Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Diese Sommerlektüren (2) – Cesare Pavese

Es wird andere Tage geben,
andere Stimmen werden sein.
Ganz alleine wirst du lächeln.
Cesare Pavese, The cats will know

Manchmal brauche ich eben ein wenig Halt in diesem leeren Kosmos, dieser gleichgültigen, im wörtlichen Sinn Gott-losen Welt, in der mich die Dinge nicht beobachten, mich nicht beachten, ja, nicht einmal ignorieren. Gut und Böse, Trauer, Freude, Liebe, Wut, gar eine Moral: Sie werde ich unter ihnen vergeblich suchen. Wenn ich einmal ermüdet sterbe, werde ich mich wandeln; endlich ebenfalls in ein leeres, gleichgültiges Ding.

Wenn mich die nüchterne Interesselosigkeit der Welt niederdrückt und die abweisende Kälte der am Nachthimmel funkelnden Sterne deprimiert, wird mir mal wieder deutlich, wie einsam ich in diesem Universum bin. Dann erwachen Selbstmitleid und der Künstler in mir, denn andere Konsequenzen erschrecken mich. Ich beginne ungeschickt wie ein Mensch der Steinzeit, meine Fingerabdrücke auf den Oberflächen der Dinge zu hinterlassen, sie zu prägen. Auch wenn sie nur ein schnell vergehender Fettglanz sind, ich habe sie doch berührt. Ich schaffe mir Totems und Idole, personifiziere Gegenstände und Ideen, eine Religion: Ein Nagel ist ein Nagel, aber vier Nägel ergeben bereits ein Kreuz. (1)

Wenn ich die Jahreszeiten personifiziere, um sie persönlich ansprechen oder beschimpfen zu können, denke ich mir den Sommer immer als eine ältere Frau, die dem Glanz und der Schönheit ihrer Jugend hinterher weint. Die Sommerfrau dieses Jahres ist bisher eine strenge, alles unter ihrer Wucht erdrückende Herrscherin, zumindest hier unten im seenreichen südlichen Deutschland zwischen der hier noch jungen und rassigen Frau Donau und den stolzen, arroganten Alpengipfeln, nahe jener pfahlbürgerlichen Renaissancestadt, deren Bewohner von ihr behaupten, sie wäre die nördlichste Italiens – als wäre damit irgendetwas bewiesen. Frau Sommer ist in diesem Jahr eine Domina, die ein SM-Spielchen mit Zuckerbrot und Peitsche aufführt, wobei sie lieber die Peitsche schwingt und – um es mit einer der drolligen Formulierungen des Wetterberichts auszudrücken – „markantes“ Wetter mit sich bringt. Endlose, hitzige Sonnentage, dazwischen heftige Gewitter. Sie fallen kaum ins Gewicht, da sie nicht für die erhoffte Abkühlung sorgen, sondern die Luft weiter mit klebriger Schwüle schwängern. Dann drückt wieder die Last des Thermometers auf uns.

Habe ich dich nun in die richtige Stimmung gebracht, lieber von mir imaginierter Leser, der für mich nur als seltener Pixelstrich auf dem glatten, spiegelnden Bildschirm meines Netbooks erscheint, während ich im Schatten meines Kirschbaums schreibe? Dann folgt jetzt eine

Sommerlektüre-Empfehlung

Habe ich eigentlich schon einmal Cesare Pavese (1908 – 1950) gelobt, aus dessen letzten Gedicht vor seiner Selbsttötung an einem weiteren schwülen Sommertag die oben zitierten, mich immer wieder aufs Neue erschütternden Zeilen stammen?

Seltsam, obwohl der große italienische Dichter einer der prägenden Autoren für mich ist, habe ich ihn bislang wirklich in meinem Blog vernachlässigt. Das ist eine geradezu sträfliche Unterlassung. Ich kenne eigentlich keinen weiteren Schriftsteller, der seine Prosa und seine Gedichte so konsequent und konzentriert geschrieben hat und dem es so eindringlich gelingt, komplette Geschichten mit ein paar lakonischen Worten und alleine zwischen den Zeilen zu erzählen.

Das wird vor allem bei seinen Kurzgeschichten deutlich, die als zweibändige Taschenbuchausgabe bei Claasen und in drei Bänden antiquarisch z. B. von Fischer erhältlich sind. Meist spielen sie in endlosen, bewegungslosen Sommertagen in den Hügeln des Monferrato, einem bäuerlichen, patriarchalischen Regeln unterworfenen Land, das sich sanft hinter der zu Paveses Lebzeiten noch grauen Arbeiterstadt Turin über der Po-Ebene erhebt, wo „bitterer Reis“ und Mückenschwärme gezüchtet werden, die wie schwelende Gewitterwolken über die Dörfer herfallen. Hier oben ist die Welt noch eine archaische. Sie ist voll von Geißeln, Idolen und Totems, überall sind Tabus und halbvergessene Mythen zu finden. Es ist eine Welt, in der Individuen gebrochen werden wie das vertrocknende Getreide auf den von einer unbarmherzigen Sonne beschienenen Feldern; auf der das Blut so dunkel und schwer fließt wie der Wein, der hier gekeltert wird.

Davon zu erzählen, gelingt Pavese in unnachahmlicher Weise auf manchmal nur zwei, drei Seiten Text. Wer Blut geleckt hat und mehr will, sollte sich an seine kurzen, aber konzentrierten Romane halten, deren poetische Titel schon Bände sprechen und zusammenfassen, was ich eben wortreich ausführte: „Der junge Mond“, „Der Teufel auf den Hügeln“, „Die einsamen Frauen“, „Der schöne Sommer“, „Unter Bauern“. In seinen Kurzgeschichten und Erzählungen ist Pavese allerdings auf dem absoluten Höhepunkt seines Schaffens. Wer also nicht die Aufmerksamkeitsspanne besitzt, einem längeren Erzählfaden zu folgen, aber zwischen Sonnenliege, Eincremen und Baden im Meer nicht den üblichen Liebes-Vampir-SM-Thriller, sondern Literatur von Weltrang lesen möchte, ist bei Paveses kurzen Texten gut aufgehoben.

Freilich habe ich auch ein paarmal versucht, wie Pavese zu schreiben. Ein Ergebnis kann im Anschluss bestaunt werden:

*

Diese klassische Short-Story, in der ich ursprünglich versuchte, den knappen Stil Cesare Paveses nachzuahmen, hat eine lange Geschichte: Zuerst war sie Teil meines Romans „Das Spiel“ von 1983, wurde dann 2001 von mir extrem gekürzt und bei einen Wettbewerb des Wolkensteinverlags, Magdeburg unter dem Titel „Der Badeplatz“ eingereicht. Ich habe sie jetzt noch einmal ein wenig verändert. Die Illustration ist ein Ausschnitt aus dem Bild „Kiesbank“ von dem in Ulm wohnenden Maler Thomas Becker, der seine großformatigen und großartigen Landschafts-Traumbilder gerade in der Nähe von Ulm ausstellt.

*

Kleine Veränderungen

Diese Geschichte hat mir Vitalij erzählt. Er meinte, sie sei zwei desillusionierten Männern würdig, die in einem ausgetrockneten Flusslauf spazieren gehen und mit ihren Füßen den Sand ihrer Erinnerungen aufwühlen:

Die Schulbehörde hatte sich endlich dazu durchgerungen, die großen Ferien auf vier Monate auszudehnen. Vitalij, übrigens der schlechteste Schüler meiner Klasse, ein in jeder Beziehung dürrer Junge, verbrachte diese geschenkte Zeit mit seinen Freunden Stefan und Burak unten am Fluss. Nur dort waren die heißen Julitage erträglich. In jenem Sommer lastete die Hitze zwar schon staubschwer auf der Stadt, aber über die heute üblichen Wasserrationierungen wurde nur diskutiert. Man konnte auch noch ins Freie gehen, ohne größere Vorkehrungen treffen zu müssen.

Die drei Freunde trafen sich jeden Vormittag am Ostufer der Staustufe. Sie war nahe bei den Hochhäusern, die bereits mit Hitzeschlieren getüncht waren. Dort wohnte der quirlige Stefan bei seinen beiden Vätern. Obwohl er damit den kürzesten Weg hatte und jedesmal hektisch und außer Atem zum Wehr herunter geradelt kam, mussten die anderen immer auf ihn warten. Stefan konnte überhaupt nicht anders als unpünktlich sein. Meist war Burak der erste am Treffpunkt. Er ließ die Füße ins Wasser hängen, sein Rad in Griffweite abgestellt. So harrte er geduldig. Seltener kam Vitalij zuerst. Er war nur vor Burak da, wenn er bereits am Morgen mit seiner Mutter Streit bekommen hatte.

Nachdem Stefan geduldig die üblichen Vorwürfe der anderen über sich hatte ergehen lassen, stiegen sie auf ihre Räder und folgten dem Uferweg flussaufwärts. Sie ließen sich auf der kurzen Strecke zu ihrem Ziel viel Zeit, es war angenehm, die Räder im fleckigen Schatten der Bäume rollen zu lassen und sich vom Fahrtwind den Schweiß kühlen zu lassen. Die Freunde waren zu einer sehr unzugänglichen Stelle unterwegs. Es war eine Kiesbank im Fluss, an der sie allein nackt sonnen und baden konnten. Burak hatte sie vor einigen Wochen durch einen Zufall entdeckt, als er nach einer verflogenen Frisbeescheibe forschte: Diese schmale Landzunge im Fluss war nur zu Fuß durch einen engen Pfad in dichtem Gestrüpp und eine wagemutige Klettertour den Hang hinab zu erreichen. Vitalij war sicher, dass es an dieser Stelle im letzten Jahr noch keine Kiesbank gegeben hatte. Sie wäre ihm bei seinen Bootsausflügen aufgefallen. Er nahm an, sie sei erst im Dauerregen des Winters durch eine seltsame Laune des Flusses aufgeschwemmt worden.

Kiesbank

Die Freunde hatten niemandem von ihrem Badeplatz erzählt, das war ihr Geheimnis. Auch wenn sie häufig abends mit Bekannten und Mädchen am Flussufer grillten, tranken oder Computer spielten, sie führten nie jemanden an ihre Stelle. Obwohl ich Vitalij bei diesen Gelegenheiten häufig traf, wusste ich ebenfalls nichts von der Kiesbank. Sie war nur für die drei bestimmt, für die langen, heißen Nachmittage jenes Sommers. Hier lagen die drei Jungen den ganzen Tag über, sonnten und unterhielten sich. Manchmal lagen sie still da und lauschten den Vögeln, die in den Zweigen über ihnen saßen und die Klingeltöne von Handys nachahmten. Wenn ihnen zu heiß wurde, sprangen sie gemeinsam in den Fluss, ließen sich in der starken Strömung ein Stück hinab treiben. Im spärlichen Schatten der vertrockneten Erlen kletterten sie dann über die klobigen Ufersteine wieder zu ihrem Badeplatz zurück. Trotz der Sunblocker wurde ihre Haut im Verlaufe der Ferienmonate dunkel, fast ledrig. Sie waren stolz auf diese nahtlose Bräune, auch wenn sie sie, außer sich gegenseitig, niemandem vorführen.

Burak war der schweigsamste der drei. Nur selten er hörte zu, wenn sich Vitalij und Stefan über ihre Chat-Erlebnisse im Internet austauschten; meist las er konzentriert in den dicken, seltsamen Büchern, die ihn interessieren.

Erst spät am Abend, wenn mit der untergehenden Sonne der Hauch einer Abkühlung über den Fluss wehte, kletterten sie durch das Ufergestrüpp zu ihren Rädern zurück.

Die Idylle konnte nicht ewig währen. An einem Tag am Anfang des Augusts warteten Burak und Vitalij am Treffpunkt vergeblich auf Stefan. Die beiden mussten schließlich allein zur Kiesbank radeln. Da Vitalij mit Burak allein nicht viel anzufangen wusste, wurde ihnen schnell langweilig und sie trennten sich früher als sonst üblich. Am nächsten Tag ließ Stefan die beiden wieder vergeblich auf sich warten.

Doch als sie zu der Kiesbank kamen, war er bereits dort. Er war nicht allein. Er hatte ein Mädchen mitgebracht. Er küsste es demonstrativ, als er die anderen kommen sah. Burak übersah Stefans Freundin kommentarlos. Er ließ nur seine Badehose an, als er sich etwas abseits auf den Kies legte und nickend eines seiner Bücher hervorzog. Vitalij wurde jedoch sofort wütend. Er fühlte sich betrogen und winkte Stefan zur Seite. „Warum hast du das getan?“, fragte er scharf, eine abfällige Handbewegung in Richtung des Mädchens machend, das sich gerade auf den Bauch legte und dabei die Träger ihres Badeanzugs von den Schultern streifte.

„Diese Stelle sollte doch eine Sache zwischen uns dreien bleiben, unsere Zuflucht.“

Stefan zuckte abgelenkt mit den Schultern. Er ließ seine Freundin keinen Moment aus den Augen.

„Na und? Das ist jetzt anders. Sie ist meine Freundin. Ich nehme sie überall hin mit. Das hat sich eben geändert. Was ist daran schlimm?“

„Ich will nicht, dass sich etwas ändert. Ich will, dass es so bleibt, wie es ist“, erwiderte Vitalij. Am meisten enttäuschte ihn, dass er diesen einfachen Sachverhalt auch noch erklären musste. Stefan sah ihn nun zum ersten Mal an. Einen Augenblick wirkte er erstaunt, dann lachte er.

„Das soll wohl ein Witz sein! Wir sind keine kleinen Kinder.“ Nein, er begriff noch immer nicht, was Vitalij eigentlich wollte. Genauer gesagt, er hatte nicht überhaupt nicht vor, seinen Freund zu verstehen. Vitalij wusste keine Worte, keine Entgegnung, die sinnvoll gewesen wären. Was blieb ihm übrig? Er schlug dem Freund mit der flachen Hand ins Gesicht. Stefan taumelte überrascht rückwärts. Vitalij setzte nach. Stefan verteidigte sich, nun selbst voller Wut. Bevor Burak oder das Mädchen eingreifen konnten, rangen die beiden miteinander, lieferten sich ein verbissenes Handgemenge. Endlich rollten sie ineinander gekrallt in das an dieser Stelle recht tiefe Wasser. Um nicht gemeinsam unterzugehen, mussten sie sich trennen. Vitalij ließ von Stefan ab und schwamm so würdevoll, wie es ihm möglich war, davon.

Nach geraumer Zeit kehrte er zu der Kiesbank zurück, fand er aber nur noch Burak vor. Stefan und seine Freundin waren längst gegangen. Eine Weile leckte Vitalij noch klagend seine Wunden. Burak ging nicht auf ihn ein, er starrte ohne zu lesen in sein Buch. Dann sagte er:

„Niemand kann zweimal in den gleichen Fluss steigen.“

Es war das letzte Mal, dass Vitalij mit den beiden zusammen beim Baden war. Auch zur Kiesbank ging er nie mehr. Von dem Tag an bis zum Beginn des neuen Schuljahres traf er sich mit uns anderen im Freibad. Natürlich hat er sich später mit Stefan versöhnt. Sie schwiegen den Vorfall tot. Vitalij musste sich eben daran gewöhnen, dass die Freundin, bis sie sich von Stefan trennte, immer dabei war. Mit Burak trafen sich weder er noch Stefan wieder. Es war ihnen beiden peinlich, wenn sie ihm zufällig begegneten.

So hat Vitalij mir diese Geschichte erzählt. Das sei eine alte, eine sentimentale Geschichte, meinte er noch. Aber sie sei immer wieder neu.

*

Und um diesen heftigen Flirt mit dem Selbstmitleid mit Paveses letztem Tagebucheintrag vom Tag seines Todes zu enden:

All das ist ekelhaft.
Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben.

Diese Sommerlektüren (1) – Alice Munro

Alice Munro hat heute Geburtstag. Ich habe vor ein paar Jahren nach der Vergabe des Lite­raturnobelpreises an die kanadische Autorin neugierig in meiner hinteren Wohnzimmerbü­cherwand gesucht und wurde zu meinem Erstaunen an ungünstiger Stelle hinter dem Sofa zwischen weiteren mehr oder weniger prominenten Na­men fündig.

Munro1

Beim Herausziehen des Bandes musste ich erst ein­mal eine ordentliche Staubschicht vom Kopfschnitt blasen. Das verwendete billige Papier war an den Rän­dern gelb nachgedunkelt und daher wirkte das Ta­schenbuch wesentlich älter als die dreißig Jahre, die es trotz vieler Umzüge die meiste Zeit relativ unge­stört und in Frieden in dem Regal ruhte, nur ab und an etwas nach rechts oder nach unten rutschen muss­te, weil ein neuer Band alphabetisch korrekt einge­ordnet sein wollte. (1) Mein leicht ramponiertes Taschenbuch des Werks stammt aus dem Jahre 1983 und ich habe es wohl Mitte der 80er gelesen, was an den gleichmäßigen Knicken im Buchrücken erkennbar ist. Damals pfleg­te ich diese Marotte, ein Buch exakt alle 50 Seiten aufzuknicken und ich will jetzt keine Kommentare über neurotische Zwangshandlungen hören.

Der Band, der zwar 1998 und 2005 noch eine Neuauf­lage bekam, ist heute, wenn überhaupt, nur noch an­tiquarisch erhältlich und wird bei Amazon als zerle­senes Exemplar ernsthaft für 30 €(!) angeboten.(2) Es ist aber zu erwarten, dass es demnächst zu einem Nachdruck kommt. Mit einem Nobelpreisträger ist nur zeitnah Verdienst zu machen; nach zwei Wochen ist er vom Publikum bereits wieder vergessen. Oder wer kauft heute noch Bücher von Mo Yan oder gar Tomas Tranströmer (falls sich überhaupt noch jemand an den Lyriker erinnert)?

Mir geht es ähnlich: Ich hatte jahrzehntelang kein In­teresse an der Munro, obwohl sie mir doch mit ihrem Beharren auf der kurzen Form sympathisch ist, die ja im Gegensatz zum Roman eigentlich eine zeitgemäße, aktuelle ist. Sie hat einen einzigen, lange Zeit ebenfalls nur an­tiquarisch erhältlichen Roman geschrieben: »Kleine Aussichten«(3).

Wäre die Autorin nicht plötzlich durch das schwedi­sche Komitee geadelt worden, hätte ich »Das Bett­lermädchen« aus Platzgründen demnächst im Bü­cherschrank im Augsburger Hofgarten ausgesetzt.

Munro2Alice Muro
Das Bettlermädchen
Ullstein-Taschenbuch, 1983

Auf der Rückseite dieses extrem billig produzierten, broschierten Bandes, der außer der Titelstory noch neun weitere Kurzgeschichten um ihre Protagonisten Rose und Flo versammelt, also auch als Episodenro­man gelesen werden kann, wird die Munro noch als junger, aufstrebender Stern beschrieben. Es werden Joyce Carol Oates (deren Literatur, wenngleich leicht trivialer, der Munro’schen doch recht nahe kommt) und eine Journalistin der Zeit zitiert. Die erste lobt sie mit Worten, als würde sie über sich selbst schrei­ben (was sie vielleicht auch tat), die andere schmeißt mit den üblichen nichtssagenden Worthülsen aus meinem Kritikerhandbuch um sich: »Wie kann man lieben, wie kann man leben, warum handelt man so und nicht anders? Es sind beunruhigende Erzählun­gen voller Zweifel und Melancholie, aber auch voll Selbstironie und Witz.« Darüber zeigt ein Schwarz­weißfoto die inzwischen greise Autorin als energische Vierzigjährige, deren »Frisur« sich seit damals nur farblich verändert und eingegraut hat.

Warum ich das erzähle? Nun, ich kann mich absolut nicht mehr an diese zehn Geschichten erinnern. Nicht einmal eine Ahnung oder ein Geschmack sind übrig. Viele Bücher hinterlassen auch nach Jahrzehn­ten einen Stempel im Gedächtnis, »dass man ihre Luft noch atmet, in ihrem Rhythmus noch schwingt, auch wenn ihr Inhalt, Fabel und Szene längst in der Erinnerung verblasst ist«, um einmal den großen Ja­kob Wassermann zu zitieren. Munros Short-Storys er­reichten das bei mir nicht, sie drückten mir keinen Stempel auf. Ich habe sie gelesen und vergessen, so­gar das Buch verschwand aus meiner Erinnerung, bis ich es in meinem Regal wiederfand. Ich habe probe­weise die erste Geschichte »Eine fürstliche Abrei­bung« gelesen, doch ihr Inhalt war absolut neu für mich: Sie erzählt vom erfolglosen Versuch Flos, erzie­herisch auf ihre Stieftochter Rose einzuwirken und leidet ansonsten darunter, die erste einer Reihe zu sein, also erst einmal eine Vielzahl an Figuren ein­führen zu müssen.

Daher werde ich meinen Essay

Ausführliche Handreichung, wie man eine Kritik schreibt,
ohne das Buch gelesen zu haben

abwandeln müssen:

Ausführliche Handreichung, wie man eine Kritik schreibt,
ohne das Buch gelesen zu haben,
oder sich absolut nicht mehr erinnern kann,
das Buch jemals gelesen zu haben

Genau das habe ich heute getan.

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(1) Inzwischen scheue ich bereits den Kauf von Autoren, deren Namen mit ‚A‘ oder ‚B‘ beginnen, weil ich sonst zwei Stunden mit Bücherrutschen beschäftigt bin.

(2) Falls jemand diesen Band für 29,99 € + Porto bei mir erwerben will: E-Mail mit Adresse genügt.

(3) Dieser Satz taucht in allen Agenturmeldungen und Kommentaren auf, er hat allerdings immer ein verächtlich machendes, herablassendes Wörtchen mehr, das deutlich macht, dass Kurzgeschichten in Deutschland nicht geschätzt werden, weil das Vorur­teil besteht, der Autor hätte sich keine Mühe gege­ben: »Alice Munro hat nur einen Roman geschrie­ben«. Hierzulande zählen allein Romane; der Deut­sche Le­ser achtet wie immer auf das Preis-Leistungs-Ver­hältnis, das ihm nur bei fetten Erzählungen oder bei einer von einem unfähigen Ghostwriter verfassten Sch***-Autobiografie wie der von Herrn Becker stim­mig scheint. »Man vergisst in Deutschland nichts ge­schwinder als gute, weise und verständige Bücher.«

Der Oktopus (eine Kurzgeschichte a la Heun)

Heute hat ein guter Freund von mir Geburtstag; ein Freund, den ich in den letzten Jahren leider etwas aus den Augen verlor (oder er mich, wie man es auch betrachten will). Selbst wenn wir uns leider in vielerlei Hinsicht voneinander entfernt haben: HD, ich denke heute an dich und feiere schön dort oben in deinem niederbayerischen Paradies zusammen mit 264 rothaarigen Feen! Den Prosecco habe ich schon auf Eis gelegt.

Du weißt es: Diese Geschichte habe ich dir gewidmet.

*

Es folgt nun ein Capriccio im literarischen Stil meines Freundes Hans-Dieter Heun aus meiner umfang­reichen Texthalde. Ich weise in diesem Zusammenhang noch einmal auf seine Romane hin, die wirklich humorvoll und lesbar. Und schon lasse ich wie automatisch das Hilfszeitwort am Ende des Satzes weg; eine Auslassung, die den Heun’schen Stil maßgeblich prägt und unverwechselbar macht. Ich kann eben nicht nur Balzac nachmachen.)

Der Oktopus
Ein Capriccio(1) ala Heun

Ein Vorzug meines Rentier-Lebens (das ist jetzt nicht mit Rentier-Fleisch zu verwechseln, das zäh und tranig – ganz anders als der Rentier auf Tabor, wo zu wohnen ich das wohl verdiente Schicksal habe) ist das Glück, für und mit Freunden zu kochen – mit ihnen den besonderen Au­genblick: den einen Schluck, den einen Bissen teilen. Wenn dann mein lieber Freund und Trauzeuge – fast hätte ich Kupferstecher gesagt -, nämlich der bekannte Autor Ni­kolaus M. Klammer, seinen Besuch zu Silvester ankündigt: Dann ist dies des Glückes fast zu viel. Aber ist nicht je­der seines Glückes Koch?

Nichts weniger als ein Silvestermenü sollt’s also sein – und ein besonderes dazu. Der Herr Kupferstecher ist nicht allem Fleischli­chen abhold, kaut es aber nur ungern zwischen den Zäh­nen (wenn es einmal tot), jedoch ist er nicht bayeri­scher als der Papst und neben den Früchten des Ackers auch denen des Meeres zugeneigt – isst also neben Obst und Gemüse immer wieder einmal alles, was schwimmt. Da ich nicht erneut ein Zicklein in den Teich hinterm Haus werfen wollte – die armen Goldfische sind vom letzten noch durcheinan­der – ließ ich mir vom Münchener Großmarkt in aller Herrgottsfrühe einen hundsgemeinen Oktopus besorgen, der sich allerdings als sau-gemein herausstellte.

ERSTES GEDICHT VOM OKTOPUS

Ein Oktopus, ein Oktopus,
acht Arme hat er und kein’ Fuß,
ist die Speise, die man servieren muss.
Denn glücklich wird ein jeder Tisch,
belädt man Teller mit Tintenfisch.

Ein Oktopus, ein Oktopus,
ist ein wahrer Hochgenuss,
wenn er zart wie ein Zungenkuss.
Wird er dir gelingen,
werden deine Freunde Hymnen singen.

oktopusSo, nach dieser lyrischen Einlage tun wir was für die Bil­dung: Die fälschlich als Polypen bezeichneten Kraken – Octopoda vulgaria – italienisch Polpo – gehören zur Fa­milie der Kopffüßer und sind nicht mit Kalmaren oder Tintenfischen zu verwechseln … Sie wissen schon, jenen schlabberigen, fetttriefend frittierten Gummireifen, die Sie gemeinsam mit matschigem Majonäse-Knoblauch-Brei beim Italiener um die Ecke serviert bekommen.

Die lernfähigen Achtfüßer haben bezeichnenderweise 8 (in Worten: Acht) Arme und erreichen eine Gesamtlänge bis über 4 Meter. Für Bodenhaftung auf glatten Flächen sorgen reihenweise Saugnäpfe. Oktopussy ist ein nacht­aktiver Einsiedler und labt sich an Krebsen und Muscheln, der alte Feinschmeck, der … Er kann sich farblich der Umgebung anpassen und, wenn er sich nicht festgesaugt hat, pfeilschnell sein (wir reden noch vom Kraken und nicht von der Erbschaftssteuer). Die äl­testen Vertreter der achtarmigen Tintenfische tauchten vor etwa 264 Millionen Jahren auf. Genug der Bildung. Merken Sie sich die Zahl Acht. Das genügt.

Während am frühen Nachmittag der Besuch nebst mei­ner Gattin im Thermalbad zu Bad Birnbach bei 34° warmem Wasser pochierte, hatte ich Ähnliches mit dem achtarmigen Mittelpunkt der heutigen Tafel im Sinn.

Falls Sie alles nachkochen wollen (aber lesen Sie auf je­den Fall vorher zu Ende): Man nimmt den Kraken, spült ihn und schneidet den Kopf ab, was nicht ganz einfach, denn er sitzt zwischen Armen und Körper. Den Kopf wirft man weg (oder kocht ihn mit und erfreut später mit ihm diese Mistviecher von Kat­zen in der Gegend). Vom Sack zieht man die Haut ab, stülpt ihn um und entfernt die Innereien. Das Kauwerk­zeug zwischen den Fangarmen wird ebenfalls herausge­schnitten.

Fischer schlagen den Kraken nun gegen brandungsumbrauste, salzüberkrustete Felsen. Dem Oktopoden fehlt jedes stützende Skelett, deshalb haben seine Arme (8 Stück!) ein Eiweißgerüst aus elastischen und ver­zweigten Proteinen, die dem Bindegewebe von Landtie­ren ähneln. Durch die Gewalt platzende Zellen setzen Enzyme frei, die die Eiweißfasern zerschneiden und den Kraken zarter machen. Wenn wir das Eiweiß so behan­deln, dann wird eine Delikatesse daraus. Da ich nur we­nige Felsen mein Eigen nenne, klopfte ich meinen Okto­poden über dem Rand der Wanne im Badezim­mer windelweich. Sie können diese Arbeit auch auf Ihrer Küchenplatte, der edlen Travertinstein-Terrasse oder an den Säulen Ihres Vestibüls erledigen; wichtig ist, dass Sie wirklich brutal und rücksichtslos.

Haben Sie auf diese Weise Oktopussy fix und fertig gemacht, schneiden oder zerschnipseln Sie 4 Karotten, 1 Zwiebel, ¼ Sellerie, eine Stange Lauch, ½ Fenchel und bringen alles in ei­nem schweren Topf mit ca. 1 ½ l Wasser, ¾ l trockenem Weißwein, 4 Lorbeerblättern und 4 kleinen scharfen Chilischoten zum Kochen. Manche Köche legen noch alte Wein­korken ins Kochwasser, sie sollen feste Verfilzungen und Gummitextur des Fleisches ver­hindern. Am wichtigsten ist, einen Oktopus sanft zu dünsten oder knapp unter dem Siedepunkt zu pochieren, damit sich die Proteine langsam auffalten, lockere Netze bilden und Wasser binden. Sie können alle Techniken kombinieren, entscheidend ist die sensible Temperatur­steuerung. Und lassen Sie sich drei bis vier Stunden Zeit – mindestens.

Day of the tentacleKommen wir zur Katastrophe: Der Begriff Krake kommt aus dem Norwegischen und bezeichnet ein Seeungeheu­er, das trinkfeste Seeleute im Mittelalter entdeckten. Vieles spricht dafür, dass Homer in der Scylla einen Kraken beschrieb.

Meine Scylla entpuppte sich als wür­diges Monster! Während ich sie vorsichtig köcheln ließ, wurden die acht Arme nicht weicher, sondern kleiner – schrumpelten wie der beste Freund des Mannes nach ei­nem Sprung in eiskaltes Wasser. Ursprünglich über ei­nen Meter groß (der Krake, nicht der Freund), war der saugemeine Oktopus nach einer Stunde im Topf um die Hälfte geschrumpft!

Das war kein Hauptgericht mehr, der Oktopus disqua­lifizierte sich zur kleinen Vorspeise. Aber ein Koch, der sich nicht zu helfen weiß, ist keiner. Der Freund und die Gat­tin planschten noch einige Stunden im Lauwarmen – ge­nug Zeit, umzuplanen: Tintenfischrisotto oder ein lecke­rer Salat ließ sich aus dem Tierchen auf jeden Fall noch gewinnen, wenn es nur endlich Mitleid mit mir hätte und sich er­weichen würde. Ich eilte in den Keller, die Vorräte kon­trollieren. Vielleicht musste ich einem im Eisschrank tiefgefrorenen Hasen das Schwimmen beibringen, damit jener den Tag rettete.

Als ich wieder in den Topf sah, zog es mir buchstäblich die Schuhe aus: Erneut war der Krake geschrumpft, hat­te die Größe eines gewöhnlichen Kalmaren – und war noch immer nicht weich. Das Tier machte sich lustig über mich, den Chef de Cuisine, den Maître!

Na warte! Ich schob meine weißen und gelochten Latschen zur Seite, spürte die kühlen Terrakotta-Fließen unter mei­nen ausladenden Fußsohlen. Ich erdete mich. Das war ein Zweikampf: Der größte Koch der Welt gegen den Kraken – da konnte es nur einen Gewinner geben. Zum Amuse-Gueule reichst du noch, dachte ich, das »freut das Maul«. Dich krieg’ ich weich – windelweich!

Wie die meisten Schriftsteller konnte man Nikolaus mit der Witwe Clicquot oder dem Baron Rothschild ab­lenken, bei den Damen war das schon schwieriger! Ich sah bereits den halblächelnden Blick meiner Holden auf mir lasten, mit dem sie mitleidig die Reste des Kraken begutachten würde: Nein, jetzt musste eine zündende Idee her.

ZWEITES GEDICHT VOM OKTOPUS

Oktopus, oh Oktopus,
was ich mit dir erleben muss.

Oktopus, oh Oktopus,
du bereitest nur Verdruss.

Oktopus, oh Oktopus,
jetzt ist aber endlich Schluss.

Ach, Oktopus, nun werd’ schon weich,
landest sonst gleich
als Futter bei den Fischen im Teich.
*

Wieder verging eine Stunde, dann sah ich erneut nach dem Kraken. Es roch verführerisch in der Küche. Ich nahm einen Schaumlöffel, fischte nach dem unbeugsa­men Monster. Sie werden es nicht glauben, aber ich lege meine Hand ins Feuer, denn ich lüge oder übertreibe nie:

Im Topf schwammen Karotten, Zwiebeln, Sellerie, Lauch, Fenchel, Lorbeerblätter, Chi­lischoten und sonst – nichts. Der Krake hatte sich einfach in Luft oder besser gesagt, in Wohlgeschmack aufgelöst … Wobei, das stimmt nicht ganz: Tief un­ten, unter dem Gemüse, auf dem Boden des Topfes, lag eine Kugel aus lila-schwar­zer Materie, hart wie eine Glasmurmel und tonnen­schwer. Es war unmöglich, den Topf anzuheben oder sie mit einer Schöpfkelle herauszufischen. Die acht Arme hatten sich wie die Milchstraße ineinander gedreht und dabei in ein schwarzes, materieschweres Loch verwandelt. Ich fühlte mich, als würde ich hinein­gezogen und hätte mich dort am Liebsten für alle Ewigkeit und noch länger versteckt.

»Was gibt es heute Abend Leckeres?« Meine Frau stand in der Küchentür, schnupperte. Frau Klammerle und mein Freund und Trau­zeuge schoben sich hinter ihr herein.

»Die Sauna macht hungrig«, rief er.

»Suppe«, sagte ich, »leckerste Oktopussuppe, das Beste, was es gibt. Das gibt es auf keiner Speisekarte der Welt. So eine einmalige Köstlichkeit kriegst du nur bei mir. Mein Pota­ge beschert sogar Mumien feuchte Träume.«

Und – glauben Sie’s mir oder nicht – ich hatte recht!

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(1) Bitte nicht mit einem „Carpaccio“ verwechseln, das sind zwei grundverschiedene Dinge.

Implosion – Eine Kurzgeschichte

Die rechte Hand des alten Mannes rutscht vorsichtig und langsam den abgegriffenen Handlauf der Treppe empor. Sein massiger Körper schwimmt ihr hinterher, keucht sich geduldig eine Stufe nach der anderen in die Höhe. Bald schon, er hat noch nicht einmal ein Viertel seines Aufstiegs hinter sich, muss er an einem Absatz pausieren und hektisch um Atem ringen. Er lässt eine Gruppe Jugendlicher an sich vorbei, die wie er den Turm hinaufsteigt. Er nickt ihnen freundlich zu.

„Wie meine Enkel“, denkt er, „laut, roh und rücksichtslos jung. Ein schönes Alter.“

Sein Blick gleitet über den Rauhputz der Wand, auf dem eine Vielzahl von Botschaften geschmiert stehen. Manche stammen aus dem vorigen Jahrhundert. Hätte der Alte jetzt einen Stift bei sich, er hätte sich ebenfalls verewigt.

„10.04. – Karl“, hätte er geschrieben.

Endlich beruhigt sich der Puls des fetten alten Mannes wieder und er macht sich erneut an seinen Aufstieg die enge Wendeltreppe empor. Karl braucht noch fünf Rastpausen und sie werden jedesmal länger, bis er zu Atem kommt.

Endlich erreicht er die Tür, die ihn auf die Turmspitze führt. Gerade streckt er die Hand aus, um sie zu öffen, da wird sie vor ihm aufgerissen. Ein Mann in mittlerem Alter steht für einen Augenblick verlegen vor ihm. Seine dunklen Haare sind vom Wind zerzaust. Dann drückt er sich grob an Karl vorbei, ohne ein Wort der Entschuldigung zu murmeln.

Der Alte tritt hinaus und sieht sich auf der kleinen Plattform um. Karl ist allein; die Jugendlichen sind ihm schon bei seiner dritten Rast von oben entgegengekommen, haben sich lachend an ihm vorbeigedrängt.

Schleppend tritt Karl an den Rand, presst seinen Bauch gegen die niedrige Ummauerung und sieht nach unten. Der Anblick gefällt ihm: Die Stadt liegt so winzig da unten. Wie jedermann vergleicht er sie sofort mit einem geschäftigen Ameisenhaufen. Er kann sich nicht vorstellen, dass dort unten so große Menschen wie er leben. Sie müssten in den engen Gassen und Plätzen ersticken.

Weit hinten unter dem waldigen Horizont, dort, am westlichen Randbezirk sollte er eigentlich sein Häuschen finden, aber Karl vermag es zuerst nicht zu entdecken. Dabei hätte er es sehen müssen, denn wenn er aus seinem Küchenfenster blickt, kann er in der Ferne den alten Stadtturm erkennen, auf dem er jetzt steht. Endlich sieht er seinen schmalen Garten. Und dahinter, dieser kleine weiße Karton, das muss dann doch wohl sein Häuschen sein.

„Ich hätte ein Fernglas mitnehmen sollen“, denkt Karl. Dann hätte er vielleicht sogar seine Frau erkennen können, die in der Küche das Abendessen vorbereitet. Es gibt gefüllte Tomaten. Die isst er gern.

Und dort, sehr nah, aber leider durch die Kamine der Maschinenfabrik verdeckt, wohnt Karls Tochter mit ihrem Mann und den Enkeln. Morgen, wie an jedem Samstag, ist er dort eingeladen.

Es ist recht kühl hier oben auf der Turmspitze. Vom Horizont wischen giftige Wolken heran. Karl runzelt die Stirn. Nass werden will er nicht. Gleichzeitig wird ihm klar, wie absurd dieser Gedanke ist. Er schüttelt bedächtig den Kopf über seiner Dummheit.

Mühsam zieht er sich hoch auf die Begrenzungsmauer. Es gelingt ihm nur, weil hier ein paar der Ziegelsteine abgebröckelt sind und er mit seinen Füßen halt findet. An welchen Kleinigkeiten manchmal die Dinge hängen, denkt er. Wären die kaputten Stellen inzwischen mit Zement ausgebessert, hätte er jetzt unverrichteter Dinge umkehren müssen.

karlstraum3Karl lässt die Beine über dem Abgrund baumeln. Er ist schwindelfrei und genießt den nun unverstellten Blick hinab in die Altstadt. Hier saß er schon als Kind gerne, bis ihn irgendein Erwachsener erschrocken von der Mauer zerrte; damals kurz vor dem Krieg, als der Turm noch Teil einer schönen Altstadt und nicht trotziges Überbleibsel einer zerstörerischen Bombennacht war. Später traute er sich das nicht mehr, war auch nicht mehr auf den Turm gestiegen. Er war da, immer in seinem Blick, das genügte Karl. Heute aber ist der Tag, endlich wieder empor zu steigen, denn wenn sich das Alter noch stärker bei ihm bemerkbar macht, wird er überhaupt nicht mehr hoch können.

Und jetzt sitzt Karl auf der Mauer und spuckt wie früher hinab.

„Vielleicht treffe ich jemanden“, denkt er.

„Er wird aufsehen. Alle schauen nach oben, wenn sie ein Tropfen trifft, auch bei Sonnenschein oder wenn sie sich in einem Zimmer befinden. Er wird aufsehen und erschrecken. Vielleicht ruft er die Polizei oder die Feuerwehr oder den Krankenwagen oder alle zusammen.“

Der Alte sieht auf die Uhr. Nach dem Abendessen ist er mit seinem Kameraden Mertl verabredet, im Wiesenwirt, dort neben der Kirche, wie an jedem Freitag. Sie werden ein paar Biere trinken, über Politik und den Krieg reden. Vielleicht kommt auch Klose, wenn ihn seine Frau gehen lässt.

„Meine Freunde“, sagt der alte Mann laut, „meine Frau. Meine Tochter, meine Enkel. Ich bin geborgen, ich bin gesund und glücklich. Alles ist gut.“

Dann stößt sich Karl lachend mit beiden Beinen von dem Mäuerchen ab. Er lacht, weil er einen Euro Turmbesteigungsgebühr bezahlt hat.

Martin, Julian und „rabimmel, rabammel, rabumm“

Heute ist Martinstag und es ist für den Abend Regen angesagt. Die selbstgesbastelten Laternen der nassen und frierenden Kinder werden zischend verlöschen und aufweichen, wenn man den Umzug nicht gleich in einer muffigen Turnhalle stattfinden lässt; immer schön zu zweit im Kreis herum. Dann gibt es zwar mehr „Laterne, Laterne“, aber noch weniger „Sonne, Mond und Sterne“ und auch das Abschlussfeuer erweist sich als eine schwierige Herausforderung. Das Quängeln und Weinen der lieben Kleinen wird die Nerven der Eltern bis hin zur herausgeforderten körperlichen Züchtigung und weit darüber hinaus strapazieren. Ein gelungenes Familienfest, so ein Martinsumzug in der Kita. Jedes Jahr von Neuem ein Höhepunkt der Familienaufstellung.

Dieser Martin aber!

Dieser: Ach, so bescheidene, dieser: Ach, so heuchlerische römische Offizier, dessen Name ausgerechnet der Kriegerische bedeutet und den die Kirche uns als Paradigma christlicher Barmherzigkeit präsentiert, er wird auf seinem weißen, gut im Futter stehenden Pferd geritten kommen und Rosinenbrot verteilen.

Unter Dutzenden von verhungernden und leprakranken Bettlern, die nicht zuletzt deshalb vor den Toren der Stadt Amiens, damals Samarobriva genannt, frieren und leiden, weil die brandschatzenden, vergewaltigenden und raubmordenden Truppen des damaligen Unterkaisers Julian, dessen Legionen der Offizier angehört, die Stadt geplündert haben, unter diesen Obdachlosen wird er sich einen einzelnen herauspicken. Ihn wird er mit einem halben Reitermantel beglücken; kein Geld, kein Wasser, keine Nahrung, kein Harz IV., nicht einmal der Tod: Ein viel zu kleines rotes Stück Stoff ist seine Barmherzigkeit.

Dabei will Martin nicht den ganzen Mantel opfern, er, der nur in die Stadt zum Quartiermeister eilen muss, um sich einen neuen Reiterumhang zu holen und der doch genau weiß, dass zwei Hälften nie ein Ganzes ergeben. Dann wird er zufrieden mit sich und seinem Gott weiterreiten und einen Verhungernden zurücklassen, der unter dem zu kurzen Mantel, unter dem sein nackter, wunder Fuß hervorsieht, so lange ein bisschen weniger frieren wird, bis ein weiterer römischer Soldat das halbe Kleidungsstück als Armee-Eigentum erkennen und zornig konfiszieren wird. Nun, Martin ist später Bischof in Tours und heilig; den Bettler hat man wahrscheinlich erschlagen, wenn er nicht über kurz an Hunger oder Krankheit starb, sein Name ist nicht überliefert; aber er diente der Erbauung der Gläubigen …

Der äußerst lukrative und erfolgreiche Feldzug des Julian (331 – 363) gegen die Alamannen, an dem der Hl. Martin auf der Gewinnerseite teilnahm(1), diente dem gerade erst unter seinem Cousin Constantinus II. Mitregent gewordenen und äußerst ehrgeizigen jungen Unterkaiser zur Festigung seiner Macht. Er brauchte Geld und treue Legionen. Beides konnte er sich zuerst in Germanien und dann in Gallien sichern. Noch während seiner Eroberungen wurde er zum oströmischen Kaiser ausgerufen. Kaiser Julians Regierungszeit ist eine Phase der Restauration, der Gegenreformation. Er degradierte das eben erst unter Konstantin I. (288 – 337) zur Staatsreligion ausgerufene Christentum zu einer jüdischen Sekte unter vielen und versuchte mit aller Staatsgewalt, einen diffusen neuplatonischen Glauben einzuführen, der auf der alten Vielgötterei beruhte und den Sonnengott Helios in den Mittelpunkt stellte, den bereits Eliogabal, einer seiner Vorgänger, zum obersten Gott erkoren hatte; ein Gott, dessen Licht alle anderen überstrahlt: „Sonne, Mond und Sterne …“

Julians sehr tradtionellen Sonnengesänge „An den König Helios“ erinnern an Echnaton und bemerkenswerterweise auch an Franziskus. Ob er diesen Wandel aus Überzeugung, aus Atheismus oder aus Machtpolitik einleitete, darüber haben Historiker immer wieder  heftig diskutiert(2). Für die katholische Kirche ist er jedoch auch heute noch ein Abtrünniger, ein Ketzer: Julianus Apostata nennt sie ihn. Eine Wahrheit über Julian, wenn es überhaupt eine gibt, ist schwierig auszumachen, denn der Mensch der Spätanike versteckte sich geschickt hinter Regeln und Konventionen und gab nur wenig von sich preis.

Julian war nicht lange Kaiser. Schon in seinem dritten Regierungsjahr starb er überraschend in einem sinnlosen Feldzug(3) und sein Nachfolger Jovianus – übrigens während seiner Soldatenzeit ein Freund des Hl. Martin – macht alle Reformen eilig rückgängig und das Christentum wieder zur Staatsreligion. In der Literatur jedoch hat Julians kurze Herrschaft nachhaltige Spuren hinterlassen. Eine Unzahl Autoren hat seit der Spätantike über ihn und seinen Kampf gegen das übermächtig werdende Christentum geschrieben; jene historische Chance, etwas zurechtzurücken, die durch einen leichtfertigen Tod in einer unnötigen Schlacht vergeben wurde.

Wie würde Europa heute aussehen, wenn Byzanz heidnisch geblieben wäre, bis ins Mittelalter hinein? Autoren wie Eichendorff, Motte-Fouqué und Ibsen schrieben über oder gegen Julian, selbstredend auch der unsägliche, germanophile Felix Dahn und der in den dreißiger Jahren sehr erfolgreiche, aber heute recht unbekannte, stark von Dostojewski geprägte Dmitri Mereschkowski, der Julian und seine Zeit in einem umfangreichen und durchaus lesbaren, dabei leider etwas zu einseitigen Roman darstellt.(4) Diese Liste ließe sich noch beliebig verlängern. Einen Autor will ich noch nennen, der – nicht überraschend – als einziger Julians mutmaßliche, aber nicht bewiesene Homosexualität in den Fokus rückt: Julian von Gore Vidal.

Dieser Briefroman des 2012 hochbetagt verstorbenen amerikanischen Autors, der auch hier – wie immer in seinen historischen Werken – versteckt über die verlogene amerikanische Politik im allgemeinen und den Kennedy-Clan im besonderen schreibt, ist gut recherchiert und konstruiert und ein idealer Einstieg, wenn man sich für die wahren Hintergründe der gärenden Endzeit des römischen Reiches interessiert, deren geistige Auseinandersetzungen zwischen Christ und Antichrist den Heiligen Martin prägten, jenen doch äußerst zwiespältig zu betrachtenden Heiligen, der heute so harmlos auf seinem Pferd daher geritten kommt und sich von Kindern und Laternen begleiten lässt.

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(1) Die Überlieferung sagt, der schüchterne Martin habe ein paar Mal den Dienst an der Waffe verweigert und dafür Büroarbeit gemacht. Als ich mich bei meiner ersten Kriegsdienstverweigerung auf Martin berief, wurde ich ausgelacht.

(2) Noch immer ist das Standardwerk „Julian, der Abtrünnige“ von Joseph Bidez aus dem Jahr 1940. Es ist nur noch antiquarisch oder in Büchereien erhältlich. Eine aktuellere, dabei auch für Geschichtslaien gut lesbare Gesamtdarstellung stammt von dem Althistoriker Klaus Rosen. „Julian. Kaiser, Gott und Christenhasser“, Klett-Cotta, 2006

(3) Der Philosoph Fritz Mauthner behauptet übrigens in seinem überaus lesenswerten Roman „Hypatia“ von 1892 (bei mobileread als kostenloses E-Book erhältlich), in dem der Kaiser zu Beginn einen bemerkenswert religionskritischen Auftritt hat, Julian sei von einer christlichen Verschwörung umgebracht worden.

(4) Kostenfrei als Ebook bei Amazon.

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