Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Depression”

Samstag, 03.10.20 – Ach, dieses schreckliche Jahr …

Samstag, 03.10.2020

Liebe unbekannte Leserin,

du hast bestimmt schon auf meinen allwöchentlichen Samstagsbrief gewartet, der seit Wochen der einzige, irgendwie an Literatur erinnernde Text ist, der mir noch gelingen will. Und selbst diese regelmäßige kleine Botschaft kostet mich Überwindung. Ja, du wirst es dir schon beim Lesen meiner letzten Briefe gedacht haben: Ich befinde mich gerade in einer veritablen und hartnäckigen Schreibkrise, die mich wie ein unsichtbarer Virus hinterrücks überfallen hat und gefangen hält. In den letzten, sehr fleißigen Schreibjahren voller kreativen Outputs und 12 veröffentlichten Büchern hätte ich nicht gedacht, dass mir so etwas noch einmal passieren könnte. Das war mir unvorstellbar. Ich hielt mich überheblich vor dem berühmt-berüchtigten schriftstellerischen Burnout gefeit, über den so viele Autoren jammern. Denn ich hatte ein Ziel, eine Botschaft und wusste, dass ich ein „guter“ Autor bin. Dieses ungeheuerliche, nicht enden wollende 2020 hat mich eines Besseren belehrt. Spätestens mit dem Beginn der Corona-Pandemie im März und ihren unangenehmen Begleiterscheinungen(1), dem Tod meines Vaters und der Übernahme der Betreuung meiner dementen Mutter, meinem mir immer bewusster werdenden Versagen als Autor, dem es einfach nicht gelingen will, sich eine Leserschaft aufzubauen, befinde ich mich in einer Dauerkrise. Tatsächlich befand ich mich wohl auf einem Irrweg und jetzt sehe ich mich verwirrt an einer Kreuzung um und weiß nicht mehr weiter.

Nun trage ich aber seit Vorgestern eine nagelneue und sauteure Brille, meine erste mit Gleitsicht(2). Ich habe mich noch längst nicht an sie und meinen neuen, schärferen Blick auf die Dinge gewöhnt. Aber vielleicht schenkt mir ja der Ausblick durch den schwarzen Metallrahmen neue Perspektiven und Einsichten und mir gelingt es, gelassener zu sein, den richtigen Weg wiederzufinden und endlich an meinen Texten weiterzuarbeiten. Es kann nicht länger damit weitergehen, dass ich meine eigentlich viel zu kostbare freie Lebenszeit mit Netflix, Computerspielen, Essen und dem Smartphone verplempere.

*

Ein kräftiger Föhnwind schenkt dem Augsburger Land zumindest heute Vormittag eine gewisse Wärme und viel Sonnenschein. Er soll wohl mittags zusammenbrechen. Aber er hat mit leichter Hand die trüben Wolken (auch die, die in meinen Gedanken hingen, als ich zu schreiben begann), weggeblasen und eigentlich ist es schade, dass ich in meinem Kämmerlein an der Tastatur sitze und tippe. Dieser Tag schreit nach einer Bergwanderung, aber leider hat Frau Klammerle gerade Nachtwache und schläft den gerechten Schlaf der skandalös mies bezahlten, aber überaus fleißigen »Systemrelevanz«. Dringend wäre ein Aufräumen im kleinen Garten hinter dem Haus notwendig. Er verwandelt sich gerade langsam in den »totgesagten Park« von Stefan George(3). Zumindest die Büsche müssten beschnitten werden. Aber heute ist ja Feiertag und meine Nachbarn würden es nicht goutieren, wenn ich einen lautstarken Auftritt mit der elektrischen Heckenschere hinlege. Also werde ich weiter gelassen an dieser Glosse feilen, leisen »Gypsy-Jazz« laufen lassen, würzigen Chai trinken und ab und an sehnsüchtig aus dem Fenster sehen, während Frau und Katze nach ihren anstrengenden nächtlichen Beschäftigungen noch ein paar Stunden friedlich schlummern. Vielleicht schaffe ich es und schreibe noch ein paar Zeilen vom Schlusskapitel meines Roman-Projekts »Aber ein Traum«, das ich eigentlich in diesen Tagen veröffentlichen wollte, das aber wohl noch einen Monat intensiver Pflege und ein, zwei Korrekturleser benötigt(4). Zu 99,9 % bin ich fertig mit dem 300-Seiten-Werk, aber gerade die letzte Promille macht mir ordentlich zu schaffen. Der erste Satz ist einfach, ich habe gefühlt 1000 erste Sätze im Kopf, aber der letzte ist schwer, vor allem, wenn er auf den geplanten zweiten Teil Appetit machen soll. Im Moment sieht er so aus:

Kann es sein, dass die ausweglose Düsternis des Romanendes es mir gerade so schwer macht, daran weiterzuarbeiten? Was meinst du?

Liebe Grüße, dein Nikolaus.

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(1) Als da wären: Eine beständige innere Unruhe, eine unterschwellige Ängstlichkeit, ja, Furcht, schlechter Schlaf, Gewichtszunahme, noch weniger soziale Kontakte als vorher, eine depressive, sehr pessimistische Grundhaltung und viel Arbeit im Brotberuf. Oft fühle ich mich, als wäre das Ende der Welt oder zumindest mein eigenes nah. Ich bin häufig brummig und schlecht gelaunt. Vor allem ist es aber ein heftiger, Übelkeit erregender Ekel vor dem überlauten Geschrei von Nazis, Rassisten und anderen rechtsradikalen Arschlöchern, AfD’lern(1a), Irren, zynischen ausländischen Machtpolitikern mit der Intelligenz einer Fruchtfliege und vollkommen in ihre eigene, schreckliche Welt abgetrifteten Verschwörungsfanatikern, der mir meine Tage vergällt. Überall und von allen Seiten, auch in meinem privaten Leben, wollen sie mir ihre kranken Meinungen und idiotischen Wahnvorstellungen aufdrängen und mich dabei mundtot machen. Dieser Hass, der sich schneller als der Virus verbreitet, liegt mir den ganzen Tag wie ein fauliges Stück Fleisch auf der Zunge und ich kann ihn nicht loswerden. In den 80ern und 90ern, als es noch wenig oder gar kein Internet gab, durfte ich mir noch einreden, es wäre nur eine kleine Minderheit in Deutschland, die so spinnt – tatsächlich habe ich nun den Eindruck, wenn ich die Kommentare zu Tagesnachrichten lese, es wäre jeder vierte ein geistesgestörter Nazi. Es ist grotesk, dass genau jene, die ständig schreien, man könne hier nicht mehr seine Meinung sagen, wie in einer Dauerschleife ununterbrochen zu hören sind und die Stimmen der Vernunft überbrüllen. Ich jedenfalls bin sprachlos und entsetzt und knirsche hilflos mit den Zähnen, weil ich dieser brutalen Gewalttätigkeit nichts entgegensetzen kann.

(1a) Ja, ich weiß, dass nicht alle AfD-Wähler und AfD-Politiker Nazis sind – es gibt auch eine ganze Menge Deppen unter ihnen.

(2) Ja, ja, das Alter … siehe auch hier: »Die Welt durch Glas«

(3) Damit spiegelt das Gärtlein jetzt mit seiner etwas ranzigen Überfülle, seiner überbordenden natürlichen Unordnung und dem doch überall kränkelnden Blattwerk, den klebrigen Spinnweben und bleichen Herbstblüten als Gleichnis ziemlich exakt mein Lebensalter wider. Wenn es nicht einen dramatischen Einschnitt gibt und der Tod frühzeitig die elektrische Heckenschere ansetzt, dann befinde ich mich gerade im Herbst meines Lebens. Nun, das könnte schlimmer aussehen, oder?

(4) Vielleicht weißt du ja jemanden, der/die daran interessiert ist. Okay, wohl eher nicht.

Samstag, 26.09.20 – Herbstgejammer und ein Thermenbesuch

Samstag, 26.09.2020

Liebe unbekannte Leserin,

eigentlich müsste dies heute wieder ein übelgelaunter und dunkelgrau depressiver Brief werden. Doch über meine Misserfolge als Autor und meine Sorgen im Privaten will ich schweigen. Ich möchte nicht zu denen gehören, die sich anderen zumuten, obwohl sie sich selbst kaum ertragen können. Ich habe schon einmal darüber geschrieben, kann ich mich erinnern:

Pünktlich wie die nasskalten Herbststürme, die Lebkuchen und die Nikoläuse in den Supermarktre­galen, den Kürbiscremesuppen, Wildwochen und Maro­nenrezepten auf den Speisekarten der Gaststätten und die künstliche Erregung, wer wieder einmal nicht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht, ist ab Ende September in allen literarischen Zeitschriften, Feuilletons, Blogs und Foren, bei allen Dichterlingen und jenen, die es noch werden wollten – oder auch wie ich meinen, es zu sein -, ein Phä­nomen zu beobachten, das exakt bis zum ersten Advent reicht: Obwohl es noch einen guten Monat hin ist, erinnert man sich plötzlich wieder an den No­vember mit all seinen makaberen Festtagen. Es riecht überall nach Verzweiflung, Verwesung und Tod.

Mit den morgendlichen Nebeln, die ein viel zu früher, eiskalter Nordwind aus den klammen Wiesen über die feuchten, grauen Wege treibt, auf denen bunte Blätter wie tote Schmetterlinge kleben, kultivieren die Literaten ihre ach so tiefempfundene, ach so heuchleri­sche Pseudotrauer, ich will sie mal Das Große Herbstjammern nennen. Sie wird im Advent von der Weih­nachts-Weinerlichkeit und der Feiertags-Betroffenheit abgelöst. Dann folgt wie ein Naturgesetz die Winterdepression.

Es ist, als hätten sie voller Ungeduld den ganzen Som­mer darauf gewartet: Wie bestellt legen auch gleich ein paar Große der Zunft erschöpft ihre Stifte zur Seite und den Geist in die Hände einer trauernden Nachwelt. Plötzlich springt jeder auf diesen Zug auf und drückt seine Betrof­fenheit in mehr oder weniger gelungenen Nekrologen und larmoyanten Erinnerungen aus. Die Journalisten reiben sich die Hände, weil sie ihre längst geschriebenen genialen Nachrufe endlich gegen Bares im Feuilleton unterbringen können und die Verleger sind erfreut, weil sie pünktlich zur Frankfurter Buchmesse die Werke des – egal, wie alt er war – immer allzu früh von uns Gegangenen nach­drucken können und diese sich wie geschnitten Brot verkaufen. Ich glaube, es gibt keinen einzigen gro­ßen Autoren, der mitten im Sommer in seiner Villa auf Fuerteventura starb. Vielleicht wird hier von der Verlagsmafia auch manches Ableben künstlich hinausgezögert.(1)

Apropos Sommer: Wo waren sie in den letzten Mona­ten, die herbstgrauen, wehmütigen, todessehnsüchtigen, morbiden Gedichtlein und Texte voll von Herbst, Ab­schied, frühem Leid, Bedauern, Melancholie, Depressi­on, Krankheit, Verzweiflung? Lagen sie am Strand in der Sonne? Wie Saunaschweiß perlen sie jetzt auf den erhitzten Stirnen der Lyriker und tropfen mit salzigen Tränen vermischt aufs Papier oder die Tastaturen! Ach, so klamm und kalt ist dem Poeten plötzlich, ein namen­loses Gefühl greift ihn fest und unbarmherzig ans Herz und engt seine Brust. Wie einsam und verlassen ist er doch mit einem Mal, wie gleichgültig behandeln ihn sei­ne Mitmenschen – so furchtbar allein ist er mit seinen tiefen Empfindungen und Sorgen. So sehr trägt er am Gewicht der Welt, am Kummer seiner Menschheit, dass ihm jeder Schritt zur schleppenden Qual wird. So schrecklich ist das Absterben der Natur und so furcht­bar dabei sein eigenes Los, so bedeutungsschwanger die Kürze der Tage und die lange, frostkalte Nacht. Jam­mern auf höchstem Niveau. Ach, wir sind doch nur Staub im Wind.

„Oje, morgens ist es jetzt schon immer länger dunkel. Und abends auch. Da brauche ich tatsächlich Licht im Bad! Ich musste schon die Heizung anmachen, festes Schuhwerk und die dicke Jacke aus den hinteren Schrankwinkeln ziehen … Und in drei Monaten ist Weihnachten! Wann soll ich da nur mit meiner Diät an­fangen können?“

Das ist doch ein Gedicht wert! Das muss ich allen mit­teilen, darüber muss man schreiben dürfen. Meine Herbstdepression, die interessiert die anderen, die teile ich. Ich habe traurige Worte, die will jeder hören. Meine zweihunderttausend Instagram-Freunde kennen das gar nicht, das muss ich ihnen erklären! Von denen empfin­det eh niemand so tief und ehrlich wie ich. Vielleicht kriege ich ja von allen ein „Gefällt mir“. Ich nenne das Gedicht:

Herbstnacht

Ein Wasserfall von Kälte stürzt hernieder.
Die Menschen werden fahl und grau.
Asche dunkelt den Himmel.
Lichter erwachen
zu geisterhaft glitzerndem Leben.
Müde bleichen Sterne
in schweren Wolkenmeeren.

Nacht wimmert zwischen den Ästen,
beweint den verlorenen Tag.
Die Stadt erbricht lasterhaftes Tun.
Schlaf sinkt wie Tod herab.
Schwärze schluckt den Lärm.
Nebel geifert grauen Qualm.
Alles still, Gott so fern:
Albträume Wahnsinniger.

Gut, nicht? Ich bin selbst ganz betroffen von der Tiefe meiner Lyrik. Ich werde mir jetzt eine Flasche Bordeaux öffnen und noch ein paar Tränen über das Schicksal der Menschheit vergießen. Dann schmecken die ersten Schoko-Lebkuchen noch viel besser.

Nachtrag: Was immer gegen die Herbstdepression hilft, ist eine Finnische Sauna; da schwitzt der Autor alles aus, was ihn belastet. Frau Klammerle und ich verbrachten den gestrigen Freitag in Bad Wörishofen in der Therme des Kursorts, wo wir ein paar Sauna- und Massagegutscheine aufbrauchten, die sich seit unseren letzten Geburtstagen angesammelt hatten. Es war unser erster Besuch in einer Wellness-Oase seit dem Pandemiebeginn. Es war schon eine recht merkwürdige Stimmung, die dort herrschte und im Hinterkopf nagte beständig die Coronafurcht. Aber nach einer gewissen Eingewöhnungszeit genossen wir einen gelungenen Tag. Wahrscheinlich ist eine 90°C heiße Sauna der vor einer Ansteckung sicherste Ort der Welt (Mein Arbeitsplatz ist es nicht, wie ich in dieser Woche erfahren musste). Die Abstandsregelungen wurden streng beachtet und man konnte die Therme nur mit Voranmeldung betreten. Dadurch war es für einen Freitag ungewohnt leer und das kalte Regenwetter passte perfekt.

Wir werden so etwas wieder häufiger machen.

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(1) Und damit habe ich jetzt auch einmal ein Fake-Nachricht in die Welt gesetzt. Ich bin gespannt, wann ich es bei web.de als Schlagzeile lese.

Dienstag, 24.09.19: Die Große Depression

Dienstag, 24.09.19
Noch drei Monate bis Weihnachten

„Oh, Jammer und Not. Oh, dräuend Ungemach.
Oh je, oh jemine, die Sorgen! Die Sorgen!“
Donald Duck

Alles ist nur eine Zeitlang schön.
Vorerst.
Nikolaus Klammer

Pünktlich wie die verheerenden Herbststürme in den USA, die Lebkuchen und Nikoläuse in den Supermarktre­galen, den Kürbiscremesuppen, Wildwochen und Maro­ni-Rezepten auf den Speisekarten der Gaststätten und die künstliche Erregung, wer wieder einmal nicht den Literaturnobelpreis bekommen hat, ist ab Ende September in allen literarischen Zeitschriften, Feuilletons, Blogs und Foren, bei allen Dichterlingen und jenen, die es noch werden wollten – oder wie ich nur meinen, es zu sein -, ein Phä­nomen zu beobachten, das exakt bis zum ersten Advent reicht: Obwohl es noch ein paar Monate hin ist, erinnert man sich plötzlich wieder an den No­vember mit all seinen makaberen Festtagen. Es riecht überall nach Verzweiflung, Verwesung und Tod.

Mit den morgendlichen Nebeln, die ein viel zu früher, eiskalter Nordwind aus den klammen Wiesen über die feuchten, grauen Wege treibt, auf denen letzte bunte Blätter wie tote Schmetterlinge kleben, kultivieren die Literaten ihre ach so tiefempfundene, ach so heuchleri­sche Pseudotrauer, ich will sie mal Das Große Herbstjammern nennen. Sie wird im Advent von der Weih­nachts-Weinerlichkeit und der Feiertags-Betroffenheit abgelöst. Dann folgt bis in den März hinein die Winterdepression.

Es is geradet, als hätten sie voller Ungeduld den ganzen Som­mer darauf gewartet: Wie bestellt legen auch gleich ein paar Große der Zunft erschöpft ihre Stifte zur Seite und den Geist in die Hände einer trauernden Nachwelt. Plötzlich springt jeder auf diesen Zug auf und drückt seine Betrof­fenheit in mehr oder weniger gelungenen Nekrologen und larmoyanten Erinnerungen aus. Die Journalisten reiben sich die Hände, weil sie ihre längst geschriebenen genialen Nachrufe endlich gegen Bares im Feuilleton unterbringen können und die Verleger sind erfreut, weil sie pünktlich zur Buchmesse die Werke des – egal, wie alt er war – immer allzu früh von uns Gegangenen nach­drucken können und diese sich wie geschnitten Brot verkaufen. Ich glaube, es gibt keinen einzigen gro­ßen Autoren, der mitten im Sommer in seiner Villa auf Fuerteventura starb. Vielleicht wird hier von der Verlagsmafia auch manches Ableben künstlich hinausgezögert.(1)

Apropos Sommer: Wo haben sie sich eigentlich in den letzten Mona­ten versteckt gehalten, jene aschgrauen, wehmütigen, todessehnsüchtigen, morbiden Gedichtlein und Texte voll von Herbst, Ab­schied, Weltschmerz, frühem Leid, Bedauern, Melancholie, Depressi­on, Krankheit, Verzweiflung? Lagen sie am Strand in der Sonne? Wie Saunaschweiß perlen sie jetzt auf den erhitzten Stirnen der Lyriker und tropfen mit salzigen Tränen vermischt aufs Papier oder die Tastaturen! Ach, so klamm und kalt ist dem Poeten plötzlich, ein namen­loses Gefühl greift ihn fest und unbarmherzig ans Herz und engt seine Brust. Wie einsam und verlassen ist er doch mit einem Mal, wie gleichgültig behandeln ihn sei­ne Mitmenschen – so furchtbar allein ist er mit seinen tiefen Empfindungen und Sorgen. So sehr trägt er am Gewicht der Welt, am Kummer seiner Menschheit, dass ihm jeder Schritt zur schleppenden Qual wird. So schrecklich ist das Absterben der Natur und so furcht­bar dabei sein eigenes Los, so bedeutungsschwanger die Kürze der Tage und die lange, frostkalte Nacht. Jam­mern auf höchstem Niveau. Ach, wir sind doch nur Staub im Wind.

„Oje, morgens ist es jetzt schon immer länger dunkel. Und abends auch. Da brauche ich tatsächlich Licht im Bad! Ich musste schon die Heizung anmachen, festes Schuhwerk und die dicke Jacke aus den hinteren Schrankwinkeln ziehen … Und in drei Monaten ist Weihnachten! Wann soll ich da nur mit meiner Diät an­fangen können?“

Das ist doch ein Gedicht wert! Das muss ich allen mit­teilen, darüber muss man schreiben dürfen. Meine Herbstdepression, die interessiert die anderen, die teile ich. Ich habe traurige Worte, die will jeder hören. Meine zweihunderttausend Facebook-Freunde kennen das gar nicht, das muss ich ihnen erklären! Von denen empfin­det niemand so tief und ehrlich wie ich. Vielleicht kriege ich ja von allen ein „Gefällt mir“. Ich nenne das Gedicht:

Herbstnacht
Ein Wasserfall von Kälte stürzt hernieder.
Die Menschen werden fahl und grau.
Asche dunkelt den Himmel.
Lichter erwachen
zu geisterhaft glitzerndem Leben.
Müde bleichen Sterne
in schweren Wolkenmeeren.
Nacht wimmert zwischen den Ästen,
beweint den verlorenen Tag.
Die Stadt erbricht lasterhaftes Tun.
Schlaf sinkt wie Tod herab.
Schwärze schluckt den Lärm.
Nebel geifert grauen Qualm.
Alles still, Gott so fern:
Albträume Wahnsinniger.

Gut, nicht? Ich bin selbst ganz betroffen von der Tiefe meiner Lyrik. Ich werde mir jetzt eine Flasche Bordeaux öffnen und noch ein paar Tränen über das Schicksal der Menschheit vergießen. Dann schmecken die ersten Schoko-Lebkuchen noch viel besser.

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PS. Diesen inzwischen gut abgehangenen, aber nie veraltenden und ähnliche ältere Texte dieses Blogs habe ich in meinem Büchlein „Noch einmal davon gekommen“ gesammelt, das demnächst mit „Noch einmal daran gedacht“ eine Fortsetzung erhält.

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(1) Und damit habe ich jetzt auch einmal ein Fake-Nachricht in die Welt gesetzt. Ich bin gespannt, wann ich es bei web.de als Schlagzeile lese.

Alle Jahre wieder: Selbstmitleid

Der Alpsee im Winter 2013

Niklas, jetzt mal ehrlich: Was bringt dir deine alljährliche Januars-Winterdepression eigentlich?

  • Ich habe ordentlich zugenommen und eine Gewichtsklasse erreicht, die ich lange hinter mir wähnte. Inzwischen habe ich eine strenge Diät begonnen, von der ich hoffe, durch sie wieder einige Pfunde zu verlieren. Wahrscheinlich ist das nur ein frommer Wunsch.

Erkenntnis: Vierzehn Tage nichts essen bringt einen nicht um, aber auf viele neue, manchmal bonbonbunte Ideen. Fasten bessert zwar nicht die Laune, aber man ist auf andere zornig und nicht mehr auf sich selbst.

Konntest du dich wenigstens als Literat weiterentwickeln, erkältet und eingemummt in meinem Zimmer sitzend und in einer Vielzahl von neu erworbenen Büchern blätternd?

  • Ich habe versucht, meine Philosophiekenntnisse aufzufrischen. Ob es am Nachlassen meiner geistigen Fähigkeiten oder am Schleim in meinen Bronchen oder an der stickigen Luft in den überheizten Räumen lag: Ich scheiterte daran, meine Lektüren zu verstehen und zu durchdringen – Bücher von und über Denker, über die ich früher leichthin dozieren konnte.

Erkenntnis: Ich habe über die Jahre Angesammeltes schneller vergessen, als ich mir Wissen angeeignet habe. Ich verdumme langsam, aber stetig: Leben und Lernen – ein Minusgeschäft, das schnurstracks in die Demenz führt.

Wie war dann diese Zeit für dich?

  • Ich war in einer Art Winterschlaf, aus dem ich nicht erwachen wollte und auch nicht konnte. Wie somnambul lief ich durch die Welt und sah der Zeit beim Vergehen zu. Das kann sie gut und schnell, sie ist ein zuverlässiger Marathonläufer. Es ist schon wahr – ab einem bestimmten Alter ist alle drei Monate Weihnachten und früher war das Wetter besser.

Erkenntnis: Der Weg in die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Als Meister des Vor-mir-her-Schiebens (neumodisch: Prokrastination) hat sich im letzten, verlorenen halben Jahr literarisch bei mir überhaupt nichts getan. Die bislang eher vergebliche Anstrengung, diesen Blog wieder in Gang zu bringen, ist ein Versuch, das zu ändern und ich werde jetzt mit hoffentlich neuer Kraft an meine Texte gehen.

Hast du Vorsätze für das neue Jahr?

  • Mir wurde klar, dass ich einige Freundschaften sträflich vernachlässigt habe, manche über Jahre hinweg. Je länger das Schweigen dauerte, um so schwieriger war es für mich, einen neuen Anfang zu wagen – bis ich es ganz ließ. Dadurch habe ich wichtige Freundschaften verloren. Selbstverständlich hätten sich auch die anderen mühen können, aber denen ging es wohl wie mir. Zum nahen Geburtstag will ich sie trotzdem alle einladen, ein großes Fest feiern. Vielleicht findet ja der eine oder andere diesen Blog. Er ist auch eine Flaschenpost.

Erkenntnis: Alte Bande rosten nicht – sie verfaulen.

Und? Wo stehst du im Moment?

  • Im Moment ziehe ich mich gerade wie Münchhausen an meinem eigenen Zopf aus dem Sumpf meiner Missstimmung, die momentane Kälte und die Hoffnung auf einen baldigen Frühling hilft. Ihn empfinden wohl die meisten als Befreiung, Erlösung. Und schnell vergisst wir dabei, dass er nicht für immer siegreich ist, sondern nur für ein knappes, halbes Jahr. Dann – im September, Oktober – dann kommt wieder die Depression.

Erkenntnis: Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. (R. M. Rilke)

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Anmerkung: Selbstverständlich ist meine schlechte Stimmung, die ich hier recht leichtsinnig eine Depression nenne, keine klinische, sondern Jammern auf hohem Niveau. Gegen die Probleme, die andere Leute haben, sind die meinigen gering, ja, lächerlich unbedeutend. Sie könnten für manche, die echte Depressionen haben, beleidigend sein. Aber es sind halt meine und deren Auswirkungen bekomme ich eben am stärksten zu spüren.

Der Frost der Tage – eine Depression

Was für ein Morgen.

Ein eisiger Hauch glitzert in der Sonne über dem amorphen Schneefeld, das noch vor Kurzem mein gepflegter Garten war. Jetzt ist es eine zwar trügerisch schöne, aber überaus lebensfeindliche Landschaft, auf die ich durch die beschlagene Terrassentür sehe und mich dabei selbst umarme. Nur an wenigen Stellen durchbrechen schwarze, erfrorene Pflanzenstängel wie zum Trotz das weiße Leichentuch, deuten als flüchtige Skizze die Orte an, an denen noch im Herbst üppiges Grün austrieb und reiche Früchte trug. Der Garten ist ein Grab von Hoffnungen und Träumen.

Denn es könnte auch ein Blick durch ein Dimensionsfenster sein, hinaus auf eine andere, fremde Welt auf einem anderen Planeten in einem anderen Universum zu einer anderen Zeit: Eine Landschaft der Seele. Es ist meine Landschaft. Ich bin mein Garten.

Confess

Ich sehe durch das Glas und erkenne: Dort draußen breitet sich mein Inneres vor meinen Augen aus. Ich sehe in mich. Auf den Frost der Tage, die kommen. Kurze, starre Tage, erfrorene Hoffnungen unter hohem Schnee. Eisige Kälte dringt müde durch die unzureichend abgedichteten Türrahmen. Sie greift verlangend nach mir und ich fasse mich noch fester. Gut, dass ich diesen Moment nicht an die Arbeit verschwenden muss, sondern nutzen kann, um über mich nachzudenken.

Ich war nachlässig in der letzten Zeit, achtete viel zu wenig auf mich. Meinen  Körper habe gering geschätzt, seine Warnungen ignoriert, den Geist nicht gefordert, ihn zur Geisel von billigem Vergnügen und Ablenkung gemacht. Zog mich zurück aus einer Welt, die gerade in letzter Zeit so viel Hass und Dummheit und Gewalt vor meinen Füßen erbrach. Ich wollte das alles nicht sehen, nicht glauben. Das sollte mich nicht erreichen, kein Teil meiner Wirklichkeit werden. Ich flüchtete deshalb in einen Winterschlaf, igelte mich ein, zog die Decke über den Kopf, aß und trank viel zu viel, verbrachte hundert Stunden im Spiel.

Auf irgend eine seltsame Weise stecke ich noch im letzten Jahr fest, fühle ich mich aus meiner Zeit gerissen, habe ich 2015 noch nicht erreicht. Ich taumelte wie ein Schlafwandler durch durch den Januar, erreichte den Februar nur mit Mühen. Ich habe leichtfertig Lebenszeit verschenkt. Das rächt sich nun mit Schmerzen, körperlichen und seelischen. Auch ein Meister der Verdrängung scheitert einmal an dem Berg, den er vor sich herschiebt. Und nein. Sisyphos darf man sich nicht als glücklichen Menschen denken.

In ein paar Tagen jährt sich mal wieder mein Geburtstag, doch diesmal ist dieser Termin kein Anlass zur Freude. Diesmal ist er ein Blick hinaus auf eine trostlose, winteröde Landschaft, aus der meine Träume und Ideale, meine Hoffnungen und Wünsche wie abgestorbene Pflanzenreste aus dem Eis ragen. Ein Blick auf eine Zukunft, an der ich eigentlich nicht teilhaben will. An der ich keine Freude haben werde.

Und jetzt? Mache ich mir einen Tee.

Denn es ist an der Zeit. Ich will wieder Herr meiner Tage werden. Wenn nicht heute – wann dann? Ich mag gestolpert, ja hingefallen sein. Und ich habe mich dabei verletzt. Aber ich werde mich wieder aufrichten, weitermachen, weiterleben, weiter schreiben. Ich will noch auf viele Berge steigen. Auch auf den, den ich vor mir herschiebe. Denn unter dem Schnee ist doch noch so viel Leben, warten noch so viele ungesehene Dinge. Alles drängt bereits an die Oberfläche. Ich muss nur den ersten Schritt tun. Der Winter mag herrschen, aber eigentlich hat er bereits verloren. Zumindest diese Runde geht noch einmal an mich.

Der Winter ist kein Abschluss. Er ist ein Beginn – heute, an diesem Tag.

Nutzen wir ihn.

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