Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Geistiger Diebstahl und die diebische Geistzahl

Liebe atemlose Leser und Connaisseure meiner geschliffenen Sprache,

gestern erhielt ich von meinem Freund, dem Autor Hans-Dieter Heun (1), zu dem ich momentan ein – sagen wir mal: – „gespanntes“ Verhältnis habe, eine Brandmail. In der literarischen Facebook-Gruppe „Arme Poeten“ würde mal wieder heftig  über Sinn und Unsinn der Dichtkunst disputiert. Um das Gespräch dort weiter anzuheizen, habe er sich in seiner Eigenschaft als Gruppenadministrator und Gründer dieser Gruppe die Freiheit genommen, dort einen älteren Text von mir zu zitieren, in welchem ich mich recht despektierlich über moderne Lyrik und die Poesie im Allgemeinen äußerte. (2) Diesem J’accuse hatte ich spöttisch ein generisches Gedichtlein vorangestellt, das ich mit Hilfe einer einfachen Permutation einer „lyrischen“ Strophe in einer Minute erstellt hatte:

«Eine erschöpfte Träne der Schattenblume deiner Gedanken bittert meine schlaflose Nacht. Eine Gedankenblume meiner erschöpften Nacht tränt den Schatten deiner schlaflosen Bitternis. Meine bitteren Nachtgedanken beschatten eine schlaflose Träne deiner blumenen Erschöpfung. Deine losen Schatten erschöpfen die Gedankentränen meiner schlafverbitterten Blumennacht. Nächtens denkst Du mit einer losen Träne die erschöpften Traumblumen meines bitteren Schlafes. Eine schlaflose Tränennacht gedenken die bitteren Schatten meines Traumes deiner erschöpften Blumen. Schattene Gedanken einer bitteren Blume schöpfen in den Tränen einer Nacht des Traumes Schlaflosigkeit. Schlaflose Blumen träumen im Schatten der tränenden Nacht voller Erschöpfung Gedanken der Bitternis. Blumiger Schlafbitter träumschattet tränengedanken nachtlose Erschöpflosigkeit. Traumblumige tränenverschlafene gedankenschöpfende schattenlose Bitternis. Tränenbittere schattenschöpfende traumgedankenlose Schlafblumenschöpfungsnacht

Da ich zu den Autoren gehöre, die nichts wegschmeißen können und auch gerne mal etwas Gelungenes zwei- oder dreimal benutzen, hatte ich dieses „Gedicht“ nicht nur für den Kurzroman „Ein kleines Licht“ (für den es ursprünglich entstanden war), sondern eben auch in meinem Lyrik-Bashing und an anderer Stelle benutzt. Dieses Recycling kam nun als Bumerang zu mir zurück und traf meine Nase. Denn eine fleißige Followerin der „Armen Poeten“ googelte interessiert nach dem Urheber des obigen Gedichts und stieß auf die übertrieben rosafarbene Internetseite rosmarinkatze.wordpress.com einer gewissen Verena Salva, die unter einem geschmackvollen Bild folgende Verse mit dem Titel „Rückkehr“ gepostet hatte:

Sie vermutete sofort ein Plagiat, denn das Gedichtlein der „Rosmarinkatze“ unterscheidet sich von meinem nur darin, dass es aus Strophen besteht. Der Skandal war gemacht und Hans-Dieter Heun informierte mich aufgeregt. Ich war ihm dankbar, dass er mich informiert hat, aber …. Nun, ich muss um Verzeihung bitten und hoffe, die rührige Aufdeckerin dieses literarischen Skandals erster Güte hat nicht Mühen und zuviel von ihrer Zeit in ihre Recherche gesteckt. Denn diese Verena Salva – die Leser meiner „Geltsamer-Romane“ werden es natürlich längst wissen – bin ich selbst; Verena ist eine literarische Figur, der ich durch eine WordPress-Seite ein kleines und bescheidenes virtuelles Leben gegönnt habe, indem ich unter ihrem Namen ein paar meiner Jugendsünden und Fotografien wiederverwertet habe. Nichts für ungut. Ich hielt das für eine witzige Idee.

Doch eigentlich ist dieses Thema ein sehr ernstes. Plagiate und Raubdrucke sind so alt wie die Literatur selbst (3). Aber seitdem es das Internet gibt, hat dieser Diebstahl eine neue Qualität bekommen. Tatsächlich ist der Raub von Literatur, der ja im Netz so einfach ist, dass ihn jeder Laie problemlos ausführen kann, auch für mich ein Problem. Eine einfache Google-Suche nach „Nikolaus Klammer“ zeigt, dass meine Bücher regelmäßig von Piraten kopiert und auf ihren Seiten kostenlos zu Download angeboten werden. (4) Damit muss jeder leben, der seine Literatur veröffentlicht. Zwar erhält der zahlungsunwillige Konsument meiner Werke meist noch gratis einen Computervirus mitgeliefert, aber es zeigt deutlich, wie wenig geistiges Eigentum in unserer schönen Internetwelt wert ist – nämlich garnichts. Viele Internet-Gurus und z. B. die „Piratenpartei“ erheben diese Form von Diebstahl sogar zu ihrem demokratischen Bürgerrecht. Das Urheberrecht würden sie sofort abschaffen und jeden Text zum Allgemeingut erklären.

 

Zu meinem „Glück“ bin ich so unbekannt und werde wenig gelesen; darum wird es wohl kaum jemanden geben, der meine Literatur aus den dunklen Ecken des Netzes bezieht (5). Für andere – bekanntere – Autoren, die keinen gut bezahlten Brotberuf wie ich haben, ist es ein wirkliches Existenz-Problem. Die Verdienste von Schriftstellern sind beschämend niedrig und keiner kann allein von seiner Literatur leben; auch die großen Namen nicht. Da ist jedes geklaute und nicht bezahlte Buch, an dem man ja mindestens zwei Jahre und meistens länger gearbeitet hat, wie ein Messerstich direkt ins Herz. Unternehmen kann man als einzelner Autor gegen diese Piraterie leider nichts; man muss sie aushalten.

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(1) Hier geht es zu seinem neuen Buch „Das unglaublich unglaubwürdige Leben des Hannemann“ bei Amazon.

(2) Ihr werdet euch sicherlich erinnern: Es handelt sich um Auszüge aus meinen Artikeln „Meine Probleme mit der Lyrik“ und „Meine Probleme mit der Lyrik (Teil 2)“, die auch hier für Diskussionen sorgten.

(3) Manchmal profitieren wir davon. Hätte im 16. Jhd. niemand heimlich bei den Aufführungen der Shakespeare-Stücke mitstenografiert und sie dann als Raubdruck veröffentlicht, würden wir „Hamlet“ und „Romeo und Julia“ heute nicht kennen.

(4) … und nebenzu zeigt die Suche auch, dass es im 18. Jahrhundert einen Künstler mit dem Namen „Nikolaus Klammer“ gab, der wunderschöne Gemmen schnitzte, die im internationalen Kunsthandel sehr begehrt sind, da er aus Faulheit nur wenige Schnitzereien produzierte. Honi soit qui mal y pense.

(5) A****loch, wenn du es doch tust.

 

Meine Probleme mit der Lyrik – Teil 2

Damit höre ich jetzt aber mit meinem Lyrik-Bashing auf. Versprochen. Diese Texte und einige weitere, die ich in nächster Zeit wieder aus den Untiefen meines Blogs bergen und nach oben holen will, sollen nächstes Jahr gesammelt in dem Essayband „Noch einmal darüber nachgedacht“ erscheinen.

HERBSTLICHES GEJAMMER

„Oh, Jammer und Not. Oh, dräuend Ungemach.
Oh je, oh jemine, die Sorgen! Die Sorgen!“
Donald Duck

Alles ist nur eine Zeitlang schön.
Vorerst.
Nikolaus Klammer

Pünktlich wie die verheerenden Herbststürme in Itali­en, die Lebkuchen und Nikoläuse in den Supermarktre­galen, den Kürbiscremesuppen, Wildwochen und Maro­nenrezepten auf den Speisekarten der Gaststätten und wie die künstliche Erregung, wer wieder einmal nicht den Literaturnobelpreis bekommen hat, ist ab Mitte Oktober in allen literarischen Zeitschriften, Feuilletons, Blogs und Foren, bei allen Dichterlingen und jenen, die es noch werden wollten – oder meinen, es zu sein -, ein Phä­nomen zu beobachten, das exakt bis zum ersten Advent reicht: Obwohl es noch ein paar Monate hin ist, erinnert man sich nach dem Sommerurlaub plötzlich wieder an den No­vember mit all seinen makaberen Festtagen. Es riecht überall nach Verzweiflung, Verwesung und Tod.

Mit den morgendlichen Nebeln, die ein viel zu früher, eiskalter Nordwind aus den klammen Wiesen über die feuchten, grauen Wege treibt, auf denen letzte bunte Blätter wie tote Schmetterlinge kleben, kultivieren die Literaten ihre ach so tiefempfundene, ach so heuchleri­sche Pseudotrauer, ich will sie mal Das Große Herbstjammern nennen. Sie wird im Advent von der Weih­nachtsweinerlichkeit und der Feiertagsbetroffenheit abgelöst. Dann folgt die Winterdepression, bevor für kurze Zeit Frühlingsgefühle den Stift des Dichters beherrschen.

Es ist, als hätten die Lyriker voller Ungeduld den ganzen Som­mer darauf gewartet: Wie bestellt legen auch gleich ein paar Große der Zunft erschöpft ihre Stifte zur Seite und den Geist in die Hände einer trauernden Nachwelt. Plötzlich springt jeder auf diesen Zug auf und drückt seine Betrof­fenheit in mehr oder weniger gelungenen Nekrologen und larmoyanten Erinnerungen aus. Die Journalisten reiben sich die Hände, weil sie ihre längst geschriebenen genialen Nachrufe endlich gegen Bares im Feuilleton unterbringen können und die Verleger sind erfreut, weil sie pünktlich zur Buchmesse die Werke des – egal, wie alt er war – immer allzu früh von uns Gegangenen nach­drucken können und diese sich wie geschnitten Brot verkaufen. Ich glaube, es gibt keinen einzigen gro­ßen Autoren, der mitten im Sommer in seiner Villa auf Fuerteventura starb. Vielleicht wird hier von der Verlagsmafia auch manches Ableben künstlich hinausgezögert. (1)

Apropos Sommer: Wo waren sie in den letzten Mona­ten, die herbstgrauen, wehmütigen, todessehnsüchtigen, morbiden Gedichtlein und Texte voll von Herbst, Ab­schied, frühem Leid, Bedauern, Melancholie, Depressi­on, Krankheit, Verzweiflung? Lagen sie am Strand in der Sonne? Wie Saunaschweiß perlen sie jetzt auf den erhitzten Stirnen der Lyriker und tropfen mit salzigen Tränen vermischt aufs Papier oder die Tastaturen! Ach, so klamm und kalt ist dem Poeten plötzlich, ein namen­loses Gefühl greift ihn fest und unbarmherzig ans Herz und engt seine Brust. Wie einsam und verlassen ist er doch mit einem Mal, wie gleichgültig behandeln ihn sei­ne Mitmenschen – so furchtbar allein ist er mit seinen tiefen Empfindungen und Sorgen. So sehr trägt er am Gewicht der Welt, am Kummer seiner Menschheit, dass ihm jeder Schritt zur schleppenden Qual wird. So schrecklich ist das Absterben der Natur und so furcht­bar dabei sein eigenes Los, so bedeutungsschwanger die Kürze der Tage und die lange, frostkalte Nacht. Jam­mern auf höchstem Niveau. Ach, wir sind doch nur Staub im Wind.

„Oje, morgens ist es jetzt schon immer länger dunkel. Und abends auch. Da brauche ich tatsächlich Licht im Bad! Ich musste schon die Heizung anmachen, festes Schuhwerk und die dicke Jacke aus den hinteren Schrankwinkeln ziehen … Und in zwei Monaten ist Weihnachten! Wann soll ich da nur mit meiner Diät beginnen können?“

Das ist doch ein Gedicht wert! Das muss ich allen mit­teilen, darüber muss man schreiben dürfen. Meine Herbstdepression, die interessiert die anderen, die teile ich. Ich habe traurige Worte, die will jeder hören. Meine zweihunderttausend Facebook-Freunde kennen das gar nicht, das muss ich ihnen erklären! Von denen empfin­det niemand so tief und ehrlich wie ich. Vielleicht kriege ich ja von allen ein „Gefällt mir“. Ich nenne das Gedicht Herbstnacht, denn das ist ein toller Titel:

Herbstnacht
Ein Wasserfall von Kälte stürzt hernieder.
Die Menschen werden fahl und grau.
Asche dunkelt den Himmel.
Lichter erwachen
zu geisterhaft glitzerndem Leben.
Müde bleichen Sterne
in schweren Wolkenmeeren.
Nacht wimmert zwischen den Ästen,
beweint den verlorenen Tag.
Die Stadt erbricht lasterhaftes Tun.
Schlaf sinkt wie Tod herab.
Schwärze schluckt den Lärm.
Nebel geifert grauen Qualm.
Alles still, Gott so fern:
Albträume Wahnsinniger.

Gut, nicht? Ich bin selbst ganz betroffen von der Tiefe meiner Lyrik. Ich werde mir jetzt eine Flasche Bordeaux öffnen und noch ein paar Tränen über das Schicksal der Menschheit vergießen. Dann schmecken die ersten Schoko-Lebkuchen noch viel besser.

 


(1) Und damit habe ich jetzt auch einmal ein Fake-Nachricht in die Welt gesetzt. Ich bin gespannt, wann ich es bei web.de als Schlagzeile lese.

Meine Probleme mit der Lyrik

«Eine erschöpfte Träne der Schattenblume deiner Gedanken bittert meine schlaflose Nacht. Eine Gedankenblume meiner erschöpften Nacht tränt den Schatten deiner schlaflosen Bitternis. Meine bitteren Nachtgedanken beschatten eine schlaflose Träne deiner blumenen Erschöpfung. Deine losen Schatten erschöpfen die Gedankentränen meiner schlafverbitterten Blumennacht. Nächtens denkst Du mit einer losen Träne die erschöpften Traumblumen meines bitteren Schlafes. Eine schlaflose Tränennacht gedenken die bitteren Schatten meines Traumes deiner erschöpften Blumen. Schattene Gedanken einer bitteren Blume schöpfen in den Tränen einer Nacht des Traumes Schlaflosigkeit. Schlaflose Blumen träumen im Schatten der tränenden Nacht voller Erschöpfung Gedanken der Bitternis. Blumiger Schlafbitter träumschattet tränengedanken nachtlose Erschöpflosigkeit. Traumblumige tränenverschlafene gedankenschöpfende schattenlose Bitternis. Tränenbittere schattenschöpfende traumgedankenlose Schlafblumenschöpfungsnacht

Auszug aus: „Ein kleines Licht“, Roman

Zeitungsanzeige aus dem Jahr 1899

Als regelmäßiger Leser meiner literarischen und anderweitigen Ergüsse – ich gehe der Einfachheit halber davon aus, dass es dich gibt – hast du vielleicht bemerkt, dass ich früher ab und an gut abgelagerte Gedichtzeilen auf diese Seiten setzte. Ich habe sie meinem „Berlin-Zyklus“ entnommen, den ich in der unteren Schublade meines Textarchivs fand, wo ich ihn unter einer Vielzahl von inzwischen vergilbten Romananfängen hervorzog, vorsichtig entstaubte und anschließend mit ein paar passenden Fotografien hier einstellte. Ohne mein Blog-Projekt wäre dieser Gedicht-Zyklus wahrscheinlich dort verschimmelt und von meinen achselzuckenden Erben im Papiermüll entsorgt worden. Das wäre vielleicht nicht die schlechteste Lösung gewesen. Nun stehen die Strophen aber im Internet, wurden von Suchmaschinen katalogisiert und sind dadurch ‚unsterblich‘. Ist das jetzt beruhigend oder berunruhigend? Heute kann keiner mehr Geschriebenes vernichten, kein Pogrom kann sie aus der Welt schaffen, dieses viel gescholtene neue Medium vervielfältigt und konserviert, übergibt die Texte der ‚Ewigkeit‘ – auch wenn sie niemand dort jemals lesen wird.

Die Berlin-Lyrik entstand im Februar 1987 anlässlich eines Besuchs zum 90. Geburtstag meines Großvaters, über den ich hier bereits ausführlich berichtete. Es waren die letzten Gedichte, die ich schrieb. Danach brachte ich nur noch Prosa aufs Papier und habe mich nie wieder als Lyriker versucht. Es sei denn, ich benötigte einen lyrischen Text in einer Geschichte wie z. B. in dem Kurzroman „Ein kleines Licht“. Ich war damals, 1987, – und es war tatsächlich eine andere Zeit – eben vierundzwanzig geworden, hatte mithilfe meines ersten Romans „Das Spiel“ eine heftige Schreib- und Lebenskrise überwunden bzw. bewältigt und entwickelte schneller Ideen für Texte, als ich sie aufschreiben konnte. Von dieser enorm schöpferischen Phase zehre ich zum Teil noch heute. Daher fühle ich mich beim Posten dieser von jeder Gedichttheorie unberührten – in der Hauptsache von Celan, Fried und Ausländer beeinflussten Strophen – schon ein wenig wie ein Schwindler, der sich für einen anderen ausgibt. Auch wenn dieser Andere nur mein eigenes in der Vergangenheit verlorenes Ich ist, schmücke ich mich mit Lorbeeren, die mir im eigentlichen Sinn nicht zu-„stehen“. Denn mein „lyrisches Ich“ gibt es nicht mehr, es ging irgendwann kurz nach dem Berlin-Zyklus verloren.

gedichtWenn ich nun schon beim Gestehen bin: Das Posten meiner Lyrik auf diesem Blog war auch noch aus einem anderen Grund zweifelhaft: Ich habe heute keinen Bezug mehr zur Dichtkunst, sie ist mir fern. Ich lese sie nicht und zweifle grundsätzlich an ihrer Existenzberechtigung in der Moderne. Sie zählt für mich zu den aussterbenden oder schon toten Literaturformen wie der Heldenepos, das Hörspiel oder der Briefroman – vielleicht sogar der Roman selbst. Wenn ich durch das Internet und die Seiten meiner Blog-Kollegen bummle, habe ich zwar oft den Eindruck, es entstünde mehr Lyrik als Prosa, aber ich denke trotzdem, dass nur mehr eine Nische bedient wird, Lyriker für Lyriker schreiben. So fangen viele an.

Ich glaube auch nicht an das Funktionieren von politischen Gedichten: Dichtung ist für mich in erster Linie die Wiedergabe eines Gefühls, einer Empfindung. Sie spricht direkt die Seele des Hörers an und setzt sie in Schwingungen wie die Musik, mit der sie wesentlich verwandter ist als mit der Prosa. Wie ein Theaterstück gehört auch ein Gedicht fürs Publikum vorgetragen, um seine Melodie erfahrbar, erfühlbar zu machen; eine lyrische Strophe in einem Buch oder auf einem Monitor bleibt ebenso verborgen und seelenlos wie ein Lied, wenn ich es nur auf dem Notenblatt sehe. Nun sind aber jene Emotionen, die mir der Dichter mit der Kraft seiner Worte mitteilt, im Zeitalter des Massenmenschen und der alltäglichen Berieselung durch die Medien beliebig austauschbar, stumpf und häufig ein geradezu peinliches Klischee geworden. Es wurde schon alles gesagt, nur noch nicht von allen (Karl Valentin). Für mich persönlich bin ich deshalb zu dem Entschluss gekommen, dass ich darauf verzichte, mit den gleichen Wörtern und Worten von Herzenleid und -freud zu dichten wie tausende vor mir. Ich denke, dem Gedicht kann heute nichts mehr hinzugefügt werden, was nicht schon formuliert wurde und dies von besseren Dichtern als mir in einer besseren und endgültigeren Form, als ich es je zustande bringen würde.

Noch eine Anmerkung: Ich bin kein Dichter oder Philosoph und habe weder Literatur studiert noch eine eigene Theorie entwickelt. Ich haben keine neuen Ideen, ich popularisiere sie höchstens. “Naiv” gesagt: Ich schreibe ohne groß nachzudenken; einfach so gebe ich die Wirklichkeit durch das Sieb meiner Persönlichkeit weiter. Dann kommt die Kritik. Wir kennen es aus der Schule: Da wird so lange interpretiert, bis der Text ermordet wurde und anschließend wird auch noch Leichenfledderei betrieben. Dabei denke ich, dass Louis Begley recht hat: Ein Buch will das sagen, was darin steht. Nicht mehr, nicht weniger. Das gilt auch für Gedichte. Ich kenne verblüffende, einander widersprechende Interpretationen meiner eigenen Werke, die Dinge hineingeheimnissen, die ich nie in das Buch geschrieben hatte. Es geht mir ein wenig wie einem konkreten Maler: Irgendeiner sieht immer etwas Gegenständliches. Ich habe gelernt, dass ich ein Werk, wenn ich es der Öffentlichkeit übergeben habe, loslassen muss, dass es nicht mehr mein Eigentum ist. Kann es eine allein gültige, “richtige” Interpretation geben? Ist sie nicht zumindest dem Zeitgeschmack unterworfen?

Mir fällt da gerade Bruckner ein. Kann es – als letzte Frage – sein, dass ein Dichter “dumm” ist, sein Werk aber “genial”?

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