Aber ein Traum …

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Freitag, 26.07.19 – Am Ende angelangt

Freitag, 26.07.19

Du bist zwar schneller,
aber wir sind im Urlaub.
Aufkleber auf der rückseitigen Tür eines Wohnmobils

Am Ende angelangt

Das ist ein Gespräch, das ich gerade gefühlt fast täglich führe:

„Ach ja, Frau Klammerle und du, ihr macht doch dauernd Urlaub.“
„Tja, wer kann, der kann. In diesem Sommer fahren wir übrigens nach Italien; an den Iseo-See.“
„Ach, nett, da war ich auch schon.“

Es ist merkwürdig: Egal, wohin ich in den Urlaub fahre – alle waren schon vor mir da, aber mir wird es zum Vorwurf gemacht. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sowohl meinem Brotberuf, als auch meiner Schriftstellerei ein neiderweckendes Maß an Freizeit und Faulheit unterstellt werden. Da kann ich nur sagen: Augen auf bei der Berufswahl und mal ein wenig an der eigenen Nase packen. Viele von denen, die mir Faulheit unterstellen, sind selbst nicht unbedingt fleißig und der hartnäckigste Kritiker meiner Freizeitgestaltung, der immer ein spöttisches Wort über meinen Brotberuf findet, ist seit 25 Jahren Frührentner.

*

Doch leider ist auch ein Tropfen Gallebitternis in die nun kommenden Urlaubswochen verrührt.

Also gut, ich bin es leid. Irgendwann in den letzten Wochen kapierte sogar ich hartnäckiger Träumer, dass es so nicht weitergeht, dass alle Arbeit, alle Anstrengung, aller Fleiß und alle Hoffnung vergeblich waren: Ich bin am Ende; meine Flucht vorwärts führte direkt in eine Sackgasse hinein.*

Am Ende? Nun, es gibt heute zumindest ein Staffelfinale ohne Cliffhanger und ohne die vollkommene Gewissheit, ob es im Herbst eine Fortsetzung geben wird.

Wie in jedem Sommer geht mein Blog „Aber ein Traum“ nun für zwei Monate (oder vielleicht auch für viel länger) in die Sendepause.

Ich ziehe mich vollkommen zurück in mein Schneckenhaus (Gut, ein oder zwei Fühler strecke ich noch aus …) oder, um beim Künsterbild zu bleiben: Ich wohe ab heute in meinem privaten Elfenbeinturm. Ich als Autor, der tausende von Seiten geschrieben, 8 Bücher veröffentlicht und hier fleißig gebloggt hat, fühle mich gerade allzu erschöpft und ausgelaugt, deprimiert – in die Enge getrieben und endlich auch besiegt. Mein digitales Anbiedern, die Internetprostitution, das Freundlichtun gegenüber Gleichgültigen und Überheblichen Selbstdarstellern ekeln mich an.

Ich will nun mal wieder analog leben, Kraft schöpfen, meine Ehe und meine Beziehungen pflegen, die Welt (zumindest einen kleinen Teil von ihr) sehen, ohne Verpflichtungen und äußere Zwänge sein. Das habe ich allzulange vermisst. Ich möchte dicke und noch dickere Bücher lesen, unbeeinflusst von Verpflichtungen oder Erwartungen an meinen eigenen Werken schreiben und das eine oder andere Neue auf neue Weise beginnen. Ich will morgens ohne Last und Termine erwachen und den Tag mit Mozart, Vivaldi, Albert King und einer Butterbreze beginnen. Ich will tagsüber Schönheit, Kultur und Kunst in mich aufnehmen, damit sie mich noch im Winter von innen wärmen. Ich will abends mit einem Glas Weißwein (Unser Ferienhaus liegt in einem Weingut) in der Hand auf einer Terrasse an einem See sitzen und zu den noch glühenden nahen Bergen, die mein morgiges Ziel sind, hinübersehen, während die Stille nach Sonnenuntergang etwas Kühle heranwehen lässt und die letzten Schwalben in der hohen Luft pfeifen. Ich will endlich die erschöpfte Melancholie dieses Sommers, in dem so viele Dinge enden, genießen können. Der Blog ruht in der Zeit als Versprechen wie ein schon von weitem sichtbares Storchennest, dessen Jungtiere flügge geworden und dessen Storchenpärchen in den Süden geflogen ist. Das alles will ich – und noch einiges mehr. Wird es mir zumindest im Ansatz auch gelingen? Ich will es versuchen und diese Hoffnung kann mir niemand nehmen. Bis zur Ziehung der Lottozahlen im Herbst bin ich ein Millionär.

Ja, ich bin ein von Selbstzweifeln und Lebensängsten zerfressener Autor und ein unsicherer, überaus schüchterner Mensch. Daher brauche ich Jahr für Jahr diese Ausruhphasen, um weitermachen zu können, mich vom Tonnengewicht meines Scheiterns befreien zu können. Nun, das hat auch sein Gutes: Niemand wird meine Stimme über den Sommer vermissen, denn ich finde ja keine Leser – auch nicht mit diesem Text. Da gibt es seit Wochen keinen, der sich auf meinen Blog verirrt und etwas liest, niemanden, der meine Bücher kauft, keine Kritiker, keine Anhänger, noch nicht einmal Feinde. Das Internet ist mein Totes Meer. Meine Texte dümpeln unbemerkt im Salzwassersee der Gleichgültigen und Uninteressierten. In den letzten Wochen habe ich viele lange Abschnitte meiner Werken überarbeitet und hier gebloggt, teilweise gehören diese Texte zum Besten, was ich als Schriftsteller schaffen kann – sie sind die Früchte harter und intensiver Arbeit. Es war als Werbung für mich selbst gedacht. Doch nichts fand Aufmerksamkeit oder auch nur Gnade, da war kein Publikum. Was bedeuten 150 Follower, wenn sich niemals einer von ihnen auf meine Seite verirrt oder gar einen Dialog mit mir beginnen will? Damit aus meinen Schriften Literatur wird, brauchen sie nur ein, zwei Leser, das Auge des Betrachters. Wenn dieser jedoch fehlt, dann ist alles, was ich mache, eitel und unnütz und der Blog nur ein Papierkorb. Die Mona Lisa ist ein buntes Bildchen, wenn sie im Keller hängt und niemand sie ansieht. Ein Kunstwerk wird nur eines, wenn es sich von seinem Schöpfer löst und betrachtet wird. Meine Texte sind jedoch Angebote, die nicht angenommen werden – aus welchen Gründen auch immer. Deshalb werde ich nicht nur den Blog auf unbestimmte Zeit schließen, sondern auch meine Buchveröffentlichungen zumindest für die nächste Zeit stoppen.

Meine Stimme war nicht laut, doch sie ist heiser geworden und ich muss sie jetzt verstummen lassen. Aber außer mir bedauert das eh niemand.

*

Ich wünsche trotzdem jederfrau (und -mann) eine schöne Sommer- und Ferienzeit, Erholung und Glück im Großen und – wertvoller oft – im Kleinen.

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* Ich weiß, dass es paradox ist, aber ich will in diesem Zusammenhang auf meine Erzählung „crisis“ hinweisen, in der ich schon vor fast vierzig Jahren sehr gut zusammengefasst habe, wie ich mich im Moment in Deutschland und in meinem Leben fühle.

Freitag, 05.07.19 – Was ich schon immer mal sagen wollte …

„Die Deutschen sind übrigens wunderliche Leute!
Sie machen sich durch ihre tiefen Gedanken und Ideen, die sie überall suchen
und überall hineinlegen, das Leben schwerer als billig.
Ei, so habt doch endlich einmal die Courage, euch den Eindrücken hinzugeben,
euch ergötzen zu lassen, euch rühren zu lassen, euch erheben zu lassen, ja euch belehren,
und zu etwas Großem entflammen und ermutigen zu lassen:
aber denkt nur nicht immer, es wäre alles eitel,
wenn es nicht irgend abstrakter Gedanke und Idee wäre.“

Goethe, 1827

Nicht funktionierende Wecker, kaputte Türen, Überreste von Katzenmahlzeiten auf dem Teppich. Seltsame Gewächse in meinem Hochbeet, Klavier spielende Nachbarn, Mücken, Radiosender, Gender-Wissenschaft und Rasenmäher, Weihnachtslieder, Neologismen, merkwürdige Urlaubsorte … und meist ist das Wetter schlecht. Fast beängstigend, über was ich mich schon alles aufgeregt habe – und das war nur eine kleine Auswahl der Emotionen, die für diesen Blog inzwischen zu hunderten Texten geronnen sind. (1)

Mir ist bewusst, dass jedes einzelne meiner Problemchen im dunklen Schlagschatten der oft existentiellen Nöte von anderen Menschen steht und wie ein Hundehäufchen neben einem Alpengipfel wirkt. Die Widrigkeiten in meinem Leben wirken in der Summe von Millionen, ja Milliarden viel grausamerer Einzelschicksale lächerlich nichtig und unbedeutend. Es ist beinahe schon eine Beleidigung für die wirklich Leidenden, wenn ich mich hier auf diesem Blog und speziell in meinen Freitagsaufregern über die unerquicklichen und unerfreulichen Dinge in meinem Alltag echauffiert habe oder darüber, dass wirklich niemand meine Romane liest. In der Regel sind es wirklich nur Kleinigkeiten und Erste-Welt-Wehwehchen – wie das Sohn Nr. 1 formulieren würde -, die mich plagen, aber sie sind eben Teil meiner bürgerlichen Existenz in einem der wohlhabendsten Länder der Welt. Da ich mir selbst am nächsten bin, stehen mir meine Sorgen und Nöte im Mittelpunkt, so gering man sie auch einschätzen mag. Es sind meine Rückenschmerzen, die mich plagen, es sind meine Freunde, zu denen ich den Kontakt verliere. Es ist meine Lebenszeit, die ein unerfreulicher Alltag und eine belastende Arbeit in Windeseile auffressen. Es ist mein verregnetes Wochenende. Mir deswegen ein Jammern auf hohem Niveau vorzuwerfen, ist ungerecht.

Seien wir an dieser Stelle einmal ehrlich: Jedes Leben – auch meines – ist in letzter Konsequenz tragisch. Egal, wie bequem dieses Leben ist und wie lang es noch dauern mag – es verläuft für jeden auf die gleiche Weise: Es bringt für den einen früher, für den anderen später – aber unvermeidbar – den Verlust von allem mit sich, an dem ihm gelegen ist. Am Ende des Weges verliert man sich selbst, Stück für Stück, Zahn für Zahn, Erinnerung für Erinnerung, Mensch für Mensch. Manchen geschieht der Gedächnisverluss schon lange vor ihrem körperlichen Tod. Krankheiten quälen, Träume platzen, Lebensentwürfe scheitern, geliebte Menschen verlassen uns: „Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen, […] Ein Schauplatz herber Angst und abgebrannte Kerzen.“ (2)

*

Oje, hier muss ich unbedingt einen Absatz machen. Ich habe mich verlaufen! Wie bin ich nur in diesen Sumpf gelangt? Und wie ziehe ich mich wieder aus ihm heraus? Mein Haar ist nicht wie das vom Baron Münchhausen zum Zopf gebunden …

Ich erzähle hier nicht von meinen Alltagsnöten, weil ich bedauert werden will. Schließlich mache ich mich doch auch oft genug über meine Missgeschicke und Peinlichkeiten lustig und belache mich selbst, sehe die Komik in den Ereignissen, die ich zuerst tragisch nahm. Ich erzähle von meinen alltäglichen Fehlschlägen, weil ich glaube, dass es ein Vergnügen ist, von den Problemen der anderen zu lesen und sich über ihre kleinen Sorgen zu amüsieren. Das lenkt wunderbar von den eigenen ab.

Heißt es nicht: Wer den Schaden hat, macht die reinste Freude – oder so ähnlich? Ich exhibitioniere meine Sorgen und Missgeschicke nur, weil ich meine Leser unterhalten will. Meine kleinen Klagen sollen ein paar vergnügte Momente lang unterhalten, goutiert und dann vergessen werden – die Glosse als Schokoriegel, als Teil der täglichen Hygiene. Was ich zu bieten habe, fordert ein-, zweimal in der Woche ein paar Minuten Lebenszeit und das kleine Risiko, enttäuscht und gelangweilt (3) zu werden. Sollte diese von mir angebotene Leckerei bei einem Leser einen schlechten oder faden Geschmack im Mund erzeugen, dann bitte ich um Verzeihung. Aber ich glaube, das Preis-Leistungs-Verhältnis meines Angebots ist sensationell. Und nein: Es ist nicht alles schlecht, was nicht so bekannt ist!

Obwohl ich weiß, dass es ein verlogenes Bild ist, sehe ich es noch immer gerne gemeinsam mit der Maus Frederick (4) auf die folgende Weise: Mit meinem Talent, Geschichten zu erfinden und sie zu erzählen, wurden mir ein Farbtopf und ein Pinsel in die Hand gedrückt, mit deren Hilfe ich diese graue, grausame Welt ein wenig bunter tupfen und dem Leser ein Lächeln auf die Lippen zaubern kann.

Auch deswegen habe ich dieses Buch geschrieben. Es ist mein Beitrag dazu, die Welt ein ganz klein wenig besser zu machen.

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(1) Eine Auswahl aus dieser Auswahl ist in meinem Buch „Noch einmal davon gekommen“ nachzulesen. Im Herbst gibt es einen weiteren Sammelband, der „Noch einmal daran gedacht“ heißen wird. Davon morgen mehr …

(2) Andreas Gryphius, Menschliches Elende. Ich rate sehr dazu, mehr barocke Lyrik zu lesen, dort fühle ich zumindest mich sehr heimisch. Die Autoren jender Zeit sind uns um so vieles näher als die Minnedichter vor und die Klassiker nach ihnen. Erst Barock, dann die Moderne, erst Gryphius und Fleming, dann Jandl und Celan. Lyrisch betrachtet, kann man große Teile des 18. und fast das gesamte 19. Jahrhundert getrost vergessen und überblättern.

(3) Seien wir exakt. Kein Text ist langweilig, die Langeweile ist eine Empfindung, die von innen kommt, aus dem Gefühl heraus. Sie wird nie von außen an mich herangetragen, sie existiert allein in mir selbst. Mir ist langweilig, nicht das Buch ist langweilig. Selbstverständlich gibt es viele Texte, dich mich gelangweilt haben, z. B. dieser Adalbert Stifter’sche Nachsommer, in dem edle und gute Menschen in schöner Umgebung 700 Seiten lang – nichts tun. Den halte ich persönlich für eine meiner schlimmsten Leseerfahrungen.  Offensichtlich war ich nicht das Publikum für diesen Text, ich kenne Leute, die ihn mögen. Ich schätze hingegen Arno Schmidt, andere können kaum eine Seite lesen, ohne kopfschüttelnd einzuschlafen.

Zusammengefasst: Ich werde es nie schaffen, einen Text zu schreiben, der niemanden langweilt, das schafft auch Stephen King nicht. Aber ich werde mit meinen Texten immer jemanden finden, für den gerade dieser Text neu ist, interessant ist, der mir Publikum ist. „Gehobene Literatur“, und es ist wahrscheinlich das, was die meisten schreiben wollen, hat immer nur ein kleines Publikum, auch bekannte Autoren können nur ganz selten von dem leben, was sie schreiben, vielleicht ein, zwei Leute pro Generation. Der Rest schreibt, weil er das Bedürfnis hat, seine Sicht der Dinge, seine „Utopie“, weiterzugeben. Wieviel Publikum er hat, ob zehn, zwanzig oder hunderttausend Leser, ist dabei doch nicht von Interesse.

(4) Leo Lionni, Frederick. Unter den ungezählten Kinderbüchern, die ich meinen Söhnen Abend für Abend vorgelesen habe, waren einige – wie eben dieses – von so tiefer Weisheit, dass sie eigentlich zur Pflichtlektüre von jedermann zählen sollten. Andere wiederum … waren der letzte Mist; sie waren merkwürdigerweise oft die beliebtesten.

Sonntag, 12.05.19 – Am Muttertag ist das Internet zu Besuch

Sonntag, 12.05.19

Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand. – Fontane

Dieser hier in Diedorf vollkommen verregnete und mehr als scheußliche Muttertag hat mir laut WordPress-Statistik auf diesem Blog bereits am Vormittag einen grotesk hohen Besucheransturm beschert, der die alte Rekordmarke vom Juni 2013(!) um Längen ausradiert hat. Da jedoch keine aktuellen Artikel aufgerufen, Kommentare geschrieben und keine Links verfolgt werden und dazu auch meine Followerzahlen insgesamt rückläufig sind, muss ich davon ausgehen, dass es sich nur um einen hartnäckigen Suchmaschinen-Bot handelt, der mich indexiert und  heute diesen steilen Berg an Zugriffen erzeugt, den ich manchmal in einem Monat kaum erklimmen kann. Dieser für mich insgesamt recht traurige Tag ist also nur ein Scheinriese; eine statistische Signifikanz, die ich aus den ansonsten eher ernüchternden Zahlen herausrechnen muss. Morgen kehrt sicher wieder Ruhe ein und meine beruhigende Grundannahme, dass ich hier in erster Linie allein und ohne Publikum für mich persönlich schreibe, bleibt unberührt. Ich muss mir also weiterhin keine Gedanken darüber machen, ob meine Notizen politisch korrekt und genderkonform sind oder jemanden triggern, beleidigen oder angreifen könnten.

*

Meine Mutter ist 90 Jahre alt. Seit gut zehn Jahren „lebt“ sie in einem Pflegeheim und ist seit langer Zeit so dement, dass sie das vegetative Leben einer Zimmerpflanze führt. Sie erkennt niemanden, kann sich nicht artikulieren oder Wünsche äußern und starrt von dem Platz, an den sie von der Pflegerin gesetzt wurde, solange in die Unendlichkeit, bis sie einschläft oder weiterbewegt wird. Wenn man sie nicht füttern und ihr eine Schnabeltasse an die Lippen halten würde, wäre sie schon längst verhungert oder verdurstet. Ich weiß nicht, ob sie sich in diesem Zustand wohlfühlt; ich hoffe es, auch wenn ich es bezweifle, denn in den ersten Jahren ihres Pflegeaufenthalts war sie von einem Wahn beherrscht, der ihr unablässig die grauenvolle, zerstörte Umgebung des Berlins des 2. Weltkriegs vorspiegelte. Dies mündete in einem alles beherrschenden Fluchtinstinkt, der sie wie Rilkes Panther unermüdlich tage- und nächtelang auf den Gängen des Altersheims hin- und herwandern ließ, bis sie endlich – endlich! – zu müde dazu wurde.

Ich werde sie heute nicht besuchen, denn diese inzwischen auf die Knochen abgemagerte, katatonische Erscheinung in ihrer Bettengruft ist für mich nicht mehr meine Mutter. Sie selbst hat diesen Körper längst verlassen, stelle ich mir vor; ihre Seele – falls es so etwas überhaupt gibt -, funkelt nicht mehr hinter ihren trüben, erloschenen Augen. Es würde ihr nichts bedeuten, wenn ich heute bei ihr wäre, aber für mich würde es ein Messerstich ins Herz sein, dem ich mich nicht aussetzen will, weil diese kaum verschorfte Wunde sonst niemals heilen kann. Bin ich deshalb ein schlechter Sohn? Ich weiß es nicht. Aber ich bin heute mit meinen Gedanken bei ihr, bei dem Menschen, der sie einmal war und den ich liebe.

Meine Mutter im Januar 1993 in ihren selbstgestrickten Hausschuhen in unserer kleinen damaligen Wohnung in Augsburger Jakober Vorstadt. Im Vordergrund steht mein in seiner Kindheit stets gutgelaunter Sohn Nr. 1, der hoffentlich nicht vergessen hat, seiner Mutter heute nachmittag ein Geschenk vorbeizubringen. Schließlich hat sie in froher Erwartung zwei leckere Kuchen gebacken. Der von allen Kindern heißgeliebte „Mike-Hammer“-Hut, der meinem Ego so wohl tat, wenn ich ihn aufsetzte, existiert leider nicht mehr.

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Samstag, 11.05.19 – Was ich noch sagen will

Samstag, 11.05.19

Ein Ding kommt nur als Erscheinung vor. – Kant
Ding dingt. Ding dingt die Welt. – Heidegger
Ding, dong. – DHL-Paketbote

An diesem Wochenende ziehen die Eisheiligen wie die vier apokalyptischen Reiter mit Regenschauern, Kälte, Sturmböen und Gewitter über mein Dorf hinweg und es ist nichts mit den Träumereien vom „Wonnemonat“, mit den süßen, wohlbekannten Düften, den Liebeleien hinter dem Rosenbusch, den lauen Vorsommerabenden, dem gemeinsamen Familiengrillen auf der Gartenterrasse, den Radausflügen in den nächsten Biergarten oder mit den geplanten Wanderungen im Allgäu. Draußen vor dem Fenster herrscht ein zugegebenermaßen merkwürdig grüner und gelber, aber düsterer und harscher Novembertag. Fifty shades of yellow – der Mai zeigt sich wie so oft von seiner SM-Seite: Ein Tag Zuckerbrot, fünf Tage Peitsche. Es gibt daher für mich keinen Grund, meinen kuschligen Platz in Ofennähe aufzugeben(1). Ich könnte endlich einmal ein paar von den Dingen aufarbeiten, die ich seit längerer Zeit vor mir herschiebe oder einfach nur die Wohnung aufräumen. Doch wahrscheinlich wird wieder einmal nichts daraus. Ich kenne mich; früher war mein Weg mit guten guten Vorsätzen gepflastert, nun führt er über die Faulheit in die Hölle. Falls es noch nicht bekannt sein sollte: Meine Lieblingsbeschäftigung neben dem Nichtstun und dem figurativen Herumstehen in schöner Landschaft ist das Prokrastinieren, das ich seit vielen Jahrzehnten ernsthaft betreibe und es – das kann ich ganz bescheiden sagen – in diesem Fach zu einer Meisterschaft gebracht habe, von der viele Philosophie- und Germanistikstudenten nur träumen können. Beschäftigt aussehen und doch nichts tun, das ist eine hohe Kunst, die ich perfektioniert habe. Und dass sich mein Smartphone nun wieder in meinem Besitz befindet, gerade ein paar Computerspiele, die schon immer zocken wollte, bei Steam im Angebot sind und ein paar meiner Lieblingsserien mit neuen Staffeln zum Glotzen(2) verführen, ist auch nicht gerade  dabei hilfreich, meinen Frühjahrsmüdigkeitssumpf, in dem ich bis zu den Knien im Matsch feststecke, zu überwinden.

Aber das ist Jammern auf allerhöchstem Niveau, zumal ich ja nur vor mir selbst Rechenschaft ablegen muss, wenn ich mit meinen Büchern einfach nicht weiterkomme. Offengesagt geht es mir prima. Mir selbst verzeihen und mich selbst mit Ausreden und kleinen Lügen um den Finger wickeln – das kann ich wirklich gut, auch darin bin ich Meister. Gäbe es den Blog nicht, würde ich mich wahrscheinlich für die nächste Zeit wie ein Bühnenmagier mit einem kleinen „Puff!“ und einem Rauchwölkchen einfach in Luft auflösen. Ich kann wie Lord Mellifont in der Erzählung The Privat Life von Henry James sein, der einfach aufhört zu existieren, wenn er allein gelassen wird oder sich niemand auf ihn konzentriert. (3) Aber auch hier in meinem Onlineleben stapeln sich inzwischen langsam die Artikel, die ich schreiben möchte, mich jedoch nicht überwinden kann, es auch zu machen: Zum Beispiel wollte ich schon immer in einem bissigen Text über die unseligen E-Bikes schimpfen und die Rentner, die mit ihnen schmale Wanderwege emporbrausen. Ich wollte hier ein Loblied auf den Spargel singen, der momentan alle zwei Tage in irgendeiner Form auf dem Speiseplan der Familie Klammer steht und das ultimative Gemüse ist, wenn man es richtig, d. h. bissfest, zubereitet.(4) Ich würde auch gerne über mein Europa schreiben, in dem ich gerne leben möchte; einem freien Land der Regionen ohne Grenzen und Abgrenzungen, in dem die unterschiedlichsten Kulturen sich fruchtbar und friedlich austauschen, sich aneinander bereichern und einander nichts wegnehmen.(5) Ich will darüber nachdenken, dass jeder achte Deutsche nicht schreiben und lesen kann und dass diese 12,5 % offenbar in der Wählerschaft der AfD wiederzufinden sind. Und dass gerade das Lesen die wichtigste Kulturtechnik überhaupt ist und gerade in der jüngeren Generation, die nur noch ein Rudimentär-Deutsch(6) spricht, vollkommen verloren geht. Niemand liest mehr und die Klassiker der Literatur sind nur noch aus den schlechten Verfilmungen bekannt. Doch zu all diesen Texten bin ich viel zu träge. Und dann gibt es da ja noch die Geschichte von „Erwin Erhardt, dem depressiven Erdbeerschnüffler“, an die ich heute mal wieder denken musste. Dessen Job ist es, in einem Lebensmittelkonzern die wässrigen, genmanipulierten Pseudo-Früchte, die gerade wieder überall verkauft werden, zu parfümieren, damit sie zumindest nach Erdbeeren riechen, wenn sie schon nach überhaupt nichts schmecken. Erwin ist der einzige, der diesen Geruch im Labor perfekt künstlich erzeugen kann, aber über seiner stumpfsinnigen Arbeit verliert seinen Geruchssinn – bis er einer Frau begegnet, die für ihn nach – Überraschung! – nach echter Erde und Erdbeeren riecht. Diese Erzählung trage ich schon seit Jahren im Kopf spazieren, ohne sie zu aufzuschreiben. „Erwin Erhard, der depressive Erdbeerschnüffler“, ist nur eine von vielen von mir ersonnenen Figuren, die ich wohl niemals außerhalb meiner Fantasie zum Leben erwecken werde.(7) All diese für mich so lebendigen Personen und Geschichten, die nur mit mir existieren und mit mir sterben werden; ich hoffe, sie können mir verzeihen, dass ich jetzt aufhöre zu schreiben. Denn ich muss noch Spargel einkaufen …

Zum Abschluss will ich meinen alten Kumpel und Wegbegleiter Gotthold Lessing zitieren, denn ich bin zu faul, mir selbst etwas auszudenken:

Lob der Faulheit

Faulheit, endlich muß ich dir
Auch ein kleines Loblied bringen!
O! … Wie … sauer … wird es mir
Dich nach Würde zu besingen!
Doch ich will mein Bestes tun:
Nach der Arbeit ist gut ruhn.

Höchstes Gut, wer dich nur hat,
Dessen ungestörtes Leben …
Ach! … ich gähn! … ich … werde matt.
Nun, so magst du mir’s vergeben,
Daß ich dich nicht singen kann:
Du verhinderst mich ja dran. 

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(1) … den würde sich eh nur meine Katze wegschnappen, die wie ich von diesem Wetter wenig erfreut ist und es als einen gegen sie gerichteteten Affront betrachtet.

(2) Ich weiß, das heißt auf neudeutsch binge watching, also bingen. Aber bei manchen Wörtern bekomme ich einen juckenden Hautausschlag, wenn ich sie benutze.

(3) Unbedingte Leseempfehlung! Eine der besten Gespenstergeschichten, die ich kenne; fast noch besser als The Turn of the screw. In diesem Zusammenhang: Kann man sich in letzter Konsequenz sicher sein, dass diesen Gedankensplitter wirklich Nikolaus Klammer geschrieben hat und es diesen erfolglosen Autor wirklich gibt? Es gibt doch berechtigte Zweifel. Denn schließlich existieren auch diese Texte nur in dem Augenblick, in dem man sie liest. Sonst sind sie Nullen und Einsen auf einer Festplatte.

(4) Nein, ich verkneife mir die Rezepte. Ich will nur anmerken, dass eine Todsünde ist, den Spargel zu zerkochen.

(5) Ist es da nicht geradezu obzön, dass der CSU-Kandidat Weber für die Europawahl damit Werbung macht, dass er mehr Grenzen in Europa will?

(6) Kürzlich hörte ich einen Jugendlichen zum anderen sagen: „Gemmasomäckö?“ Das heißt übersetzt: „Wollen wir gemeinsam zum McDonald’s am Königsplatz gehen?“

(7) Immerhin ist Erwin nun in der Welt. Vielleicht erbarmt sich ja seiner ein Autor, der dies hier liest. Erwin hätte es verdient.

Samstag, 04.05.19 – Ein kleines Jubiläum und ein Nudelbaum

Samstag, 04.05.19

Gestern vor sechs Jahren ging mein Blog mit einem kleinen Artikel online. Heute beginnt mein verflixtes 7. Blogjahr. Ich werde mir am Abend eine Flasche französisches Blubberwasser von der Witwe Clicquot entkorken und mit mir selbst anstoßen.

Und weitermachen …

(Symbolbild)

An diesem Wochenende geriert sich der Mai übrigens recht aprilzickig und nicht unbedingt von seiner vielgepriesenen Wonneseite: Es ist regnerisch, kalt bis an die Nullgrad-Grenze hinunter und für heute Abend ist Schneefall bis in die Niederungen angesagt (1). So soll es auch in der nächsten Woche weitergehen. Ich weiß nicht, ob das schon die leicht verfrühten Eisheiligen sind oder nur eine gewöhnliche Wetterkapriole, aber es fesselt mich ans Haus. Ich habe plötzlich die winterliche Lust auf Tee und dicke Bücher, arbeite mit einer Decke auf dem Sofa sitzend meinen Serienstapel bei Netflix und Amazon Prime ab und verheize die letzten vor dem Winter eingelagerten Buchenholzvorräte. Meine fleißige Gattin hat Wochenend- und Spätdienst und lässt mich leichtsinnigerweise den ganzen Tag unbeaufsichtigt.(2)

Eigentlich müsste ich ja an meinen Romanen weiterarbeiten, ich weiß. Aber da ich immer mehr das Gefühl bekomme, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der sich ersthaft für sie interessiert, bin ich gerade ein wenig in der Schreibkrise und schiebe diese Arbeit vor mir her. Es ist eigentlich egal, ob sie morgen, in einem Monat oder in einem Jahr fertig werden. Für mich existierten diese Bücher ja bereits in meiner Vorstellung und ich schreibe täglich zwei, drei neue – in meinem Kopf. Sie zudem aufs Papier zu bringen und drucken zu lassen, ist zwar eine befriedigende Beschäftigung und es macht mich stolz, meine acht gebunden Bücher in der Hand zu halten oder im Regal anzubeten, jedoch brauche ich mich damit nicht zu eilen, Nr. 9 hinzuzufügen. Keiner wartet ungeduldig und nägelkauend auf Nachschub. Also kann ich auch mal ein Wochenende ohne schlechtes Gewissen faulenzen, die Beine hochlegen und vielleicht auch mal  wieder ein neues Computerspiel ausprobieren.

Selbstgemachte Ravioli mit einer Bärlauchricotta-Füllung.

Und weil das eben so mein blumiger Stil ist, wechsle ich hiermit das Thema: Wir machen unsere Nudeln selbst – nicht immer, aber immer häufiger. Wobei „wir“ selbstverständlich „Frau Klammerle“ bedeutet. Ich bin nur für die niedrigen Dienste zuständig wie das Kurbeln der Nudelmaschine und das Befüllen und Formen der Ravioli. Das bislang größte Problem war es, einen Platz zu finden, wo man die Bandnudeln zum Trocknen aufzuhängen kann. Bislang benutzte meine findige Frau dafür unseren Wäscheständer; doch diese Lösung war ziemlich unbefriedigend und benötigte viel Platz.

Nudeln auf der Wäscheleine

Doch ein Urlaub in Südtirol hat nur Vorteile: Dort gibt es das Beste aus beiden Welten, also neben billigem Prosecco auch italienische Haushaltswarenläden, in denen es praktisch alles gibt. Deshalb sind wir nun glückliche Besitzer eines hochwertigen und original italienischen Bandnudelständers, der geschmackvoll mit unserer Kücheneinrichtung harmoniert und auch an Weihnachten mit Christbaumkugeln behängt unser alljährliches „Brauchen wir einen Baum oder nicht?“-Dilemma löst. Ein Spötter mag behaupten, ein „Nudelbaum“ sei so sinnvoll wie ein Tischstaubsauger, ein Lockenwickler, ein Thermomix, eine Donut-Maschine oder eine die Filmmusik aus dem Paten pfeifende Eieruhr (die gab es in dem Haushaltsgeschäft ebenfalls, doch Frau Klammerle hat mir leider verboten, sie zu kaufen), aber der hat eben keine Ahnung. WIr lieben dieses Ding.

Übrigens gibt es bei mir heute Abend zum Champagner diese Bandnudeln mit einer fruchtigen Paprika-Tomanten-Sauce.

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(1) Der Schnee ist für mich allerdings auch ein gewichtiges Argument. Da habe ich eine gute Ausrede, hier an meinem PC zu sitzen und diesen Text zu tippen und muss nicht die Reifen an Frau Klammerles Bonsai-Auto wechseln, was ich schon seit geraumer Zeit vor mir herschiebe. Allerdings muss ich heute Nacht überwinterte Geranien, sämtliche Blumenkästen und Pflanzeimer, die meine ungeduldige Frau Flora verfrüht angepflanzt und auf der Terrasse ausgesetzt hat,  vom Garten ins Wohnzimmer schleppen, damit den zarten Pflänzchen nicht der böse Frost den Garaus macht. Dazu gehört auch ein gefühlte zehn Tonnen schwerer Feigenbaum (bitte nicht mit dem Nudelbaum verwechseln!) in seinem massiven Tonkübel.

(2) Lieber aufmerksamer und an dem Schicksal meiner Familie interessierter Leser, den ich mir jedesmal vor meinem inneren Auge vorstelle, wenn ich hier schreibe: Du weißt ja, sie ist seit bald 40 (!) Jahren Kinderkrankenschwester auf einer Frühgeburtenintensivstation und in ihrem äußerst verantwortungsvollen, psychisch und pysisch an die Grenzen gehenden Beruf geht es jeden Tag um Leben und Tod. Trotz Intensiv- und Wochenendzuschlag und häufigen Nachtwachen verdient sie im Monat ein Drittel weniger als ich, der ich mir in meinem Teilzeit-Brotberuf mit geregelten Arbeitszeiten und freien Wochenenden nicht gerade ein Bein ausreiße. Zudem muss sie einen nicht unerheblichen Teil ihres Einkommens zur Vorsorge aufwenden, damit sie durch ihre erbärmliche staatliche Rente nicht irgendwann in die Altersarmut rutscht. Diese geradezu obzöne Ungerechtigkeit betrifft alle sozialen Berufe und ist einer der Würmer, der den Apfel unserer Gesellschaft, die immer mehr auf diese selbstlosen Menschen angewiesen ist, faul macht. (Das Reinvermögen von Frau Klammerles kirchlichem Arbeitgeber betrug im letzten Jahr übrigens 1,36 Mrd. Euro – aber das nur am Rande.)

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