Aber ein Traum …

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Samstag, 17.10.20 – Nikolaus Klammer, der Gefährder der Jugend …

Samstag, 17.10.2020

Liebe unbekannte Leserin,

dies ist schon der „Herbst meines Missvergnügens“. Mich im Internet zu bewegen, macht mir gerade in den letzten Wochen immer weniger Freude. Von den ganzen Verschwörungsirren, Nazis, russischen Bots und Covidioten habe ich schon geschrieben, sie gehen mir täglich auf’s Neue auf den Geist. Aber da ist seit kurzem auch noch der ständige Zwang, auf jeder Site, auf die man surft, irgendwelche „Cookies“ zu akzeptieren; was vor allem am Smartphone zur nervenverzehrenden Folter ausartet. Und das muss ich jedes Mal wieder machen, wenn ich auf die Site gehe, da ich meinen Browser jetzt so eingestellt habe, dass er die doofen Spionagedateien automatisch wieder löscht, wenn ich ihn schließe. Schließlich geht mein Surfverhalten Amazon, Google und Facebook einen ***-Dreck an. Zudem ja auch Frau Klammerle meinen Internetzugang eifrig mitbenutzt. Wenn sie z. B. – wie letztens geschehen – im Netz nach einem passenden BH für sich gesucht hat, den sie dann doch im Einzelhandel in Augsburg erwarb, dann ist seither jede zweite Werbeeinblendung in meinen sozialen Medien eine Reklame für Damenwäsche – was mich nur in äußerst begrenztem Rahmen interessiert.

Neu ist auch, dass ich nun für den Verlag epubli, über den ich als Selfpublisher meine Werke veröffentliche, als Jugendgefährder und Pornograf gelte. Dort hat ihr neuer Algorithmus meine literarische Kurzgeschichtensammlung „Das Rote Haus“ aus Gründen, die nicht in Erfahrung zu bringen sind, bereits zweimal zensiert und auf dem Shop das so unanständige Cover und den Beschreibungstext aus „Jugendschutzgründen“ ausgeblendet. Inzwischen ist die Zensur mal wieder aufgehoben, aber ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich der cancel culture erneut zum Opfer falle.

Der Beschreibungstext lautet übrigens:

DAS ROTE HAUS – Kurze Geschichten

Der durch seine Romane bekannte Autor Nikolaus Klammer erweist sich in diesem Auswahlband mit 25 kurzen Geschichten auch als ein Meister der kleinen Form. Die hier versammelten Kurzgeschichten sind voller Experimentier- und übersprudelnder Erzählfreude. Sie berühren, machen nachdenklich und überraschen durch ihre Themenbreite, ihren Einfallsreichtum, ihre Eleganz und ihren Sprachwitz. Sie beweisen aufs Neue, wie bunt die Palette des Autors der Romanreihen »Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren«, »Brautschau« und »Jahrmarkt in der Stadt« und der beiden Essaybände „Noch einmal davon gekommen“ und „Noch einmal daran gedacht“ ist.


Über den Autor
Nikolaus Klammer erblickte am 10. Februar 1963 das Licht dieser besten aller Welten. Er übt den Beruf des Geschichtenerzählers aus, seit er sprechen kann – also schon eine lange, lange Zeit. Er lebt und schreibt im verträumten Diedorf bei Augsburg und ist seit über dreißig Jahren glücklich verheiratet. Sein bisher veröffentlichtes und umfangreiches Werk umfasst Romane, Erzählungen und zwei Bände mit Essays und Glossen.

Das ist schon heftig! Aber nun gut. Ich gestehe, dass eine der Geschichten, nämlich der „Engel im Spiegel“, den man hier im Blog nachlesen kann, die kurze Beschreibung eines einvernehmlichen, heterosexuellen und für die Handlung wichtigen Geschlechtsverkehrs zwischen zwei Erwachsenen beschreibt. Dabei bewerbe ich mich aber eher für den Bad sex in ficition-Award der britischen Zeitschrift Literary Review, den diese an zeitgenössische Romanautoren für die schlechteste Beschreibung einer Sex-Szene vergibt. Der Rest der Kurzgeschichtensammlung, der sich selbstverständlich an ein literarisch gebildetes und erwachsenes Publikum wendet, ist freilich „schmuddelfrei“. Welche stinkenden Sumpfblüten wird die gerade grassierende, voreilige und vorauseilende political correctness noch austreiben? Und was stellt sie mit unserem kulturellen Leben an? Ich finde, sie zerstört es noch nachhaltiger, als es der Virus gerade tut. Und was ist das für eine amorphe Clique von Personen, die offenbar gerade die öffentliche Diskussion übernommen hat und munter alles und jedes unter Generalverdacht stellt und zensieren will, das sich nicht ihren Regeln unterwirft? Warum kuschen die Denker und Philosophen vor ihnen? Jenen, die erfolgreich einfordern, dass Bücher zensiert, Gedichte gelöscht oder mit Triggerwarnungen für sensible Gemüter ausgestattet werden und Künstler- und Hochschulkarrieren vernichten? Jene, die wollen, dass alte Kinderbücher entweder sprachlich gereinigt oder doch zumindest den Kindern vorenthalten werden? Die auch von mir verlangen, dass ich als zufällig männliche/r/s Literat*In (grundsätzlich in Rassismusverdacht und frauen- und transgenderfeindlich) die deutsche Sprache vergewaltigen soll, weil sie selbst den Unterschied zwischen einem grammatikalischen und einem tatsächlichen Geschlecht nicht begreifen? Was geht da vor?

Aber um Herrn Rether zu zitieren: „Was rege ich mich auf?“

*

Zumindest ist es mir endlich gelungen, vorerst die Arbeit an meiner nächsten literarischen Veröffentlichung – dem Roman „Aber ein Traum“ – abzuschließen. Es sind doch über 300 Seiten und wie ich meine, ein großes Leseerlebnis geworden.

„Ende“ unter ein Buch zu schreiben, erfüllt mich immer mit Stolz und setzt Glückshormone frei, die dann jedoch bald wieder verfliegen. Denn das Wort „Ende“ ist eigentlich eine Lüge. Nun kommt der – zumindest für mich – lästigste Teil der Arbeit, nämlich die Zeit, in der meine Testleserinnen das Werk kritisch begutachten, alles ein letztes Mal korrigiert und verbessert wird (ärgerlicherweise werden trotzdem viele Fehler übersehen), Vorder- und Rückcover entstehen, Werbetexte geschrieben werden. Ich muss trotz meiner Ungeduld viel, viel warten, obwohl ich mein „weltbewegendes“ Werk endlich meinen Leserinnen übermitteln möchte und auf ihre Reaktionen erhoffe. Zumindest kann ich garantieren, dass „Aber ein Traum“ keinerlei jugendgefährdende Inhalte hat, sondern einfach und schlicht gute Literatur ist. Im Moment rechne ich damit, dass der durchaus phantastische Roman um die Brüder Waldescher und ihre große Liebe, der sehr aufmerksame Leserinnen benötigt, im nächsten Monat erscheinen kann.

Auf den dringenden Wunsch von Frau Klammerle und anderen Leserinnen (Hallo, Luna!) habe ich meine Schreibblockade heruntergeschluckt und arbeite jetzt am 4. Teil meiner Geltsamer-Romane, die offenbar – und das schmeichelt mir sehr -, jeder liebt, der sie gelesen hat. (Der 1. Band „Die Frau, die der Dschungel verschluckte“, hat es bei Amazon immerhin auf 10 begeisterte Rezensionen gebracht). Es ist bereits etwa ein Viertel des neuen Buchs geschrieben, das den Titel „In den Bücherkellern des Vatikans“ erhalten wird. In bewährter Weise werde ich in der nächsten Woche damit beginnen, die Beta-, oder eher Gammaversion des Romans hier in homöopathischen Häppchen als Fortsetzungsgeschichte zu bloggen. Das wird hier zwar kaum gelesen, aber es ist für mich eine gute Methode, mich selbst zur Arbeit zu zwingen und für regelmäßigen Nachschub zu sorgen. Vielleicht willst du ja doch mitlesen.

*

Ist es dir aufgefallen, meine liebe und einzige Leserin? Ich habe diesmal auf Fußnoten verzichtet. Irgendwie habe ich jetzt aber das Gefühl, es fehlt etwas. Aber es geht wohl auch ohne …(1)

Liebe Grüße, Nikolaus


(1)  … manchmal zumindest.

Das rote Haus – Die Illustrationen

Anfang Februar werde ich im Eigenverlag(1) meinen Kurzgeschichtenband „Das rote Haus“ veröffentlichen.

In dem 230 Seiten dicken Buch, das es selbstredend auch als Ebook geben wird, wird eine Auswahl meiner kurzen Geschichten zu finden sein. Ich habe das Buch in vier Kapitel unterteilt, um die 25 inhaltlich und auch sprachlich sehr unterschiedlichen Texte ein wenig zu gliedern. Zu jedem der Kapitel habe ich eine Illustration gemacht, die mit einem kurzen Zitat(2) in den Themenkreis einführt.

Da ich aus Kostengründen die Innenillustrationen des Buchs nur in Schwarz-Weiß abbilden kann, hier mal die farbigen Originale:

Ich hoffe, meine künstlerischen Versuche erwecken in euch die Lust, mein neues Buch zu lesen.


(1) Warum sagt man seit ein paar Jahren eigentlich immer „Selfpublishing“, wenn es dafür auch das, wie ich finde, elegantere und prägnantere deutsche Wort „Eigenverlag“ gibt? Sälfbublisching, nein, das geht gar nicht!

(2) Wer findet alle Quellen? Heutzutage ist das mit dem Internet kein Problem mehr.

Das Rote Haus – Eine Kurzgeschichte

Passend zum Frost dieses Aprils blogge ich eine meiner bekanntesten Geschichten, die ich hier im Blog noch nie vollständig veröffentlicht habe. Ich habe versucht, die Sprache dieser Traumgeschichte dem Bild anzupassen und mich dabei von den einschlägigen Lyrikern beeinflussen lassen.

Ich bin überzeugt, diese Geschichte wird bleiben. Sie wird man noch in einhundert Jahren lesen. Sie ist wie ein salziger Tropfen Trauer in einem Ozean aus Gleichgültigkeit.

Die ‚Illustration‘ zum Text stammt von einem ehemaligen, langjährigen Freund. Das Gemälde ist von Bernd Wurzer, einem bayerischen Spät-Expressionisten. Vor einiger Zeit brach Bernd von einem Tag auf den anderen jeglichen Kontakt mit mir ab, ohne mir Gründe zu nennen. Es tut noch immer weh.

Haus

Bernd Wurzer, Alter Schlachthof in Straubing, Öl auf Leinwand

Das rote Haus

Unruhig bewegst Du Dich auf Deiner schmalen Ruhestätte, die Dir kürzlich noch fremd und hart war. Nun ist sie Dir vertraut, liebgewonnen, denn nur der Schlaf hat Erbarmen mit Dir. Deine Hände krallen sich in fordernden Bewegungen in die unsaubere Decke, die unzureichend Deinen ausgemergelten Leib bedeckt. Der frühe Frost hat sie starr gemacht. Es ist bereits kalt hier im Osten, ein strenger Herbst weht neblig durch entlaubte Wälder. Auch Dein Name hat einen anderen Klang bekommen. Er ist fester, kantiger geworden in dieser Luft. Oft gleiten auf silbernen Schatten frühere Leiden vorbei und Rauch sinkt zu den Wassern nieder.

Während ich vorsichtig näher trete und Dich betrachte, den Reif an Deinen verkniffenen Lidern, Deine trockenen, wunden Lippen sehe, flüstert Dein Schlaf schmal vielsilbige Worte einer Sprache, die ich nicht kenne. Sie erscheinen kurz als Dampfhauch über Deinem Gesicht und haben einen sentimentalen, einen verlogenen Klang. Sie schälen sich deutlich aus den Schlafgeräuschen der anderen Gequälten heraus, mit denen wir gemeinsam den kurzen Trug der Nacht teilen. Ich spüre die Gefahr, doch ich kann Dich nicht warnen. Jetzt rufe ich stimmlos. Aber Du hörst mich nicht, Dein erschöpfter Schlaf hat mehr Macht als ich. Er ist mein Feind, vor dem ich mich geschlagen geben muss. Was bleibt mir übrig, als mich zu Dir zu setzen auf Dein hartes Lager? Fern von uns, dort in der verwobenen Düsternis der anderen Seite der Hütte, weint ein junger Mann.

Ich beuge mich herab und mein Ohr berührt Deine gequälten, rissigen Lippen. Eine kurze Weile will ich Dir lauschen, versuchen, Deine unbewusste Botschaft zu begreifen. Ich will mit Dir gemeinsam eine Chimäre der Stille weben. Deshalb möchte ich Dich berühren, Deine krampfende Stirn mit der Innenfläche meiner Hand kühlen. Doch als würdest Du Dich Deiner schämen, rückt Dein Kopf zur Seite: Ich spüre, bald wirst Du in Krankheit erwachen, schwere Schmerzen werden Deinen Schlaf vertreiben. Die eitrige, viel geatmete Luft in der Hütte wird sich durch ätzende Gerüche dunstig brechen.

Es sind zwei Wörter, die ich verstehe. Ich habe sie niedergekauert in die harten Bänke im Hause des Herrn gehört. Es sind Worte, die Du schnell und hastig wiederholst, die sich überschlagen und ineinander vermischen. Für die Qual Deiner Schuld liebe ich Dich zärtlich, mein Gefangener der Freiheit. Komm, erzähle mir erneut von den Ideen, die Du nie völlig begriffen und so lange verfälscht hast, bis Du an sie glauben konntest. Die Nächte sind kurz und die Tage voll Leid und Tod. Du bist verzweifelt, es tröstet Dich, wenn Du erzählst.

Und das ist der Traum Deines Erwachens. Es ist ein Traum, den Du im Erwachen vergessen wirst. Er ist wie Licht, das der Wind ausgelöscht hat:

Halbherzig geworfenen Speeren gleich taumeln staubdurchwirbelte Lichtfinger in das düstere und schweigsame Kirchenschiff wie in den Tagen Deiner Kindheit. Von den buntglasigen, fast heiteren Leiden des von Pfeilen wunden Sebastian stechen sie herab. Sie machen die hölzernen Mienen der im Rund stehenden Geheiligten ehrfurchtsvoll lebendig; sie flecken farbig den Boden, auf dem Dich die Grabplatten von Bevorzugten, von Bischöfen und Kaufherren, stolpern machen. Nachdem Du Dich vor die Stufen des Altars geschleppt hast – es fiel Dir schwer, denn die Luft hatte sich zu einem zähen, unnachgiebigen Brei verdichtet – kannst Du endlich Deine Beine beugen. Du spürst die Kälte und Härte des Untergrundes, der durch das hingebungsvolle Rutschen vieler Knie glatt und speckig geworden ist.

Ich glaube, Du denkst an Aragon, an die Lüge Wahrheit und an Lügen, die Wahrheiten sind. Du denkst an … ich weiß nicht, an vieles: An die Mär vom verbrannten Schuldschein und an die Bomben, an Waffenruhen, an Zyklon B und einen unfehlbaren Mann aus dem Osten, an Deinen wilden Hunger und an den Blutsaft von gebratenem Fleisch, der zischend ins Feuer sticht.

Du wirst auf ein Geräusch hinter Dir aufmerksam, es ist ein scharfer, bedachter Fußtritt, der Dir zu Ohren kommt. Du wendest Dich halb und sofort springst Du auf die Beine, denn dort in der hohen Kanzel lehnt sich eine dunkel gekleidete Gestalt nach vorn. Sie soll Dich nicht knien sehen in diesem unbedachten, kummervollen Moment, in dem Du dich an das Grab Deines Gottes geschlichen hast. Schon hörst Du die Stimme: Sie hat die Macht, eine Masse zu fassen und sie dröhnt kraftvoll herab.

Warum fühlst Du Dich von diesen Worten provoziert, warum siehst Du Dich gezwungen, mehr von Dir zu opfern, als gut sein kann? Was erwartest Du, da Du trotzig erwiderst:

Der Revolutionär ist einer Sache geweiht. Er hat keine persönlichen Interessen, Geschäfte, Gefühle, Bindungen, Besitztümer, er hat nicht einmal einen Namen. Alles in ihm ist aufgesogen von einem einzigen Interesse, einem einzigen Gedanken, einer einzigen Leidenschaft: der Revolution.

Wenn Du geglaubt hast, damit die schemenhafte, schwarze Erscheinung dort oben zum Schweigen zu bringen, hast Du Dich getäuscht. Dir wird geantwortet.

Du entgegnest:

Die Natur des wahren Revolutionärs ist unvereinbar mit Romantik, aller Feinfühligkeit, aller Begeisterung, allem Hingerissensein; sie ist unvereinbar sogar mit dem Hass und der persönlichen Rache. Ich will nicht Ich sein, Ich will Wir sein, Denn das wiederhole ich tausendmal: Nur unter dieser Bedingung werden wir siegen, wird unsere Idee siegen.

Da sind plötzlich Hände, die Dich greifen, berühren, an Dir reifen, tasten, die Dich fassen. Viele Hände, doch Du kennst sie alle, hast alle schon berührt. Du siehst gequält hinauf zu dem Gekreuzigten, den sie an Stahltrossen in der Luft baumeln lassen und mit starken Nägeln daran hindern, herabzusteigen. Er weint Blut, es rinnt langsam die Wände herab. Du ballst eine Faust: Jetzt bist Du sicher, das Verbrechen, das sie an ihm begangen haben, war nicht, ihn zu kreuzigen, sondern ihn in diese Kirche zu hängen, aus edlem Holz geschnitzt, erlesen bemalt, erhaben, erhoben, keine Möglichkeit, ihn zu berühren oder zu verstehen und er ist sehr haltbar.

Das willst Du sagen, damit das lamentierende Ungeheuer auf der Kanzel zum Schweigen bringen. Doch die Hände decken Deinen Mund, pressen Deine Lippen zusammen. Sie machen Dein Atmen schwer, sie riechen ätzend, wund, eitrig. Du musst weiter die lügende Stimme hören, sie ist laut und es schmerzt:

Oh, glorwürdigster Jesus, ich danke Dir für die unaussprechliche Wohltat, dass Du selbst mit Deiner Gottheit und Menschheit, mit Deinem Leibe und Deiner Seele, mit Deinem Fleisch und Blut im mein Herz gekommen bist und meine Seele damit gespeiset hast. Ich rufe Himmel und Erde an und bitte alle Geschöpfe des Himmels und der Erde, dass sie mit mir Dich loben von Ewigkeit zu Ewigkeit …

In diesem Moment gelingt es Dir, zu schreien. Dir ist, als würde Dein Selbst in diesem Schrei verlöschen und Du öffnest mit einem krampfhaften, hektischen Herzschlag die Augen zu einem weiteren Traumbild:

Du stehst still und bist allein. Während Dein Atem langsam zur Ruhe kommt, sucht Dein Blick vergeblich die karge Ebene ab, in die Du geflohen bist. Hier und dort wuchert wie ein Hohn niedriges Buschwerk, weit hinten am Horizont entdeckst Du die einzige Erhebung in Deinem Gesichtsfeld; es könnte ein Gebäude sein, vielleicht ist es auch eine mutwillige, vom Abendbrand entzündete Felsgruppe, Du bist zu weit entfernt, um Dir sicher zu sein. Am Himmel winden sich Wolkenleiber gleich einem vom Sturm aufgepeitschten, giftigen Schwefelsee, ihre Ränder sind grün wie verwesende Eingeweide.

Trotz des wütenden Kampfes dort oben bewegt sich kein Hauch über die Ebene, keines der kranken Blätter spielt im Wind, keine Böe krallt sich spielerisch in Dein Haar. Die Atmosphäre lastet fett und feucht, drückt sie sich auf Deine um Atem ringenden Lungen und sie riecht nach etwas, das einmal ein Teil Deines Lebens war.

Du entschließt Dich nach einer bangen Minute des hilflosen Zögerns, auf die ferne Erhebung zuzugehen, die als einzige die Symmetrie der leblosen Welt unterbricht. Während Du einen Fuß vor den anderen setzt und schnell Freude an Deinem Fortschreiten, an den ausgeglichenen, stetigen Bewegungen Deines Körpers empfindest, flüstert Dein Mund Worte, die außer mir niemand hören wird. Du selbst nimmst sie nicht wahr, so beschäftigt bist Du, Dich auf Dein Laufen zu reduzieren.

Du sagst:

Ein Gespenst geht um in Europa, ein verworrener Gedanke taucht aus dem Abgrund, ein Krieg wird verloren, ein Netz aus Lügen mit Milch getüncht, der Wahnsinnige ist mitten unter uns, er ist ein Weinberg voller Spinnen.

Zu Anfang war ich Gehilfe bei einem Arzt, er nannte sich so und so und mich hieß er Pfleger.

Einmal war es schon spät und die Praxis leer, da kam ein Patient, dem schmerzte der Darm und der Bauch; er hatte entsetzliche Krämpfe und das alles. Er könne es nicht mehr ertragen, sagte er: Er schäme sich zwar und Angst habe er, doch noch viel mehr vor den Schmerzen, als vor dem Tod. Der Arzt sah ihn nachdenklich an und schließlich hieß er ihn, sich niederzulegen, dort mit dem Bauch auf den Bock, das nackte Gesäß in die Höhe. Er ließ sich Zeit mit dem Abtasten, bohrte mit zwei Fingern seiner Rechten im After des Patienten umher, dem ich ein Stück Holz zwischen die Lippen klemmte, um ihn am Schreien zu hindern.

Er ächzte Mitleid erregend und zermahlte es langsam zwischen den Zähnen. Der Arzt verzog keine Miene, nickte zweimal kurz und heftig, dann wusch er sich sorgsam die Hände. Er hieß mich ein starkes Feuer im Ofen zu machen, anschließend schickte er mich hinaus. Ich habe an der angelehnten Tür gelauscht.

Erst war es sehr still – eine ganze Weile. Schließlich sagte der Arzt etwas, das ich nicht verstand. Es waren leise, warme Worte, sicher sollten sie den Patienten beruhigen, der angstvoll wimmerte. Plötzlich war da ein seifiges, platzendes und unerwartetes Geräusch, das nicht zu beschreiben ist, das ich nur einmal in eben diesem Moment hörte. Die Tür öffnete sich überraschend und ich stolperte in einen Gestank, der seinesgleichen suchte. Die Wände, der Tisch, alles war besudelt mit dampfendem Blut und Kot und Schleimigem, Schneckengleichem. War das Gehirn, das zäh von der Decke tropfte? Dort auf dem metallenen Behandlungsbock lag etwas Amorphes, Seltsames; wie ein geschlachtetes Kalb sah es aus. Daneben stand der Arzt und wischte sich ein geplatztes Auge aus dem Haar. In der anderen Hand hielt er eine zwanzig Zentimeter lange, dicke Nadel, eine, wie man sie zum Stricken verwendet. Sie glühte an ihrer Spitze. Er lachte, als ich nicht verstand und ihn fragte, wo der Patient geblieben sei. Er hieß mich, den Raum zu reinigen.

Das hast Du geflüstert auf Deinem Weg und ich weiß nicht, ob es eine Erinnerung von Dir oder von mir war. Beim Gehen siehst Du, dass Deine Ebene zumindest gegen die Himmelsrichtung, in die Du gehst, von fernen, verwaschen bernsteingelben Gebirgsspitzen begrenzt ist. Der Übergang zum bewegten Schwefelspiel des Himmels ist fließend und ein paar Mal hast Du die beunruhigende Illusion, eine Felsspitze würde abschmelzen und ein Spielball der Wolkenfinger werden, die eifersüchtig um sie streiten. Noch immer ist Dir nicht klar, was für eine Erscheinung es ist, die Deinem Weg durch die Ebene ein Ziel gibt. Das diffuse, zwiespältige Licht trübt Deinen Blick wie ein grauer Star, es engt Dein Gesichtsfeld ein und schenkt den häufiger werdenden Büschen eine pulsierende Korona provozierender und ungesunder Farbigkeit.

Trotz der merkwürdigen optischen Eindrücke bist Du Dir bald sicher, dass Du auf einen ausladenden Gebäudekomplex zugehst. Du stellst Dir einen heruntergekommenen Gewerbehof vor, dessen von Wellblech verstärkte Außenwände in einem aggressiven Regen rosten.

Der Hof scheint herabgewirtschaftet und längst verlassen, öde und leer wie das ganze Land um Dich, in dem bis auf den verstärkten Geilwuchs der seltsamen Vegetation alles Leben wie durch eine Seuche ein Ende gefunden hat. Jetzt kannst Du einzelne Bauten unterscheiden. Zwei lang hingestreckte Hütten sind es, die durch schmale Gebäudeteile miteinander verbunden sind, sie werden von einem gedrungenen Turmbau überragt, in dem eine große, tote Uhr mit blinden, erstarrten Zeigern droht.

Er scheint Dir deplatziert und angeberisch wie der verlogene Traum von christlicher Barmherzigkeit. Dir fällt auf, dass der niedrige Bodenwuchs dort vollständig die Erde bedeckt; er sich, von den Gebäuden kommend, wie gierige Metastasen eines Krebsgeschwüres über der Ebene verwuchert.

Überrascht verharrst Du einen Moment der Unsicherheit, denn Du hast an einem nicht misszuverstehenden Zeichen erkannt: Der Hof ist bewohnt Das linke Gebäude trägt einen kurzen Schlot, dem dürrer Hitzequalm entsteigt. Du bemerkst das an den wässrig gebrochenen, spiegelnden Bewegungen der Luft über dem Kamin. Wie ein Pesthauch erschüttert Dich dieses Indiz, dass Du nicht allein bist. Ein dunkles Wort, ein böser Gedanke stechen wie die Glassplitter einer Vision in Dein Hirn. Das Wort heißt Krematorium, der Gedanke: Tod.

Ich sehe, wie Deine Lider zittern und Du gleich die Augen öffnen wirst, um sie in einem entsetzten Schauder des Begreifens sofort wieder zu schließen. Doch noch beschäftigt Dich der Anblick des Gebäudes, vor dem Du stehst.

Dein rasendes Gehirn ist mit dem vergeblichen Versuch beschäftigt, Deine sich überschlagenden Gedankenbilder zu bändigen. Die Wände dieses Hofes sind nicht aus Metall, sie sind nicht rostig, Du hast Dich selbst betrogen. Sie sind aus rohem Holz und in geronnenem Blut getüncht!

Begrabt den Fremden, sagst Du. Hört, Gefangene mit kotbefleckten Flügeln, Würmer tropfen von euren trockenen Lippen und schweigsam öffnen sich die goldenen Augen der ungezählten Opfer.

Du siehst einen Zaun, erst scheint er Dir ein kleines Gemüsefeld gegen Betrunkene und Diebe zu sichern. Doch dazu ist er zu hoch, er führt Strom, Du siehst die Leitungen. Du weißt, seine Hitze brennt tödliche Narben in die Haut. Väterlich und streng umschließt er das Krematorium. Er hat kein Tor, denn der Kamin ist der Weg hinaus. Auf einem Schild stehen Worte, die Dich verhöhnen, die eine Freiheit versprechen, die Dir nur mehr der Traum und sein nächtlicher, schweigsamer Bruder schenken können.

Du bist zurückgekehrt. Die Reise Deines Traums hat Dich zu uns zurück geleitet. Du öffnest die Augen, erwachst. Wie ich geahnt habe, schließt Du sie wieder in einem zuckenden Krampf, doch bald öffnest Du sie erneut. Sie glänzen vom Fieber. Wir sehen uns an, schweigend, voller Verstehen. Du hebst Deine Hand und sie streichelt meine Wange.

Lass, Dein Dank bringt mich zum Weinen und ich war doch fest entschlossen, es nie wieder zu tun.

Bald werden uns die Mörder aus unseren Nachtlagern zur unmenschlichen Arbeit treiben. Tags tönen dann verzweifelt die herbstlichen Wälder und die ersten Toten ruhen bald an der Mauer, geduldig warten sie auf das Grab in den schwefelgelben Wolken. Ein Wort treibt zitternd die Blutrinnen hinab.

Erbarmen.

Verstehst Du es? Ich nicht, niemand in dieser Zeit.

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