1. Urlaubspostkarte 2021: Diedorf, die B300 und die »Querdenker«

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Sonntag, 15.08. 2021

Diedorf ist keine Dorfschönheit. Es liegt zwar idyllisch und verschlafen zwischen der naturbelassenen Schmutter und den ausgedehnten schwarzen Wäldern westlich von Augsburg, also genau dort, wo der Fuggerstädter sich in der Natur naherholt und seine schwäbische Heimat bei Kässpatzen und heimischem Bier genießt, aber … schön ist es nicht. Das Beste an Diedorf (im Jahr 1056 erstmals urkundlich erwähnt) ist also seine Lage. Allerdings führt die vielbefahrene B300 direkt durch den Ort in den „Wilden Westen“ Bayerisch-Schwabens (1). Sie macht viel kaputt. Auf dieser Straße staut sich zu den Berufspendler-Uhrzeiten morgens und am Abend alltäglich der Verkehr und das kilometerlang in beide Richtungen. Weil die Firma »Müllermilch« in der Nähe ihre Produktionsstätten hat (2) und von dort aus ihre Milchprodukte in alle Welt und insbesondere nach Italien und Osteuropa versendet, kommt noch ein gewaltiges LKW-Aufkommen dazu. Der Hauptort der zersiedelten Marktgemeinde – Diedorf selbst – ist ein Straßendorf. Es gibt deshalb für ihre Bewohner keine sinnvolle Möglichkeit, die selbstverständlich in jede Richtung nur einspurige Bundesstraße mit dem eigenen Auto zu umfahren. Freilich fordern Anlieger und die örtliche Politik  gefühlt seit dem Jahr 1056 eine Umgehungsstraße um die Ortschaft, doch ich glaube nicht, dass ich – oder meine ungeborenen Enkel – ihren lange versprochenen Baubeginn noch erleben werden.

So bin ich auch in meinem Urlaub 2021, dessen erste Wochen ich zuhause in meinem Gärtlein verbringe, häufig gezwungen, mich auf jener B300 im Schritttempo durchs Diedorf zu quälen und zusätzlich an jeder der vielen Ampeln stehen zu müssen. Dabei geht es altväterlich und gemütlich, aber leider auch hässlich zuerst an Discountern, großen Gewerbebetrieben und Tankstellen vorbei, anschließend durch den unteren Ortskern (Bäckerei – seit neuestem mit Eisverkauf -, Friseur, Tierarzt, Optiker, Metzgerei, Getränkemarkt, Genossenschafts-Biolädchen, noch ein Friseur, Buchladen (3), Gaststätte, Erdbeerstand. Direkt dahinter an der Kreuzung kann ich dann endlich nach links in Richtung Bürgerpark und Sportplatz abbiegen, in deren unmittelbaren Nähe Frau Klammerle und ich in einer ruhigen – manche sagen: toten – Rentnergegend wohnen. Bemerkenswert ist, dass man auf dieser Route durch den Markt an vier Storchennestern vorbeikommt, von denen die großen, aber offenbar etwas dummen Vögel drei Nester direkt auf Strommasten unmittelbar an der stinkenden und lauten Straße errichtet haben. Alle Storchenpaare haben inzwischen flügge gewordenen Nachwuchs und wenn sie alle über Diedorf und den feuchten Schmutterwiesen kreisen, verdunkelt sich der Himmel.

In den letzten Monaten ist auf meiner täglichen Stauroute durch den Ort ein Ärgernis hinzugekommen: Demonstranten stehen mit selbstgemachten Pappplakaten am Straßenrand, die sie mir überheblich lächelnd vor die Windschutzscheibe halten. Leider fordern sie nicht den sofortigen Baubeginn der Umgehungsstraße. Nein, es sind Diedorfs »Querdenker« (4), zehn oder manchmal auch zwanzig Personen, die meinen, es besser zu wissen als alle anderen. Sie trotzen den Abgasen und haben die kleine Handvoll »Zeugen Jehovas« vertrieben, die diesen Platz vor Corona reserviert hielten und stumm ihren »Wachturm« in die Höhe hielten. Die verkündete Botschaft ist jedoch die gleiche geblieben: Der Weltuntergang steht unmittelbar bevor! Nur wenige Auserwählte und Erweckte – also sie selbst – werden gerettet. (5) Nun ist es hierzulande das gute Recht von jedermann und jederfrau, sich für seine und ihre »Meinung« neben oder meinetwegen auf die Straße zu stellen und auf diese Weise uns geistig Armen mitzuteilen, die wir uns fälschlicherweise von Wissenschaft, Intelligenz und gesundem Menschenverstand leiten lassen, wie sehr wir uns irren. Ich nehme mir allerdings normalerweise mein Recht heraus, den »Querdenkern« aus dem Weg zu gehen, denn eine Diskussion ist mit ihnen ja vollkommen sinnlos. Im Alltag und im Internet funktioniert dieses Vermeiden einigermaßen, auch wenn diese bunte Mischung aus Verrückten, Bösen und Dummen so lautstark ihren pathologischen Unfug verkündet und mir irregeleitetem »Schlafschaf« als allein seligmachende Wahrheit aufdrängen will, dass dort meine eigene – andere – Meinung regelmäßig totgebrüllt wird. Die größten Gegner der Meinungs- und Redefreiheit sind die, die hysterisch behaupten, es gebe sie in Deutschland nicht.

Leider ist es im Stau auf der B300 nicht möglich, diesen unangenehmen Zeitgenossen irgendwie auszuweichen, ohne den einen oder anderen zu überfahren. Dieser Zwang, sich mit dem plakatieren vollkommenen Irrsinn macht mich jedesmal hilflos und wütend. Zwischen vier und fünf Uhr am Nachmittag ist Diedorf zumindest für Autofahrer wie mich die Vorhölle, von der der bayerische Papst frech behauptet hat, sie sei abgeschafft. Denn die Hölle, da bin ich mit Sartre eins, das sind die anderen, jene, die sich mir ungefragt aufdrängen und belästigen, die meine Freiheit, sie ignorieren zu dürfen, mit Füßen treten – Tag für Tag für Tag.

Schöne Grüße! Das Wetter ist gut und ab Mittwoch bin ich für ein paar Tage am Altmühlsee, bevor es dann am Sonntag ins Tiroler Kaunertal geht. Hoffentlich gibt es dort keine »Querdenker«.

Euer Nikolaus

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(1) Es gibt auch einen oberbayerischen „Nahen Osten“ jenseits des Lechs. Aber über den sei hier gnädig der Mantel des Schweigens ausgebreitet.

(2) … und nicht im Allgäu, wie deren Marketingabteilung frech behauptet, sondern im von Diedorf nur einen Katzensprung entfernten Aretsried, das auf einem sanften Hügel zwischen Fischach und Ustersbach liegt. Dort ist zwar nicht das Ende der Welt, aber man befindet sich in seiner unmittelbarer Nähe. Die große Privatbrauerei in letzterem Ort – so lecker ihr Bier auch ist – trägt nicht zur Entspannung auf der B300 bei. Da fast jede Ortschaft ihre Brauerei hat, gibt es in den Stauden Bier-LKWs so häufig wie E-Biker.

(3) … weil ich gefragt wurde: Nein, die kleine „Buchecke“ führt keines meiner Bücher. Man kann dort höchstens die E-Book-Ausgaben meiner Werke erwerben – die im Moment übrigens noch auf 99 Cent reduziert sind. Ich denke, dass man dort noch immer nicht realisiert hat, dass einer der bedeutendsten deutschen Autoren gleich um die Ecke wohnt. Vielleicht ist es ihnen auch egal.

(4) Schade um den schönen Begriff »Querdenker«, der einstmals unbequeme Menschen wie mich definierte und nun an Leute verschwendet ist, die überhaupt nicht denken.

(5) Immerhin sind die »Zeugen Jehovas« in der Regel keine Impfgegner. Sie scheinen zumindest auf diesem Gebiet mehr Verstand zu besitzen als unsere heimischen Covidioten.

In the Summertime

Alltägliches, Der Autor, Erinnerungen, Garten, Gesellschaft, Glosse, Heimat, Humor, Kolumne, Leben, Literatur, Mein Dorf, Noch einmal davon gekommen, Satire

SUMMERTIME

In diesem Jahr kamen die Mücken spät, erst Mitte Juli. Wie die Wespen sind sie auffallend klein, aber aggressiv. Zielsicher finden sie die eine Stelle, die ich nicht mit Autan besprühte oder stechen gleich durch die Kleidung hindurch. Auch ihr Gift scheint gemeiner zu sein; die betroffene Hautpartie juckt ewig. Allerdings sind durch die häufigen Gewitter die Gelegenheiten eher selten, den Abend mit wohligem Ennui auf der Terrasse zu verträumen. Darum hält sich das Mückenproblem in Grenzen.(1) Man muss nur die Türen und Fenster geschlossen halten, damit sie einem nicht die Nachtruhe rauben. Aber das fällt bei den Abendtemperaturen leicht, die sich zielgerichtet dem Nachtfrost nähern. Ich habe schon überlegt, ob ich einheizen soll. Dafür schießen im dampfigen Morgennebel der seltenen wärmeren Tagen die Schwammerl aus dem Boden. Auch wenn ich nur selten Essbare finde. Aber Fliegenpilze sind auch viel hübscher anzusehen als Steinpilze.

Die Terrasse – mal wieder in nachmittäglichem Gewitterregen …

Die Idee zum folgenden Text hatte mein Freund Peter S., der meinte, ich solle doch mal über die sommerlichen Mückenabende  schreiben. Er sagte, er sei eben erst Rentner geworden und er habe deshalb wenig Zeit. Aber meine Bücher und meine Texte würde er auf jeden Fall noch lesen, spätestens im nächsten Jahr, mit seinem neu erworbenen Tablet auf seiner Terrasse. Nur wenig später wurde bei ihm ein besonders bösartiger Krebs diagnostiziert. Er starb wenig vor Weihnachten. Diesmal ist es ein trauriger Rückblick für mich.

*

Heute habe ich keinen Grund, mich aufzuregen. Es war eine schöne Woche: Die Arbeit ging leicht von der Hand und ich musste mich dabei auch nicht überanstrengen. Das Wetter ist sommerlich, aber die Temperaturen in angenehmen Alt-Herren-Bereichen. Kurz, um es mit George Gershwin zu sagen (Alle dürfen jetzt mitsingen. Ich bevorzuge allerdings die Fassung von Janis Joplin):

Summertime,
And the livin‘ is easy
Fish are jumpin‘
And the cotton is high

Your daddy’s rich
And your mamma’s good lookin‘
So hush little baby
Don’t you cry …

Also, es gibt keinen Grund zum Schreien. Allerdings sind da jene Mistviecher, die abends über meine Gartenterrasse herfallen und die Ruhe des Autors nach dem Sturm empfindlich stören, der gemeinsam mit Frau Klammerle bei Kerzenlicht an einem Glas Pfälzer Rosé nippt (Cuveé Tabernus – sehr empfehlenswert! Den gibt es inzwischen auch als 5-Liter-Karton; das hält eine Weile vor), dabei den geschmacklos altrosafarbenen Phlox beim Blühen bewundert und wertvolle Aphorismen für die Nachwelt (und seinen Blog) erdichtet.

Diese Plagegeister sind zum einen Teufels Beitrag zur Schöpfung –  jene weiblichen Mückenvampire, die sich durch das feuchte Klima der letzten Monate explosionsartig vermehrten, in überaus durstigen Wolken das Mondlicht verdunkeln und sich auf uns herabsenken und juckenden Blutzoll fordern, die anderen sind seltsame, fett brummende und ungelenke Juli- oder Augustkäfer von Daumennagelgröße, deren Hobby es scheint, mit voller Wucht gegen mein Panoramafenster zu knallen und dann wie besoffen weiterzutaumeln. Gibt es die überhaupt – Augustkäfer? Vielleicht sind es auch amerikanische Spionagedrohnen, die ein paar meiner weltbewegenden Gedanken abfangen wollen. (Seit kurzem folgt den Artikeln auf meinem Blog ein amerikanisches Modemagazin. Ob das irgendwie zusammenhängt?)

Als würden die neugierigen Blicke der Nachbarn schräg gegenüber nicht schon reichen. Immerhin steht jetzt die Goldrute so hoch, dass sie zum Spannen in den ersten Stock gehen müssen …

Gegen die Mücken hilft nur die Chemiekeule. Vergesst die Hausmittelchen wie Citronelladuftkerzen, mit Nelken gespickte Orangen und stinkende Weihrauchpflanzen – es sei denn, Ihr wollt es im Sommer einen Hauch weihnachtlicher – und verschwendet euer Geld nicht für Ultraschallpfeifen, Elektrofallen und ähnlichen, wie Frau Klammerle das ausdrücken würde, Schnickschnack. Schutz bietet allein DEET. Allerdings riecht man und frau danach klebrig nach Büffel, was der leichten Sommerliebe und den Trieben abträglich, aber immerhin: Die großen Schnaken (auf gut Günzburg-Schwäbisch formuliert: Uz Schnookn hans han!) stechen nicht. Trotzdem umschwirren sie weiterhin wütend sirrend meine Ohren und stoßen mit den Julikäfern zusammen, verbrennen sich gemeinsam die Flügel an der Kerze und landen zischend und nach Hühnchen riechend im heißen Wachs. Die Chemie gelangt zwangsläufig an die Lippen und das Gift in den Wein, der sich in eine ungenießbare Azeton-Lauge verwandelt.

Aber, wie gesagt: Die Fische springen, und Jerry Cotton(2) ist high.

Himmlische Ruhe herrscht auf einer sommerlichen Terrasse.

Wäre da nicht der Nachbar hinter der drei Meter hohen Thujahecke, der jetzt sofort, dringend, auf der Stelle, es muss einfach sein, geht nicht anders, den Rasen mäht und die laut vibrierende Heizungsanlage von den alten Leuten gegenüber, die sich in regelmäßigen Abständen einschaltet und unnötigerweise einen Boiler aufheizt. Und die Jugendlichen, die ihre aufgebohrten Maschinen hinten am Spielplatz testen und der IC nach Ulm und die dicken Lastwägen, die den Müller-Joghurt vom Nachbarort (der ja laut Werbung im Allgäu liegt) aus in alle Herren Länder transportieren. Und die Altherrenmannschaft vom TSV Diedorf spielt in schwarz-gelben Wespentrikots hinten auf dem nahen Sportplatz laut umjubelt gegen den FC Bieselbach(3). Der Nachbar zur Linken ist inzwischen in seinem Strandkorb – man gönnt sich ja sonst nichts – sanft entschlummert und sendet seine balzenden Schnarchgeräusche herüber. Jetzt schleimen auch endlich die Nacktschnecken auf ihrem Abendspaziergang zum Pflücksalat quer über den Terrassenboden. Sie machen wenigstens keinen Lärm dabei.

Beruhig dich, kleines Mädchen, es gibt kein‘ Grund zum Schrei’n.

Was für eine Sommernacht.

Heute hatte ich wirklich keine Veranlassung, mich aufzuregen …

Falls jemand von euch diese oder ähnliche Erlebnisse aus meinem aufregenden Leben auch an Orten lesen möchte, bis zu denen das Internet nicht hinreicht, also irgendwo im Amazonas-Dschungel, an einem gottverlassenen thailändischen Strand oder einfach in Niederbayern, dann kann ich mein Buch „Noch einmal davon gekommen“ empfehlen, das voll dieser Geschichten ist und sich als ideale Urlaubs- und Ferienlektüre anbietet.


(1)  Den letzten Sommerurlaub verbrachten wir im Chianti. Dort wütet die kleine Tigermücke, die ein paar eklige Krankheiten überträgt und dazu nicht nur nacht-, sondern auch tagaktiv ist und einen schon beim Frühstück quält. Selbst DEET hilft gegen diese Miniaturmonster kaum und ihre Stiche jucken furchtbar. Da kommt noch was auf uns zu mit der Klimaerwärmung. Dagegen ist unsere einheimische, schwäbisch-Diedorferische Mücke ein harmloses Insektchen.

(2) Kennt den edlen und tapferen G-Man vom FBI eigentlich noch einer? Ab den 60ern erlebte er in unzähligen Heftchenromanen wilde Verbrecherjagden in N.Y., half seinem minderbegabten Kollegen Phil Decker aus der Patsche, kriegte in jeder Folge das Mädel ab und wirbelte lässig auf den Absätzen herum, während er seine Browning aus dem Schulterhalfter riss, um dem bösen Kerl ein drittes Nasenloch zu stanzen. Abends fand er dann noch die Zeit, bei einem Highball als Ich-Erzähler seine Erlebnisse aufzuschreiben. Es gibt auch ein paar unsägliche Sechziger-Jahre- Verfilmungen mit dem an Mädels nicht allzu interessierten George Nader; in denen groteskerweise München so tut, als läge es an der amerikanischen Ostküste.

Ein Jerry-Cotton-Heftchen reichte genau einen öden Schulvormittag lang und konnte gut versteckt unter einem aufgeklappten Schulbuch unter der Bank gelesen werden, ohne dass der Lehrer misstrauisch wurde.

(3) Die Ortschaft gibt es wirklich; sie liegt im idyllischen Zusamtal zwischen Horgau und Zusmarshausen und hat als einzige Sehenswürdigkeit einen spätgotischen Holzaltar. Die letzte aufregende Zeit erlebten die Bieselbacher im Mai 1648. Da fand dort die letzte große Feldschlacht des Dreißigjährigen Kriegs statt, die auf deutschem Boden ausgetragen wurde. Ach, ja, beim Bieselbacher Fischer hole ich mir immer meine frischen Lachsforellen, wenn ich grillen will. Im Moment ist Bieselbach mit dem Auto leider nicht zu erreichen, weil die Ortsstraße renoviert wird.