Aber ein Traum …

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Dienstag, 24.09.19: Die Große Depression

Dienstag, 24.09.19
Noch drei Monate bis Weihnachten

„Oh, Jammer und Not. Oh, dräuend Ungemach.
Oh je, oh jemine, die Sorgen! Die Sorgen!“
Donald Duck

Alles ist nur eine Zeitlang schön.
Vorerst.
Nikolaus Klammer

Pünktlich wie die verheerenden Herbststürme in den USA, die Lebkuchen und Nikoläuse in den Supermarktre­galen, den Kürbiscremesuppen, Wildwochen und Maro­ni-Rezepten auf den Speisekarten der Gaststätten und die künstliche Erregung, wer wieder einmal nicht den Literaturnobelpreis bekommen hat, ist ab Ende September in allen literarischen Zeitschriften, Feuilletons, Blogs und Foren, bei allen Dichterlingen und jenen, die es noch werden wollten – oder wie ich nur meinen, es zu sein -, ein Phä­nomen zu beobachten, das exakt bis zum ersten Advent reicht: Obwohl es noch ein paar Monate hin ist, erinnert man sich plötzlich wieder an den No­vember mit all seinen makaberen Festtagen. Es riecht überall nach Verzweiflung, Verwesung und Tod.

Mit den morgendlichen Nebeln, die ein viel zu früher, eiskalter Nordwind aus den klammen Wiesen über die feuchten, grauen Wege treibt, auf denen letzte bunte Blätter wie tote Schmetterlinge kleben, kultivieren die Literaten ihre ach so tiefempfundene, ach so heuchleri­sche Pseudotrauer, ich will sie mal Das Große Herbstjammern nennen. Sie wird im Advent von der Weih­nachts-Weinerlichkeit und der Feiertags-Betroffenheit abgelöst. Dann folgt bis in den März hinein die Winterdepression.

Es is geradet, als hätten sie voller Ungeduld den ganzen Som­mer darauf gewartet: Wie bestellt legen auch gleich ein paar Große der Zunft erschöpft ihre Stifte zur Seite und den Geist in die Hände einer trauernden Nachwelt. Plötzlich springt jeder auf diesen Zug auf und drückt seine Betrof­fenheit in mehr oder weniger gelungenen Nekrologen und larmoyanten Erinnerungen aus. Die Journalisten reiben sich die Hände, weil sie ihre längst geschriebenen genialen Nachrufe endlich gegen Bares im Feuilleton unterbringen können und die Verleger sind erfreut, weil sie pünktlich zur Buchmesse die Werke des – egal, wie alt er war – immer allzu früh von uns Gegangenen nach­drucken können und diese sich wie geschnitten Brot verkaufen. Ich glaube, es gibt keinen einzigen gro­ßen Autoren, der mitten im Sommer in seiner Villa auf Fuerteventura starb. Vielleicht wird hier von der Verlagsmafia auch manches Ableben künstlich hinausgezögert.(1)

Apropos Sommer: Wo haben sie sich eigentlich in den letzten Mona­ten versteckt gehalten, jene aschgrauen, wehmütigen, todessehnsüchtigen, morbiden Gedichtlein und Texte voll von Herbst, Ab­schied, Weltschmerz, frühem Leid, Bedauern, Melancholie, Depressi­on, Krankheit, Verzweiflung? Lagen sie am Strand in der Sonne? Wie Saunaschweiß perlen sie jetzt auf den erhitzten Stirnen der Lyriker und tropfen mit salzigen Tränen vermischt aufs Papier oder die Tastaturen! Ach, so klamm und kalt ist dem Poeten plötzlich, ein namen­loses Gefühl greift ihn fest und unbarmherzig ans Herz und engt seine Brust. Wie einsam und verlassen ist er doch mit einem Mal, wie gleichgültig behandeln ihn sei­ne Mitmenschen – so furchtbar allein ist er mit seinen tiefen Empfindungen und Sorgen. So sehr trägt er am Gewicht der Welt, am Kummer seiner Menschheit, dass ihm jeder Schritt zur schleppenden Qual wird. So schrecklich ist das Absterben der Natur und so furcht­bar dabei sein eigenes Los, so bedeutungsschwanger die Kürze der Tage und die lange, frostkalte Nacht. Jam­mern auf höchstem Niveau. Ach, wir sind doch nur Staub im Wind.

„Oje, morgens ist es jetzt schon immer länger dunkel. Und abends auch. Da brauche ich tatsächlich Licht im Bad! Ich musste schon die Heizung anmachen, festes Schuhwerk und die dicke Jacke aus den hinteren Schrankwinkeln ziehen … Und in drei Monaten ist Weihnachten! Wann soll ich da nur mit meiner Diät an­fangen können?“

Das ist doch ein Gedicht wert! Das muss ich allen mit­teilen, darüber muss man schreiben dürfen. Meine Herbstdepression, die interessiert die anderen, die teile ich. Ich habe traurige Worte, die will jeder hören. Meine zweihunderttausend Facebook-Freunde kennen das gar nicht, das muss ich ihnen erklären! Von denen empfin­det niemand so tief und ehrlich wie ich. Vielleicht kriege ich ja von allen ein „Gefällt mir“. Ich nenne das Gedicht:

Herbstnacht
Ein Wasserfall von Kälte stürzt hernieder.
Die Menschen werden fahl und grau.
Asche dunkelt den Himmel.
Lichter erwachen
zu geisterhaft glitzerndem Leben.
Müde bleichen Sterne
in schweren Wolkenmeeren.
Nacht wimmert zwischen den Ästen,
beweint den verlorenen Tag.
Die Stadt erbricht lasterhaftes Tun.
Schlaf sinkt wie Tod herab.
Schwärze schluckt den Lärm.
Nebel geifert grauen Qualm.
Alles still, Gott so fern:
Albträume Wahnsinniger.

Gut, nicht? Ich bin selbst ganz betroffen von der Tiefe meiner Lyrik. Ich werde mir jetzt eine Flasche Bordeaux öffnen und noch ein paar Tränen über das Schicksal der Menschheit vergießen. Dann schmecken die ersten Schoko-Lebkuchen noch viel besser.

*

PS. Diesen inzwischen gut abgehangenen, aber nie veraltenden und ähnliche ältere Texte dieses Blogs habe ich in meinem Büchlein „Noch einmal davon gekommen“ gesammelt, das demnächst mit „Noch einmal daran gedacht“ eine Fortsetzung erhält.

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(1) Und damit habe ich jetzt auch einmal ein Fake-Nachricht in die Welt gesetzt. Ich bin gespannt, wann ich es bei web.de als Schlagzeile lese.

Alle Jahre wieder: Selbstmitleid

Der Alpsee im Winter 2013

Niklas, jetzt mal ehrlich: Was bringt dir deine alljährliche Januars-Winterdepression eigentlich?

  • Ich habe ordentlich zugenommen und eine Gewichtsklasse erreicht, die ich lange hinter mir wähnte. Inzwischen habe ich eine strenge Diät begonnen, von der ich hoffe, durch sie wieder einige Pfunde zu verlieren. Wahrscheinlich ist das nur ein frommer Wunsch.

Erkenntnis: Vierzehn Tage nichts essen bringt einen nicht um, aber auf viele neue, manchmal bonbonbunte Ideen. Fasten bessert zwar nicht die Laune, aber man ist auf andere zornig und nicht mehr auf sich selbst.

Konntest du dich wenigstens als Literat weiterentwickeln, erkältet und eingemummt in meinem Zimmer sitzend und in einer Vielzahl von neu erworbenen Büchern blätternd?

  • Ich habe versucht, meine Philosophiekenntnisse aufzufrischen. Ob es am Nachlassen meiner geistigen Fähigkeiten oder am Schleim in meinen Bronchen oder an der stickigen Luft in den überheizten Räumen lag: Ich scheiterte daran, meine Lektüren zu verstehen und zu durchdringen – Bücher von und über Denker, über die ich früher leichthin dozieren konnte.

Erkenntnis: Ich habe über die Jahre Angesammeltes schneller vergessen, als ich mir Wissen angeeignet habe. Ich verdumme langsam, aber stetig: Leben und Lernen – ein Minusgeschäft, das schnurstracks in die Demenz führt.

Wie war dann diese Zeit für dich?

  • Ich war in einer Art Winterschlaf, aus dem ich nicht erwachen wollte und auch nicht konnte. Wie somnambul lief ich durch die Welt und sah der Zeit beim Vergehen zu. Das kann sie gut und schnell, sie ist ein zuverlässiger Marathonläufer. Es ist schon wahr – ab einem bestimmten Alter ist alle drei Monate Weihnachten und früher war das Wetter besser.

Erkenntnis: Der Weg in die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Als Meister des Vor-mir-her-Schiebens (neumodisch: Prokrastination) hat sich im letzten, verlorenen halben Jahr literarisch bei mir überhaupt nichts getan. Die bislang eher vergebliche Anstrengung, diesen Blog wieder in Gang zu bringen, ist ein Versuch, das zu ändern und ich werde jetzt mit hoffentlich neuer Kraft an meine Texte gehen.

Hast du Vorsätze für das neue Jahr?

  • Mir wurde klar, dass ich einige Freundschaften sträflich vernachlässigt habe, manche über Jahre hinweg. Je länger das Schweigen dauerte, um so schwieriger war es für mich, einen neuen Anfang zu wagen – bis ich es ganz ließ. Dadurch habe ich wichtige Freundschaften verloren. Selbstverständlich hätten sich auch die anderen mühen können, aber denen ging es wohl wie mir. Zum nahen Geburtstag will ich sie trotzdem alle einladen, ein großes Fest feiern. Vielleicht findet ja der eine oder andere diesen Blog. Er ist auch eine Flaschenpost.

Erkenntnis: Alte Bande rosten nicht – sie verfaulen.

Und? Wo stehst du im Moment?

  • Im Moment ziehe ich mich gerade wie Münchhausen an meinem eigenen Zopf aus dem Sumpf meiner Missstimmung, die momentane Kälte und die Hoffnung auf einen baldigen Frühling hilft. Ihn empfinden wohl die meisten als Befreiung, Erlösung. Und schnell vergisst wir dabei, dass er nicht für immer siegreich ist, sondern nur für ein knappes, halbes Jahr. Dann – im September, Oktober – dann kommt wieder die Depression.

Erkenntnis: Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. (R. M. Rilke)

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Anmerkung: Selbstverständlich ist meine schlechte Stimmung, die ich hier recht leichtsinnig eine Depression nenne, keine klinische, sondern Jammern auf hohem Niveau. Gegen die Probleme, die andere Leute haben, sind die meinigen gering, ja, lächerlich unbedeutend. Sie könnten für manche, die echte Depressionen haben, beleidigend sein. Aber es sind halt meine und deren Auswirkungen bekomme ich eben am stärksten zu spüren.

Der Frost der Tage – eine Depression

Was für ein Morgen.

Ein eisiger Hauch glitzert in der Sonne über dem amorphen Schneefeld, das noch vor Kurzem mein gepflegter Garten war. Jetzt ist es eine zwar trügerisch schöne, aber überaus lebensfeindliche Landschaft, auf die ich durch die beschlagene Terrassentür sehe und mich dabei selbst umarme. Nur an wenigen Stellen durchbrechen schwarze, erfrorene Pflanzenstängel wie zum Trotz das weiße Leichentuch, deuten als flüchtige Skizze die Orte an, an denen noch im Herbst üppiges Grün austrieb und reiche Früchte trug. Der Garten ist ein Grab von Hoffnungen und Träumen.

Denn es könnte auch ein Blick durch ein Dimensionsfenster sein, hinaus auf eine andere, fremde Welt auf einem anderen Planeten in einem anderen Universum zu einer anderen Zeit: Eine Landschaft der Seele. Es ist meine Landschaft. Ich bin mein Garten.

Confess

Ich sehe durch das Glas und erkenne: Dort draußen breitet sich mein Inneres vor meinen Augen aus. Ich sehe in mich. Auf den Frost der Tage, die kommen. Kurze, starre Tage, erfrorene Hoffnungen unter hohem Schnee. Eisige Kälte dringt müde durch die unzureichend abgedichteten Türrahmen. Sie greift verlangend nach mir und ich fasse mich noch fester. Gut, dass ich diesen Moment nicht an die Arbeit verschwenden muss, sondern nutzen kann, um über mich nachzudenken.

Ich war nachlässig in der letzten Zeit, achtete viel zu wenig auf mich. Meinen  Körper habe gering geschätzt, seine Warnungen ignoriert, den Geist nicht gefordert, ihn zur Geisel von billigem Vergnügen und Ablenkung gemacht. Zog mich zurück aus einer Welt, die gerade in letzter Zeit so viel Hass und Dummheit und Gewalt vor meinen Füßen erbrach. Ich wollte das alles nicht sehen, nicht glauben. Das sollte mich nicht erreichen, kein Teil meiner Wirklichkeit werden. Ich flüchtete deshalb in einen Winterschlaf, igelte mich ein, zog die Decke über den Kopf, aß und trank viel zu viel, verbrachte hundert Stunden im Spiel.

Auf irgend eine seltsame Weise stecke ich noch im letzten Jahr fest, fühle ich mich aus meiner Zeit gerissen, habe ich 2015 noch nicht erreicht. Ich taumelte wie ein Schlafwandler durch durch den Januar, erreichte den Februar nur mit Mühen. Ich habe leichtfertig Lebenszeit verschenkt. Das rächt sich nun mit Schmerzen, körperlichen und seelischen. Auch ein Meister der Verdrängung scheitert einmal an dem Berg, den er vor sich herschiebt. Und nein. Sisyphos darf man sich nicht als glücklichen Menschen denken.

In ein paar Tagen jährt sich mal wieder mein Geburtstag, doch diesmal ist dieser Termin kein Anlass zur Freude. Diesmal ist er ein Blick hinaus auf eine trostlose, winteröde Landschaft, aus der meine Träume und Ideale, meine Hoffnungen und Wünsche wie abgestorbene Pflanzenreste aus dem Eis ragen. Ein Blick auf eine Zukunft, an der ich eigentlich nicht teilhaben will. An der ich keine Freude haben werde.

Und jetzt? Mache ich mir einen Tee.

Denn es ist an der Zeit. Ich will wieder Herr meiner Tage werden. Wenn nicht heute – wann dann? Ich mag gestolpert, ja hingefallen sein. Und ich habe mich dabei verletzt. Aber ich werde mich wieder aufrichten, weitermachen, weiterleben, weiter schreiben. Ich will noch auf viele Berge steigen. Auch auf den, den ich vor mir herschiebe. Denn unter dem Schnee ist doch noch so viel Leben, warten noch so viele ungesehene Dinge. Alles drängt bereits an die Oberfläche. Ich muss nur den ersten Schritt tun. Der Winter mag herrschen, aber eigentlich hat er bereits verloren. Zumindest diese Runde geht noch einmal an mich.

Der Winter ist kein Abschluss. Er ist ein Beginn – heute, an diesem Tag.

Nutzen wir ihn.

Die Große Depression

[..] wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird lesen, wachen, lange Briefe schreiben
und wird auf den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“

Rainer Maria Rilke

„Oh, Jammer und Not. Oh, dräuend Ungemach.
Oh je, oh jemine, die Sorgen! Die Sorgen!

Donald Duck

Pünktlich wie die verheerenden Herbststürme an der amerikanischen Atlantikküste, die Lebkuchen und Nikoläuse in den Supermarktregalen, die Kürbiscremesuppen, Wildwochen und Maronenrezepte auf den Tageskarten und die künstliche Erregung, wer sich nicht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises findet, ist ab Mitte September – nachdem auch in Bayern endlich die Ferien enden und damit überall wieder der Alltag einkehrt – in allen literarischen Zeitschriften, Feuilletons, Blogs und Foren, bei allen Dichterlingen und jenen, die es noch werden wollten – oder meinen, es zu sein -, ein Phänomen zu beobachten, das etwa bis zum ersten Advent reicht: Man erinnert sich plötzlich wieder an den November mit all seinen makaberen Festtagen. Es riecht überall nach Verzweiflung, Verwesung und Tod.

Mit den morgendlichen Nebeln, die ein viel zu früher, eiskalter Nordwind aus den klammen Wiesen über die feuchten, grauen Wege treibt, auf denen letzte bunte Blätter wie tote Schmetterlinge kleben, kultivieren die Literaten ihre ach so tiefempfundene, ach so heuchlerische Pseudotrauer, ich will sie mal Die Große Herbstdepression nennen. Sie wird im Advent von der Weihnachts-Weinerlichkeit und der Feiertagsbetroffenheit abgelöst.

Herbst

Es ist, als hätten sie voller Ungeduld den ganzen Sommer darauf gewartet: Wie bestellt legen auch gleich ein paar Große erschöpft ihre Stifte zur Seite und den Geist in die Hände einer trauernden Nachwelt. Plötzlich springt jeder auf diesen Zug auf und drückt seine Betroffenheit in mehr oder weniger gelungenen Nekrologen und larmoyanten Erinnerungen aus. Die Journalisten reiben sich die Hände, weil sie ihre längst geschriebenen genialen Nachrufe endlich gegen Bares im Feuilleton unterbringen können und die Verleger sind erfreut, weil sie pünktlich zur Buchmesse die Werke des – egal, wie alt er war – immer allzufrüh von uns Gegangenen nachdrucken können und diese sich wie geschnitten Brot verkaufen. Ich glaube, es gibt keinen einzigen großen Autoren, der mitten im Sommer starb. Vielleicht wird hier von der Verlagsmafia auch manches Ableben künstlich hinausgezögert.*

Apropos Sommer: Wo waren sie in den letzten Monaten, die herbstgrauen, wehmütigen, todessehnsüchtigen, morbiden Gedichtlein und Texte voll von Herbst, Abschied, frühem Leid, Bedauern, Melancholie, Depression, Krankheit, Verzweiflung? Lagen sie am Strand in der Sonne? Wie Saunaschweiß perlen sie jetzt auf den erhitzten Stirnen der Lyriker und tropfen mit salzigen Tränen vermischt aufs Papier oder die Tastaturen! Ach, so klamm und kalt ist dem Poeten plötzlich, ein namenloses Gefühl greift ihn fest und unbarmherzig ans Herz und engt seine Brust. Wie einsam und verlassen ist er doch mit einem Mal, wie gleichgültig behandeln ihn seine Mitmenschen – so furchtbar allein ist er mit seinen tiefen Empfindungen und Sorgen. So sehr trägt er am Gewicht der Welt, am Kummer seiner Menschheit, dass ihm jeder Schritt zur schleppenden Qual wird. So schrecklich ist das Absterben der Natur und so furchtbar dabei sein eigenes Los, so bedeutungsschwanger die Kürze der Tage und die lange, frostkalte Nacht. Jammern auf höchstem Niveau. Ach, wir sind doch nur Staub im Wind.

„Oje, morgens ist es jetzt schon immer länger dunkel. Und abends auch. Da brauche ich tatsächlich Licht im Bad! Ich musste schon die Heizung anmachen, festes Schuhwerk und die dicke Jacke aus den hinteren Schrankwinkeln ziehen… Und in drei Monaten ist Weihnachten! Wann soll ich da nur mit meiner Diät anfangen können?“

Das ist doch ein Gedicht wert! Das muss ich allen mitteilen, darüber muss man schreiben dürfen. Meine Herbstdepression, die interessiert die anderen, die teile ich. Ich habe traurige Worte, die will jeder hören Meine zweihunderttausend Facebook-Freunde kennen das gar nicht, das muss ich ihnen erklären! Von denen empfindet niemand so tief und ehrlich wie ich.

Vielleicht kriege ich ja von allen ein „Gefällt mir“ – vielleicht liest sogar der eine oder andere vorher meine Strophen. Ich nenne das Gedicht:

Herbstnacht

Ein Wasserfall von Kälte stürzt hernieder.
Die Menschen werden fahl und grau.
Asche dunkelt den Himmel.
Lichter erwachen
zu geisterhaft glitzerndem Leben.
Müde bleichen Sterne
in schweren Wolkenmeeren.

Nacht wimmert zwischen den Ästen,
beweint den verlorenen Tag.
Die Stadt erbricht lasterhaftes Tun.
Schlaf sinkt wie Tod herab.
Schwärze schluckt den Lärm.
Nebel geifert grauen Qualm.
Alles still, Gott so fern:
Albträume Wahnsinniger.

Gut, nicht? Ich bin selbst ganz betroffen. Ich werde mir jetzt eine Flasche Bordeaux öffnen und noch ein paar Tränen über das Schicksal der Menschheit vergießen. Dann schmecken die ersten Schoko-Lebkuchen noch viel besser.

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* Und damit habe ich jetzt auch einmal ein Internetgerücht in die Welt gesetzt. Ich bin gespannt, wann ich es bei web.de als Schlagzeile lese.

Auf der Flucht vor dem Tief

SuedtirolDa meine diesjährige Winterdepression langsam von der Frühjahrs- traurigkeit abgelöst wird, fahre ich ein paar Tage zum Wandern und Radfahren auf die Alpensüdseite ins Vinschgau. Ich will das Beste aus beiden Welten genießen – eine alpenländische Identität ohne größeren Kulturschock und das italienische Angebot in den Supermärkten…

Hoffentlich ist dort unten das Wetter besser.

Wenn nicht: Das 3. Kapitel des Romans will auch noch fertig überarbeitet werden und mein E-Book-Reader ist voll mit ungelesenem.

Bis bald,

Klammerle

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