Aber ein Traum …

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Mitleid mit dem Teufel

Am Wochenende war es wieder soweit: An Michaeli wurde in Augsburg nicht nur die Dult eröffnet – ein Straßenmarkt, der  bei gutem Wetter besser besucht ist als die Samaria-Schlucht auf Kreta oder der Markusplatz in Venedig -, sondern auch das blonde, edle Turamichele (1) durfte wieder ran und – von seinem Podest hoch über dem mit Jahrmarktsbuden gefüllten Rathausplatz herab – von hunderten von Kindern umjubelt, auf den armen, hässlichen Teufel einstechen. Ich kam am Sonntag, einem strahlenden Herbsttag, der noch ein wenig Sommersüße in sich trug, zum ersten Mal seit mindestens zwanzig Jahren in den doch recht zweifelhaften Genuss dieser Aufführung.

Dabei fiel mir ein, dass ich vor vielen Jahren dem Augsburger Künstler, Bildhauer und Architekten Claus M. Scheele (2) geholfen habe, einen Zyklus mit Bildern und dazu passenden Texten einzurichten, sodass der damals entstandene Text durchaus auch meine Handschrift trägt. Es ist sein „Augsburg-Zyklus oder die Türme des Elias“. In ihm geht Scheele auch auf diesen merkwürdigen, barbarischen Brauch ein, der an blutige Gladiatorenkämpfe und an unseren rassistischen Umgang mit jenen, die anders sind, erinnert. Das Turamichele ist ihm dabei ein Symbol für Intoleranz und Ausgrenzung. Besser hätte ich es auch nicht sagen können. Und nach den Ereignissen der letzten Zeit ist der Text von Claus wirklich prophetisch:

6. Die Türme des Elias und das Religiöse

Geduldig wartend, träumerisch angstvoll, verharren zuschauende Menschen an der Basis meiner frauenunterhosenfarbenen Leistengestalt. Seit quälend langer geschichtlicher Zeit sind sie als willige Goldesel für jene Saugenden eingeübt, die vorgeben, Einfluß auf das zu haben, was nach dem körperlichen Ableben kommen könnte. So quellen generationenlang mittelalterliche Geschichten von Gut und Böse aus ihnen heraus; unerkanntes Vexierbild des launigen Lebens, jene Sage vom monströsen Bösen und dem schwebenden Guten. Immer wieder getroffene und gebrochene Vereinbarungen unter der räuberischen menschlichen Gattung bringen es nicht ans Licht, Gut und Böse als eine ausschließlich gefühlsmäßige, der Rasse zuzuordnende Empfindung zu verstehen.

Zu Michaeli werden lernbegierige Kinder herbei geführt, um ihnen das ausweglose Puppenspiel des blumenumkränzten Turamichele zu zeigen. Das Fenster in langhalsiger Höhe springt auf, zwei humanoide Figuren schieben sich in das unverstellte Blickfeld. Eine lichte, federflüglige Gestalt von idealem Äußeren steht hochaufgerichtet über einem häßlichen, sich windenden, mit dunkler Haut geflügelten, wehrlosen Körper und sticht mit einer ehernen Lanze erbarmungslos auf sein unbewaffnetes Opfer ein. Die johlende, grausam mitzählende Kindermenge begleitet anfeuernd zu Füßen des hölzernen Figurenspiels die Attacken. Jeder verhängnisvolle Stich ist ein gelungener Aufruf zur hoffnungslosen Intoleranz

ein blutiger Stoß dem anders Aussehenden,
dem anders Sprechenden,
und der letzte Stoß
dem anders Denkenden.

Jeder Stoß ist ein Stich ins offene Herz der geliebten Demokratie.
Jeder Stich bringt uns näher der Wiedergeburt des uniformen Goldesels.

[…]

 

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(1) Turamichele, auch „Tower-Mike“ oder preußisch „Turm-Michael“ genannt, ist eine Glockenspiel-Figur im altehrwürdigen Augsburger Perlachturm, die an Michaeli unter dem Beifall und dem Mitzählen von Kindern zum Rhythmus der Glockenschläge bis zu zwölfmal auf Luzifer einsticht. Offenbar ist das Uhrwerk der 70 Jahre alten Figur inzwischen etwas aus dem Takt geraten, denn der Teufel zappelt schon, bevor der Erzengel ihn mit seiner Lanze trifft. Das ursprüngliche Figuren-Ensemble aus dem 16. Jhd. wurde im 2. Weltkrieg zerstört und die Aufführung war tatsächlich mal kurz „im Sinne der Aufklärung“ zwischen 1806 und 1822 verboten. Die Augsbürger und vor allem ihr Nachwuchs lieben ihr Turamichele und auch ich habe ihm als Kindbegeistert zugejubelt und anschließend einen Luftballon in den Himmel steigen lassen.

(2) Ja, das M. (für Mittelinitial) habe ich bei Claus geklaut; ich gebe es zu. Die Homepage von Claus Scheele mit vielen Fotos von seinen Werken und Kunstaktionen ist absolut sehenswert und sei hier noch einmal extra empfohlen. http://www.bildhauer-scheele.de/scheele_vita.htm

Einfach weitermachen…

Hm.

Anscheinend ist tatsächlich keiner da draußen. Ich habe letzte Woche eine Umfrage gestartet, aber kein Besucher meiner Seite hielt es für nötig, an ihr teilzunehmen. Dabei hätte ein Mausklick genügt.

Egal. Dann mache ich eben so weiter wie bisher. Ich verschenke mich …

Am Wochenende starte ich mit der Veröffentlichung meines Kriminalromans

Das goldene Kalb.

Er gehört zwar zum „Jahrmarkt in der Stadt„-Zyklus, kann aber problemlos gelesen werden, wenn man die anderen Teile nicht kennt. Bei diesem „Augsburgkrimi“ habe ich mich auch endlich dazu entschieden, die durchschaubare Anonymität der Stadt aufzugeben, in der die Erzählungen spielen. „Das goldene Kalb“ spielt in Augsburg und Umgebung und alle Orte der Handlung werden mit ihren echten Namen genannt.

Ein paar Worte zum sog. „Heimatkrimi“: Mein Freund, der geniale Augsburger Künstler und Bildhauer Claus Scheele, hatte Anfang der 90er Jahre die Idee zu dieser Art von Genreliteratur, die heutzutage so erfolgreich den Buchmarkt überschwemmt. Inzwischen gibt es kaum einen deutschen Weiler, in dem nicht ein kauziger Ermittler Mörder und Verbrecher jagt. Es gibt Verlage, die leben nur von dieser Art von Büchern. Und das offenbar nicht schlecht.

Vor 25 Jahren war das jedoch noch absolutes Neuland, das Claus, der immer Avantgarde und seiner Zeit voraus ist, mit mir als Autor gemeinsam betrat. Unser Projekt „Augschburg-Krimi“ entwickelte sich gut. Wir konnten den Herausgeber eines Augsburg-Journals  dafür interessieren und ich schrieb die ersten Entwürfe zu einer wüsten Kriminalgeschichte, in der die ASO, die Augsburger Separatistenorganisation, die die Stadt wieder zur freien Reichsstadt machen will, Anschläge und Mordtaten begeht.* Es sollten mehr oder minder bekannte Augsburger erscheinen, vermischt mit Lokalnachrichten, Tourismusempfehlungen, Werbung, Tipps für das Nachtleben und viel Helmut Haller und Roy Black.

Wie so viele der Projekte, in die ich massenhaft Arbeit und Zeit gesteckt habe, scheiterte das Ganze in einem weit fortgeschrittenen Status, praktisch kurz vor der Ziellinie. Die erste der Geschichten, Ideenskizzen, Entwürfe und Exposés waren geschrieben, Verträge vorbereitet, Kontakte mit Wirtschaft und Politik geknüpft, da sprang unser Geldgeber ab. Ende der Sache. Much ado about nothing.

Unser überaus fleißiger Heimatjournalist, Punkmusiker, Blogger, Verleger und Hans-Dampf-in-allen-Gassen Arno Löb „nahm“ kurze Zeit später die Idee auf und begann unter dem Pseudonym Peter Garski seine eigene Reihe von Augsburg-Krimis zu veröffentlichen. Honi soit qui mal y pense.

Wie gesagt, das ist lange her. Ein Ergebnis dieses missglückten Projekts ist „Das goldene Kalb“, ein Kriminalroman um Verlierer und Gewinner, Betrüger und Betrogene, Liebe, einen chamäleonhaften Mörder und um das ganz große Geld.

Ich wünsche meinen wenigen Lesern viel Spaß.

titelblatt-Kalb

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* Der erste Roman der Reihe spielt 1994 und schlummert in Frieden im Aktenschrank im Keller. Vielleicht sollte ich die Grabesruhe meines Archivs stören und ihn mal wieder herauskramen …

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