Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Die Wahrheit über Jürgen”

Kleine Erinnerung: Meine Bücher für 99 Cent!

Nicht vergessen!

Ab heute bis zum 9. September gibt es überall im Buchhandel meine

eBooks

im Preis stark reduziert. Sie kosten statt 2,49 Euro

nur noch 0,99 €!

Billiger konnte ich sie nicht machen! Wenn das kein Gelegenheit ist!

Meine Bücher im Angebot!

Meine Bücher!

Wie es beinahe schon Tradition ist, sind auch in diesem Sommer während meiner Blogpause die E-Book-Ausgaben meiner 8 Bücher in der Zeit vom

13. August – 09. September 2019

überall im Buchhandel im Preis reduziert und kosten statt 2,49 Euro nur noch neunundneunig Cent. Wenn das keine Occasion ist!

Nur 0,99 €!

Das sollte auch den geizigsten, ärmsten oder vorsichtigsten meiner Freunde und Follower überzeugen, sich einmal auch an die Werke von mir zu wagen; schließlich ist schon ein Eis am Stil, das man in drei Minuten geschleckt hat, viel, viel teurer. Selbstverständlich verdiene ich da überhaupt nichts mehr – ich verschenke mich und hoffe, jemand nimmt dieses Geschenk an.

Liebe Grüße aus meinem Urlaub,

Nikolaus

PS. Und wenn euch vielleicht meine Literatur nicht interessiert, dann teilt doch bitte diesen Beitrag mit euren Freunden. Danke.

PPS. Und wenn einer von euch erkennt, an welchem Ort Frau Klammerle und ich uns gerade aufhalten, dann schenke ich ihm eine gebundene Ausgabe eines von meinen Büchern.

Wie der Jahrmarkt weitergeht oder: Pläne fürs nächste Jahr

Lieber neugieriger Besucher meines Blogs,

 nach dem Buch ist vor dem Buch!,

 – um mal ein Zitat von Sepp Herberger abzuwandeln. Seit dem 8. November kannst du im Buchhandel meinen neuerschienenen Roman „Die Wahrheit über Jürgen“ als E-Book (2,49 €) oder als Softcover (8,99 €) erwerben.(1) Er ist der zweiten Band meiner „Jahrmarkt in der Stadt“-Reihe. Obwohl einige seiner Figuren auch in den weiteren Geschichten der Reihe vorkommen, kann er selbstverständlich auch ohne Kenntnis der anderen Bände gelesen werden. Wie fast alle anderen Erzählungen und Romane der Reihe ist „Die Wahrheit über Jürgen“ in meiner ersten „Schaffensphase“ entstanden, bevor ich Verantwortung für meine Familie übernahm und für über 15 Jahre mit dem Schreiben pausierte. Manche der Texte aus dieser Zeit blieben Fragment, von einigen gibt es nur einen Entwurf (oder einen Titel), alle müssen und mussten vor einer Veröffentlichung kritisch und akribisch überarbeitet werden.

Jahrmarkt in der Stadt – Band 1 und 2, bereits erschienen

Ich habe bereits mit der Arbeit am nächsten Band mit dem Titel „Stromausfall“ begonnen, den ich Mitte bis Ende 2019 veröffentlichen will. In ihm sind drei (vielleicht auch vier) Erzählungen aus der „Jahrmarkt“-Reihe versammelt. Der 4. Band soll dann der Kriminalroman „Das Goldene Kalb“ sein, der dann 2020 erscheint. Anschließend möchte ich die zwei Hauptstücke des Zyklus‘ fertigstellen, „Nutzlose Menschen“ und „Die fürsorgliche Schuld“, zwei umfangreiche Romanfragmente mit bisher jeweils etwa 400, bzw. 300 Seiten. Aber das ist noch Zukunftsmusik. In der nächsten Woche jedenfalls werde ich mit der Vorveröffentlichung der überarbeiteten Version von „Eine andere Art der Liebe“ beginnen, einer etwa 75 Seiten langen Erzählung, die ich stark verändern will. Mit ihr wird „Stromausfall“, der Band 3 meiner Reihe, eröffnet werden.

Jahrmarkt in der Stadt, Band 3 und 4

Dabei quält mich eine Frage: Sollte ich vielleicht doch vor den nicht einfachen und anspruchsvollen Erzählungen den fertigen und unterhaltsameren Kriminalroman „Das goldene Kalb“ veröffentlichen und ihn ins nächste Jahr vorziehen? Was meinst du? (2)

Dein Nikolaus


(1) Sag, was ist los? Warum ist es so schwer für dich, ein Buch von mir zu kaufen? Was riskierst du dabei? Meine Taschenbücher kosten so viel wie eine billige Pizza bei deinem Lieblingsitaliener und meine E-Books wie der kleine Espresso hinterher. Am Geld kann es also nicht liegen. Woran dann?

(2) Glaube mir,  mir wäre wirklich lieber, wenn du an meiner Abstimmung teilnimmst oder sogar einen Kommentar schreibst, als mir ein unnützes und nichtssagendes „Gefällt mir“ zu geben, mit dem ich absolut nichts anfangen kann. Ist das denn zuviel verlangt?

 

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 37)

Dies ist der letzte Abschnitt von „Die Wahrheit über Jürgen“, den ich auf meinem Blog posten werde. Ende des Monats wird der – selbstverständlich vollständige – Roman als 2. Teil meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus‘ veröffentlicht und ist dann überall im Buchhandel als Softcover (270 Seiten) oder als E-Book erhältlich. Im Moment bin ich noch bei den letzten Korrekturen.

Ich habe in den letzten zwei Monaten kein einziges Buch verkauft, was mich ein wenig in eine Schaffenskrise gestürzt habe, aber vielleicht wird ja der Künstler-Roman, der dem Mainstream und der Belletristik zuzuordnen ist,  den einen oder anderen Leser finden, der bisher um meine Genreliteratur einen weiten Bogen gemacht hat.

Die Auszüge aus dem Buch werde ich jedenfalls Ende November von meinem Blog löschen – wer das spannende Ende und die Auflösung der Geschichte erfahren möchte, muss sich den Band kaufen.

Mein Korrekturexemplar

[Zum ersten Teil]

Vielleicht erhellt die originelle, wenngleich etwas schwer verständliche Laudatio von MBB, die sie in Ab­wesenheit des Künstlers vor dem nur langsam zur Ruhe kommenden Publikum hielt, etwas von Qualität und Sendung der Kunst von Jonas. MBB be­gann die Rede, die sie trotz des Manuskripts in ihrer Hand auswendig konnte und frei hielt, mit einem seltsa­men Zitat:

»Der Mensch durstet nach dem Bösen, ihn dürstet da­nach, schuldig zu werden, aber er wagt – oder ver­mag – es nicht, dem Bösen seine Seele zu verschrei­ben, er schlägt krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, usw … So sagt Georges Bataille in einer Geschichte.

Mögen Sie sie auch, diese kaum aussprechbare Ab­kürzung einer nichtssagenden Floskel, dieses usw., das es auch noch als usf. oder als, besonders schön auszuspre­chen: u. Ä. gibt. Was wäre ein Schülerauf­satz ohne die­ses usw …? Man benutzt es immer dann, wenn man selbst nichts mehr weiß, wenn die Inspi­ration versagt und man erschöpft den Rest der Ge­dankenkette der Fantasie des Lesers überlässt. Je­der von uns setzt instinktiv und intuitiv für dieses usw. etwas ein, das ihn persönlich be­trifft, es ist eine Art Rorschach-Test mit Buchstaben. Als ich den eben zitierten Satz zum ersten Mal bei Bataille las, ersetzte mein Unterbewusstes das usw. sofort mit dem Wörtchen Kunst. Der Satz las sich dann für mich so:

Der Mensch durstet nach dem Bösen, aber er ver­mag es nicht, ihm seine Seele zu verschreiben, des­halb schlägt er krumme Wege ein, die Neurose, das Geläch­ter, die Kunst. Und ich war anschließend von Batailles ent­täuscht, weil er auf diesen – nämlich meinen – durchaus freudianischen Gedan­ken nicht weiter einging, sondern sich im Weiteren nur mit der Neurose und dem Ge­lächter beschäftigte. Später fand ich dann zu meiner Beruhigung heraus, dass für ihn die Neurose und die Kunst nahezu synonyme Begriffe sind. Neurose ist ihm die Sehnsucht nach der Angst, die Gott hat. Kunst ist also die Sehnsucht nach der Angst Gottes.

Keine Angst, ich habe nicht vor, mit Ihnen über die Schwierigkeiten der Hermeneutik zu reden. Ich bin hier, um Ihnen etwas über die Kunst von Jonas Nix zu erzäh­len. Und, zu Ihrer Beruhigung, ich bin selbst Künstlerin und werde mich daher kurz fas­sen. Worte sind wie Gardinen, die man vor Gemälde zieht. Wenn man durch sie hindurchsieht, bleibt das Wesentliche verborgen.

Deshalb komme ich aber an Batailles nicht vorbei, des­sen Unbehagen am Dasein eine enge Geistesver­wandschaft mit dem Nixschen Behagen an der Besudelung zeigt. Denn Batailles‘ Anliegen war neben dem selbstzer­störerischen Schenken, auf das ich später eingehe, im­mer in vorderster Front das Tabu und das bewuss­te Überschreiten und Brechen dessel­ben, um sich durch diese heroische Tat zum Mensch­sein zu befreien. Klingt Ihnen das zu hochgesto­chen? Ich kann es auch anders formu­lieren: Es gibt von Batailles einen Text, in dem jemand seine tote Mutter schändet. Und es gibt von Jonas Nix ein Bild, das er mit seinem eigenen Blut gemalt hat.

Wir loben uns, in einer tabulosen Gesellschaft zu leben, die all die kleinlichen Vorurteile unserer Vä­ter über­wunden glaubt. Keine abwegige sexuelle Leidenschaft kann uns noch schockieren, wir sind in der Psychologie unseres Jahrhunderts geschult, ha­ben für alles Ver­ständnis. Keine menschliche Re­gung ist uns fern. Sind wir also, wie ich formulierte, zum Menschsein befreit? Manche glauben es, aber ich will es stark bezweifeln. Ich den­ke, das Gegenteil ist der Fall: Wir leben in einer gefessel­ten, in einer neu­rotischen, engstirnig bürgerlichen Ge­sellschaft. Mit unserer freien Sexualität ist es nicht weit her, wir haben sie nur hygienisch und steril gemacht. Wir alle haben den Sex im Hirn, aber das ist der Ort, wo er am wenigsten hinpasst und auch am wenigsten be­friedigt wird.

 Und daraus lässt sich nur der Schluss ziehen, dass die Ta­bus der Gesellschaft noch lange nicht gebrochen sind, diese spießige Ge­sellschaft noch immer die Kraft hat, sie aufrecht zu hal­ten und ihre Verletzung unter Strafe zu stellen. Das Böse ist dabei das kräftigste Tabu. Ich spreche nicht von einem mythischen oder religiös definierten Bösen als Wi­derpart des guten, aber ängstlichen Gottes, sondern von der gesell­schaftlichen Vereinba­rung böse, zu der es uns laut Ba­tailles als egoisti­sche Einzelwesen alle hinzieht. Und was ist böse? Es ist vor allem der Tod; er ist der Schaden der Gesell­schaft und wir alle haben ihn zur Seite ge­drängt, um ihn zu vergessen. Wir würden das Sterben unter Strafe stellen, wenn es einen Sinn hätte. Und gleich­zeitig und das ist die Perversion dieses Tabus, seh­nen wir uns alle nach dem Tod, denn er ist ein Teil von uns, den wir nur mit Hilfe einer Neurose, eines Ge­lächters oder eben der Kunst verdrängen können. Er schlummert in jedem von uns, wird jeden Tag ein wenig wacher. Jeden Tag werden wir ihm ein wenig ähnlicher. Da hilft kein Makeup.

Und trotz unseres Ekels vor der Sterblichkeit und der Verwesung gibt es uns einen masochistischen Schauer, erkennen wir uns wieder, wenn wir ver­stohlen in den Fernseher sehen und uns die Leichen der Kriege, Ver­brechen und Unglücke in handliches Format gepackt häppchenweise und farbenfroh vor­geführt werden. Aber nie darüber reden, diese Sehn­sucht verschließen wir in uns: Das ist die Neurose, die uns fesselt. Solange wir nicht mit dem Tod umge­hen können, werden wir keine Menschen sein. Jonas Nix hat die Überwindung dieser Neurose zu seiner Kunst gemacht. Geben wir zu, seine Bilder und Collagen schockie­ren uns, es fällt unendlich schwer, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Aber es ist unsere eigene Einstellung zum Tod, die uns schockiert, die wir nicht sehen wollen, die uns hindert, frei zu werden. Hegel sagt, der Tod sei das Furchtbarste, und das Tote festzu­halten, sei das, was die größte Kraft erfordere. Nix nimmt sei­nen Kampf mit diesem Schrecken auf, er packt un­ter Aufbietung seiner Lebenskraft den Tod an den Hörnern und er läd uns alle ein, bei diesem Spekta­kel zuzusehen. Er macht uns mit seinem Stierkampf ein Geschenk, schenkt uns einen Teil seines Daseins, auch wenn er sich selbst dabei zerstört. Nur wer das Höchste versucht, gewinnt die Freiheit des Menschseins.
Auch das Leben ist ein Geschenk, so trivial es klin­gen mag. Das Furchtbarste ist nicht, jemandem ein Ge­schenk wegzunehmen, sondern es ihm kaputt wieder­zugeben. Wir alle haben das Geschenk Leben von dieser grausamen, gleichgültigen Gesellschaft kaputt zurückbekommen. Und einmal in dieser mageren Frist zwischen Ge­burt und Tod, mit der wir so verschwenderisch um­gehen, sollte jeder darüber nachdenken, was dies für ihn bedeutet.

Nehmen Sie das Angebot an. Benutzen Sie die Bil­der zum Nachdenken, zum Nachfühlen, zum Erle­ben usw …

Ich danke Ihnen für den kurzen Moment der Auf­merksamkeit.«

[…]

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 36)

[Zum ersten Teil]

Auf der anderen Seite konnte man die Wintherbrü­der auf keinen Fall ignorieren oder vor den Kopf sto­ßen, da sie doch in der Kunstszene der Stadt eine ge­wisse, ich bin versucht, zu sagen, Macht darstellen; sich als örtlich anerkannte Künstler im Laufe der Zeit einen Status er­obert hatten, der ihnen und ihren Verrücktheiten Unan­greifbarkeit verliehen hatte. Außerdem konnte man, wenn man es schaffte, Frieden mit ihnen zu halten, si­cher sein, dass sie zu einem standen und einen im Rah­men ihrer nicht un­bedeutenden Möglichkeiten unter­stützen. Da ich es mir also nicht mit den beiden ver­scherzen wollte, litt ich still und ergeben vor mich hin, ließ mich auf den sinnlosen Schlagwortdisput um ihre Kunst ein und hoffte, dass die Autofahrt bald vorbei war.

Es war längst dunkel geworden, als wir endlich in Mün­chen ankamen. Keiner von uns wusste so genau den Weg zu der Galerie und die Passanten, die wir frag­ten, schienen in dieser Stadt ebenso fremd zu sein wie wir. Wir wären wahrscheinlich noch eine ganze Weile weiter umhergeirrt, wenn wir nicht zu­fällig Paulis gro­ßen Wa­gen am Straßenrand und da­mit die Seitenstraße, in der die Galerie lag, entdeckt hätten. Dass der Kultur­referent nach den Ereignis­sen des Nachmittags an der Vernissa­ge seines Nef­fen teilnahm, erstaunte mich. Die üblicher­weise auf­wendige Suche nach einem Parkplatz kürzte MBB in ihrer unnachahmlichen Weise rigoros ab, indem sie einfach auf den Bürgersteig hochfuhr und dort ste­henblieb.

Wir mussten eine Weile warten, bis sich die beiden Win­ther aus den Rücksitzen gearbeitet hatten. Jochen-Maria stauchte sich dabei etwas seinen Hut, was er als eine mittlere Katastrophe nahm und ihn, ohne ihn abzuneh­men, von seinem Bruder richten ließ. Ich vergnügte mich inzwischen mit Gedankenspie­len, was er wohl un­ter dieser Haube hatte, einen Haarzopf wie Ernst Fuchs wohl kaum. MBB und ich sahen uns an und in unseren Blicken lag all die ver­zweifelte Müdigkeit, die unser Los manchmal in uns erwachen ließ.

Die Galerie Nasolt & Haschek trug über die gesam­te Län­ge der Vorderfront eines breiten Gebäudes zwei langge­zogene Fenster zur Schau und war eine der re­nommiertesten Galerien von München. Sie stand in dem Ruf, Künstler zu machen. Wer es als Maler oder Bild­hauer fertigbrachte, hier ein paar Bilder unterzubringen oder gar wie Nix eine eigene Ausstellung zu bekom­men, war auf dem Sprung: An­gebote aus Zürich, Lon­don und New York würden mit der Sicherheit einer physikali­schen Gesetzmä­ßigkeit folgen. Nix war also dabei, end­gültig aufzu­steigen. Bald konnte ihn das mit­telmäßige, kleinli­che Geplänkel in seiner Heimatstadt gleichgültig lassen, bald würde er sich in Kreisen bewe­gen dür­fen, in denen zwar mit Sicherheit die gleichen Spiele gespielt wurden, aber die Einsätze ungleich hö­her lagen. Wer wohl der nächste war, den er mit Jauche übergoss? Oder war er bald so etabliert, dass er selbst besudelt wurde?

Ich weiß heute nicht mehr, ob ich Nix diesen Erfolg nei­dete, als ich in die hell erleuchteten und gold­glänzenden Schaufenster der Galerie spähte und im Inneren bereits viele elegant gekleidete Menschen mit gediege­nen Sekt­gläsern in den Händen umher­schlendern sah. Zwischen ihnen standen wie bunte Farbflecken verschüchterte Künstler und de­ren Freunde, ihnen war merklich unwohler in der noblen Umgebung. Von Nix Bildern war von der Straße aus wenig zu erken­nen, sie wurden meist von den Leu­ten verdeckt, die sich in Trauben vor ihnen drängelten. Beim Eintreten duckte ich mich eng in den gewaltig­en Schatten meiner Begleiterin und versuchte eine gewichtige und dabei selbstsichere Miene aufzuset­zen. Ich rechnete nicht damit, man­gels Ein­ladungskarte Schwierigkeiten beim Einlass zu bekom­men. Ich hatte mich mal wieder geirrt. Ich war noch nicht einmal halb in der Tür, als mich eine Hand schwer am Kragen packte und brutal zu­rückriss. Jemand schleppte mich zur Seite und drückte mich grob gegen ein parkendes Auto.

»Ich glaube es nicht«, konstatierte mein Gegner. »Was tust du denn hier? Gerade dich wollen wir hier nicht. Du hast so etwas von sicher keine Einladung erhalten!« Ich erkannte mein Gegen­über. Der Tür­steher war einer der schwachsinnigen Kerle, die mich vor einem guten halben Jahr mit Lackfarbe besprüht hatten; einer von dem „dreckigen halb­en Dutzend“ gewalttätiger Epigonen von Nix, die im Rü­cken seiner Genialität wie Hunde umherstreunten, um ein Stück seines Ruhmes zu erhaschen. Er war sicher auch bei der Aktion bei der Weissensteiner-Lesung da­bei gewe­sen. Mir ging ein Licht auf: Natürlich, er war es ge­wesen, der das Fass Odel zu früh ausgekippt hatte! Ich erinnerte mich an seinen feixenden Gesichtsausdruck. Das war ein Privatkrieg, den er mit mir führte. Ich über­legte kurz, ob ich hier vor der Galerie mit ihm eine handgreifliche Auseinandersetzung beginnen sollte, aber er war doch wesentlich stärker als ich und der Griff, mit dem er mich noch immer hielt, war fest und bestimmt. Die brutalen Kerle gewinnen doch immer … Ich wand also nur schwach ein:

»Ich bin mit Nix längst versöhnt und muss ihn spre­chen, es ist sehr wichtig. Frag ihn.« Er schüttel­te nur den Kopf, durchschaute meine ungeschickte Lüge sofort. Da trat die MBB, die mein Missgeschick bemerkt hatte, näher und rettete den Tag. Sie erkun­digte sich streng, was hier denn überhaupt los sei. Durch ihre dominante Lei­besfülle und den walküren­haften Ton ihrer Stimme erschreckt, ließ mich mein Gegner endlich los.
»Er hat keine Einladung …«, erklärte er merk­lich un­sicherer, aber er richtete sich doch drohend vor der Vor­sitzenden des BBK auf, um seine einzige Überlegen­heit, nämlich seine Größe, auszuspielen.

»Georg ist mit mir hier. Ich halte die Laudatio. Hast du damit ein Problem, sag?«, fragte MBB kalt. Die beiden maßen einander kurz. Schließlich kam MBB zu einem offensichtlich nicht sehr schmeichel­haften Ergebnis, denn sie verzog verächtlich lä­chelnd ihren Mund. Dabei wog sie warnend das ge­rollte Manuskript ihrer Eröff­nungsrede in der Rech­ten. Ich setzte mich halb auf die Kühlerhaube des Wagens hinter mir, verschränkte ver­gnügt die Arme und genoss die Szene, die sich mir nun bot. Die Au­genschlitze von MBB wurden noch enger, dann schnaubte sie plötzlich einmal wie ein wütender Stier, machte einen überraschenden Schritt nach vorn. Sie sah in ihrem hinreißend gut gespielten Zorn wirk­lich erschreckend aus. Der Kerl stolperte tatsächlich ent­setzt zurück und fiel hin: Erst strau­chelte er zurück, dann kipp­te er halb nach vorn, auf seine Knie und Hände. MBB beugte sich drohend über ihn und er machte sich ganz klein am Boden.

»Hast du damit ein Problem?«, wiederholte sie. Er schüt­telte den Kopf. »Ich höre dich nicht«, drohte sie.

»Nein!«, rief er laut und gedemütigt. »Ihr könnt bei­de rein.«

MBB wollte noch etwas sagen; wahrscheinlich soll­te er ihr jetzt noch die Füße küssen. Aber ich fand, dass es ge­nug war und drängte die Frau zurück. Es fiel uns bei­den schwer, ernst zu bleiben und ein La­chen zu unter­drücken. Ich konnte mir selbstver­ständlich nicht ver­kneifen, zu ihm herab: »Das wird dir hoffentlich eine Lehre sein«, zu sagen und dann triumphierend bei der mannhaften Verteidigerin meiner Ehre untergehakt die Galerie zu betreten.

 Glücklich innen angelangt, bedankte ich mich ar­tig bei ihr und machte mich sofort auf die Suche nach Nix, von dem ich vermutete, dass er, von einer Menschen­traube um­geben, irgendwo bleich und aufgeregt in einem Winkel stand und nervös an den Fingernä­geln kaute. Aber ich konnte ihn nicht finden. In den drei großen Räumlich­keiten mochten sich über­schlagsmäßig sicherlich zwei­- oder dreihundert Leute aufhal­ten, die sich, einander auf die Füße tretend, in un­terschiedlich großen Gruppen lautstark unterhielten oder sich an den ausgestellten Bildern und Collagen vorbeischoben. Ich hätte Nix dennoch finden müs­sen, wenn er sich hier aufgehalten hätte. Ich nahm an, dass er sich gerade in einem Nebenraum auf sei­nen großen Auftritt vorbereitete. Also entschloss ich mich, auf ihn zu warten und reihte mich in den Strom ein, der sich im Kreis langsam und kunstbeflissen an den Wänden entlang bewegte. Zum ersten Mal bekam ich einen genauen Über­blick von der erstaunlichen Bandbreite der Kunst von Nix zu sehen, auch wenn ich mich natürlich nicht intensiv mit den Gemälden beschäftigen konn­te. Es hingen vielleicht fünfzig meist großformatige Bilder an den Wänden, durch geschickte Beleuch­tung gelangten sie bemerkens­wert eindringlich und plastisch zur Geltung. Viele der Collagen waren ge­nau so, wie ich sie erwartet hatte. Es waren düstere Schlachtfeste aus unappetitlichen Mate­rialien, die in diesem geballten Auftreten die Magenschleimhäut­e erheblich strapazierten. Aber dazwischen gab es immer wieder Bilder, die ich als echte Meister­werke empfand. In diesem Text ist ihr Genie nicht annä­hernd beschreibbar und das Heran­ziehen von Verglei­chen kann ihnen unmöglich ge­recht werden.

[Zum 37. Teil …]

Beitragsnavigation