwas neues setzen wie die überschrift: crisis. sie war schnell gedacht und geschrieben, der verknitterte zettel mit der alten fabel daruntergeklebt. dann saß ich, wartete bis zum abend. nichts geschah. ich schloss mein heft, warf es zur seite, war besiegt. – erneut hatte ich begonnen, um zu scheitern. und doch war es ein nachmittag, der hoffnung machte, weil er anders war als die anderen. ich tat etwas. ich wartete. während ich gelangweilt in gartenlokalen und cafés saß, mein „savoir vivre“ genoss, geschah nichts. sogar das schwül-heiße wetter hatte sich der gleichförmigkeit ergeben. selten las ich, hielt müßig ausschau. dies war ein urlaub von allen verpflichtungen und dem job -zwei wochen im juli, bevor ich wieder in die tretmühle zurückkehrte.

aber ich irrte mich: obwohl die tage wie ein milchiger, amorpher brei über mich hinweg glitten, änderte sich etwas. dinge geschahen: telefonanrufe, begegnungen. ich brauchte lange, bis ich erkannte, was sich tat, im ganzen acht oder neun tage. dann spürte ich endlich die veränderung, fand aber keinen namen für sie. ich fand keine worte, sie zu beschreiben, dazu war sie zu neu. plötzlich wurde mir klar: ich hatte vor dieser veränderung angst. sie war in mir versteckt.

dinge geschahen: ich war wach, aber nicht vollkommen in der wirklichkeit, herausgezerrt aus einem lebhaften traum, den ich einen augenblick später vergessen hatte. ich saß aufrecht im bett und hielt die augen geschlossen. noch hoffte ich, in meinen traum zurückzufinden. das kaputte telefon auf dem nachtkästchen scharrte kurz und angestrengt. resignierend sah ich auf. durch die verdreckten fenster und die zusammengezogenen vorhänge wirkte der morgen trübe. ich wusste, wie sehr der eindruck täuschte, auch dieser tag würde wieder heiß werden.verbrauchte luft stand im zimmer, sie stank nach alkohol und kaltem zigarettenrauch; gerüche, die meine kleidung über nacht ausgedünstet hatte. ich atmete von mir selbst angewidert durch den mund, sah zum telefon. es war mein feind. schon wähnte ich mich sicher, aber da scharrte es erneut, diesmal waren sogar die metallenen ansätze eines klingeln zu erahnen. der apparat gab sich mühe. ich zählte langsam bis zehn, dann hob ich bedächtig ab, führte den hörer zum ohr. mein atem ging schneller. ich keuchte, ich räusperte mich. dem anderen schien das zu genügen. was ich hörte, waren geräusche, dich nicht nicht einordnen konnte, dahinter ein milchhelles rauschen, das mich an etwas erinnerte, das ich vergessen wollte.

ich darf es als einziges nicht vergessen.

die worte kannte ich schon. ich konnte sie auswendig mitflüstern. und wieder gelang es mir nicht, als erster aufzulegen. ich musste rauh mein dummes – ja? flüstern, – hallo? hinzufügen, angestrengt auf die von sattem knacken unterbrochene stille lauschen. obwohl sich diese anrufe häuften, hatte ich noch keine routine oder taktik entwickelt, ihnen zu begegnen. sie ließen mich jedesmal aufs neue mit der selben fassungslosigkeit zurück.

dinge geschahen. reumütig kehrte ich zu dem schwarzen heft heim. ich begann gehetzte sätze aneinander zu reihen, erzählte von dem leben, das keines mehr war, von den menschen, die ich traf, von den träumen, die mich plagten und die ich so schnell wieder vergaß. ich schrieb von dem verfolger. ich machte den versuch, meine angst zu fassen, der veränderung einen namen zu geben. zeit war zur genüge vorhanden, sie hatte längst ihre macht verloren, lag wie eine schwere, alles erstickende decke auf der stadt. ich meine, ich schlief nachts nicht, auch wegen der schwüle, die die stadt drückte. auch schlief ich nicht, weil ich den begegnungen mit anderen menschen seit kurzem mehr gewicht zumaß. ich dachte über diese begegnungen nach. sie waren wertvoller geworden. – so kann ich aber die angst nicht erklären. das war sie nicht. alles um mich herum veränderte sich. davor fürchtete ich mich. die furcht lag tief. ich spürte sie instinktiv wie ein gejagtes tier, in meinem bau zusammengekauert, hilflos. ergeben.

noch mal: zu anfang konnte ich nicht sagen, was sich änderte. die tage liefen gleichförmig, träge. ich stand spät auf, immer erst zwischen zehn und zwölf uhr, da ich allein in den morgenstunden schlaf fand, in wirre träume tauchte. meist weckte mich das scharren meines telefons. beim erwachen war ich bereits von der hereindringenden hitze verschwitzt, mein schädel war voller schmerzen, ich hatte sodbrennen und einen widerwärtigen geschmack im mund. mit der zahnbürste war er nicht zu überdecken. erst am abend gewöhnte ich mich an ihn, da steckte er gemeinsam mit dem kopfschmerz zurück, verschwand aber nie vollkommen. er lauerte wie eine erinnerung an einen bösen traum, wie ein menetekel weit hinten in meinem kopf. am nächsten morgen kehrte er mit stärke zurück, wie eine schlechte angewohnheit. es lag immer der selbe geschmack nach verwesendem fleisch, erde und moder auf meiner zunge, ein geschmack, der auch roch. ich aß daher wenig, scharfgewürztes, das die fäulnis im mund kurz überdeckte. manchmal hatte ich den eindruck, dass nicht ich, sondern die stadt stank. dann ging es mir besser. mittags onanierte ich, noch bevor ich aufstand. ich machte das aus gewohnheit, es war eine reinigung wie das anschließende waschen im bad, ein hygienischer, mechanischer akt ohne freude. die erinnerung an ein milchweißes knie half mir beim erguss. im schatten der wohnung verborgen wartete ich bis zum abend, bis das pünktlich einsetzende gewitter ein wenig kühle herabgeregnet hatte. dann ging ich aus. ich setzte mich in ein gartenlokal, hielt ein buch in der hand, in dem ich nicht las. ich behandelte meine schmerzen und den üblen geschmack mit hochprozentigem und bier. nach dem dunkelwerden folgte auf den staubigen, hitzestarren gassen und plätzen, in lokalen und diskotheken das spiel: der versuch, bei einem mädchen unterzukommen, in ihrem bett, da meines mit vollgewichsten taschentüchern verklebt war. selten war ich erfolgreich und der heimweg war immer lang.- acht oder neun tage vergingen so, sagte ich. jeder tag war wie der andere. ich dachte, es würde immer so bleiben. es dauerte lang, bis ich aufmerksam wurde. ich hatte angst und alles veränderte sich.

ich schreibe in mein heft über die veränderung:

ich kann mich erinnern. ich saß am spätnachmittag in einem café. auf der suche nach dem entscheidenden augenkontakt war ich systematisch mein revier abgegangen. – einsamkeit lässt sich in gesellschaft leichter tragen. habe ich gehört. aber vor langeweile schützt sie nicht. ich hatte mich zu einem mädchen gesetzt und begann meine tour. sie hatte ebenso sehnsüchtig auf mich gewartet, wie ich gerade sie gesucht hatte. wir sprachen über die hitze, den streik, den gestank der stadt, ihr sternzeichen, über uns selbst am wenigsten. wir wogen unsere seelen.

das WORT fiel, ich hörte es vom nebentisch. das WORT gelangte an mein dankbares ohr, schälte sich kristallklar aus den geräuschen der umgebung. seinen zusammenhang konnte ich nicht hören. daher lehnte ich mich vorsichtig zurück. das WORT hatte mich neugierig gemacht, es passte nicht hierher. mein mädchen lächelte, sagte etwas, aber ich hörte ihr nicht zu. sie beugte sich vor, ihre lippen öffneten sich, ihre erbeerfarbene zungenspitze tauchte in den milchschaum ihres cappucinos. dabei sah sie mir in die augen. das konnte sie ziemlich gut, sie wirkte natürlich und erotisch, auch wenn ich mir sicher war, die szene schon in einem film gesehen zu haben. auf jeden fall machte dieser moment alles klar. schon jetzt hätte ich ihr meine frage stellen können. aber da blieb noch das WORT. ich brauchte gewissheit. deshalb zwinkerte ich ihr verbindlich zu, lächelte zurück und lauschte weiter zum nebentisch. mit einem schnellen blick vergewisserte ich mich: da saßen zwei männer in meinem alter, elegant und für das wetter zu warm gekleidet. mit den mir eigenen vorurteilen schätzte ich sie als bankangestellte ein, kleine nummern hinter dem schalter, falken auf dem sprung, die waffenruhe des feierabends teilend.

– hast du überhaupt noch etwas anderes zu tun? fragte der eine.

– das geld ist entscheidend. komm, du weißt es doch auch. an jedem sonnabend gibt es etwas neues. und ich bin freundlich. schließlich sind wir verwandt.

– klar. ich würde mich trotzdem nicht so verkaufen. nie! ich habe noch ein wenig selbstwertgefühl.

– mir doch egal, ob das legal ist. jeder tag ist ein neuer tod. aber du kannst ja reden. weißt du noch …

es war zeit, mich um mein mädchen zu kümmern. außerdem war dieses gespräch anders, nicht geeignet für das WORT. hatte ich mich getäuscht, war es von einem anderen tisch gekommen? ich sah mich um. das café war fast leer. in der ecke saß ein türke vor seinem tee, las in einer rosafarbenen zeitung. ein kellner döste gelangweilt, gegen die theke gelehnt, schreckte durch meinen suchenden blick dienerhaft in die höhe. ich schüttelte den kopf. sein gesicht wurde wieder maskenhaft und desinteressiert. das mädchen sagte etwas. ich sah sie verständnislos an, hatte sie verloren. sie lachte, aber sie klang beleidigt. ich musste ihr das gefühl geben, der mittelpunkt zu sein. sie brauchte meine aufmerksamkeit. sie war wichtig, das sollte ich ihr beweisen. deswegen war sie mit mir zusammen. das wollte sie von mir hören. das sollte ich ihr geben. ich erzählte schnell ein gerücht, das ihr schmeichelte. darüber verdrängte ich das WORT, aber vergessen konnte ich es nicht mehr.

war sie es, die ich später am badesee fickte? ich weiß es nicht mehr. oder war das eine andere, die ich am brunnen kennenlernte?

aber das weiß ich noch: in der nacht auf dem heimweg, nahe bei meiner wohnung, hatte die erste seltsame begegnung.

ich hörte ein fettes, schleimiges husten und sah mich um. gelber auswurf klatschte neben mir auf das pflaster. er glänzte milchig im schein der straßenlaterne. ein alter mann stand neben mir, wischte den mund mit dem handrücken ab. seine kleidung war verwahrlost, schmutzig, aber sein zum boden gerichteter blick viel zu gerade, um der eines säufers zu sein. er nickte beschwichtigend.

– was glaubst du? warum hat hermann das getan? fragte er.

– er war zu müde, um noch klar zu denken, antwortete ich. – ich kann zu jedem thema etwas sagen, das zumindest intelligent klingt, auch wenn ich nichts verstehe. ich bin ein poet. der alte nickte erneut, erleichtert. er antwortete, aber er sah mich nicht an.

– mag sein. schon möglich. aber das gibt ihm doch keinen grund.

– hatte er denn eine wahl?

– später nicht mehr. aber er hätte gleich zu anfang …

– als ob er da schon wusste, was ihm blüht, mutmaßte ich aufs geradewohl. das sinnfreie gespräch begann mir freude zu bereiten.

– du hast recht. natürlich nicht. aber ahnen hätte es ruhig können. ein fehler war´s allemal.

– ja, er war zu unvorsichtig.

– ich hab es hermann oft gesagt. erst vor einer woche haben wir uns darüber unterhalten. da habe ich ihm gesagt: hermann, der leskoff versteht keinen spaß. wenn es nicht funktioniert, dann bist du allein schuld. nur du. du kennst den iselmayer, der lacht dich aus. der geht zum leskoff und hängt alles an die große glocke. das habe ich zu ihm gesagt. er wollte nicht hören. taub und blind war er.

– er ist selbst schuld. aber jetzt mal im ernst, weißt du, warum er das getan hat? ich meine, er hat ja schon ein großes geheimnis darum gemacht.

– nicht wahr? aber ich weiß es nicht genau. -er beugte sich vor. ein neugieriger, abschätzender blick traf mich, den er aber sofort wieder zum boden richtete.

– aber ich habe einen verdacht. du kennst leskoff …

– wer kennt ihn nicht?

– klar, wer kennt ihn nicht. der hat mehr dreck am kleinen finger …, er zwinkerte mir zu, legte dabei die hand auf den mund.

– du meinst …, sagte ich ins leere, wollte ihn ermuntern. – worauf wollte er hinaus? für einen kurzen moment hatte ich das verunsichernde gefühl, dass der alte durchaus wusste, mit wem er redete.

– ja, das ist doch eindeutig! es ist …

– ja? fragte ich zu begierig. der mann trat eine schritt zurück. erschrocken wirkte er, verwirrt. sein gesicht war schweißig.

– du … bist hier von den anderen, sagte er unsicher.

ich beschwichtigte ihn sofort. die wendung, die das gespräch nahm, gefiel mir nicht.

– ach, nein, spinnst du? sehe ich denn so aus? verteidigte ich mich. wovon sprach er eigentlich? musste ich angst vor ihm haben?

– das hat nichts zu sagen, zögerte er. – unsinn, es hat. natürlich hat es. du hast mich beinahe dazu gebracht, das WORT zu sagen.

– das wort?

das WORT, das konnte nicht sein. das WORT! ich versuchte ihn an der schulter zu fassen, er wich weiter zurück.

– sag es mir, forderte ich, sofort!

er duckte sich, tauchte unter meinen händen. rannte schwankend ein stück, dann blieb er unsicher stehen.

– versuch es nicht, rief er mir zu, denk an hermann! mach nicht seine fehler. – er wand sich endgültig ab, lief in eine seitenstraße.

damals hätte mir schon alles klar sein sollen. aber ich war nur mit mir selbst beschäftigt. das alles war zu unwirklich, um bedeutung in meinem leben zu haben. neugierig war ich, ja. interessiert. da ließ sich etwas draus machen. damit konnte ich als autor etwas anfangen.

in dieser nacht entschloss ich mich, ein diktafon zu kaufen. ab jetzt würde ich meine gespräche mit den anderen aufzeichnen. das konnte interessant sein und ein beweis, dass es das WORT wirklich gab. – diese kleinen cassetten, die hier neben mir liegen, sind der beweis geworden. ich bin nicht verrückt.

so schreibe ich. ich nähere mich schreibend. ich nähere mich dem WORT, nähre mich. ich speise aus dem brunnen. sie opfern schlaf, um philosophie zu lernen. drei, vier offene bücher, fragen, antworten, die wie fragen schmecken, WORTgeklingel. so schreibe ich und nähre mich. je größer die werke eines menschen für die zukunft sind, die neue erziehung kehrt diese ordnung geradezu um, die materialistische lehre von der veränderung der umstände und der erziehung vergisst,dass die umstände von den menschen verändert und der erzieher selbst erzogen werden muss, um so weniger vermag sie die gegenwart zu erfassen, um so schwerer ist auch der kampf und um so seltener der erfolg,

bisher lebte in der mehrheit allein das fleisch, die materie, die natur, durch die neue erziehung soll in der mehrheit, ja gar bald in der allheit, allein der geist leben und dieselbe treiben, sie muss dahier die gesellschaft in zwei teile, von denen der eine über ihr erhaben ist, sondieren, blüht er aber dennoch in jahrhunderten EINEM, dann kann ihn vielleicht in seinen späten tagen schon ein leiser schimmer des kommenden ruhmes umstrahlen, der feste und gewisse geist,

hydria tam diu ad fontem portatur, donec vel tandem frangatur.

das zusammenfallen des änderns der umstände und der menschlichen tätigkeit oder selbstveränderung kann nur als revolutionäre praxis gefasst und rationell verstanden werden, freilich sind die großen nur die marathonläufer der geschichte, der lorbeerkranz der gegenwart berührt nur mehr die schläfen des sterbenden helden, dass ihr mich gefunden habt, das sage ich tausendmal, ein gespenst, sieg, macht, wille, werden, es ist ein böses ding, wenn man den brunnen dann erst gräbt, wenn schon den schlund der durst ergriffen hat.

so schreibe ich WORTgeklingel und nähre mich. sie opfern schlaf, um philosophie zu lernen. man sollte im gegenteil philosophie studieren, um schlafen zu lernen.

[Zum 2. Teil —>]

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