Aber ein Traum …

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„Aber ein Traum“ und die Doppelgänger – Eine Abhängigkeit von Hoffmann

 

»Mein Feind fiel auf den Rücken und keuchte. Das war der erste Laut, der unser bis dahin stummes Ringen unterbrach. Die Situation weiter ausnutzend, setzte ich mich auf ihn und rang ihn nieder. Ich fasste seine Handgelenke, brachte dabei meinen Mund ganz nah an sein Ohr. Etwas war falsch und ich wusste gleichzeitig, was es war. Ich rang nicht mit einem Zwillingsbruder, den gab es gar nicht – ich rang hier mit mir selbst, mit einer Kopie meines Ich. Der böse Zwilling war nur eine Konstruktion.«

aus: Nikolaus Klammer, Aber ein Traum, Kapitel Zwei

»Ich stand auf, aber kaum war ich ei­ni­ge Schrit­te fort, als, aus dem Ge­büsch her­vor­rau­schend, ein Mensch auf mei­nen Rü­cken sprang und mich mit den Armen um­hals­te. Ver­ge­bens ver­such­te ich, ihn ab­zu­schüt­teln – ich warf mich nie­der, ich drück­te mich hin­ter­rücks an die Bäume, alles um­sonst. Der Mensch ki­cher­te und lach­te höh­nisch; da brach der Mond hell­leuch­tend durch die schwar­zen Tan­nen, und das to­ten­blei­che, gräß­li­che Ge­sicht des Mönchs – des ver­meint­li­chen Me­dar­dus, des Dop­pelt­gän­gers, starr­te mich an mit dem gräß­li­chen Blick, wie von dem Wagen her­auf. – »Hi … hi … hi … Brü­der­lein … Brü­der­lein, immer, immer bin ich bei dir … lasse dich nicht … lasse … dich nicht …«

aus: E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, 2. Teil

Die Ähnlichkeit der beiden Textausschnitte ist frappierend. Sie ist ein Beweis dafür, wie sich Lektüren über Jahrzehnte hinweg in einem Erinnerungskeller des Gedächtnisses ablagern, zu dem nur das Unbewusste und vielleicht der Traum den Schlüssel haben. Dies ist eine durchaus beängstigende Untertunnelung meines heutigen Ichs, die durch die Jahre und die Zwiebelschalen meiner Person bis tief in die Vergangenheit zurückreicht. Ich fühle mich dabei wie eine Marionette, die keinen eigenen Willen hat, sondern von unsichtbaren Fäden gezogen wird; von einem „Ich“, das in mir ist, das ich aber nicht kenne, einem Doppeltgänger in mir selbst.

Als ich „Aber ein Traum“ vor ein paar Jahren zu schreiben begann, lag meine Hoffmannlektüre lange zurück. Die Elixiere des Teufels (1) hatte ich im Alter von 16 Jahren gleich nach dem Kater Murr (2) gelesen. Das war wie eine Erlösung, besser: wie eine Initiation. Das vor düsterer Romantik und gothischem Horror triefende Werk um den entlaufenen Mönch Medardus aber inzwischen vollkommen vergessen. Umso größer war meine Überraschung, als ich beim Wiederlesen der Elixiere in dieser Woche auf die oben erwähnte Stelle stieß, auf einen Doppeltgänger meines eigenen Textes.

Ich wusste zwar noch, dass dort eines der beliebtesten Themen der Romantik, nämlich das des bösen Zwillings, behandelt wird, das ich ja mit den Brüdern Alban und Ruben Waldescher ebenfalls in den Mittelpunkt meines Romans „Aber ein Traum“ gestellt hatte. Ich glaubte allerdings, ich hätte E. A. Poes Varianten dieses Themas mehr zu verdanken, in erster Linie den Erzählungen „William Wilson“ und „Der Mann in der Menge“(3).  Auch R. L. Stevensons Dr. Jeckyll und Mr. Hyde lagen mir näher; schließlich auch „Dorian Gray“ von Oskar Wilde oder Franz Kafka, der dafür gesorgt hat, dass dieses von ihm in allen seinen Romanen benutzte Motiv seinen Weg in die Moderne fand und auch heute noch vor allem von SF- und Fantasy-Autoren (Androiden und Gestaltwandler) fröhlich benutzt wird.

Die Unsicherheit unserer modernen Existenz, das dünne Eis, auf dem wir uns tagtäglich bewegen, der Fremde, der uns aus dem Spiegel entgegen blickt, diese digitalisierte, ‚entfremdete‘ Welt, in der wir nur noch ein Teil einer Statistik sind, in der jede Empfindung und jeder Gedanke in jedem Augenblick tausendmal gespürt und gedacht werden – in ihr ist das Bild des Doppelgängers, der uns unserer nur eingebildeten Einzigartigkeit brutal beraubt, modern und zeitgemäß.

»Es war Wilson; aber seine Sprache war kein Flüstern mehr, und ich hätte mir einbilden können, ich selber sei es, der da sagte: “Du hast gesiegt, und ich unterliege. Dennoch, von nun an bist auch du tot – tot für die Welt, den Himmel und die Hoffnung! In mir lebtest du – und nun ich sterbe, sieh hier im Bilde, das dein eigenes ist, wie du dich selbst ermordet hast.”«

aus: E.A. Poe, William Wilson

»Dann trifft mich das heiße Licht, schneidet sich in einer Explosion aus Pein in meinen Unterleib wie in weiche Butter, durchdringt ihn mühelos. Es hinterlässt rasende Schmerzen tief unten im Rücken, Schmerzen, die mich schreien machen. Den Schrei kann ich nicht hören. Ich kippe nach hinten, schließe im Fallen die Augen. Hier bin ich tot.«

aus: Nikolaus Klammer, Aber ein Traum, Epilog

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(1) E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels. Neben dem höchst amüsanten und bedauerlicherweise unvollendeten Kater Murr sind die düsteren Elixiere der einzige Roman des vielseitigen Genies, das auch malte und – heutzutage leider fast vergessen – ein bedeutender Komponist war. Seine Klaviersonaten, seine Sinfonie und seine Opern (z. B. Undine) kann man heute wie ‚missing links‘ zwischen Mozart und Beethoven hören. Es gibt einige wenige Aufnahmen dieser Musik, meist jedoch von zweitrangigen Ensembles. Zu empfehlen ist der Jahreszeit angemessen sein wunderbares Misere b-moll (z. B. zusammen mit der Es-Dur-Sinfonie), die durchaus neben dem berühmten Requiem von Mozart bestehen kann, dem Hoffmann in tiefer Verehrung den ‚Amadeus‘ entliehen hat.

(2) E.T.A. Hoffmann, „Lebensansichten des Katers Murr, nebst fragmentarischer Biografie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“ Den auch heute noch oft gelesenen und beliebten Roman gibt es in erstaunlich vielen, teilweise wundervoll illustrierten Ausgaben, als Hörbuch und freilich auch als kostenloses E-Book bei den üblichen Verdächtigen. Schon der sperrige Titel weist auf das Ziel hin, die Erziehungsromane der Aufklärung und die schmalzigen Liebesromane der Romantiker im Dunstkreis um die Brüder Schlegel zu persiflieren, aber es enthält mit den Kreisler-Abschnitten auch eine versteckte Autobiografie des Autors selbst. Und es ist eine Lektüre, die noch nie jemand bereut hat …

(3) Der eher unbekannte „Mann in der Menge“ ist neben „Das verräterische Herz“ die beste kurze Geschichte von Poe. Hier verfolgt der Erzähler einen Tag und eine Nacht lang unerkannt einen Mann in der Menge, der ihm aufgefallen ist. Dabei stellt er fest, dass jener von ihm Observierte, der ihm wie eine Verkörperung des Verbrechens erscheint, keine Heimat hat, sondern sich nur dort aufhält, wo er in Menschenmengen untertauchen kann. Der Erzähler und der ‚Massenmensch‘ – ich glaube, es ist das erste Mal, dass dieser Begriff in der Literatur auftaucht – sind Doppelgänger, eben Teil einer Masse, der sie nicht entkommen können.

Wochenlese 18.11. – 24.11.13

Mein Feind fiel auf den Rücken und keuchte. Das war der erste Laut, der unser bis zu diesem Augenblick stummes Ringen unterbrach. Ich nutzte meine Chance, setzte ich mich auf ihn und rang seinen Oberkörper endgültig nieder, meine Finger umklammerten seine Handgelenke und ich brachte meinen Mund ganz nah an sein Ohr.
Etwas war falsch und ich wusste gleichzeitig, was es war: Ich rang nicht mehr mit einem Zwillingsbruder, den gab es gar nicht. Ich konnte die vor Wut verzerrte Fratze meines Feindes im Schlaglicht eines verirrten Mondstrahls sehen. Ich kämpfte mit mir selbst. Der böse Zwilling war nur eine Konstruktion.

aus: Nikolaus Klammer, Aber ein Traum, Kapitel 1

Ich stand auf, aber kaum war ich ei­ni­ge Schrit­te fort, als, aus dem Ge­büsch her­vor­rau­schend, ein Mensch auf mei­nen Rü­cken sprang und mich mit den Armen um­hals­te. Ver­ge­bens ver­such­te ich, ihn ab­zu­schüt­teln – ich warf mich nie­der, ich drück­te mich hin­ter­rücks an die Bäume, alles um­sonst. Der Mensch ki­cher­te und lach­te höh­nisch; da brach der Mond hell­leuch­tend durch die schwar­zen Tan­nen, und das to­ten­blei­che, gräß­li­che Ge­sicht des Mönchs – des ver­meint­li­chen Me­dar­dus, des Dop­pelt­gän­gers, starr­te mich an mit dem gräß­li­chen Blick, wie von dem Wagen her­auf. – »Hi… hi… hi… Brü­der­lein… Brü­der­lein, immer, immer bin ich bei dir… lasse dich nicht… lasse… dich nicht… «

aus: E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, 2. Teil

Die Ähnlichkeit der beiden Textausschnitte ist frappierend. Sie ist ein Beweis dafür, wie sich Lektüren über Jahrzehnte hinweg in einem Erinnerungskeller des Gedächnisses ablagern, zu dem nur das Unbewusste und vielleicht der Traum Zugriff haben. Es ist eine beängstigende Untertunnelung meines heutigen Ichs, die durch die Jahre und die Zwiebelschalen meiner Person bis tief in die Vergangenheit zurückreicht und mich wie eine Marionette fühlen lässt, die keinen eigenen Willen hat, sondern von unsichtbaren Fäden gezogen wird; von einem „Ich“, das in mir ist, das ich aber nicht kenne, einem Doppelgänger in mir selbst.

Als ich „Aber ein Traum“ vor ein paar Jahren zu schreiben begann, lag meine Hoffmannlektüre lange zurück. Die Elixiere des Teufels (1) hatte ich im Alter von 16 Jahren gleich nach dem wie eine Erlösung empfunden Kater Murr (2) gelesen; das vor düsterer Romantik triefende Werk um den entlaufenen Mönch Medardus aber inzwischen vergessen. Umso größer war meine Überraschung, als ich beim Wiederlesen der Elixiere in dieser Woche auf die oben erwähnte Stelle stieß, einen Doppelgänger meines Textes.

Ich wusste zwar, dass dort eines der beliebtesten Themen der Romantik, das des bösen Zwillings, behandelt wird, das ich ja ebenfalls in den Mittelpunkt meines Romans gestellt hatte. Ich glaubte aber, ichhätte E. A. Poes Varianten des Themas mehr zu verdanken, in erster Linie den Erzählungen „William Wilson“ und „Der Mann in der Menge“(3).  Auch R. L. Stevensons Dr. Jeckyll und Mr. Hyde lagen mir näher; schließlich auch „Dorian Gray“ von Oskar Wilde oder Franz Kafka, der dafür gesorgt hat, dass dieses von ihm in allen seinen Romanen benutzte Motiv seinen Weg in die Moderne fand und auch heute noch vor allem von SF-Autoren (Androiden) fröhlich benutzt wird.

Die Unsicherheit unserer modernen Existenz, das dünne Eis, auf dem wir uns tagtäglich bewegen, der Fremde, der uns aus dem Spiegel entgegen blickt, einer digitalisierten, ‚entfremdeten‘ Welt, in der wir nur noch ein Teil einer Statistik sind, in der jede Empfindung und jeder Gedanke in jedem Augenblick tausendmal gespürt und gedacht wird, ist das Bild des Doppelgängers, der uns unsere nur eingebildete Einzigartigkeit brutal raubt, modern und zeitgemäß.

ElixiereErnst Theodor Amadeus Hoffmann
Die Elixiere des Teufels

Es war Wilson; aber seine Sprache war kein Flüstern mehr, und ich hätte mir einbilden können, ich selber sei es, der da sagte: “Du hast gesiegt, und ich unterliege. Dennoch, von nun an bist auch du tot – tot für die Welt, den Himmel und die Hoffnung! In mir lebtest du – und nun ich sterbe, sieh hier im Bilde, das dein eigenes ist, wie du dich selbst ermordet hast.”

aus: E.A. Poe, William Wilson

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(1) E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels. Neben dem höchst amüsanten und unvollendeten Kater Murr sind die düsteren Elixiere der einzige Roman des vielseitigen Genies, das auch malte und – heutzutage leider fast vergessen – ein bedeutender Komponist war. Seine Klaviersonaten, seine Sinfonie und seine Opern (z. B. Undine) kann man heute wie ‚missing links‘ zwischen Mozart und Beethoven hören. Es gibt einige wenige Aufnahmen dieser Musik, meist jedoch von zweitrangigen Esembles. Zu empfehlen ist der Jahreszeit angemessen sein Misere b-moll (z. B. zusammen mit der Es-Dur-Sinfonie als mp3-download bei amazon), die durchaus neben dem berühmten Requiem von Mozart bestehen kann, dem Hoffmann in tiefer Verehrung den ‚Amadeus‘ entliehen hat.

(2) E.T.A. Hoffmann, „Lebensansichten des Katers Murr, nebst fragmentarischer Biografie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“ Den auch heute noch oft gelesenen und beliebten Roman gibt es in erstaunlich vielen, teilweise wundervoll illustrierten Ausgaben, als Hörbuch und freilich auch als kostenloses E-Book bei den üblichen Verdächtigen. Schon der sperrige Titel weist auf das Ziel hin, die Erziehungsromane der Aufklärung und die schmalzigen Liebesromane der Romantiker um die Brüder Schlegel zu persiflieren, aber es enthält mit den Kreisler-Abschnitten auch eine versteckte Autobiografie des Autors. Es ist eine Lektüre, die noch nie jemand bereut hat…

(3) Der eher unbekannte „Mann in der Menge“ ist neben „Das verräterische Herz“ die beste kurze Geschichte von Poe. Hier verfolgt der Erzähler einen Tag und eine Nacht lang unerkannt einen Mann in der Menge, der ihm aufgefallen ist. Dabei stellt er fest, dass jener von ihm Observierte, der ihm wie eine Verkörperung des Verbrechens erscheint, keine Heimat hat, sondern sich nur dort aufhält, wo er in Menschenmengen untertauchen kann. Der Erzähler und der ‚Massenmensch‘ – ich glaube, es ist das erste Mal, dass dieser Begriff in der Literatur auftaucht – sind Doppelgänger, eben Teil der Masse, der sie nicht entkommen können.

Wochenlese 15. Juli – 21. Juli 2013

Ist nicht die Musik die geheimnisvolle Sprache eines fernen Geisterreichs, deren wunderbare Akzente in unserem Innern widerklingen, und ein höheres, intensives Leben erwecken? Alle Leidenschaften kämpfen schimmernd und glanzvoll gerüstet miteinander, und gehen unter in einer unaussprechlichen Sehnsucht, die unsere Brust erfüllt. Dies ist die unnennbare Wirkung der Instrumentalmusik.“

E.T.A. Hoffmann, Der Dichter und der Komponist

sommerkonzert1Gestern abend fand im Fronhof zu Augsburg ein Freilichtkonzert mit dem Orchester SUK-Symphony Prag unter der Leitung von Wilhelm F. Walz, dem Konzertmeister der Augsburger Philharmoniker, statt. Der Solist an der Klarinette war Sebastian Manz. Unter dem Motto „Mozart und die Romantik“ erklangen im Park vor der Rokokokulisse der ehemaligen Bischofsresidenz – heute Sitz der schwäbischen Regierung – Werke von Mozart, Weber und Beethoven. Es war eine traumhaft schöne Veranstaltung, bei der das eher ältere Publikum auf exzentrisch verteilten und wackligen Plastikstühlen sitzen musste, deren Eintrittspreis angesichts des Gebotenen etwas überteuert war.

Das gerade bei den Bläsern schwachbrüstige und auch nicht vollkommen treffsichere Orchester litt vor allem bei der nach der Pause dargebotenen 5. Beethoven’schen Sinfonie (c-moll, op. 67) an Asthma, das konnte auch der Dirigent nicht ausgleichen, der teilweise wie eine Holzmarionette aus der Augsburger Puppenkiste vergeblich zu Fülle und Leidenschaft motivierend herumhampelte. Davor gab es eine in den Ecksätzen arg verschleppte 39. Sinfonie von Wolfgang Mozart (Es-Dur, KV 543) und das 2. Klarinettenkonzert op. 74 von Carl Maria von Weber in der gleichen Tonart. Hier konnte – Fluch oder Segen eines Freiluftkonzertes – eine von der romantischen Musik beseelte Amsel in der nahen Buche mühelos und ausdauernd mit dem Solisten mithalten und stellenweise sogar das Orchester übertönen.

Ein Orchester leidet.

Ein Orchester leidet.

Nun, dass Webers Klarinettenwerk ein über jeden Verdacht erhabenes romantisches ist und Mozarts spätem Konzert für das gleiche Soloinstrument (A-Dur, KV 622) einiges verdankt, steht ohne Zweifel fest, aber was – außer einer Laune des Konzertmeisters – hatte die Schicksalssinfonie im Programm verloren, die als klassischer Monolith das Orchester, das das Werk keinen Augenblick im Griff hatte, überforderte? Denn romantisch ist das genialische Stück in keinem Augenblick, obwohl es die nachfolgenden Komponistengenerationen bis hin zu Gustav Mahler nachhaltig beeinflusst hat.

Zwar stellte E.T.A. Hoffmann 1810 in einer Kritik für die Allgemeine musikalische Zeitung das zunächst erfolglose Werk als ein „romantisches“ dar, aber das ist eine typische Vereinnahmung des 19. Jahrhunderts, das auch – ich schrieb in meinem Minne-Essay darüber – das Mittelalter höchst romantisch fand: Es ist die Wirklichkeitsflucht des Bürgers in eine Fantasiewelt.

Es wäre sinnvoller gewesen, nach der Pause, in der sich auch die kecke Amsel zur Nachtruhe begeben hatte, etwas intimeres, der traumhaft klaren und milden Sommernacht angemesseneres Werk zu spielen. Wenn es schon unbedingt Beethoven sein musste, dann vielleicht die Serenade D-Dur op. 8 für Kammerorchester, die noch ganz nah an Haydn und Mozart ist.

Und wenn es ein größeres Orchesterwerk benötigte, um den anerkennenden Schlussapplaus zu verstärken, warum dann nicht Mut zeigen und die auch in der Tonart passende Es-Dur-Sinfonie vom bereits zweimal erwähnten E.T.A. Hoffmann spielen? Sie erklingt eher selten auf den Konzertbühnen, ist aber exakt jener Baustein, der im Musikgebäude genau zwischen Mozart und Beethoven auf der einen, Weber und Schumann auf der anderen Seite passt. Hoffmann, der bekanntermaßen aus Bewunderung ein ‚Amadeus‘ im Vornamen führte, wird als Musiker noch immer unterschätzt, obwohl er zahlreiche Opern, Ballette und viel Kammermusik geschrieben hat, mit seinem wundervollen „Miserere b-moll“ sogar ein Kirchenwerk.

Ihm in einer Sommernacht zwischen Klassik und Romantik zu lauschen, hätte den Abend perfekt gemacht. So hinterließ das Konzert einen leicht schalen Geschmack, den das Ehepaar Klammerle rasch in einem nahen Biergarten herunterschluckte…

sommerkonzert3

Ein vom Autor selbst gepflücktes und liebevoll konserviertes Efeublatt vom Grabe Hoffmanns.

Und damit ich auch heute eine literarische Empfehlung abgebe: Lesen Sie die Erzählung „Ritter Gluck“.

Regt nicht in der Höchsten Einfachheit der tiefe Genius seine kräftigen Schwingen? Wer aber lässt auch nicht gern den Reichtum, der ihm zu Gebote steht, vor allen Augen glänzen und ist zufrieden mit dem Beifall des einzelnen Kenners, dem auch ohne Prunk das Gediegene das Liebste oder vielmehr das einzig Liebe ist?“

E.T.A. Hoffmann, Beethovens Messe

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