Aber ein Traum …

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Silber – Eine Kurzgeschichte

Silber, das ist ja Silber. ein raum zeit zu gehen da wohnt noch keiner Ein Monolog über mich. ein raum zeit zu gehen da wohnt doch einer Zwei, die gemeinsam reden, müde Stimmen. da hat Mehr wäre Lüge, oder vielleicht auch nur hör doch da drüben die stimme lass doch ein Spiel? nicht wahr Auch Wirklichkeit ist Schweigen. da drüben nein da ist alles anders Ich muss es sagen. Die Räume warst hast sind gewohnt. Auch die Gestalt. Wie immer. hat Leerlauf. Leergang oder Mühen: da drüben nein da ist alles anders Es lohnt sich nicht. nein da möchte ich nicht einmal sterben Alles gewohnt, nichts Neues und doch: du fragst mich Ich bin nahe am Schweigen, nach überdecke mit Worten: lösungen fragst du Das ist Silber. du

Ich hab mir den Bart mit einer Haushaltsschere gestutzt. Es war nichts anderes greifbar. Wo ist eigentlich… egal; zögernd überm Waschbecken, dem Alibert zugeneigt, wie immer. Mir selbst entgegen lächelnd. Aber: Werde ich dick? Mein Gesicht war schon schmaler. Vergeistigter. Es ist wie aufgebläht von Wohlleben und Kapitalismus, die Zornfalte ist doch nur noch ein umhegtes Steckenpferd. Jeder verhätschelt was, ein Haustier, eine Frau, so in der Art. Jeder das seine, ich weiß nicht. Ich habe meine Neurosen. Die sind gar nicht so pflegeleicht. Wenn man sie gewohnt ist, wird man Bürger. So wie mein Bruder, der sitzt in seiner teuren Wohnung mit Frau und Kindern. Das ist schon lächerlich bei dem. Rackert sich einen ab, hat sogar geheiratet. Muss man sich mal vorstellen, nein.

Die Schere war klebrig und stumpf. Jeder Schnitt war schwerer als der vorherige. Die Haare blieben wie Schamkräusel am Pissbecken hängen. Dann habe ich einen Pickel entsorgt. Ein Riesending an der Nase, richtig unappetitlich. Da hilft nur noch ausdrücken.

Ich bin ein Feigling. Trau mich nicht ran. Komm, ein bisschen Schmerz. Dann ist alles vorbei, kaum der Rede wert. Wenn es blutet, mach ich aber alles noch schlimmer, das sieht dann eklig aus. Der Pickel wird sicher bluten. Der ist ein Bluter. Ich sehe das. Und ich habe eine Pflasterallergie. Also so kann ich doch nicht unter Leute.

Als Zwischenbemerkung, zur Situation: Sitzen die beiden Mädchen im Sommacal nach der Schule und lassen sich von einem Zuhälter beschwatzen. Ich bin feige und still, knabbere hingebungsvoll am Anisplätzchen zum Kaffee. Draußen auf der Maxstraße holpert ein Bundeswehrlaster vorbei. Ein paar Blicke. Die Bedienung stinkt wieder nach Schweiß. Ich schwänze eine Vorlesung. Eindrücke sammeln, nenne ich das. Das war gestern. Ich habe mir den Bart gestutzt, fingere an einem Pickel. Das ist heute. Morgen? Irgendwie ist gestern bereits morgen. Sitzt da ein Zuhälter mit zwei Schülerinnen im Sommacal und gafft einem kurzen Rock hinterher. Seine fetten Finger tätscheln. Ich nage an einem Keks. Zum Kaffee. Irgendwie ist das Morgen. Und das Wetter? Ja, das Wetter. Das ist dem Monat entsprechend, würde ich sagen. Bald ist Herbst.

Mir ist das zu kalt. Für jemanden, der Schals und Handschuhe mag, gut. Aber mir ist das zu kalt. Vielleicht kommt bald Föhn. Ich spürte zwar nichts, als ich den Pickel ausdrückte, aber mir war, als ob bald Föhn wäre.

Da spritzt der Eiter, klatscht gegen den Spiegel. Und bluten tut es auch. Ich habe es gewusst.

Ich hatte ein Taschentuch in Reichweite. Ich bin ein vorsorgender Mensch. Presste es an die Nase, sah zur Uhr. Noch Zeit. Ein Rätsel will ich sein. Mir und den anderen. Um mich hinter dem Ohr kratzen. Jetzt. Ich habe dort einen grünen Streifen. Ja, hinter dem Ohr bin ich grün. Ha, ha. Das Brillengestell reagiert dort mit meinem Schweiß und oxidiert Grünspan. Nimmt das die Haut auf? Kann man davon Krebs bekommen? Oder eine Bleivergiftung?

Ich möchte mal wieder das Testbildpfeifen in der Glotze hören, gibt es das eigentlich noch? Bei der Rundumversorgung? Früher habe ich am Piepston erkannt, welcher Sender gerade „Nichts“ sendete. Ich habe das geübt. Ich wollte damit in „Wetten das?“ auftreten.

Oder ich zähle meine Bücher. sechstausendsiebenhundertneunundreißig, alphabetisch sortiert von Achternbusch, Herbert bis Zweig, Stefan. Und alles, was es dazwischen gibt. Die achtundertzweiundachzig im Arbeitszimmer nicht mitgerechnet.

Wenn nichts mehr hilft, räume ich die Wohnung auf. Therapie. Das sagte ich schon. Soll mich ablenken und be-chef-tigen. Sie beschützt mich.

Anders gesagt: Zwar habe ich noch ein paar Fragen, aber ich suche keine Antworten mehr. Ich bin nicht mehr so verbissen. Das sind noch die gleichen, selbstverständlich, aber sie sind, wie soll ich sagen, wichtiger? Nein, das ist nicht wahr. Existenzieller? Ja, wahrscheinlich. Aber ein Fremdwort macht nicht immer alles gut.

Also, wo war ich? Ich fange noch einmal an: Es sind die gleichen Fragen wie früher, aber sie sind existenzieller geworden. So in etwa. Gut.

Aber wenn ich es mir überlege. Existentiell?

Ich hab’s. Ich bin den Antworten nicht näher gekommen, aber sie sind nicht mehr ein dominierender Bestandteil meines Lebens. Dominierend dominant. Existentiell dominant. Dominierende Existenz. Schön. Wüsste ich keine Fremdwörter, würde ich welche erfinden. Exdoministenz. Das.

Das ist ein geschickter Themenwechsel. Er funktioniert. Der Selbstschutz. Ich bewundere mich. Ich kenne niemanden, der so viel Eleganz entwickelt, wenn er unbequemen Gedanken ausweicht. Es blutete auch nicht mehr. Die Stelle war gut verschorft und ich bemühte mich, nicht an ihr zu kratzen. Ich konnte mit der Herstellung meines Gesichtes fortfahren. Haare mussten gewaschen werden. Nägel geschnitten. Körperlotion, Toilettenwasser. Heute Abend würde ich perfekt sein. Das hatte ich im Gefühl. Ich war bereits jetzt in der Stimmung.

Kiening

Das habe ich mir letzten Samstag auch eingebildet. Letzten Samstag bekam ich einen Feind. Ich stand gut auf und war fit. Es kam ein Brief, der deutlich war; diese Art von Briefen, die auf dem Umschlag schon das Unglück verraten, das in ihnen steckt. Seitdem weiß ich nicht, wo ich beginnen soll. Klammere ich mich an der Zeit fest. Ich versuche auszuharren. Aber alles entgleitet mir. War diese Woche schon? Eine Woche. Sie ist mit einem Augenaufschlag abgetan. Und doch, mal ehrlich, seit dem Tag fühle ich mich im Auge eines Sturms. Die Zeit ruht. Nein, sie ist nur bewegungslos. Sie lügt.

Ja. Sie ist mein Feind.

Lüge, lüge, Lügner. keine sorge nur ein kurzes Inzwischen ist es ja deutlich. Mal wieder nur das gewohnte Bild, nichts Neues. Auch die Worte sind nur Reminiszenz. Aber sie sind wieder ehrlich und ernst gemeint. nein nicht einmal gestorben will ich will so bin ich ein paar sätze machen noch das alles du Hör auf. Muss ich das denn immer wieder sagen? Sei duldsam. Warte auf den Schluss. Auch wenn du dich langweilst. Deine Empfindung ist nur eine Varianz, eine geringfügige Abweichung von der Norm. Die Empirie gibt mir Recht. leben heißt dort lebendig begraben nicht mit mir ich steh auf verfolgte der erde nicht mit mir ich bin keine antwort ich bin ein programm.

Ich stehe also vor dem Nichts. Und das ist wahr, obwohl es wie eine Lüge klingt. Bei Aphorismen lüge ich immer. Weil der Kreter weiß: Die Generalisation ist die Mutter aller Lügen. Ja, sehr wahr. Jeder Philosoph kennt diesen Satz. Nichts. Was ist das? Ich stehe davor. Wovor? Stehe ich? Vielleicht sitze ich doch auch. Ich. Wer ist denn das?

Das ist ausgesprochen kasuistisch. Ich werde immer spitzfindig, wenn ich Zeit habe und langsam ins Sommacal schlendere. Ich weiß nicht, das liegt an den Menschen um mich herum, an der Umgebungskaries, klar: Was weiß ich, Stimmung eben, Über-all-einstimmung. Und dazu ich selbst. Frisch den Bart gestutzt, Haare gewaschen, überhaupt: Gewaschen und gut riechend. In zu enger Kleidung.

Ich werde doch wirklich zu dick.

So elegant, wie es mir möglich ist. Und jetzt bin ich auch noch Kasuist. Die Zornfalte ist tief gefurcht. Mein Kainsmal. Ein Herr-Mann mit inneren Narben. Hessingway. Der schmerzlich-grame Ausdruck um die Augen. Dieses: Welt, ich weine. Welt, ich fluche. Genau so gehe ich den Weg zur Verabredung. Der nachdrückliche Schritt des Helden an einem ganz normalen Abend im Herbst.

Nein, seit Tagen.

Seit Samstagen stehe ich vor dem Nichts. Ich bin am Ende. Es wird mir von Tag zu Tag bewusster. Obwohl ich mich mühe, die Schmerzen zu unterdrücken.

Psychosomagenschmerzen.

Die werden immer stärker. Da, an der Seite, nicht so weit rechts. Dort ist der Punkt. Da, ja. Ich denke, ich habe sie schon länger, nicht erst seit voriger Woche. Ich bin mir sicher. Sie sind schon seit Monaten da, eingeschlossen in Haut und Fleisch – auf unauffällige Weise präsent. Aber deutlich spüre ich sie erst seit einer Woche. Der Brief war wie ein Schalter. Jetzt kann ich die Schmerzen richtig einordnen. Ich glaube, ihre Dimension ist jetzt eine andere, sie strahlen. Und so gesehen gehören sie doch zu meiner gegenwärtigen Situation, sie sind ein Teil von mir. Es kann natürlich auch der Föhn sein. So ein Föhn, der ist doch was. Wenn er kommt.

Eine glänzende Ausrede zumindest. Und jetzt.

Jetzt bleibe ich an einer Auslage stehen, verharre, ich würde sagen, unschlüssig. Ich achte nicht auf den Inhalt des Fensters, ich suche meine Magenschmerzen. Aber ein Es-Teil meines Gehirns muss sich doch für das Dargebotene interessiert haben. Ich starre seit geraumer Zeit in das Schaufenster eines Miederwarengeschäfts, auf Negliges, Satin, Strapse, verpackte Fleischwaren, gemeinsam mit Dekoflitter-flatter appetitlich (Arno Schmidt hätte jetzt „appe-titt-lich“ geschrieben) dargeboten. Ich werfe vorsichtige Blicke zu den Seiten, dann schlendere ich betont gleichgültig weiter.

Ich bin bestimmt rot im Gesicht. Das kommt von der abendlichen Kälte, dem Bier, der frohen Erwartung. Ich verkünde euch eine große Freude.

Kaum. Aber meine Probleme sind mal wieder weit weg. Ich betrachte aufmerksam die Leute. Der hat die gleiche Hose wie ich. Mir steht sie besser. Bei dem schlottert sie, wirft Falten, außerdem ist meine sauberer. Das liegt am Waschmittel. Sie ist sondern rein.

Vielleicht noch einmal zur Situation: Gestern Abend: Fernsehen. Die Augen habe ich in die Glotze gesteckt, ganz nah am Flimmern, bis sich die Gesichter fast in Farbpunkte auflösen. Pointillismus. Bis zum Einschlafen; irgendein Debattierclub, in Ledersessel versunkene Freitaxabendreden. Den Bartwuchs der Wichtigtuer beobachten, selten das Thema gedankenverloren streifend: Damals, ja, da war ich noch. Ich könnte meinen mal wieder stutzen. Heute: Stimmungsvolles glöckchenhelles Schlendern in der Dämmerung. Erfolgshoffnung. Unterstützung der Kondomindustrie.

Bin ich unmoralisch?

Wer vor dem Nichts steht, kann nicht unmoralisch sein. Und morgen, das hatten wir schon. Das ist irgendwie gestern. Also Fernsehen, vielleicht diskutieren sie noch immer. Nur: Morgen ist eine Woche vorbei. So weit, so gut. Andere Gedanken sind stärker, relativieren vieles. Einen anderen Weg gibt es immer. Dieses Nichts ist zu endgültig. Es klingt gelogen wie die Liebe in einer Fernsehserie, talmiglänzende christliche Erbarmherzigkeit.

Zusammengefasst: Ich habe die Lage wohl richtig erkannt, mit „Nichts“ treffend genau beschrieben. Aber realisieren, „Nichts“ Sein lassen, ist mir nicht möglich. Meine Gedanken machen mich nicht schlauer.

Sie machen mich traurig. Eine Woche. Irgendwie ist das Morgen. Irgendwie ist das das „Nichts“. Suizid? Fremdwörter. Selbstmord. Mord.

Ich gehe durch die Nacht. Es ist nun Nacht. Jetzt habe ich meinen Schritt beschleunigte Lichter blenden mir ins Gesicht. Geräusche der Kälte sind um mich. Sie dringen durch den Schal, der mich nicht wärmt. Trauer tragen die Häuser. Eine skurrile Zeit ist das: Dezember. Zeit zwischen den Zeiten. Bewegungslosigzeit zwischen einem Lokal und Daheim, zwischen Frau und Frau. Unterwegs zum Nichts. Heute ist der Tag, an dem ich mit dem Suizid kokettiere.

Ja. Die Fremdwörter.

Was soll ich sagen. Narzissmus. Ein paar Worte vielleicht zu diesem Thema. Vergiss nicht, alles schon gehabt. Diesmal ist es etwas deutlicher und weniger Weihrauch. Aber trotzdem eine Wiederholung. Die zur Seite ins Unwesentliche gerutschte Vaterfigur, Dominanz der Mutter. delegation legende familie hausmachertherapie Hilft da nur für kurze Zeit die Kunst. Nimm doch die Romantiker, da wird es auf jeder Seite, die du liest, deutlicher. Die sind fast zu typisch. Der Doppelgänger, wo kommt der her? Narziss, Ödipus. Und dann, natürlich: Ich bin die Wonne der Welt, die meinen Neidern die Freude vergällt. Wie gut, dass einem jeden nur sein eigener Zustand behagen muss. Und die Moral, wo bleibt die Moral? das positive ja ein gespenst in seiner weiteren entwicklung hast hat sich verlaufen der katzenjammer die ärmsten da will ich nicht einmal begraben willl ich will bin ja pfahl bin ja spieß bin ja produziere meine eigenen totengräber ja du Der Untergang der Moral und der Sieg des Narzissmus sind gleich unvermeidlich. Vielleicht hilft da nur noch der Glaube: Es macht den Wert und das Glück des Lebens aus, in etwas Größeres aufzugehen, als man selbst ist. Heute ist euch der Retter geboren. lachhaft das ist ja da möcht ich nicht mal sterben Ja, wir haben es doch erlebt, gehört, wie moderne Deutsche das „Gegrüßet seist du, Maria“ aufgaben und an seine Stelle „Heil Hitler“ setzten. Was also bleibt? ich liebe mich

Jeder Platz ist gewohnt, von mir be-sitzt. Weniger der im Schlauch zum Klo; am Besten ist doch ein Vierertisch von an der Fensterfront. Vielleicht nicht gerade bei der Tür. Da zieht es im Winter. Ich habe genau den richtigen Platz erwischt, war kein Problem. Es ist die Zeit. Wenn die Nachmittagskaffetrinker heimgehen, das Abendpublikum noch vergeblich einen Parkplatz auf der Maxstraße sucht. In einer halben Stunde, weiß ich, wird es nicht mehr möglich sein, noch einen einigermaßen brauchbaren Stuhl zu finden.

Ich habe ein Pils bestellt. Schmeckt heute anders und wärmt nicht. Aber der bittere Geschmack löscht am besten den Durst.

Ich bin königshöflich zu früh. Was musste ich auch vom Capitol aus rennen? Jetzt kommt die Lange weilende Zeit der Sammlung. Ich habe nicht einmal ein Buch dabei, das habe ich ganz vergessen. Es macht immer Eindruck, wenn man etwas Kluges liest, dann setzt sich auch keiner zu einem. Man will ja nicht stören. Sie nehmen einem höchstens die Stühle weg. Also werde ich ernst und tiefsinnend warten, den Zeigefinger auf den Mund gelegt. Die Augen weit geöffnet, die Backen eingezogen. Das macht mich gleich etwas dünner. Penetrierend auf der Suche nach Augenkontakt. So wirke ich. Interessant vergeht doch die Zeit am schnellsten. Ich beobachte. Ich höre. Ich rieche. Warum muss ich eigentlich immer an einem Tisch sitzen, für den diese Landschweißpomeranze zuständig ist?

Da fällt mir Rudi ein. Den hasst sie, weil er einmal ohne zu zahlen das Lokal verlassen wollte; aus Schussligkeit, so ist er eben. Fertigte sie dann auch noch von oben herab ab. Abfertigte sie dann von oben her ab. Ab.

Nun, er kann noch viel arroganter sein als ich. Jetzt ist er ihr persönlicher Zechpreller. Das hat sie auch den anderen Bedienungen der Kellnerinnenmafia deutlich gemacht. Rudi sitzt nun unter liebevoll aufmerksamer Bewachung im Sommacal und einigen anderen Lokalen. Wenn er auf’s Klo geht. Egal. Und ihre Abneigung gegen ihn kriege ich auch zu spüren. Sie behandelt mich mit ausgesuchter, zuvorkommender Unfreundlichkeit. Wieder eine blöde Sache, die ich Rudi zu verdanken habe. Ich hoffe, ihm fällt nicht ein, heute ins Sommacal zu gehen.

Gestern haben die Unrasierten im Fernsehen über Narzissmus als psychische Krankheit geredet. Nach einer Stunde Worte um die Ohren, links und rechts, war ich überzeugt, dass Rudi und ich, nein, dass ich und Rudi, das heißt, dass eigentlich nur ich ein klassisch zu nennender Vertreter dieser Neurotikergruppe bin. Und ein Satz mit dreimal dass, das ist doch was. Na, dann auf mich: Prost.

Wenn ich so sitze. Ja, dann geht es mir gut. Viel zu gut. Und morgen ist mal wieder erst in einem Jahr. In einem Jahr. Unsinn! Morgen. Eine Farce ist das, butterweich gerührt, nur ein Geschmack. Das Heute.

Diese bewegungslose Lüge der Ruhe ist mein wirklicher Feind, die Falle, falle, der ich Farfalle bolgnese. Doch unter der Oberfläche bewegt die Unruh mein Uhrwerk. Tick, tack. Mein rechtes Augenlid ist wieder in regelmäßigen Abständen von hek-tic-schem Zittern befallen. Das hatte ich jetzt schon Jahre nicht mehr. Das letzte Mal in den Tagen vor dem Abitur.

Ausgedrückter Pickel und Magen schmerzen. So kann ich doch heute nicht mehr weiterleben. Jetzt ist es schon an der Zeit zu sterben. Die besten Heute hatte ich schon Gestern. Morgen kommt „Nichts“ mehr. Es kann nur noch schlechter werden. Träume, Tag für Tag. Schon wieder Suizid, werde ich doch manisch. Depressifremdwort. Nein. Kein Selbstmord. Was ich bräuchte, wäre anders. Dramatisch originell. Das bin ich mir schuldig. Vom einem Schulbus überrollt, an einem Staubsauerrohr erstickt, von einem Elefanten totgeschissen. Aber doch keine lange Krankheit, TBC, AIDS oder so. Krebs.

Oder ich heirate, arbeite, ziehe Kinder groß, werde der Bruder meines Bruders. Auch ein Selbstmord, wahrscheinlich der längste und quälendste. Aufhängen soll schnell gehen, wenn das Genick bricht. Sonst röchelt man noch drei Minuten und macht sich in die Hose. Alles ist besser als so weiter zu leben. Warum eigentlich?

Das hat man mir eingeredet. Meine Eltern waren so professionelle Einredner. Mein Vater. Und inzwischen habe ich keine Chance mehr. Ich kann mich kaum bewegen. Die Gitterstäbe meines Gefängnisses sind zwar kaum stärker als Strohhalme, aber ich habe einfach nicht mehr die Kraft, aufzustehen und sie einzureißen.

Lieber schließe ich die Augen und träume sie mir weg.

So lange bis alles zu Ende ist. Fehlt mir nur noch die Frau.

Und da kommt sie schon herein. Sie hat mir keinen Korb gegeben. Sie sieht mich nicht. Ich winke. Jetzt, sie lächelt. Vielleicht hat sie mich gar nicht mehr erkannt. Gerade gut sieht sie aus. Und ich bin heute in der richtigen Stimmung. Das merkt sie. Fangen wir mal an: Hallo, setz dich. Wie geht’s? Ich bin noch nicht lang hier. Ach. Ganz gut. Du siehst fantastisch aus. Ehrlich, ich bin hingerissen. Wenn ich nicht sitzen würde, würde ich umfallen. Ja.

Und so weiter und so weiter und so weiter. Das Wetter, ihre Ohrringe, was machst du an Weihnachten, meine künstlerischen Ambitionen, die Steuerreform. Die ganze Nummer. Atmosphäre. Und so weiter. Quod erat. Quod esset. Ach, das sage ich nur zu mir. Weißt du, ich bin mein bester Gesprächspartner. Da krieg ich immer die Antwort, die ich will. Ja, das Pils ist jetzt hier von einer anderen Brauerei. Ist immer noch besser als Hasen.

Und so weiter.

Ja.

Ja, genug Gerede. Es kommt nichts mehr außer Wiederholungen. Das war ein Resümee, ein euphemistischer Schwanengesang. Zum letzten Mal diese Figur und letzten Mal diese Nähe. Selbstgespräch, gelangweiltes. Das muss einmal ein Ende haben. Ich wollte was ich will das will ich nicht was ich bin das bin ich nicht was ich will das will ich nicht was ich bin das bin ich nicht Was ich wollte. Ich wollte einen Schlussstrich, etwas, mit Worten zugedeckt. Einlullen wollte ich mich. Und Wirk. Was? Ach, ja. Wirklichkeit. Ja. Na, auch Wirklichkeit. Ein wenig zumindest. Zu wenig, um zufrieden zu sein, zu viel, um es als Lüge abzutun. Also doch auch ein wenig Gold, denn geschwiegen wird viel. Verschwiegen die Hauptsache. was ich will das will ich nicht was ich bin das bin ich nicht was ich will das will ich nicht was ich bin das bin ich nicht Die fehlt im Bewusstmachungsprozess. Ich hatte nicht die Möglichkeit, mich mit ihr zu konfrontieren. Dazu war ich zu schwach, da habe ich Silber geredet.

Doch ich bin nahe am Schweigen. So nah war ich noch nie. Ich überdecke es nur noch mit Worten.

was ich will du fragst nach lösungen nach lösungen fragst du mich

Das Zeichen des Lebens (2. Brief)

2. Brief: 12. Mai

Liebe Christine,

habe ich dir schon erzählt, was mir letztens im Café passiert ist? Du weißt ja, einmal in der Woche habe ich ‚Ausgang‘. Der Weißkittel hat dafür ein klangvolles und elegantes Fremdwort mit der Vorsilbe: ‚Re-‚, aber ich habe es wieder einmal vergessen. Es ist seltsam, mein Gedächtnis lässt mich sonst nicht im Stich, aber ausgerechnet bei diesem Wort ist in meinem Kopf eine Sperre, ein Türsteher, der sagt: ‚Du kommst da nicht rein!‘ Ich kann und kann mir das Wort nicht merken. Ich habe es erst kürzlich auf einen Zettel geschrieben – gleich nach einem Gespräch mit dem Weißkittel – und es mir dann selbst einen ganzen Vormittag vorgeflüstert, immer wieder auf’s Neue. Ich habe versucht, seinem Klang nachzuspüren, seine Stimmung zu verstehen, denn auf eine seltsame Weise bedeutet mir dieses Wort etwas, hat es eine dunkelgrüne, nach Salbei riechende Synästhesie. Aber bereits nach dem Mittagessen war es mir wieder entfallen.

Egal. Auf jeden Fall durfte ich raus – mitten unter der Woche und mit einem Zwanzig-Euro-Schein bewaffnet. Mehr wollte mir der Weißkittel nicht zugestehen, obwohl ich ihn darum gebeten habe. Ich wollte doch ein Weihnachtsgeschenk für den Jungen kaufen; es ist doch bald Weihnachten? Ich habe mir in der kleinen Stadt ein Café gesucht. Hier oben gibt es nicht so viele und die meisten sind von den Touristen und Kurgängern überlaufen. Aus einem haben sie mich auch schnell wieder hinaus komplimentiert. Sie müssen mir angesehen haben, wo ich herkomme. Vielleicht liegt es auch nicht an meiner Kleidung, die mich verrät – ich bin als einziger den winterlichen Temperaturen angemessen angezogen –  sondern an meinem Geruch. Denn die Bedienung hat die Nase gerümpft, als sie mich mit großen Gesten zur Tür hinaus drängte. Das muss an der Wäscherei liegen, mein Anzug riecht immer etwas – wie soll ich sagen: säuerlich? – Nein, anders. Aber, nun, durch diesen Geruch kann man uns von den anderen unterscheiden. Manchmal glaube ich, sie mischen uns absichtlich einen Geruchsstoff ins Waschmittel, das „Achtung, Irre!“ bedeutet.

Aber schließlich habe ich dann doch noch ein Café gefunden, in das ich passte. Es war gerade richtig möbliert, dunkel, mit in der Höhe nach oben versetzten Stühlen und Tischen; gerade an der Grenze zwischen Geschmack und Kitsch in der Ausstattung. Die Bilder an der Wand hätte man tatsächlich als Kunst bezeichnen können, ohne ausgelacht zu werden. Ich meine freilich, so weit ich etwas davon verstehe. Mir haben sie allerdings nicht gefallen. Sie waren recht aufdringlich und viel zu bunt und ich habe mich mit dem Rücken zu ihnen gesetzt. Das heißt, das ‚Sitzen‘ ist mir erst nach einer ganzen Weile gelungen. Ich spürte nämlich mal wieder dieses unangenehme, wie soll ich es nennen: ‚Gefühl?‘; eine Unregelmäßigkeit in der Wirbelsäule, einem Ziehen nicht unähnlich und dabei recht schmerzhaft, weshalb ich sehr aufrecht neben dem Stuhl stehen musste. Hast du ‚Die Buddenbrooks‘ gelesen? Selbstverständlich hast du das, schließlich bist du doch die Leserin von uns beiden. Auf jeden Fall ergeht es mir da wie Christian Buddenbrook, wenn du dich erinnerst. Der hat das Gefühl, auf der linken Seite seien seine Nerven zu kurz. Das ist sein sogenanntes ‚Leiden‘. Nur ist mein ‚Leiden‘ handfest und nicht wie beim Buddenbrook psychosomatisch. Erst als mich der Kellner misstrauisch musterte, gelang es mir, mich doch noch zu setzen. Aber das tat mir schon arg weh! Ich bestellte mir mit ruhiger Miene – nur nicht auffallen! – einen Schwarztee mit Zitrone, keinen Earl-Grey, nein, einen ganz normalen Tee mit einer Zitronenscheibe zum Ausdrücken. Du wirst dich jetzt bestimmt wundern, denn du weißt ja, dass ich Zitronen verabscheue. Ich hätte auch lieber etwas anderes getrunken, aber bevor mir das Richtige einfiel, hatte ich meine Bestellung schon abgegeben. Und weil ich mich beobachtet fühlte, drückte ich brav die saure Scheibe in den Tee und klärte ihn mit einem Löffel. Ich überzuckerte mein Getränk, damit es für mich halbwegs genießbar war. Und ich bemerke, wie ich dich und mich mit Nebensächlichkeiten aufhalte. Das ist ein alter Fehler von mir, aber – verstehe mich recht – ich will dich die Stimmung erleben lassen, die ich hatte, als der Mann sich neben mich setzte.

Es ist manchmal ganz seltsam. Es gibt Leute, die kannst du dein Leben lang betrachten, ohne sie wirklich zu sehen; ich meine, sie bewusst aufzunehmen. Zum Beispiel ist es mir unmöglich, mich des Aussehens oder nur der Haarfarbe der Pflegerin, die mir morgens mein Bett macht, zu erinnern. Da ist einfach ein leeres Loch in meinem Gedächtnis, wo eigentlich ihr Kopf sein sollte. Der Weißkittel hat auch dafür ein Fremdwort, das habe ich mir interessanterweise gemerkt, obwohl es viel schwieriger ist als das andere – ein richtiger Zungenbrecher: ‚Prosopagnosie‚. Sag das mal ohne zu Lachen fünfmal hintereinander! Aber das Gesicht des Mannes, der sich neben mich setzte, vergesse ich nie. Es hat sich in mir – wie soll ich sagen: ‚eingebrannt?‘. Egal, es ist da, hier im Zimmer. Es ist bei mir, während ich den Brief an dich schreibe. Ich kann es sehen und dir beschreiben, während ich auf die weiße Wand blicke. Er war jung, aber noch – nein, ich darf nicht die Vergangenheitsform benutzen. Ich rede ja nicht von einem Toten. Nein. Die Beschreibung von ihm muss anders sein – ungewöhnlich, wortreich, geschwätzig. Sie muss wie er selbst sein.

lebzeichen2

Was mir zuerst auffällt, sind seine Hände. Sie zittern. Nicht so, dass es offensichtlich ist, man muss schon genau hinsehen. Vielleicht liegt das an der Länge und an der Grazie seiner Finger, jenes Zittern, weißt du, wie besonders hohe Pappeln in einem Wind schwanken, den außer ihnen niemand zu spüren scheint. Meine eigenen Stummelfinger zittern nie. Ich weiß das, weil ich sie lange beobachtet habe; du glaubst gar nicht, zu was man hier oben im Winter alles Zeit findet. Vielleicht ist der Grund für sein Zittern aber auch, dass er ein starker Raucher ist: Die Fingerspitzen sind gelb vom Nikotin und er leidet unter Entzug, weil hier das Rauchen verboten ist. Dann sehe ich, sein rechter Zeigefinger ist angeknabbert und zwar nur dieser. Eine dünne, dunkelrot entzündete Schorfschicht zeigt, dass ihm nicht zufällig dieser Nagel abgebrochen ist, sondern er sich erst kürzlich betätigt hat. Die anderen Fingernägel sind normal lang, fein zugeschliffen und schön. Keiner der Nägel besitzt allerdings ein Bett, sie schieben sich aus einer klaffenden Lücke unter der Haut. Dieser eine, wie lepröse Nagel ist aber interessant: Auf der einen Seite kaut er nervös an den Fingern, zum anderen hat er die Konzentration und die Willensstärke, es ausschließlich am Zeigefinger zu tun. Er hat ein Buch hervorgezogen, kaum dass er neben mir saß, noch bevor er bestellte. Robert Musil: ‚Zögling Törleß‘. Er sollte lieber den ‚Mann ohne Eigenschaften‘ lesen. Der Kellner spricht ihn an, zweimal, bis er reagiert. Dann haucht eine Gottheit Leben in sein unfertiges Tongesicht, Augen sehen auf, ein Lächeln, das so zögernd kommt, als müsse er erst noch überlegen, wie das geht: zu lächeln, erscheint. Er ist in der Realität angekommen, hat sich die Maske ‚Mensch‘ aufgesetzt.

Er sagt: „Ich möchte, ich will … wissen Sie, jetzt bin ich ehrlich überrascht. Einen Augenblick.“ Unverbindliches, aber bereits leicht angesäuertes, mit den Augen rollendes Lächeln des Kellners. „Etwas besonders vielleicht, ja, einen Saft.“

Kellner: „Einen Orangensaft? Wir haben auch Apfel, Johannisbeere, Maracuja und Birnensaft.“

Er: „Einen Kirschsaft, bitte.“

Kellner: „Wir haben keinen Kirschsaft. Einen Johannisbeersaft vielleicht?“

Er: „Wie? Einen Kirschsaft bitte.“ Hört er schlecht oder – wie ich vermute – grundsätzlich nicht zu, wenn jemand mit ihm spricht?

Kellner (ungeduldig): „Sehen Sie selbst, hier auf der Karte: Orange, Apfel, Johannisbeere, Maracuja und Birne. Gerne auch als Schorle.“

Er: „So, ja. Dann … dann will ich bitte einen Kaffee.“

Kellner: „Eine Tasse oder …?

Er: „Ach, wissen Sie was:  Bringen Sie mir ein Pils.“

Er lächelt noch, als der Kellner sich achselzuckend abwendet, dann rutscht alles Prägende wieder von seinem Gesicht ab wie ein Tropfen von einer Öljacke. Er ist wieder ein hastiger Entwurf, den sein überarbeiteter Schöpfer unfertig zur Seite gelegt hat; schlägt sein Buch auf. Mich – auf dem Stuhl direkt neben ihm – hat er anscheinend noch nicht bemerkt, geschweige denn, als er sich zu mir setzte, gefragt, ob denn Platz sei. Ich sehe mich um. Es sind viele der Tische unbesetzt. Dann beobachte ich seine Kleidung. Er trägt ein tief ausgeschnittenes T-Shirt mit dem schreienden Logo einer Metal-Band, ein paar kärgliche Haare und der Hahnenkamm des Brustbeins sind zu sehen. Wen will er beeindrucken? Sonst: obligate Jeans, langweiliges kurzärmliges Hemd (und das im Dezember!), alles wirkt ein wenig schwul. Sein Haar, es ist kurz, fast militärisch, dunkelblond, leicht fettig und sehr dick. Er sieht kurz auf. Vielleicht ist ihm ein Geräusch zu Ohren gekommen. Er bemerkt, dass ich ihn beobachte und es scheint ihm nicht im Geringsten peinlich. Er lächelt wieder sein verlorenes Lächeln. Dann taucht er wieder in sein Buch, das Lächeln versteint. Er ist nicht einmal neugierig genug, noch einmal aufzusehen, um zu kontrollieren, ob ich ihn noch immer beobachte. Es zuckt in meinen Mundwinkeln, ihn jetzt anzusprechen. Wird er mir besser zuhören, als dem Kellner, der sehr umständlich und langsam vorne an der Theke das bestellte Pils ins Glas laufen lässt und damit noch einige Minuten beschäftigt ist. Ich fühle, da ist eine Seelenverwandtschaft mit dem jungen Kerl neben mir. Er trägt das Mal. Wie lange ist es her? Ich weiß es nicht – so lange. Da – mir gegenüber – ich könnte ihn berühren, sitzt ein Freund aus dem Osten von Eden, aus dem Lande Nod … und ich bin feige. ‚Sprich‘, feuere ich mich an, ’sage etwas, rede! Er wird dich beim ersten Wort erkennen, in seine Arme nehmen und es wird schön sein.‘

Jetzt legt sich ein Druck auf meine Augenlider; sie beginnen zu flackern. Ich spüre: Meine Hand ist feucht. Als ich vorsichtig mit den Fingern nachspüre, ist der Schweiß kalt. Er ist kalt und schmierig. Es ist trotzdem warm in dem Café, es ist allein die Stimmung, die sich verändert hat. Alles ist nun verschoben, alles wankt. Oder bin das etwa ich? Der Kellner sieht immer wieder zu uns: Versteh‘ – ich muss hier raus.

„Zahlen“, rufe ich. Der Kellner nickt, druckt meine Rechnung aus und legt den Papierstreifen auf das Tablett mit dem Pils, das er noch immer nicht fertig gezapft hat. Mein Nachbar sieht endlich wieder auf – er hat den Stimmungsumschwung selbstverständlich bemerkt. Er wendet den Kopf, zielt mit zusammen gekniffenen Augen auf mich. „Ich brauche dein Verständnis nicht. Ich kotze drauf. Ich möchte nur allein sein“, sage ich und wieder: „Zahlen!“.  Kain tut einen Moment so, als sei er erstaunt, aber er kann mich nicht mehr täuschen. Ich werfe ein paar nicht abgezählte Münzen auf den Tisch, rufe etwas – ich weiß nicht mehr, was – es ist nicht wichtig. Dann stemme ich mich gewaltsam in die Höhe. Der Schmerz in der Wirbelsäule ist wieder da. Ich habe ihn nicht überlisten können. Mein Rückgrat, Christian Buddenbrook, mein Leiden.

Ich gehe aufrecht nach draußen und verharre vor der Tür. Ich drehe mich um und sehe, wie mich die beiden drinnen durch die große, erblindete Glasscheibe begaffen. Freilich, sie merken, das etwas nicht mit mir stimmt. Vielleicht haben sie sogar Angst vor mir. Es wäre schön, wenn sie jetzt Angst vor mir hätten. Aber Kain ist ein guter Schauspieler. Ich habe Lust, ihnen die Zunge herauszustrecken.

Na ja, ich war also mal wieder in einem Café und es ist nicht ganz so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt habe. Vom restlichen Geld habe ich dem Jungen übrigens ein Lego-Auto gekauft. Du weißt schon, für Weihnachten. Glaubst du, ob er sich darüber freuen wird? Ich habe das kleine Modell zusammengebaut, das hat mir viel Spaß gemacht. Es steht vor mir auf dem Tisch, an dem ich diesen Brief geschrieben habe. Ich werde es dir schicken, nachdem ich mir Geschenkpapier besorgt habe.

-N.

PS Wie geht es dir so, Christine? Dein letzter Brief war seltsam. Mach dir doch bitte keine Sorgen. Man kümmert sich um mich. Mir geht es gut.

 

Die Ungeheuer und der Abgrund

»Um ein guter Literat zu werden, müsstest du lernen, die Menschen näher zu betrachten. Und nicht nur dich selbst.«

»Du denkst also, dass ich eine schlechte Beobachtungsgabe habe?« erwiderte ich beleidigt.

»In der Tat. Und ist es nicht mithin die wichtigste und zugleich dankbarste Übung für jeden Künstler, Menschen zu beobachten?« Obwohl Karl seine Feststellung als Frage formulierte, schien er keine Erwiderung von mir zu erwarten. Ohne dass ich es wollte oder noch verhindern konnte, entrutschte mir ein breites und überhebliches Lächeln. Endlich, dachte ich, weiß ich einmal etwas besser als er. Ich lehnte mich zurück.

»Die Menschen sind doch in unseren Tagen uninteressant geworden. Es gibt einfach zu viele. Und jeder sagt und tut immer wieder dasselbe, wie Millionen andere auch.« Karl nickte, als habe er diesen Einwand von mir erwartet.

»Ganz wie du es sagst. Du sollst recht haben«, entgegnete er und für einen Moment klang er, als würde er mit einem Kind reden. »Aber du und ich, wir sind ein Teil dieser Masse. Wir können ihr nicht entkommen. Wir können sie nur führen. Machmal beschleicht mich der Verdacht, dass das einzige originäre Empfinden, das sich in den letzten, sagen wir, zwanzig Jahren entwickelt hat, der Vojeurismus ist. Der neugierige Blick auf den anderen, selbst beobachten, ohne beobachtet zu werden, das ist doch spätestens seit er Einführung des Privatfernsehens und des Internets eine eingeübte, akzeptierte Verhaltensweise von uns allen. Es gibt nichts Interessanteres zu sehen, als die von der Norm abweichenden Handlungen und Emotionen der anderen. Bald wird es nur noch Fernsehsendungen darüber geben. Sonst haben wir doch bereits alles gesehen. Das Kameraauge war an jedem Punkt im Makro- oder Mikrokosmos. Wenn ich will, kann ich Innenaufnahmen von meinem eigenen Dünndarm machen lassen und als gerahmtes Bild über mein Bett hängen.« Er machte eine Pause, schürzte die Lippen. Ich hielt seine Ausführungen für etwas zusammenhanglos und wahrscheinlich empfand er ähnlich.

»Wir haben die Dinge unserer Umgebung und die Natur durch die fotomechanische Abbildung getötet, die Originale durch Kopien ersetzt«, fuhr er präzisierend fort, »nur durch die Begegnung mit Menschen, durch ihre Nutzung, treten sie für einen Moment ins Leben, sonst sind sie tot – tot und sterbenslangweilig.« Karl stockte und beugte sich nach vorn. »Nach so viel Theorie gebe ich dir einen Beweis. Schau doch mal zum Nebentisch.« Ich sah schnell zur Seite. Dort saß ein Mann in undefinierbarem Alter vor eine Tasse Kaffee. Er war erschreckend dünn und eingefallen. Sonst wirkte er auf den ersten Blick nicht weiter auffällig, einzig die grotesk dicken Brillengläser, die, etwas herabgezogen, schwer auf den Nasenflügeln lasteten, waren bemerkenswert. Er blickte stumpf auf die niedergerauchte Zigarette in seiner Rechten und schien völlig in Gedanken versunken.

»Der Mann ist gefahrlos zu beobachten«, erläuterte Karl leise. »Er besitzt das Gesichtsfeld eines Maulwurfs. Aber er hat gute Ohren.« Ich sah genauer hin. Auf den zweiten und dritten Blick war zu bemerken, dass die Sehbehinderung des Mannes nicht seine einzige Abnormität war. Er hatte einen nervösen Tic und hob immer wieder flatternd einen Nasenflügel. Und er hatte den Tragegurt einer großen Umhängetasche um den Hals, sie selbst ruhte auf seinen Knien. Die Tasche fiel mir erst jetzt auf, weil er, die Füße angezogen, mit krummem Rücken halb über ihr kauerte. Was sie auch immer enthielt, es schien ihm so wichtig zu sein, dass er es mit seinem Körper schützte. Für das momentane sommerliche Wetter war er viel zu warm gekleidet.

Die Bedienung trat neben ihn und drückte ihm einen kleinen Zettel mit seiner Rechnung in die Hand. Der Mann zuckte erschrocken zusammen, aus seiner Versunkenheit gerissen, befühlte er einen Augenblick zweifelnd das Papier, dann hob er es zu seinen Augen. Um die Zahlen entziffern zu können, musste er mit einer Hand die Brille in die Höhe schieben, mit der anderen den Zettel direkt gegen seine Augen drücken. Dabei wendete er sich halb gegen das Licht. Ich bemerkte, dass ich diesen extrem kurzsichtigen Mann wie eine ausgestellte Monstrosität begaffte und schämte mich plötzlich. Ich sah zur Seite. Doch Karl packte mich am Arm.

»Nein, schau jetzt!« zischte er. »Sieh hin.« Seine Stimme klang unangenehm und gierig. Obwohl ich mich vor mir selbst ekelte, warf ich noch einmal einen Blick hinüber zu dem nahezu blinden Mann, der nun in seine Umhängetasche gefasst hatte und zu meinem Erstaunen eine ganze Handvoll kleiner Münzen zu Tage förderte, die er ebenso genau einer Prüfung unterwarf wie vorher den Rechnungsbeleg. Ich schüttelte den Kopf.

»Armer Kerl«, sagte ich. Karl nickte.

»Findest du? Du hast Mitleid mit ihm? Dann lass dir sagen: Er war eine Zeitlang im Gefängnis, weil er ein Kind misshandelt hat. Jetzt bettelt er und handelt mit den Drogen, die er selbst konsumiert. Er trägt sie in seiner Tasche mit sich spazieren.« Wieder sah ich hinüber und betrachtete den Mann mit anderen Augen. Schnell war mein Mitleid in Ekel umgeschlagen. Er gab nur zögernd seine Geldstücke preis, hatte anscheinend Angst, er könne zuviel herausgeben.

»Ist das wahr?« flüsterte ich skeptisch. »Oder hast du dir das gerade ausgedacht?« Karl lächelte überheblich.

»Du musst lernen, die Menschen intensiver zu betrachten. Das, was du siehst, ist nur eine Hülle, eine Maske. Aber sie ist nie perfekt, immer ist etwas zu finden. Siehst du, wie er absichtlich zögert, wenn er sein Geld in die Hand der Bedienung legt? Er genießt dabei die Berührung seiner ekelhaften Finger mit der weichen Haut ihres Handballens. Auf seinem bauernschlauen Gesicht stehen deutlich seine Gier und der Stolz  geschrieben, dass sie seinen Trick nicht durchschaut.«

»Erzählst du mir wirklich die Wahrheit?« fragte ich erneut.

»Weißt du, warum so viele Menschen im Elend verhungern, in jedem Augenblick einer, und niemanden kümmert es? Warum es den Hilfsorganisationen auch mit den aufdringlichsten Appellen nicht gelingt, mehr Geld aus den fetten Brieftaschen der Leute zu locken, als es über die allernötigste Gewissensberuhigung hinausgeht? Wir sind das Land mit dem größten Privatvermögen auf der Welt. Ich will es dir sagen: Weil Armut und Elend immer schmutzig sind, offene Schwären und Fliegen in den Augen verhungernder und an entsetzlichen Krankheiten krepierender Kinder jeden anekeln. Das ist der Tod, Verwesung, Gestank und Exkremente, Lepra und die Pest, Eiter und Blut, damit will niemand etwas zu tun haben. Das will jeder vergessen, von sich schieben. Gut, dass Afrika und Asien so weit weg sind. Und die Alten und Kranken hier? Wir schließen sie in Heime und Verwahranstalten, sie stören das Straßenbild. Der Ausnahmezustand „Gesundheit“ ist der Götze, dem wir folgen. Deshalb ist uns der Bettler auf der Straße so peinlich. Seine Armut kotzt uns an. Wir wollen ihr nicht begegnen. Und das ist meine Aufgabe als Künstler: Ich muss die Menschen mit dem Verdrängten konfrontieren, ihnen zeigen, wie dünn die Hülle ist, die jeden von uns von Armut, Krankheit und Tod trennt. Wie leicht platzt dieser schöne Schein.«

»Wer mit Ungeheuern kämpft, der sehe zu, dass er nicht selber zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange genug in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich.« warf ich ohne weiteres Nachdenken ein.  Karl sah mir forschend in die Augen.

»Wer hat das gesagt?« fragte er betroffen.

»Nietzsche. Ich habe gerade was von ihm gelesen.« Für eine ganze Weile betrachteten wir uns nur. Offenbar hatte ich ihn wirklich überrascht. Ich sah dem Halbblinden hinterher, der tastend das Café verließ. Ich winkte nach der Bedienung

»Was willst du mir damit sagen? Bin ich denn für dich ein Ungeheuer?« hakte Karl nach, sich seine Maske mit dem freudlosen Lächeln überziehend. Ich zuckte mit den Achseln und bereute bereits mein spontanes Zitat, aber es gelang mir nicht, mich anders deutlich zu machen. Wie konnte ich mich ihm überhaupt verständlich machen? Da saß er mir gegenüber, wartete überlegen auf meine ihm selbstverständliche Zustimmung, da ja alles, was ich tat, gegen die Weltbedeutung seiner Berufung keinerlei von keinerlei Interesse war. Ich gehörte nur zur Masse, untalentiert und überflüssig, wie ich seiner Meinung nach sah. Ich durfte einem so wichtigen Mann wie ihm nicht im Wege stehen. Da hatte ich das Gefühl, als tauche in seinen Zügen ein kranker, größenwahnsinnige Messias auf.

Draußen vor der Tür stand dann der halbblinde Mann und hielt jedem Vorbeigehenden einen Zettel hin, auf dem er mit einer zittrigen Handschrift zu lesen war, ob man ihm nicht zwei Euro leihen könne. Und weil er nichts sah, verdeckte er mit dem Daumen beinahe den ganzen Satz.

aus: „Die Wahrheit über Jürgen“, Roman

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