Aber ein Traum …

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Sonntag, 26.01.20 – Ein rotes Haus für alle …

Sonntag, 26.01.20


Ich war fleißig und habe die kleinen Fehler ausgemerzt. Die ersten fertig korrigierten Exemplare meines neuen Buchs „Das rote Haus“ sind heute in einem schweren DHL-Paket bei mir angekommen. Damit ist die, wie ich finde, sehr gelungene Kurzgeschichtensammlung offiziell veröffentlicht und ab heute überall im Buchhandel als Softcover oder als E-Book zum Download erhältlich. Wenn ihr ein persönliches Buch mit Widmung und einer Kunstpostkarte des Titelbilds wollt, dann schreibt mir doch bitte einfach.

Ich freue mich wie ein (vegetarisches) Schnitzel über mein neues Buch. Leider bin ich seit Freitag ein wenig erkältet und huste und schnupfe so vor mich hin. Für heute Abend haben Frau Klammerle ich zwei Karten für ein Mozartkonzert im Kleinen Goldenen Saal in Augsburg, hoffentlich wirkt der Hustensaft.

*

Übrigens kann man im roten Haus auch die hier auf dem Blog erfolgreichste Geschichte lesen. (1) Es ist eine Ende der 90er geschriebene und leicht aktualisierte, etwas halbgare Satire über Migration und Asyl und wir hier in Deutschland damit umgehen. Warum die Besucher meiner Texte ausgerechnet ihr vor allen anderen Geschichten den Vorzug geben, mag am Titel liegen. Ach, komm, ich veröffentliche sie heute noch einmal als kleine Leseprobe aus meinem neuen Buch „Das rote Haus“. Viel Spaß beim Lesen.

Der Fremde

Tausend Autoren hatten darüber geschrieben, tau­send Filme hatten das Ereignis vorweggenommen. Endlich war es doch geschehen und kein Zweifler konnte die unleugbare Tatsache von sich weisen: Ein Raumschiff tauchte im Orbit unseres Planeten auf. Wobei das Verb auftauchen in diesem Fall wörtlich zu nehmen ist, denn keine Sternwarte hatte das Objekt aus den Tiefen des Alls kommen sehen. Ohne Vorwarnung war es von einer Se­kunde zur anderen erschienen und wurde für einen harmlosen Fernsehsatelliten, der zufällig den Weg des gi­gantischen Schiffes kreuzte, zur Moira: Er explodierte lautlos, verstreute seine metallenen Leichenteile im All und sorgte damit für die Verzweiflungsausbrüche unge­zählter Fernsehzuschauer, die ihre Empfangsschüsseln auf ihn ausgerichtet hatten. Das fremde Raumschiff be­gann davon unbeeindruckt seine Kreise um die Erde zu drehen.

Nun wurde man schnell aufmerksam auf den überra­schenden Besucher in der Umlaufbahn, der seine Gegen­wart ob seiner Größe und Lumineszenz auch nicht ver­heimlichen konnte. In den Nächten der Nordhalbkugel stand das Raumschiff als eine Art kleinerer und dunklerer Bruder des Mondes am Firmament. Bereits mit einem guten Feldstecher war zu erkennen, dass es kein Komet oder sonst irgend ein natürliches Objekt war, das die Schwerkraft der Erde eingefangen hatte, sondern es ein großes, künstliches, einem liegenden Halbmond gleichen­des Schiff, das den Nachthimmel zierte und für scharfe Augen auch am Tage sichtbar war. Es hing geostationär über Mitteleuropa.
Selbstverständlich erregte jenes UFO mehr Aufsehen als ein jedes andere Ereignis in der Geschichte der Mensch­heit. Die Fernsehsender strahlten rund um die Uhr Son­dersendungen aus, das Internet brach unter der Last der Anfragen zusammen. Jede erreichbare, vergrößernde Linse diente den Menschen, hinauf in den Himmel zu dem Objekt ihrer Begierden zu starren und die optische Industrie boomte wie nie zuvor. In vielen Staaten wurde mobil gemacht, die UNO und die NATO tagten pausen­los. Sogar einige Kriege fanden zu einem kurzen, unfrei­willigen Waffenstillstand, weil viele der Soldaten lieber in den Himmel starrten, als auf andere Menschen zu schießen.

Die Meinungen waren schroff in zwei Lager geteilt: Für die einen waren die Besucher aus dem All eine existenti­elle Bedrohung. Die anderen und sie hatten die Mehr­heit, sahen in dem Raumschiff, das uns ganz offen­sichtlich zielgerichtet aus den Tiefen des unendlichen Alls aufgesucht hatte, ein Zeichen der Hoffnung. An Bord mussten weit überlegene, unfassbar intelligente Wesen sein, die gekommen waren, die Menschheit in eine strah­lende interstellare Zukunft zu führen. Sicherlich würden sie uns zuallererst von quälenden Problemen wie Krank­heit, Umweltverseuchung, Überbevölkerung und Krieg befreien. In jenen Tagen, in denen das UFO um die Erde kreiste und auf keinerlei Anruf auf elektronische, digitale, akustische, optische oder sonstige Art reagierte (und was wurde nicht alles von staatlicher oder privater Seite unter­nommen, um Kontakt aufzunehmen), hatten die Kirchen unglaublichen Zulauf, denn nicht wenige mutmaßten, der Stern, der Christi Geburt erleuchtet hatte, sei zurück­gekehrt. Das öffentliche Leben kam für eine Weile fast völlig zum Erliegen und nur wenige gingen in jenen Tagen noch zur Arbeit. Eine angespannte, lauschende Ruhe zog sich über den Erdball; man wartete und es glich dem Warten auf Harmageddon.

Wie bei jedem vermeintlichen Weltuntergang schossen Sekten wie Pilze aus dem Boden, all jene Ufologen, Sterngeborenen oder New-Age-Spintisierer, die es schon immer gewusst hatten, triumphierten: Eilig versammelten sie sich an mystischen Stätten wie Stonehenge oder den Pyramiden von Gizeh, vereinigten sich zu mentalen Krei­sen und suchten auf telepathischem Wege Kontakt. Freu­dig warteten sie auf ihre Verschmelzung mit den Brüdern aus der Unendlichkeit, deren Emanationen sie bereits zu spürten vermeinten. Das Zeitalter des Wassermanns war mit einem wahrhaft strahlenden Zeichen am Himmel her­aufgezogen.

Doch das Warten wurde lang. Eine Woche verging, dann noch eine, nichts geschah. Langsam kam das Leben wieder in Gang, achselzuckend nahmen die Soldaten ihre Kriege auf und eine Ölpest im Golf übernahm den ersten Platz in den Nachrichten. In den USA wurden Überle­gungen angestellt, ob man nicht vielleicht ein Spaceshuttle hinauf zu dem fremden Raumschiff schicken und bei den Besuchern an die Tür klopfen sollte.

Dann, am 26. August, um genau 14.37 Uhr MEZ, wurde in Süddeutschland, genauer gesagt, im Raum Augsburg, auf den UKW-Frequenzen 93,4 und 101,5 die Botschaft der Außerirdischen empfangen. Sie wurde den ganzen Tag über alle acht Minuten wiederholt. Da auf der ersten Frequenz das Programm eines Privatsenders gestört wur­de, hatte die Sendung einiges Publikum, wurde aber an­fangs von den meisten Zuhörern als eine Hörspielein­blendung à la Invasion vom Mars oder für die Werbung eines Autohauses genommen. Die Botschaft wurde von einer metallischen, fremdländisch klingenden, dabei aber kaum akzentuierten Stimme gesprochen. Sie lautete:

… ICH GRÜßE DIE IRDISCHE MENSCHHEIT …
… MEIN NAME IST ASNAM … ICH BIN DER KA­PITÄN DES SIRIANISCHEN RAUMSCHIFFES PFFTAH, DAS SEIT GERAUMER ZEIT IHREN PLANETEN UMKREIST. ICH WERDE MICH AM 30. AUGUST UM 12.00 UHR ORTSZEIT IN DER HAUPTSTADT DES REGIERUNGSBEZIRKES SCHWABEN/AUGSBURG AUF DEM KLEINEN EXERZIERPLATZ MATERIALISIEREN UND MÖCHTE EBENDA KONTAKT ZU DEN VERTRE­TERN IHRES STAATES BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND KNÜPFEN …

Als langsam publik wurde, dass kein Scherz vorlag und diese Botschaft tatsächlich von dem Raumschiff ausge­strahlt wurde, brach über der kleinbürgerlichen Stille der Stadt die Hölle herein. Menschenmassen aus allen Teilen der Welt pilgerten nach Augsburg, das dem Ansturm nicht gewachsen war und in der Not alle Verkehrswege in die Stadt von der Polizei abriegeln ließ. Der Platz, auf dem der Außerirdische sein Erscheinen angekündigt hat­te, wurde sofort von einem Volksfest geräumt und das Viertel drumherum, das aufgrund der unzähligen Som­merbaustellen in Augsburg eh fast vollständig vom Rest der Stadt abgetrennt war, für jeden Verkehr gesperrt.

Schon am nächsten Tag fand sich das gesamte Kabinett mit Bundeskanzlerin und Präsident ein, für den 30. Au­gust selbst hatten sich der UNO-Generalsekretär und die bedeutendsten Staatsoberhäupter der Welt angekündigt. Viel Rätselraten machte die Frage, warum der Außer­irdische ausgerechnet einen Platz in jener provinziellen Ortschaft für seine Materialisation auf der Erde ausge­sucht hatte und er nicht im Central- oder Hydepark, dem Roten oder dem Platz des Himmlischen Friedens erschei­nen würde. Erneut wurden Anstrengungen unter­nommen, mit dem Raumschiff im Orbit in Kontakt zu treten, doch alle Bemühungen waren genauso vergebens wie die gerichtliche Klage des Privatsenders, dessen Pro­gramm durch die Botschaft Asnams gestört worden war. So blieb man auf Spekulationen angewiesen und selbst die Redakteure des SPIEGELs, die doch sonst immer alles wussten, mussten sich dem Mysterium der Platzwahl des Außerirdischen geschlagen geben. Nur die Augs­burger selbst, allen voran ihre Bürgervertretung, die schon immer um die Bedeutung ihrer Stadt für die Welt gewusst hatten und nicht ohne Grund einen Fugger und einen Brecht zu ihren berühmten Söhnen zählten, fühlten sich bestätigt und nahmen ihre gestiegenen Einnahmen durch den überhand nehmenden Fremdenverkehr für ein berechtigtes Geschenk des Himmels, das es indirekt ja auch war. Als schließlich sogar der Papst seinen Besuch ankündigte und Augsburg mit seiner Gegenwart heiligen wollte, wurde der Kleine Exerzierplatz in Platz der Er­scheinung umgetauft.

Dann begann das nägelkauende und ungeduldige Zäh­len der Tage, schließlich der Stunden. Am Morgen des 30. August war Augsburg noch vor Kairo, Mexico City oder Hongkong die volkreichste Stadt des Erdkreises, un­gezähltes Volk drängte auf den Straßen und selbst die Dörfer im Weichbild glichen einem Hexenkessel. Ob­gleich fast jeder Polizist der Republik in Augsburg Dienst tat, gab es Fälle von Massenpanik und nicht wenige Men­schen wurden von der erregten Menge totgetrampelt oder erstickten in ihrer Umarmung. Die Augsburger selbst wagten sich selbstverständlich nicht mehr aus ihren gut verbarrikadierten Wohnungen. Sie verglichen unter­einander die Ereignisse mit der legendären Bombennacht vom 25. Februar des Jahres 1944 und verfolgten die Ge­schehnisse im übrigen fast ausnahmslos an ihren Fern­sehern. Ihnen war auch an normalen Tagen schon zu viel fremdes Volk auf den Straßen.

Die weitere Umgegend des Platzes der Erscheinung glich dem Fegefeuer, in dem es trotz der ungezählten ge­quälten Seelen nicht so drangvoll eng sein konnte wie in den Einfallstraßen, die zum Platz führten. Die Busse der Weltvertreter benötigten für die Strecke zwischen ihrem Übernachtungsort, dem eilig dafür eingerichteten Arbeits­amt der Stadt, und dem Platz, der nur etwa zweihundert Meter entfernt war, drei Stunden.

Bei dieser Gelegenheit wurden übrigens achtzehn Men­schen überfahren, die jedoch mit dem Segen des Papstes ihre Reise ins Jenseits antreten durften. Endlich aber stan­den all die Staatsoberhäupter auf dem geräumten Platz, der durch eine fünffache Polizeikordon und mehrere Rei­hen mit Stacheldraht und Panzerketten geschützt wurde. Militär mit schwerer Bewaffnung sicherte die vier Ecken des Platzes.

In vorderster Reihe standen von ihren Leibwächtern umgeben und in gebührendem Abstand zueinander die Präsidenten der Vereinigten Staaten und Russlands, die Kanzlerin, der Papst, noch vor diesem die hochauf­ragende Gestalt des Bayerischen Ministerpräsidenten und vor allen der Augsburger Oberbürgermeister, der als Be­grüßungsgeschenk für den Abkömmling der Sterne ein Blech Zwetschgendatschi in den Händen hielt. Aus den Stunden bis Mittag waren inzwischen Minuten geworden, jedermann starrte gebannt auf die Uhren, deren Zeiger ihrem Zenit entgegentickten.

Schließlich verrannen die letzten Sekunden, dann läute­ten alle Glocken der Stadt und das unerträgliche Donner­grollen von millionenfachem Gemurmel verstummte für einige Momente. Die ganze Welt, die das größte Ereignis in der Geschichte der Menschheit über Live-Schaltungen am Fernseher verfolgen konnte, hielt den Atem an. In diesen Sekunden wurden keine Verbrechen begangen, niemand liebte sich, niemand starb und niemand wurde geboren. Ein Kind schrie, bald ein zweites.

Aus dem Nichts begann in der Mitte des Platzes die Luft wie unter großer Hitze zu erzittern, in wirbelnde, torna­doartige Bewegung zu geraten. Eine wimmernde, kreis­chende Lichtkugel erschien, sich immer schneller um sich selbst drehend, pulsierte sie in rasenden Amplituden zwischen dunklem Karmin und blendender Grelle, bis sie zerplatzte und, dem Wunder von Fatima gleichend, Lichtfontänen über den Himmel der Stadt ergoss. Ein plötzlicher, heftiger Windstoß heulte über den Platz und der Landwirtschaftsminister musste sein Toupet festhal­ten, weil er Gefahr lief, es in der heftigen Böe zu verlie­ren. Aus ungezählten Kehlen drang ein angestautes Stöh­nen, das gleich dem Grollen einer Flutwelle anschwoll und einige Trommelfelle platzen ließ. Dann hallte ein scharfer Knall wie ein Schuss über den Platz; mehrere Dutzend Leibwächter sprangen schützend vor die Körper ihrer prominenten Schützlinge. Doch kein Terrorist hatte die Gunst der Stunde genutzt, der Knall hatte nur das Ende der übernatürlichen Lichterscheinungen bedeutet.

Dort, wo sie vor einem Wimperzucken noch gewirbelt hatten, stand nun eine unbekleidete Gestalt. Dieser Wechsel war blitzschnell geschehen. Keines der Milliar­den Augenpaare, die live oder übers Fernsehen die Ereig­nisse auf dem Augsburger Platz der Erscheinung begaff­ten, hatte ihn bemerkt. Schließlich schrien die Menschen. Der Papst stieg von der Tribüne, machte einen unsi­cheren Schritt, dann sank er erschüttert in die Knie. Der Bürgermeister kam um einen Schritt weiter, dann folgte er dem Beispiel des Pontifex, das Backblech mit dem Ku­chen wie eine Götzengabe hoch über sein Haupt haltend.

Nur die Kanzlerin, die nicht einmal der Jüngste Tag be­eindruckt hätte, trat zu dem außerirdischen Wesen heran und öffnete, der historischen Bedeutung ihrer Geste be­wusst, die Arme. Dieses Leben, das grob gerechnet einen Weg von dreiundachzig Billionen und dreihundert­neunundvierzig Milliarden (83.349.000.000.000) Kilo­metern gegangen war, um zur der irdischen Menschheit zu gelangen, zu beschreiben, ist selbst der talentiertesten Feder nicht möglich, es müssten dazu neue Wörter, Far­ben und Eigenschaften erfunden werden. Selbst ein Photo kann nicht wiedergeben, welch göttliche und fremdartige Erscheinung den Schmutz der Erde mit ihrer Gegenwart adelte.

Das Wesen trat zur Kanzlerin entgegen und umarmte sie. Die Vertreterin der Menschheit, trotz ihrer staats­männischen Erscheinung nur ein kleines, hässliches Et­was in den Armen dieses Halbgottes, einer Seuche im Pa­radies vergleichbar, sagte etwas; es wird wohl immer sein Geheimnis bleiben, zu welch bedeutenden Worten sie sich emporschwang, um dem Augenblick gerecht zu wer­den, denn es war in dem tobenden Lärm der Menge nicht zu verstehen. Dann hob der Außerirdische seine drei goldenen Augenpaare und seine Stimme klang in den Ohren eines jeden Menschen und jeder verstand sie:

»Ich, Asnam, Chrool von Bruum, Kapitän des siriani­schen Raumschiffes Pfftah, habe diesen Staat Ihres Plane­ten für meine Erscheinung gewählt, weil sich ihn so viele der Ihren als ihre letzte Zuflucht vor den Übergriffen ih­rer geisteskranken Herrscher aussuchen. Hiermit bitte ich vor den Vertretern ihres Staates um politisches Asyl.«

Nachtrag: (Aus der Augsburger Allgemeinen vom 3. März, Vermischtes aus aller Welt)
– Der Umweltminister hat anlässlich seiner Presse­konferenz vom Montag mit Entschiedenheit dementiert, jemals Zuwendungen aus der Automobilindustrie erhal­ten zu haben.
– Der Antrag des Außerirdischen Asnam C. aus Bruum auf Asyl wurde gestern in letzter Instanz als unbegründet abgewiesen, da es in seiner Heimat unter Maßgabe aller Informationen keine politische Verfolgung gibt. Der Wirtschaftsflüchtling aus dem All wurde abgeschoben. Der Friedberger Ableger der Pegida (FRIGIDA) begrüßte diese Entscheidung mit einer spontanen Demonstration aller vier Mitglieder in der Augsburger Innenstadt.
– Die Augsburger Panter haben gegen die Eisbären Ber­lin nach Penalty-Schießen 6:5 gewonnen.

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(1) „Der Fremde“ wird knapp gefolgt von „Ein Unfall auf Madeira“, einem kleinen Artikel über meine Levadawanderung Ostern 2017, bei der ich zu neugierig war und in einen der Wasserkanäle stürzte. Dass er so häufig – vor allem von Portugal aus – besucht wird, liegt wohl an dem schweren Busunglück im letzten Jahr. Vielleicht sollte ich den Titel des Beitrags ändern …

Sonntag, 19.01.20 – ein schönes Buch, eine clevere Maus und eine Ruhebank

Sonntag, 19.01.20

Ich darf vorstellen: Das ist Piepsi. So hat sie meine Schwiegertochter getauft. Meine Katze Amy hat die kleine, braune Feldmaus vor einigen Tagen behutsam ins Haus geschleppt, um mit ihr ein wenig zu spielen. Dabei hat sie (Amy, nicht Piepsi) das clevere Tierchen „aus den Augen verloren“. Sie (Piepsi, nicht Amy) lebte seither in Untermiete gut verborgen und geschützt hinter den Küchenschränken in einer warmen Nische der Spülmaschine, wo sie für mich nicht erreichbar war und organisierte sich ihr Futter in meinen Lebensmittelschubladen. Nach mehreren Fehlversuchen ging sie mir vorgestern Abend endlich in die Falle. Sie war wohlernährt und gesund, möchte ich anfügen, denn es gelang ihr mehrmals, den Köder (alte, übriggebliebene Marzipankartoffeln von Weihnachten, denn ich bin Vegetarier und habe keinen Speck zuhause) aus meiner Lebendfalle zu fischen, ohne diese dabei auszulösen. Für Frau Klammerle war die letzte Zeit ein wahrer Horror.

Piepsi und ich machten dann gestern noch einen kleinen Spaziergang von meinem Haus hinüber zum Acker beim Sportplatz, wo wir uns nach einem netten, allerdings recht einseitigen Gespräch verabschiedet haben. Mach es gut, kleine Maus, und lass dich nicht noch einmal von Amy zum Abendessen bei uns einladen! Frau Klammerle weiß das nicht zu schätzen.

Nachtrag: In der Nacht dann kam Amy erneut mit einer Maus, von der diesmal nur ein paar kümmerliche Reste übrigblieben, die ich Heute morgen mit Schaufel und Besen entsorgte. Ich weiß nicht, ob das Piepsi war und hoffe, dass sie noch quietschvergnügt auf dem Kartoffelacker herumsaust … Ami genießt und schweigt sich aus.

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Da ist es nun mit der Post gekommen: Das Korrektur-Exemplar meines neuen Buchs „Das rote Haus“, in dem ich fünfundzwanzig meiner besten kurzen Geschichten versammelt habe. Die älteste (Vision) ist vierzig Jahre alt, die jüngste stammt aus dem letzten Jahr. Obwohl die Texte sehr unterschiedlich sind, wirken sie für mich doch wie eine Art Autobiografie und bilden die Gesamtheit der Themen ab, die mich in meinem Leben beschäftigen.

Es ist jedesmal von Neuem ein unbeschreiblich schönes Gefühl, zum ersten Mal sein neues Buch in den Händen halten zu können, es vom Virtuellen zur Realität geboren zu haben, es zu fühlen, durchzublättern, anzulesen – auch wenn es noch voller Fehler ist. Trotzdem glaube ich, diesmal ist mir wirklich etwas Gutes gelungen. Ich liebe das Titelbild!

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Gestern Morgen glitzerte schockgefrorenes Laub in meinem Garten in der Morgensonne. Ich machte ein paar Fotos und war glücklich, bis mir einfiel, was ich schon die ganze Zeit verdrängt hatte: Ich hatte einen Zahnarzttermin, den ich bereits im Dezember bereits einmal verschoben hatte, weil mich ein Hexenschuss quälte. Tatsächlich ging es meinem Rücken zu diesem Zeitpunkt schon wieder ganz gut, aber die Ausrede war einfach klasse.

Und schließlich noch ein Foto von der Bank am Stadtbach, ganz in der Nähe von der Wohnung in der Augsburger Bleich, in der ich aufgewachsen bin. Wahrscheinlich ist schon B. B. als Jugendlicher auf ihrer Lehne gesessen und hat heimlich eine dicke Zigarre geraucht. Auf ihr saß ich gestern nach meinem glimpflich verlaufenen Zahnarzt-Besuch in der erstaunlich warmen Sonne und dachte intensiv mit geschlossenen Augen über den Plot für mein nächstes Buch nach. (Euphemismusalarm: Tatsächlich habe ich nur den verfrühten Frühlingstag und den Mint-Geschmack auf den Zähnen genossen und – so würden es meine Söhne formulieren – mein Leben „ge-chilled“.)

Heute Abend kocht Frau Klammerle noch nach einem alten Familienrezept von meiner Großmutter für Schwiegertochter, Sohn Nr. 1 und für meine Wenigkeit noch die unbeschreiblich leckeren Dampfnudeln mit Vanillesauce. Dazu muss man unbedingt ein Bier trinken und die Glückseligkeit ist vollkommen. Das war eines der besten Wochenenden seit langem und ich muss dem Januar, den ich kürzlich so übel beschimpfte, Abbitte leisten!

Dampfnudel nach Familienrezept – nur echt mit karamelisierter „Scherre“, Vanillesauce und einem Hellen. Dreieinhalb Stück machten sogar Sohn Nr. 2 satt. Die restlichen gibt es morgen kalt mit Marmelade.

Adventliche Süchte

Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen!
Oscar Wilde 

Jetzt naht sie wieder in rasantem Tempo, jene Zeit, die man aus unerfindlichen Gründen in dem südlichen, al­penländischen Raum, den ich bewohne, eine ’staade‘ (für die Nordlichter: ’stille‘) nennt, obwohl sie die mit Ab­stand hektischte im Jahreskreis ist, jedermann und vorallem -frau von Er­ledigung zu Geschenkeeinkauf, von Adventsfeier zu Famili­enfest, von Glühwein- zu Bratwurststand hetzt und alle Werbefritzen und Marktschreier ihre Warenangebo­te mit allerlei Glitzerzeug und Lametta behängt in die winterlich verschneite und frühe Nacht brüllen oder mir aufs Handy schicken. Als würde man sich in einer Zeitschleife befinden, wird gefühlt der Abstand zwischen zwei Hl. Abenden immer kürzer und obzwar die Discounter schon im September mit prallgefüllten Regalen voller Schokoladenweihnachts­männermilitärparaden (so ein Wortwurm geht nur im Deutschen, einfach wundervoll!) vorwarnen, überfällt mich Weihnachten immer wieder überraschend.

„Was, nur noch eine Woche?“ – Kurze, stockende, kopf­schüttelnde Fassungslosigkeit. „Eben war doch noch Herbstanfang.“

Alle Jahre wieder versuche ich die Adventstage zu ent­schleunigen und will als zwar durchaus sentimentaler, aber nichts desto weniger vollkommen, um nicht zu sagen, verstockt Ungläubiger – besonders wenn ich die Haare geschnitten habe -; wohl eher ‚agnostischer‘ Mensch, meine Familie geduldig dazu überreden, dem diesjähri­gen Weihnachtsstress auszuweichen und das Fest irgendwann im Juli zu feiern, stoße aber für mich vollkommen unbegreiflich auf wenig Verständnis.

„In diesem Jahr brauchen wir doch keinen Baum! Ein Gesteck tut es auch!“, versuche ich es trotz besseren Wis­sens.

„Schnickschnack! Zu Weihnachten gehört ein Baum! Aber auf die Geschenke könnten wir vielleicht verzich­ten.“ (1)

„Genau meine Meinung. Am besten sind wir Weihnach­ten überhaupt nicht zuhause.“

„Weihnachten sind wir immer zuhause. Wie in jedem Jahr. Die Söhne kommen und am Sebastianstag auch deine ganze Sippschaft. Ich weiß noch gar nicht, wie wir die alle im Wohnzimmer unterbringen.“

„Wenn wir auf den Baum verzichten würden, hätten wir mehr Platz …“

„Ein Baum muss sein. Punkt. Aber ich werde in diesem Jahr vielleicht ein paar Loibla(2) weniger backen, vielleicht nur die halben Rezepte. Du bist dick genug.“ (3)

Damit bin ich bei meinem Thema angelangt. Und diesmal regt es mich wirklich auf. Ich gestehe es: Ich bin süchtig nach Weihnachtsbackwerk und Süßigkeiten. In jedem Herbst, wenn die ersten Anzeichen für einen nahenden Advent nicht mehr zu übersehen sind, Lebkuchenfirmen mir fürsorglich ihre Prospekte ins Haus schicken, der Teeladen meines Vertrauens sein leicht vergilbtes Schild mit dem einen verheißungsvollen Wort wiederfindet und ins Schaufenster hängt: „Lebkuchenbruch“, ich kompli­zierte Umwege beim Einkaufen mache, um den Süßwa­renauslagen auszuweichen, dann ist es wieder so weit: Dann reift bei mir der Entschluss, auf keinen Fall wie­der in meine seelische und körperliche Abhängigkeit von Spekulatius und den unbeschreiblich leckeren Zimtsternen meiner Frau zu verfal­len. Dich, Gewürzspekulatius, der du so genial mit Tee harmonierst, aber in allen Zahnzwischenräumen kleben bleibst, mit deinen 70 Kalorien pro Stück, der du das rei­ne Fett bist, extrem ungesund und dabei sicher auch noch krebserregend, dich, Teufel, lasse ich in diesem Jahr nicht in meine Nähe! Weiche von mir, du mit schwarzer Scho­kolade überzogener Lebkuchen, saftig, nussig und mit einer Überfülle an Geschmack gesegnet, dass mein Großvater dich sogar in sein Bier eintunkte, du diaboli­sche Erfindung mit deinen 388 Kalorien, zu fast der Hälfte bist du aus ungesundem Zucker! Nicht mit mir, diesmal nicht! Ich werde stark sein und den Versuchungen widerste­hen.

Ein Teil der diesjährigen Auswahl. Dass das Bild etwas unscharf ist, liegt an den Tränen der Rührung, die ich beim Fotografieren in den Augen hatte.

Und tatsächlich gelingt es mir, mich im November noch zurückzuhalten, ich bin ja ein erwachsener, mitten im Leben stehender Mann, der sich und seine unterirdi­schen Gelüste im Griff hat. Ich bin rein, esse Salat, Obst und jetzt gerade in der dunklen Jahreszeit viel Gemüse. Ich bin ein Mönch, ein Gesundheitsapostel. Dann – pünktlich zum ersten Advent – hat Frau Klammerle gebacken. Zimtsterne, Florentiner, Vanillekipferl, Gewürz- und Stollenbollen, Schokoladenbrot, Betmännchen, Ausstecherle, Maronen, und, und, und … aber weniger dieses Jahr, nur die Hälf­te. Behauptet sie zumindest. Aber sie macht Fotos von ihren Werken und verschickt sie über „WhatsApp“ an nei­dische Freundinnen. Plötzlich liegen da auch Spekulati­us und wagenradgroße Lebkuchen beim Vorrat, Schoko-Klammer-Nikoläuse (ja, der Scherz ist alt …) und andere weihnachtliche Leckereien. Habe ich die gekauft? Ich kann mich nicht erinnern, ich war wohl nicht bei Sin­nen, schlafwandelte wahrscheinlich durch den Supermarkt.

Und der Inhalt unseres Adventskalenders wird von Jahr zu Jahr süßer und größer.

Also, eine Sünde kann ja nicht schaden, nur ein „Loib­le“, frisch vom Blech. Ich bin wie ein trockener Alkoholi­ker: Ein einziger Zimtstern stürzt mich zurück in die Sucht. Und ich esse und esse und esse. Und esse. Und nehme heimlich die Batterien aus der Personen­waage im Bad. Die zeigt eh immer zuviel an. Denn auch meine winterlichen sportli­chen Aktivitäten wie extreme-christkindlemarket-going und hot-glowwine-trinking helfen nur bedingt, das Gewicht zu wahren. Ich werde mir ein paar weitere Hosen kaufen müssen und im Frühjahr, versprochen: Da werde ich wieder fasten. Bis Ostern. Dann gibt es Schokoeier, Osterhasenhohlfiguren, Osterzopf …

Ach, wie schwach ist doch der Mensch, wenn er Nikolaus M. Klammer heißt. (4)

Einen schönen Advent wünscht Euch allen

Nikolaus Klammer

 

 

 

 

 

 


(1) Achtung, eine Warnung an die Männer, die diese Glosse lesen. Frau Klammerle sagt zwar wie jedes Jahr, dass sie keine Geschenke will, aber sie meint es nicht so.  Mein Rat: Glaube niemals deiner Frau, wenn sie an ihrem Geburtstag oder eben zu Weihnachten ver­kündet, in diesem Jahr brauche sie keine Geschenke! Das ist eine ganz gemeine Falle. Kaufe daher das größte, teuerste und wundervollste Geschenk, das du finden kannst. Überrasche sie, denn sie hat sicher ebenfalls et­was ganz Tolles für dich, wenn es wahrscheinlich auch nicht die neue Playstation ist, die du dir eigentlich wünscht, sondern vielleicht ein Wellness-Gutschein für zwei, da­mit du wieder etwas in Form kommst nach der Weih­nachtsvöllerei.

(2) Loibla, auf Augschburgerisch auch Plätzle genannt. Mein westbayerisch-hochdeutsches Wörterbuch übersetzt unzureichend mit „kleines Weihnachtsgebäck, Plätzchen“. Jedes Jahr ver­fällt Frau Klammerle in der Woche vor dem ersten Ad­vent der Blätzle-Backwahn-Sekte. Das ist ihre Sucht.  Wer tolle Rezepte kennt, darf sie gerne schicken; Frau Klammerle ist stets dem Neuen aufgeschlossen und ich bin gerne bereit, dieses Neue auch zu probieren.

(3) Diese Drohung machte sie tatsächlich im letzten Jahr wahr: Sie hat keine Loibla gebacken und meine Söhne und ich saßen 4 entsetzliche Adventswochen auf dem Trockenen. Die Herren Söhne verfielen in eine Schockstarre und ich in eine solch entsetzliche Depression, dass wir das traurigste Weihnachten ever erlebten. Ein Horror, der in diesem Jahr nicht stattfindet, da Frau Klammerle unser Flehen erhört und wieder gebacken hat.

(4) Diese und viele weitere Geschichten findet ihr hier:

Noch einmal davon gekommen

Dieser schöne Band ist für wenig Geld überall im Buchhandel (natürlich auch als Ebook) erhältlich und ein ideales Weihnachsgeschenk für jung und alt. Kommt Leute! Unterstützt mal zur Abwechslung einen hungernden Autor.

Donnerstag, 05.12.19 – Das Kreuz mit dem Rücken

Donnerstag, 05.12.19(1)

Was den tristen, nebelgrauen Feiertagen des Novembers nicht gelang, schaffte eine unachtsame Bewegung am letzten Sonntag: Ich wurde mir meiner Sterblichkeit bewusst und dies auf die schmerzhafteste Weise, die man sich vorstellen kann. Und das ging so:

Nichtsahnend ging ich an jenem 1. Adventssonntag meinen alltäglichen Geschäften nach, schmückte die Wohnung ein wenig weihnachtlich(2), räumte auf (nur ein ganz klein wenig), zum ersten Mal in dieser Saison erklangen die festlichen Töne von Jethro Tulls genialer Christmas-CD. Die frühe Nacht senkte sich wie eine gewaltige Pudelmütze über Diedorf herab, im Nebel des Gartens glitzerte die üppige saisonale Beleuchtung meines Nachbarn, gegen die meine nicht im Entferntesten anfunkeln kann. Eine Kerze brannte am Adventskranz; der Holzofen verbreitete Wärme und Frau Klammerles Duftöl-Diffusor „Gute Laune“-Geruch. Sie selbst suchte im Internet nach irgendwelchen Weihnachtsschnäppchen. Ich war dabei, das Abendessen zu kochen (selbstgemachte Fettuccine in einer Zitronen-Fenchel-Sauce). Kann ein Adventssonntag noch harmonischer und friedlicher sein?

Dann machte ich eine ungeschickte Bewegung zum Unterschrank hinab, wo die Töpfe stehen und innerhalb einer einzigen Sekunde war das alles vorbei, unwichtig, Tand und vollkommen unbedeutend: Ein rasender, stechender Schmerz, wie von einem in meinen Rücken gerammten breiten und stumpfen Küchenfleischmesser stach in meine rechte Hüfte und ich stand mit gebeugtem Rücken da und glaubte, dass ich mich nie mehr wieder würde aufrichten können.Sogar das Atmen tat weh. Ich glaube, man nennt dies einen Hexenschuss und es war mein erster. Ich hatte nicht einmal ansatzweise geahnt, wie weh so etwas tun kann und oft leichtsinnig über Leute gelästert, die „Rücken“ haben.(3) Dieser Schmerz hat mich noch immer nicht verlassen und meldet sich trotz Spritzen vom Arzt, hochdosierten Analgetika-Tabletten (die mit Glühwein eingenommen übrigens gut reinknallen), allerlei Salben und Wärmflaschen zuverlässig, wenn ich eine Bewegung mache, die die Unterstützung meiner Hüftmuskulatur benötigt – also eigentlich nahezu jede, wie ich zu meiner Bestürzung festgestellt habe. Erstaunlich schnell ist der Schmerz ein Teil meines Lebens geworden, der mir aber trotzdem immer wieder überraschend in den Rücken springt und mich bei den alltäglichsten Verrichtungen zu grotesken Verrenkungen zwingt und kleine Handlungen wie das Anziehen von Socken (4) zu zeitlich ausufernden Großtaten aufbläht. Allein das Aufstehen aus dem Sitzen oder gar Liegen ist ein Gewaltakt. Die schlimmste Erfahrung war für mich der vom Arzt empfohlene Versuch, einen kleinen Spaziergang zu machen, bei dem ich kaum zehn Meter weit kam, bis mich die heftigen Schmerzen zur Aufgabe zwangen. Der begeisterte Bergwanderer, der vor einem Monat noch im Martelltal unbelastet auf 3000er-Gipfel stieg, weinte verzweifelt.

Auch wenn ich noch lange nicht wiederhergestellt bin, geht es mir seit gestern jedoch etwas besser und ich liege nicht nur im Bett und jammere über mein grausames Los. Die berechtigte Hoffnung, am Wochenende wieder einigermaßen normal unterwegs sein zu können, schimmert als rosige Verheißung am Horizont. Ich kann mich wieder mit Selbstironie betrachten und sogar am Computer sitzen und schreiben, wie man hier lesen kann.

Plötzlich aber ist mir allerdings durch diese Misere bewusst geworden, dass ich tatsächlich in zwei Monaten 57 Jahre alt werde und eigentlich inzwischen ein alter Mann bin; einer von diesen alten, weißen und toxischen Männern, vor denen man gerade überall warnt. Daran habe ich ganz schön zu nagen. Selbstverständlich war mir theoretisch immer klar, dass ich wie alle anderen sterblich bin und altere, es eher früher als später mit den Wehwehchen losgehen wird und ich vergreisen und Stück für Stück alles verlieren werde, was mich ausmacht. Ich habe ja zuerst bei meinen Großeltern und dann bei meinen eigenen Eltern zugesehen, wie das passiert. Jetzt bin eben ich an der Reihe, auch wenn ich diesen Gedanken bislang recht erfolgreich von mir schob und ich mich genauso gefühlt habe wie vor dreißig oder zwanzig Jahren. Doch das ist nun vorbei: Das Russisch-Roulette-Spiel mit dem Tod, das ich nur verlieren kann, hat für mich am 1. Advent begonnen.

Tja.


(1) Mein lieber Unbekannter Leser! Morgen ist Nikolaus, da habe ich Namenstag. Falls es dich wirklich gibt und du zufällig in der Nähe bist, kannst du mir gerne heute Abend oder morgen ein kleines Geschenk vorbeibringen. Ich habe Gratisexemplare von meinen Büchern, Glühwein und Frau Klammerles sensationelle Loible da, von denen sie in diesem Jahr eine kaum verzehrbare Unmenge gebacken hat. Ich werde ganz bestimmt zu Hause sein, auch wenn mir das Bewirten etwas schwer fallen wird.

(2) Frau Klammerle findet ja, dass es auch mal zu viel des Guten sein könnte und der zehnte Nikolaus, die dreißigste batteriebetriebene Lichterkette und andere weihnachtliche Dekoartikel, die sich im Lauf unserer 30jährigen Ehe angesammelt haben und unser Wohnzimmer vermüllen und in eine Art Rothenburger Adventsramschladen verwandeln, unnötig sind. Ich sehe das völlig anders und schleppe bei jedem Kellergang noch mehr kitschige Porzellanengel und Kugeln nach oben, die sie dann in von mir unbeobachteten Momenten seufzend wieder nach unten in ihre Kiste in unserer Weihnachtsgruft zurückbringt.

(3) Frau Klammerle hat da mehr Erfahrung: Ihren ersten Hexenschuss bekam sie mit Ende 20, als sie mit Sohn Nr. 1 (damals noch seine Baby-Ausgabe) unglücklich die Treppe hinunter und dabei auf den Rücken fiel. Dem Kind ist übrigens nichts passiert, es landete weich auf ihr. Damals machte ich mich über sie lustig (eilfertig ist die Jugend), als sie anschließend wie eine Schildkröte auf allen Vieren durch die Wohnung kroch. Heute geht es mir genauso. Nemesis, die Schicksalsgöttin des „gerechten Zorns“, ist manchmal sehr geduldig, wenn sie eine Revanche plant.

(4) natürlich mit Weihnachtsmotiven …

Donnerstag, 02.05.19 – Das große Zittern

Donnerstag, 02.05.19

Beinahe 55 Lebensjahre bin ich ohne ausgekommen und es ging mir gut dabei. Ich habe mich bewusst geweigert, mir solch ein Teufelsgerät zuzulegen. Zwei PC’s, ein Laptop, zwei E-Book-Reader, eine Spielekonsole und ein Tablet sollten eigentlich genügen, meine Online- und Computerbedürfnisse vollständig zu befriedigen. Zumal ich ja nur ein, zwei Freunde und keine soziale Kontakte pflege und als extrem schüchterner Mensch mit leicht autistischer Ausprägung mir lieber einen Finger abschneide, als ein Telefongespräch zu führen; ich benutze nicht einmal unseren Festanschluss und verstecke mich im Keller, wenn es klingelt. Zudem hat ja die gut vernetzte Frau Klammerle schon ewig ein Smartphone, auf dem sie fleißig surft, whatsappt, telefoniert, Quizduell spielt und shoppt.

Da ich mich und meine Affinität zu gewissen Süchten kenne(1), sah ich absolut nicht ein, wozu ich ebenfalls ein Handy benötigen würde. Doch Frau Klammerle bohrte: Ich müsse unbedingt erreichbar sein. Schließlich würde ich viermal in der Woche zur Arbeit fahren(2). Da müsse ich doch Bescheid geben können, falls ich im Stau stünde oder das Auto irgendwo in der Pampa zwischen Zusmarshausen(3) und Bieselbach(4) seinen Geist aufgebe. Das Argument zog und ich kaufte mir endlich bei Aldi ein billiges Smartphone. Freilich hat sich herausgestellt, dass ich grundsätzlich kein Netz habe, wenn mal wieder mein Auto zickt und nicht von der Stelle kommt. Oder Frau Klammerle hat ihr Gerät stummgeschaltet oder reagiert nicht auf den Messenger, weil sie gerade in ihrem Fitnessstudio ist. Tja, den eigentlichen Sinn erfüllt das Smartphone also eher nicht. Aber wie ich befürchtet hatte, war ich sofort abhängig davon und gehörte innerhalb kürzester Zeit zu den Smombies, die bei jeder Gelegenheit und auch sonst auf das Handy starren, weil sie glauben, etwas zu versäumen, wenn der Bildschirm nicht flackert. Tatsächlich findet das Leben anderswo statt; aber ich bin eben willensschwach.

Nun war gestern meine Schwester(5) zu Besuch (1. Mai, Garten, du weißt schon … und wenn nicht, dann lies den Gedankensplitter von gestern). Sie trank nachmittags den frisch importierten Prosecco aus Italien und später dann das Bier aus dem Altmühltal, das ich mitgebracht habe. Es wurde ein netter, langer Abend. Doch als sie und ihr Mann uns verlassen hatten, war mein Smartphone nicht mehr auffindbar, auf dem ich nur mal schnell vor dem Zubettgehen die Zugriffe auf meinen Blog kontrollieren wollte(6). Frau Klammerle gab selbstverständlich  wie immer sofort mir und meiner Schlamperei die Schuld und wir suchten gemeinsam das Gerät eine Stunde lang vergeblich – zuerst an den möglichen Stellen, schließlich auch im Kühlschrank, im Keller und in der Toilette(4). Du wirst es dir schon gedacht haben, wir fanden es nicht, denn meine leicht beschwipste Schwester hatte es beim Aufbruch in ihre abgründige Handtasche gesteckt, mit deren Inhalt sie problemlos zwei Monate im Urwald überleben könnte. Erst zuhause angekommen, bemerkte sie, dass sie nun im Besitz von zwei Smartphones war – die sich übrigens kaum ähnlich sehen.

Und nun sitze ich da und muss mich mit dem schrecklichen Gedanken anfreunden, in den nächsten Tagen ohne Smartphone auszukommen. Ich bemerke, wie ich dabei immer zittriger und unruhiger werde und mich kaum mehr auf den Text konzentrieren kann, den ich gerade schreibe. Ich bin auf Entzug und heute Nachmittag muss ich zum ersten Mal seit einem Jahr ohne Handybegleitung ganz alleine nach Günzburg fahren. Mich gruselt und friert. Ich habe Angst.

Vielleicht war dies ja mein letzter Gedankensplitter – leb wohl, lieber Leser.

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(1) … und es erschreckend finde, wie jedermann und -frau bei jeder Gelegenheit auf diese kleinen rechteckigen Bildschirme starrt und hektisch mit dem Finger auf ihnen herumwischt oder es sich wie ein Butterbrot vor den Mund hält und so lautstark mit jemandem zu reden, dass ich noch hundert Meter entfernt jedes Wort  eines Gesprächs mitbekomme, das mich überhaupt nicht interessiert.

(2) Da ja niemand meine Texte liest oder gar für sie bezahlt, nirgendwo ein Reemtsma mit einer monatlichen Zuwendung auf mich wartet, kein Verleger meine Genialität entdeckt hat und mich der Feuilleton schnöde ignoriert, gehe ich auch einem Brotberuf nach, um meine Familie zu ernähren. Dieser Beruf führt mich viermal in der Woche in das türmereiche, ehemals österreichische und reichlich langweilige Günzburg. Von meinem Heimatdorf Diedorf aus ist das eine halbe Weltreise, die mich im „Wilden Westen“ Augsburgs zuerst über kleine Seitenwege bis Horgau, dann über die B10 bis Zusmarshausen, anschließend über die A8 bis zum Ziel führt – insgesamt sind das hin und zurück über 90 Kilometer. Mein klappriges, aber treues Gefährt ist ein Fiat Bravo, Kat. 4; er ist 10 Jahre alt und hat inzwischen über 300.000 km auf dem Tacho. Außer dem Motor war schon fast jedes Teil einmal kaputt. Jemand an der Kiste interessiert? Rost und einen Haufen Dellen gibt es gratis dazu.

(3) Ein vergessener Ort der Europäischen Geschichte: Hier fand die letzte große Schlacht des dreißigjährigen Krieges statt. Noch heute braut die in Zusmarshausen ansässige Brauerei aus diesem Grund ihr „Schwedenpils“. Was mal wieder beweist, wie pragmatisch die bayerischen Schwaben denken. Um eine alte Plakatwerbung der Brauerei zu zitieren, auf der eine glückliche Familie über eine Wiese wandert: „Wir gehen dorthin, wo Papi sein Schwarzbräu bekommt.“

(4) Der Ort heißt tatsächlich so. Bieselbachs einzige Sehenswürdigkeit ist ein durchaus beeindruckender spätgotischer Flügelaltar in einer kleinen, unscheinbaren Kapelle. Es gibt dort keine Wirtschaft, aber einen Fischer, der seine eigenen Forellen und Saiblinge aus dem Bieselbacher Fischweiher verkauft.

(5) Sie ist gut neun Jahre älter als ich. Über meine Schwester zu schreiben ist wie der Versuch, den Atlantik in kleine Flaschen abzufüllen. Und sie weiß tausend peinliche Geschichten über mich zu erzählen, die ich selbst schon längst vergessen habe.

(6) 28 Besucher. Das war ein absoluter Spitzenwert, den ich bloß alle paar Monate mal erreiche. Normalerweise sind es fünf bis sechs, die sich auf meinen Blog verlaufen.

(7) Nein, so weit ist es zum Glück mit mir noch nicht. Ich bin zwar schusselig – das war ich schon immer -, aber noch nicht dement.

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