Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Ich will das wissen: 130 Phantome

Die Statistik von WordPress behauptet einfach,(1) es würden 131 Leute meinem Blog „Aber ein Traum“ folgen. Das ist eigentlich eine tolle Zahl, aber mindestens 120 dieser „Follower“ schauen hier niemals vorbei, kommentieren nicht und drücken auch nicht nebenbei den „Gefällt mir“-Knopf. Sie sind nicht mal stumme Connaisseure, sondern schlicht nicht existent. Nun, ich vermute mal, dass die Hälfte der 131 „Follower“ ähnlich wie bei Facebook computergenerierte Bots sind oder Personen, die ihren eigenen Blog längst aufgegeben haben und damit nur als „Karteileichen“  meine Statistik aufhübschen. Von den restlichen „Followern“ werden wohl 50 bis 60 mir nach dem Twitter-Prinzip folgen, um für sich selbst zu werben; in der Hoffnung, dass ich es auch mit ihnen mache und dann auf ihrer Seite Kommentare und „Gefällt mir“ verteile – als wäre die Bloggerei ein Basar, auf dem man Gefälligkeiten handelt. Was ich hier schreibe, ist ihnen mit ziemlicher Sicherheit vollkommen egal. Ich könnte an dieser Stelle auch Katzenbilder posten oder Strickanleitungen oder Pornografie. Wahrscheinlich hätte ich dann noch mehr Phantom-Follower.

Selbstverständlich tappe ich mit meinen Vermutungen vollkommen im Dunkeln und würde gerne wissen, ob meine Mutmaßungen über die Zombies in meiner Followerliste ins Schwarze treffen. Jedoch … die, die ich fragen will, werden auch das hier nicht lesen, weil sie meine Seite niemals besuchen. Die Schlange beißt sich letzlich in den Schwanz; dieses Rätsel werde ich nicht lösen können.

Tatsächlich wäre ich die Pseudofollower gerne los, aber ich weiß nicht wie. Habt ihr ein paar Vorschläge?

Auf jeden Fall poste ich jetzt noch ein Bild von meiner Katze. Wer auf ein paar Nackte gehofft hat, den muss ich leider enttäuschen.(2)

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(1) Ich weiß nicht, ob die WordPress-Statistiken alle mit der neuen EU-weiten DSGVO konform sind und ich habe auch keine Lust, mich mit diesem Mist auseinanderzusetzen.

(2) Und stricken kann ich auch nicht.

Alles in Ordnung?

Ich bin kein geselliger Mensch. Ich habe gerade mal eine Handvoll enger Freunde und wenn ich einen von ihnen verliere, ist das, als würde man mir einen Finger abschneiden. Leider ist das in den letzten Jahren ein-, zweimal geschehen.

Mein Freund Hans-Dieter Heun – wahrscheinlich bester Koch der Welt und skurrilster Autor Deutschlands – dessen Werke z. B. hier fürs Gebotene außerordentlich günstig  zu erwerben sind, hat sich schon eine ganze Weile nicht mehr bei mir gemeldet und ich fürchtete schon, ich hätte einen Daumen verloren.

Alles in Ordnung, HD?

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Alles in Ordnung?

Schon, ja? Wirklich? Himmelarschundwolkenbruch, was ist mit euch los, was geht bei euch vor, was denkt ihr die ganze Zeit oder denkt ihr überhaupt wenigstens zeitweise? Bin ich tatsächlich der einzige Wächter im Universum der gesetzten Worte, der die Einfallslosigkeit und die Faulheit der Schreiberlinge durchschaut? Und ihre Monotonie bei der Satzfindung anklagt? Obwohl, etwas Monotonie schadet nicht. Zu mühsam sonst das Dichten des Denkers.

Früher war bekanntlich alles anders, irgendwie einfacher. Früher vermochte etwa der Autor eines Kriminalromans immer wieder sein Werk mit folgender Beschreibung aufzufüllen: Die Heldin, Frau Ottilie Mustermann – respektive das Opfer, Herr Otto Mustermann – zündete sich eine Zigarette an. Sie – oder er – gestaltete den Vorgang des Anzündens aufgeregt oder in aller Ruhe, mit einer lasziven oder fahrigen Bewegung, mittels eines Streichholzes oder eines Dupont-Feuerzeugs. Die Kippe mit Filter, keineswegs ohne und niemals gar nimmer nicht eine Rothhändle oder Gauloise bleu, bei denen, leicht schräg gehalten, die glühende Asche entgegen eigenes Wollen auf die Plastiktischdecke fällt. Jedenfalls rettete sich der Verfasser mit diesen wenigen, doch im wahrsten Sinne des Wortes zündenden Sätzen durch die 264 von den Verlagen geforderten Seiten. Doch die guten, einen Schriftsteller kaum fordernden Zeiten des Rauchens und ebenso des Saufens sind endgültig vorbei. Außer der Alkoholismus von Frau oder Herrn Mustermann gehört zur Grundstimmung des Romans, ebenso wie tiefe Depressionen mit regelmäßig wiederholten Selbstentleibungsversuchen nebst Schlagen der Hauskatze.

Wie aber ohne diese Füllsätze und ohne Zigaretten schreiben? Ich möchte, bitte, den genialen Autor kennen lernen, dem die superbe, fast für jede Situation passende Frage eingefallen ist: Alles in Ordnung? Diese menschliche Anteilnahme überzeugte dem Anschein nach alle anderen Autoren, breitete sich unter ihnen schneller aus als das berüchtigte Buschfeuer, ich möchte sogar behaupten mit über siebenfacher Schreibmaschinenschallgeschwindigkeit. Die Seiten werden voll, der Autor ist erleichtert.

Beispiele:

Aus dem alltäglichen Leben: Ein alte spindeldürre Dame im abgetragenen Persianermantel, mühsamst den fetten Zwergpudel an der gehäkelten Leine hinter sich herziehend, überquert mit langsamen, unsicheren Schritten eine Spielstraße, als ein Zwanzigtonner-Möbelwagen – der geneigte Leser oder Zuschauer eines Fernsehfilms beginnt zu ahnen – mit einhundertachtzig Sachen daherbrettert und die Greisin mittels des linken abgefahrenen Vorderrades in den schwarzen Asphalt bügelt. Einigermaßen erschüttert steigt der Möbelwagenfahrer aus dem Führerhaus, schnieft einmal durch, putzt anschließend mit seinem gebrauchten Tempotaschentuch dem Mütterchen die triefende Nase und fragt die wegen jener Mitleidsbezeugung aus dem Koma Erwachende: „Alles in Ordnung?“

Aus einem Heimatroman: Zenzi, die beste Milchkuh aller bekannten Alpenalmen, gebiert herzig anzusehende Kälber. Doch im beschriebenen Augenblick nicht nur ein Babyrindviech sondern 666 – Zahl des Teufels – in putzmunterer Folge. Der geburtshelfende Bauer kommt darob ins Sinnieren, schaut der Kuh in die großen dunklen Kuhaugen und jodelt im Stall: „Alles in Ordnung mit dir, oh Zenzi mein?“

Aus der unumgänglichen Liebesromanze: Die Rothaarige liegt ermattet im jungfräulichen Blute. Ihre aufgelösten Locken dekorieren ein Rosenkissen, die weitgeöffneten jadegrünen Augen irren durch ein Weltall voller Sterne von Lust und Leidenschaft. Die aufgespritzten Lippen formen noch kleine Seufzer. Ihr weißer weicher Leib ist schweißüberglänzt. Der Lover an ihrer linken Seite richtet sich halb auf, seine männlich ruhigen Finger suchen auf dem Nachtisch nach der Zigarettenschachtel, finden sie automatisch. Er zündet sich ein in Papier gestopftes Tabakerzeugnis an, welches aus den fermentierten, getrockneten und feingeschnittenen Blättern der Tabakpflanze hergestellt wird. Der Lover inhaliert tief, blickt noch einmal nachlässig auf die bebenden Brüste in klassisch schöner Bananenform seiner Gespielin und fragt beiläufig, während der Rauch aus seinem Mund das Schlafzimmer aromatisiert: „Alles in Ordnung, Baby?“

Zugegeben, diese Frage wurde und ist bei mir Manie. Sehe ich einen Fernsehfilm gleich welchen Genres, liegen Kugelschreiber und Papier bereit, um eine Strichliste zu führen, wie oft … Horrorfilme treiben es auf die Spitze. Bei jeder neuen knochenbrechenden Überdehnung durch die Streckbank fragt der Folterknecht – eine Rothhändle oder Gauloise im Mundwinkel – sein nackt auf dem Rücken liegendes rothhaariges Opfer: „Alles in Ordnung … Alles in Ordnung … Wirklich alles in Ordnung mit dir?“ So etwas, derart eine an sich fesselnde Handlung zu beschreiben, nenne ich wahrhaft einfallslos. Achte einmal darauf, einigermaßen empfindsamer Angesprochener, du wirst mit mir einig sein und hoffentlich bei einer Karriere als Drehbuchautor diesen Fehler vermeiden.

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Na, dann ist ja alles in Ordnung, HD. 

Übrigens: Der große Autor hat gerade sein neues Buch, an dessen Entstehung ich nicht vollkommen unbeteiligt war, abgeschlossen: „Die Wurzel des Lebens“ Er kann sich zwar kaum vor den unmoralischen Angeboten von Publishern und Agenten retten, aber er sucht doch noch immer den einen potenten Verleger, dem es endlich gelingt, seine bahnbrechende Prosa in die SPIEGEL-Bestsellerliste und ins literarische Quartett zu bringen. Da ich weiß, dass Raimund Fellinger, der Herr Cheflektor von Suhrkamp, hier immer mitliest: Hans-Dieter Heun würde Ihrem Katalog Ehre machen …

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