Aber ein Traum …

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Samstag, 11.05.19 – Was ich noch sagen will

Samstag, 11.05.19

Ein Ding kommt nur als Erscheinung vor. – Kant
Ding dingt. Ding dingt die Welt. – Heidegger
Ding, dong. – DHL-Paketbote

An diesem Wochenende ziehen die Eisheiligen wie die vier apokalyptischen Reiter mit Regenschauern, Kälte, Sturmböen und Gewitter über mein Dorf hinweg und es ist nichts mit den Träumereien vom „Wonnemonat“, mit den süßen, wohlbekannten Düften, den Liebeleien hinter dem Rosenbusch, den lauen Vorsommerabenden, dem gemeinsamen Familiengrillen auf der Gartenterrasse, den Radausflügen in den nächsten Biergarten oder mit den geplanten Wanderungen im Allgäu. Draußen vor dem Fenster herrscht ein zugegebenermaßen merkwürdig grüner und gelber, aber düsterer und harscher Novembertag. Fifty shades of yellow – der Mai zeigt sich wie so oft von seiner SM-Seite: Ein Tag Zuckerbrot, fünf Tage Peitsche. Es gibt daher für mich keinen Grund, meinen kuschligen Platz in Ofennähe aufzugeben(1). Ich könnte endlich einmal ein paar von den Dingen aufarbeiten, die ich seit längerer Zeit vor mir herschiebe oder einfach nur die Wohnung aufräumen. Doch wahrscheinlich wird wieder einmal nichts daraus. Ich kenne mich; früher war mein Weg mit guten guten Vorsätzen gepflastert, nun führt er über die Faulheit in die Hölle. Falls es noch nicht bekannt sein sollte: Meine Lieblingsbeschäftigung neben dem Nichtstun und dem figurativen Herumstehen in schöner Landschaft ist das Prokrastinieren, das ich seit vielen Jahrzehnten ernsthaft betreibe und es – das kann ich ganz bescheiden sagen – in diesem Fach zu einer Meisterschaft gebracht habe, von der viele Philosophie- und Germanistikstudenten nur träumen können. Beschäftigt aussehen und doch nichts tun, das ist eine hohe Kunst, die ich perfektioniert habe. Und dass sich mein Smartphone nun wieder in meinem Besitz befindet, gerade ein paar Computerspiele, die schon immer zocken wollte, bei Steam im Angebot sind und ein paar meiner Lieblingsserien mit neuen Staffeln zum Glotzen(2) verführen, ist auch nicht gerade  dabei hilfreich, meinen Frühjahrsmüdigkeitssumpf, in dem ich bis zu den Knien im Matsch feststecke, zu überwinden.

Aber das ist Jammern auf allerhöchstem Niveau, zumal ich ja nur vor mir selbst Rechenschaft ablegen muss, wenn ich mit meinen Büchern einfach nicht weiterkomme. Offengesagt geht es mir prima. Mir selbst verzeihen und mich selbst mit Ausreden und kleinen Lügen um den Finger wickeln – das kann ich wirklich gut, auch darin bin ich Meister. Gäbe es den Blog nicht, würde ich mich wahrscheinlich für die nächste Zeit wie ein Bühnenmagier mit einem kleinen „Puff!“ und einem Rauchwölkchen einfach in Luft auflösen. Ich kann wie Lord Mellifont in der Erzählung The Privat Life von Henry James sein, der einfach aufhört zu existieren, wenn er allein gelassen wird oder sich niemand auf ihn konzentriert. (3) Aber auch hier in meinem Onlineleben stapeln sich inzwischen langsam die Artikel, die ich schreiben möchte, mich jedoch nicht überwinden kann, es auch zu machen: Zum Beispiel wollte ich schon immer in einem bissigen Text über die unseligen E-Bikes schimpfen und die Rentner, die mit ihnen schmale Wanderwege emporbrausen. Ich wollte hier ein Loblied auf den Spargel singen, der momentan alle zwei Tage in irgendeiner Form auf dem Speiseplan der Familie Klammer steht und das ultimative Gemüse ist, wenn man es richtig, d. h. bissfest, zubereitet.(4) Ich würde auch gerne über mein Europa schreiben, in dem ich gerne leben möchte; einem freien Land der Regionen ohne Grenzen und Abgrenzungen, in dem die unterschiedlichsten Kulturen sich fruchtbar und friedlich austauschen, sich aneinander bereichern und einander nichts wegnehmen.(5) Ich will darüber nachdenken, dass jeder achte Deutsche nicht schreiben und lesen kann und dass diese 12,5 % offenbar in der Wählerschaft der AfD wiederzufinden sind. Und dass gerade das Lesen die wichtigste Kulturtechnik überhaupt ist und gerade in der jüngeren Generation, die nur noch ein Rudimentär-Deutsch(6) spricht, vollkommen verloren geht. Niemand liest mehr und die Klassiker der Literatur sind nur noch aus den schlechten Verfilmungen bekannt. Doch zu all diesen Texten bin ich viel zu träge. Und dann gibt es da ja noch die Geschichte von „Erwin Erhardt, dem depressiven Erdbeerschnüffler“, an die ich heute mal wieder denken musste. Dessen Job ist es, in einem Lebensmittelkonzern die wässrigen, genmanipulierten Pseudo-Früchte, die gerade wieder überall verkauft werden, zu parfümieren, damit sie zumindest nach Erdbeeren riechen, wenn sie schon nach überhaupt nichts schmecken. Erwin ist der einzige, der diesen Geruch im Labor perfekt künstlich erzeugen kann, aber über seiner stumpfsinnigen Arbeit verliert seinen Geruchssinn – bis er einer Frau begegnet, die für ihn nach – Überraschung! – nach echter Erde und Erdbeeren riecht. Diese Erzählung trage ich schon seit Jahren im Kopf spazieren, ohne sie zu aufzuschreiben. „Erwin Erhard, der depressive Erdbeerschnüffler“, ist nur eine von vielen von mir ersonnenen Figuren, die ich wohl niemals außerhalb meiner Fantasie zum Leben erwecken werde.(7) All diese für mich so lebendigen Personen und Geschichten, die nur mit mir existieren und mit mir sterben werden; ich hoffe, sie können mir verzeihen, dass ich jetzt aufhöre zu schreiben. Denn ich muss noch Spargel einkaufen …

Zum Abschluss will ich meinen alten Kumpel und Wegbegleiter Gotthold Lessing zitieren, denn ich bin zu faul, mir selbst etwas auszudenken:

Lob der Faulheit

Faulheit, endlich muß ich dir
Auch ein kleines Loblied bringen!
O! … Wie … sauer … wird es mir
Dich nach Würde zu besingen!
Doch ich will mein Bestes tun:
Nach der Arbeit ist gut ruhn.

Höchstes Gut, wer dich nur hat,
Dessen ungestörtes Leben …
Ach! … ich gähn! … ich … werde matt.
Nun, so magst du mir’s vergeben,
Daß ich dich nicht singen kann:
Du verhinderst mich ja dran. 

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(1) … den würde sich eh nur meine Katze wegschnappen, die wie ich von diesem Wetter wenig erfreut ist und es als einen gegen sie gerichteteten Affront betrachtet.

(2) Ich weiß, das heißt auf neudeutsch binge watching, also bingen. Aber bei manchen Wörtern bekomme ich einen juckenden Hautausschlag, wenn ich sie benutze.

(3) Unbedingte Leseempfehlung! Eine der besten Gespenstergeschichten, die ich kenne; fast noch besser als The Turn of the screw. In diesem Zusammenhang: Kann man sich in letzter Konsequenz sicher sein, dass diesen Gedankensplitter wirklich Nikolaus Klammer geschrieben hat und es diesen erfolglosen Autor wirklich gibt? Es gibt doch berechtigte Zweifel. Denn schließlich existieren auch diese Texte nur in dem Augenblick, in dem man sie liest. Sonst sind sie Nullen und Einsen auf einer Festplatte.

(4) Nein, ich verkneife mir die Rezepte. Ich will nur anmerken, dass eine Todsünde ist, den Spargel zu zerkochen.

(5) Ist es da nicht geradezu obzön, dass der CSU-Kandidat Weber für die Europawahl damit Werbung macht, dass er mehr Grenzen in Europa will?

(6) Kürzlich hörte ich einen Jugendlichen zum anderen sagen: „Gemmasomäckö?“ Das heißt übersetzt: „Wollen wir gemeinsam zum McDonald’s am Königsplatz gehen?“

(7) Immerhin ist Erwin nun in der Welt. Vielleicht erbarmt sich ja seiner ein Autor, der dies hier liest. Erwin hätte es verdient.

Samstag, 04.05.19 – Ein kleines Jubiläum und ein Nudelbaum

Samstag, 04.05.19

Gestern vor sechs Jahren ging mein Blog mit einem kleinen Artikel online. Heute beginnt mein verflixtes 7. Blogjahr. Ich werde mir am Abend eine Flasche französisches Blubberwasser von der Witwe Clicquot entkorken und mit mir selbst anstoßen.

Und weitermachen …

(Symbolbild)

An diesem Wochenende geriert sich der Mai übrigens recht aprilzickig und nicht unbedingt von seiner vielgepriesenen Wonneseite: Es ist regnerisch, kalt bis an die Nullgrad-Grenze hinunter und für heute Abend ist Schneefall bis in die Niederungen angesagt (1). So soll es auch in der nächsten Woche weitergehen. Ich weiß nicht, ob das schon die leicht verfrühten Eisheiligen sind oder nur eine gewöhnliche Wetterkapriole, aber es fesselt mich ans Haus. Ich habe plötzlich die winterliche Lust auf Tee und dicke Bücher, arbeite mit einer Decke auf dem Sofa sitzend meinen Serienstapel bei Netflix und Amazon Prime ab und verheize die letzten vor dem Winter eingelagerten Buchenholzvorräte. Meine fleißige Gattin hat Wochenend- und Spätdienst und lässt mich leichtsinnigerweise den ganzen Tag unbeaufsichtigt.(2)

Eigentlich müsste ich ja an meinen Romanen weiterarbeiten, ich weiß. Aber da ich immer mehr das Gefühl bekomme, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der sich ersthaft für sie interessiert, bin ich gerade ein wenig in der Schreibkrise und schiebe diese Arbeit vor mir her. Es ist eigentlich egal, ob sie morgen, in einem Monat oder in einem Jahr fertig werden. Für mich existierten diese Bücher ja bereits in meiner Vorstellung und ich schreibe täglich zwei, drei neue – in meinem Kopf. Sie zudem aufs Papier zu bringen und drucken zu lassen, ist zwar eine befriedigende Beschäftigung und es macht mich stolz, meine acht gebunden Bücher in der Hand zu halten oder im Regal anzubeten, jedoch brauche ich mich damit nicht zu eilen, Nr. 9 hinzuzufügen. Keiner wartet ungeduldig und nägelkauend auf Nachschub. Also kann ich auch mal ein Wochenende ohne schlechtes Gewissen faulenzen, die Beine hochlegen und vielleicht auch mal  wieder ein neues Computerspiel ausprobieren.

Selbstgemachte Ravioli mit einer Bärlauchricotta-Füllung.

Und weil das eben so mein blumiger Stil ist, wechsle ich hiermit das Thema: Wir machen unsere Nudeln selbst – nicht immer, aber immer häufiger. Wobei „wir“ selbstverständlich „Frau Klammerle“ bedeutet. Ich bin nur für die niedrigen Dienste zuständig wie das Kurbeln der Nudelmaschine und das Befüllen und Formen der Ravioli. Das bislang größte Problem war es, einen Platz zu finden, wo man die Bandnudeln zum Trocknen aufzuhängen kann. Bislang benutzte meine findige Frau dafür unseren Wäscheständer; doch diese Lösung war ziemlich unbefriedigend und benötigte viel Platz.

Nudeln auf der Wäscheleine

Doch ein Urlaub in Südtirol hat nur Vorteile: Dort gibt es das Beste aus beiden Welten, also neben billigem Prosecco auch italienische Haushaltswarenläden, in denen es praktisch alles gibt. Deshalb sind wir nun glückliche Besitzer eines hochwertigen und original italienischen Bandnudelständers, der geschmackvoll mit unserer Kücheneinrichtung harmoniert und auch an Weihnachten mit Christbaumkugeln behängt unser alljährliches „Brauchen wir einen Baum oder nicht?“-Dilemma löst. Ein Spötter mag behaupten, ein „Nudelbaum“ sei so sinnvoll wie ein Tischstaubsauger, ein Lockenwickler, ein Thermomix, eine Donut-Maschine oder eine die Filmmusik aus dem Paten pfeifende Eieruhr (die gab es in dem Haushaltsgeschäft ebenfalls, doch Frau Klammerle hat mir leider verboten, sie zu kaufen), aber der hat eben keine Ahnung. WIr lieben dieses Ding.

Übrigens gibt es bei mir heute Abend zum Champagner diese Bandnudeln mit einer fruchtigen Paprika-Tomanten-Sauce.

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(1) Der Schnee ist für mich allerdings auch ein gewichtiges Argument. Da habe ich eine gute Ausrede, hier an meinem PC zu sitzen und diesen Text zu tippen und muss nicht die Reifen an Frau Klammerles Bonsai-Auto wechseln, was ich schon seit geraumer Zeit vor mir herschiebe. Allerdings muss ich heute Nacht überwinterte Geranien, sämtliche Blumenkästen und Pflanzeimer, die meine ungeduldige Frau Flora verfrüht angepflanzt und auf der Terrasse ausgesetzt hat,  vom Garten ins Wohnzimmer schleppen, damit den zarten Pflänzchen nicht der böse Frost den Garaus macht. Dazu gehört auch ein gefühlte zehn Tonnen schwerer Feigenbaum (bitte nicht mit dem Nudelbaum verwechseln!) in seinem massiven Tonkübel.

(2) Lieber aufmerksamer und an dem Schicksal meiner Familie interessierter Leser, den ich mir jedesmal vor meinem inneren Auge vorstelle, wenn ich hier schreibe: Du weißt ja, sie ist seit bald 40 (!) Jahren Kinderkrankenschwester auf einer Frühgeburtenintensivstation und in ihrem äußerst verantwortungsvollen, psychisch und pysisch an die Grenzen gehenden Beruf geht es jeden Tag um Leben und Tod. Trotz Intensiv- und Wochenendzuschlag und häufigen Nachtwachen verdient sie im Monat ein Drittel weniger als ich, der ich mir in meinem Teilzeit-Brotberuf mit geregelten Arbeitszeiten und freien Wochenenden nicht gerade ein Bein ausreiße. Zudem muss sie einen nicht unerheblichen Teil ihres Einkommens zur Vorsorge aufwenden, damit sie durch ihre erbärmliche staatliche Rente nicht irgendwann in die Altersarmut rutscht. Diese geradezu obzöne Ungerechtigkeit betrifft alle sozialen Berufe und ist einer der Würmer, der den Apfel unserer Gesellschaft, die immer mehr auf diese selbstlosen Menschen angewiesen ist, faul macht. (Das Reinvermögen von Frau Klammerles kirchlichem Arbeitgeber betrug im letzten Jahr übrigens 1,36 Mrd. Euro – aber das nur am Rande.)

Donnerstag, 21.03.19

Donnerstag, 21.03.19

Ein Gespräch, das ich bei meinen Söhnen belauschte:

Sohn Nr. 1: Früher sind wir nachts um Drei noch aus der City bis nach Diedorf gelaufen. Das würde ich heutzutage nicht mehr machen.

Sohn Nr. 2: Ich auch nicht. Was soll ich auch in Diedorf?

*

Das war eine Überraschung! Gestern hat meine liebe Kollegin Luna auf ihrem literarischen „Schreibmaschinchenblog“ einen Artikel über das schwere Leben des Selfpublishers veröffentlicht und dabei unter anderem explizit meine Geltsamer-Bücher gelobt:

Vielleicht ein bisschen eigennützig …

Unter Autoren, die normalerweise wie Wölfe übereinanderherfallen und sich verbissen um die wenigen Futternäpfe – sprich Leser –  streiten, ist sie eine ganz erstaunliche Ausnahme.

Ich saß gerade vor meiner morgendlichen Tasse Kaffee und wischte mich auf meinem Smartphone traumversonnen und gedankenverloren durchs Internet, als ich auf den Artikel stieß und die Sonne für mich ein weiteres Mal aufging und sich meine, nun, nennen wir sie mal: amorphe Frühlaune exponentiell verbesserte. Also rieb ich mir die letzten Körner Schlaf aus den Augenwinkeln, schüttete den inzwischen kalt gewordenen Kaffee hinunter und stürzte an meinen PC, um ihr zu antworten.

Ich danke für diese unerwartete und überraschende Werbung, die – das möchte ich gleich betonen – weder abgesprochen noch irgendwie von mir intendiert war. Dass Luna den 3. Geltsamer-Teil erworben hat, habe ich mir schon beinahe gedacht (Ihr Bucherwerb war übrigens bisher der einzige Verkauf eines Romans von mir in diesem Jahr – schämt euch, die ihr das jetzt lest); wie in dem Artikel zu sehen, macht sich das Buch gut in ihrem Regal (es würde auch in anderen gut aussehen) und ich würde mich freuen, wenn der Roman Luna ebenso anspricht an wie die Vorgängerbände, die sie sehr positiv rezensiert hat. Ich hoffe auch, die Rechtschreibfehler halten sich in Grenzen, sonst weint  meine Lektorin.

„Selfpublishing“ gehört in der Regel zu den sichersten Arten, zu verhungern. Bücher auf diese arbeitsintensive und auch kostspielige Weise unters Volk zu bringen, ist eine moderne Variante des Masochismus. Uns es ist eindeutig ein Minusgeschäft. Allein die Herstellungskosten eines Buches betragen bei mir durchschnittlich 8 – 10 €, von den vielen, vielen Arbeitsstunden (ich arbeite ein bis zwei Jahre an einem Band) will ich schweigen. Der Erlös in Barem beträgt pro Band weniger als 1 € und von den E-Books möchte ich hier erst gar nicht reden – die kauft eh keiner, obwohl oder vielleicht auch weil sie so günstig sind. Das soll jetzt keine Klage, sondern nur eine Feststellung sein.

Trotzdem werden die Händlerseiten von uns sogennannten „Selfpublishern“ und damit auch mir überschwemmt und deshalb ist es für einen interessierten Leser nahezu unmöglich, die Perlen unter dem Saufraß zu finden – falls er sich überhaupt die Mühe machen möchte. Ein verlässlicher Führer durch die labyrinthische Welt der Eigenverleger wäre nicht schlecht, aber den gibt es leider nicht. Folglich verlässt man sich auf das Marketing der Verlage für ihre Autoren, auf den Buchblogger und Feuilletonisten, der diese Meinung wiederkäut und auf bewährtes, altbekanntes. Das ist eine einfache Risikoabwägung. Wer will schon Klammer lesen, wenn er auch Georg Klein, Kleist oder Viktor Klemperer lesen und auf Nummer Sicher gehen kann? Das kann ich verstehen, doch von einer anderen Seite betrachtet: Was passiert denn im schlimmsten Fall? Man erwirbt für den Preis einer Pizza beim Italiener um die Ecke ein Buch, das einem nicht schmeckt – tragisch. Ein wenig Lebenszeit wurde verschwendet. Da schimpft man eben ein bisschen und geht das nächste Mal in eine andere Pizzeria. Oder man ernährt sich von Dr.-Ötker-Tiefkühlpizza. Die schmeckt wie King, Fitzek oder Boyle immer gleich, da kann man nichts falsch machen.

Was wir Autoren ohne Verlagsvertrag brauchen, wäre ein Netzwerk, eine Interessenvertretung wie den BBK der Künstler, eine Art PEN-Club im Kleinen. So etwas gibt es schon hier und dort, aber da die Marketingmöglichkeiten eng begrenzt und öffentliche Gelder nicht erreichbar sind, kriegt die Masse der Leser das gar nicht mit. So dümpeln wir mit unseren herrlichen Segelbooten im Hafen und gelangen nie ins offene Meer.

Ein Gedanke noch: Obwohl meinem rundumerneuerten Blog etwa 150 Leute folgen und mein Schreiben kennen, hat Luna als einzige von ihnen ein Buch von mir erworben – Respekt vor diesem Mut. Mir geht es jedoch gar nicht darum, wie viele Personen meine Literatur lesen, mir genügt, wenn sie überhaupt gelesen wird, denn ich schreibe sie nicht nur für mich. Sie ist vor allem ein Angebot an die Freiheit der anderen, etwas zu erfahren. Wenn dieses Angebot nicht angenommen wird – nun, damit muss ich eben leben.

Aber ich mache unverdrossen weiter.

Ich wünsche einen wunderschönen und sonnigen Tag voller Anregungen, Begegnungen und Momenten.

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Mir werden ja manchmal die Suchbegriffe angezeigt, mit denen die Leute über Google zufällig auf meinen Blog geraten. Den Preis für die beste Suche bekommt in diesem Monat:

Ich kann mich nicht erinnern, jemals das Wort „Prospekthülle“ in einem Text benutzt zu haben.

Mittwoch, 20.03.19

Mittwoch, 20.03.19 – Frühlingsanfang

Der Schrobenhauser Spargelhof „Lohner“ – eine Art saisonale Besatzungsmacht in Schwaben und im Allgäu – hat wieder sein himmelblaues Häuschen in Diedorf aufgestellt – im Volksmund auch kurz „Schpäusle“ genannt. Es muss also etwas dran sein an den Frühlingsgefühlen, die in meinem Unterleib rumoren. Wenn ich ein Lyriker wäre, würde ich jetzt irgendetwas über „süße, wohlbekannte Düfte“, „blaue Bänder“ und „Bienen“ und „Blumen“ reimen. Als Prosaautor sage ich nur: „Es wurde jetzt aber auch wirklich höchste Zeit …“, denn bisher fühlt sich dieser Frühling an wie ein umgekehrter Brexit – tausendmal angekündigt und immer wieder verschoben.

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Damit ist es auch an der Zeit, das Kräuterbeet neu zu bepflanzen. Wie immer hat außer der Zitronenmelisse, dem Olivenkraut, dem Bärlauch und dem Schnittlauch nichts den Winter überlebt, nicht einmal die robuste Salbeipflanze und der eigentlich winterharte und mehrjährige Thymian – überall ist nur noch vertrocknetes, totes Geäst zu sehen. Auch nach Rosmarin – ihren Lieblingsduft – sucht Amy, die Katze, vergeblich. Der Estragon ist erstaunlicherweise auch wieder gekommen und streckt seine grünen Blattfinger der Sonne entgegen; er ist das Gewürz in meinem Garten, das ich am seltesten verwende, über das ich aber einen meiner ersten Blogartikel geschrieben habe, den ich hier kaum verändert noch einmal präsentiere. Denn es wäre schade, ihn einfach so verkommen zu lassen:

Estragon und ich

Französischer Estragon(Artemesia dracunculus)

Also war ich in der letzten Woche beim Gärtner meines Vertrauens, um mich mit dem Allernotwendigsten ein­zudecken. Dabei fiel mir auch eine zarte Pflanze in die Hände, die ich nur wegen ihres Namens erwarb: Estra­gon. Als Literat kann ich daran nicht vorbei.

Ich hatte keine Ahnung, wie die Triebe und lanzen­förmigen Blätter des Korbblütlers schmecken (anisartig, ein Wermutgewächs), wie groß er wird (ein Busch bis zu 150 cm hoch), noch dass es einen russischen (winterfest) und einen französischen Estragon (ich habe natürlich den, der keinen Frost verträgt) gibt oder dass dieses Ge­würz unverzichtbarer Bestandteil der Sauce béarnaise und der klassischen fran­zösischen Kräutermischung (fines herbes) ist, deren ge­trocknete Variante der Höhepunkt der Dekadenz in der Küche meiner Mutter war.

Im übrigen gilt Estragon als verdauungsfördernd und harntreibend, ergänzt also hervorragend den frischen Spargel, dessen Saison eben begann …

Wie man sieht – nach ein wenig Recherche bin ich nun schlauer und ich habe mich an mein erstes Gericht mit Estragon gewagt, einer Variante eines Kohlrabirezeptes, das ich in einem Kochbuch gefunden habe.

*

Grüner Spargel mit Orangen-Ziegenfrischkäse-Estra­gon-Sauce

für 1 Person (Frau Klammerle hat Spätdienst)
300 g grüner Spargel, das untere Drittel geschält, in schmale Scheiben geschnitten
20 g Erdnussöl
1 Schalotte, 1 Knoblauchzehe, fein gehackt
50 ml Weißwein, am Besten den, den man eh dazu trinkt
50 ml frisch gepresster Orangensaft
50 g Ziegenfrischkäse, (oder ein veganer Ersatz aus Mandelmasse), in 50 ml Schlagsahne (oder Kokosmilch) verrührt
1 EL frisch gehackter Estragon, 4 Blätter frisch ge­hackte Zitronenmelisse (die hat ja bei mir überlebt), Kerbel
abgeriebene Schale einer halben Zitrone
Chili, Salz, frisch gemörserter Pfeffer, Schnittlauch ge­hackt (als Deko)

Pflanzenöl in einer hochwandigen Pfanne zerlassen, Spargelstücke, Knoblauch und Schalotten etwa 3 min anschwitzen, dann mit Weißwein ablöschen und mit Orangensaft aufgießen. Das Ganze 5 – 7 min aufkochen lassen, bis der Spargel gar ist, aber noch Biss hat. Das Ziegenkäse-Schlagsahnegemisch oder die vegane Variante dazu gießen, Estragon, Chili und Zitronenabrieb darüber. Alles sämig aufkochen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken, mit Schnittlauch bestreuen und sofort servieren.

Dazu reichte ich mir Weißbrot und einen frisch-fruchtigen Côtes de Tongues, den ich auch zum Kochen verwendete.

Und das Resümee?

Nun, ich habe weder Talent zum Rezepte schreiben, noch zur Food-Fotografie (Es sah wirklich besser aus). Aber dies soll ja auch kein Kochbuch werden. Und, ja: Mir hat es geschmeckt. Estragon darf gerne die­sen Sommer im Kräuterbeet warten …

Montag, 18.03.19

Montag, 18.03.19

Da gibt es diese Carnivoren, die mir als Vegetarier am spanischen Buffett die fleischlosen Tapas, die für mich vorbereitet wurden, wegessen und mir dann kauend und schmatzend lang und breit auseinandersetzen, dass sie nie auf Fleisch verzichten und mich auch nicht verstehen könnten. Wut und Hunger sind zwei Seiten einer Medaille.

*

Darf ich eigentlich die Leser meines Blogs duzen? Mir wurde gerade in einer anonymen Nachricht vorgeworfen, dass dies arrogant und eine Respektlosigkeit sei, die Überheblichkeit eines „Ultra-Intellektuellen, der den Normalsterblichen das Licht des Geistes predigen möchte“. Aber Hallo! Respekt. Solch einen ‚ultra-intellektuellen‘ Satz hätte ich mir nicht ausdenken können. In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall; ich bin weder herausragend intelligent, noch besonders talentiert. Und ich bin auch kein Prediger, denn mir fehlt jedes Sendungsbewusstsein. Und ich duze trotzdem weiterhin, denn ich fühle mich meinen Lesern so nahe, als wären sie gute Bekannte:

Liebe Leserin, lieber Leser. Du nimmst dir die Zeit, an dieser Stelle hin und wieder meine Gedanken und Texte zu lesen und sie ab und an mit einem „Gefällt mir“ zu kommentieren. Ich stelle mir dich während des Schreibens als einen guten und geduldigen alten Freund vor, dem ich von mir und den Dingen, die mich beschäftigen, erzähle. Ich stelle mir vor, wir sitzen nahe beieinander in bequemen Sesseln, nippen ab und an an einem Glas Wein (oder Limonade, wenn du noch fahren musst) und im Hintergrund singen leise Buddy Guy und Ian Anderson.

Einmal schmunzelst du, lachst vielleicht sogar, einmal nickst du ernst und runzelst die Augenbrauen. Ich kann Freude und Zustimmung, manchmal Betroffenheit und Trauer in deinem Gesicht erkennen. Mag sein, dass dich mit ein paar meiner Zeilen und Meinungen geärgert haben und du mich am liebsten wütend unterbrochen hättest, aber du leider keine Gelegenheit dazu hast. Sicher bist du manchmal abgelenkt und hoffst, dass ich endlich zum Schluss komme. Klar, manchmal zieht es sich. Trotzdem lauscht du meinen Monologen weiter, tolerierst meine Fehler  – auch die häufigen Tippfehler – und machst mir das Geschenk deiner Aufmerksamkeit und deiner Zeit. Das ist etwas so Kostbares, dass ich es nicht leichtfertig verschwenden möchte.

*

Ach, ja, den Frühling gibt es ja auch noch … Manche Fotos macht man jedes Jahr aufs Neue und erfreut sich jedes Jahr aufs Neue an ihnen.

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