Aber ein Traum …

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Konfrontation – Eine Kurzgeschichte

So komme, mein Kind, verlasse die traute Umarmung
der elenden Mutter, steige hinan
den Turm deiner Väter zur höchsten Zinne:
Dort sollst du – so wurde das Urteil gesprochen –
dein Leben verlieren.
Euripides: Die Troerinnen

„Einen Euro kostet das?“

Karl hob erstaunt den Blick von seinem Geldbeutel. Vielleicht hatte er sich ja verhört. Das kam häufig vor, seit er im vorigen Jahr in der Badewanne gestürzt und mit der Wange und dem linken Ohr hart auf das Porzellan des Wannenrands gefallen war. Trotz des aufgeplatzten Blutergusses, der pochenden, zermürbenden Schmerzen und der noch zermürbenderen Ermahnungen seiner Frau war er anschließend nicht zum Doktor gegangen. Er fand, solange er nicht zum Arzt ging, war er gesund. Wer wusste schon, was der alles entdecken würde. Und hatte Karl nicht rechtbehalten? Die Schmerzen verschwanden nach einer Weile, ließen sich nur mehr an warmen Sommertagen erahnen, und von der Wunde blieb nur eine kleine Narbe, sein Schmiss, wie er sie liebevoll bezeichnete. Und, ja, er hörte etwas schlechter. Aber mit Siebzig durfte man das. Es war sogar manchmal von Vorteil in dieser lauten, lärmenden Welt.

„Finden Sie das nicht etwas teuer?“, fragte er. „Das sind ja fast zwei Mark!“

Zweifelnd blickte Karl durch die fettige Glasscheibe in das Gesicht seines Gegenübers und hoffte auf eine zustimmende Reaktion. Für einen Moment wurde ihm schwindlig, denn er hatte das verwirrende Gefühl, in einen Spiegel zu sehen. Der Rentner in dem Kassenhäuschen hätte sein Zwillingsbruder sein können. Es war wie er selbst ein fetter, aufgeschwemmter und alter Mann mit schütteren, weißblonden Haaren. Er passte kaum hinter den niedrigen Tresen, auf dem Ansichtskarten des Turms, eine Billettrolle, eine Zigarrenkiste mit Wechselgeld und ein aufgeklapptes Buch mit dem Einband nach oben lagen. Und tatsächlich hob der Rentner hinter der Kasse seine Hand zum Ohr.

„Bitte?“, fragte er schwerhörig. Karl bemerkte, dass dem Mann zwei Finger an der Hand fehlten. Sie wirkte wie eine Klaue, die er an dem abstehenden Ohr einhakte. Der irritierende Eindruck, mit sich selbst zu reden, verschwand so schnell, wie er gekommen war. Er kehrte aber sofort zurück, als der Mann ungeduldig sein Kinn nach vorn rückte und auf der Unterlippe zu kauen begann. Karl reagierte auf die nämliche Weise, wenn er sich konzentrierte; seine Tochter hatte ihn erst letzten Samstag auf diese Marotte aufmerksam gemacht. Eilig winkte Karl ab und kramte in seinem Geldbeutel die verlangte Münze hervor. Gleichzeitig schielte er auf das Buch vor ihm, denn ihn interessierte, mit welcher Lektüre sich sein Doppelgänger die Zeit vertrieb, während er auf die seltenen Besucher und Touristen wartete, die diesen Stadtturm ersteigen wollten. Leider spiegelte das Glas der Trennwand so, dass er die kleinen, zudem auf dem Kopf stehenden Buchstaben des Titels nicht entziffern konnte. Auch mit dem Sehen war es bei ihm nicht mehr so weit her.

Karl schob das Geldstück durch die schmale Öffnung zwischen Tresen und Glas und erhielt im Gegenzug eine rote Eintrittskarte, auf der noch immer „Alter Wehrturm – 1 DM“ stand. Er öffnete bereits den Mund, um sich von neuem über die Inflation zu beschweren, die die Euro-Währung gebracht hatte, sah aber rechtzeitig die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens an. Wenn, wie er stark vermutete, dieser alte Mann ihm nicht nur äußerlich, sondern auch im Gemüt ähnelte, würde er lediglich ein gleichgültiges Achselzucken ernten. Karl nahm seine Eintrittskarte – sie fühlte sich wie Toilettenpapier an -, schob sie in seine Jackentasche und wandte sich zu der Treppe, die den Turm hinaufführte. Es war ein schmaler Aufstieg, der nach wenigen Stufen in eine Kehre tauchte. Der muffige, kalkige Geruch des alten Gemäuers hieß ihn willkommen. Einen letzten Blick warf Karl zurück. Der Mann im Kassenhaus hatte bereits wieder sein Buch in der Hand, hielt es so nah an sein Gesicht, als wolle er die Buchstaben mit seiner Zungenspitze, die zwischen seinen fettigen Lippen hervorlugte, ablecken.

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Es war ihm wirklich erstaunlich, wie sehr dieser dicke, alte Mann ihm ähnelte. Sicherlich war der Turmwärter einige Jahre älter als er, aber auch Karl ertappte sich beim Lesen manchmal dabei, dass er konzentriert seine Zunge zwischen die Lippen nahm und sie dort wie ein Scheibenwischer hin- und herbewegte. Karl seufzte, konnte sich aber trotzdem nicht dazu durchringen, mit seinem mühsamen Aufstieg zu beginnen. In diesem Augenblick bemerkte der Kassierer, dass der Besucher noch nicht weiter gegangen war und lugte neugierig hinter seinem Buch hervor. Zwei wässrige Blicke trafen sich. Jetzt betrachtet er mich zum ersten Mal interessiert, dachte Karl, nimmt mich als Person und nicht als Nummer wahr. Ich erinnere ihn an jemanden. Er weiß nur nicht, an wen. Daran wird er sich später erinnern. Er hätte ich sein können.

Das war ein Gedanke, der Karl gefiel.

„Kann ich noch etwas für Sie tun?“, fragte der Mann. Auch sein Dialekt war der von Karl. Beide waren sie in dieser nicht allzu großen Stadt aufgewachsen, nebeneinander her alt geworden und erst jetzt begegneten sie sich zum ersten Mal, sahen sich, erkannten einander.

„Nichts …“, erwiderte Karl gedehnt und zwinkerte dem anderen zu. Mochte der ihn für absonderlich halten, es spielte keine Rolle. Karl hatte sich selbst gefunden. Und morgen würde der noch immer hier sitzen und kurzsichtig in sein Buch starren. Jetzt erkannte Karl auch den Titel des Romans. Es waren die ‚Elixiere des Teufels’ von E. T. A. Hoffmann, sein Lieblingsbuch.

Zufrieden machte sich Karl an seinen Aufstieg in den Tod.

Der Engel im Spiegel – Kurzgeschichte (3. Teil)

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Der Engel im Spiegel

„Gott ist doch nie ein Teil der Lösung. Er ist immer nur ein Teil des Problems – oft auch seine Ursache. Deshalb, ich bin mir sicher, wird man schon bald das Theologische abschaffen, Religion unter Strafe stellen. Nur auf diese Weise kann die Menschheit im neuen Jahrtausend überleben. Mit dieser Großtat wird endlich das, was wir ‚Sinn‘ nennen, aus der Welt verschwinden. Wir werden glücklich sein. Und wir werden wieder Römer sein.“

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klärungsversuch fünf: sammlung

an diesem morgen konnte ich nicht weiterleben nicht auf diese weise verloren weiterhin dahinschreiten auf meiner endlosen verschlungenen und in sich selbst verknoteten kette aus grün leuchtenden möbiusbändern blind im gestern nach dem morgen tasten und mich ewig im kreis der paradoxe drehen erwachend ich blickte auf den warmen sanft atmenden körper neben mir und wusste das alles musste ein ende haben nach gestern durfte es endlich nur mehr ein ewiges heute geben nie mehr ein schritt zurück mit dem erwachen trug ich bereits diesen gedanken ihn hatte mir ein traum eingeflüstert in dem ich auf einem hohen turm stand zwischen schnell dahintreibenden weinroten wolken ein halber schritt nach vorn war noch zu tun ein beinahe zufälliges verlagern des gewichts nur ja den rest machte die schwerkraft halb zog sie mich halb sank ich hin stürzte vornüber rasend schnell in den grünen abgrund über dem ich meinen turm aus lügen und vorurteilen errichtet erschütterte mich ein klarer gedanke erkannte ich die lüge die mich mein leben lang getrieben hatte zur seite kippend breitete ich nun meine arme wie adlerschwingen aus krallte mich mit den fingern in die Wolken klammerte mich an ihren gespinsten fest und schwang mich empor hinauf umkreiste den turm gleich einem ewigen gesang dann fasste ich mit dem blick den horizont er leuchtete über den nebeln des abgrunds schau da flog ich tatsächlich in den jungen morgen da hinten das morgen erwartete mich und neben mir waren plötzlich viele andere gedankenschnell waren wir alle unterwegs gemeinsam auf dem weg in die zukunft der ich mich so lange verweigert hatte der schwere schwarze schatten des turms konnte uns nicht mehr erreichen wir badeten in einer zärtlichen sonne wir waren glücklich:

Ich erwachte neben der Frau, die ich liebte und wusste, dies war der erste, dies war der letzte Tag.

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… erschöpfend: Noch war ich nicht am Ziel. Trotz der Enge des Aufstiegs, die so verführerisch eine einzige Richtung vorgaukelte, nämlich die hinauf zur Plattform, galt es doch weiterhin, mit jedem Schritt Entscheidungen zu treffen. Bei unserem kurzen Treppensteigen den Turm empor lagen unendlich viele Kreuzungen versteckt, Scheidewege trennten sich, Irrpfade täuschten uns und Abzweigungen fanden sich zur Genüge. Sie alle führten in eine andere Zukunft, als in die, dich ich formen wollte. Lenkten von dem Weg ab, den ich so hoffnungsvoll wieder und wieder mit ihm begonnen hatte.

Ich wusste von unseren vorherigen Besteigungen, dass die hier in den unteren Stockwerken noch bequem zu begehende Treppe weiter oben in einem schmalen Turmzimmer an einer fast senkrechten Leiter endete. Sie war die letzte Anstrengung, die es zu überwinden galt, um gemeinsam hinauf auf die Aussichtsplattform zu gelangen. Das war die heikle Stelle, an der er schon mehrmals abgebrochen hatte. Ihn erneut zu überzeugen, würde schwierig werden. Zudem rutschten kurz vor der Luke ins Freie die Seitenwände so nah an die unzureichend beleuchtete Leiter heran, dass sich jeder, der sie zum ersten Mal empor stieg, heftig den Kopf an einem großen Holzbalken stieß. Einmal hatte sich der ältere Mann dabei eine stark blutende Platzwunde an der Stirn zugezogen, einmal war er sogar rückwärts hinabgestürzt. Ich hatte gerade noch rechtzeitig abbrechen können, bevor er auf mich fiel und mich mit sich in die Tiefe riss. Diesmal würde ich ihn rechtzeitig warnen können, auch wenn dadurch nicht alles vollkommen perfekt würde. Manchmal müssen aber neunundneunzig Prozent genügen.

… ein wenig Geduld: Noch war es nicht so weit. Noch befanden wir uns in den unteren Stockwerken. Mein Begleiter ließ mir bald den Vortritt beim Aufstieg. Bereits nach zwei Kehren kam der große, schwere Mann außer Atem, nur mühsam Anschluss haltend, stapfte er hinter mir die knarrenden Stufen empor. Obwohl er sich für sein Alter fit hielt, Tennis spielte und jeden Morgen auf seinem Rennrad zwei Stunden durch die Hügel fuhr, musste er dem Brunello und dem eben genossenen Abendessen seinen Tribut zollen. Auch mir standen schnell Schweißperlen auf der Stirn. Die großen Quader, aus denen einst das Kaufmannsgeschlecht seinen angeberisch hohen Turm errichtet hatte, waren durch einen langen umbrischen Sommer aufgeheizt und gaben ihre schwüle Wärme großzügig in die stickigen Innenräume ab.

… ausruhen: „Das ist ja interessant“, keuchte mein Begleiter und trat näher an einen halbblinden Kunststoffkasten heran, in dem sich ein undurchschaubares Gewirr aus Gewindestangen, Zahnrädern und Federwerken bewegte und einen erstaunlichen Lärm erzeugte. Wir hatten die Ebene erreicht, auf der das sorglose und technikbegeisterte 19. Jahrhundert eine große hässliche Uhr in den Turm eingebaut und seine ursprüngliche Symmetrie zerstört hatte. Freilich interessierten ihn das mühsam tickende, wie unter Schmerzen stöhnende Uhrwerk und die in die Mauer gebrochene Wunde nicht. Er nutzte die Gelegenheit, wieder zu Atem zu kommen, ohne vor dem jungen Wolf das Gesicht zu verlieren.

… Geduld ist am Ende die einzige Tugend, die die Zeit lehrt: Ich blieb direkt neben ihm stehen und ließ ihm die Illusion, dass er mich täuschen konnte.

„Diese Kaufherren wollten allen ihre Größe und ihre Macht zeigen“, gab ich meinem Begleiter die Zeit, die er benötigte, um tief ein- und schnell wieder ausatmend seinen Herzschlag zu beruhigen. „Ihr Geschlechterturm überragt seit nun bald siebenhundert Jahren den schlanken Glockenturm der Dorfkirche fast um das Doppelte. Als sie ihn errichteten, war das Christentum eben bedeutungslos geworden. Es war ein hübscher Verlierer, aber tot. Nichts weiter als ein anachronistischer Wiedergänger, der mit mahnendem Blick in die Zukunft schaut und dort nur den Friedhof seiner Ambitionen sieht. Ein neues Zeitalter dämmert am Horizont, es ist die Zeit der Bürger, der Krämer und Geldleute. Dieser wehrhafte Turm ist ihr Denkmal. Er deutet wie ein Finger hinauf zu den Sternen und fordert Unsterblichkeit, will vom ewigen Ruhm seiner Erbauer künden. Doch bald schon kamen Soldaten aus Florenz, danach die Venezianer, Spanier, Franzosen, Österreicher und noch viele weitere Eroberer. Immer wieder brannte der Turm. Zuletzt zündeten ihn die Nazis an. Der letzte Nachfahr dieses Geschlechts aus Kaufherren starb bei der Schlacht von Goito im ersten italienischen Unabhängigkeitskrieg. Und nun ist der Turm nur noch ein weiteres Beispiel der menschlichen Hybris und zeigt den Dörflern, wann sie mittags die Gitter vor ihren Läden schließen dürfen.“

„… und die Uhr geht ein paar Minuten vor“, ergänzte mein Begleiter lächelnd. Er atmete wieder ruhig und gleichmäßig. Aus seiner Tasche holte er ein Stofftuch, mit dem der sich sorgfältig über die Stirn und dann über den Nacken wischte.

… diesmal fand ich die rechten Worte: Nun musste ich ihn vorbereiten. Wieder einmal überraschte er mich. Er sprach die Gedanken aus, die ich noch im Geist formuliere.

„Der Moment vor der Erkenntnis ist ein schmerzhafter“, sagte er und wagte sich noch näher an mich heran. Unsere Oberarme berührten sich. Ich machte ihm Mut und lege meine Hand auf seine Schulter. Ganz nah an sein Ohr ging nun mein Mund. Er hatte diese kleine Belohnung verdient. Wenn ich es wollte, konnte ich nun mit meiner Zunge, ach, der weinroten, wortmächtigen, die durchsichtigen, feinen Haare kitzeln, die wie ein Flaum die Haut seiner Ohrmuschel bedeckten und sich unter meinem Atem zitternd aufrichteten.

„Ja. Er fordert vollkommene Klarheit und Entschlossenheit. Aber immer tut er weh. Sein Licht blendet und brennt deine Seele aus wie ein Feuersturm“, flüsterte ich ihm zärtlich zu und sah gleichzeitig durch eine schmale, wie eine Schießscharte geformte Fensteröffnung in der Wand neben der Uhr, Hinter ihr sank der aufgeblähte Sonnenball allzu eilig herab. Bald würde er die Spitzen der nachtschwarzen Zypressen auf den Hügeln im Westen berühren, von denen bereits wie feines Gewebe durchsichtiger Dunst emporstieg. Wir hatten nicht mehr viel Zeit. Aber diesmal, ich wusste es, würde es nur den einen Weg, den Weg nach vorne, den Weg nach oben geben. Keine Kreuzungen mehr, keine Zweifel.

… drängend: „Komm, eine letzte Anstrengung noch. Dann stehen wir auf dem Turm, den man nur einmal empor steigen kann.“

Er wand mir seinen Kopf zu, sah mir in die Augen. Zuversicht konnte ich dort lesen, Erwartung, auch Erregung. Und Furcht. Für einen kurzen Moment war sein Blick der eines Kindes, das hofft, aber schon zu oft enttäuscht wurde. Ich hatte erst gestern diesen Blick gesehen, bei den beiden Engeln, die die schwangere Madonna begleiteten, dort in dem alten Schulhaus. Gestern, als ich noch in einem ewigen Heute lebte, in einem anderen, mir selbst fremd gewordenen Leben, das ich beenden musste.

„Wir sind gleich oben. Aber gib acht“, mahnte ich, „stoß dir auf der Leiter nicht den Kopf an den Balken an.“ Falls mein Begleiter überrascht war, weil ich das Innere des Turms bereits zu kennen schien, verriet er das mit keiner Geste und mit keinem Wort. Er zögerte nur kurz, dann nickte er und wand sich wieder der Treppe zu. Diesmal blieb ich hinter ihm.

…schließlich: Wir standen auf der Plattform. Vielleicht hatte der Wind die Samen emporgetragen oder ein Vogel in seinem Schnabel. Zu unserem Erstaunen wuchsen dort oben auf magerem Erdreich und zwischen bröckelnden Bodenplatten mehrere alte, verkrüppelte Steineichen, die man von unten nicht sehen konnte. Es war, als würden wir in einen einen kleinen, heidnischen Hain eintreten. Ich hatte diese Umgebung nicht erwartet, da es mir diesmal zum ersten Mal gelungen war, bis hinauf auf die Spitze des Turm zu gelangen, aber sie war perfekt, wie für eine Theaterinszenierung vorbereitet. Ich fragte mich, wie die knorrigen, windschiefen Bäume bewässert wurden, denn ihr Grün war üppig und kräftig.

Diesmal hatte sich mein Begleiter nicht verletzt oder war erschöpft und enttäuscht wieder abgestiegen. Mein Plan hatte endlich funktioniert. Ich trat zur Seite und warf einen neugierigen Blick über die lächerlich niedrige Brüstung hinunter auf die Piazza gut sechzig Meter unter mir. Für mich schienen Jahre vergangen zu sein, seit wir dort unten auf der Terrasse des Ristorantes zu Abend gegessen hatten, aber es war tatsächlich höchsten eine Viertelstunde vergangen. Die Schatten erreichten bereits die Dächer des hoch über die umliegenden Hügel hinausragenden Dorfs und färbten die ihre Ziegel dunkelrot. Der riesige orangerote Glutball der Sonne, dessen Strahlen noch immer stechend im Gesicht brannten, stand nur noch eine Handbreit über einem Band aus geschmacklos rosafarbenen Wolken. In den Lücken, die sie ließen, war der Horizont durchsichtig türkis, fast grün. Sogar die Natur arbeitete eifrig mit, diesem Moment Feierlichkeit und Erhabenheit zu schenken.

… spähend: Die Bustouristen folgten ihrer Reiseführerin erleichtert und von der Kultur überfordert in eine billige Pizzeria am Ortseingang. Der Platz zu meinen Füßen leerte sich flink. Ich fand die Gesuchte endlich auf den Stufen der Säulenhalle vor dem Rathaus sitzend. Wenn ich es recht erkennen konnte, hielt sie ein cono gelato in der Hand und sah aufmerksam zu mir empor. Ja, jetzt winkte sie sogar. Sie hatte mich bemerkt. Eine plötzliche Wärme pochte in meiner Brust und machte sie eng. Da saß der Engel, wegen dem ich auf den Geschlechterturm gestiegen war und leckte abgelenkt an seinem Eis. Geduldig wartete sie am vereinbarten Treffpunkt.

Mein Begleiter, der noch immer genau in der Mitte der kleinen Aussichtsplattform zwischen den Eichen gestanden war, trat zögernd zu mir. Dabei kramte er in der Innentasche seiner dünnen Leinenjacke und zog eine schmale Brille heraus, die er umständlich auseinanderklappte und dann aufsetzte. Ihren Bügel ließ er dabei allerdings nicht los. Er gab ihm offensichtlich den Halt, um seine Höhenangst zu überwinden. Nur kurz warf er ebenfalls einen schaudernden Blick hinab. Dann trat er sofort wieder zurück vom Rand und verstaute wieder seine Brille.

Bevor er sich bewusst werden konnte, dass hier oben außer einem durchaus beeindruckenden Sonnenuntergang, den er allerdings so oder ähnlich auch von der Westterrasse seines Feriendomizils aus hoch über dem Silberrauschen eines Olivenhanges genießen konnte, nichts Bemerkenswertes zu entdecken war, musste ich handeln. Entschlossen schwang ich mich auf die nur zwei Hände breite Brüstung, drehte mich nach innen und balancierte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten. Mein Traum der vergangen Nacht kam mir wieder in den Sinn.

Der ältere Mann riss erschrocken die Augen auf und seine aufkommenden Zweifel verschwanden schlagartig aus ihnen. Auch von unten hörte ich Rufe. Sah Chiara, was ich tat? Egal, sie würde es gleich wieder vergessen haben.

… entsetzt: „Mein Junge“, rief der Mann, „mach dich nicht unglücklich!“

Ich musste lachen. Hatte er das wirklich gesagt? Mach dich nicht unglücklich? So eine banale Reaktion hätte ich ihm nicht zugetraut. Da hatte ich mehr von ihm erwartet. Ich wollte einen gebildeten Zeugen, der meine Tat wie einen Schluck edlen Rotwein oder wie eine Messerspitze überreifen Käse genießen konnte. Doch nun war es zu spät, zurückzugehen, einen anderen zu suchen. Ich war am Ende meiner Reise angelangt.

„Ich stehe am Scheideweg zwischen zwei wunderschönen Frauen“, sagte ich und tänzelte einen Schritt zur Seite. „Wie Engel sehen sie aus. Sie locken zu sich und flüstern mir ihre süßen Lügen zu, werfen verheißungsvolle, alles versprechende Blicke auf mich, zeigen mir ihre Reize. Sie heißen Aretē und Kakia. Sie sind die Tugend und die Schlechtigkeit. Die Umarmung der einen führt in die Freiheit, die der anderen in meinen Untergang. Doch beide Mädchen, die grün gekleidete und die rot gekleidete: Sie sehen genau gleich aus, ihre Stimmen sind die selben, die Haut von beiden ist weich und zart. Sie spiegeln einander in einer endlosen Vexierspiel. Ich kann nicht erkennen, welche die Gute ist und welche von ihnen mir schaden will. Ich stehe und schaue und wage es nicht, mich für eine Seite zu entscheiden.“

Mein Begleiter schnalzte mit den Lippen. Er wurde etwas ruhiger, wollte wieder an die Übereinkunft glauben, die wir getroffen hatten. Er war hier, um zu genießen, deshalb war er mir gefolgt. Unser Spiel der Worte war ihm nichts mehr als ein exquisites Dessert nach einem gelungenen Gastmahl an einem weiteren perfekten Tag in seinem umbrischen Paradies.

„Diese Parabel erzählt uns Prodikos von Keos. Sogar Jesus muss von dieser Geschichte gehört haben. Doch bist du Herkules?“, fragte der Besserwisser, der mit einem Mal begann, mir lästig zu werden. Ich ging nicht auf ihn ein. Das musste ich nicht mehr o knapp vor dem Ziel.

„Ich habe mein Leben damit verbracht, den richtigen Weg zu finden. Ich tastete mich vorsichtig in die eine Richtung, kehrte um. Versuchte die andere und lief feige mit eingezogenem Schwanz zurück zur Kreuzung. Doch nie fand ich heraus, welches der Mädchen Aretē und welche Kakia war, welcher ich trauen und welche mich verraten würde.“ Ich machte eine Pause, genoss den atemlosen Moment in der Zeit. Wie der Gekreuzigte stand ich mit weit auseinander gestreckten Armen auf der Ziegelsteinmauer hoch über der Piazza. In meinem Rücken ging die Sonne unter.

„Doch nun endet das Spiel“, fuhr ich fort. „Ich habe einen dritten Weg gefunden. Er ist ganz einfach zu betreten. Es ist seltsam, dass ich ihn immer übersehen habe, wo er doch so deutlich vor mir lag.“ Ich verlagerte mein Gewicht etwas zurück und schloss die Augen. Ich begann zu zählen: Von ‚Zehn‘ rückwärts auf ‚Null‘.

Bei ‚Drei‘ kippte ich nach hinten und fiel. Jemand schrie – über mir, unter mir. Ich weiß es nicht.

Meine Hände griffen in die Gespinste der Wolken.

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„Zeit ist Leben und Leben ist Verantwortung und Verantwortung bestimme deine Zeit. Weder Vergangenheit noch Zukunft gibt es, sondern es gibt eine Gegenwart der vergangenen Dinge, eine Gegenwart der gegenwärtigen Dinge, eine Gegenwart der zukünftigen Dinge. Diese drei Zeitformen nehmen wir in unserem Geiste wahr, aber sonst nirgendwo. Denn Zeit wohnt in deiner Seele.“

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klärungsversuch sechs: wahrheit.

glaube mir ich habe es auch nie verstanden aber von anfang an war ich anders ob ich die gabe bereits im mutterleib und in den ersten jahren meiner kindheit besaß ich weiß es nicht aber ich vermute es schließlich sind die frühen jahre endlos sie kennen keine zeit kein heute kein morgen dass ich in einem ewigen heute lebte und jederzeit zurück gehen konnte von heute nach gestern und vorgestern und gestern und vorgestern wieder ein heute waren erkannte ich erst spät fast zu spät in den jahren meiner pubertät für mich war die zeit nie eine einbahnstraße ich konnte immer wieder zurückkehren zurücktreten noch einmal versuchen und wenn es wieder nicht gelang noch einmal und wieder und wieder und wieder von innen sieht das hamsterrad wie eine leiter aus die mich hinaufführt doch tatsächlich brachte es mich nie vom fleck:

Bis ich zwischen zwei Engeln meiner Liebe begegnete.

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…wieder: „Ich habe satt!“, und legt beide Handflächen vor sich auf den Tisch. Er dreht sie langsam nach oben, mustert mich über seine randlose Lesebrille mit weinschwerem Blick.

„Da muss es doch noch etwas anderes geben“, fährt er mit gespielter Verzweiflung fort, „einen dritten Weg!“ Ich sehe, seine Hände wollen zwei Waagschalen bedeuten, in denen er das Gewicht seines Schicksals schätzt. Ich kann seine Weinerlichkeit nicht länger ertragen. Sein Selbstmitleid ekelt mich an.

„Ja, den gibt es“, erwidere ich und stehe entschlossen von dem Terrassenstuhl auf. „Ich bin ihn gegangen.“

Ohne ein weiteres Wort wende ich ihm den Rücken zu und trete hinaus auf die hitzestarre braune Piazza, die in der abendlichen Sonne brät. Eine Taube flattert müde auf. Ich spüre den überraschten Blick des älteren Mannes in meinem Rücken, aber er lässt mich ohne einen Kommentar ziehen. Wahrscheinlich fragt er sich, wie er sich so in mir täuschen konnte.

Mein Ziel ist ist das alte Renaissance-Rathaus am anderen Ende des Platzes, weit weg von dem arrogant hohen Geschlechterturm, den ich mit keinem Blick würdige. Ich habe Zeit; schlendere gemütlich über das holprige Pflaster. Ich setze mich auf die Stufen vor der großen Säulenhalle, in der am mercoledì der Wochenmarkt stattfindet. Ich warte geduldig. Bald wird sich hinten durch das Stadttor eine Wagenladung Touristen quetschen. Der ältere Mann, den ich so schnöde an dem Tisch vor dem Ristorante sitzen ließ, diskutiert eifrig mit dem Kellner. Er scheint mich schon vergessen zu haben.

„Ciao,“ sagt eine helle, frohe Stimme und Chiara setzt sich neben mich. Sie hält in jeder Hand eine Tüte gelato. Umständlich schiebt sie mit dem Oberarm ihre langen Haare zurück und gibt mir dann einen zärtlichen kalten Kuss auf den Mund. Er schmeckt klebrig nach dem Wachs ihres weinroten Lippenstifts und nach Himbeereis. Ich verliere mich in olivengrünen Augen und lache glücklich.

Mein dritter Weg wird keine Kreuzungen kennen. Er wird mich geradeaus in die Morgen führen, die nun vor mir liegen.

An der Seite der Frau, die ich liebe.

Der Engel im Spiegel – Kurzgeschichte (2. Teil)

 

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Der Engel im Spiegel

Wenn man nun dermaßen über sich selbst nachdenkt, bleibt einem gar nichts anderes übrig, als einzusehen, dass derjenige frei handelt, der tun kann, was er will und unterlassen kann, was er will, und dass Freiheit nichts anderes ist als das Fehlen äußerer Hindernisse.“

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klärungsversuch drei: annäherung.

der reine ich bin versucht zu sagen nackte physikalische vorgang ist keiner der anstrengung oder gar schmerz bereitet bereits als kind hatte ich keine probleme einen oder mehrere schritte zurück zu gehen ich schließe die augen sehe mit dem inneren blick in den spiegel meiner selbst zähle langsam rückwärts von zehn auf null und während dieses zögernden versenkens des rückzugs in den selbstpanzer stelle ich mir die szene um und so plastisch vor wie nur möglich versuche alle umgebung wiederzuerwecken geräusche gerüche licht und das spiegelbild für das es keine worte gibt da sie nur leere abstraktionen für ehrfurcht sind das ist nicht schwerer als joga selbsthypnose autogenes training lange geübt perfektioniert und in neunundneunzig von hundert fällen geht alles glatt ich rutsche zurück:

Irgendwann wird es mich töten und auch die anderen werden totbleiben.

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drängend: In der Mitte Italiens sind Öffnungszeiten nur ein unverbindlicher Rahmen. Dennoch waren der ältere Mann und ich schon etwas spät dran, wenn wir noch auf den Turm steigen wollten. Aber sein bedauernder Blick zurück auf den Tisch, auf dem eine neue Karaffe Brunello stand, war nur kurz. Ich schob ihn über die flimmernde Ziegelröte der Piazza, sanft die Hand auf seine Schulter gelegt, dabei genau den nötigen Druck ausübend. Es tat Not, sich zu beeilen, denn jeder Augenblick verlor Stimmung, die ich vorher mühsam aufgebaut hatte. Und ich hatte keine Lust, alles noch einmal von vorne zu beginnen. Dies war der letzte Versuch.

Nehmen wir an, wir haben gar keine Möglichkeit“, flüsterte ich ihm daher mephistophelisch schmeichelnd ins Ohr, zum ersten Mal seinen Geruch aufnehmend, „denn wir sind determiniert. Alles ist uns vorbestimmt und unser Leben scheint uns nur voller Alternativen, obwohl sie keine sind.“

Er roch nach Zimt, Rotwein und ein wenig auch nach Schweiß, eine scharfe, appetitliche Mischung. Wie gewünscht blieb er stehen, wandte sich halb zu mir. Der Respekt kehrte zurück und ich konnte mich vorbereiten; atmete die Umgebung ein. Vom Tor her trat eben eine Gruppe Touristen auf den hitzestarren Platz, folgte nur widerwillig der kulturtrunkenen Führerin. Immer häufiger zuckten die Blicke neidisch und ungeduldig hinüber zum Cola-Automaten der paninoteca und zu den staubigen Postkarten vor dem tabaccaio. Dieser Menschenhaufen belastete die perfekt erhaltene Renaissance-Symmetrie der Piazza und brachte sie fast zum Kippen.

„… mit einem Geschlechterturm aus dem trecento, bis hinein ins 16. Jahrhundert mehrmals aufgestockt … die Kaufmannsfamilie hatte … Wappen an der Westfront belegen, beste Kontakte zum Bankhaus ‚Fugger’ … ja, hier ging die Handelsroute über Perugia nach Rom …“, hörte ich Mosaiksteine von Lexikonwissen über der Reisegruppe ausgeschüttet. Ich überlegte, ob eine Korrektur sinnvoll war. Aber nein, der Moment war zu perfekt.

wie zum Beweis: „Das ist doch meine Angst“, erwiderte mein Freund und machte einen Schritt in den Schatten des Turmes, der den Platz inzwischen als dunkler Fluss in zwei Ufer teilte, „auch unsere Taten, auf die wir stolz sind, unsere Entscheidungen und Liebeserklärungen sind möglicherweise nur Wirkung. Versteh’ mich recht!“ Er hob einen mahnenden Zeigefinger, während sich die Hand zur Faust ballte. Mir war, als wolle er diese Gedanken festhalten und nie mehr loslassen. „Alles was wir machen und sagen, hat Ursache. Das ist banal und es beunruhigt mich nicht. Schrecklich ist jedoch die Umkehrung.“ Kopfschütteln. Eine kurze Pause: Etwas bleibt ungesagt. Dann erneutes Kopfschütteln: „Ich glaube, mich für eine Alternative entscheiden zu können – doch das ist Trug, ein Wahnbild. Es war schon vorher festgelegt, was ich mir erwähle. Ich hänge an klebrigen Fäden, die mich ziehen. Ich weiß es nur nicht. Alles was ich bin, ist Wirkung. Freier Wille nur der feuchte Traum einer Marionette.“

Gut: Er hatte sich Gedanken gemacht.

Schlecht: Das war das Gespräch, das ich mit ihm im Torre führen wollte, beim langen, schimmeldunklen Anstieg durch das knarrende Treppenhaus, diesem Gebärmutterkanal hinauf ins Licht. Nur eine kleine Änderung und der ganze Ablauf verändert sich.

Hältst du das für eine gute Idee?“, ließ sich mein Begleiter ablenken und blieb direkt vor der Eingangstür des Turmes stehen. Er deutete eine Gasse hinab, wo verblichene Kunststoffvorhänge und eine „Hausbrandt“-Reklame lockten. „Ich genieße unser Gespräch, aber wollen wir es nicht beim Wein fortsetzen und anschließend in die Bar? Dort gibt es einen Grappa aus der Gegend. Dann fahren wir zur Fattoria. Ich habe dort ein paar interessante Bücher, die ich dir zeigen möchte“, köderte er. Eine Besorgnis zeigte sich als Falte auf seiner Stirn.

wohl abgewogen: „Wir haben zwei Optionen: Zurück in die Welt“, ich machte eine wegwerfende Handbewegung hinüber zu dem schnatternden und fotografierenden Menschenhaufen, der sich nun wie eine Krankheit langsam auf der Piazza verteilte, „oder wir steigen auf den Turm, auf den man nur einmal steigen kann. Aber vielleicht wurde die Entscheidung schon längst für uns getroffen.“

Er lächelte und griff an seinen Gürtel, holte sein Smartphone heraus und stellte es ab. Nichts sollte ihn ablenken. Er hatte entschieden und stieg in meiner Achtung.

In der muffigen Eingangshalle saßen hinter einem kleinen Tisch zwei ältere, geschnitzt wirkende Frauen. Beide strickten an einem undefinierbaren Kleidungsstück. Im Türrahmen stehend sah ich noch einmal zurück auf den umbriafarbenen Platz. Nein, die Touristen machten keine Anstalten, uns zu folgen. Mein Glück hielt an; es war keine Korrektur nötig. Beide Frauen sahen auf. Es bewegte sich kein Muskel in ihren konzentrierten Gesichtern, ihr Blick war scharf und lauernd, die Pupillen schwarze, abgelutschte Olivenkerne. Sie hätten Zwillinge sein können oder eine das Spiegelbild der anderen. Die Treppe im Hintergrund wirkte wie die Strich-Punkt-Linie der Symmetrieachse, die Piero zu übermalen vergessen hatte.

Signori?“, sagte die eine.

Buona sera!“, sagte die andere.

Die Spiegelung hielt an. Dann endlich riss einer der beiden alternden Engel zwei weinrote Tickets vom Block, der auf dem Tisch stand, und hielt sie mir entgegen. Die andere öffnete eine kleine Kasse und hob die leere Hand.

Quattro E-Uro“, sagte die eine.

Per favore!“, sagte die andere.

Ich kramte ein paar Münzen aus meiner Hosentasche und nahm ihr die Abrisse aus der Hand, auf denen die Aufschrift: ‚2000 lit.’ mit ‚€ 2’ überstempelt waren. Ich war stolz, wie sehr sich der reiche Mann bei dieser Trivialität im Hintergrund hielt. Er bewies erneut Geschmack. Die zweite Frau deutete auf die Holztreppe hinter ihr, die nach oben ins nächste Stockwerk führte. Sofort hörten wir für die beiden auf zu existieren. Sie führten ihre Meisterschaft im Synchron-Stricken fort.

endlich: Wir begannen unseren Aufstieg vorbei an vergilbten, kaum leserlichen Texttafeln und historischen Ansichten von Stadt und Turm. Im ersten Stock hingen ein paar speckdunkle, das Kunstlicht spiegelnde Gemälde äußerst zweifelhafter Qualität, die stockhässliche Persönlichkeiten des ehrwürdigen, mit den Fuggern befreundeten Kaufmannsgeschlechts zeigten. Hier im fensterlosen Turm war es angenehm kühl, aber auch drückend, kaltschweißig.

Die Reise beginnt“, sagte ich und meine Stimme klang dumpf, wie erstickt. Der ältere Mann sah mir direkt in die Augen.

„… ein Weg, den wir nur einmal gehen können.“ erwiderte er sehnsüchtig.

Als Herkules das Alter erreicht hatte, wo der Knabe sich in den angehenden Jüngling verliert, und junge Leute, indem sie ihre eigenen Herren zu seyn anfangen, zu erkennen geben, ob sie in ihrem künftigen Leben den Weg der Tugend oder den entgegengesetzten gehen werden, zog er sich einstmals, noch unentschlossen welchen von beyden Wegen er einschlagen wolle, an einen stillen einsamen Ort zurück, um der Sache ernstlich nachzudenken. Da däuchte ihn, als sehe er auf einmal zwey Frauenspersonen von mehr als gewöhnlicher Größe auf ihn zukommen.“

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klärungsversuch vier: begriffe.

wenn ich einfach einmal setze zeit sei nichts weiter als ortsveränderung a nach b durch den raum dann impliziere ich eine rückkehr aber das ist natürlich falsch damit erklärt sich doch nicht die möglichkeit der rückkehr denn ich steige eben nicht zweimal in den gleichen fluss turm tag leben zeit lebenszeit ist ein weg den ich nur in einer richtung begehen kann denn auch in der umkehr ist zeit vergangen ich besuche einen ort und während ich ihn erkunde vergeht zeit weil ich mich bewege vorwärts rückwärts im kreis auch der ort für mich so still bewegt sich in des tages kurzer reise er altert wie ich ist der witterung ausgesetzt den elementen kurz der zeit kehre ich dann nach zwei stunden tagen jahren zurück egal wie lange es dauerte haben wir uns beide verändert der ort und ich wir sind andere geworden ähneln noch der früheren gestalt aber wir sind es nicht mehr wir sind fremde schattenwürfe des vergangenen wie ein physiker mir erklärt hat bestehe ich nicht einmal mehr aus den gleichen bausteinen wie früher ich denke anders bin anders geprägt also besucht eine neue person einen neuen ort das ist die einmaligkeit der zeit:

Doch es gibt für mich einen Weg.

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Sie taucht hinter ihr Buch, tut, als würde sie völlig eingesogen von ihrer nur vorgeschobenen Camilleri-Lektüre: Sie versucht, die störende Wirklichkeit – und damit auch mich – zu negieren, indem sie die Welt außerhalb ihres Glaskastens ignoriert. Das mag manchmal funktioniert haben; Chiara wirkt, als würde sie nicht zum ersten Mal so handeln, aber bei mir klappt das nicht: Ich habe ein Ziel und sie ist nur eine wenngleich hübsche Barriere.

mein Zeitpunkt: Er ist ein zufälliger, auch wenn er so absichtsvoll gewählt wirkt. Wenn ich nur Wirkung bin, dann wirkt etwas Großes. Dieses Mal hat mich mein Versuch, einen perfekten Tag zu erleben, noch nicht dazu verleitet, ihm ein wenig nachzuhelfen. Manchmal geht es auch ohne Eingriffe in den Gang der Zeit; auch wenn die Versuchung groß ist, in alte Gewohnheiten zu verfallen. Es war einzig der Zufall eines schäbigen, von Schüssen durchlöcherten Wegweisers an einer Straßenkreuzung und die dunkel erinnerte Kunst Pieros, die mich nach Monterchi geführt haben. Es ist mein konsequent geleiteter Ausweg aus den quälend engen, perspektivefremden Bildern der Assisi-Maler, die meinen gestrigen Tag durch die Basilica di San Francesco begleitet hatten.

Gestern erscheint mir jetzt als Ungeheuer, eine lange vergangene, eine mythische Zeit. Ich war erleichtert, Assisi heute Morgen mit meinem Auto auf der staubigen E 75 Richtung Norden verlassen zu können. Eigentlich hatte ich einen Umweg über das weiße Gubbio geplant, jenem großartigen am Berghang gestrandeten Schiff. Aber im Nachhinein betrachtet wäre die Stadt eine falsche Fährte gewesen. Meine Tage bestanden seit geraumer Zeit nur aus Umwegen. Mein Ziel, wenn ich überhaupt eines hatte, war fern und fremd. Es war die Ausrede, Treibgut der Wirkung zu sein. Ich wollte Dinge wiedersehen, die mir bei meinem ersten Besuch fremd geblieben waren. Es stimmt schon: Man kann nur sehen, was man auch verstanden hat.

Damals, noch vor dem vernichtenden Erdbeben von 1997 stand ich in der Basilica di San Francesco von Pilger- und Touristenströmen umflutet, hörte etwas von Giotto und Cimabue, erblickte ein paar bunte, surreale Bildchen an Decken und Wänden – und sah tatsächlich nichts. Gestern war ich nun eine neue Person und endlich bereit.

sah: Auch wenn viel Unersetzliches zerstört ist, denn auch der Ort hat sich gewandelt, nahm ich doch eine Spur von dem auf, das mich nach vielen Umwegen schließlich zur Madonna del parto geführt hat, dem heiligen Tabernakel im Tempel des Herrn. Um es noch einmal zu sagen: Es ist wirklich ein Zufall, der mich in der Mittagshitze in das kleine Museum führt, zu einem Zeitpunkt, an dem das ohnehin ruhige Leben im Dorf endgültig zum Stillstand kommt und selbst die wenigen Touristen in den Baumschatten vor der einzigen Trattoria geflüchtet sind.

Einmal bitte“, spreche ich Chiara voller Absicht auf Deutsch an, denn ich will mich verständnislos geben, falls sie das Museum für geschlossen erklärt, „Ein Eintritt zum paradoxen Wunder einer schwangeren Jungfrau“, und setze ein gewinnendes Lächeln auf. Der Blick der jungen Frau geht kurz nach oben, über den Rand des scheinbar so fesselnden Buches hinweg, ein schwarzer Olivenblick, der mich durchleuchtet. Sie macht allerdings keine Anstalten, den Camilleri zu senken. Ich verschränke die Arme und mustere Chiara, öffnete ein paar geistige Schubladen, krame in den Schablonen.

Jung, die Haare kohleschwarz gefärbt, gutausehend: Studentin mit Semesterjob.

Dezent geschminkt, elegant, aber unauffällig gekleidet, einen Krimi lesend: Studium der Betriebswirtschaftslehre.

Ein dünnes Goldkreuz, das fast im Karschnitt ihrer Brust verschwindet: Religion, aber nicht ernsthaft ausgeübt, mehr Folklore als Empfindung.

Die Frisur nicht ganz ordentlich, Kaugummi kauend: Alles in allem eine fast schon zu typische junge italienische Frau. Wo hat sie ihr cellulare versteckt?

Unnahbar? Vielleicht. Ich mache meinen ersten Versuch.

Ah, Commissario Montalbano“, lächle ich. Nun legt sie endlich das Buch zur Seite. Ihre spöttisch nach oben rutschenden Mundwinkel belegen meinen Fehler.

Nein, es ist die Pirandello-Biografie. Ich lese keine kriminalen Geschichten“, erwiderte sie in ordentlichem Deutsch mit einem entzückenden Akzent. „Das Museum ist bis drei Uhr geschlossen.“

Nun sitze ich in der Falle. Ist es sinnvoll, doch einen neuen Versuch zu starten? Ich habe keine Lust, an diesem Ort die Zeit totzuschlagen. Schließlich will ich bis zum Abend ein gutes Stück weiter in der Kunstgeschichte kommen.

Ich wechsle ins Italienische:

Dann lesen Sie doch bitte weiter … und ich brauche nur zehn Minuten, anschließend bin ich wieder weg. Da drinnen wartet eine Dame auf mich. Es wäre unhöflich, sie länger allein zu lassen.“ Falls ich gehofft hatte, Chiara würde auf meinen Scherz eingehen, sehe ich mich getäuscht. Sie bläst die Wangen auf.

Das geht nicht: Das Museum ist zu“, sie bleibt beim Deutschen, benutzt die Sprache zum Abstandhalten. Ich sehe ein: So ist sie nicht zu beeindrucken, ein neuer Versuch wird nötig. Ich bin sicher, dass ich die Brechstange kenne, mit der sie zu knacken ist. Ich schließe die Augen, atme langsam ein und beginne rückwärts zu zählen. Dabei greife ich vorsichtig nach dem Bild, das ich in meinem inneren Spiegel sehe.

schwierig zu tun, noch schwieriger zu erklären: Ich öffne meine Augen und die Szene hat sich nur wenig verändert. Im Halbdunkel des weißgekalkten Flurs sitzt im Glashäuschen Chiara und liest in ihrem Buch. Ein dunkler Blick trifft mich. Vielleicht hätte ich noch ein, zwei Schritte zurücktreten sollen.

Buon giorno, signorina.” Ich trete näher, werfe einen flüchtigen Blick auf ihr Buch, während ich meinen Geldbeutel aus der Hosentasche ziehe. Diesmal werde ich mich auf keine Diskussion einlassen.

Ah … die Pirandello-Biografie“, sage ich auf italienisch, versuche verzweifelt ein paar Erinnerungen an meine Leseerfahrungen mit dem Nobelpreisträger wachzurufen, „ein weiterer einsamer Mann ohne Vater, dem in der Masse des zwanzigsten Jahrhunderts die Identität verlustig ging.“

War das zuviel? Ein wenig scheint sie sich schon über die Art zu wundern, mit der ich ihr meine Kenntnisse aufdränge. Aber ihr Interesse ist geweckt. Nun muss ich es nur noch erhalten. Denn mein Ziel ist es, an diesem Zerberus vorbei ins Museum vorzudringen. Ich ziehe einen Fünfeuroschein aus dem Geldbeutel.

Sie antwortet mir in ihrer Muttersprache, muss mir beweisen, dass auch sie Ahnung hat: „Camilleri ist sogar weitläufig mit ihm verwandt, glaube ich.“ Dann wird ihre Stimme härter. „Das Museum ist geschlossen, kommen Sie bitte um drei Uhr wieder.”

… hartnäckig: „Aber es ist doch noch nicht Mittag. Lesen Sie einfach weiter … ich brauche nur zehn Minuten, dann bin ich wieder weg. Ich will die Madonna sehen … sehen und mich lebendig fühlen. Auch ich bin meiner Identität verlustig – aber dort finde ich sie wieder.”

„… ab drei wieder”, bleibt sie fest, aber sie lächelt nun zum ersten Mal.

„Aber was mache ich denn so lange hier in Monterchi? Der Ort ist um diese Uhrzeit tot.”

„Ich an Ihrer Stelle würde einen kühlen Ort aufsuchen, etwas trinken und in einem Buch lesen.” Nun flirtet sie, aber sie will mich noch nicht vorbeilassen.

„So wie du”, wechsle ich die Anrede. Chiara schüttelt den Kopf.

„Leider habe ich nichts zu trinken.”

… das wird wieder nichts: „Und ich kein Buch. Vielleicht könnten wir gemeinsam …”

„Kommen Sie bitte um drei wieder”, unterbricht sie mich.

Ich muss wieder zurück. Aber jetzt habe ich langsam Spaß daran. Wollen mal sehen, ob ich sie nicht doch noch erweiche.

Mein Weg ist in zwei Hälften geschnitten.

[Zum 3. Teil]

Der Engel im Spiegel – Kurzgeschichte (1. Teil)

Die Illustration unten  zeigt einen Ausschnitt aus der „Madonna del parto“ von Piero della Francesca, einem Fresko aus dem Jahre 1492, das in der kleinen toskanischen Ortschaft Monterchi zu besichtigen ist, wo dem Gemälde ein eigenes Museum gewidmet wurde. Ich habe Sehnsucht nach Wärme, Urlaub und Italien. Daher habe ich heute den Anfang meiner Erzählung „Der Engel im Spiegel“ wieder nach oben geholt. Ich weiß, dass der Text meiner Leserschaft einiges abverlangt und man Geduld und Aufmerksamkeit mitbringen muss. Das ist im von Schlagworten, Fakes und Hasskommentaren geprägten Internet, wo manchem schon ein „Tweet“ zu lang ist, unüblich. Darauf wollen sich leider nur wenige einlassen.

Trotzdem ist dies die Geschichte, die ich persönlich für meine beste halte; sie ist trotz einiger Mängel mein Liebling … auch wenn ich mich mit ihr für den bad sex in fiction award bewerben könnte. 

Madonna

Der Engel im Spiegel

Wenn die Hoheiten reisten, fanden sie, durch Zufall und Scharfsinn, stets Dinge, die sie nicht gesucht hatten. So entdeckte einer von ihnen, dass auf der gleichen Straße, auf der sie reisten, vor kurzem ein Maultier vorbeigekommen war, das auf dem rechten Auge blind war, denn nur auf der linken Seite war das Gras abgefressen, und dort war es viel schlechter als auf der rechten Seite.“

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klärungsversuch eins: gleichnis.

wie ich befürchtet hatte zerbricht der untere rand des orangeneises direkt über dem holz in große hälften nur mit einer schnellen durchaus gedankenlosen will sagen reflexhaften bewegung der zunge gelingt es mir geschickt das kinn nach vorn gereckt die beiden teile in die mundhöhle zu schaufeln während die eine hand eine schaufel vor dem hals formt und die andere mit dem saftklebenden stiel auf die stuhllehne sinkt sofort schmerzt die kälte scharf an den plomben und ich blase beide wangen auf die zunge die vielbeschäftigte! weindunkle! hält das eis in bewegung alles ist ein faksimilie der zahllosen kindtage gleichzeitig eine bewusst gekostete reminiszenz an verlorenes wie oft zerbrach mir früher das schleckeis habe ich den masochistischen genuss wiederholt war es damals ein grund für mich zurückzutreten:

Sommer, die buchstäblich kein Ende nahmen.

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… wieder: „Ich habe satt!“, und legte beide Handflächen vor sich auf den Tisch. Er drehte sie langsam nach oben, musterte mich über seine randlose Lesebrille mit weinschwerem Blick.

Da muss es doch noch etwas anderes geben“, fuhr er fort, „einen dritten Weg!“ Ich sah, seine Hände wollten zwei Waagschalen bedeuten, in denen er das Gewicht seines Schicksals schätzte. Die Geste hatte Religion, war eine Beschwörung. Er verharrte wie im Gebet, auf die Antwort der höheren Macht hoffend, die sein Blick nun in dem orangeroten Reflex suchte, den die untergehende Sonne durch den Dechanter auf den Tisch warf; schnell hatte er es aufgegeben, nach ihr in meinen Augen zu forschen. Er redete mit sich selbst. Dass er dabei ein Gegenüber hatte, war nur ein durchaus glücklicher Zufall.

Schwalben flogen Angriffe im tiefstehenden Sonnenlicht. Ich hörte ihr Pfeifen.

Herkules am Scheideweg. Ja. Immer bleibt mir die Wahl zwischen zwei Übeln. Ich habe satt, mich immer für das vermeintlich kleinere entscheiden zu müssen.“

Erneute Beschwörung, die offenen Handflächen nun etwas höher über dem kleinen Bistrotisch. Ich war abgelenkt, ich gebe es zu. Hatte ich diesem Bekenntnis unter italienischem Abendhimmel nicht schon oft lauschen müssen? Mir schien es so. Dabei wusste ich nicht einmal den Namen des Mannes, der mit mir am Tisch saß, hatte ihn schneller vergessen, als er ausgesprochen war. Manchmal schien mir, ich könne Worte des älteren Mannes mitsprechen, aber sie hatten einen ungewohnt harten Klang, waren viel zu verbissen für das weiche, nachgiebige Licht, in das der Platz getaucht war. Und doch hatte ich schon tausendmal gehört, was er mir zu sagen hatte. Es war ein Archetyp, ein paradigmatischer Moment. Worte, denen ich nicht entkam.

… lähmend: „Das nennen sie Demokratie, wenn ich zwischen Gaunern und Narren wählen muss. Politik heißt, faule Kompromisse zu schließen. Gott scheint es nicht anders gemacht zu haben, als er sich diese ‚beste aller Welten‘ wie eine ekle Fleischfaser zwischen den Zähnen heraus pulte. Der Demiurg hat ein paar Erdvarianten hingeschlampt und uns auf der am wenigsten misslungenen angesiedelt. Zu mehr war er, Opfer der Umstände, nicht in der Lage. Und wenn ich mich darüber beschweren will: An welchen der vielen Götter soll ich mich denn wenden? Die Frage lautet nicht, wer der Beste von ihnen ist, sondern welcher am wenigsten Ungeheuer.“ Einige Schweißperlen glänzten nun auf der Stirn des Gnostikers.

… warmgeredet: Ich atmete verhalten in mein großes, nach modrigem Holz und Kirschen riechendes Weinglas, das meine beredte Miene hinreichend verdeckte. Beinahe hätte ich ihn gefragt, ob seine Entscheidung, statt Tafelwein Brunello zum Essen zu bestellen, auch ein fauler Kompromiss war. So schlecht konnte es um die ‚beste aller Welten‘ nicht bestellt sein, wenn man hier solch ein Getränk kelterte. Auf seine Weise hatte der Mann jedoch recht. Mein fauler Kompromiss war aus der Wahl entstanden, in Ruhe den Abend bei öliger Pizza und mafiasaurem Chianti, aber in der besten aller Gesellschaften, nämlich meiner eigenen, zu verbringen oder für den Montalciner Traum, crostini al fegatini di pollo, fettuccine con i tarfufi bianchi, hauchzarte piccioni con aglio und einen 12 Monate alten pecorino aus Pienza sein banales Geschwätz zu ertragen. Aber vielleicht war ja noch mehr aus dem Abend zu holen.

… käuflich: Nun, ich hatte ja meine Möglichkeiten und er schien nun doch zu bemerken, wie weit er gegangen war und sich in philosophischen Höhen verstiegen hatte, in denen ihm schnell die Luft knapp wurde.

Und in meinem Leben?“, suchte er seinen Weg zurück ins Tal. „Immer musste ich mich zwischen Übeln entscheiden. Jedes Mal gab es etwas, das die Wahl vergiftete. Beruf, Familie, egal: Du wirst es bereuen.“ Das war nun etwas, das mich interessierte.

Sie würden also nichts rückgängig machen und die andere Entscheidung ausprobieren wollen?“ Obwohl er mich schon lange duzte, hielt ich höflichen Abstand. Er legte den Kopf schief. Erneut traf mich ein forschender Blick über die Brille hinweg. Ich hatte schon lange nicht mehr so offen mit dem Feuer gespielt.

Wie meinst du das?“, fragte er beteiligt, legte dann ein Bröckchen Käse auf seine Zungenspitze. Ihm war die Ablenkung ins Gesicht geschrieben, sie legte sich wie ein Schleier auf seine Augen. Ja, der alte Mann verstand etwas von den Genüssen. Davon würde ich sicherlich einiges auf meiner Rechnung finden.

Ich meine, es gibt in unserem Leben doch Momente, die eindeutig sind, in denen sich die Möglichkeiten auf zwei beschränken. Sie haben vorhin den Scheideweg erwähnt: Herkules muss nach rechts oder links …“, führte ich aus und zögerte kurz, „selbstverständlich kann er nicht zurück.“ Ich hatte einen schlechten Geschmack auf der weindunklen, rosenfingrigen Zunge, als wäre ich das Negativ meines Gegenübers. Kann man es Synästhesie nennen, wenn man Gedanken schmecken kann? Dieser zumindest lag faul und brennend wie ein alter Melonenschnitz auf meinen Geschmacksnerven. „Das Vergangene ist schließlich nicht wiederholbar. Ich kann nicht zweimal auf den gleichen Turm steigen.“ Ich erschrak. Warum sagte ich das? Welche Fehlleistung veranlasste mich, den alten Herodot abzuwandeln? War der Grund wirklich nur darin zu suchen, dass mich eben ein letzter Lichtstrahl blendete, ein Abschiedsgruß der hinter dem hohen Geschlechterturm verschwindenden hitzigen Sonne, der die Häuser der umbrischen Piazza noch ein letztes Mal in strahlendem Ziegelrot erglühen ließ.

Aber er hatte mich nicht verstanden. Für ihn war der Turm, den man nur einmal besteigen konnte, eine originelle Variante, die er gleich seinem Pecorino genoss. Ich spürte, wie er sich innerlich beglückwünschte, mit mir das Gespräch gesucht zu haben. Ich musste vorsichtiger sein, doch die späte Hitze drückte wie eine alte Last auf den Platz und machte mich so müde wie die Tauben dort drüben, die es längst aufgegeben hatten, in den Ritzen des Pflasters nach Nahrhaftem zu picken. Traumwandelnd tappten sie wie Trunkene umher.

Es gibt nur diese beiden Wahlmöglichkeiten. Ich würde gerne den Moment, in dem ich mich entscheiden muss, aufbewahren. Verstehen Sie, einen Spielstand archivieren wie in einem Computerspiel, den ich dann jederzeit neu landen kann, um anschließend das andere auszuprobieren. Sie hingegen erzählen mir, dass Sie genau das nicht wollen. Sie wollen sich nicht noch einmal entscheiden müssen.“

Ja. Denn jede Wahlmöglichkeit ist eine Zitrone. Egal, in welche ich beiße, sie ist sauer. Das ist meine Erfahrung.“

Ich sehe das etwas anders: Das Leben, sonst eine Vielfalt, spielt plötzlich „Mäxchen“ mit uns. Sie kennen das Spiel mit den zwei Würfeln, bei der die höhere Zahl den Zehner, die niedrigere den Einer angibt? Ist mein Wurf niedriger als der meines Gegners, verliere ich.“

Und dein Gegner wirft hohe Zahlen, ich weiß. Aber du kannst betrügen und so tun, als wäre dein Wurf der Höchste. Manchmal wird dir geglaubt“, warf er ein, „… und manchmal stirbst du.“

… hinkend: Nein, ich musste mich in Acht nehmen. Er war nicht zu unterschätzen. Ich lächelte daher, als hätte er mich verunsichert.

Genau. Betrügen kann ich immer. Das ist vielleicht eine dritte Option.“ Ich hätte ihm nun gerne von meinem Nachmittag in Monterchi erzählt, von Piero und den schwarzen Oliven, aber die Schatten auf der Piazza wurden länger. Wie ein mahnender Zeigefinger rückte die in die Länge gezogene Spitze des Turmes über die holprigen Pflastersteine und deutete hinter unserem Tisch auf die Fenster des Ristorantes, vor dem wir saßen. Sofort brachte ein Kellner eine Kerze und zog sich eilig mit der leeren Weinkaraffe zurück, die er bald gefüllt wiederbringen würde. Es wurde Zeit.

Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas“, sagte ich, als wäre mir ein Gedanke gekommen, „vielleicht ändern Sie dann ihre Meinung.“

 

„Sie verdanken ihre Genauigkeit und ihre Vollendung der mathematischen Kraft, der Fähigkeit des Zählens, Messen und Wägens, die mehr als alle andern auf Vernunft beruht.“

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klärungsversuch zwei: ausblick.

zuhause in der kälte sehe ich durch das fenster hinaus auf die leere straße ihr schnee ist rostig braun verfärbt er erinnert mich an geronnenes blut die nacht hat ihm das angetan gewalttätig nahm sie dem schnee die unschuld das milchige licht dieses morgens bringt es an den tag die nacht stahl mir leben ein abgeschmacktes wortbild kommt in meinen sinn die stunden der nacht sind mir wie sand zwischen den fingern verronnen der fokus meines blicks ändert sich nun sehe ich nicht mehr den vom pulver der knaller und raketen gefärbten neujahrsschnee sondern mich selbst ich erscheine gespensterhaft im spiegel der fensterscheibe mitleidig nicke ich mir zu denn wir hatten nur wenig zeit miteinander wieder und wieder versuchte ich mein glück jedesmal scheiterte ich dieser frühe morgen ist übrig der erste eines neuen jahres der letzte meines lebens:

Ich bin alt geworden in dieser Nacht.

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Der Blick der Engel ist ängstlich. Allerdings spricht aus ihm eine Furcht, die sich in jedem Moment in Zorn über das Geschaute verwandeln kann, in einen Hass auf Gott. Wie zwei Ampelmännchen starren sie über den Betrachter hinweg auf eine weißgetünchte Wand mit einer nüchternen Informationstafel, einst jedoch sahen sie durch die Tür einer Kapelle hinaus auf den Cimitero der kleinen Stadt auf dem Hügel, der Reiseführer gerne die Eigenschaft ‚pittoresk’ begeben. Die Blicke der Cherubim erinnern mich an die großen Angstaugen zweier anderer Engel im nebelgrauen Dresden, die angesichts der Sterblichkeit jedoch eher zur Trauer als zur Wut neigen und im Übermaß als gefälliger Postkartenkitsch verbreitet werden. Ein Paradebeispiel für das Missdeuten der Nachgeborenen sind sie, für das Abtöten jeglicher Emotion in einem millionenfachen Replikat.

Diesem siamesischen Engelspaar in Italien jedoch, vom kommunistischen Bürgermeister aus seiner ursprünglichen Umgebung gerissen und in ein ehemaliges Schulgebäude eingesperrt, bleibt wegen seiner Strenge und abweisenden Hoheit das Schicksal der etwa hundert Jahre jüngeren Geschwister erspart. Sie schützen die schwangere Madonna in ihrer Mitte auch nicht: Sie stellen sie bloß, bieten sie wie zwei Zuhälter dar, sind die Raumlinien, an denen der Betrachter vom Werden zum Vergehen geführt werden soll. Mir fallen die olivenschwarzen Blicke von zwei gefallenen, strickenden Engeln ein.

„Piero und Raffaelo“, sage ich leise, „das sind der Platon und der Aristoteles der Renaissancemalerei. Hat doch auch Platon davon gesprochen, wahre Schönheit liege allein in der Geometrie.“ Ich bin mir des Unsinns bewusst, den ich erzähle, aber er klingt gut. Und er wirkt, das allein zählt.

„Ich stelle mir vor, die zwei in die Zukunft schauen“, erwidert Chiara nach kurzem Nachdenken. Ihre Stimme hätte ruhig etwas dunkler, geheimnisvoller sein können, aber ihre singende Stimme streichelt mein noch aufgerichtetes Geschlecht ebenso sanft wie ihre langen, elfenbeinfarben lackierten Nägel. Eine träge Fliege klettert über Chiaras mattschwarz gefärbtes Haar, setzt dann ihren brummenden Irrflug fort. Die liedhaften Worte des Mädchens umschwirren mich mit derselben Hartnäckigkeit wie das Insekt, sie sind ebenso ziellos und nicht verjagbar.

„1492 ist gestorben, am 12. Oktober, an gleiches Tag, an dem Colombos Fuß auf den Bahamas Amerika berührte. Piero war ein blindes, ein verbittertes Mann, ich stelle mir vor …“, führt Chiara aus, flüstert es fast, als wäre das Todesjahr von Piero della Francesca ein Geheimnis, ein Zauber, der nicht für jedes Ohr geeignet ist. Vielleicht hat sie recht und wir gehen viel zu unvorsichtig mit dem um, was wir Wissen nennen, sammeln es in babylonischen Bibliotheken und in Wikipaedien und vergessen, dass Wissen mehr ist als Daten wie gebrauchte Briefmarken in Alben zu kleben. Daten ergeben keine Geschichte, sie stören nur bei der Beweisführung. Richtig ist, was ihr dient, selbst eine faustdicke Lüge.

„Du kennst die Jahr?“ Ich nicke, schmecke Schweiß auf der Oberlippe. Obwohl ihr Deutsch schlechter ist als mein Italienisch, beharrt sie darauf, ihre Erkenntnisse in dieser, ihrem Singen so fremden Sprache weiterzugeben; ähnlich den Leuten in den toskanischen Touristenzentren, die – gedrillt wie Pawlowsche Hunde  – nicht einmal mein gut gesprochenes Italienisch davon abhalten kann, mit wohlgemeintem Englisch zu antworten. Auf der anderen Seite klingt Chiaras geheime Beschwörung der magischen Jahreszahl in einer ihr fremden, ein wenig unheimlichen Sprache viel eindringlicher.

„Kopernikus veröffentlichte 1492 sein Buch über die Planetenbewegung“, sage ich und gehe betont lässig auf ihr Spiel ein, mische nun meine Erkenntnisse, Lügen und falschen Daten, bis sie sich zu dem verdichten, was ich als Wahrheit erkenne. „Er schiebt diese eine Erde aus dem Mittelpunkt, macht sie zu einem unbedeutenden Element des kosmischen Gefüges. Durch einen Übersetzungsfehler wird die Umdrehung zur Revolution.“ Chiara unterbricht ihr Streicheln, doch bevor ich sie zum Weitermachen auffordern kann, beugt sie sich zur Belohnung herab. Ihre weindunkle Zunge kitzelt, leckt wie ein Kätzchen in einem Schälchen mit Milch. Das Mädchen macht dabei sogar ein Geräusch, das an Schnurren erinnert. Dabei bewegt sie ihren Kopf nun schneller. Mein Blick gleitet über die Furche in Chiaras gebeugtem Rücken, über ihre im Halbdunkel des Raumes wie frischer Käse wirkenden Rundungen und er fällt auf die Madonna in prada, ihre reine, blütenweiße Hand. Der Eindruck verwirrt sich, mir scheint, als würden mich die dünnen Finger der Jungfrau befriedigen.

„1492 fertigt Andreas Vesalius einen Atlas des menschlichen Körpers an, beschreibt darin als erster Europäer nach Galen den Blutkreislauf. Vom Himmel geht der Blick zum inneren Kosmos.“ Bemerkt sie die Eleganz und das Ziel meiner Behauptungen? Zweifel scheinen ihr keine zu kommen. Im Gegenteil, Chiara hat sich nun festgesaugt, sie macht schmatzende Geräusche. Ich gebe ihr einen Finger und trage noch dicker auf:

„Und der Vater von Galileo Galilei, Vincenco, komponiert 1492 das erste polyphone Lied der Neuzeit. Er rückte den einen Ton aus dem Mittelpunkt, macht ihn zum Teil der Dreiklänge seiner Komposition.“

„Und Colombo“, keucht das Mädchen, „Colombo!“

„Er rückte 1492 Europa aus dem Mittelpunkt, macht das eine mare nostrum zu einem kleinen Gewässer unter vielen.“ Jetzt bricht meine Stimme, Martin Behaims ‚Erdapfel’ und DaVincis ‚Vitruvier’ bleiben unerwähnt. Während ich ejakuliere, schließt Chiara die Beweisführung ab:

„Die Engel, sage ich, sehen Neue Zeit.“ Sie fährt sich mit der besudelten Hand durchs Haar. „Sehen die Zukunft, … und sie fürchten!“

Das ist das Geheimnis, das sie entdeckt hat, während sie gelangweilt im Madonnenmuseum an der Kasse saß. Si, ingegnere, 3,10 € ingresso, 1,80 € ridotte, bambini unter 14 frei.

So hatte ich sie gefunden: Sie saß Kaugummi kauend in ihrem Cassa-Häuschen, ihrem gläsernen Schneewittchensarg. Sie starrte in einen Camilleri, ohne ihn zu lesen und benutzte das Buch als Mauer, wollte sich abschirmen von dem lästigen Besucher, der kurz vor der Mittagspause noch unbedingt Pieros restauriertes Fresco sehen wollte, dem allein dieses ganze zum provisorischen Museum umgebaute ehemalige Schulgebäude von Monterchi gewidmet war. Ich hatte den alten Maler gesucht, wollte ihn näher, intimer haben als in Arezzo, persönlicher noch als im nahen Sansepulcro. Hier in diesem Dorf, der im Altertum ein dem Herkules am Scheideweg geweihter Kultort war, war Piero perfekt: Hier hatte er den gestrigen Weg in zwei Hälften geschnitten.

[Zum 2. Teil …]

„Aber ein Traum“ und die Doppelgänger – Eine Abhängigkeit

Mein Feind fiel auf den Rücken und keuchte. Das war der erste Laut, der unser bis zu diesem Augenblick stummes Ringen unterbrach. Ich nutzte meine Chance, setzte ich mich auf ihn und rang seinen Oberkörper endgültig nieder; meine Finger umklammerten seine Handgelenke und ich brachte meinen Mund ganz nah an sein Ohr. Etwas war falsch und ich wusste gleichzeitig, was es war: Ich rang nicht mehr mit einem kichernden Zwillingsbruder, den gab es gar nicht. Ich konnte die vor Wut verzerrte Fratze meines Feindes im Schlaglicht eines verirrten Mondstrahls sehen. Ich kämpfte mit mir selbst. Der böse Zwilling war nur eine Konstruktion.

aus: Nikolaus Klammer, Aber ein Traum, Kapitel 1

Ich stand auf, aber kaum war ich ei­ni­ge Schrit­te fort, als, aus dem Ge­büsch her­vor­rau­schend, ein Mensch auf mei­nen Rü­cken sprang und mich mit den Armen um­hals­te. Ver­ge­bens ver­such­te ich, ihn ab­zu­schüt­teln – ich warf mich nie­der, ich drück­te mich hin­ter­rücks an die Bäume, alles um­sonst. Der Mensch ki­cher­te und lach­te höh­nisch; da brach der Mond hell­leuch­tend durch die schwar­zen Tan­nen, und das to­ten­blei­che, gräß­li­che Ge­sicht des Mönchs – des ver­meint­li­chen Me­dar­dus, des Dop­pelt­gän­gers, starr­te mich an mit dem gräß­li­chen Blick, wie von dem Wagen her­auf. – »Hi … hi … hi … Brü­der­lein … Brü­der­lein, immer, immer bin ich bei dir … lasse dich nicht … lasse … dich nicht … «

aus: E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, 2. Teil

Die Ähnlichkeit der beiden Textausschnitte ist frappierend. Sie ist ein Beweis dafür, wie sich Lektüren über Jahrzehnte hinweg in einem Erinnerungskeller des Gedächnisses ablagern, zu dem nur das Unbewusste und vielleicht der Traum Zugriff haben. Es ist eine beängstigende Untertunnelung meines heutigen Ichs, die durch die Jahre und die Zwiebelschalen meiner Person bis tief in die Vergangenheit zurückreicht. Ich fühle mich dabei wie eine Marionette, die keinen eigenen Willen hat, sondern von unsichtbaren Fäden gezogen wird; von einem „Ich“, das in mir ist, das ich aber nicht kenne, einem Doppeltgänger in mir selbst.

Als ich „Aber ein Traum“ vor ein paar Jahren zu schreiben begann, lag meine Hoffmannlektüre lange zurück. Die Elixiere des Teufels (1) hatte ich im Alter von 16 Jahren gleich nach dem wie eine Erlösung, besser: wie eine Initiation, empfunden Kater Murr (2) gelesen. Das vor düsterer Romantik und gothischem Horror triefende Werk um den entlaufenen Mönch Medardus aber inzwischen vollkommen vergessen. Umso größer war meine Überraschung, als ich beim Wiederlesen der Elixiere in dieser Woche auf die oben erwähnte Stelle stieß, auf einen Doppeltgänger meines eigenen Textes.

Ich wusste zwar noch, dass dort eines der beliebtesten Themen der Romantik, nämlich das des bösen Zwillings, behandelt wird, das ich ja mit den Brüdern Waldescher ebenfalls in den Mittelpunkt meines Romans „Aber ein Traum“ gestellt hatte. Ich glaubte allerdings, ich hätte E. A. Poes Varianten des Themas mehr zu verdanken, in erster Linie den Erzählungen „William Wilson“ und „Der Mann in der Menge“(3).  Auch R. L. Stevensons Dr. Jeckyll und Mr. Hyde lagen mir näher; schließlich auch „Dorian Gray“ von Oskar Wilde oder Franz Kafka, der dafür gesorgt hat, dass dieses von ihm in allen seinen Romanen benutzte Motiv seinen Weg in die Moderne fand und auch heute noch vor allem von SF-Autoren (Androiden) fröhlich benutzt wird.

Die Unsicherheit unserer modernen Existenz, das dünne Eis, auf dem wir uns tagtäglich bewegen, der Fremde, der uns aus dem Spiegel entgegen blickt, diese digitalisierte, ‚entfremdete‘ Welt, in der wir nur noch ein Teil einer Statistik sind, in der jede Empfindung und jeder Gedanke in jedem Augenblick tausendmal gespürt und gedacht werden – in ihr ist das Bild des Doppelgängers, der uns unserer nur eingebildeten Einzigartigkeit brutal beraubt, modern und zeitgemäß.

ElixiereErnst Theodor Amadeus Hoffmann
Die Elixiere des Teufels

Es war Wilson; aber seine Sprache war kein Flüstern mehr, und ich hätte mir einbilden können, ich selber sei es, der da sagte: “Du hast gesiegt, und ich unterliege. Dennoch, von nun an bist auch du tot – tot für die Welt, den Himmel und die Hoffnung! In mir lebtest du – und nun ich sterbe, sieh hier im Bilde, das dein eigenes ist, wie du dich selbst ermordet hast.”

aus: E.A. Poe, William Wilson

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(1) E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels. Neben dem höchst amüsanten und bedauerlicherweise unvollendeten Kater Murr sind die düsteren Elixiere der einzige Roman des vielseitigen Genies, das auch malte und – heutzutage leider fast vergessen – ein bedeutender Komponist war. Seine Klaviersonaten, seine Sinfonie und seine Opern (z. B. Undine) kann man heute wie ‚missing links‘ zwischen Mozart und Beethoven hören. Es gibt einige wenige Aufnahmen dieser Musik, meist jedoch von zweitrangigen Esembles. Zu empfehlen ist der Jahreszeit angemessen sein wunderbares Misere b-moll (z. B. zusammen mit der Es-Dur-Sinfonie bei Amazon), die durchaus neben dem berühmten Requiem von Mozart bestehen kann, dem Hoffmann in tiefer Verehrung den ‚Amadeus‘ entliehen hat.

(2) E.T.A. Hoffmann, „Lebensansichten des Katers Murr, nebst fragmentarischer Biografie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“ Den auch heute noch oft gelesenen und beliebten Roman gibt es in erstaunlich vielen, teilweise wundervoll illustrierten Ausgaben, als Hörbuch und freilich auch als kostenloses E-Book bei den üblichen Verdächtigen. Schon der sperrige Titel weist auf das Ziel hin, die Erziehungsromane der Aufklärung und die schmalzigen Liebesromane der Romantiker im Dunstkreis um die Brüder Schlegel zu persiflieren, aber es enthält mit den Kreisler-Abschnitten auch eine versteckte Autobiografie des Autors selbst. Und es ist eine Lektüre, die noch nie jemand bereut hat …

(3) Der eher unbekannte „Mann in der Menge“ ist neben „Das verräterische Herz“ die beste kurze Geschichte von Poe. Hier verfolgt der Erzähler einen Tag und eine Nacht lang unerkannt einen Mann in der Menge, der ihm aufgefallen ist. Dabei stellt er fest, dass jener von ihm Observierte, der ihm wie eine Verkörperung des Verbrechens erscheint, keine Heimat hat, sondern sich nur dort aufhält, wo er in Menschenmengen untertauchen kann. Der Erzähler und der ‚Massenmensch‘ – ich glaube, es ist das erste Mal, dass dieser Begriff in der Literatur auftaucht – sind Doppelgänger, eben Teil einer Masse, der sie nicht entkommen können.

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