Aber ein Traum …

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Donnerstag, 10.10.19 Inspirationen und Wahres Lügen

Donnerstag, 10.10.19

I. Ein Künstlerschicksal

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ Kaltnadel/Ätzradierung 1972

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“
Kaltnadel/Ätzradierung 1974

Diese Radierung von Dieter Kühn (bitte nicht mit dem leider kürzlich verstorbenen und von mir sehr geschätzten Autor gleichen Namens verwechseln) mit dem etwas sperrigen Titel „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ hängt in meiner Wohnküche und war eine der Inspirationen für den Roman „Aber ein Traum“.

Der wirklich nicht allzu bekannte Künstler Kühn war in den Siebzigern der Freund meiner älteren Schwester M. und er hatte mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen, die ihn schließlich in den Suizid trieben. Als sich meine Schwester wegen seiner psychotischen und sogar ihr Leben bedrohenden Schübe von ihm trennte, vernichtete sie in ihrer Wohnung systematisch alle Erinnerungsstücke an ihn und zerstörte dabei Fotos, Gemälde, beeindruckende surrealistische Bleistift- und Tuschezeichungen und auch Texte, Verse und Briefe des Malers. Allein diese Radierung überlebte die verzweifelte Auslöschung ihrer ersten großen Liebe, weil sie sie zufällig als Hintergrund-Passepartout für ein Poster von Jimi Hendrix benutzt und dort vergessen hatte. Irgendwann in den Achzigern gelangte dann das Bild in meinen Besitz und seitdem begleitet es mich. Ich begegne ihm an fast jedem Tag.

Das Motiv ist natürlich im Zeitkontext zu sehen: Sartre, Camus, Dali – man beachte die Brillen –  Surrealismus, Existenzialismus, Black Soul, die frühen Pink Floyd, LSD, die Heideggersche „Geworfenheit des Menschen“ und freier Sex. Wer das Plattencover von Isaak Hayes‘ „Black Moses“ kennt, weiß auch, warum ihm das  Männergesicht (auf der Radierung übrigens seitenverkehrt und leicht verändert, so dass es tatsächlich nach dem Maler selbst aussieht) so bekannt vorkommt. Aus der Kapuze von Hayes Hoody ist eine Art Haare/Federn/Taubenkopf-Kappe geworden. Die Frau daneben, die gemeinsam mit dem Künstler in die ungewisse und im nachhinein betrachtet, kurze Zukunft sieht, ist übrigens meine Schwester. Auf ihrer Stirn, die wie die vertrocknete und aufgeplatzte Erdkruste wirkt, beobachten uns zwei Katzenaugen. Damit ist sie gut beschrieben. Die Schemen im verwaschenen Hintergrund sollen wahrscheinlich ebenfalls die beiden darstellen – geworfene, dem Schicksal ausgelieferte Figuren wie in einem „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel.

Mir erzählte dieses Bild eine ganz andere Geschichte: Alban Waldescher (der in meinem Roman wie der Mann auf dem Bild aussieht) und Lina Brunswick habe ich direkt aus der Radierung gefischt. Seit einigen Jahren sehe ich nicht mehr meine Schwester und Dieter Kühn, sondern meine beiden Figuren in dem Bild.

II. Traumorte

Sovana1Hier im Hohen Dom der Ortschaft hatte ihr Schöpfer jedoch ganze Arbeit geleistet. Nachdem sich meine Augen an den dunklen Raum gewöhnt hatten, erschien mir der Dom als Archetyp, als die Kirche schlechthin. Der Kirchenbau wirkte wie die eklektische Zusammenschau aller Kirchen, die ich bisher gesehen hatte. Es war die platonische Idee einer Kirche. Mein Bildhauerherz jubelte bei diesem Anblick.

Ich denke, mein hilfsbedürftiger Gott, den ich weiterhin stützte, hatte diesen heiligen Raum eben erst erschaffen, indem er aus seinem oder meinem Gedächtnis das Bild eines Kircheninterieurs formte und dabei vor allem katholische Vorstellungen verwirklichte. Ich weiß, es klingt verrückt, aber genau diesen Eindruck hatte ich, als ich in dem erstaunlich kühlen Raum auf der ausgetretenen Grabplatte eines einstmals Mächtigen stand, die würzige Luft schnupperte und meine Augen über Emporen und barocke Seitenaltäre und bemalter Wände voller Bibeldarstellungen und Heiligenlegenden ähnlich denen der Assisimaler glitt. Ein buntglasiges, rundes Fenster hinter mir in der Höhe über dem Eingang warf feuchte Lichtflecke auf die speckigglatten Marmorfliesen, die schwärzlichen Beichtstühle und eine Kanzel. Vor ihr stand ein meisterliches romanisches Taufbecken, das von auf den ersten Blick irritierenden, allegorischen Darstellungen der Evangelisten getragen wurde. An den filigranen, wie Weizenbündel empor drängenden Säulen hingen nachgedunkelte Gemälde aus einer späteren Epoche. Sie waren voller dynamischer Bewegung, auf denen Heilige in allen Graden der Verzückung den Himmel schauten. Der Flügelaltar hinten am Ende des Hauptschiffs war rein gotisches Schnitzwerk, das sich von seiner breiten, die ganze Apsis überspannenden Basis in unglaubliche Höhen hinauf wand, flankiert von der ganzen göttlichen Armee an Aposteln, Heiligen und himmlischen Heerscharen, Engeln, Erzengeln, Seraphen und Cherubinen und all den Heldengestalten, die die katholische Glückseligkeit aufzubieten hat.

Nur eine Darstellung fand ich bei meiner oberflächlichen Untersuchung des Kirchenschiffs überraschenderweise nicht: Es gab nichts Eschatologisches hier, nichts Dämonisches, Blutiges, nur die positiven Seiten des Glaubens waren zu sehen: Ich fand keinen Engelssturz, keinen Luzifer, kein jüngstes Gericht mit der so beliebten Darstellung der Höllenqualen, nicht einmal eine Kreuzigungsszene, keine Pieta, keinen von Pfeilen durchbohrten Michael, kein abgeschlagenes Märtyerhaupt; alles war ins Glückliche, Helle gewendet, die Sünde und ihre unappetitlichen Folgen komplett ausgeklammert. Das imposante Gemälde auf dem Hochaltar zeigte auf einem Flügel Jesu’ Geburt, auf dem anderen die Bergpredigt, dazwischen hockte der Heiland als Pantokrator, ein abgeklärter, strahlender Herrscher blickte milde auf die vergänglichen Dinge.

Waldescher-widderBei dieser Gelegenheit fiel mir noch eine andere Seltsamkeit auf, die ich vorher übersehen hatte: Auf dem Stützpfeiler des Taufbeckens waren nicht wie ich erst vermutet hatte vier, sondern fünf Evangelisten in der schlichten kindlichen Einfalt der frühen Romanik dargestellt: neben Mensch, Stier, Löwe und Adler, deren Vielzahl an Flügelnmiteinander zu einem kunstvollen Ornament verwoben waren, fand ich noch eine weitere Tiergestalt, jedoch mit einem menschlichen Antlitz: Sie sollte wahrscheinlich einen Ziegenbock darstellen, der keine Flügel, aber einen Fischschwanz um seinen Körper gewunden hatte. Noch erstaunlicher war jedoch der Eindruck, dass eben jene mit mächtigen nach innen geschwungenen Hörnern ausgestattete satyrhafteund heidnische Wasserspeiergestalt, die sich da klammheimlich unter die Apostel geschlichen hatte, trotz der schlichten Ausführung unverkennbar die Züge des Mannes trug, den ich neben mir im Arm hielt.

Auszug aus dem 4. Kapitel „Aber ein Traum“

In „Aber ein Traum“ verliert sich immer wieder das, was wir euphemistisch als Realität kennzeichnen. Die Handlungsorte, in die sich die Protagonisten verlaufen, sind Traum-, Wunsch-, auch Anderswelten, die vielleicht zwischen der Wirklichkeit angesiedelt sind, vielleicht davor oder danach, vielleicht darüber oder daneben. Stabilität, Zeit und Räumlichkeit erscheinen als lächerliches Wunschdenken, ein verzweifeltes Festhalten an einer Konvention, auf deren Ebene allein eine zwischenmenschliche Interaktion möglich ist.

Wie unzulänglich diese Form des Begegnens oft ist, sehe ich in den täglichen ärgerlichen Missverständnissen, die ich auch mit Menschen habe, die mir sehr nah sind, oder in der Tatsache bestätigt, wie häufig mir jemand begegnet, dessen Augen ihm ein grotesk anderes Bild von der Welt übermitteln – dessen Lebensäußerungen ich vollkommen verständnislos gegenüber stehe. Als würde dieser Mensch aus einer anderen Zeit oder einem anderen Universum stammen.

Dsovana2ie überschätzte gemeinsame Sprache ist ein chimärenhaftes Konstrukt voller Fehlinterpretationen und Fettnäpfchen. Sie schadet oft mehr, als sie nutzt. Wenn ich schon fassungslos vor den Lebensäußerungen meiner Zeitgenossen stehe, um wieviel ferner sind mir dann erst die unübersehbare Masse der Toten, die diesen kurzen Gang durch die Realität vor mir durchschritten.

Doch ab und an finde ich eine Heimkehr, betrete eine alte Kirche, die manchmal wie in einer Botanisiertrommel die Seelen der längst Vergangenen bewahrte und ihre Spiritualität atmet: In den Kunstwerken, den Mauern, dem Licht…

Ein solcher Ort ist der romanische Duomo von Sovana in der südlichen Maremma, dessen Anfänge im 8. Jahrhundert liegen und der, da der Ort – inzwischen ein Museeumsdorf vor der Renaissance aufgegeben wurde, nie gotisch oder barock modernisiert wurde. Dass Sovana inmitten einer etruskischen Nekropole liegt, ist wahrscheinlich kein Zufall.

Hier fand ich einen der Traumorte des Romans „Aber ein Traum“.

III. Die Musik zum Buch

apppoeLiest man den Titel des Romans „Aber ein Traum“ und hat ein paar der Blogeinträge verfolgt, kann man vermuten, mich hätte der amerikanische Autor Poe inspiriert. Die Wahrheit ist komplizierter. Zwar hat mich Poe in meiner Jugend beeindruckt und ich habe ihm ja auch eine meiner Geschichten gewidmet, aber er ist nur indirekt mit dem Roman verknüpft.

Ich habe bereits von dem Maler und seinem Schicksal berichtet, dessen Radierung „Sehen und Warten“ über meinem Küchentisch hängt. Er hat Anfang der Siebziger Jahre einen renommierten und damals mit tausend Mark recht hochdotieren Kunstpreis der Stadt München gewonnen. Ob es schon ein Zeichen seiner beginnenden psychischen Erkrankung, ein Statement oder einfach der Leichtsinn eines Künstlers war, vermag ich nicht zu beurteilen, aber er gab das gesamte Geld an einem Nachmittag für Schallplatten aus (Auch mein Maler Jonas Nix aus „Die Wahrheit über Jürgen“ ist von ihm beeinflusst). Ein Teil der Vinylscheiben verblieb später im Besitz meiner Schwester – die hat sie nicht zerstört. Unter dieser Musikauswahl fand ich – viele Jahre später – die Musiker, die meine heiße Liebe zur Klassischen Musik ablösten. Nachdem ich, bis ich etwa achtzehn war, nur die aufdringlichen slawischen Romantiker gehört hatte (Tschaikowsky, Rachmaninoff, Dvorak et al.), rückten nun sehr folgerichtig die Progrocker in mein Gesichtsfeld, also die Jon-Lord-lastigen Deep Purple-Platten, Jethro Tull, die frühen Genesis, Bo Hannson, Mahavishnu Orchestra, ELP, Eloy, Mike Oldfield und Pink Floyd, um nur ein paar zu nennen. Manches war wirklich ein Kulturschock für mich.

Von allen gab es die eine oder andere Scheibe in der üppigen Sammlung meiner Schwester, manches kaufte ich mir. Auf dem Pink Floyd-Album „Atom Heart Mother“ (Ich liebe es!) ist der 13minütige Titel Alan’s Psychedelic Breakfast und dort taucht auch der Name Alan Parsons auf dem Cover auf. Deshalb schaffte ich mir von dessen Gruppe ihr Debutalbum „Tales of Mystery and Imagination“ an, ein Konzeptalbum über Edgar Allan Poe, das eine Zeitlang bei mir im Dauerbetrieb lief. Ich kann noch heute zum Leidwesen von Frau Klammerle jedes Lied mitsingen. Dann entdeckte ich den Blues und die Platte verstaubte im Regal.

Die Erfindung der CD brachte es mit sich, sich zwangsweise einige der Lieblingsalben ein zweitesmal zu kaufen, darunter war auch die „Tales of Mystery and Imagination“. Ich legte die CD in den Player, öffnete schon den Mund, um: „Thus quoth the Raven, Nevermore, nevermore, never!“ mitzugröhlen, als zu Beginn der CD etwas völlig anderes passierte. Nach ein paar psychedelischen Klängen rezitierte eine sonore tiefe Stimme das Gedicht „A dream within a dream“. Auf dem Beizettel der Silberscheibe war dann zu lesen, dass diese Stimme zu Orson Welles gehörte, der für Alan Parsons kurz vor seinem Tod noch zwei Poe-Gedichte eingesprochen hatte und diese endlich im Gegensatz zur Schallplatte in der Enhanced Version enthalten seien.

Und so stammt über den Umweg Dieter Kühn – Progrock – Pink Floyd – Alan Parsons Projekt – Erfindung der CD und Orson Welles der Titel zu meinem Roman direkt von E. A. Poe. Ich danke allen Beteiligten.

A Dream Within A Dream

Take this kiss upon the brow!
And, in parting from you now,
Thus much let me avow-
You are not wrong, who deem
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

I stand amid the roar
Of a surf-tormented shore,
And I hold within my hand
Grains of the golden sand-
How few! yet how they creep
Through my fingers to the deep,
While I weep- while I weep!
O God! can I not grasp
Them with a tighter clasp?
O God! can I not save
One from the pitiless wave?
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?

Edgar Allan Poe

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Teil 3 (Leseprobe)

Heute ist der Todestag des Weimarer Geheimrats, dessen Haus am Frauenplan auf dem Foto zu sehen ist. Aus diesem Anlass gibt es einen Ausschnitt aus dem 3. Teil meiner „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“, in dem E. A. Poe und sein Freund C. Auguste Du­pin versuchen, Goethes Ermordung zu verhindern. Viel Vergnügen!

 


Mit solchem Rätselkram verschone mich!
Und kurz und gut: was solls? Erkläre dich!’
Goethe, Faust II

Die Zufalls-Theorie oder, wie die Mathemati­ker sie exakter benennen, die Wahrschein­lichkeits-Rechnung, hat eine bemerkenswert­e Eigenthümlichkeit an sich: Ihre Richtigkeit im Allgemeinen steht in direkter Proporti­on zu ih­rer Unrichtigkeit im Besonderen. Und was an Ge­heimnisvollem auch den ruhigsten Denker gele­gentlich mit einem vagen, den Schrecken weckenden Halbglauben an das Übernatürliche durchschauert, ist trotz offensichtlichem Wundercharakter oft nicht mehr als ein Zusammenkommen bloszer Zu­fälle, die im Kleinen doch Beweis sind für das vom Herrn Ber­noulli formulierte Theorem der groszen Zahlen. Des­halb muss ein präziser, mit klarem Ver­stande begabter Mann namentlich in den Dingen der Logik immer auch das Unwahrscheinlichste und Absurdeste in Rechnung stellen und den gröszten Teil der Wahrheit wird er aus dem scheinbar Irre­levanten gewinnen.

An einem recht sturmwindigen Abend Anfangs März des Jahres 1832 kehrte ich im Auftrage des New Yor­ker Mercury nach Paris zurück, um dem amerikani­schen Publikum in einer Artikelserie von dem neuen Frankreich unter Louis Philippe Mittei­lung zu ma­chen. Freilich führte mich mein erster Weg nicht zur Dependance der Wochenzeitung in der Rue de Vermi­celle, sondern zu meinem alten Freund C. Auguste Du­pin, den ich, wie ich erwartet hatte, in seiner kleinen, nach hinten hinaus gelege­nen Bibliothek, au troisiè­me, No. 33, Rue Dunôt, Fau­bourg St. Germain antraf. Da ich ihn von meiner Ankunft nicht benachrichtigt hatte, erwartete ich, ihn beim zwiefachen Genusse ei­ner Meditation und einer Meerschaumpfeife zu über­raschen.

Zu meinem nicht geringen Verstaunen traf ich ihn jedoch bei den Vorbereitungen zu einer Reise an, die ihn, nach der Grösze des Schrankkoffers zu urteilen, in dem er seine Bücher verstaute, mindestens bis zur In­sel Sumatra führen musste. „Ah, Edgar, da sind Sie ja endlich! Ich habe Ihre Ankunft schon für heute Nach­mittag erwartet. Die Post wurde wohl aufgrund des Wetters aufgehalten?“, rief Dupin seltsam erregt aus und umarmte mich so flüchtig, als hätten wir uns nicht vor Jahren, sondern erst vor Stunden getrennt.

„Aber Dupin“, erwiderte ich ernstlich verstaunt, „dies geht über mein Begreifen. Ich stehe nicht an zu sagen, dass ich bestürzt bin, und mag meinen Sinnen kaum trauen. Wie war es möglich – wie konnten Sie von meiner Ankunft wissen?“ Hier hielt ich inne und musterte ihn scharf. Erneut war es ihm gelungen, mich mit seiner analytischen Begabung zu überra­schen. Er lächelte mich freundlich an; er schien wie früher ein ausgesprochenes Vergnügen an ihrer Übung – wenn nicht gar ihrer pomphaften Zurschaustellung – zu finden.

„Nicht jetzt“, hob er abwehrend die Hand, „wir wer­den in den nächsten Tagen zur Genüge Gelegenheiten finden, uns auszutauschen. Und ich will nicht zurück­stehen, Ihnen zu sagen, wie sehr ich mich darüber freue. Aber nun drängt uns Wichtigeres!“ Er griff in seine weinrote Hausjacke. Obgleich Dupin durch die Affaire um den stibitzten königlichen Brief zu einigem Wohlstand gelangt war, hatte er sich noch immer nicht von diesem fadenscheinigen und häszlichen Kleidungsstück trennen können, in dessen unergründ­lichen Taschen er den gröszten Teil seines Hausrates aufbewahrte. Und wirklich beförderte er nach kurzer Suche einen Brief zu Tage, den er mir überreichte. „Es steht mir fern, dramatisch klingen zu wollen, aber es geht für dieses Mal wohl um Leben und Tod. Deshalb finden Sie mich auch in einer aufgelösten und Ihnen noch nicht angemessen erscheinenden Eile. Aber lesen Sie selbst, mein lieber Edgar, lesen und urteilen Sie“, drängte er mich. Ich öffnete den Brief, der nur aus ei­nem einzigen Blatt bestand und erstaunte mich über den Absender:

‚treu angehörig – Weimar am Freitag den 17. Febru­ar 1832 – J. W. v. Goethe’, las ich auf Deutsch am Ende der Seite in einer unruhigen, aber gut leserlichen Handschrift.

„Goethe? Dupin, Sie überraschen mich aufs Neue. Sie befinden sich im Briefwechsel mit dem Deutschen Dichterfürsten!“

„Nun, der alte monsieur conseiller ist ein fleißiger Briefeschreiber“, erwiderte Dupin ruhig, während er erneut das Kofferpacken aufnahm. “Zumalen er seine correspondence schon seit Jahren seinem Sekretär John diktiert. Obgleich meine Wenigkeit ebenfalls eine dichterische Ader pochen fühlt, ist es doch eher die ge­meinsame Liebe zur Wissenschaft, die unseren Gedan­kenaustausch förderte.“ Ich nickte verwirrt. Wie we­nig wusste ich von diesem Menschen, mit dem ich während meines ersten Parisaufenthalts die Wohnung geteilt hatte und der zu den wenigen Freunden zählte, die ich auf der Welt hatte. Umso mehr interessierte mich daher, welcher Natur der Briefwechsel zwischen Dupin und Goethe war. Ich öffnete also erneut das Blatt und las:

‚Nach einer langen unwillkürlichen Pause habe ich auf Ihr sehr wertes Schreiben, mein Teuerster, wahr­haftest zu erwidern, dass ich in unsrer gemeinsamen Sache einige Fortschritte getan.

Wir sind einig, Dupin, es war nicht Schillers Sache, mit einer gewissen Bewusstlosigkeit und gleichsam in­stinktmäßig zu verfahren, vielmehr musste er mit mir über jedes, was er tat, reflektieren; woher es auch kam, dass er über seine Ideen nicht unterlassen konn­te, sehr viel hin und her zu reden, so dass er alle seine Stücke mit mir durchgesprochen hat. Dies gilt auch für die von Ihnen in Erwähnung gebrachte abge­brochne Erzählung, die in der Tat, wesgleichen Sie in­sistierten, auf einem Zeitungsbericht beruhte, der Schillern in Jena um 1790 begegnete.

Es ist ein eignes Ding mit der Erinnerung, sie erwei­set sich wie ein neckisches junges Mädchen, das uns durch tausend Reize anlockt, aber in dem Augenblick, wo wir es fassen und zu besitzen glauben, unseren Ar­men doch wieder entschlüpft. Ich teilte Ihnen noch in meinem letzten Briefe mit, ich hätte kein Gedächtnis von der Geschichte und ihrer Fortsetzung, so wenig als ich vom Abschluss der Geisterseher wüsste – habe mich jedoch geirrt. Tatsächlich ist mir bei einer Durchsicht meiner grenzenlosen Papiere der Name der Gräfin wieder eingefallen und ich weiß plötzlich auch erneut ob der Mutmaszungen, die Schiller um den ge­waltsamen Tod ihrer Ehegatten angestellt und wen er dieser ruchlosen Taten verdächtig machte.

Verzeihen Sie, Dupin, einem alten Manne, wenn sei­ne Erinnerungen ein wenig sprunghaft erscheinen; verzeihen Sie ihm abermalen, wenn er einer Grille, die ihm durchs Gehirn lief, nachging und in seinen Akten ein wenig Polizeicommissar spielte; denn der Mensch will immer tätig sein und kann und soll seine Eigen­schaften weder ablegen noch verleugnen. Gar selten tut er sich selbst genug, desto tröstender ist es, andern genug getan zu haben:

Daher darf ich Ihnen die Mitteilung weiterreichen, die verwitwete Gräfin Bianca von Hohenlohe – da steht nun endlich ihr Name –, lebe noch und erfreue sich guter Gesundheit. Sie habe sich nach dem so tragischen wie rätselhaften Tode ihres vierten Gatten nicht mehr verheiratet und lebe von der Welt geschie­den auf dem Gute ihres sel. Vaters, des Grafen Lu­dewig von Metzenstein, im Thüringischen. Bei einem unserer wöchentlichen Treffen gelang es mir nun, die Groszherzogin Maria Pawlowna zu bereden, die Grä­fin zum Frühlingsfest an den Hof zu laden. Ich bin überzeugt, aus dem Munde der Hauptperson Näheres über unseren Fall und darüber zu erfahren, ob denn Schillern mit seiner Verdächtigung betreffs der Morde recht dachte oder ob es ihm an den Kräften fehlte, die eigenthümlichen und wahren Motive zu finden.

Verzeihung diesem verspäteten Blatte! Ohngeachtet meiner Abgeschlossenheit findet sich selten eine Stun­de, wo man sich die Geheimnisse des Lebens vergegen­wärtigen mag.

treu angehörig – Weimar am Freitag den 17. Februar 1832 – J. W. v. Goethe’

Ich legte das wertvolle Papier vorsichtig auf den Bü­chertisch. „Ein interessanter Brief, Dupin, in der Tat! Auch wenn ich nicht behaupten kann, alles verstan­den zu haben. Aber aus welchem Grund meinen Sie denn, es ginge hier um Leben und Tod? Und weshalb packen Sie? Sie fahren doch wohl nicht nach Deutsch­land -“

„- direkten Wegs ins Groszherzogtum von Sachsen-Weimar-Eisenach, an den Frauenplan zu Weimar, zu dem Herrn Geheimen Rat Goethe, um explizit zu sein. Ich habe eine Privatpost abonniert, die uns noch heu­te Nacht gen Frankfurt befördert. Ach, was gäbe ich für eine Personenbahn, wie sie eben zwischen Man­chester und Liverpool eröffnet wurde. Die Zeit läuft uns davon! Wenn ich den Brief nur eher bekommen hätte!“ Mit diesen zornigen Worten warf mein Freund ein letztes Buch in seinen Koffer und schloss ihn mit Nachdruck. Nun erst sah er auf und mein Erstaunen. Er seufzte leise und kramte aus der abgründigen Ja­ckentasche seine Uhr hervor. Dann setzte er sich in seinen Ohrensessel und wies auf meinen Platz ihm ge­genüber, der mir nicht danach aussah, als habe ihn Dupin in den Jahren, in denen ich ihn nicht mehr beansprucht hatte, jemals verrutscht. Und während ich mich ebenfalls setzte, war mir, als wäre ich in der Zeit zurückgegangen zu jenen Abenden, an denen wir hier nur mit der Hilfe der Verstandeskraft – Dupins, versteht sich – die rätselhaftesten Verbrechen aufzu­klären vermochten. „Einige Minuten werden uns noch bleiben, teurer Edgar. Sie haben doch, wie ich vermu­te, Ihr Gepäck noch bei sich“, sagte Dupin und führte mich zurück in die Gegenwart dieses unfreundlichen Märzabends. Wie immer blätterte er in meinen Ge­danken wie in einem geöffneten Buche.

„Da ich direkten Weges von der Kutsche zu Ihnen eilte – ließ ich die Koffer unten bei der Concierge un­terstellen – hoffte ich doch wieder bei Ihnen Wohnung und Logis zu finden. Aber ist denn der Herr von Goe­the krank? Sein Brief rechtfertigt ein solches Vermu­ten nicht.“

„Nach dem plötzlichen Tode seines Sohnes August vor zwei Jahren in Rom schien es schon mit ihm zu Ende zu gehen, aber nun erfreut sich der Geheimrat – soweit mir bekannt – wieder einer für sein hohes Al­ter ordentlichen Gesundheit; wenngleich mir sein Herz angegriffen erscheint. Er meidet Tod und Leiden jedoch wie der Teufel das Weihwasser. Nach seinem Brief muss ich allerdings besorgen, dass er sich eben jenen ins Haus geholt hat.“

„Sie sprechen von der Witwe, Dupin, jener Gräfin zu Hohenloh“, vermutete ich.

„Oder von ihrem Umfeld – wir wollen da keine vorei­ligen Schlüsse ziehen. Die objektive Tatsache ist nun: Diese wahrhaft ‚schwarze Witwe‘ hat alle ihre Ehe­männer überlebt und jeder von ihnen wurde aufs Grausamste ermordet.“ Dupin legte wie in einem Ge­bet die Finger aneinander und hob sie an seine Lip­pen. Er genoss diese dramatischen Pausen. „Ja, ich fürchte auf das Schlimmste“, folgerte er dann besorgt und schien gewillt, weitere Mitteilungen zu machen. In diesem Moment wurde er jedoch in seinen interes­santen Ausführungen von der Concierge gestört, die an die Tür der Lesestube klopfte und die Ankunft der bestellten Extrapost meldete. Dupin sprang auf.

„Die Gräfin wird zum Frühlingsfest in Weimar er­wartet. Folglich müssen wir unbedingt vor ihr beim alten Goethen sein“, rief er. „Helfen Sie mir mit mei­nem Koffer, Edgar? Was stehen Sie denn da herum? So kommen Sie, jede Minute ist kostbar. Hätten Sie sich nicht verspätet, könnten wir morgen früh schon in Reims sein.“ Gehorsam trat ich vor.

„Aber, Dupin, denken Sie an meine Arbeit. Ich kann doch nicht einfach –“, fiel mir ein. Ich liesz den Koffer wieder fallen. Dupin stolperte mit seinem Gewicht nach vorn.

„Mache Sie sich keine Gedanken, dafür ist längst eine Lösung gefunden. Ich habe kürzlich die Bekannt­schaft eines jungen Deutschen gemacht, der gleich Ih­nen vor Ort ist, für seine Zeitung über die Französi­schen Zustände zu berichten. Er wird Ihnen seinen Artikel für den März überlassen; sie brauchen ihn dann nur mehr ins Amerikanische zu übertragen. Und seien Sie versichert, dieser Herr Henri Heine denkt so republikanisch wie Ihr Publikum in den Staaten.“ Was konnte ich noch sagen, welche Ausflüchte vor­bringen? Bin ich doch immer leicht formbares Wachs in den Händen meines Freundes gewesen und – ich ge­stehs! – nur allzu leicht zu solch einem formidablen Abenteuer zu überreden, das mich zudem der Be­kanntschaft eines bewunderten Dichters nahebrachte –, spielte ich doch nach meiner unglücklichen Militär­zeit ernsthaft mit dem Gedanken, ebenfalls Schrift­steller und berühmt zu werden. So darf es nicht Wun­der machen, dass ich entschlossen Dupins Schrankkof­fer wieder aufnahm und uns der Dämmer eines windigen und regnerischen Märzmorgens bereits etliche Meilen hinter Paris über aufgeweichte und holprige Landstraszen eilend fand, mit dem Ziel, das Leben des Herrn von Goethe zu retten.

Schauerliche Stunden lagen hinter uns, in denen ich keinen Moment Ruhe gefunden hatte. Doch obgleich der mutige Kutscher die Gefahren solch einer Reise in den schwärzesten Farben ausgemalt und allein durch ein beträchtliches Zugeld überredbar war, die Nacht hindurchzufahren, hatte er die Miet-Chaise treulich durch Sturm und düsterste Finsternis gebracht. Allein durch das unsichere Licht der beiden Sturmlaternen beschienen ging die Fahrt über verwirrende Waldwege und Wiesenstrecken. Mehr als einmal näherten sich die Räder gefährlich dem Straßengraben und schlit­terten in Kurven schmatzend zur Seite. Aber die Pfer­de griffen tüchtig aus, angefeuert von den mal schmei­chelnden, mal drohenden Schimpfwörtern des Kut­schers. Dupin schlief bereits, bevor wir die Pariser Vororte hinter uns gelassen, lehnte gegen sein kleines Felleisen, des einzigen Gepäckstücks, das er neben dem Bücherkoffer mit sich führte und sah so geborgen aus wie in seinem Sessel in der Rue Dunôt, wenn ihn der Schlaf über einer Lektüre überrascht hatte. Na­türlich brannte ich auf weitere Informationen, aber ich liesz ihn ruhen. Da wir in Etwa fünf bis acht Tage bis Weimar unterwegs waren, hatte ein klärendes Ge­spräch keine Eile.

Mit dem trüben Licht des Morgens ging dem Sturm die Wut verlustig, aber es regnete nach dem ersten Pferdewechsel noch immer fleiszig und unverdrossen, wie sittsame Mädchen des Nachmittags unaufhaltsam spinnen: Die Räder der engen Chaise schnurrten, die Tropfen klatschten an die Fenster, es war aschgraues, französisches Wetter. In solch schmutzigem Reiter­mantel lagen die brachen Felder der Ile de France auf dem Wege; da tat ich ebenfalls die Augen zu und reka­pitulierte mein ganzes Leben, wie ich das immer ma­che, wenn ich auf Reisen gehe. Erschöpft von meinem Leben und von Frankreich, schlief auch ich und hatte einen gar seltsamen Traum:

Mir war, ich stünde im engen Hof eines brennenden Schlosses. Die Flammen brüllten im ersten Stock, ein heiszer Wind trieb mir glühende Funken ins Gesicht. Voller Angst suchte ich inmitten des wirbelnden Cha­os dieses sturmverworrenen Feuers nach einem Aus­gang, nach dem rettenden Tor. Da war es! – und es barst auseinander. Blutige Flammengarben stoben in alle Richtungen – und in der Mitte erblickte ich ein Ross und auf ihm, barhäuptig und wüst zugerichtet, einen Reiter. Es war Dupin! Er vermochte dem Ga­lopp keinen Einhalt zu gebieten. Seine schmerzver­zerrten Züge, seine ganze, krampfhaft zuckende, kämpfende Gestalt erweckten mein Mitleiden. Er öff­nete die zerrissenen Lippen, welche im Entsetzen durchgebissen waren, rief ein Wort. Es war deutsch, aber ich vermochte ihn nicht zu verstehen. Das Häm­mern der Hufe erscholl scharf auf dem Pflaster. Das Ross bäumte sich auf und sprengte über mich hinweg.

Ich schrie und erwachte – blickte in Dupins lächeln­des Gesicht, das keineswegs ruszverschmiert und ver­brannt war. Die Hufe donnerten noch immer, aber sie gehörten den Pferden, die unsere kleine Post eilig durch Regen und Wind gen Teutschland trugen.
„Das war ja wahrlich ein Teufelspferd, das ich da ritt, Edgar“, sagte Dupin spöttisch und reichte mir ein Glas mit Wein, den er während meines unruhigen Schlafes geöffnet hatte. Ich nahm es noch zitternd in die Hand, verschüttete ein paar Tropfen, als ich es zum Munde führte. Erst dabei wurde mir bewusst, was Dupin gesagt hatte.

„Woher, zum Teufel! – wussten Sie jetzt, was ich träumte? Es reicht mir mit Ihren sybillinischen Offen­barungen, legen Sie endlich die Quellen ihrer Weissa­gungen blosz. Oder können Sie meine Gedanken lesen? Mein Gott, Dupin, ich bin es leid“, redete ich mich in eine Rage, die durch die Tatsache, dass ich meinen Reiserock mit wertvollem süszem Bordeaux ruinierte, noch wuchs.

Mein Freund lachte auf und prostete mir zu. „So ist es recht! Garde! Dabei war es nachgerade die Einfach­heit der Sache, die Ihnen den Blick verstellte, Edgar. Ihre romantische Ader und Ihre Beschäftigung mit Mesmerismus und Magnetismus führt Sie schnur­stracks von dem Pfad der Wahrscheinlichkeit in den Sumpf der Spekulation. Das Wunderbare ist Ihnen überzeugender als das Offensichtliche. Sie erwarten je­derzeit von mir nichts geringeres als den Beweis mei­nes sagenhaften analytischen Vermögens. Ein Mirakel ist Ihnen dabei lieber als eine langweilige und einfache Begründung, die auf schlichter Beobachtung beruht. Sehen Sie, mein lieber amerikanischer Freund, auch deshalb liebe ich Schiller: Er hält nichts von Flüchen, die Adelshäuser vernichten, von teuflischen Mächten und finstren Gestalten in düstrer Nacht, von mesmer­schen Offenbarungen und von Geistererscheinungen, dieser ganzen Seuche, mit der Mr Walpoles ‚Schloß Ortranto’ die Literatur infizierte …“

„Ich erinnere Sie jedoch an Schillers unvollendeten Roman, die ‚Geisterseher’, ein Buch, das ich gerne und oft gelesen habe“, warf ich ein.

„Eben – ich betrachte den Prinzen von …d… als ein Vorbild. Erinnern Sie sich, Edgar: Der Prinz erklärt die geheimnisvolle Seance auf einfachste Weise als das, was sie war – nur ein gerissener Taschenspieler­trick eines Gauners.“

„Und Ihre Weissagungen, sind das auch nur ge­schickte Gaunereien?“ Dupin nickte und lachte er­neut.

„In gewisser Weise … Sie sprachen im Schlaf, Edgar. ‚Oh, was für ein schreckliches Ross. Oh, Dupin! Schnell – steigen Sie herab! Reiten Sie nicht in den Feuerschlund!’ Die letzten Wörter habe ich allerdings nicht verstanden. Sie klangen deutsch, so ähnlich wie ‚Metzger‘ und ‚Stein‘.“ Er tippte sich an die Nase. „Ich frage mich manchmal, was solche Traumgesich­ter zu bedeuten haben, welches Band sie an die Wirk­lichkeit fesselt. Vieles bleibt uns Heutigen in der Psy­che des Menschen verborgen. Es ist an der Zeit, dass auch die Seele ihren Napoleon findet und einen Linné, um sie zu katalogisieren.“

„Das beiseite – weshalb Sie mich gestern des Abends bereits erwarteten –, ist die Erklärung ebenso ein­fach?“

„In der Tat. Mich wundert, dass Sie nicht selbst dar­auf stieszen. Ich lese doch Zeitungen, fürwahr die loh­nendste Lektüre in dieser Zeit. Ich bin auch auf den Mercury abonniert, der es sich nicht nehmen liesz, Ihre Europafahrt in zwei Spalten anzukündigen. Die Zeitung wurde mit dem gleichen Schiff wie Sie über den Atlantik gebracht. Ich hielt das Blatt allerdings bereits am Morgen in Händen, da es nicht gleich Ih­nen über Nacht in Calais verblieb. Also brauchte ich nur mehr einige kleinere Erkundigungen einzuziehen und wusste, wann sie planmäszig eintreffen würden – das Pariser Büro von Lloyd`s ist sehr zuverlässig. Es hat mir schon häufig gute Dienste erwiesen. Ich er­hoffte Sie allerdings schon etwas früher …“

„Die Post wurde bedauerlicherweise durch den Sturm aufgehalten.“

„Um wieviel mehr freut mich deshalb Ihre rasche Bereitschaft, mich auf diesem Abenteuer zu begleiten, Edgar. Es ist nun aber wohl an der Zeit, Ihnen ein wenig mehr über den düst­ren Fall mitzuteilen. Lesen Sie zuerst diesen Balla­denentwurf und dann diese Dichtung von Schiller und sagen Sie mir, was Sie davon halten.“ Dupin griff in seine abgründige Weste und reichte mir zwei Bögen, auf die er mit seiner eigenartig nach links geneigten Handschrift einen kurzen deutschen Text und auf das andere ein Gedicht abgeschrieben hatte. Wie ge­wünscht las ich zuerst den abgebrochnen Plan Schil­lers für eine Ballade:

„Bianca, eine reiche und edle Gräfin von …, war dreimal vermählt worden, und allemal hatte man den Bräutigam getötet am anderen Morgen gefunden. Die allgemeine Sage ging, dass ein Geist, der in der Burg hause und dem nicht zu entfliehen sei, dieses getan. Kein Freier wollte sich mehr zeigen, so schön, reich und edel auch die Gräfin war und so geneigt auch ihr Vater gewesen sein würde, seine Einwilligung zu ge­ben. Sie hatte von ihren Männern keinen geliebt und blosz den Willen ihres Vaters vollzogen. Ein junger Edelmann, mutig und verliebt, hörte von dieser Ge­schichte. Er sah die Braut, sie bezauberte ihn, und er beschloss, sein Glück zu versuchen. Man will ihn ab­schrecken, er spottet über den Aberglauben und trägt sich ihrem Vater an. Diesem gefällt er auszerordent­lich, aber eben darum will der Vater die Heirat nicht zugeben. Don Leira wendet sich an die Schöne selbst, die für ihn die erste Liebe empfindet, aber eben darum davor schaudert, ihm ihre Hand zu geben, weil sie ihn für unrettbar verloren hält. Er bringt es aber doch zu­letzt dahin, dass in die Vermählung gewilligt wird, er führt sie zum Altar und fühlt sich als den glücklichs­ten Menschen im Besitz s. schönen Geliebten.

Die Nacht kommt heran …“ Kopfschüttelnd legte ich das erste Blatt zur Seite und beschäftigte mich mit dem Gedicht auf dem zweiten:

„Der Gräfin von H.
W.o du bist und wo dich hingewendet,
wie dein flücht’ger Schatten mir entschwebt?
Hast du nicht beschlossen und geendet,
hast du nicht geliebt, gelebt?
da werd ich dich wiederfinden,
wenn mein Leben unserm Lieben gleicht;
dort ist auch der Vater, frei von allen Sünden,
dorT ihn blut’ger Mord nie mehr erreicht.
ächzend stöhnt, dass ihn ein Wahn betrogen,
stumm er aufwärts zu den Sternen sah,
sieh, wie jeder wiegt, wird ihm gewogen.
Herr! – du glaubst, so ist der Morgen nah.“

Ich legte auch den zweiten Bogen zur Seite und geri­et in starke Versuchung, mit meinen Schultern zu zu­cken. Was war mir entgangen, das Dupin in den bei­den Texten gefunden haben mochte und ihm so aus­zerordendlich erschien? – Auf mich wirkten sie doch höchst gewöhnlich und – frisch und ehrlich gesagt – hielt ich sie auch nicht von allzu hoher dichterischer Qualität. Mein Freund betrachtete mich mit wachsen­der Spannung.

„Und …? Was sagen Sie dazu, Edgar?“, fragte er schließlich, da ihm mein Schweigen nun doch zu lang wurde. Beteiligt beugte er sich zu mir und legte eine Hand auf die Blätter.

„Nun, gut“, entschied ich mich, „ich kann mit Ver­laub nicht erkennen, was daran Ihr professionelles In­teresse und Ihren Verdacht erweckt haben mag, Du­pin. Der Einfall für die Ballade erscheint ein wenig schauerlich und sehr deutsch – ich habe ihm die Ein­wände entgegenzubringen, die Sie gegen mein eigenes Denken aussprachen; zu romantisch sei es – falls ich mich recht erinnere. Zu schade jedoch, dass dieses Bruchstück endete, als es mir spannend zu werden schien. Aber vielleicht mag Schiller die Fehler selbst bemerkt und deshalb abgebrochen haben. Was die Verse betrifft: Zu ihnen möcht ich mich nicht gerne äußern. Mein Deutsch ist doch zu schlecht, mich an ihnen zu delektieren. Jedoch schien mir der Reimfluss ein wenig holpernd – als wäre Schiller beim Schreiben mit uns hier in der Chaise gesessen und dabei ordent­lich durchgeschüttelt worden, da er sie niederschrieb. Darf ich vermuten, beide, die Lyrik und das Balladen­konzept wären eher frühe Werke des Meisters?“

„Weit gefehlt, wenn auch gut bemerkt“, erwiderte Dupin und wirkte enttäuscht. Offenbar hatte er sich eine andere Antwort von mir erhofft. „Beide Blätter sind nicht der ungelenken und unerfahrenen Feder der Jugend entflossen, sondern der zitternden, fiebrigen Hand des Kranken, der weisz, dass seine Tage gezählt sind. Sagen Sie mir! – Ist Ihnen denn auszer den ver­unglückten Alexandrinern nichts weiters mehr aufge­fallen? Ich dachte, Sie sind ein Liebhaber von gehei­men Nachrichten und Codetexten. Versuchen Sie ihr Glück und finden Sie das Verborgene; es ist nicht schwer.“ Bei meinem Stolz ergriffen nahm ich den Bo­gen, auf dem sich das Gedicht befand, erneut zur Hand.

„Beide, das Gedicht und der Entwurf … sie gehören zusammen. Das sehe ich. Sodann fällt mir bei zwei Wörtern in der ersten und in der dritten Strophe die Merkwürdigkeit ihrer Schreibweise ins Auge. – Der Punkt hinter dem „W“ am Anfang und das groszge­schriebene „T“, hingegen ein kleingeschriebendes „d“ zu Beginn der zweiten Strophe. Da ich vermuten will, es handle sich dabei nicht um einen Flüchtigkeitsfeh­ler, der Ihnen beim Kopieren unterlief … was Ihrer sonstigen Art vollkommen entgegenstünde, Dupin …, dann stammen diese Markierungen aus der Hand des Dichters.“

„Sie sind auf der richtigen Spur. Das Geheimnis liegt offen vor Ihnen, Edgar. Sie müssen nur verstehen, es zu lesen und zu deuten“, munterte mich mein kluger Freund auf und da sah ich des Rätsels Lösung deut­lich vor mir! – Es war eine recht simple Geheimschrift, die Schiller sich da ausgedacht hatte und gerade ihre Einfachheit hatte mich für sie blind gemacht. Las man von oben nach unten jeweils den ersten, dann den zweiten, den dritten und schließlich den vierten Buchstaben und dies in jeder der drei Strophen, dann ergab sich folgende Botschaft:

„W. ist der Täter!“

Inspirationen zu „Aber ein Traum“ (I)

I. Ein Künstlerschicksal

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ Kaltnadel/Ätzradierung 1972

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“
Kaltnadel/Ätzradierung 1974

Diese Radierung von Dieter Kühn (bitte nicht mit dem leider im letzten Jahr verstorbenen und von mir sehr geschätzten Autor gleichen Namens verwechseln) mit dem etwas sperrigen Titel hängt in meiner Wohnküche und war eine der Inspirationen für den Roman.

Der wirklich nicht allzu bekannte Künstler war in den Siebzigern der Freund meiner älteren Schwester und er hatte mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen, die ihn schließlich in den Suizid trieben. Als sich meine Schwester wegen seiner psychotischen und sogar ihr Leben bedrohenden Schübe von ihm trennte, vernichtete sie in ihrer Wohnung systematisch alle Erinnerungsstücke an ihn und zerstörte dabei Fotos, Gemälde, beeindruckende surrealistische Bleistift- und Tuschezeichungen und auch Texte, Verse und Briefe des Malers. Allein diese Radierung überlebte die verzweifelte Auslöschung ihrer ersten großen Liebe, weil sie sie zufällig als Hintergrund-Passepartout für ein Poster von Jimi Hendrix benutzt und dort vergessen hatte. Irgendwann in den Achzigern gelangte dann das Bild in meinen Besitz und seitdem begleitet es mich. Ich begegne ihm an fast jedem Tag.

Das Motiv ist natürlich im Zeitkontext zu sehen: Sartre, Camus, Dali – man beachte die Brillen –  Surrealismus, Existenzialismus, Black Soul, die frühen Pink Floyd, LSD, die „Geworfenheit des Menschen“ und freier Sex. Wer das Plattencover von Isaak Hayes‘ „Black Moses“ kennt, weiß auch, warum ihm das  Männergesicht (auf der Radierung übrigens seitenverkehrt und leicht verändert, so dass es tatsächlich nach dem Maler selbst aussieht) so bekannt vorkommt. Aus der Kapuze von Hayes Hoody ist eine Art Haare/Federn/Taubenkopf-Kappe geworden. Die Frau daneben, die gemeinsam mit dem Künstler in die ungewisse Zukunft sieht, ist übrigens meine Schwester. Auf ihrer Stirn, die wie vertrocknete und aufgeplatzte Erdkruste wirkt, beobachten uns zwei Katzenaugen. Die Schemen im verwaschenen Hintergrund sollen wahrscheinlich ebenfalls die beiden darstellen – geworfene, dem Schicksal ausgelieferte Figuren wie in einem „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel.

Mir erzählte dieses Bild eine ganz andere Geschichte: Alban Waldescher (der in meinem Roman wie der Mann auf dem Bild aussieht) und Lina Brunswick habe ich direkt aus der Radierung gefischt. Seit einigen Jahren sehe ich nicht mehr meine Schwester und Dieter Kühn, sondern meine beiden Figuren in dem Bild

II. Traumorte

Sovana1Hier im Hohen Dom der Ortschaft hatte ihr Schöpfer jedoch ganze Arbeit geleistet. Nachdem sich meine Augen an den dunklen Raum gewöhnt hatten, erschien mir der Dom als Archetyp, als die Kirche schlechthin. Der Kirchenbau wirkte wie die eklektische Zusammenschau aller Kirchen, die ich bisher gesehen hatte. Es war die platonische Idee einer Kirche. Mein Bildhauerherz jubelte bei diesem Anblick.

Ich denke, mein hilfsbedürftiger Gott, den ich weiterhin stützte, hatte diesen heiligen Raum eben erst erschaffen, indem er aus seinem oder meinem Gedächtnis das Bild eines Kircheninterieurs formte und dabei vor allem katholische Vorstellungen verwirklichte. Ich weiß, es klingt verrückt, aber genau diesen Eindruck hatte ich, als ich in dem erstaunlich kühlen Raum auf der ausgetretenen Grabplatte eines einstmals Mächtigen stand, die würzige Luft schnupperte und meine Augen über Emporen und barocke Seitenaltäre und bemalter Wände voller Bibeldarstellungen und Heiligenlegenden ähnlich denen der Assisimaler glitt. Ein buntglasiges, rundes Fenster hinter mir in der Höhe über dem Eingang warf feuchte Lichtflecke auf die speckigglatten Marmorfliesen, die schwärzlichen Beichtstühle und eine Kanzel. Vor ihr stand ein meisterliches romanisches Taufbecken, das von auf den ersten Blick irritierenden, allegorischen Darstellungen der Evangelisten getragen wurde. An den filigranen, wie Weizenbündel empor drängenden Säulen hingen nachgedunkelte Gemälde aus einer späteren Epoche. Sie waren voller dynamischer Bewegung, auf denen Heilige in allen Graden der Verzückung den Himmel schauten. Der Flügelaltar hinten am Ende des Hauptschiffs war rein gotisches Schnitzwerk, das sich von seiner breiten, die ganze Apsis überspannenden Basis in unglaubliche Höhen hinauf wand, flankiert von der ganzen göttlichen Armee an Aposteln, Heiligen und himmlischen Heerscharen, Engeln, Erzengeln, Seraphen und Cherubinen und all den Heldengestalten, die die katholische Glückseligkeit aufzubieten hat.

Nur eine Darstellung fand ich bei meiner oberflächlichen Untersuchung des Kirchenschiffs überraschenderweise nicht: Es gab nichts Eschatologisches hier, nichts Dämonisches, Blutiges, nur die positiven Seiten des Glaubens waren zu sehen: Ich fand keinen Engelssturz, keinen Luzifer, kein jüngstes Gericht mit der so beliebten Darstellung der Höllenqualen, nicht einmal eine Kreuzigungsszene, keine Pieta, keinen von Pfeilen durchbohrten Michael, kein abgeschlagenes Märtyerhaupt; alles war ins Glückliche, Helle gewendet, die Sünde und ihre unappetitlichen Folgen komplett ausgeklammert. Das imposante Gemälde auf dem Hochaltar zeigte auf einem Flügel Jesu’ Geburt, auf dem anderen die Bergpredigt, dazwischen hockte der Heiland als Pantokrator, ein abgeklärter, strahlender Herrscher blickte milde auf die vergänglichen Dinge.

Waldescher-widderBei dieser Gelegenheit fiel mir noch eine andere Seltsamkeit auf, die ich vorher übersehen hatte: Auf dem Stützpfeiler des Taufbeckens waren nicht wie ich erst vermutet hatte vier, sondern fünf Evangelisten in der schlichten kindlichen Einfalt der frühen Romanik dargestellt: neben Mensch, Stier, Löwe und Adler, deren Vielzahl an Flügelnmiteinander zu einem kunstvollen Ornament verwoben waren, fand ich noch eine weitere Tiergestalt, jedoch mit einem menschlichen Antlitz: Sie sollte wahrscheinlich einen Ziegenbock darstellen, der keine Flügel, aber einen Fischschwanz um seinen Körper gewunden hatte. Noch erstaunlicher war jedoch der Eindruck, dass eben jene mit mächtigen nach innen geschwungenen Hörnern ausgestattete satyrhafteund heidnische Wasserspeiergestalt, die sich da klammheimlich unter die Apostel geschlichen hatte, trotz der schlichten Ausführung unverkennbar die Züge des Mannes trug, den ich neben mir im Arm hielt.

Auszug aus dem 4. Kapitel „Aber ein Traum“

In „Aber ein Traum“ verliert sich immer wieder das, was wir euphemistisch als Realität kennzeichnen. Die Handlungsorte, in die sich die Protagonisten verlaufen, sind Traum-, Wunsch-, auch Anderswelten, die vielleicht zwischen der Wirklichkeit angesiedelt sind, vielleicht davor oder danach, vielleicht darüber oder daneben. Stabilität, Zeit und Räumlichkeit erscheinen als lächerliches Wunschdenken, ein verzweifeltes Festhalten an einer Konvention, auf deren Ebene allein eine zwischenmenschliche Interaktion möglich ist.

Wie unzulänglich diese Form des Begegnens oft ist, sehe ich in den täglichen ärgerlichen Missverständnissen, die ich auch mit Menschen habe, die mir sehr nah sind, oder in der Tatsache bestätigt, wie häufig mir jemand begegnet, dessen Augen ihm ein grotesk anderes Bild von der Welt übermitteln – dessen Lebensäußerungen ich vollkommen verständnislos gegenüber stehe. Als würde dieser Mensch aus einer anderen Zeit oder einem anderen Universum stammen.

Dsovana2ie überschätzte gemeinsame Sprache ist ein chimärenhaftes Konstrukt voller Fehlinterpretationen und Fettnäpfchen. Sie schadet oft mehr, als sie nutzt. Wenn ich schon fassungslos vor den Lebensäußerungen meiner Zeitgenossen stehe, um wieviel ferner sind mir dann erst die unübersehbare Masse der Toten, die diesen kurzen Gang durch die Realität vor mir durchschritten.

Doch ab und an finde ich eine Heimkehr, betrete eine alte Kirche, die manchmal wie in einer Botanisiertrommel die Seelen der längst Vergangenen bewahrte und ihre Spiritualität atmet: In den Kunstwerken, den Mauern, dem Licht…

Ein solcher Ort ist der romanische Duomo von Sovana in der südlichen Maremma, dessen Anfänge im 8. Jahrhundert liegen und der, da der Ort – inzwischen ein Museeumsdorf vor der Renaissance aufgegeben wurde, nie gotisch oder barock modernisiert wurde. Dass Sovana inmitten einer etruskischen Nekropole liegt, ist wahrscheinlich kein Zufall.

Hier fand ich einen der Traumorte des Romans.

III. Die Musik zum Buch

apppoeLiest man den Titel des Romans „Aber ein Traum“ und hat ein paar der Blogeinträge verfolgt, kann man vermuten, mich hätte der amerikanische Autor Poe inspiriert. Die Wahrheit ist komplizierter. Zwar hat mich Poe in meiner Jugend beeindruckt und ich habe ihm ja auch eine meiner Geschichten gewidmet, aber er ist nur indirekt mit dem Roman verknüpft.

Ich habe bereits von dem Maler und seinem Schicksal berichtet, dessen Radierung „Sehen und Warten“ über meinem Küchentisch hängt. Er hat Anfang der Siebziger Jahre einen renommierten und damals mit tausend Mark recht hochdotieren Kunstpreis der Stadt München gewonnen. Ob es schon ein Zeichen seiner beginnenden psychischen Erkrankung, ein Statement oder einfach der Leichtsinn eines Künstlers war, vermag ich nicht zu beurteilen, aber er gab das gesamte Geld an einem Nachmittag für Schallplatten aus. Ein Teil der Vinylscheiben verblieb später im Besitz meiner Schwester – die hat sie nicht zerstört. Unter dieser Musikauswahl fand ich – viele Jahre später – die Musiker, die meine heiße Liebe zur Klassischen Musik ablösten. Nachdem ich bis ich etwa achtzehn war nur die aufdringlichen slawischen Romantiker gehört hatte (Tschaikowsky, Rachmaninoff, Dvorak et al.), rückten nun sehr folgerichtig die Progrocker in mein Gesichtsfeld, also die Jon-Lord-lastigen Deep Purple-Platten, Jethro Tull, die frühen Genesis, Bo Hannson, Mahavishnu Orchestra, ELP, Eloy, Mike Oldfield und Pink Floyd, um nur ein paar zu nennen. Manches war wirklich ein Kulturschock für mich.

Von allen gab es die eine oder andere Scheibe in der üppigen Sammlung meiner Schwester, manches kaufte ich mir. Auf dem Pink Floyd-Album „Atom Heart Mother“ (Ich liebe es!) ist der 13minütige Titel Alan’s Psychedelic Breakfast und dort taucht auch der Name Alan Parsons auf dem Cover auf. Deshalb schaffte ich mir von dessen Gruppe ihr Debutalbum „Tales of Mystery and Imagination“ an, ein Konzeptalbum über Edgar Allan Poe, das eine Zeitlang bei mir im Dauerbetrieb lief. Ich kann noch heute zum Leidwesen von Frau Klammerle jedes Lied mitsingen. Dann entdeckte ich den Blues und die Platte verstaubte im Regal.

Die Erfindung der CD brachte es mit sich, sich zwangsweise einige der Lieblingsalben ein zweitesmal zu kaufen, darunter war auch die „Tales of Mystery and Imagination“. Ich legte die CD in den Player, öffnete schon den Mund, um: „Thus quoth the Raven, Nevermore, nevermore, never!“ mitzugröhlen, als zu Beginn der CD etwas völlig anderes passierte. Nach ein paar psychedelischen Klängen rezitierte eine sonore tiefe Stimme das Gedicht „A dream within a dream“. Auf dem Beizettel der Silberscheibe war dann zu lesen, daß diese Stimme zu Orson Welles gehörte, der für Alan Parsons kurz vor seinem Tod noch zwei Poe-Gedichte eingesprochen hatte und diese endlich im Gegensatz zur Schallplatte in der Enhanced Version enthalten seien.

Und so stammt über den Umweg Dieter Kühn – Progrock – Pink Floyd – Alan Parsons Projekt – Erfindung der CD und Orson Welles der Titel zu meinem Roman direkt von E. A. Poe. Ich danke allen Beteiligten.

A Dream Within A Dream

Take this kiss upon the brow!
And, in parting from you now,
Thus much let me avow-
You are not wrong, who deem
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

I stand amid the roar
Of a surf-tormented shore,
And I hold within my hand
Grains of the golden sand-
How few! yet how they creep
Through my fingers to the deep,
While I weep- while I weep!
O God! can I not grasp
Them with a tighter clasp?
O God! can I not save
One from the pitiless wave?
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?

Edgar Allan Poe

„Aber ein Traum“ und die Doppelgänger – Eine Abhängigkeit

Mein Feind fiel auf den Rücken und keuchte. Das war der erste Laut, der unser bis zu diesem Augenblick stummes Ringen unterbrach. Ich nutzte meine Chance, setzte ich mich auf ihn und rang seinen Oberkörper endgültig nieder; meine Finger umklammerten seine Handgelenke und ich brachte meinen Mund ganz nah an sein Ohr. Etwas war falsch und ich wusste gleichzeitig, was es war: Ich rang nicht mehr mit einem kichernden Zwillingsbruder, den gab es gar nicht. Ich konnte die vor Wut verzerrte Fratze meines Feindes im Schlaglicht eines verirrten Mondstrahls sehen. Ich kämpfte mit mir selbst. Der böse Zwilling war nur eine Konstruktion.

aus: Nikolaus Klammer, Aber ein Traum, Kapitel 1

Ich stand auf, aber kaum war ich ei­ni­ge Schrit­te fort, als, aus dem Ge­büsch her­vor­rau­schend, ein Mensch auf mei­nen Rü­cken sprang und mich mit den Armen um­hals­te. Ver­ge­bens ver­such­te ich, ihn ab­zu­schüt­teln – ich warf mich nie­der, ich drück­te mich hin­ter­rücks an die Bäume, alles um­sonst. Der Mensch ki­cher­te und lach­te höh­nisch; da brach der Mond hell­leuch­tend durch die schwar­zen Tan­nen, und das to­ten­blei­che, gräß­li­che Ge­sicht des Mönchs – des ver­meint­li­chen Me­dar­dus, des Dop­pelt­gän­gers, starr­te mich an mit dem gräß­li­chen Blick, wie von dem Wagen her­auf. – »Hi … hi … hi … Brü­der­lein … Brü­der­lein, immer, immer bin ich bei dir … lasse dich nicht … lasse … dich nicht … «

aus: E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, 2. Teil

Die Ähnlichkeit der beiden Textausschnitte ist frappierend. Sie ist ein Beweis dafür, wie sich Lektüren über Jahrzehnte hinweg in einem Erinnerungskeller des Gedächnisses ablagern, zu dem nur das Unbewusste und vielleicht der Traum Zugriff haben. Es ist eine beängstigende Untertunnelung meines heutigen Ichs, die durch die Jahre und die Zwiebelschalen meiner Person bis tief in die Vergangenheit zurückreicht. Ich fühle mich dabei wie eine Marionette, die keinen eigenen Willen hat, sondern von unsichtbaren Fäden gezogen wird; von einem „Ich“, das in mir ist, das ich aber nicht kenne, einem Doppeltgänger in mir selbst.

Als ich „Aber ein Traum“ vor ein paar Jahren zu schreiben begann, lag meine Hoffmannlektüre lange zurück. Die Elixiere des Teufels (1) hatte ich im Alter von 16 Jahren gleich nach dem wie eine Erlösung, besser: wie eine Initiation, empfunden Kater Murr (2) gelesen. Das vor düsterer Romantik und gothischem Horror triefende Werk um den entlaufenen Mönch Medardus aber inzwischen vollkommen vergessen. Umso größer war meine Überraschung, als ich beim Wiederlesen der Elixiere in dieser Woche auf die oben erwähnte Stelle stieß, auf einen Doppeltgänger meines eigenen Textes.

Ich wusste zwar noch, dass dort eines der beliebtesten Themen der Romantik, nämlich das des bösen Zwillings, behandelt wird, das ich ja mit den Brüdern Waldescher ebenfalls in den Mittelpunkt meines Romans „Aber ein Traum“ gestellt hatte. Ich glaubte allerdings, ich hätte E. A. Poes Varianten des Themas mehr zu verdanken, in erster Linie den Erzählungen „William Wilson“ und „Der Mann in der Menge“(3).  Auch R. L. Stevensons Dr. Jeckyll und Mr. Hyde lagen mir näher; schließlich auch „Dorian Gray“ von Oskar Wilde oder Franz Kafka, der dafür gesorgt hat, dass dieses von ihm in allen seinen Romanen benutzte Motiv seinen Weg in die Moderne fand und auch heute noch vor allem von SF-Autoren (Androiden) fröhlich benutzt wird.

Die Unsicherheit unserer modernen Existenz, das dünne Eis, auf dem wir uns tagtäglich bewegen, der Fremde, der uns aus dem Spiegel entgegen blickt, diese digitalisierte, ‚entfremdete‘ Welt, in der wir nur noch ein Teil einer Statistik sind, in der jede Empfindung und jeder Gedanke in jedem Augenblick tausendmal gespürt und gedacht werden – in ihr ist das Bild des Doppelgängers, der uns unserer nur eingebildeten Einzigartigkeit brutal beraubt, modern und zeitgemäß.

ElixiereErnst Theodor Amadeus Hoffmann
Die Elixiere des Teufels

Es war Wilson; aber seine Sprache war kein Flüstern mehr, und ich hätte mir einbilden können, ich selber sei es, der da sagte: “Du hast gesiegt, und ich unterliege. Dennoch, von nun an bist auch du tot – tot für die Welt, den Himmel und die Hoffnung! In mir lebtest du – und nun ich sterbe, sieh hier im Bilde, das dein eigenes ist, wie du dich selbst ermordet hast.”

aus: E.A. Poe, William Wilson

—————

(1) E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels. Neben dem höchst amüsanten und bedauerlicherweise unvollendeten Kater Murr sind die düsteren Elixiere der einzige Roman des vielseitigen Genies, das auch malte und – heutzutage leider fast vergessen – ein bedeutender Komponist war. Seine Klaviersonaten, seine Sinfonie und seine Opern (z. B. Undine) kann man heute wie ‚missing links‘ zwischen Mozart und Beethoven hören. Es gibt einige wenige Aufnahmen dieser Musik, meist jedoch von zweitrangigen Esembles. Zu empfehlen ist der Jahreszeit angemessen sein wunderbares Misere b-moll (z. B. zusammen mit der Es-Dur-Sinfonie bei Amazon), die durchaus neben dem berühmten Requiem von Mozart bestehen kann, dem Hoffmann in tiefer Verehrung den ‚Amadeus‘ entliehen hat.

(2) E.T.A. Hoffmann, „Lebensansichten des Katers Murr, nebst fragmentarischer Biografie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“ Den auch heute noch oft gelesenen und beliebten Roman gibt es in erstaunlich vielen, teilweise wundervoll illustrierten Ausgaben, als Hörbuch und freilich auch als kostenloses E-Book bei den üblichen Verdächtigen. Schon der sperrige Titel weist auf das Ziel hin, die Erziehungsromane der Aufklärung und die schmalzigen Liebesromane der Romantiker im Dunstkreis um die Brüder Schlegel zu persiflieren, aber es enthält mit den Kreisler-Abschnitten auch eine versteckte Autobiografie des Autors selbst. Und es ist eine Lektüre, die noch nie jemand bereut hat …

(3) Der eher unbekannte „Mann in der Menge“ ist neben „Das verräterische Herz“ die beste kurze Geschichte von Poe. Hier verfolgt der Erzähler einen Tag und eine Nacht lang unerkannt einen Mann in der Menge, der ihm aufgefallen ist. Dabei stellt er fest, dass jener von ihm Observierte, der ihm wie eine Verkörperung des Verbrechens erscheint, keine Heimat hat, sondern sich nur dort aufhält, wo er in Menschenmengen untertauchen kann. Der Erzähler und der ‚Massenmensch‘ – ich glaube, es ist das erste Mal, dass dieser Begriff in der Literatur auftaucht – sind Doppelgänger, eben Teil einer Masse, der sie nicht entkommen können.

Wochenlese 09.12. – 15.12.13

Während der Sonntage vor Weihnachten habe ich meine Wochenlesen der besinnlichen Jahreszeit angemessen etwas umgestaltet und stelle der Literaturempfehlung immer eine kleine Geschichte voran. Heute gibt es einen Auszug aus dem ersten Kapitel meiner längeren „Criminalerzählung“:

E. A. Poe

Das Geheimnis der Gräfin von Hohenloh

An einem recht sturmwindigen Abend Anfangs März des Jahres 1832 kehrte ich im Auftrage des New Yorker >Mercury< nach Paris zurück, um dem amerikanischen Publikum in einer Artikelserie von dem neuen Frankreich unter Louis Philippe Mitteilung zu machen. Freilich führte mich mein erster Weg nicht zur Dependance der Wochenzeitung in der Rue de Vermicelle, sondern zu meinem alten Freund C. Auguste Dupin, den ich, wie ich erwartet hatte, in seiner kleinen, nach hinten hinaus gelegenen Bibliothek, au troisième, No. 33, Rue Dunôt, Faubourg St. Germain antraf. Da ich ihn von meiner Ankunft nicht benachrichtigt hatte, erwartete ich, ihn beim zwiefachen Genusse einer Meditation und einer Meerschaumpfeife zu überraschen.

Zu meinem nicht geringen Verstaunen traf ich ihn jedoch bei den Vorbereitungen zu einer Reise an, die ihn, nach der Größe des Schrankkoffers zu urteilen, in dem er seine Bücher verstaute, mindestens bis zur Insel Sumatra führen mußte.

Ah, Edgar, da sind Sie ja endlich! Ich habe Ihre Ankunft schon für heute nachmittag erwartet. Die Post wurde wohl aufgrund des Wetters aufgehalten?“ rief Dupin seltsam erregt aus und umarmte mich so flüchtig, als hätten wir uns nicht vor Jahren, sondern erst vor Stunden getrennt.

Aber Dupin“, erwiderte ich ernstlich erstaunt, „dies geht über mein Begreifen. Ich stehe nicht an zu sagen, daß ich bestürzt bin, und mag meinen Sinnen kaum trauen. Wie war es möglich – wie konnten Sie von meiner Ankunft wissen-?“

Hier hielt ich inne und musterte ihn scharf. Erneut war es ihm gelungen, mich mit seiner analytischen Begabung zu überraschen. Er lächelte mich freundlich an; er schien wie früher ein ausgesprochenes Vergnügen an ihrer Übung – wenn nicht gar ihrer pomphaften Schaustellung – zu finden.

Nicht jetzt“, hob er abwehrend die Hand, „wir werden in den nächsten Tagen zur Genüge Gelegenheit finden, uns auszutauschen. Und ich will nicht zurückstehen, Ihnen zu sagen, wie sehr ich mich darüber freue. Aber nun drängt uns Wichtigeres!“ Er griff in seine weinrote Hausjacke. Obgleich Dupin durch die Affaire um den stibitzten königlichen Brief zu einigem Wohlstand gelangt war, hatte er sich noch immer nicht von diesem fadenscheinigen und häßlichen Kleidungsstück trennen können, in dessen unergründlichen Taschen er den größten Teil seines Hausrates aufbewahrte. Und wirklich förderte er nach kurzer Suche einen Brief zu Tage, den er mir überreichte.

Es steht mir fern, dramatisch klingen zu wollen, aber es geht wohl um Leben und Tod. Deshalb finden Sie mich auch in dieser Ihnen noch nicht angemessen erscheinenden Eile. Aber lesen Sie selbst, mein lieber Edgar, lesen und urteilen Sie“, drängte er mich. Ich öffnete den Brief, der nur aus einem einzigen Blatt bestand und erstaunte mich am Absender:

treu angehörig – Weimar am Freitag den 17. Februar 1832 – J. W. v. Goethe’, las ich auf Deutsch am Ende der Seite in einer unruhigen Handschrift.

Goethe? Dupin, Sie überraschen mich auf’s Neue. Sie im Briefwechsel mit dem Deutschen Dichterfürsten!“

Nun, der alte monsieur conseiller ist ein fleißiger Briefeschreiber“, erwiderte Dupin ruhig, während er erneut das Kofferpacken aufnahm. “Zumalen er die correspondence schon seit Jahren seinem Sekretär John diktiert. Obgleich meine Wenigkeit ebenfalls eine dichterische Ader pochen fühlt, ist es doch eher die gemeinsame Liebe zur Wissenschaft, die unseren Gedankenaustausch förderte.“

Ich nickte verwirrt. Wie wenig wußte ich von diesem Menschen, mit dem ich während meines ersten Parisaufenthalts die Wohnung geteilt hatte und der zu den wenigen Freunden zählte, die ich auf der Welt hatte.

Um so mehr interessierte mich daher, welcher Art der Briefwechsel zwischen Dupin und Goethe war. Ich öffnete also erneut das Blatt und las:

Nach einer langen unwillkürlichen Pause habe ich auf Ihr sehr wertes Schreiben, mein Teuerster, wahrhaftest zu erwidern, daß ich in unsrer gemeinsamen Sache einige Fortschritte getan.

Wir sind einig, Dupin, es war nicht Schillers Sache, mit einer gewissen Bewußtlosigkeit und gleichsam instinktmäßig zu verfahren, vielmehr mußte er mit mir über jedes, was er tat, reflektieren; woher es auch kam, daß er über seine Ideen nicht unterlassen konnte, sehr viel hin und her zu reden, so daß er alle seine Stücke mit mir durchgesprochen hat. Dies gilt auch für die von Ihnen in Erwähnung gebrachte abgebrochne Erzählung, die in der Tat, wesgleichen Sie insistierten, auf einem Zeitungsbericht beruhte, der Schillern in Jena um 1790 begegnete.

Es ist ein eignes Ding mit der Erinnerung, sie erweiset sich wie ein neckisches junges Mädchen, das uns durch tausend Reize anlockt, aber in dem Augenblick, wo wir es fassen und zu besitzen glauben, unseren Armen entschlüpft. Ich teilte Ihnen noch in meinem letzten Briefe mit, ich hätte kein Gedächtnis von der Geschichte und ihrer Fortsetzung, so wenig als ich vom Abschluß der Geisterseher wüßte – habe mich jedoch geirrt. Tatsächlich ist mir bei einer Durchsicht meiner grenzenlosen Papiere der Name der Gräfin wieder eingefallen und ich weiß plötzlich auch erneut ob der Mutmaßungen, die Schiller um den gewaltsamen Tod ihrer Ehegatten angestellt und wen er dieser ruchlosen Taten verdächtig machte.

Verzeihen Sie, Dupin, einem alten Manne, wenn seine Erinnerungen ein wenig sprunghaft erscheinen; verzeihen Sie ihm abermalen, wenn er einer Grille, die ihm durchs Gehirn lief, nachging und in seinen Akten ein wenig Polizeicommissar spielte; denn der Mensch will immer tätig sein und kann und soll seine Eigenschaften weder ablegen noch verleugnen. Gar selten tut er sich selbst genug, desto tröstender ist es, andern genug getan zu haben:

Daher darf ich Ihnen die Mitteilung weiterreichen, die verwitwete Gräfin Bianca von Hohenlohe, – da steht nun endlich ihr Name – lebe noch und erfreue sich guter Gesundheit. Sie habe sich nach dem so tragischen wie rätselhaften Tode ihres vierten Gatten nicht mehr verheiratet und lebe von der Welt geschieden auf dem Gute ihres sel. Vaters, dem Grafen Ludewig von Metzenstein, im Thüringischen. Bei einem unserer wöchentlichen Treffen gelang es mir nun, die Großherzogin Maria Pawlowna zu bereden, die Gräfin zum Frühlingsfest an den Hof zu laden. Ich bin überzeugt, aus dem Munde der Hauptperson Näheres über unseren Fall und darüber zu erfahren, ob denn Schillern mit seiner Verdächtigung betreffs der Morde recht dachte oder ob es ihm an den Kräften fehlte, die rechten und wahren Motive zu finden.

Verzeihung diesem verspäteten Blatte! Ohngeachtet meiner Abgeschlossenheit findet sich selten eine Stunde, wo man sich die Geheimnisse des Lebens vergegenwärtigen mag.

treu angehörig – Weimar am Freitag den 17. Februar 1832 – J. W. v. Goethe’

Ich legte das wertvolle Papier vorsichtig auf den Büchertisch.

Ein interessanter Brief, Dupin, in der Tat! Auch wenn ich nicht behaupten kann, alles verstanden zu haben. Aber aus welchem Grund meinen Sie denn, es ginge hier um Leben und Tod? Und weshalb packen Sie? Sie fahren doch wohl nicht nach Deutschland-“

-direkten Wegs ins Großherzogtum von Sachsen-Weimar-Eisenach, an den Frauenplan zu Weimar, zu Herrn Goethe, um explizit zu sein. Ich habe eine Privatpost abonniert, die uns noch heute Nacht gen Frankfurt befördert. Ach, was gäbe ich für eine Personenbahn, wie sie eben zwischen Manchester und Liverpool eröffnet wurde. Die Zeit läuft uns davon! Wenn ich den Brief nur eher bekommen hätte!“

Mit diesen zornigen Worten warf mein Freund ein letztes Buch in seinen Koffer und schloß ihn mit Nachdruck. Nun erst sah er auf und mein Erstaunen. Er seufzte leise und kramte aus der abgründigen Jackentasche seine Uhr hervor. Dann setzte er sich in seinen Ohrensessel und wies auf meinen Platz ihm gegenüber, der mir nicht danach aussah, als habe ihn Dupin in den Jahren, in denen ich ihn nicht mehr beansprucht hatte, jemals verrutscht. Und während ich mich ebenfalls setzte, war mir, als wäre ich in der Zeit zurückgegangen zu jenen Abenden, an denen wir hier nur mit der Hilfe der Verstandeskraft – Dupins, versteht sich – die rätselhaftesten Verbrechen aufzuklären vermochten.

Einige Minuten werden uns noch bleiben, teurer Edgar. Sie haben doch, wie ich vermute, Ihr Gepäck noch bei sich“, sagte Dupin und führte mich zurück in die Gegenwart dieses unfreundlichen Märzabends. Wie immer blätterte er in meinen Gedanken wie in einem geöffneten Buche.

Da ich direkten Weges von der Kutsche zu Ihnen eilte – ließ ich die Koffer unten bei der Concierge unterstellen – hoffte ich doch wieder bei Ihnen Wohnung zu finden. Aber ist denn der Herr von Goethe krank? Sein Brief rechtfertigt ein solches Vermuten nicht.“

Nach dem Tode seines Sohnes August vor zwei Jahren schien es schon mit ihm zu Ende zu gehen, aber nun erfreut sich der Geheimrat – so weit mir bekannt – wieder einer für sein hohes Alter ordentlichen Gesundheit. Nach seinem Brief muß ich jedoch besorgen, daß er sich den Teufel ins Haus geholt hat.“

Sie sprechen von der Witwe, Dupin, jener Gräfin zu Hohenloh“, vermutete ich.

Oder ihrem Umfeld – wir wollen da keine voreiligen Schlüsse ziehen. Die objektive Tatsache ist nun: Diese wahrhaft „schwarze Witwe“ hat alle ihre Ehemänner überlebt und jeder von ihnen wurde ermordet.“ Dupin legte wie in einem Gebet die Finger aneinander und hob sie an seine Lippen.

Ja, ich fürchte auf das Schlimmste“, sagte er besorgt und schien gewillt, weitere Mitteilungen zu machen. In diesem Moment wurde er jedoch in seinen interessanten Ausführungen von der Concierge gestört, die an die Tür der Lesestube klopfte und die Ankunft der bestellten Extrapost meldete. Dupin sprang auf.

Die Gräfin wird zum Frühlingsfest in Weimar erwartet. Folglich müssen wir vor ihr bei Goethe sein“, rief er. „Helfen Sie mir mit meinem Koffer, Edgar? Was stehen Sie denn da herum? So kommen Sie, jede Minute ist kostbar. Hätten Sie sich nicht verspätet, könnten wir morgen früh schon in Reims sein.“ Gehorsam trat ich vor.

Aber, Dupin, denken Sie an meine Arbeit. Ich kann doch nicht einfach – “, fiel mir ein. Ich ließ den Koffer wieder fallen. Dupin stolperte mit seinem Gewicht nach vorn.

Mache Sie sich keine Gedanken, dafür ist längst eine Lösung gefunden. Ich habe kürzlich die Bekanntschaft eines jungen Deutschen gemacht, der gleich Ihnen vor Ort ist, für seine Zeitung über die Französischen Zustände zu berichten. Er wird Ihnen seinen Artikel für den März überlassen; sie brauchen ihn dann nur mehr ins Englische übertragen. Und seien Sie versichert, dieser Herr Heine denkt so republikanisch wie Ihr Publikum in den Staaten.“

Was konnte ich noch sagen, welche Ausflüchte vorbringen? Bin ich doch immer leicht formbares Wachs in den Händen meines Freundes gewesen und – ich gesteh’s! – nur allzu leicht zu solch einem formidablen Abenteuer zu überreden, das mich zudem der Bekanntschaft eines bewunderten Dichters nahebrachte – spielte ich doch nach meiner unglücklichen Militärzeit ernsthaft mit dem Gedanken, ebenfalls Schriftsteller zu werden.

So darf es nicht Wunder machen, daß ich entschlossen Dupins Schrankkoffer wieder aufnahm und uns ein windiger und regnerischer Märzmorgen etliche Meilen hinter Paris über aufgeweichte und holprige Landstraßen eilend fand, mit dem Ziel, das Leben des Herrn von Goethe zu retten. […]

E. A. Poe

Ausgerechnet  der Feder des trunksüchtigen und allen magnetischen und krankhaften Geisteszuständen zugeneigten Edgar Allan Poe entstammt der erste ‚moderne‘ Detektiv, der allein durch seine scharfe Beobachtungsgabe und seine Deduktionskräfte seine Fälle löst. Insgesamt dreimal ließ er C. Auguste Dupin, den kühlen Berater der Pariser Polizei, ermitteln und schuf damit den Urvater von Detektivfiguren wie Émile Gaboriaus Inspector Leqoc oder Conan Doyles Sherlock Holmes, welcher ohne Poes Sonderermittler überhaupt nicht denkbar wäre. Trotzdem äußert sich Holmes selbst gegenüber Watson in Eine Studie in Scharlachrot über Dupin äußerst herablassend.
Ich nahm eine unvollendete Ballade von Friedrich Schiller zum Anlass, Dupin ein weiteres Abenteuer in Weimar erleben zu lassen, wo er den Mord an Goethe aufzuklären hat. Obwohl es nicht einfach war, den umständlichen Stil Poes nachzuahmen, war es ein wirkliches Vergnügen, mir diese Geschichte auszudenken…

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