Aber ein Traum …

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Das goldene Kalb – Teil 20

Die drei saßen lange einfach nur da und jeder beschäftigte sich mit seinen eigenen, düsteren Gedanken. Martin grübelte über die Identität des unbekannten Erpressers und Mörders. Schon seit einer ganzen Weile hatte er das Gefühl, der Lösung ganz nah zu sein. Erneut ging er im Gedächtnis die Personen durch, die zu der Geschichte gehörten und dann wusste er es plötzlich. Die Antwort stand vor ihm, sie traf ihn mit einem Zusammenzucken, war ein körperlich spürbarer Schock. Er konnte sich nicht täuschen. Er war sich absolut sicher. Es konnte keinen Zweifel geben.

Vor Aufregung verschüttete er ein wenig Kaffee in die Untertasse. Er stellte sie klappernd vor sich auf den Tisch. Er musste wohl so aussehen, als wäre ihm ein Gespenst begegnet, denn die beiden Anderen starrten ihn erstaunt an.

»Ich hab es«, sagte Martin. »Jetzt hab ich es. Es ist alles ganz einfach: Wer konnte ohne Weiteres in das Sonnenheimbüro? Wer weiß, wie wichtig Hascheks Pläne sind und dass sie sich in dem Büro befinden? Wer hat einen Grund, sie an sich zu bringen und diesen Peter Schmuck als einzigen Mitwisser umzubringen? Ich bin mir sicher: Der Einbruch war gestellt, er sollte nur den gezielten Mord vertuschen. Und es war eine Person, die Blücher sofort erkannte, als sie aus dem Haus an der Frölichstraße vor mir davon lief. Deshalb hat er ihn unter die Lupe genommen und musste seine Neugierde mit dem Leben bezahlen. Wer hat ein Interesse daran, möglichst bald zu verschwinden, um unterzutauchen und braucht daher Geld? Es ist immer derselbe Mann. Nur er kann es sein.«

Martin wand sich direkt an den kopfschüttelnden Architekten, der auf diese Weise versuchte, den Alkoholdunst aus seinem Kopf zu bringen. Während er noch zweifelte, schien Goschad langsam ebenfalls zu verstehen. Er hatte sich vorgebeugt und lauschte interessiert.

»Wie heißt der Partner von Schmuck noch mal, diese zweite Sonnenheimmakler?«, fragte Martin.

»Ja … Waggerle. Waggerle. Den Vornamen habe ich gerade vergessen. Aber … «

»Da gibt es kein Aber! Beschreiben Sie ihn«, forderte Martin Haschek auf.

»Ich habe ihn nur einmal gesehen, denn er war ja nur ein stiller Teilhaber, der Geld in die Agentur eingebracht hat. Er hielt sich immer im Hintergrund. Ich glaube, Waggerle ist Immobilienkaufmann in einer Münchener Firma. Schmuck hat mich auf einer Veranstaltung mit ihm bekannt gemacht. Das war … ich weiß nicht mehr, wo … «

»Ja?«, hakte Martin nach. »Sie sollten uns doch erzählen, wie er aussieht.«

»Nun, was soll ich sagen? Ich bin kein guter Beobachter. Ich weiß nicht … Er war dem Anlass angemessen gekleidet. Dunkle, kurzgeschnittene Haare, ein breiter, wuchtiger Kopf. Wenn ich so nachdenke … Er ist nicht sehr groß, nicht größer als ich jedenfals, aber so weit ich das abschätzen kann, ist er sehr sportlich gebaut, ein … Bodybuildingtyp. So schätze ich ihn ein

»Das ist er. Sie haben den Mann beschrieben, der mich vor meiner Wohnung angegriffen hat.«

»Aber es ist doch nicht möglich. So weit ich weiß – und mein Informant ist sehr zuverlässig – ist Waggerle ist irgendwo mit dem Auto in Portugal unterwegs und macht Urlaub.«

»Na und?«, mischte sich jetzt Goschad ein. »Eine vorgetäuschte Reise ist doch ein wunderbares Alibi. Er mordet und erpresst und ist eigentlich gar nicht da. Und wenn er alles hinter sich gebracht hat, fährt er vergnügt nach Portugal, wo er sich angeblich ja schon befindet. Er sst sich in irgendeinem abgelegenen Bauerndorf von der Polizei aufstöbern und weiß von nichts. Deshalb musste auch Blücher sterben, der ihn erkannt hatte. Niemand darf wissen, dass er in Wirklichkeit in Augsburg und nicht an der Algarve ist

Haschek lehnte sich zurück, fasste sich an die Stirn.

»Sicher … jetzt ergibt das alles einen Sinn“, stotterte er. „Klar, ich wusste doch, dass ich seine Stimme kenne, als ich mit ihm telefonierte. Warum bin ich da nicht selbst darauf gekommen? Es liegt doch auf der Hand. Ich bin ein Idiot, ich hätte es wissen müssen … «

»Machen Sie sich nichts draus. Es hätte nichts geändert«, unterbrach Martin die Selbstanklage. »Wir wissen zwar jetzt, wie unser Gegner heißt und unser Phantom hat einen Namen. Das ist aber auch schon alles. Er wird dadurch nicht ungefährlicher. Zwei Menschen, die seinen Namen kannten, hat er schon beseitigt. Mir wird ganz schwach, wenn ich daran denke, wie knapp ich davor war, sein drittes Opfer zu werden.« Das war die Wahrheit, Martins Knie wurden ihm plötzlich weich und er hatte ein flaues Gefühl im Magen. »Recht besehen, hatte ich unwahrscheinliches Glück.«

»An der Situation ändert sich nichts«, ergänzte Goschad.

»Aber vielleicht ich ihn ihn ein wenig aufschrecken, wenn ich ihm bei seinem nächsten Anruf seinen Namen ins Gesicht schleudere. Vielleicht kriegt er es dann mit der Angst zu tun und lässt mich in Ruhe … Vielleicht … «, stotterte Haschek. Während er sprach, hatte er Zweifel an seinen eigenen Worten.

»Nein, das hat keinen Sinn. Das würde höchstens seine Geldforderung in die Höhe schrauben. Außerdem muss er vermuten, dass wir früher oder später auf ihn kommen«, sagte Martin. Goschad gähnte unterdrückt und fuhr sich über die Augen.

»Und was machen wir jetzt?«, fragte er und sah demonstrativ auf seine Armbanduhr. »Ich muss noch ins ICEHAUS zur Abrechnung. Danke für den Kaffee, Martin.« Er nahm den letzten Schluck aus seinem Whiskyglas, in dem eigentlich kein Alkohol mehr war, sondern nur noch das Wasser der fast aufgelösten Eiswürfel schwamm. Dann erhob er sich langsam und streckte sich. »War ein langer Tag. Was machen wir morgen? Vormittags will ich nicht geweckt werden.«

Haschek sah ihn staunend an, er schien durch den plötzlichen Entschluss des Diskothekenbesitzers überrascht zu sein. martin ließ mich von dessen Müdigkeit anstecken, gähnte in den Handrücken.

»Ich weiß nicht genau«, zuckte er mit den Schultern. »Wie gesagt, wir müssen warten, bis sich Waggerle wieder bei Haschek meldet. So lange können wir nichts tun als warten.« Goschad nickte zustimmend.

»Also warten wir.« Er wand sich zu dem Architekten. »Haschek, wenn Sie möchten, fahre ich Sie jetzt noch nach Hause.«

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht .. «

Es gelang dem Architekten erst beim zweiten Anlauf, in die Höhe zu kommen. Als er stand, wankte er leicht nach vorn und zurück, schien sich dessen aber nicht bewusst zu sein. Er ging einen zittrigen Schritt, stieß gegen den Tisch. Fast stürzte er vornüber. Bei dem Versuch, sich zu fangen, ließ er sich wieder nach hinten auf das Sofa fallen, das unter seinem Gewicht fast menschlich stöhnte. Er war stockbetrunken. Erstaunlich, wie schnell das jetzt gekommen war. Jetzt sah er nur noch hilflos umher. Goschad erbarmte sich und nahm ihn – genau so wie vor ein paar Stunden Martin – unter den Arm, führte ihn mit sanfter Gewalt zur Tür. Er hatte Erfahrung mit Menschen in diesem Zustand. Haschek lachte Martin zum Abschied zu und winkte dämlich.

»Bis morgen«, sagte Goschad. »Wir treffen uns am Besten am frühen Nachmittag in Hascheks Haus. Da können wir überlegen, wie wir weiter vorgehen. Und schlaf dich aus. Wer weiß, was morgen alles passiert

»Pessimist«, sagte Martin und schloss die Tür hinter den beiden, lehnte sich gegen sie. Draußen war ein rumpelndes Geräusch zu hören. Goschad fluchte ordinär. Dann war es still – sehr still plötzlich. Martin ging ins Wohnzimmer zurück und blickte auf die Reste des Abends.

Waggerle, natürlich, er war es! Trotzdem stimmte irgendetwas noch nicht. Da gab es noch einen Punkt. Martin wusste, er hatte eine Kleinigkeit vergessen, eine, die sehr wichtig war. Vergeblich zermarterte er sich den Kopf. Es war zu ärgerlich: Es lag ihm auf der Zunge, es war ganz nah bei ihm, ich musste es nur noch ausspucken. Und immer, wenn er glaubte, dass ich er den Gedanken hatte, ihm im nächsten Augenblick diese Kleinigkeit wieder eingefallen würde, wenn er dabei war, das entscheidende Wort zu formen, war es plötzlich wieder weit weg, unenträtselbar.

Er konnte lange nicht einschlafen Das lag nicht nur am Kaffee, sondern an seinem unruhigen Geist. Es war dieser Gedanke, etwas Bedeutendes vergessen zu haben, der ihn um die Ruhe brachte.

Aber was konnte das sein, was nur?

10.
Montag.
Mittag

Die Pistole!

Blücher hatte eine Pistole gehabt, als er Martin in sein Büro entführt hatte. Haschek hatte die Waffe nicht bei der Leiche gefunden, die er doch durchsucht hatte. Zumindest hatte er davon nichts gesagt. Klar. dass ein Detektiv bewaffnet sein musste – vor allem, wenn er einem Mörder auf der Spur war. Wo war sie also hin gekommen? Warum hatte er sie in seinem Kampf gegen Waggerle nicht benutzt? Er wäre doch wohl einem Mann, von dem er annehmen musste, dass er ein skrupelloser Killer war, nie ohne Pistole gefolgt. Hatte er sie vergessen? Verlegt? Konnte das sein? In Blüchers Büro hatten die drei keine Waffe gefunden. Hatte Sie ihm jemand gestohlen? Aber wer?

Und – verdammt noch mal: Woher wusste der Detektiv eigentlich, wann und wo Haschek mit dem Erpresser verabredet war?

Martin schreckte hoch, saß aufrecht in seinem Bett. Es war längst Tag, schon eine ganze Weile, wie er durch einen Blick auf die Uhr feststellte: Es war kurz vor zwölf Uhr. Sein Arbeitgeber würde sich ganz schön wundern, dass er seit zwei Tagen kein Lebenszeichen mehr von ihm hatte. Wenn Martin kein ärztliches Attest besorgte, genügte das wahrscheinlich für einen Rausschmiss. Aber das konnte ihm egal sein. wenn er die Million von Haschek erbeuten konnte. Dann hatte er genug Geld, um mit geschickten Einsätzen beim Spiel eine Weile auszuhalten. Dann konnte er auf diesen langweiligen Job bei der Postbank scheißen. Wie er es sich schon immer gewünscht hatte. Was hatte ihn geweckt? Die Pistole, richtig. Das war die Kleinigkeit gewesen, die ihm in der Nacht die Ruhe geraubt hatte. Er konnte diese wichtige Sache nur noch nicht einordnen. Er war in diesem Augenblick einfach zu dumm oder zu schlaftrunken, um das Offensichtliche zu erkennen.

Langsam stand er auf. Sein Körper war ausgelaugt. Er hatte den Rücken hinunter und die Beine hinab einen schweren, bei jeder Bewegung schmerzenden Muskelkater – wohl die Nachwehen von beinahe zwei Tagen verkrampften Sitzens gefesselt auf einem Stuhl. Zudem war da ein widerlicher, fauler Geschmack auf seiner Zunge, sein Atem stank widerwärtig nach ihm. Doch nach dem Waschen war sein Kopf zum ersten Mal seit Längerem klar und erholt. Das allein genügte. dass er sich besser fühlte. Er zog sich an und entschied sich, sich eine Zeitung zu besorgen. Da es bereits Mittag war, hatte sein künstlernder Nachbar die seine bereits in Sicherheit gebracht und er musste zum Kiosk ein paar Häuserecken weiter gehen, um sich eine besorgen.

Das goldene Kalb – Teil 19

Martin sah zu Goschad hinüber. Er steuerte seinen Wagen schweigsam und konzentriert. Auch von dem bisher so geschwätzigen Haschek war nichts zu hören. Und er selbst hatte nicht die geringste Lust, dieses Schweigen zu unterbrechen, er wusste ebenfalls nichts zu sagen. Sie waren alle drei mit den Gedanken längst bei ihrer schmutzigen Arbeit und die damit verbundenen Bilder in ihrer Vorstellung verschlossen ihnen den Mund. Martin wand sich von Goschad ab und sah hinaus auf die Straßen. Sie verließen Oberhausen hinter sich und bogen auf die Bürgermeister-Ackermann-Straße, wo nach dem Abzug der Amerikanischen Armee plötzlich viel Gelände am westlichen Standrand zur Verfügung stand und ein kleiner Bauboom eingesetzt hatte. Im letzten Jahrzehnt war links und rechts der Straße eine Infrastruktur entstanden. Gewerbe hatten sich hier angesiedelt, viele neue Gebäude entstanden auf den alten Truppenübungsplätzen und den ehemaligen Anlagen der Amis. Die Soldatenwohnhäuser wurden modernisiert und in Eigentumswohnanlagen und ein großes Zentrum für betreutes Wohnen umgewandelt. Hier machte Haschek gerade gute Geschäfte. Um so verwunderlicher für Martin, dass er sich auf die Mauscheleien mit den beiden Sonnenheim-Maklern eingelassen hatte. Von denen inzwischen zumindest einer tot war. Wo hielt sich eigentlich der andere auf?

Die drei parkten auf einem in der Nacht vollkommen leeren Lidlparkplatz und Goschad förderte aus dem Kofferraum eine schwere Stablampe, ein Seil und eine große Decke zu Tage, die er an seine Mitverschwörer verteilte. Martin klemmte die zusammengefaltete Decke unter den Arm und fand es interessant, was sein Freund alles in seinem Auto hatte. Dann gingen sie abseits von der vielbefahrenen Straße das letzte Stück zu Fuß, quer durch einen dunklen Park in Richtung Baustelle. Glücklicherweise war in dieser Gegend zu solch einer Uhrzeit niemand mehr unterwegs, denn Martin war sich sicher, dass man ihm sein schlechtes Gewissen ansehen konnte. Am ruhigsten wirkte Goschad, der nur aufmerksam um sich spähte, allerdings etwas gebückter und eiliger als sonst ging. Immer wieder zwirbelte er an den Mundwinkeln seinen dicken Oberlippenbart. Haschek ging den anderen her und als sich Martin im Schein einer Straßenlaterne einmal kurz nach ihm umsah, bemerkte er Schweißtropfen auf dessen Stirn. Er schwitzte wie ein Schwein, obwohl die Nacht unangenehm kalt war.

Endlich erreichten sie ihr Ziel. Sie schlüpften hinter den Bauzaun, der das entstehende Seniorenzentrum von der Straße abtrennte. Dort mussten sie erst eine Weile stehen bleiben und sich an die Dunkelheit gewöhnen, bis es ihnen möglich war, die Umrisse der Umgebung zu erkennen und sich einen Eingang zu dem Rohbau zu suchen, der sich wie ein schwarzer Klotz vor ihnen aufrichtete. Auf Martin, der ihn zum ersten Mal erblickte, machte er einen düsteren und unheimlichen Eindruck. Dann kniff er geblendet die Augen zusammen, denn Goschad leuchtete zuerst ihm, dann Haschek, der etwas unverständliches murmelte, ins Gesicht. Erst dann ließ er den starken Strahl der Lampe zu Boden wandern. Er drückte dem Architekten die Lampe in die Hand und dieser übernahm nun die Führung. Weiterhin wechselten die drei Männer kein Wort. Zielstrebig ging Haschek durch den vom Regentag aufgeschwemmten Matsch auf das leere Gebäude zu. Martin folgte dem schmatzenden Geräusch seiner Schritte und bedauerte, dass er schon seine neue Hose verdreckte, die er erst eine knappe Stunde trug und noch nicht einmal bezahlt hatte. Haschek verzögerte seinen Schritt erst, als er über ein Brett steigen musste, um in das Haus zu gelangen. Es bog sich unter seinem Gewicht bedrohlich. Um es nicht unnötig zu belasten, wartete Martin, bis Haschek auf der anderen Seite unter dem kahlen Türsturz stand und ungeduldig winkte. Goschad, der direkt hinter martin stand, flüsterte eine bissige Bemerkung und brach damit als erster das Schweigen, das zwischen ihnen herrschte, seit sie das Büro des ermordeten Blücher verlassen hatten. Der Diskothekenbesitzer schien seine Nervosität – falls er überhaupt je eine empfunden hatte – vollständig überwunden zu haben. Vielleicht versuchte er auch nur, sie mit Galgenhumor zu bekämpfen.

Als jedoch Martin über das Brett ging, das der Architekt fürsorglich beleuchtete, wurde ihm im Gegensatz wirklich flau im Magen und auch etwas tiefer im Gedärm rumorte es. Dass ihm Aufregungen ständig auf die Verdauung schlagen mussten! Das musste eine Neurose sein. Schließlich hatte er ja seit zwei Tagen keine Nahrung mehr zu mir genommen. Er spürte auch nicht das geringste Hungergefühl, im Gegenteil, sein Magen krampfte nur aus Angst. Er schluckte seine Anwandlungen hinunter und stellte sich neben Haschek. Goschad war gleich hinter ihm.

»Also«, sagte er, »dann suchen wir uns mal den vierten Mann zum Schafkopfspielen.« Martin war sich zu gut, um auf diesen schlechten Witz zu reagieren. Haschek kicherte einmal nervös auf. Er leuchtete ein wenig herum:

»Das ist die Empfangshalle«, erläuterte er und richtete seine Worte an Martin. »Und hier hinten ist das Treppenhaus. Es hat einen wunderbaren großen Lichthof. Dort …« Er verstummte. Martin nickte ihm freundlich zu. Sogar in dieser Situation war dem Dicken der Stolz über seinen Entwurf anzumerken. Es musste für den Architekten ein wundervolles Gefühl sein, wenn seine Gedankengebäude Reälität annahmen. Goschad klopfte ihm auf die Schulter.

»Aber jetzt!« Sie gingen los. Martin stolperte über etwas am Boden, fast wäre er gefallen.

»Die Fliesenleger sind noch nicht mit dem Fußbodenmosaik fertig«, bemerkte der Architekt und es klang wie eine Entschuldigung. Dann standen sie in dem berüchtigten Treppenhaus und Haschek leuchtete den Boden ab. Marin wusste nicht genau, was er erwartet hatte, das jedoch nicht: Er sah sich um.

»Wo ist er denn?», fragte er etwas dämlich und am Zittern des Lichtstrahls der Stablampe erkannte er, dass etwas nicht stimmte. Goschad und Haschek sahen sich an. Der Diskothekenbesitzer machte ein paar Schritte in den Raum, sah nach oben.

»Weggeflogen ist er nicht«, stellte er fest. »Da hat uns wohl einer die Arbeit abgenommen. Ein fleißiger und flinker Junge, unser geheimnisvoller Unbekannter …« Er blickte nachdenklich auf seine Uhr. »So lange waren wir doch wirklich nicht weg!«

Haschek hatte sich noch nicht beruhigt. »Aber … warum tut er das?«, fragte er laut und fassungslos. Goschad zuckte mit den Schultern. Dann kam Martin die Erleuchtung.

»Dass ist doch sonnenklar«, sagte er, »das liegt auf der Hand. Den Mörder stört doch ein Leichenfund ebenso wie uns. Der will die Polizei nicht in dieser Sache mit drin haben. Schließlich ist es ja sein Ziel, Sie zu erpressen, Heiner. Das kann er schlecht, wenn man Sie unter Mordverdacht festnimmt.«

»Ja, richtig«, Goschad übernahm Martins Argumentation. «Und da Sie nachweisbar sowohl zu diesem Sonnenheim­makler Peter Schmuck, wie auch mit Bcher in Verbindung standen, würden sich die Bullen zu sehr für Sie interessieren. Das kann dem Erpresser auf keinen Fall recht sein, dann könnte er sich seine Geldforderungen in den Wind schreiben. So gesehen, hat er für Sie die Drecksarbeit erledigt und Sie erst einmal aus der Zwickmühle befreit. Das kostet Sie wahrscheinlich etwas zusätzlich«

»Dann muss ich also damit rechnen, daß der Mörder sich sehr bald wieder bei mir melden wird?«, fragte Haschek nachdenklich.

»Genau. Und das ist wiederum gut für uns. Sie gehen zum Schein auf alle seine Forderungen ein und wir stellen ihm eine Falle.« Goschad sah sich abschließend um. »Hier gibt es wohl nichts mehr für uns zu tun. Machen wir, daß wir wegkommen, bevor noch ein Nachtwächter auftaucht.«

Er drehte sich um und ging Richtung Ausgang. Martin und der Architekt folgten ihm eilig. Alle drei waren erleichtert, dass der Erpresser für sie die Leiche entsorgt hatte.

Martin ging das alles im Augenblick viel zu glatt. Irgendetwas stimmte nicht: Seit Goschad mitmischte, lösten sich die Schwierigkeiten verdächtig schnell auf. Das konnte natürlich an seiner Geschicklichkeit liegen, aber für seinen Geschmack passte er sich viel zu schnell an neue Gegebenheiten an. Welche Rolle spielte er? Wie hing er mit drin? War er wirklich nur ein Außenstehender, den Haschek und Martin eher zufällig mit in die Sache gezogen hatten? Und wenn er gerade darüber nachdachte, wie stand Martin selbst eigentlich zu Haschek? Er wollte sein Geld, klar. Er hatte sich ja geschworen, den Dicken wie eine Zitrone auszuquetschen, sich zu rächen. Dennoch empfand er jetzt wieder Zuneigung zu dem Architekten. Ähnlich, wie er es vor ein paar Tagen spürte, als sie dessen hässlichen Hund spazieren geführt hatten. Wann war das gewesen? Richtig, erst vorgestern Vormittag. Und am Tag zuvor hatte er mit der Sache noch überhaupt nichts zu tun gehabt. Martin schüttelte den Kopf. Merkwürdig. Ein Leben lang geschieht nichts, doch dann überschlagen sich die Ereignisse, machen die Tage voll. Was wird in zwei Tagen sein, in dreien? War die Sache dann ausgestanden? Hatte Martin dann eine halbe Million Euro auf die Seite gebracht?

Oder war er tot?

Martin zuckte mit den Schultern und folgte den anderen, bevor er sie aus den Augen verlor.

Goschad fuhr das Trio zu Martins Wohnung in der Jakober Vorstadt, da Haschek mit seinen Partnern im Schlepptau nicht bei sich zu Hause aufkreuzen wollte. Das hätte Judith unnötig neugierig gemacht. Oder – falls sie etwas mit den Morden zu tun hatte – gewarnt. Obwohl Martin keine achtundvierzig Stunden gefangen gewesen war, kam ihm seine Wohnung merkwürdig klein und ungewohnt vor. Die Proportionen schienen nicht mehr zu stimmen. Er holte Whisky und stellte ihm mit ein paar Gläsern auf den Tisch.Sich selbst öffnete er lieber ein Bier, da er zu Recht vermutete, dass starker Alkohol nichts für seinen nüchternen Magen und für sein Unwohlsein war.

Haschek schenkte sich sein Glas bis an den Rand voll und leerte es zügig, seine andere Hand hielt dabei noch fest den Flaschenhals gepackt. Dann füllte er sich sein Glas erneut, nahm wieder einen langen Schluck, der es diesmal nicht ganz leerte. Erst jetzt gab er die Flasche an Goschad weiter, der sich einen Fingerbreit eingoss und sich dann erhob, um im Kühlschrank nach Eiswürfeln zu suchen. Er warf Martin bei dieser Gelegenheit einen bedeutungsvollen Blick zu. Ja, Martin erinnerte sich. Am Donnerstag hatte der Architekt ebenfalls viel Schnaps getrunken. Aber er hatte das seiner Aufregung zugeschoben. Doch wie er jetzt den billigen Fusel kippte, dafür konnte keine Erregung verantwortlich sein. Der Mann war ein Alkoholiker. Er hatte für solche Menschen eigentlich kein Mitleid, da sie sich seiner Meinung nach ihre Sucht selbst zuzuschreiben haben. Er sah jedoch bedauernd zu, wie Haschek sich sein drittes Glas füllte. Die Menge, die der Architekt innerhalb kürzester Zeit gekippt hatte, hätte ausgereicht, Martin volltrunken zu machen. Goschad, der aus der Küche zurückkam und mit den Eiswürfeln in seinem Glas klirrte, schüttelte langsam den Kopf. Haschek merkte, dass etwas nicht stimmte und er hob den Kopf, erwischte die vorwurfsvollen Blicke. Seine Augen waren bereits glasig. Doch als er sprach, war seiner Stimme nichts anzumerken.

»Warum starrt ihr mich so an? Kümmert euch … um euren Dreck. Soweit kommt es noch, dass mir einer von euch vorschreibt, was ich zu tun habe. Ihr wollt mich Moral lehren, ausgerechnet ihr?« Er redete sich in einen unglaublichen Zorn. Sein Gesicht wurde rot und geschwollen. Goschad setzte sich ruhig, drehte, beide Ellenbogen auf die Oberschenkel gestützt, sein Glas zwischen den Händen. Als einziges Zeichen der Missbilligung hatte er seine Lippen geschürzt. »Gerade ihr zwei … Schaut euch doch an! Ich habe wenigstens Geld. Ihr habt nichts. Ihr seid doch zwei Hunde. die sich um einen Knochen raufen. Ihr seid zwei gemeine … geldgierige …«

»Sagen Sie es nicht, wenn Sie es nicht bereuen wollen. Noch ein Wort und Sie haben uns mal gesehen«, sagte Goschad laut und hart und schnitt ihm damit das Wort ab. Haschek sackte plötzlich kleinlaut in sich zusammen. Einen Augenblick befürchtete Martin, er würde weinen. Aber er hatte sich unter Kontrolle.

»Ja, ist recht. Entschuldigung«, murmelte er. Wenn Haschek gehofft hatte, die Angelegenheit sei damit vom Tisch war, dann hatte er sich in Goschad gewaltig getäuscht:

»Glauben Sie ernsthaft, uns kümmert, wie viel Whisky Sie trinken? Ich bin nicht Ihre Mutter. Wenn es Ihnen gefällt, können Sie sich totsaufen. Aber erst, nachdem das alles erledigt ist. Bis dahin reißen Sie sich gefälligst zusammen!Versuchen sie wenigstens einigermaßen nüchtern zu bleiben, damit ist uns allen geholfen. Wir haben keine Lust, eine Schnapsleiche mit uns rumzuschleppen, die richtigen reichen uns vollkommen. Und überhaupt …«

»Ich werde uns einen Kaffee machen«, unterbrach Martin kurz Goschads Redeschwall und ging hinaus in die Küche, schloss die Tür hinter sich.

Goschad redete weiter, sein Ton war zornig, aber er wollte ihm jetzt nicht mehr bei seiner Gardinenpredigt zuhören. Er stützte sich auf den Küchentisch. Er war müde und gereizt und jetzt – plötzlich – auch sehr hungrig. Also setzte er den Kaffee auf und machte sich ein paar Brote, die er mit einer sich selbst erstaunenden Gier verschlang. Er ließ sich mit dem Kaffee Zeit, brühte ihn so stark wie möglich auf. Zum einen wollte er nicht wieder so schnell ins Wohnzimmer zu den beiden Streithähnen zurück, er wusste aber auch, dass erneut eine lange Nacht bevorstand. Er sah zur Küchenuhr. Es war bereits Montag, es ging auf halb ein Uhr. Ein geregelter Tagesablauf war das nicht gerade.

Als es dann bei den beiden drüben im Wohnzimmer still wurde, kam er mit einem Tablett mit Tassen und dem heißen, duftenden Getränk herein. Goschad schnupperte in der Luft und zwirbelte wieder seine Schnurbartspitze, diesmal jedoch wesentlich vergnügter. Ein wenig Schalk saß ihm in den Augen. Haschek schien er am Boden zerstört zu haben. Martin hoffte, der der Kaffee würde den Dicken wieder etwas aufrichten, doch der war erst einmal so verschüchtert, dass er nur ein wenig an dem gebräu nippte. Dann jedoch zeigte er seinen Trotz und goss den Rest seines Whiskys in seinen schwarzen Sud. Das tat er allerdings nicht, ohne Goschad vorher einen vorsichtigen Blick zuzuwerfen.

Das goldene Kalb – Teil 18

Martin Liebermann seufzte und suchte nach einem Ort, an dem er unauffällig seine besudelte Unterhose verstauen konnte. Draußen hörte er Goschad und Haschek rumoren. Sie unterhielten sich auch flüsternd – über was, das konnte er nicht verstehen. Die Jeans war zu weit, aber das war angenehm, da er ja keine Unterwäsche mehr trug. Auch das Sweat-Shirt war bequem und modisch. Den letzten Geruch, der ihm anhaftete, tötete Martin, indem er sich breitflächig mit einem Eau de Toilette einsprühte. Es stand auf einem Glasregal über dem Waschbecken und wurde wohl von jedem benutzte, der etwas mit Judith zu tun hatte. Erneut hatte Martin das Gefühl, dass ihm etwas einfallen müsse, aber er wusste einfach nicht mehr, was. Die lange Gefangenschaft hatte seinen Verstand leergeräumt. Er wollte jetzt eigentlich nur noch in sein Bett und ganze Sache vergessen. Aber Martin wusste: Das ging nicht. Er steckte zu tief in der Angelegenheit.

Er musterte sich im Badezimmerspiegel: Er fühlte sich wieder einigermaßen menschlich. Für diese Nacht würde es auf jeden Fall genügen. Er spannte seine Arme und Beine und spürte, wie sie wieder in Ordnung kamen, nur noch leise schmerzten. Sein linkes Bein war anscheinend doch nicht so gefährlich abgestorben, wie er geglaubt hatte. Mit einem letzten Blick in den Spiegel stellte er fest, dass ihm der Drei-Tage-Bart recht gut stand. Auf jeden Fall war er bereit für neue Abenteuer. Martin trat aus dem Bad und seine beiden Retter musterten ihn, als sähen sie ihn zum ersten Mal. Sie hatten die Vorhänge vor dem Fenster zugezogen und den Rollladen heruntergelassen, auf diese Weise wollten sie wohl verhindern, dass Licht nach außen drang. Eine Schreibtischlampe brannte und stach einen hellen Kegel in den Raum, konnte ihn aber nicht ganz ausleuchten. Die beiden hatten inzwischen das Büro des toten Detektivs profimäßig in seine Bestandteile zerlegt und blätterten uninteressiert in den Akten. Es sah hier verflixt wie in dem Sonnenheimbüro aus. Nur die die Leiche auf dem Fußboden fehlte. Sie wurde durch einen dicken weißen Läufer ersetzt, den ein zersprungenes Glas Gelee – der Farbe nach Aprikosenmarmelade – besudelte. Als Goschad Liebermanns erstaunten Blick sah, sagte er:

»Das war unser Held hier, ist ihm aus der Hand ge­rutscht.« Haschek sah schuldbewusst zur Seite. Martin wischte ein paar Gegenstände von der Sitzfläche eines Stuhles, darunter einen Beutel Kartoffelchips und einen Plastikbecher mit Pudding. Bcher hatte wohl gern genascht. Er setzte sich sehr vor­sichtig, aber es ging ganz gut.

»Sagt mal, habt ihr keine Angst vor Fingerabdrücken? Nach dem Fund von Blüchers Leiche spätestens morgen früh wird doch die Polizei sofort dieses Büro untersuchen.«

»Ja, das war wahrscheinlich ein Fehler“, sagte Goschad. »Aber ich habe schon eine Idee.«

»Ich höre«, erwiderte Martin ruhig und lehnte sich zurück. Er fühlte sich in diesem Augenblick wie Kommissar Maigret vor der Lösung eines Falles. Goschad öffnete einen kleinen Kühlschrank, der etwas unmotiviert in einer Ecke neben dem Schreibtisch stand, nahm zwei Flaschen Hasenbräubier heraus. Eine warf er Martin zu, die andere behielt er für sich. Hascheks bettelnden Blick ignorierte er. Martin hatte seinen Durst zwar schon halbwegs am Wasserhahn gestillt, aber dieses eisgekühlte Getränk war doch etwas anderes. Obwohl er Hasenbier nicht mochte, brachte es ihn endgültig zurück unter die Lebenden. Das Gefühl des ersten Schlucks war unbeschreiblich.

Die beiden anderen suchten sich ebenfalls eine Sitzgelegenheit, Goschad nahm hinter dem Schreibtisch in Bchers Sessel Platz. Haschek neben mir auf einem zweiten Stuhl. Es war, als wären wir beide gekommen, um Goschad zu konsultieren. Nur die Bierflasche, die er in der Hand hielt und an einer Ecke des Tisches zischend öffnete, störte diesen Eindruck. Goschad senkte die Schreibtischlampe etwas herab und es wurde dunkler in dem Raum.

Martin erzählte als erster. Das tat er ausführlich und er ließ nichts aus. Schließlich war er unschuldig und hatte nichts zu verschweigen. Es war klar, dass Bcher an jenem Abend, als er Martin zu seinem Einbruch bei den Maklern verfolgt hatte, den Mörder erkannt und das irgendwie hatte ausnutzen wollen. Anschließend berichtete Haschek, wiederholte eigentlich nur genauer, was er bereits schon im Lager und auf der Treppe gesagt hatte. Martin wusste nicht, ob er wirklich alles erzählte. Aber es schien ihm so und es passte gut zu seinen Erlebnissen. Goschad hatte dem nicht mehr viel hinzuzufügen. Er klärte Martin nur darüber auf, warum er plötzlich mit dem Architekten in Verbindung stand. Einen Augenblick wusste Martin nicht, ob er ihm böse sein sollte, dass er sich hergegeben hatte, ihn gegen Geld auszuspionieren, aber dann wurde ihm bewusst, wie gleichgültig das eigentlich war. Als einen ausgesprochen seltsamen Zufall empfand er nur, dass Goschad Bcher in der Stadt begegnet war und ihn ohne weitere Schwierigkeiten bis zu diesem Rohbau verfolgt hatte, das war Martin ein wenig zu glatt. Aber er behielt seine Gedanken für sich.

Die drei rätselten eine Weile, wer der geheimnisvolle Mörder und Erpresser war, der bereits die ersten zweihundertfünfzigtausend Euro sein Eigen nennen konnte. Sie kamen alle drei auf die gleiche Person, die dahinter stecken musste, oder zumindest darin verwickelt war. Auch wenn Haschek und auch Martin es nicht so gerne zugeben wollten: Es musste Judith sein. Sie war der Schlüssel zu der Lösung. Wer allerdings ihr Helfer war, war ihnen weiterhin schleierhaft. Einmal sah Martin, wie Haschek Goschad scheel von der Seite betrachtete, aber diesen Verdacht empfand er als absurd. Zwar war Goschad kräftig und durchtrainiert, aber er hatte seinen nächtlichen Angreifer als kleiner in Erinnerung. Außerdem würde Goschad für eine Frau nie zwei Morde begehen, dazu verachtete er das weibliche Geschlecht viel zu sehr. Wenn er überhaupt ein Motiv hatte, dann war es das Geld. Ihm war durchaus zuzutrauen, dass er Haschek in den Rohbau verfolgt und die Gelegenheit und den Koffer ergriffen und ihn beiseite geschafft hatte, um sich später das Geld abzuholen. Die unschuldige Miene, mit der er über den Verbleib des Koffers und darüber rätselte, wie der Mörder es geschafft hatte, vor Haschek in der Eingangshalle zu sein, konnte eine Maske sein. Und Haschek selbst – hatte er so viele Scheine in seinem Koffer gehabt oder die Summe etwas aufgestockt, damit sich einer verriet? Schließlich kamen sie auf ihre aktuelle Situation zu sprechen.

»Wenn ich das richtig sehe, sind wir alle drei in zwei Morde verwickelt«, stellte Martin fest. »Wobei wir bei dem ersten kaum in Verdacht geraten werden. Ich hatte Handschuhe an. Die Polizei wird nicht auf mich kommen. Ihr Schwiegervater hatte allerdings auch recht, Haschek. Die Polizei wird routinemäßig bei Ihnen vorbei sehen.«

Goschad nickte und ergänzte: »Aber jetzt bei Blücher ist das etwas anderes. Unser Einbruch war wirklich ein Fehler. Wir haben Fingerabdrücke in Massen hinterlassen und du deine dreckigen Hosen. Wenn morgen Blüchers Leiche gefunden wird, haben die uns spätestens am Nachmittag im Bau

»Ich bin euch ja dankbar, aber warum seid ihr eigentlich hierher gekommen?«

»Das ist doch sonnenklar. Wir hofften, hier einen Hinweis auf den Mörder zu finden. Irgendeine Notiz, ich weiß nicht, was. Vielleicht einen Hinweis, wo Blücher wohnt. Wir wollten uns den Mörder schnappen, bevor ihn die Bullen kriegen, damit wir Hascheks Pläne in unsere Hände bekommen. Jetzt läuft uns natürlich die Zeit davon. Wir könnten in dieser Nacht freilich noch versuchen, Blüchers Wohnung ausfindig zu machen. aber dort wäre ein Einbruch wahrscheinlich riskanter als hier: Wir hatten schon unverschämtes Glück. dass uns hier niemand bemerkt hat.«

»Bis jetzt. Außerdem glaube ich kaum, dass wir in er Wohnung des Detektivs mehr finden werden. Blücher hat wohl seine Geheimnisse gut verborgen«, stellte Martin fest. »Deshalb bleibt uns nur noch Ihre Frau, Haschek. Wenn überhaupt jemand, dann weiß sie etwas.«

Goschad und Liebermann sahen auf den Architekten, der bis jetzt geschwiegen und uns nur aufmerksam zugehört hatte. Er machte weiterhin einen etwas verwirrten Eindruck. Doch jetzt schien er ruhiger und gefasster; er war zu einem Entschluss gelangt. Als er sprach, sah er hinauf zu einem Punkt an der Decke.

»Sie glauben doch nicht etwas im Ernst, Judith würde uns etwas erzählen, Martin. Nein, selbst wenn sie etwas weiß, von ihr erfahren wir nichts. Aber wenn uns die Zeit knapp wird, dann müssen wir uns eben welche besorgen.« Er machte eine Kunstpause. »Wir müssen die Leiche des Detektivs verschwinden lassen. Dadurch gewinnen wir ein wenig Zeit.«

Goschad nickte etwas spöttisch. »Wie viel? Höchstens ein paar Stunden. wenn überhaupt. Wir können unseren Einbruch dank Ihrer etwas rüden Vorgehensweise nicht vertuschen.« Er sah vorwurfsvoll zur Tür.

»Und dann ist es eine verdammt schwierige Sache, eine Leiche einfach verschwinden zu lassen. Es ist auch wirklich kein schönes Geschäft«, ergänzte Martin. Haschek winkte unge­duldig ab.

»Auf einer Baustelle dürfte das doch wohl nicht so schwierig sein. Und was den Einbruch angeht …« Er deutete auf die Badezimmertür, »… die sieht so aus, als würde sie auch in den Eingang passen.«

»Das könnte sein«, sagte Martin staunend. Er bewunderte Hascheks Geistesgegenwart. Goschad fügte hinzu:

»Sie haben Ihren Beruf verfehlt, Herr Haschek. Sie haben Talent zum Mafioso. Und die Lagertür kann ruhig kaputt bleiben. Das waren ein paar Jugendliche, die ein paar neue Hosen wollten.«

»Es wird trotzdem nicht so glatt gehen. Hatte Blücher Freunde, Verwandte, eine Frau?«, wand Martin ein.

»Das weiß ich nicht. Mir ist nur bekannt, dass er mit Judith liiert war. Kunden nahm er nur gegen telefonische Voranmeldung an.« Der Architekt nickte zum Anrufbeantworter hinüber. »Und bei einem Detektiv wird es wohl niemanden verwundern, wenn er mal ein paar Tage untergetaucht ist.«

Martin versuchte Hascheks Miene zu sehen, während er das sagte, aber es war zu dämmrig in dem Raum, Das feiste Gesicht des Architekten hatte sich in eine schwarze, schwammige Masse aufgelöst. Er wusste nicht, ob ihn dessen Kaltblütigkeit entsetzte. Ekelte sie ihn an? Nein, er wunderte sich nur. Was waren sie für Menschen? Sie redeten über Morde und Kapitalverbrechen, als würde sie über das Wetter diskutieren. Jedem von ihnen war in den letzten Tagen der Tod in seiner grausamsten Form begegnet und außer einer anfänglichen Verwirrung hatte er nichts bei ihnen ausgelöst. Martin konnte sich da nicht ausnehmen. Er stand mit Haschek auf einer Stufe. Während er sich in der entstandenen, peinlichen Stille auf diese Weise betrachtete, kam ihm ein Gedanke, den Goschad, noch ehe er sich für ihn schämen konnte, aussprach:

»Wir werden bei dieser Arbeit keine kostenlosen Hilfskräfte sein. Wenn wir uns so tief mit der Sache einlassen, muss auch etwas für uns herausspringen.« Martin ertappte sich dabei, wie er unbewusst und zustimmend nickte. Haschek hatte diesen Einwurf wohl erwartet und weil er sichtbar um seine Existenz besorgt war, machte er einen Vorschlag. der ihm den Atem nahm.

»Ich habe eine Liquidation veranlasst, die mir in den nächsten Tagen – voraussichtlich bereits morgen Vormittag – zusammen mit einem kleinen Kredit zwei Millionen Euro Bargeld bringen wird. Das sollte eigentlich das Geld für den Erpresser sein, aber wenn ihr mir helft, die Sache reibungslos über die Bühne zu bringen, könnt ihr es euch teilen.«

Diesmal antwortete Martin als erster: »Jetzt sprechen Sie unsere Sprache. Erinnern Sie sich an das, was Sie mir bei unserem ersten Treffen vor ein paar Tagen gesagt haben? Dass ich das Abenteuer suchen würde? Da haben Sie zu viel hinein gedeutet in mich: Meine Beweggründe sind viel niedriger Art.«

Er glaubte fast an das, was er sagte. Ob er damit auch für Goschad sprach, wusste er nicht. Dessen Gründe, aus denen er etwas tat oder ließ, waren seine Angelegenheit und er verriet sie nicht einmal dem Mann, den er doch am ehesten als seinen Freund bezeichnen konnte.

»Dann sind wir uns einig?«, fragte Haschek. Goschad und Martin standen gleichzeitig auf und gingen stumm zum Bad, um die Tür aus ihren Angeln zu heben. Haschek grunzte zufrieden und der dicke Mann ging ächzend in die Hocke, um die Scherben der kaputten Eingangstür einzusammeln. Er wirkte auf Martin wie ein Kind, das mit Legosteinen spielt. Goschad grinste zu ihm hinüber. Ihm ging wohl Ähnliches durch den Kopf. Die Badezimmertür war eine Idee zu schmal, um ganz zu schließen, aber sie füllte den Rahmen aus. Als die drei das Büro verließen, ließen sie von innen einen Stuhl dagegen kippen, der die Tür provisorisch geschlossen hielt. Auf diese Weise fiel der Austausch nicht auf, solange niemand die Tür ausprobierten. In dem Jeanslager stellten sie noch ein bisschen mehr Unfug an, damit es nach einem dummen Jungenstreich aussah. Den dreckigen Stuhl, an den Blücher hatte gefesselt hatte, hatten sie vorher in das Büro gestellt.

Sie verließen das Haus durch einen anscheinend stets geöffneten Hintereingang. Der Regen hatte endlich nachgelassen. Es sprühte nur noch feucht und es ging auf Mitternacht. Nachdem er so lange in einem dumpfen Raum eingeschlossen war, war es ein wunderbares Gefühl für Martin, wieder im Freien zu stehen und diese kalte, vom Regen gewaschene Luft zu atmen. Sie stiegen in Goschads Auto, das er in einer Parkbucht auf der Ulmer Straße geparkt hatte. Haschek machte sich auf dem Rücksitz breit. Sie hatten vor, den toten Körper des Detektivs irgendwo auf der Bau­stelle zu verscharren und dann in in Martins Wohnung zu gehen, um dort das weitere Vorgehen zu besprechen.

[Der spannende Augsburg-Krimi macht eine kleine Pause, weil ich Urlaub mache.]


Das goldene Kalb – Teil 17

9.
Sonntag.
Nacht

Martin Liebermann hatte keine Ahnung, ob Schiller oder Blücher oder wie er sonst heißen mochte, ihn verhungern oder verdursten oder an Langeweile sterben lassen wollte. Wahrscheinlich plante dieser Mann mit den martialischen Namen das alles zusammen.

Martin hatte keine Ahnung, wie sich andere Leute verhielten, wenn sie zwei Tage gefesselt auf einem unbequemen und harten Stuhl zugebracht hatten, aber er wünschte es nicht einmal seinem ärgsten Feind: Spätestens wenn die Nase juckt oder ein Fuß einschläft, wird es Folter und später dann, wenn sich die Blase und der Verdauungstrakt zu ihrem Recht melden, zur Qual. Inzwischen war er nicht mehr gesellschaftsfähig und saß weich und feucht in seinem Gestank. Er fand es erstaunlich, wie schnell er sich daran gewöhnt hatte.

Am ersten Tag waren es diese Probleme und die Langeweile. von denen Martin dachte, dass sie ihn umbringen würden, am zweiten hatte sich alle seine Gedanken auf den immer schlimmer werdenden Durst verlagert. Sein Mund war ausgedörrt und er spielte mit der Vorstellung, sich die Lippen blutig zu beißen, um ein wenig Feuchtigkeit auf der Zunge zu spüren. Allerdings fehlten ihm zu dieser Tat dann noch der Mut und die Verzweiflung.

Blücher hatte Liebermann am Samstagvormittag abgepasst, als er zu Haschek gehen wollte, um ihm von der Katastrophe bei seinem Einbruch zu berichten. Martin hatte ihm seine Schwulennummer abgenommen und sich auch noch – gutgläubig, wie er war – mit dem vermeintlichen Stefan Schiller an dem Haltestellendreieck an der Wertachbrücke verabredet. Der Detektiv hatte ihn mit einer in der Jackentasche versteckten Pistole gezwungen, ihm in sein nahes Büro zu folgen und Martins Respekt vor so einem Ding ließ ihn fassungslos gehorchen. In dem Detektivbüro, das im ersten Stock des Gebäudes über einem türkischen Brautmodenladen lag, klingelte es dann bei ihm und er muss wohl ziemlich dämlich drein gesehen haben. Schiller beziehungsweise Blücher führte ihn zielstrebig in den Lagerraum über seinem Büro. Hier wurden Jeans und Hemden in allen Größen und Farben gelagert. Die Tür öffnete Blücher mit einem Dietrich. Das ging ganz schnell, offenbar hatte er das schon häufiger gemacht. Mitten in dem staubigen, kaum erleuchteten Raum fesselte er Liebermann sorgfältig an einen Stuhl. Erst dann zeigte er ihm, dass er durchaus keine Waffe in seiner Jackentasche hatte, sondern nur einen großen Schlüsselbund. Blücher verließ Martin freundlich grüßend. Auf dessen Fragen ging er nicht ein. Die Tür verschloss er hinter sich wieder mit dem Einbruchswerkzeug. Naja, da saß Martin dann eben.

In dem Raum waren die Rollläden heruntergelassen und er war dadurch so abgedunkelt, dass Martin kaum einen Wechsel in den Tageszeiten bemerkte und sein Zeitgefühl verlor. Eine Weile beschäftigte er sich mit dem Versuch, seine Fesseln zu lösen, aber Blücher verstand etwas von Knoten und Verschnürungen. Dann entschied er sich, um Hilfe zu rufen. Es konnte doch nicht sein, dass er in dem Haus vollkommen allein war. Schließlich befand sich im Erdgeschoss ein kleiner Laden, aber auch diese Hoffung wurde enttäuscht. Martin schrie so lange, bis er vollkommen heiser war, dann gab er es wegen Nutzlosigkeit und Stimmenschonung wieder auf. In diesem Haus wollte – oder was wahrscheinlicher war – konnte ihn niemand hören. Es schien auch niemand daran zu denken. aus diesem Lager etwas abzuholen. So beschäftigte er sich eben mit meiner misslichen Lage, stelle Theorien auf, was da eigentlich mit ihm geschah oder zählte die vor ihm gestapelten Sweatshirts und Jeans, die alle billige Fernostkopien von Markenartikeln waren.

Das Schlafen ging erstaunlich gut, Martin hatte gedacht, es würde ihm in dieser Stellung schwerer fallen, Ruhe zu finden. Vielleicht half die Erschöpfung der langen Nacht zuvor, die ihm noch in den Knochen lag. Auf jeden Fall schlief er tief und lange in den Sonntag hinein. Es war ders Durst, der ihn schließlich weckte. Gegen Mittag war es dann so weit, dass er seine Seele gegen ein Glas Bier verkauft hätte. Und die ganze Zeit über hörte er Tropfen gegen die Fensterscheiben prasseln. Gegen Abend wurden die Regengüsse immer stärker und er wusste nun, wie Tantalus empfand.

Einmal ging im Nebenraum das Telefon. Es klingelte bestimmt zwanzigmal. Martins Herz schlug ihm bis zum Hals. Er lauschte bestimmt noch eine halbe Stunde atemlos in die Stille, die das Ende des Klingelns hinterlassen hatte und wartete vergeblich auf Rettung. Dann schlief sein linkes Bein ein und der wenige Bewegungsspielraum, den er mit ihm hatte. reichte nicht aus, die Taubheit aus ihm zu vertreiben. Martin befürchtete, es würde abzusterben, wenn ihn Blücher nicht bald befreite. Seltsam, dass es eigentlich nicht richtig schmerzte, das Bein nur ein dumpfes, taubes Gefühl aussendete, das langsam auch in die Hüfte kroch. Wo blieb der Kerl nur? Warum ließ er ihn hier so lange sitzen? Der Detektiv musste doch wissen. das Liebermanns Situation immer prekärer wurde. Blücher konnte doch wohl nicht vorhaben, ihn hier verdursten zu lassen! Er hatte Martin aus dem Weg haben wollen, wohl gleich für ein paar Tage. Gut, das verstand er, er war wahrscheinlich irgend einem Plan von Blücher im Wege. Aber wenn er ihn schon gefangen nahm und nicht gleich um die Ecke brachte, dann konnte er sich doch wohl um die Genfer Konventionen kümmern und ab und zu nach seinem Gefangenen sehen. Den Gedanken, dass Blücher Martin hier verschimmeln lassen könnte oder dass ihm draußen etwas passiert war, wollte er nicht akzeptieren, dazu erschreckte er ihn viel zu sehr.

Als sich Martin schon völlig der Verzweiflung übergeben hatte und und auf dem Stuhl in seinem Dreck zusammengesunken vor sich hin wimmerte und ab und an wie ein Geisteskranker plötzlich zynisch auflachte, wurde er durch den schrillen Lärm von brechendem Glas hochgeschreckt. Inzwischen musste schon die Nacht zum Montag angebrochen sein. Der Krach kam von unten und war von einem unterdrückten Fluchen begleitet, dessen Verursacher Martin sofort an seinem Augsburger Dialekt erkannte.

»Mein Gott, sind Sie ungeschickt. Warum rufen Sie nicht gleich die Polizei an!« Liebermann glaubte zuerst zu träumen oder in einem Dursttraum gefangen zu sein, aber es war eindeutig sein Freund Siegfried Goschad, den er da schimpfen hörte, kein Zweifel. Eilig rief er so laut er konnte um Hilfe und wurde nach dem dritten oder vierten Anlauf endlich erhört. Jemand rüttelte bei dem Versuch, die Lagertüre zu öffnen, an ihrer Klinke. Licht ging im Hausgang an und Martin sah eine breite, gedrungene Silhouette durch die Milchglasscheibe. Diese Umrisse waren nicht zu verkennen: Es war Heiner Haschek, der da vor der Tür stand. Kurz wunderte Martin sich, was die beiden hier zusammen machten. Dann hörte Martin wieder Goschad, dessen Schatten neben dem anderen auftauchte.

»Martin, das bist doch du, oder?«

»Siggi, Hilfe, ich bin hier gefangen!«

»Hören Sie, wenn Sie so gerne Türscheiben kaputt machen, hier steht Ihnen noch eine zur Verfügung«, sagte Goschad und drehte seine Silhouette zu dem dicken Haschekschatten.

»Vorsicht!« Das war der Architekt. Dann zertrümmerte Haschek mit dem Ellenbogen das Glas der Tür. Es war beeindruckend, wie die großen Scherben splitterten. Der Architekt, der sich jetzt vorsichtig durch den leeren Rahmen in den Raum zwängte, hatte einen Auftritt wie der Held in einem Action-Film. Martin hatte nie geglaubt, dass ihn der Anblick des dicken Mannes so freuen würde. Noch am Vormittag hatte er sich mit der Vorstellung unterhalten, ihn auf kleiner Flamme zu rösten.

Goschad drängte sich hinter Haschek herein und trat unachtsam auf die Scherben zu seinen Füßen, die unter seinem Gewicht mit einem scharfen Knall barsten, Angst, wegen ihrem Lärm Aufmerksamkeit zu erregen, schienen beide nicht zu haben. Aber sie hatten natürlich recht: Das Haus war leer und wenn niemand auf Martins Schreien reagiert hatte, dann musste auch das Zerspringen von Glas nicht weiter auffallen. Die beiden unverhofften Retter bauten sich vor dem Gefesselten auf und versuchten, sich an die Dunkelheit im Lager zu gewöhnen. Haschek rümpfte unangenehm berührt die Nase, wich wieder ein paar Schritte zurück. Er hatte wirklich keinen Grund, sich so zu benehmen, fand Martin, denn er sah aus wie ein Penner: Er war vollkommen vom Regen durchnässt und seine Hosen dreckig. Der Architekt hätte sich ein Beispiel an Goschad nehmen sollen, der jetzt mit einem Feuerzeug für ein wenig Licht sorgte und sich nach einem Lichtschalter umsah: In seinem Lammfellmantel sah er so elegant und gepflegt wie immer aus. Ihn störte dennoch Martins zugegebenermaßen unappetitliche,. aber unbeabsichtigte Selbstbefleckung in keiner Weise, zumindest ging er mit keiner Geste darauf ein. Goschad fand einen Schalter und kurz blinzelten alle drei, bis sie sich an den grellen Schein der nackten Glühbirnen, die von der Decke hingen, gewöhnt hatten. Dann holte Goschad ein Schnappmesser aus der Hosentasche und löste Martins Fesseln. Sein Blutkreislauf war lange unterbrochen gewesen und er fühlte mich so schwach, dass ihn Goschad unter die Arme fassen und heben musste. Martin schrie vor Schmerzen, als er seine Beine wieder spürte. Hätte sein Freund ihn nicht gestützt, wäre er eingeknickt.

»Du bist etwas derangiert«, sagte Goschad und unterbrach den Redefluss von Haschek, der die ganze Zeit von irgendwelchen Morden erzählt hatte. Martin hatte ihm nicht zugehört. »Komm, wir gehen runter in das Büro von Blücher. Dort wird auch ein Bad sein, wo du dich waschen kannst. Glaubst du, es geht?« Martin dachte an die Indianerfilme, die er als Kind gesehen hatte und nickte mit zusammengebissenen Zähnen. Goschad musterte ihn zwar skeptisch, aber er ging vorsichtig und langsam ein paar Schritte mit ihm hin und her. Es war furchtbar, es war, als würde Martin über glühende Kohlen gehen. Dann wand sich Goschad an den hilflos zusehenden Architekten:

»Nehmen sie ein Sweat-Shirt und eine Jeans mit, unser Freund benötigt ein paar Kleidungsstücke.«

»Beide in Schwarz, wenn möglich. Das ist meine Farbe«, fügte Marin mit Galgenhumor hinzu. Er spürte eine große Sympathie für seinen Freund. Dessen praktische Veranlagung war genau das, was er jetzt brauchte, um wieder einigermaßen in Form zu kommen.

Schritt für Schritt brachte Goschad ihn hinunter in Blüchers Büro. Martin hatte inzwischen mitbekommen, dass er vor Hascheks Augen umgekommen war. Er konnte nicht behaupten, dass ihm diese Nachricht im Moment besonders nahe ging. Anders Haschek: So geschwätzig, wie er war, schien es den Architekten ganz schön getroffen zu haben. Er war gerade dabei, einen sentimentalen Abriss seiner Lebensgeschichte von sich zu geben. Martin konnte nicht sagen, ob ihn mehr Hascheks Gerede oder die Schritte die Treppe hinunter quälte. Er konnte allerdings nach jeder Stufe ausruhen, während der Architekt nicht gewillt war, eine Pause zu machen. Wie Martin mitbekam, schien er einen ziemlich wüsten Verdacht gegen ihn gehegt zu haben. den er aber inzwischen zerknirscht bereute. Er war augenfällig darum bemüht, von Martin eine Entschuldigung zu erlangen und schien sogar so etwas wie ein schlechtes Gewissen zu haben. Wenn das bei einem Mann wie dem Architekten überhaupt möglich war

Die Tür von Blüchers Büro sah so aus wie die von dem Jeanslager. Goschad führte Martin zu einer Toilette in den Räumen des Detektivs. Dann ließ er ihn los. Martin wankte und musste mich am Waschbeckenrand halten.

»Also, mach dich sauber«, sagte er. »Wir werden inzwischen das tun, wegen dem wir eigentlich gekommen sind: Ein wenig die Unterlagen von dem Detektiv untersuchen. Denn das hier ist nur sein Büro. Weißt du zufällig, wo Blücher wohnte?«

»Nein, ich weiß gar nichts. Bei mir ist eh schon lange der Faden gerissen.«

»Macht nichts. Ich erzähl’s dir, wenn du wieder ein wenig frischer bist. Haschek weiß auch nicht, wo der Kerl gewohnt hat.«

»Aber Judith muss es wissen, sie hatte schließlich ein Verhältnis mit ihm«, sagte der Architekt und warf die Kleidung, die er hatte mitgehen lassen, auf das Waschbecken. Er schien Martins Gesichtsausdruck richtig zu deuten, denn er fuhr fort:

»Entschuldigung. Aber Sie müssen doch gewusst haben …«

»Schlucken sie es runter«, sagte Martin so beiläufig, wie es ihm möglich war und schloss die Toilettentür vor den beiden. Sie war aus Milchglas. Anscheinend gab es in dem Haus nur solche Türen. Es war kein Fenster in dem Raum, also machte er das Licht über dem Badezimmerspiegel an und begann, sich zu säubern. Es war seltsam, wie sehr ihn die Worte von Haschek verletzt hatten. Er hatte immer geglaubt – ja, er war felsenfest überzeugt gewesen -, dass er nur wegen ihrem Geld mit Judith zusammen war. Obwohl er gewusst hatte, dass er nicht Judiths einziger Liebhaber war, war die Entdeckung, sie mit Blücher geteilt zu haben, schmerzlich. War das verletzte Eitelkeit oder war es Liebe? Sollte er sich ausgerechnet in dieses Luder verliebt haben, das jeden nur benutzte? Oder war sie nicht doch besser als ihr Ruf, ihre unnahbare Art nur ein Schutz? Auf jeden Fall wusste Martin, dass ihn auch der Gedanke an sie während seiner Gefangenschaft aufrecht gehalten hatte.

Das goldene Kalb – Teil 16

Goschad zuckte mit den Schultern. »Martin ist seit Freitagnacht wie vom Erdboden verschluckt. Ich habe nicht viel herausgefunden. Eine Bedienung im Bobs ist nach mir die letzte, die ihn gesehen haben will. Er war übrigens in Begleitung eines jungen Mannes, den sie kennen müssten: Er gibt sich als ein gewisser Arthur Schiller aus.«

»Schiller, schon wieder!«, rief der Architekt aus. »Ich hätte es wissen müssen.« Ihm kam ein Gedanke. »Dieses Lokal, das Bobs, das ist doch in Oberhausen, oder?« Das war die Lösung, sie lag offen auf der Hand: Liebermann steckte hinter sämtlichen Erpressungen gegen ihn, er wollte an das ganz große Geld. Und er hatte einen Partner.

»Und wie kommen dann Sie ausgerechnet an diesen Ort?«, fragte der Architekt weiter.

»Nun, da ich Martin nicht finden konnte, habe ich mich nach Schiller umgesehen. Liegt ja auf der Hand. Doch der verkündet zwar in allen Lokalen großspurig seinen Namen und seine unglückliche Beziehung zu Ihnen, ist aber ansonsten ein unbeschriebenes Blatt; sein ganzes Schwulenleben wohl nur ein Trick. Ich glaube, der heißt nicht einmal Schiller.«

»Das ist mir bekannt«, unterbrach Haschek den Diskothekenbesitzer ungeduldig und erzählte ihm in schnellen Worten von dem Erpresserbrief, den er erhalten hatte. Goschad lachte kurz.

»Ein wirklich nettes Gaunerstück, auch überzeugend aufgezogen. Ich habe mir beinahe schon so etwas gedacht. Ja, um auf Schiller zurückzukommen: Martin habe ich nicht gefunden, aber durch einen wirkliche Zufall ist mir in der Annastraße doch tatsächlich Schiller selbst begegnet. Wissen sie, mein Beruf bringt es mit sich, dass ich ein sehr gutes Personengedächtnis habe, es ist auch ein wenig Veranlagung. Tagsüber sieht dieser Schiller nämlich völlig anders aus, als in der Nacht: Er trägt eine Hornbrille und einen dichten Schnauzbart. Schon ein wenig oldfashioned. Das macht ihn älter. Sein Haar ist länger und gescheitelt, übrigens auch dunkler. Wahrscheinlich hat er eine Perücke auf dem Kopf, wenn er nicht Arthur Schiller spielt.«

Haschek kam ein so absurder Gedanke, dass er ihn gleich wieder verwarf.

»Vielleicht war es sein Bruder«, mutmaßte er stattdessen. Goschad betrachtete den Koffer, der zu Hascheks Füßen stand und schüttelte langsam den Kopf.

»Nein, er war es. Da bin ich ganz sicher. Schiller war zwar auch in einem anderen Stil gekleidet, wesentlich eleganter und geschmackvoller. Er hat es geschafft, sich in diesen Edelklamotten vollkommen natürlich zu bewegen. Das ist gar nicht so einfach, ich habe ihn aber trotzdem erkannt. Dieser Mann ist allerdings ein begnadeter Schauspieler … und Betrüger«, fügte er nicht ohne Neid in der Stimme hinzu. »Das war eine lustige Sache, heute Nachmittag. Sie hat mir wirklich Spaß gemacht. Ich habe ihn heimlich verfolgt. Obwohl ich darin ziemlich geschickt bin, hat er das recht schnell mitgekriegt und versucht, mich abzuhängen. Die engen Winkelgassen in der Altstadt sind dafür wie gemacht. Es ist ihm auch zweimal fast geglückt, mich zu täuschen. Aber ich bin ja auch kein Anfänger. Das zweite Mal hat er wohl geglaubt, er wäre mich los. Jedenfalls ist er am Königsplatz in ein Taxi gestiegen. Ich habe gehört, wie er dem Fahrer diese Straße hier als Ziel angab. Ich habe also mein Auto geholt und bin hierher gefahren. Ich habe die ganze Zeit befürchtet, dass das sein letzter Trick war, mich loszuwerden. Aber nachdem ich Sie hier stehen sah, Herr Haschek, wusste ich: Hier bin ich richtig.«

Haschek sah auf die Uhr, es war kurz vor Acht Uhr und inzwischen dunkel. Er überlegte fieberhaft. Er durfte Goschad nicht ganz einweihen. Dem Mann war absolut nicht zu trauen. Der Erpresser durfte ihn auch nicht in Begleitung sehen, das konnte den Mann abschrecken. Wenn es allerdings Schiller war, mit dem er hier verabredet war, dann konnte ihm Goschad auch nutzen.

»Passen Sie auf«, sagte er deshalb, » Sie kommen gerade recht. Ich habe da drin in dem Rohbau hinter uns ein Treffen mit Schiller. Hier im Koffer ist das Geld für sein Stillschweigen. Bleiben Sie am Besten hier und behalten die Baustelle im Auge. Wenn der Kerl später raus kommt, dann schnappen Sie ihn sich und machen ihm deutlich, dass er aufhören soll, anständige Leute zu erpressen. Den Koffer können Sie dann behalten, wenn alles klargeht.« Goschad ballte die Rechte zur Faust und drückte die flache andere Hand gegen sie, bis die Knöchel knackten. Er hatte immer mehr Spaß an der Sache. Sollte Haschek nur glauben, er wäre ein brutaler Mensch.

»Darauf können Sie sich verlassen.«

Haschek nickte. »Gut, dann gehe ich jetzt.« Er wischte sich über seine regennasse Stirn, nahm den Koffer, der für seinen wertvollen Inhalt erstaunlich leicht war und ging durch die Einfahrt hinter den Zaun. Sofort trieb ihm der Wind schwere Tropfen ins Gesicht und nach zwei Schritten stand er bis zu den Knöcheln in aufgeweichtem Lehm. Die Tür eines Bauwagens war nur angelehnt und klapperte in einem komplizierten Rhythmus. Außer einem entfernten Dröhnen von der nahen B17 war dies das einzige Geräusch, das zu seinen Ohren drang. Das vierstöckige Gebäude stand im Rohbau, sein skelettierter Schatten lag im der regnerischen Dunkel. Nur wenige Baustellenlampen erleuchten den Vorplatz.

Für das kommende Wochenende war das Richtfest geplant. Haschek dachte kurz daran. Dann würde er wieder hier stehen, vielleicht an der selben Stelle. Mit einem Glas Sekt in der Hand würde er eine humorige Rede halten und zu den anderen Reden rührig klatschen. Vielleicht war auch Weiland vom TVA da und er konnte nochmals mit ihm ohne dessen gegen ihn voreingenommene Frau über die Tennishalle reden. Es war möglich, dass er Herle unterbieten konnte. Er musste nur die richtigen Stellen schmieren und herausfinden, wie hoch sein Angebot war.

Haschek fröstelte: Wie weit war dieses Wochenende von ihm entfernt! Jetzt war er nicht zum Feiern gekommen. Er wollte sich mit einem Mörder treffen. Das wurde ihm jetzt zum ersten Mal bewusst: Das war nicht nur ein frecher Erpresser, dieser Mann hatte einem anderen kaltblütig mit einem Küchenmesser die Kehle durchschnitten. Haschek nahm an, dass man dazu ganz schön Kraft benötigte. Das war dem dürren Liebermann eigentlich kaum zuzutrauen. Unter diesem Aspekt wurden seine Theorien etwas wacklig.

Plötzlich hatte er große Angst vor diesem Erpresser. Er sah hinauf zu den leeren Fensterhöhlen und fühlte sich unbehaglich und beobachtet. Irgendwo hinter einem dieser hohlen Rahmen belauerte ihn bereits sein Gegner. Er konnte es spüren. War es Schiller? Oder Blücher, der Detektiv, den er angeheuert hatte? Denn die Beschreibung, die Goschad von Schiller geliefert hatte, hatte erstaunlicherweise auf den Detektiv gepasst. Aber war der fähig zu einem brutalen Mord?

Hascheks Gedanken verwirrten sich etwas. Er packte den Koffer fester und entschied sich. Er trat auf das wacklige Brett, das die noch nicht gebaute Eingangstreppe ersetzte. Es wippte unter seinem Gewicht so, dass ihm ein wenig übel wurde und er war froh, als er es balancierend hinter sich gebracht hatte und in einer großen Halle stand, deren Boden zur Hälfte bereits mit bunten Fliesen bedeckt war, die als Mosaik später einmal das Emblem der Senionenwohnanlage bilden sollten. Die hohen Betonsäulen, die die geschwungene, mit dunklem Holz verkleidete Decke trugen, waren noch nicht gestrichen und sahen deshalb roh und hässlich aus. Trotzdem fühlte Haschek sich hier sofort wohl, er liebte es, in Häusern zu stehen, die nach seinen Entwürfen entstanden.

Er sah sich um und spähte in die verwaschene Dunkelheit: er war allein. Sollte er warten? Unschlüssig verharrte er und spitzte die Lippen. Da! Hatte er nicht ein Geräusch gehört‘? Er war sich nicht sicher. Er kramte aus seinem Mantel eine Taschenlampe hervor und ging einen Schritt in die Richtung, von der er glaubte, dass sie die richtige war. Dann hörte er eine Stimme:

»Haschek? Sind sie da?«

Die Überraschung lies ihn erschrocken zusammenzucken. Er kannte diese Stimme. ohne Zweifel, aber sie klang furchtsam und gehetzt. Er leuchtete herum, konnte aber mit dem Lichtkegel niemanden einfangen. Schritte wurden laut. Sie drangen von oben herab, aus dem Treppenhaus. Dort liefen ein, nein, zwei Personen. Haschek stellte den Koffer zu Boden, rannte durch einen hohen Rahmen, den einmal Glastüren zieren würden. Dann stand er keuchend im Treppenhaus. Hier wand sich die Stiege um einen breiten Lichthof in die Höhe und das Licht, das von außen hereindrang, machte seine Taschenlampe überflüssig. Dennoch leuchtete er mit ihr angestrengt nach oben.

»Hier. Hier bin ich, unten, im Erdgeschoß«, rief er atemlos. Sein kleiner Spurt hatte ihn ihm genommen. Ein Kopf erschien an dem provisorischen, aus rohen Brettern genagelten Geländer, dann der ganze Oberkörper. Der Mann war noch im dritten Stock. Hornbrille, Schnauzer. Es war unverkennbar Blücher.

»Haschek! Vorsicht! Ich komme runter … « Er stockte, wendete sich nach hinten, verschwand aus dem Blickfeld des Architekten. Blücher rief erschrocken einen Namen, den Haschek allerdings nicht richtig verstehen konnte. Dann erhielt der Detektiv wahrscheinlich einen heftigen Stoß, denn er rumpelte gegen das Geländer, halb darüber. Haschek öffnete fassungslos den Mund, starrte mit aufgerissenen Augen nach oben. Für einen Moment sah es so aus, als würde sich Blücher noch einmal fangen, aber dann zerbrach die Holzkonstruktion. Er schrie einmal, dann kippte er. Seine Hände griffen panisch rudernd ins Leere. Fast geräuschlos fiel er herab, seltsam langsam. Haschek sprang zur Seite, rückte den Kopf zur Seite und schloss die Augen. Es gab ein Geräusch, wie er es noch nie gehört hatte: Dumpf, klatschend, brechend.

Eine Weile stand Haschek mir abgewandtem Kopf da, bemüht, das hektische Zucken seine Lider unter Kontrolle zu bringen. Er überwand sich und sah hinab, leuchtete mit seiner Taschenlampe. Da war nichts mehr zu machen. Zu seinen Füßen lag der verkrampfte, blutige Leichnam des Detektivs. Die dunkle Perücke war verrutscht. Unter ihr kam kurzes, blondes Haar zum Vorschein. In der Hand hielt der Tote einen Fetzen Papier, den er wohl im Kampf seinem Mörder abgerungen hatte. Haschek identifizierte ihn auf den ersten Blick als eine Ecke von seinen Baupläne für die Firma Sonnenheim.

Neugierig sah er nach oben. Dort war nichts zu mehr hören. Niemand zeigte sich, um sein Werk zu überprüfen. Der Mörder hatte sich sicher schon längst aus dem Staub gemacht. Haschek hoffte, dass Goschad ihn draußen erwischte oder zumindest erkannte. Aber allzu sehr verließ er sich darauf nicht. Er sah wieder die Leiche an und erst jetzt wurde ihm schlecht. Er würgte und brachte den Leberkäse hervor, den er am Nachmittag in einem Stehimbiss am Bahnhof eilig zu sich genommen hatte. Er lehnte gegen eine nahe Wand und wartete darauf, dass es seinem rebellierenden Magen wieder besser ging, dann untersuchte angeekelt die Taschen des toten Detektivs. Er erwartete nichts und wurde doch fündig.

Er entdeckte in einer Innentasche der Jacke einen zweiten, an ihn adressierten Brief. In ihm standen die Übergabemodalitäten für das erpresste Geld. Es hätte nicht viel gefehlt und Haschek hätte gelacht: Dieses eine Problem war ja nun aus der Welt. Mit Albert Blücher war auch Arthur Schiller gestorben. Seine zweite Entdeckung war interessanter: Er fand diesen Brief noch einmal in der Tasche, es war die Rohfassung und die war handschriftlich aufgesetzt. Diesen Text hatte also nicht Blücher geschrieben. Es war die Schrift von Judith. Hatte ihn dieses Biest doch reinlegen wollen! Das würde sie büßen müssen. Er hatte doch gewusst, dass er den süffisanten Tonfall der Briefe kannte: Es war Judiths Stil.

Aber was hatte Blücher hier gewollt? Warum war er in diesem Rohbau in den Tod gegangen? Haschek hatte keine Antworten auf diese Fragen, nur Mutmaßungen. Blücher hatte wohl seinen Mörder gekannt. Wenn dem so war – und da war sich der Architekt fast sicher – dann kannte ihn wohl auch Judith. Damit war sie in Gefahr, wenn sie nicht auch in dieser Sache ihre Finger hatte. Kurz stellte er sich vor, wie sie Blücher von der Treppe stieß. Aber dass sie jemandem den Hals durchschnitt, war das möglich?

Nein, mit dem Mord an dem Detektiv klärte sich nichts. Er kam der Sache nicht näher, das Spiel lief weiter. Und wo verdammt noch mal war eigentlich Martin Liebermann abgeblieben? Hatte er wirklich kalte Füße bekommen und sich aus der Angelegenheit verabschiedet? Oder mischte er noch fleißig mit, hatte vielleicht eben Blücher getötet?

Haschek schüttelte unwillig den Kopf. Es hatte keinen Sinn, sich mit diesen Fragen das Gehirn zu martern. Das war wohl nicht mehr sein Zug. Jetzt musste er warten, wie sich alles weiter entwickelte. Er steckte die beiden Briefe in seine Manteltasche. holte dem Toten auch das Papier aus den klammen Fingern. Das war seine einzige direkte Verbindung zu dem Ermordeten. Dann entschloss er sich, sich auf die französische Weise zurückzuziehen, wie das wohl der Mörder schon vor ihm getan hatte.

Er trat wieder in die große Eingangshalle. Sie war noch so leer, wie er sie vorhin verlassen hatte. Zu leer, fiel ihm mit plötzlichem Schrecken auf. Zu leer.

Sein Koffer mit dem Geld stand nicht mehr an dem Platz.

Haschek fühlte sich so schwach, dass er sich auf den Boden hocken musste. Er stimmte ein bitteres Lachen an. Er hätte viel darum gegeben, wenn er jetzt einen Flachmann bei sich gehabt hätte.

[Damit endet der 2. Teil meines spannenden Augsburg-Krimis. Der 3. und letzte beginnt nächste Woche. Die Teile 1 und 2 kann ein interessierter Leser (ha,ha) wie gewohnt auf meiner Texteseite als Ebook auf seinen Reader laden.]

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