Aber ein Traum …

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Mittwoch, 20.03.19

Mittwoch, 20.03.19 – Frühlingsanfang

Der Schrobenhauser Spargelhof „Lohner“ – eine Art saisonale Besatzungsmacht in Schwaben und im Allgäu – hat wieder sein himmelblaues Häuschen in Diedorf aufgestellt – im Volksmund auch kurz „Schpäusle“ genannt. Es muss also etwas dran sein an den Frühlingsgefühlen, die in meinem Unterleib rumoren. Wenn ich ein Lyriker wäre, würde ich jetzt irgendetwas über „süße, wohlbekannte Düfte“, „blaue Bänder“ und „Bienen“ und „Blumen“ reimen. Als Prosaautor sage ich nur: „Es wurde jetzt aber auch wirklich höchste Zeit …“, denn bisher fühlt sich dieser Frühling an wie ein umgekehrter Brexit – tausendmal angekündigt und immer wieder verschoben.

*

Damit ist es auch an der Zeit, das Kräuterbeet neu zu bepflanzen. Wie immer hat außer der Zitronenmelisse, dem Olivenkraut, dem Bärlauch und dem Schnittlauch nichts den Winter überlebt, nicht einmal die robuste Salbeipflanze und der eigentlich winterharte und mehrjährige Thymian – überall ist nur noch vertrocknetes, totes Geäst zu sehen. Auch nach Rosmarin – ihren Lieblingsduft – sucht Amy, die Katze, vergeblich. Der Estragon ist erstaunlicherweise auch wieder gekommen und streckt seine grünen Blattfinger der Sonne entgegen; er ist das Gewürz in meinem Garten, das ich am seltesten verwende, über das ich aber einen meiner ersten Blogartikel geschrieben habe, den ich hier kaum verändert noch einmal präsentiere. Denn es wäre schade, ihn einfach so verkommen zu lassen:

Estragon und ich

Französischer Estragon(Artemesia dracunculus)

Also war ich in der letzten Woche beim Gärtner meines Vertrauens, um mich mit dem Allernotwendigsten ein­zudecken. Dabei fiel mir auch eine zarte Pflanze in die Hände, die ich nur wegen ihres Namens erwarb: Estra­gon. Als Literat kann ich daran nicht vorbei.

Ich hatte keine Ahnung, wie die Triebe und lanzen­förmigen Blätter des Korbblütlers schmecken (anisartig, ein Wermutgewächs), wie groß er wird (ein Busch bis zu 150 cm hoch), noch dass es einen russischen (winterfest) und einen französischen Estragon (ich habe natürlich den, der keinen Frost verträgt) gibt oder dass dieses Ge­würz unverzichtbarer Bestandteil der Sauce béarnaise und der klassischen fran­zösischen Kräutermischung (fines herbes) ist, deren ge­trocknete Variante der Höhepunkt der Dekadenz in der Küche meiner Mutter war.

Im übrigen gilt Estragon als verdauungsfördernd und harntreibend, ergänzt also hervorragend den frischen Spargel, dessen Saison eben begann …

Wie man sieht – nach ein wenig Recherche bin ich nun schlauer und ich habe mich an mein erstes Gericht mit Estragon gewagt, einer Variante eines Kohlrabirezeptes, das ich in einem Kochbuch gefunden habe.

*

Grüner Spargel mit Orangen-Ziegenfrischkäse-Estra­gon-Sauce

für 1 Person (Frau Klammerle hat Spätdienst)
300 g grüner Spargel, das untere Drittel geschält, in schmale Scheiben geschnitten
20 g Erdnussöl
1 Schalotte, 1 Knoblauchzehe, fein gehackt
50 ml Weißwein, am Besten den, den man eh dazu trinkt
50 ml frisch gepresster Orangensaft
50 g Ziegenfrischkäse, (oder ein veganer Ersatz aus Mandelmasse), in 50 ml Schlagsahne (oder Kokosmilch) verrührt
1 EL frisch gehackter Estragon, 4 Blätter frisch ge­hackte Zitronenmelisse (die hat ja bei mir überlebt), Kerbel
abgeriebene Schale einer halben Zitrone
Chili, Salz, frisch gemörserter Pfeffer, Schnittlauch ge­hackt (als Deko)

Pflanzenöl in einer hochwandigen Pfanne zerlassen, Spargelstücke, Knoblauch und Schalotten etwa 3 min anschwitzen, dann mit Weißwein ablöschen und mit Orangensaft aufgießen. Das Ganze 5 – 7 min aufkochen lassen, bis der Spargel gar ist, aber noch Biss hat. Das Ziegenkäse-Schlagsahnegemisch oder die vegane Variante dazu gießen, Estragon, Chili und Zitronenabrieb darüber. Alles sämig aufkochen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken, mit Schnittlauch bestreuen und sofort servieren.

Dazu reichte ich mir Weißbrot und einen frisch-fruchtigen Côtes de Tongues, den ich auch zum Kochen verwendete.

Und das Resümee?

Nun, ich habe weder Talent zum Rezepte schreiben, noch zur Food-Fotografie (Es sah wirklich besser aus). Aber dies soll ja auch kein Kochbuch werden. Und, ja: Mir hat es geschmeckt. Estragon darf gerne die­sen Sommer im Kräuterbeet warten …

Ein Pilgergang zum Heiligen Berg (Alle Jahre wieder …)

andechs2

Einmal im Jahr hat jeder Bayer die staatsbürgerliche Pflicht, auf den Hl. Berg zu wallfahrten. Da der Ministerpräsident ihn schon im letzten Monat aufsuchte – wahrscheinlich aufgrund eines Bußgangs wegen der Affäre um die CSU-Nepoten – war es für mich heute ebenfalls an der Zeit, gen Andechs zu pilgern. Ich wählte den einzigen regenfreien, herrlich sonnigen Tag in dieser Woche. Man kann es mit der Buße nämlich auch übertreiben.

andechsEs führen viele Wege hinauf zu den bierbrauenden und zanksüchtigen Mönchen. Der Klassiker ist ein kurzer Aufstieg von Herrsching aus. Kommt man von Westen, kann man auch am Uttinger Bahnhof parken und vom nahen Landungssteg aus mit der Bayerischen Seeschifffahrtslinie übersetzen – mit einem wunderbaren Blick auf den Wetterstein. Zurück geht es dann durchs wildromantische Kiental. Aber bitte schön langsam und vorsichtig, denn der Weg führt dort stellenweise steil hinab und schon mancher hat beim Versuch, seiner prall gefüllten Blase am Wegesrand Erleichterung zu verschaffen, nicht nur sein Wasser, sondern auch sein Leben gelassen. (Ha! Was für ein Satz! Nehmt dies!)

Man kann als fußkranker Rentner oder lauffauler Oberbayer (vulgo: Münchner) auch bis zum Parkplatz unterhalb des Klosters fahren, aber das ist unsportlich und hat nicht den Segen der Kirche, deren Zwiebelturm noch oberhalb der Schwemme in den weiß-blauen Himmel deutet und mit dem Wallfahrtskloster aus dem 15. Jhd. ein durchaus sehenswertes Barockensemble bildet – wenn man denn auf den Bayerischen Barock, Votivtafeln und Schlangen vor den Toiletten steht.

Der schönste – und auch längste – Weg nach Andechs beginnt jedoch im Hof des sehenswerten Schlosses Seefeld am Pilsensee, in dem man auch baden kann. Das Schloss ist in Privatbesitz derer von Toerring (ja, genau, die brauen ebenfalls Bier) und kann nicht besichtigt werden, aber in den ehemaligen Stallungen und Wirtschaftsgebäuden haben sich einige nette Läden, Kunsthandwerker und ein Kino angesiedelt. Hinter dem Schloss beginnt ein gemütlicher, durchaus pittoresker (ha!) Wanderweg, der sich bis auf wenige Stellen ordentlich markiert Richtung Andechs schlängelt. Im Zweifelsfall hält man sich an diese unscheinbare Wandermarkierung:

andechs4Man läuft auf dem im Moment nach dem Dauerregen etwas matschigen Weg etwa 1 ¾ Stunden bis 2 Stunden (8 km) an schängelnden Bächen entlang, durch lichte Wälder und über Wiesen, hat zwischendurch einen schönen Blick auf den Ammersee und immer mal wieder kommt einem in der Ferne das Ziel vor Augen. Erst ganz kurz vor Andechs verliert sich plötzlich der Weg in einem Acker und man muss aufpassen, dass man bei den ausgedehnten Bärlauchfeldern den Ochsengraben verlässt und ihn auf der Seefelder Straße überquert. (Man kann auch kurz steil über den Tobel absteigen, auf der anderen Seite hinauf und kommt dann am Klostergarten vorbei zur Wallfahrtskirche hinauf.)

andechs3Dann hat man es aber auch nicht mehr weit – eine kurze Durststrecke einen schattenlosen, gekiesten Weg entlang und man steigt durch die Anlagen der Brauerei zur Schwemme empor, dabei ein paar Trödler überholend – und erreicht den wahren Himmel der Bayern: Den geschäftigen und lärmigen Andechser Biergarten, das Ziel der Wallfahrt. Jetzt holt man sich einen dunklen Doppelbock, eine Breze, einen Radi, einen Kas und einen Krautsalat (wenn man keine Brotzeit mitgebracht hat, denn in Bayerischen Biergärten darf man sein Essen selbst mitbringen) oder, wenn man kein Vegetarier ist und Lust hat, eine halbe Stunde an der Essensausgabe anzustehen, die klassische Schweinshaxe und feiert unter den großen Sonnenschirmen sein Leben und die Glückseligkeit, am Leben zu sein.

Der Weg zurück ist dann lang genug, dass man ein wenig ausnüchtert und im Schloss Seefeld wieder durstig und hungrig ankommt. Gut, dass es dort auch ein Bräustüberl mit einer für bayerische Verhältnisse großen fleischfreien Karte gibt …

 

*

Ergänzung 2014 Es ist mal wieder an der Zeit. Die göttliche Gnade ist aufgebraucht und ich brauche einen neuen Schub Heiligkeit. Deshalb werde ich heute auf den Hl. Berg pilgern (nein, ich meine nicht Tabor, Herr Heun, sondern Andechs) und mir im dortigen Biergarten bei Doppelbock und einer selbstmitgebrachten Brotzeit meine jährliche Ration an katholischer Labsal und Seelenfrieden abholen. Dann muss es aber auch wieder gut sein für die nächsten zwölf Monate. Der pittoreske (ha!) bayerische Barock ist wie der Genuss von Zuckerwatte: Die erste Portion ist zwar klebrig und knirscht zwischen den Zähnen, aber sie ist doch schön. Von der zweiten wird mir schlecht.

Diesmal werden Frau Klammerle und ich den Berg nicht wie im Vorjahr auf Schusters Rappen erklimmen, sondern einen Abschnitt des launigen Ammersee-Radrundwegs nehmen, von dem wir für diesen kurzen Umweg abweichen wollen.  Das sind knapp 30 km hügeliges Auf und Ab, leider nur selten am See entlang, da die Grundstücke direkt am Ufer den „Großkopferten“, Unternehmern und CSU’lern, gehören und das Vogelschutzgebiet im Schwemmland der Ammer einen größeren Umweg erfordert. Am Starnberger See ist es allerdings noch schlimmer, dort kommt man außer an den Badeanstalten überhaupt nicht ans Wasser. Der Ammersee, den die Augsbürger kürzlich in spontaner Begeisterung in „Schwäbisches Meer“ umgetauft und am 1. April auch auf den Straßenschildern umgeändert haben, als zum Ärger der oberbayerisch königstreuen Herrschinger ein neuer Dampfer der Seeschifffahrt auf den Namen der schönsten Stadt Bayerns getauft wurde, ist glücklicherweise besonders auf dem Westufer noch etwas normaler und bäuerlicher geblieben. Auf unserem Weg liegen z. B. Utting mit seinem schönen alten Strandbad und das „Künstler“-Dorf Dießen mit  berühmtem Töpfermarkt und üppig spätbarockem Augustiner-Chorherrenstift.

Ich wünsche meinen Freunden und Lesern einen wunderschönen sonnigen Freitag. Meiner wird bestimmt traumhaft.

Und so war es im letzten und auch im vorletzten Jahr und so wird es auch diesmal sein. Das Glück der Wiederholung:

Andechs

*

Ergänzung 2016 Aus aktuellem Anlass wieder nach oben geholt. Heute geht es mit der ganzen Familie auf den Hl.  Berg und wir starten wieder – siehe unten – am Pilsensee. Die Brotzeit ist schon in die Rucksäcke gepackt, die Wanderschuhe vom Dreck unserer Alpentour gereinigt und die kurzen Hosen, unter denen sich muskulöse, wohl definierte Waden der Sonne, den Mücken und den Zecken aussetzen, gewaschen. Ich trage dem Anlass angemessen ein weißblaues Hemd und werde diesmal auch keinen Krug klauen.

Aber ich  werde eine Kerze für diejenigen anzünden, die meine Texte lesen …

Ich gebe es zu: Ich bin süchtig; süchtig nach Wandern. Die letzten zwei Wochen haben mich wieder voll auf Droge gebracht und deshalb kann ich nicht mehr aufhören: Morgen werden Frau Klammerle, Sohn Nr. 1 (er hat gerade seinen Master in Biologie mit 1,3 gemacht) und meine Wenigkeit für ein paar hoffentlich sonnige Tage in den Bregenzerwald fahren und dort unsere Sucht ausleben. Nicht vergessen: Der Weg ist das Ziel!

Bis demnächst.

*

Ergänzung 2018 Falls es einen Himmel gibt und ich tatsächlich – was ich bezweifle – das unverdiente Glück habe, dort anzukommen, hoffe ich, dass es dort in Ewigkeit immer gleich bleibt; sich nichts ändert. Eine Vorschau auf dieses Paradies bietet der Fußweg von Schloss Seefeld nach Kloster Andechs, auf dem ich gestern mal wieder genusswanderte. Hier ändert sich niemals etwas. Auch wenn man ein Jahr mal auf die Wallfahrt verzichtet hat, kennt man doch jede knorrige Buche, alle in den Weg ragenden Wurzeln und jede Matschpfütze. Ich habe sogar das Gefühl, es sind sogar die gleichen Insekten und Vögel, denen ich auf den Wegen begegne. Menschen sieht man hier nur selten. Alles war wie immer und alles war schön. So soll das sein.

Herauszuheben ist unbeding noch die italienische Eisdiele, die auf dem Heimweg einen kleinen Abstecher nach Innig lohnt.

 

 

Ein Pilgergang zum Heiligen Berg (Rewind)

Ergänzung 2016 Aus aktuellem Anlass wieder nach oben geholt. Heute geht es mit der ganzen Familie auf den Hl.  Berg und wir starten wieder – siehe unten – am Pilsensee. Die Brotzeit ist schon in die Rucksäcke gepackt, die Wanderschuhe vom Dreck unserer Alpentour gereinigt und die kurzen Hosen, unter denen sich muskulöse, wohl definierte Waden der Sonne und den Mücken aussetzen gewaschen. Ich trage dem Anlass angemessen ein weißblaues Hemd und werde diesmal auch keinen Krug klauen.

Aber ich  werde eine Kerze für diejenigen anzünden, die meine Texte lesen …

Ich gebe es zu: Ich bin süchtig; süchtig nach Wandern. Die letzten zwei Wochen haben mich wieder voll auf Droge gebracht und deshalb kann ich nicht mehr aufhören: Morgen werden Frau Klammerle, Sohn Nr. 1 (er hat gerade seinen Master in Biologie mit 1,3 gemacht) und meine Wenigkeit für ein paar hoffentlich sonnige Tage in den Bregenzerwald fahren und dort unsere Sucht ausleben. Nicht vergessen: Der Weg ist das Ziel!

Bis demnächst.

Andechs

Ergänzung 2014 Es ist mal wieder an der Zeit. Die göttliche Gnade ist aufgebraucht und ich brauche einen neuen Schub Heiligkeit. Deshalb werde ich heute auf den Hl. Berg pilgern (nein, ich meine nicht Tabor, Herr Heun, sondern Andechs) und mir im dortigen Biergarten bei Doppelbock und einer selbstmitgebrachten Brotzeit meine jährliche Ration an katholischer Labsal und Seelenfrieden abholen. Dann muss es aber auch wieder gut sein für die nächsten zwölf Monate. Der pittoreske Bayerische Barock ist wie der Genuss von Zuckerwatte: Die erste Portion ist zwar klebrig und knirscht zwischen den Zähnen, aber sie ist doch schön. Von der zweiten wird mir schlecht.

Diesmal werden Frau Klammerle und ich den Berg nicht wie im Vorjahr auf Schusters Rappen erklimmen, sondern einen Abschnitt des launigen Ammersee-Radrundwegs nehmen, von dem wir für diesen kurzen Umweg abweichen wollen.  Das sind knapp 30 km hügeliges Auf und Ab, leider nur selten am See entlang, da die Grundstücke direkt am Ufer den „Großkopferten“, Unternehmern und CSU’lern, gehören und das Vogelschutzgebiet im Schwemmland der Ammer einen größeren Umweg erfordert. Am Starnberger See ist es allerdings noch schlimmer, dort kommt man außer an den Badeanstalten überhaupt nicht ans Wasser. Der Ammersee, den die Augsbürger kürzlich in spontaner Begeisterung in „Schwäbisches Meer“ umgetauft und am 1. April auch auf den Straßenschildern umgeändert haben, als zum Ärger der oberbayerisch königstreuen Herrschinger ein neuer Dampfer der Seeschifffahrt auf den Namen der schönsten Stadt Bayerns getauft wurde, ist glücklicherweise besonders auf dem Westufer noch etwas normaler und bäuerlicher geblieben. Auf unserem Weg liegen z. B. Utting mit seinem schönen alten Strandbad und das „Künstler“-Dorf Dießen mit  berühmtem Töpfermarkt und üppig spätbarockem Augustiner-Chorherrenstift.

Ich wünsche meinen Freunden und Lesern einen wunderschönen sonnigen Freitag. Meiner wird bestimmt traumhaft.

Und so war es im letzten und auch im vorletzten Jahr und so wird es auch diesmal sein. Das Glück der Wiederholung:

*

andechs2

Einmal im Jahr hat jeder Bayer die staatsbürgerliche Pflicht, auf den Hl. Berg zu wallfahrten. Da der Ministerpräsident ihn schon im letzten Monat aufsuchte – wahrscheinlich aufgrund eines Bußgangs wegen der Affäre um die CSU-Nepoten – war es für mich heute ebenfalls an der Zeit, gen Andechs zu pilgern. Ich wählte den einzigen regenfreien, herrlich sonnigen Tag in dieser Woche. Man kann es mit der Buße nämlich auch übertreiben.

andechsEs führen viele Wege hinauf zu den bierbrauenden und zanksüchtigen Mönchen. Der Klassiker ist ein kurzer Aufstieg von Herrsching aus. Kommt man von Westen, kann man auch am Uttinger Bahnhof parken und vom nahen Landungssteg aus mit der Bayerischen Seeschifffahrtslinie übersetzen – mit einem wunderbaren Blick auf den Wetterstein. Zurück geht es dann durchs Kiental. Aber bitte schön langsam und vorsichtig, denn der Weg führt dort stellenweise steil hinab und schon mancher hat beim Versuch, seiner prall gefüllten Blase am Wegesrand Erleichterung zu verschaffen, nicht nur sein Wasser, sondern auch sein Leben gelassen.

Man kann als fußkranker Rentner oder lauffauler Oberbayer (vulgo: Münchner) auch bis zum Parkplatz unterhalb des Klosters fahren, aber das ist unsportlich und hat nicht den Segen der Kirche, deren Zwiebelturm noch oberhalb der Schwemme in den weiß-blauen Himmel deutet und mit dem Wallfahrtskloster ein durchaus sehenswertes Barockensemble bildet – wenn man denn auf den Bayerischen Barock steht.

Der schönste – und auch längste – Weg nach Andechs beginnt jedoch im Hof des Schlosses Seefeld am Pilsensee, in dem man auch baden kann. Das Schloss ist in Privatbesitz derer von Toerring und kann nicht besichtigt werden, aber in den ehemaligen Stallungen und Wirtschaftsgebäuden haben sich einige nette Läden, Kunsthandwerker und ein Kino angesiedelt. Hinter dem Schloss beginnt ein gemütlicher, durchaus pittoresker (ha!) Wanderweg, der sich bis auf wenige Stellen gut markiert Richtung Andechs schlängelt. Im Zweifelsfall hält man sich an diese unscheinbare Wandermarkierung:

andechs4Man läuft auf dem im Moment nach dem Dauerregen etwas matschigen Weg etwa 1 ¾ Stunden (7,5 km) an Bächen entlang, durch lichte Wälder und Wiesen, hat zwischendurch einen schönen Blick auf den Ammersee und immer mal wieder kommt einem in der Ferne das Ziel vor Augen. Erst ganz kurz vor Andechs verliert sich plötzlich der Weg in einem Acker und man muss aufpassen, dass man bei den ausgedehnten Bärlauchfeldern den Ochsengraben verlässt und ihn auf der Seefelder Straße überquert.

andechs3Dann hat man es aber auch nicht mehr weit – eine kurze Durststrecke einen schattenlosen gekiesten Weg entlang und man steigt durch die Anlagen der Brauerei zur Schwemme empor, dabei ein paar Trödler überholend – und erreicht den wahren Himmel der Bayern: Den Andechser Biergarten, das Ziel der Wallfahrt. Jetzt holt man sich einen dunklen Doppelbock, eine Breze, einen Radi, einen Kas und einen Krautsalat (wenn man keine Brotzeit mitgebracht hat, denn in Bayerischen Biergärten darf man sein Essen selbst mitbringen) oder, wenn man kein Vegetarier ist und Lust hat, eine halbe Stunde an der Essensausgabe anzustehen, die klassische Schweinshaxe und feiert unter den großen Sonnenschirmen sein Leben.

Der Weg zurück ist dann lang genug, dass man ein wenig ausnüchtert und im Schloss Seefeld wieder durstig und hungrig ankommt. Gut, dass es dort auch ein Bräustüberl mit einer für bayerische Verhältnisse großen fleischfreien Karte gibt…

Schreibweisen (Rewind)

Anmerkung Juni 2014:

Mein Blog läuft nun seit über einem Jahr. Als ich im Mai des vorigen Jahres mit ihm begann, wollte ich erst einmal vorstellen und meine Arbeitsweisen als Autor erläutern. Es entstand unter anderem der Artikel Schreibweisen (I), dem nie ein Schreibweisen (II) folgen sollte. Im heute noch einmal hochgeholten Artikel erzählte ich, dass ich meine Texte in aller Regel zuerst handschriftlich fixieren und sie dann erst in den PC übernehmen und erst viele Male überarbeiten würde, bis ich sie dem „Publikum“ präsentiere.

Das ist freilich nicht immer der Fall. Eigentlich mache ich das momentan nur bei „Aber ein Traum“. Dadurch hat der Roman etwas Künstliches und Konstruiertes, mit dem ich gerade etwas hadere. Das auf der anderen Seite aber genau zu dieser Art von Geschichte passt.

Meine Blogartikel schreibe ich jedoch in aller Regel direkt in den Computer und überarbeite sie dort. Das mache ich ebenso mit dem Geltsamer und der Brautschau. Dadurch sind die Versionen, die im Blog erscheinen, meist noch ungeschliffen und rau. Erst wenn ich sie für die Texteseite zusammenfasse und noch einmal überarbeite, nähern sie sich ihrer endgültigen Form an.

Woche für Woche lasse ich mich von den regelmäßigen Erscheinungsterminen dieser Geschichten jagen, die ich mir selbst auferlegt habe. Ich bin der Veröffentlichung immer nur kurz voraus und manchmal nicht einmal das. Die Texte mit dem Arbeitstitel „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“ entstanden anfänglich aus der Laune, kurze, spontane Geschichten zu eigenen, nachträglich verfremdeten Fotos zu schreiben. Doch bald wurde daraus etwas anderes, größeres: „Geltsamer“ hat sich inzwischen  zu einem veritablen und bereits recht umfangreichen Romanprojekt entwickelt, dessen erstes Kapitel, die geheimnisvolle Geschichte um die Tropenärztin Helena Kuiper, demnächst hier vollständig zu lesen und auch als E-Book downloadbar ist (Ich werde beim E-Book auch auf die extravagante Schriftart verzichten, die ich hier im Blog verwendet habe. Die haben einige kritisiert, weil sie schwer lesbar sei). Danach folgen im 2. Kapitel die Abenteuer von Sebastian Kerr im Berlin des Jahres 1929, dessen Leben auf seltsame Weise mit dem der brasilianischen Ärztin und ihrem Geheimnis verknüpft ist. Davon habe ich bereits die zwei anfänglichen Abschnitte gebloggt (Hier und hier).

Auch meine Textreserve bei „Brautschau“, das ich eilig als Ersatz für den an der Dickköpfigkeit des Autorenteams gescheiterten „Heimat-Grusel-Ärzte-Romans“ jeden Dienstag hervorkrame, war mitten im fünften Kapitel Anfang dieses Jahres erschöpft. Bis dahin hatte ich diesen Text geschrieben, als ich 24 Jahre jung war; inzwischen bin ich mehr als doppelt so alt. Ob man wohl dem Roman einen Bruch anmerkt? Seit dem 6. Kapitel jedenfalls entstehen die Fortsetzungen zu „Brautschau“ Woche für Woche. Und das ist auch der Grund, aus dem der Prolog erst jetzt erscheint. Weil ich ihn erst jetzt schreibe.

Und da funktioniert die Schreibweise des handschriftlichen Aufsetzens in der gemütlichen Umgebung eines Caféhauses einfach nicht. Und deshalb braucht „Aber ein Traum“ viel Zeit…

*

 

Ich schreibe an „Aber ein Traum“ seit mehreren Jahren.

Am Anfang kommt die Handschrift.

Das hat zwei Gründe:
Zum einen zwingt mich die Arbeit mit dem Bleistift zu Langsamkeit, zur Nachdenklichkeit. Es ist wie mit dem Wandern und dem Autofahren: Wenn ich gemächlich mit dem Bleistift in der Hand über die Zeilen schlendere, jeden Buchstaben ausmale, dann kommt meine Seele mit mir am Ziel – dem Ende des Absatzes – an. Ich komme meinen eigenen Gedanken hinterher und habe die Zeit, mich in die Stimmung meines Textes zu finden. Denn diese Stimmung ist zu Anfang wichtiger als lupenrein ausformulierte Sätze. Wenn ich dagegen einen Text tippe, bin ich meistens mit den Gedanken bei den technischen Spielereien (Blocksatz, Schriftart, Tippfehler usw.) oder in der Vorstellung bereits 2 Absätze weiter.

Nachteil des Handschriftlichen ist, dass ich manchmal schon nach ein paar Stunden meine eigene Klaue nicht mehr entziffern kann; das passiert vor allem bei zwischen die Zeilen geschmierten Einschüben, die mir im Augenblick des Aufschreibens unglaublich wichtig waren!

Ich schreibe handschriftlich nur in der Öffentlichkeit, also in einem Café oder einem Park. Ich glaube, Simone de Beauvoir hat einmal gesagt: „Der Schreibende ist der einsamste Mensch der Welt.“ Und wie eine Antwort liest sich eine Bemerkung Tschaikowskys an Nadeshada von Maeck:

„Wenn du in dir selbst keine Freude finden kannst, so blicke um dich. Geh ins Volk! Schau, wie es sich dem Vergnügen, der ungehemmten Freude hingibt.“

Im Café fühle ich mich zwar noch immer einsam, aber ich bin nicht mehr allein.

Ich hasse es übrigens, Briefe zu schreiben…

Handschrift

Manuskriptseite mit dem Entwurf von Waldeschers erster Geschichte

Platon und das Ungeziefer (Rewind)

Bekanntlich stammt vom schlauen Herrn Hegel der Satz: „Wahrheit ist das, was der Fall ist und zwar unabhängig von dem, was behauptet wird.“ Und der nicht weniger schlauer Ludwig Wittgenstein ergänzte 150 Jahre später: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Damit war die, sagen wir mal: schöngeistige Philosophie in ihre Sackgasse gerutscht, aus der sie nie mehr herausfand.

Warum erwähne ich das? Nun, ich halte es für Unfug. Ich bin zwar nicht mit Markus Gabriel einer Meinung, dass die Welt allein schon aus rein sophistischen Erwägungen heraus nicht existieren könne(1), aber habe die Erkenntnis gewonnen, dass in der Welt vieles wahr ist und existiert, das eben nicht der Fall, sondern nur ein Un-Fall der Gedanken ist. Die Menschen glauben plötzlich an Dinge und sie beginnen deshalb zu existieren (Die Dinge, nicht die Menschen).

Zu kompliziert? Der Beispiele gibt es viele. Nehmen wir mal die sogenannte Lactose-Intoleranz: Die gibt es nicht wirklich; die hat sich ein findiger Lebensmittelproduzent ausgedacht, um seinem Käse ein Etikett zu verpassen, mit dem er ihn teurer verkaufen kann. Als ich jünger war, hatte jemand vielleicht nach zuviel Essen Blähungen oder Durchfall; heute muss es immer eine Intoleranz oder eine Allergie sein. Oder denken wir an die „Blow ups“ auf den Autobahnen. Ich kann mich nicht erinnern, dass es sie vor dem heißen Sommer 2013 gab; heuer tauchten sie trotz des eher gemäßigten Wetters schon wieder auf und sind lebensbedrohlich. Und was soll eigentlich der Unfug mit dem „windchill“, der „gefühlten Temperatur“, die sich um ein, zwei Grad von der tatsächlichen unterscheiden soll? Das sind alles Dinge, die irgendwann mal jemand erfunden hat und die erst seit diesem Moment in unserer Welt existieren.

Im folgenden Freitagsaufreger vom 31. Mai 2013 habe ich mich näher mit diesem philosophischen Problem beschäftigt und eine genial einfache Lösung vorgeschlagen. Leider hat niemand auf mich gehört und in diesem Jahr gibt es so viele Zecken wie schon lange nicht mehr…

 *

Platon und das Ungeziefer

Das 21. Jahrhundert hat einige Dinge hervorgebracht, die es in meiner Jugend nicht gab. Niemand konnte sich damals vorstellen, ihm würde einmal eine durchgedrehte Konsumindustrie künstliche Sachen wie Smartphones, Fahrradhelme, „tunnels“ für die Ohren oder Daniela Katzenberger als überlebensnotwendig vorgaukeln.

Doch ich will nicht von aus Geldgier erzeugten Gelüsten nach unnötigen Objekten reden, denn das würde den Rahmen eines Freitagsaufregers sprengen, sondern von einem unscheinbaren Tierchen, das es früher offenbar ebenfalls nicht gab. Zumindest kann ich mich nicht erinnern:

Ich rede von der Zecke, einer – dies für den Biologen in der Familie – Parasitiforma der Acari mit dem Gattungsnamen Ixodida. Das klingt nicht nur nach billiger SF: Ich habe meine Kindheit durch Gebüsche und Sträucher kriechend, auf Bäume kletternd und durch Wiesen rollend verbracht, musste hinter meinem wanderbegeisterten Vater hertrottend Wälder und Moore durchqueren und Berge erklimmen und fand anschließend nie solch ein Insekt in meinen Hautfalten – man hatte vielleicht mal davon gehört, dass es so etwas gab, aber im Großen und Ganzen war die Zecke ein Fabelwesen wie das Einhorn.

Plötzlich, vor ungefähr zehn Jahren, änderte sich alles: Den Frühlingsbeginn markierte nicht mehr die Kirschblüte oder der Osterplärrer, sondern Warnartikel über nie gehörte Krankheiten wie Borreliose oder FSME in den Zeitungen, aufwändige Karten über sich immer weiter ausbreitende Risikogebiete und eine Vielzahl widersprüchlicher Anleitungen, wie man die Blutsauger entfernt, ohne sie zu köpfen. Dann ging es Schlag auf Schlag. Mit einem Mal kamen die Söhne mit Zecken vom Spielplatz und die Schwiegermutter aus ihrem Garten, Autan wurde noch giftiger und stinkender, die Apotheker verkauften Zeckenzangen und es wurde empfohlen, nicht mit kurzen Hosen zu wandern und keinen Urlaub mehr östlich von München zu machen.

Und jetzt bringt Amy (meine Katze, man erinnert sich) von ihren Ausflügen in die Natur in schöner Regelmäßigkeit dieses possierliche Ungeziefer mit ins Haus. Meist hängt die eklige Ixodida wie ein Vampir an ihrer Kehle, genau an der Stelle, wo sie am liebsten gekrault wird. Frau Klammerle bekommt in ebenso schöner Regelmäßigkeit hysterische Anfälle, bis ich Held die nur mäßig begeisterte Katze von ihrem Quälgeist mit Hilfe einer Zange befreit habe und das Insekt zerquetscht und als blutige Masse in der Toilette entsorgt wurde. Gegen Flöhe und Würmer kann ich Amy impfen, gegen Zecken hilft nichts…

Deshalb:

Können wir nicht wieder wie im letzten Jahrhundert die Zecken einfach Zecken sein und aus dem kollektiven Gedächnis verschwinden lassen? Wie die Katzenberger existieren Zecken laut Platon nur, solange die Idee der Zecke (oder die Idee der Katzenberger) existiert. Die Zecke ist die Manifestierung der Idee der Zecke. Vergessen wir diesen εἶδος, endet auch die Existenz dieses Ungeziefers und ich kann weiterhin ohne Fahrradhelm durch die Gegend radeln und ruhig und ausgeglichen durchs Fernsehprogramm zappen…

Kein Bild einer Zecke, das war mir zu eklig. Stattdessen - und weil Herrn Heun in diesem Blog zu oft von Katzen die Rede ist - hänge ich ein in diesem Zusammenhang zugegebenermaßen sinnfreies Foto von einem leicht entspannten Hund ohne Zecken an, das ich im Urlaub gemacht habe.

Kein Bild einer Zecke, das war mir zu eklig. Stattdessen – und weil Herrn Heun in diesem Blog zu oft von Katzen die Rede ist – hänge ich ein in diesem Zusammenhang zugegebenermaßen sinnfreies Foto von einem tiefenentspannten Hund mutmaßlich ohne Zecken an, dem alle philosophischen Gedanken an der Schwanzspitze vorbeigehen.

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[1] Markus GabrielWarum es die Welt nicht gibt. (ullstein 2013). Deutschlands jüngster Philosophieprofessor und Mitbegründer des „Neuen Realismus“ führt in diesem Buch aus, dass die Welt nicht existieren kann, weil das „Begriffsfeld“ Welt impliziert, dass es buchstäblich „alles“ in sich birgt – also auch „Die Welt“ selbst. Das aber gehe nicht. Die Welt könne nicht sich selbst in sich tragen, das sei wie der Versuch, zwei gleichgroße Koffer ineinander zu packen. Folglich könne es keine Welt geben.

Man sieht: Man muss Gabriels Buch nicht gelesen haben. Es ist höherer, nicht einmal sonderlich unterhaltsamer Unfug, an dem sich vielleicht noch Zenon von Elea erfreut hätte. Schon lange habe ich niemanden mehr gelesen, der so frech und stolz des Kaisers Neue Kleider spazieren führt wie Markus Gabriel.

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