Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Beziehung”

Das Spiel – Erzählung (3)

SIE WAR AM ERSTEN ABEND

Die Wand. Weiß gekachelt. Schwankte auf mich zu. Blähte sich mir entgegen. Ich griff mit der Hand nach ihr. Um sie ruhig zu stellen. Meine Finger glitten über die Oberfläche. Ölig. Schweißig. Aber ich konnte ihre Bewegung. Pulsierend. Nicht stoppen. Eine M****. Ungelenk gestrichelt. Tanzte zum Takt. Fern. Wie ein Bild von Miró. Lebendig geworden. Dann hatte ich diesen Geschmack im Mund. Ganz vorne bei den Zähnen. Er drängte herauf. Ein letztes Schlucken. Unterdrückend. Endete in Würgen. Keuchend. Ich erbrach in die Pissrinne: Viel Rotwein. Schaumig. Schleim und Abendessen. Aufgeschwemmt. Besudelten den Boden zu meinen Füßen. Etwas spritzte gegen meine Hose. Die beste mit dem Fischgrätenmuster. Dunkel. Und die Wildlederschuhe. Ein Speichelfaden tropfte zäh aus meiner Nase. Obwohl mein Magen schnell leer war. Würgte ich ohnmächtig nach Luft schnappend. Erst durch den Anblick meines eigenen Erbrochenen wurde mir wirklich übel. Die Klotür hinter mir öffnete sich rumpelnd. Wurde aber nach Schweigen. Kurz. Betreten. Rasch wieder geschlossen. Jetzt konnte ich mich aufrichten. Vorsichtig. Meine Bauchdecke krampfte hektisch. Für einen Moment. Besinnungslos. War ich versucht. Wieder nach vorn zu kippen. Entschloss mich aber zur Bewegung. Entgegengesetzt. lehnte mich zurück. Mit dem Rücken. Gegen den Kondomautomaten. Der nach Blech tönte. Matt. Ich verharrte. Atmete. Schwer. Mein Kopf sank zurück. Ich schloss die Lider. Drückte auf diese Weise Wasser. Ein bisschen. Aus den Augenwinkeln. Das über meine Wangen lief. Warm.

Ich weiß noch genau

Eine Erinnerung. Belanglos. Kam in den Sinn: Eine Banalität. Das waren die von einer Strumpfhose. Weiß. Plattgedrückten Haare. Fettig glänzend. Schwarz. Am Bein einer Schwester. Ansonsten hübsch und jung. Die mir am Nachmittag im Krankenhaus freundlich und aufmunternd zugelächelt hatte. Als ich meinen Vater besuchte. In diesem Moment war mein Blick zu ihren Beinen herabgerutscht. Ich spürte eine Scham. Plötzlich. Hitzig. Einem Schlag mit der Hand. Flach. Ins Gesicht sehr ähnlich. Die Schwester bemerkte meinen Blick. Der Ekel kam erst später. In jenem Moment. Als ich mich erbrochen hatte und am Automaten lehnte. Er hielt für Tage an. War mal stärker. Mal schwächer. Aber vorhanden. Ständig.

Ein Rhythmuswechsel draußen

Ein Lied. Neu. Lenkte mich ab. Tönte durch die Tür. Angelehnt. Der Geruch. Säuerlich. Meines Erbrochenen überlagerte langsam den Klogestank. Meine Sinneseindrücke wurden nüchterner. Sie schälten sich aus der Dumpfheit. Jetzt schien es mir auch wieder möglich. Mich zu bewegen. Erst nach einem Versuch. Vergeblich. Gelang es mir. Ich spülte den Mund. Unzulänglich. Mit Wasser. Warm. Bedacht. keines zu schlucken. Der Geschmack und auch der Geruch blieben an mir haften. Ich würde eine Weile auf Distanz bleiben müssen. Das hieß. Wenn sie noch da war. Für einen Augenblick der Verwirrung. Zaghaft. Fragte ich mich. Was ich von ihr erwartete. Für eine Ablenkung. Billig. Unverbindlich. Schnell. Für eine Nacht hatte ich noch nie etwas übrig. Ich weiß nicht. Warum ich in diese Diskothek gegangen war. Hier war ich fehl am Platz. Wie ich mich dazu versteigen konnte. Mich an dieses Mädchen. Sichtlich einsam. Mit einer Masche ausgesprochen dumm. Heranmachen. Warum ich nicht in diesem Moment. Nachdem sie darauf eingegangen war. Überraschend fröhlich und geschmeichelt. Die Gelegenheit. Günstig. Nutzte und mich davonstahl. Noch war Zeit. Ich hatte mich bereits den Abend. Ganz. Mit jedem Wort und jeder Bewegung gegen meinen Charakter verhalten. Gefiel mir darin.

Ich schüttelte den Kopf

Wie viel Zeit war vergangen? Minuten? Eine Viertelstunde? Sie hatte gesagt. Sie würde warten. Ich säuberte notdürftig meine Hosenbeine. Besudelt. Dann wagte ich einen Blick. Abschätzend. In den Spiegel. Ich erschien mir zu dünn. Zu bleich. Zum ersten Mal fiel mir auch auf. Meine Nase war wie die des Kranken. Scharf. Kantig. War das nur eine Sinnestäuschung. Die das Neonlicht. Hart. In diesem Raum schuf. Ich riss mich von mir selbst los. Energisch. Trat zurück in die Diskothek. Lou Reed sang. Niemand tanzte.

I‘ m just your average guy. trying to do. what’s right. I’m average looking. and I’m average inside.

Der Bass. Überlaut. Wuchtig. Bearbeitete meinen Magen. Fast hätte ich kehrt gemacht. Wäre zurück in die Toilette gestolpert. Gewöhnlich. Ich. Dachte ich. Schob die Hose. Zu weit. In die Höhe. Machte den Schritt. Entscheidend. Auf sie zu. Den ich nicht mehr zurücknehmen konnte. Ja. Sie saß noch da. Sie hatte ausgeharrt.

Ich wusste ihren Namen nicht. Sie trieb Koketterie mit ihm. Ansonsten schien sie offen. Sie saß halb gegen den Tresen gelehnt vor ihrem Glas. Bis auf einen Schaumrest. Kümmerlich leer. Längst bezahlt. Und sah abwesend in den Spiegel über der Bar. Sann Lichteffekten und Menschen nach. Die sich in ihrem Rücken bewegten. Ihr Gesicht war entspannt. Ungewichtet. Nur die Unterlippe. Breit. War nach vorn geschoben. Sie fühlte sich. Obwohl das in einer Diskothek kaum möglich ist. Unbeobachtet. Da sah sie mich. Ihr Gesicht mühte sich in eine Maske. Freundlich. In dem Augenblick. Abwesend. War sie mir schöner erschienen. Sie hatte ihren Körper. Ein wenig zu drall. In eine Bluse. Leicht durchsichtig. Hell und in einen Minirock. Schwarz. Für die Jahreszeit. Spätherbstlich. Viel zu kurz. Gezwängt. Den sie jetzt im Sitzen mit einer Hand bewachte. Ihn immer wieder übers Knie rutschte. Was im übrigen vergebens war. Da er sich bei jeder Bewegung. Klein. Nach oben schob und viel von ihren Oberschenkeln entblößte. Natürlich hatte sie in ihren Lackschuhen. Hoch. Spitz. Schwierigkeiten beim Laufen und beim Tanzen. Dennoch bewegte sie sich in ihnen mit Anmut und Selbstverständlichkeit. Überlegener.

Obwohl sie also unvorteilhaft gekleidet und nuttiger wirkte. Als sie war. Sie war doch genau das Mädchen. Das ich benötigt hatte. Als mich mein. Ich nehme an. Unterbewusstsein überredete. Diese Disco zu betreten.

Ich hielt mir die Hand halb vor den Mund. Als ich sie aufforderte. Mit mir das Lokal zu wechseln. Sie nickte. Zustimmend. Griff nach ihrem Mantel. Dunkel. Neben ihr. Über einen Barhocker gelegt. Anscheinend um den Platz für mich frei zu halten. Auf meine Abwesenheit. Länger. Ging sie nicht ein. Ihr schien auch kein Geruch aufzufallen.

Wir stiegen zu dem Café

Drei Stockwerk höher hinauf. Ich weiß. Es war ein Fehler. Aber ich bestellte wieder Alkohol. Diesmal Weißbier. Helles. Obgleich ich damals eigentlich keines mochte. Ich erzählte Unsinn. Irgendeinen. Einfach. Um keine Pause aufkommen zu lassen. Sie saß. Das Kinn in die Hand. Die rechte. Gewichtet. Und hörte meinem Redeschwall zu. Leicht lächelnd. Zerstreut. Während sie Zucker in ihrem Kaffee zerrührte. Um uns herum war das Publikum. Üblich. Für das ich mich langsam zu alt fühlte. Keiner meiner Freunde war hier. Das war gut so. Wenn ich mich wie ein Gockel aufplustere. Brauche ich keine Zuseher. Wohlmeinend. Lästernd.

Dann hielt ich inne. Mitten im Satz. Sah sie an. Ich weiß nicht. Ob ich das erklären kann. Vielleicht lag es daran. Mir war übel. Immer noch. Jetzt kam sogar ein wenig Betrunkenheit hinzu. Auf jeden Fall war die Luft plötzlich zäher. Das Schummerlicht brach sich anders. Es schien mir. Als würde ich das Mädchen vor mir zum ersten Mal ansehen. Durch ihr Gesicht. Zugeschminkt. Hindurch. Obwohl es sicher nicht glaubhaft klingt. Habe ich mich in genau diesem Augenblick. In einem Nu. Zeitlos. Nicht erfassbar. Zwischen dem still werden. Noch grundlos. Und einer Erschütterung am ganzen Körper. Plötzlich. In sie verliebt.

Ich war mir dieser Tatsache sofort bewusst. Das Bedürfnis. Einzige. Das ich nun hatte. War. Sie in den Arm zu nehmen. Sie bemerkte mein Verstummen. Fühlte sich durch meine Blicke geschmeichelt. Offensichtlich. Erstaunlich lässig und überlegen nahm sie. Sich zurücklehnend. Meinen Gesprächsfaden auf. Ließ kein Schweigen zu. Sprach dann leider von Politik und machte damit bereits am ersten Abend unserer Liebe viel kaputt. Denn ich konnte nicht verhindern. Dass eines der Reizworte fiel. Die mich an meinen Vater erinnerten. Der zur selben Stunde im Krankenhaus mit dem Tod rang.

In den letzten Tagen habe ich drei längere Ausschnitte aus meinem ersten Roman „Das Spiel“ gebloggt. Falls Interesse besteht – woran ich allerdings begründete Zweifel habe – werde ich weitere Abschnitte veröffentlichen.

Eismanns Wille – Eine Kurzgeschichte

Passend zu Halloween folgt nun die einzige meiner Geschichten, die man mit etwas gutem Willen dem „Horror-Genre“ zuordnen kann.
Ich kann von ihr mit einem gewissen Stolz behaupten, dass sie niemand, der sie je las, wieder vergessen hat.

Eismanns Wille

Dass ich Eismann traf, liegt nicht an dem sonder­baren Zufall, der mich in diese Stadt geführt hat, um in ihr zu arbeiten. Es liegt an Eismann selbst, dessen aufdringliche Art meine Auf­merksamkeit einforderte. Und nicht zuletzt waren die Kinder schuldig.

Weißt du, ich saß an diesem warmen Nach­mittag spät und erschöpft auf einer Bank im Stadtpark, unschlüssig, was ich an mit dem Abend noch beginnen sollte. Eismann setzte sich schwerfällig neben mich und bevor er et­was sagte, konnte ich ihn riechen: Er war eine Mischung aus vielen Gerüchen, sehr viel Seife war dabei, ein wenig Urin, Sandelholz und Abgestandenes, Fauliges. Und noch viel mehr, für das ich keine Worte habe. Er be­gann sofort ein Gespräch, das heißt, er sprach auf mich ein und ignorierte meine abweisen­de Haltung. Ich wand den Kopf dort hinüber, weg von ihm, der aufdringlichen, grauen Masse, die ich nicht sehen, mit der ich einen Augenkontakt vermeiden wollte.

Dort drüben, auf dem kurzgeschnittenen, gelbverbrannten Rasen, liefen damals ein paar Kinder umher. Sie waren verbissen bemüht, einander wehzutun. Sie stießen sich immer wieder gegenseitig zu Boden. Kein Kind lach­te, keines weinte. Nur selten wurde eine der hellen Stimmen laut, die dann zornerfüllt her­überklang. Die Kinder waren vollkommen eins mit ihrem Spiel.

Der Mann neben mir sprach laut, aber was er sagte: Glaube mir, ich weiß es nicht mehr. Vielleicht sprach er vom schwülen Wetter, vom unregelmäßigen Betrieb der Straßenbah­nen, von Gott. Gleichgültig, er redete und ich nahm das Geräusch wahr, das er machte. Es war mir nicht unangenehm, es störte mich nicht, es unterstrich das seltsame Spiel dort auf der Wiese in angenehmer Weise, wie Musik. Ich weiß, es war eine Beschwörung, die die Kinder anfeuerte, einander Schmerzen zuzufügen. Dann erschreckte die Kinder et­was. Sie rannten dort hinunter, an den Birken vorbei zu den Büschen. Ich bemerkte, dass Eismann aufgehört hatte, zu reden. Jetzt, als die Kinder nicht mehr zu sehen waren, war das auch nicht mehr notwendig.

Ich sah ihn an. Ich weiß nicht, ob ich in die­sem Augenblick erschrak, aber ein weiches, schwammiges Durchsacken im Unterleib empfand ich doch. Eismanns Gesicht ist zer­stört, aufgedunsen, eine offene, brennende Wunde, ein, ich weiß nicht… Eismann ist eben er selbst und als er lächelte, wurde mir übel. Dennoch betrachtete ich ihn weiter, es war mir nun gar nicht mehr möglich, etwas Anderes zu tun. Er trug dem warmen Tag zum Trotz ein abgenutztes, dickes Wolljackett und dazu eine fleckige, helle Hose. Sein Bauch quoll wie warme Hefe hervor, und über dem Gürtel spannte sich das Hemd zu grotesken Falten. Durch diese Körperfülle sah es so aus, als würde er auf der Bank nicht sitzen, sondern halb auf ihr liegen. Ich glaube nicht, dass es ihm bei seiner Leibesfülle möglich ist, seine Arme vor sich zu verschränken.

So sah ich Eismann und es war sehr still, als wir uns begutachteten.

Hier links ging eine Frau, mit ihren hohen Schuhen schwamm sie ungelenk mit den Ar­men rudernd durch den Kies. Sie hatte den Blick starr von uns gewandt. Ich sah sie aus den Augenwinkeln, ohne den Kopf zu dre­hen, denn ich betrachtete mit einer Mischung aus Interesse und Abscheu weiterhin mein Gegenüber. Ich konnte meine Augen nicht schließen oder sie auch nur senken, du ver­stehst. Da waren noch einmal Schritte und eine auffällige Krawatte, nein,  ein Taschen­tuch, mit dem jemand, ich glaube, ein Mann, über seinen feuchten Mund fuhr, vielleicht noch eine Kamera, ich bin mir nicht sicher. Aber auch dieser Mann war schnell an unserer Bank vorbei; er schlenderte langsam hinter der Frau her.

Eismann sagte seinen Namen, wiederholte ihn mehrmals, bis ich ihn verstand. Ich wollte in diesem Moment bestimmt lachen, aber ob­wohl meine Bauchdecke krampfend zuckte, gelang es mir nicht, auch nur die Mundwinkel zu heben. Eismann schüttelte sachlich und deutlich missbilligend den Kopf. Er fragte mich, ob ich ihm aufhelfen könne. Er fühle sich in der letzten Zeit sehr erschöpft.

Eismannillu

Ich ging zurück ins Zimmer, das war dann etwas später. Ich wohnte in einem Hotel, ich habe es glaube ich schon gesagt, es war eine billige Absteige in Bahnhofsnähe. Du wirst sie nicht kennen. Am Empfang wurde ich von ein paar Leuten überrascht gemustert, aber nie­mand versuchte, mich aufzuhalten. Ich ließ die Tür meines Zimmers hinter mir geöffnet, damit Eismann nachkommen konnte. Der Raum war nicht groß, gerade ein Bett, ein Schrank und ein kleiner Schreibtisch hatten Platz gefunden.

Meinen Koffer hatte ich noch nicht geöff­net, da ich erst mit dem Morgenzug angekom­men war und ich mich sogleich in meiner neuen Firma vorgestellt hatte. Der Brief lag deshalb noch so auf dem Bett, wie ich ihn dort liegengelassen hatte. Sein Inhalt war der einzige Grund, aus dem ich in dieser Stadt eine Arbeit angenommen hatte.

Den Brief habe ich erwähnt, weil Eismann zielstrebig auf das Bett zusteuerte, sich äch­zend niederfallen ließ, ihn in seine fetten Finger nahm und las. Als ich das sah, hatte ich einen bewussten Moment und erkannte, was um mich vorging. Eismann war einen Nu unaufmerksam gewesen. Ich wollte ihm das Papier eilig aus der Hand reißen und ihm da­mit ins Gesicht schlagen, wieder und wieder, hinein in die Wundmale. Ich wollte ihm in den Unterleib treten, bis sich dieses Ungeheu­er zu meinen Füßen auf dem Teppich wälzte. Du musst mir glauben, ich versuchte es und ging auf ihn zu, hob bereits die Hand zum Schlag. Aber es war mir nicht möglich. Mitten in dieser Bewegung zögerte ich, durch einen Blick von Eismann bezwungen. Ich war nur mehr dazu fähig, mich neben ihn zu setzen und die schorfigen Ränder seiner Narben zu streicheln. Ich hatte jetzt einen starken Brech­reiz, aber ich beendete meine zärtlichen Bewe­gungen erst, als er den Brief nahm, ihn zer­knüllte und achtlos zur Seite warf. Dann nahm er mit seinen weichen, schweißnassen Händen mein Gesicht. Er gab mir einen Kuss auf die Stirn.

«Nicht jetzt», sagte er. Ich weiß es genau. Er sagte: «Nicht jetzt. Lass uns vorher etwas Essen gehen. Und dann erzählst du mir von deiner Frau und warum sie dir den Brief ge­schrieben hat.»

«Zwischen uns beiden klappt es einfach nicht mehr so richtig. Wir haben uns – wie nennt man das? – auseinandergelebt. Und dann hatte ich auch noch diese kleine Affäre mit dem Mädchen aus dem Nebenhaus. Das war nichts Ernstes, wir haben nur ein paar Mal miteinander geschlafen, aber meine Frau hat es erfahren. Jetzt redet sie von Scheidung. Ich dachte, es wäre das Beste, wenn ich diese Arbeit hier annehmen würde und ein paar Wochen Abstand schaffen könnte», sagte ich. Ich saß in dem Lokal unten am Ende der Stra­ße beim Brunnen und war erschrocken, wie viel ich Eismann erzählte, der einen bemer­kenswerten Appetit offenbarte. Man hatte uns gezielt in einen leeren Nebenraum geführt, der  wahrscheinlich für Gesellschaften ge­dacht war, aber wir wurden schnell und zu­vorkommen bedient und, ich weiß, es klingt unglaubwürdig, der Kellner war zu Eismann freundlicher als zu mir. Er brachte ihm unaufgefordert nach dem Essen mehrere Klare, die Eismann wie selbstverständlich annahm.

Eismann hörte mir kaum zu, ich merkte ihm an, dass ich ihn mit meinen Ehegeschich­ten langweilte, aber er unterbrach mich nicht und solange er das nicht tat, sprach ich wei­ter. Ich fühlte mich dazu gezwungen. Ge­zwungen, das ist genau das richtige Wort.

«Am meisten leidet unsere Tochter an die­sem Zerwürfnis. Sie hat schnell gemerkt, dass zwischen uns etwas nicht in Ordnung ist. Sie werden das verstehen, sie ist noch zu jung, um unseren Streit zu begreifen. Das ist so, sie meint, wenn ihre Eltern sich nicht mehr lieb haben, dann haben sie ihre Tochter auch nicht mehr lieb. Das ist in ihrem Kopf drin, festge­fressen, das geht nicht raus. Sie ist im Augen­blick nicht fähig, in die Schule zu gehen, wir haben sie vom Unterricht befreien lassen müs­sen. Sie ist trotzig, aggressiv und weint häufig grundlos. Sie ist oft hysterisch. Wir waren bei einem Psychologen. Der hat vorgeschlagen, sie ohne Eltern auf Erholung zu schicken, in ein Kinderdorf. Aber da sind wir uns einig: Meine Frau will das nicht und mir ist es auch peinlich.»

Endlich lehnte sich Eismann zurück und bearbeitete mit einem Fingernagel seine fauli­gen Zähne. Als er die Fleischfaser erwischt hatte, die hängengeblieben war und ihn ge­stört hatte, besah er sie sich eine Weile auf­merksam. Dann fuhr er seine breite, feuchte Zunge heraus und leckte genießerisch über seine Fingerkuppe. Er machte einen zufriede­nen Laut. Ich redete noch immer, aber jetzt unterbrach er mich, fragte zudringlich.

«Was soll ich sagen», musste ich antworten, »das wird bei allen ähnlich sein. Am Anfang der Ehe, bevor das Kind kam, war es viel­leicht anders; vielleicht auch nur häufiger, ich weiß nicht. Das ist nicht bedeutend für unsere Beziehung, zumindest bestimmt nicht das Be­deutendste. Ich meine, das kann nicht der Grund für unsere Trennung sein. Aber natür­lich, es kann sein, dass sie gelitten hat. Bei dem Mädchen vom Nebenhaus war es ebenso, da war kein Unterschied, die gleichen Bewe­gungen, die gleichen Worte. Nur… mit dem Mädchen konnte ich danach reden. Ich wusste etwas zu sagen. Sie konnte zuhören.»

«Sei still», sagte Eismann. Ich schwieg er­leichtert, winkte dem Kellner, der schon seit geraumer Zeit in der Nähe wartete.Ich bezahlte für uns beide. Weißt du, ich fühlte mich verpflichtet, ihm ein anständiges Trinkgeld zu geben. Danach stellte ich fest, dass ich nur noch kleine Münzen in der Brieftasche hatte. Was ursprünglich drei Tage hätte reichen sollen, war durch dieses eine Abendessen bereits erschöpft. Eismann strich langsam das Hemd über seinem aufgedunsenen Bauch glatt und ich war erstaunt, dass die Knöpfe hielten. Mit einer liebevollen Bewegung berührte er seinen Unterleib, kratzte sich im Schritt. Dabei sah er mich mit einem Blick voller Selbstsicherheit und Begehrlichkeit an. Das war einer der seltenen klaren Augenblicke, die ich an diesem Abend hatte. Ich sah ihn so, wie er war, ich sah den alten, fetten und schmutzigen Mann, sah seine perversen Gelüste und seine Begierden.

Durch die Tür da hinten kamen ein paar Leute herein, eine Gruppe, die im großen Gas­traum keinen Platz mehr gefunden hatte. Eis­manns Blick wanderte erschöpft zu ihnen hin­über. Als sie ihn sahen, war es, als hätte sie je­mand mit kaltem Wasser begossen. Sie ver­harrten unschlüssig, abwartend. Schließlich machte eine den Anfang, sie trat kopfschüt­telnd wieder aus dem Raum. Die anderen folgten, zuletzt ein junger Mann, wi­derwillig, wie von unsichtbaren Fäden gezo­gen, sich vorsichtig umsehend.

Diese kurze Störung hatte Eismann geär­gert, aber als er sich wieder zu mir wandte, lächelte er, verzog sein zerstörtes Gesicht zu einer grauenvollen Maske, die mich an die Teufelsfratzen der Wasserspeier in gotischen Kirchen erinnerte. Ich habe auch als Kind nie Angst vor diesen steinernen Ungeheuern ge­habt, ich habe sie schon damals als zu über­trieben empfunden. Jetzt erkannte ich, dass es tatsächlich sein wahres Gesicht war.

Eismann hatte recht. Natürlich hatte ich Reiseschecks dabei. Sie waren in meinem Kof­fer, die Karte in der Innentasche meines Man­tels. Er behauptete, dass er Lokale kannte, wo die Schecks gegen eine geringe Gebühr akzep­tiert wurden. Er sagte, ich solle sie holen. Diesmal wartete er draußen vor dem Hotel. Als ich oben im meinem Zimmer war, fühlte ich mich von einer entsetzlichen Last befreit, fast glaubte ich, er hätte einen Fehler ge­macht. Aber als ich die Zimmertür fest schlie­ßen wollte, war ich unfähig, es zu tun. Kannst du das begreifen? Das Ganze war nur eine weitere Demonstration seiner Macht. Ich nahm mein Scheckheft und die Karte, steckte auch noch das Geld ein, das ich noch in einer anderen Hose hatte. Eismann hatte mich auch über diese Entfernung unter Kontrolle, zwar nicht vollständig, das merkte ich an der Ruckartigkeit meiner Bewegungen, aber ich gehorchte.

Wir gingen in mehrere Lokale und tranken, er viel Bier und ab und zu einen Weinbrand, ich trank Nicht-Alkoholisches, Apfelsaft in der Hauptsache. Eismann wollte, dass ich nüch­tern blieb. Wir waren in Ausschänken, in de­nen er kaum auffiel, heruntergekommenen Buden, die er vermutlich häufiger besuchte, da sich niemand über ihn oder auch seine Be­gleitung wunderte. In dem billigen Stehaus­schank, dem da unten, wenn man die Straße nach rechts hinunter geht, gegenüber vom Krankenhaus, dort fuhr mir eine stark ge­schminkte Frau sanft durch das Haar und sie lachte zusammen mit Eismann über meine schüchterne Reaktion.

Wir waren danach wieder auf der Straße, später. Da war Eismann schon betrunken, er wankte nicht, er ging nur noch ein wenig schwerfälliger. Auch seine Sprache war lang­samer, er schwitzte jetzt auch und sein San­delholzgeruch wurde stärker und süßer. Er stützte sich schwer gegen meine Schulter und flüsterte ein paar Zärtlichkeiten. Dann kam uns ein Paar entgegen, mit einem Kind, einem Jungen, der noch nicht in die Schule ging. Es war spät, gegen Mitternacht. Weißt du, ich dachte noch, um diese Zeit gehöre das Kind doch längst in sein Bett. Der Junge sah uns und erschrak wohl, denn er schrie; er blieb vor uns beiden stehen, stampfte mit dem Fü­ßen und schrie gellend. Das schmerzte in den Ohren und ich sagte hilflos ein paar Worte. Die Mutter kniete sich zu dem Kind herab, versuchte, es zu beruhigen. Der Vater ent­schuldigte sich stammelnd. Ich schob Eis­mann, der nicht eine Miene verzog, weiter. Ich hatte zu Recht Angst vor seiner Reaktion auf diese Belästigung. Denn, schau, als wir schon fast an den Leuten vorbei waren, be­wegte er sich plötzlich mit einer Wendigkeit, die ich ihm nicht mehr zugetraut hätte. Er machte einen schnellen Schritt auf den Vater zu, stieß die fassungslose Mutter mit dem Kind beiseite und schlug dem Mann mehr­mals fest mit der geballten Faust ins Gesicht, so lange, bis er zu Boden stürzte, dann trat er ihn. Ich wollte hinzuspringen, dieses Ungeheuer zurückreißen. Aber ich ver­harrte  schweigend. Ich war nicht fähig, mich zu bewegen! Ich sah, dass es der Frau so er­ging wie mir. Als der Mann nur noch wim­merte, ließ Eismann endlich von ihm ab. Er hängte sich wieder bei mir ein und wir schlenderten langsam weiter, ganz als wäre nichts geschehen. Irgendwann später, wir wa­ren ein paar Straßen gegangen, waren wir weit genug entfernt. Jetzt wich die Erstarrung der Frau: Ich hörte die Mutter verzweifelt und einsam um Hilfe schreien und das Kind krei­schen. Nur durch Eismanns Willen war es mir möglich, gerade weiterzugehen.

Dieser Ruf war noch in meinem Ohr, als wir in mein Hotel zurückkehrten. Dort hinten in meinem Kopf, an der Stelle, an der ich noch ich selbst war, dort wiederholte ich immer und immer wieder von neuem ein Gebet, das ich als Kind vor dem Einschlafen mit meiner Mutter gesprochen hatte. Ich wusste nur zu gut, dass mich nur mehr dieses Gebet vor dem endgültigen Verlust meiner Person be­wahrte. Und obwohl alles in mir sich nach diesem Vergessen sehnte, der gnädigen Um­armung der Besinnungslosigkeit, intonierte ich weiter den simplen Reim. Kannst du das verstehen?

Eismann verschloss hinter mir die Tür. Ich verharrte vor dem Bett und ich wusste genau, was jetzt auf mich zukam. Zu Eismann ge­hört, dass er mich nie im Ungewissen lässt. Er packte mich von hinten, drückte mich an sich, fest gegen seinen monströsen Körper und die Hände, mit denen er gerade einen Mann fast tot geschlagen hatte, begannen, mich fordernd zu streicheln. Er drehte mich herum, küsste mich gierig. Ich konnte die flinke Zunge, die ich vorhin im Restaurant bereits bewundert hatte, in meiner Mundhöhle spüren. Ein un­glaublicher Geschmack machte sich breit, ich würgte und jetzt übergab ich mich, die Reak­tionen des Ekels waren endlich stärker als sein Wille. Er stieß mich angewidert von sich und ich erbrach mich auf den Teppich. Ich ging endlich in die Knie, würgte so lange, bis ich nur noch bittergelben Schleim hervor­brachte.

Eismann saß auf dem Bett und wartete ge­duldig, bis ich mich beruhigt hatte. Er wirkte nicht einmal überrascht. Dann zog er sich aus und ich musste seinem Beispiel folgen. Nun war mein Magen leer und jetzt war ich gleich­gültig. Eismann griff mich zielstrebig und wir fielen nackt zurück auf das Bett. Er griff und leckte und ich erwiderte die grauenvollen Zärtlichkeiten mechanisch.

«Ich bin rein, ich bin klein, mein Herz ist rein, mein Jesulein, nur du sollst drinnen sein. Ich bin rein! Rein! Mein Gott.»

Es ist mir nicht möglich, dir alles zu erzäh­len, in mir sträubt sich etwas dagegen. Du weißt ja, Eismann ist unersättlich. Da ist so viel geschehen, so viele Gesichter und es ist noch keine Woche her. Ich hause mit Eismann in seiner dreckigen Wohnung, denn längst kann ich das Hotelzimmer nicht mehr bezah­len. Das wird so lange gehen, bis er meiner überdrüssig ist wie er deiner überdrüssig wurde … Das ist meine Hoffnung. Jetzt muss ich aber aufhören, zu erzählen, weißt du. Ver­steck dich besser, denn da kommt eben Eis­mann zurück, und wir werden jetzt Essen ge­hen.

ErSieEs – 4. Geschichte

ErSieEs

Geschichten aus einer anderen Welt

4. Geschichte

[…] „Die derzeit praktizierte Familienpolitik wird den vielfältigen Problemlagen von Familien nicht gerecht. Eine Orientierung am klassischen Familienbild – Vater, Mutter, Frater -, spiegelt längst nicht mehr die gesellschaftliche Vielfalt der Familienmodelle wider.

Geschlechterdemokratie, Geschlechtergerechtigkeit, Gender Mainstreaming und Gender Budgeting sind die Begriffe, die uns heute geläufig sind. Aber ist es wirklich so einfach, aus der orangen Nische der femâlistischen Frannenpolitik der Gründungsjahre in die Mitte der Partei zu gelangen?

Wir haben die strenge 33-ige Mindestquotierung: Jeder dritte ungerade Platz auf Wahllisten ist Frannen vorbehalten, auf den geraden Plätzen können alle drei Geschlechter kandidieren. Die Gremien der Partei sind in der Regel paritätisch besetzt und Partei- und Fraktionsvorstände bestehen mehrheitlich aus einer Dreifachspitze (Mann, Frau und Frann). 1984 besetzte die Bundestagsfraktion sogar mit sechs Frannen den gesamten Vorstand sächlich – das so genannte Franninat. Wir haben ein Frannenstatut in der Satzung, in den Programmen sichtbare Frannenpolitik, wir sind die Partei, in der die meisten Frannen gleichberechtigt zu Frauen und Männern aktiv Politik gestalten. Wir haben dadurch Maßstäbe für andere Parteien und die Gesellschaft gesetzt.

Doch dieser Wechsel von der femâlistischen Frauenpolitik hin zur Geschlechtergerechtigkeit fand nicht schlagartig statt. Verschiedene Prozesse haben diese Entwicklung begleitet und es ist noch ein langer Weg, bis die Gleichberechtigung der Frannen endlich auch in der Gesellschaft der Bundesrepublik angekommen ist.“

Aus einer Rede von Katjes Sauer,
Bundestagsabgeordnetes der Grünen

Freitag Abend

Heika lachte in der Erinnerung und versuchte, sich auf seinem unbequemen Stahlstuhl halbwegs entspannt hinzusetzen. Schön, das Lokal war angesagt, aber wenn man unbequem saß, machte es ihm hier keinen Spaß. Heika wollte aber auch kein Spielverderber sein. Wenn seine Schwester Tina Wert darauf legte, in diesem Restaurant zu Abend zu essen, dann würde es sich anpassen und wollte nicht an den Sitzgelegenheiten mäkeln. Man traf sich viel zu selten, um sich wegen solch einer Nebensächlichkeit zu streiten. Wahrscheinlich bin ich nur langsam zu alt für diese Lokale, dachte Heika. Nicht einmal zehn Jahre trennen uns und doch ist es eine ganze Welt. Geschwisterliche Zuneigung ist etwas seltsames: Sie kettet Personen aneinander, die sich oft nicht einmal sympathisch sind. Und, ja, Blut ist tatsächlich dicker als Wasser …

Es machte ein Hohlkreuz, um den Rücken etwas zu entlasten und beendete seine Geschichte von der glücklichen Auseinandersetzung mit dem Mann vom Stiftungsamt. Es hatte nicht den gewünschten Erfolg. Tina und Sebastian hörten ihm nur abgelenkt zu: Seine Schwester ließ ihre Blicke im Raum schweifen, ihr Freund beschäftigte sich mit dem Fischteller. Am Ende erntete Heika nur ein gequältes Lächeln bei den anderen. Heika seufzte. Anscheinend war es sein Los, immer wieder den Seelendoktor für seine Schwester und ihren Freund zu spielen. Es schob die Schüssel mit den ungenießbaren, viel zu essigsauren Resten seines Salates zur Seite.

„Aber da erzähle ich nur von mir. Ihr habt doch etwas auf der Seele.” Die beiden sahen sich kurz an, sie schienen stumm den Kampf auszufechten, wer beginnen sollte. Dann senkten sie wie auf ein Kommando gleichzeitig die Augen.

„Wir haben ein Problem”, sagte Sebastian nach einer peinlichen Pause. Heika lächelte leicht und wartete geduldig. Doch der Partner seiner Schwester war nach seinem mutigen Vorstoß verstummt und sah von der Seite zu Tina, die für den Moment so tat, als würde sie nur zufällig mit Fremden an einem Tisch sitzen.

„Lasst mich raten”, unterbrach Heika das lastende Schweigen, „seit ihr vor einem Monat eine gemeinsame Wohnung genommen habt, streitet ihr euch ständig.” Tina sah überrascht auf, blieb aber noch still.

„Das ist nicht schwer zu erraten”, fuhr Heika fort. „Die plötzliche Nähe des Zusammenlebens bringt bei allen Probleme. Konntet ihr euch bisher aus dem Weg gehen, wenn ihr übelgelaunt wart und dadurch großzügig über die Marotten des anderen hinweggehen, ist das nun plötzlich nicht mehr möglich. In solch einer Situation kann schon ein nicht weggeräumter Teller oder spiegelverkehrt eingehängtes Toilettenpapier gewaltigen Streit provozieren. Natürlich ist das nur ein Auslöser, die tatsächlichen Gründe liegen immer tiefer …”

„Schmutzige Teller! Wenn es nur das wäre! Er hat mich betrogen”, platzte Tina heraus. „Wir sind noch keinen Monat in der gemeinsamen Wohnung, da übernachtet er schon bei einem Frann, das er kennengelernt hat.“

Heika sah erstaunt zu Sebastian, der wenig schuldbewusst aussah. Das hatte es dem überheblichen jungen Mann dann doch nicht zugetraut. Sebastian lehnte sich betont lässig zurück und sagte in süffisantem Plauderton:

„Deine Ansichten zum Thema ‚betrügen‘ und ‚Seitensprung‘ sind ein wenig viktorianisch – gelinde gesagt. Ich kann nur wiederholen: Ich liebe dich und will mit dir mein Leben gestalten. Aber zu einer Partnerschaft gehören immer drei. Wenn ich also ein Frann kennenlerne, das mir gefällt …“

„Ohne mich! Ich sitze Zuhause und mache die Wäsche. Der gnädige Herr geht aus und mit dem nächsten Flitteschen ins Bett!“

„Zum einen ist Herma kein Flitteschen und zum anderen wird es mir doch nicht verboten sein, mal ohne dich auszugehen! Du hast doch …” Er verhedderte sich in seiner Argumentation und verstummte. Eigentlich wusste er, dass er falsch gehandelt hatte, aber er würde die Hölle tun, dies hier vor Tina und ihrem Bruster zuzugeben.

„Ich fühle mich so ausgenutzt“, seufzte Tina und setzte auf die Schuldgefühle von Sebastian. Da kam sie ihm gerade recht:

„Du fühlst dich ausgenutzt? Das ist der Gipfel! Wer bezahlt denn alles, seit du bei deiner Firma gekündigt hast und arbeitslos bist? Wer bezahlt denn heute dein Essen? Ich schufte mich den ganzen Tag im Finanzamt ab …“

Tina nahm ihr Weinglas und schüttete dessen Inhalt in Sebastians Gesicht. Eine andere Erwiderung fiel ihr nicht mehr ein. Dann stand sie auf und rannte weinend hinaus. Sebastian, der den Angriff auf seine Person offenbar gar nicht richtig wahrnahm, lachte auf und wischte sich über das Gesicht.

„Ja, das ist typisch Frau. Sie rennt davon, wenn es ihr unbequem wird.“

Dabei sah er beifallheischend zu Heika, das der ganzen Szene stumm gefolgt war. Heikas Sympathien lagen eindeutig bei seiner Schwester; es hatte den arroganten und selbstgefälligen Sebastian nie leiden können und sich immer gewundert, was Tina an ihm fand. Insgeheim amüsierte es sich über die heftige Reaktion seiner Schwester. Dennoch wollte es Sebastian nicht ins Gewissen reden, denn in dieser speziellen Auseinandersetzung fand Heika als diplomiertes Familienpsychologe doch einiges, das für den Freund seiner Schwester sprach. Es wusste, dass Tina ihre Arbeitsstelle durch ihr eigenes Verhalten verloren hatte und darüber verbittert war. Zudem konnte in diesem Fall von Fremdgehen nicht die Rede sein, auch wenn es nicht ganz in Ordnung war, wenn Sebastian allein auf Brautsuche ging. Er hätte sich zumindest der Zustimmung seiner Lebenspartnerin vergewissern können. Heika fasste Sebastian beschwichtigend am Arm und bemerkte, wie der Mann unter der Berührung von ihm zusammenzuckte. Klar, Sebastian hatte als testosterongesteuerter junger Mann erhebliche Vorurteile vor Homosexuellen; noch dazu, wenn es sich um Frannen handelte. Deshalb griff es noch fester zu, denn es wollte ihn gezielt aus der Fassung bringen.

„Ich werde mit ihr sprechen. Lass uns ein wenig Raum und überlege dir in der Zwischenzeit gut, was du ihr sagen willst, wenn wir zurückkommen. Du solltest deine Taktik ändern, Junge. Auf diese Weise fährst du den Karren an die Wand. Eure Beziehung ist an einem Wendepunkt; einen Vertrauensbruch wie den deinen kann man nicht einfach weglächeln und dann zum Alltagsgeschäft übergehen“, sagte es, drückte noch einmal fest den Arm von Sebastian, der mit sich rang, ob er sich losreißen sollte. Heika stand auf, nickte eindringlich und ging hinter Tina her. Sebastian sah dem Frann skeptisch hinterher, dann schüttelte er in stummer Verzweiflung den Kopf.

Frannen und Frauen sind der Freunde Frust, fiel ihm eine Textzeile aus einem Lied von Rammstein ein.

Heika fand Tina auf einem kleinen Mäuerchen neben dem Parkplatz sitzend. Es hatte erwartet, Tina noch weinend vorzufinden; aber sie sah ruhig in den Sternenhimmel, hatte dabei den Mund leicht geöffnet. Sie erinnerte ihn in diesem Augenblick an früher, an das kleine Mädchen, mit dem es so oft spazieren gegangen war.

„Ob es dort oben Leben gibt?“, fragte sie leise, als sich ihr Bruster neben sie setzte und einen Arm um sie legte. Heika wusste nicht, ob seine Schwester eine Antwort erwartete. Es sah ebenfalls nach oben, fand den großen Wagen. Es war kalt hier draußen vor dem Lokal.

„Vielleicht kommt irgendwann mal ein Schiff von dort oben herunter, am besten voller drei Meter großer Frannen“, scherzte Heika. Es kicherte leise bei der Vorstellung. „War es richtig, einfach aufzustehen und zu gehen?“, fuhr es dann ernst fort. Tina seufzte leise, sah ihren Bruster nicht an.

„Weißt du, ich kann einfach nicht mehr mit ihm reden, ohne zu streiten. Und dann hat er mich mit seinem Fremdgehen wirklich tief verletzt.“

„Sebastian sieht das nicht so, das weißt du. Er hätte gerne eine komplette Beziehung; eine Dreisamkeit.“

„Er mag ja recht haben, aber ich kann nicht gegen meine Gefühle an. Ich fühle mich betrogen.“

„Ich verstehe dich, aber du könntest dir einmal überlegen, woher diese Gefühle kommen?“

„Doch sicher aus meiner kaputten Elternbeziehung, Frann Freud. Sie wissen ja, ich will meine Mutter töten und meinen Frater vergewaltigen.“ Das klang bitter und Heika lächelte gequält.

„Rede doch keinen Unsinn. Allerdings spielen die wechselnden Männerbekanntschaften unserer Mutter dabei tatsächlich eine Rolle, das kannst du mir glauben, denn ich weiß, wovon ich rede. Zwischen uns ist zwar eine Kluft aus Alter und Erfahrung, aber wir sind Geschwister, vergiss das nicht. Was Mutter mit Elle macht, findet meine Zustimmung ebenso wenig wie deine. Als Vater starb …“ Tina verzog das Gesicht und unterbrach Heika eilig. Dies war eine Wunde, an der es nicht rühren durfte.

„Lassen wir doch die Psychologie außen vor. Sie kann immer nur im Nachhinein etwas erklären. Sag mir lieber, was ich tun soll.“ Heika zuckte mit den Schultern.

„Ich bin nicht deine persönliche Partnerberatungsstelle, liebe Schwester. Ich denke aber, deine Sorgen sind hauptsächlich in der Tatsache begründet, dass du deinen Beruf aufgegeben hast. Das hat dich verbittert.“

„Ach, ich bin also an allem Schuld? Weil mir ein Frann vorgezogen wurde? Meine Unzufriedenheit treibt mein armes Herrchen in die Fänge eines bitch. Der Ärmste, was muss er leiden! Du machst es dir doch sehr einfach, Heika. Das ist Küchenpsychologie.“

Heika wollte Einspruch erheben, aber dann erkannte es, dass Schweigen im Moment die bessere Alternative war. Eine ganze Weile starrten die beiden so unterschiedlichen Geschwister festumschlungen hinauf zu den funkelnden, gleichgültigen Sternen.

„Wenn es da oben Leben gibt, ob die auch so viele Probleme haben wie wir?“, fragte dann Tina und nahm ihren Gedanken von vorhin wieder auf. Heika zuckte mit den Schultern.

„Du kannst sicher sein, wenn sich auf anderen Planeten Leben und Liebe entwickelt haben, dann gibt es dort auch die gleichen Probleme. Wer weiß, vielleicht ist es dort noch viel komplizierter als hier bei uns.“ Es hörte im Rücken zögernde Schritte nahen und wusste ohne sich umzusehen, dass Sebastian langsam näher trat, unschlüssig, ob er die Zweisamkeit stören sollte. Heika stand auf, tat aber so, als hätte es den Freund seiner Schwester nicht bemerkt.

„Die Sterne schweigen“, sagte es. „Wir werden von ihnen keine Antworten erhalten. Unsere Probleme müssen wir hier lösen. Ganz allein.“ Es stockte. „Irgendwie.“

ErSieEs – 3. Geschichte

ErSieEs

Geschichten aus einer anderen Welt

3. Geschichte

[…] Während in den Staaten der sogenannten Dritten Welt, die durch die oben erläuterten, den christlichen Moralvorstellungen entgegenstehenden Gesetzmäßigkeiten vor dem ökologischen und ökonomischen Ruin stehen, trotzdem ein bewunderungswürdiger Reichtum an Menschen existiert, der allein ein bemerkenswertes Hoffnungspotential bildet, ist in den Industrienationen seit den beiden Weltkriegen durch die Verbreitung der modernen Verhütungsmittel ein erschreckender Rückgang der Geburten zu beklagen. So wird in Europa im Jahre 2025 auf sieben Menschen im Alter von über siebzig Jahren nur ein Jugendlicher kommen. Durch das Auf-den-Kopf-stellen der Bevölkerungspyramide besteht die Gefahr der Verarmung, sogar des Aussterbens ganzer Völker. Das ist sicherlich die größte Herausforderung, mit der Europa sich zu Beginn des zweiten christlichen Jahrtausends konfrontiert sieht.
[…] Nicht zuletzt aus diesen Gründen spricht sich die heilige katholische Kirche mit kämpferischer Entschiedenheit gegen die Verhütung und Abtreibung aus; sie wenden sich gegen die christliche Ethik und Gottes Schöpfungswillen. […] Das Geheiligte Mysterium der Dreifaltigkeit weist jedem Gläubigen den rechten Weg: Gottvater und die Heilige Geist wurden Mensch durch das Jungfrann Maria, in Jesus Christus, Unserem Herrn.“

Aus: Hirtenbrief der kath. Bischofskongregation „Über die Empfängnis“

Freitag Vormittag

Heika Bosch nickte ernst. Es wusste, wie verständnisvoll und abgeklärt es dabei aussah. Schließlich hatte es seinen Gesichtsausdruck in unzähligen Gesprächen gleich diesem eingeübt. Heika war abgelenkt und schämte sich deshalb ein wenig. Trotzdem sah es immer wieder zur Uhr, die im Rücken seines Gesprächspartners an der Wand über der Tür hing. Es war Viertel vor Zehn, also hatte es noch ein wenig Zeit. Dennoch gelang es Heika nicht, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Die Probleme seines Gegenübers waren existentiell, aber es hatte schon allzu viele Beratungen durchgeführt. Vor Jahren hatte es aus Überzeugung diese Halbtagsarbeit für den Verein übernommen. Inzwischen jedoch war eine Routine eingekehrt, die niemand mehr als Heika selbst bedauerte. Immer häufiger versuchte es, die Gesprächspartner mit leeren, aufmunternden Worthülsen abzuspeisen, ohne näher auf auf deren Probleme einzugehen. Vielleicht war es richtig, einen längeren Urlaub zu machen und Abstand zu gewinnen, sich mal wieder zu verlieben. Heika sah erneut auf die Uhr, zwang sich dann aber, aufmerksamer zuzuhören und hatte sofort ein Gefühl von Déjà-vu.

Als es endlich zehn Uhr wurde, war es Zeit, einen Schnitt zu machen, obwohl Heika den Fehler spürte, die Beratung abzukürzen. Aber es wollte den Mann vom Stiftungsamt, mit dem es jetzt verabredet war, nicht warten lassen. Von diesem Gespräch hing im Wesentlichen ab, ob die Selbsthilfevereinigung Homosexueller Frannen e. V., kurz HoFra genannt, in dessen Vorstand und Beratungsstelle Heika tätig war, für ein weiteres Jahr finanzielle Unterstützung von der Stadt erhielt. Das war ein Kampf, der in jedem November ausgefochten werden musste und bei dem immer weniger öffentliche Mittel erstritten wurden. Diesmal würden die Verhandlungen besonders schwierig, denn der Beamte, den es gleich treffen würde, war eine unbekannte Größe. Sein Name war Braumeier, wie es dem Schriftverkehr mit ihm entnahm. Er hatte sein Amt eben erst übernommen und lag wahrscheinlich auf der Linie des in der Mehrheit rechtskonservativen Stadtrats. War das der Fall, sah es düster aus. Wurde die Zuschüsse weiter gestrichen, stand die HoFra vor dem Nichts, denn durch Spenden konnte sie sich nicht erhalten.

Heika unterbrach seinen Gesprächspartner, ein Studenten, das mit seinem Freund wegen der Vorurteile der Vermieter keinen Wohnung finden konnte, mitten im Satz. Es holte eine Broschüre zu diesem Thema aus dem Schreibtisch und erläuterte sie eilig. Das Student nahm das Heft zögernd und wirkte sichtlich enttäuscht. Heika versuchte durch eine herzliche Umarmung und einen aufmunternden Kuss auf den Mund den Eindruck von kühler Professionalität abzuschwächen, was ihm nur halbwegs gelang. Dann nahm es die vorbereiteten Unterlagen an sich und ging eilig hinüber zum Seminarraum, dem größten Zimmer in der engen Wohnung, die der Verein als Beratungsstelle angemietet hatte. Heika hatte sich kaum verspätet, aber die anderen beiden Vorstandsmitglieder saßen bereits mit Braumeier auf den niedrigen, im Kreis stehenden Sesseln. Alle sahen etwas verloren aus. Der Beamte studierte die Bücherrücken in den Regalen zu seiner Linken. Man wartete auf Heika, das ein sicheres und resolutes Auftreten hatte und dem damit das Hauptgewicht der Verhandlungsführung mit dem Mann vom Stiftungsamt zufiel.

Das Frann legte die Aktenordner mit den Kopien der Belege und Jahresberichte auf den Tisch in der Mitte und reichte dem Beamten, der älter war, als es erwartet hatte, die Hand; stellte sich vor. Er stand nicht auf, was keine Unhöflichkeit war, sondern an den niedrigen Sesseln lag. Es kostete ihn bereits eine Kraftanstrengung, sich in seinem weichen Sitz gerade zu richten. Dennoch fragte ihn Heika, ob es ihn zuerst durch die Beratungsstelle führen sollte. Er verneinte mit einer unwirschen Handbewegung und nahm die Unterlagen, die er sofort aufschlug und zu studieren begann. Heika setzte sich und seufzte heimlich, tauschte mit den beiden Frannen einen verunsicherten Blick. Der Mann schien ein harter Brocken zu sein. Und er war ganz offensichtlich mit Vorurteilen und Ablehnung zu dem Gespräch gekommen. Wenigstens gab es an der Buchführung des Vereins nichts zum Beanstanden und wenn Braumeier mit der Lupe suchte. Für jede noch so kleine Ausgabe gab es eine Notwendigkeit und einen Beleg. Alles war sauber mit den kargen Einnahmen verbucht; die seltenen Spenden quittiert und offengelegt. Freilich schrieb der Verein wie alle anderen rote Zahlen und hatte Schulden, aber sie fielen nicht aus dem Rahmen des Üblichen. Die HoFra war im Großen und Ganzen gesund, hing allerdings an dem dünnen Tropf der öffentlichen Zuwendung.

Ein lastendes, minutenlanges Schweigen entstand, während Braumeier ruhig die Unterlagen studierte. Heika versuchte, den Beamten einzuschätzen, was ihm trotz seines geübten Blickes für Menschen schwerfiel. Er war dünn, trug eine Brille, aus deren Mitte eine erstaunlich spitze Nase hervorragte und war korrekt gekleidet. Er war verheiratet, die beiden Goldreife an seinen Ringfingern waren auffällig breit und behinderten ihn am Blättern in den Unterlagen. Er nahm seine Arbeit ernst. Die Bewegungen waren kontrolliert und gefasst, aber eine situationsbedingte Unsicherheit war nicht zu übersehen. Ganz offensichtlich hatte Braumeier heute zum erstenmal Kontakt mit homosexuellen Frannen. Ihm stand für diesen Fall kein Verhaltensrepertoire zur Verfügung und er versteckte sich deshalb hinter der Maske beflissener Diensterfüllung. Heika hatte das schon häufig erlebt; es war ein Verhalten, das weniger durch Vorurteile, als durch Verständnislosigkeit geprägt war. Als Gruppe pauschal an den Rand der Gesellschaft, oft sogar aus ihr heraus gedrängt, war es gerade das Unbekannte, Fremdartige, das die Trisexuellen an Frannen wie ihm verunsicherte, ängstigte, abstieß. Aufklärung tat not, aber niemand hatte den Wunsch, aufgeklärt zu werden.

Heika wurde in seinen Überlegungen durch ein Klopfen an die Tür unterbrochen. Stefe kam mit einer Thermoskanne und Kaffeegeschirr herein, stellte seine Last wortlos auf den Tisch, um sich sofort wieder zurückzuziehen. Stefe war eine Art Hausmeister der Beratungsstelle, es hatte sein Bett im kleinsten der Zimmer, einem sargähnlichen, fensterlosen Raum, in dem auch Büromaterialien lagerten und das Kopiergerät stand. Es wohnte dort, seit es von seinen Ehepartnern, die es mehrmals krankenhausreif geprügelt hatten, in den Schutz der HoFra geflohen war. Normalerweise war man hier für solche Fälle nicht eingerichtet, dafür gab es das Frannenhaus. Selbst wenn die Not keinen anderen Weg übrig ließ, bemühte man sich, für diese Frannen schnell eine geeignetere Unterkunft als den provisorischen Übernachtungsraum zu finden. Warum man vor Jahren mit Stefe eine Ausnahme gemacht hatte, es in seiner unauffälligen, aber fleißigen Art inzwischen fast zum Mobiliar gehörte, wusste niemand mehr so genau, aber das Frann war längst unentbehrlich geworden.

Braumeier beendete endlich seine Lektüre und ließ sich Kaffee einschenken. Er legte den Ordner zu seinem Aktenkoffer, der neben ihm am Boden stand. Er räusperte sich.

„Das scheint mir auf den ersten, selbstverständlich nur oberflächlichen Blick in Ordnung zu sein. Sie werden aber verstehen, wenn ich die Unterlagen zu genauerer Prüfung mitnehme. Ich werde sie Ihnen im Verlaufe der nächsten Woche wieder zurückschicken“, sagte er. Heika nickte, obwohl es wusste, wie unüblich diese Handlungsweise war, die seiner Vorgängerin nie in den Sinn gekommen wäre. Es reichte Braumeier die Dose mit dem Zucker. Er bediente sich reichlich, gewann offensichtlich an Fassung und Selbstsicherheit. Heika entschloss sich, ihn wieder ein wenig ins Wanken zu bringen.

„Die Unterlagen in dem Ordner sind zwar nur Kopien, wir wären Ihnen aber trotzdem dankbar, wenn Sie uns die Mitnahme quittieren würden.“ Es lächelte eine Spur zu freundlich. „Im übrigen möchte ich Sie darauf hinweisen, dass das Finanzamt die Bücher der letzten Jahre geprüft hat und keinen Grund zur Beanstandung fand. Eine Ablichtung der Bescheide liegt dem Ordner bei.“

Der Blick des Beamten schätzte Heika aufmerksam ab.

„Ich habe mein Amt erst kürzlich übernommen. Ich möchte mir nur einen Überblick verschaffen“, wiegelte er ab und nahm einen Schluck Kaffee. Dann sah er sich unsicher um, als suche er nach Hilfe. „Ich würde nun gern ihre Räumlichkeiten besichtigen.“

Braumeier stellte die Tasse klirrend auf den Tisch, versuchte aufzustehen. Es misslang: Er fiel zurück in die weichen Polster. Heika, jünger und trainiert, zudem mit den Tücken der Sessel vertraut, kam flink auf die Beine und bot Braumeier seine Hand zur Hilfe an. Er tat, als würde er die dargebotene Rechte nicht bemerken. Mit einem bemerkenswerten Kraftaufwand, der eine dicke Ader auf seiner Stirn zum Schwellen brachte, kam er in die Senkrechte. Er atmete seufzend aus.

„Danke, es geht schon.“ Heika verbiss sich ein Lächeln. Die sich im Rücken des Beamten befindlichen Frannen hatten es leichter. Beide grinsten breit.

„Beginnen wir mit diesem Zimmer, es ist unser Gruppengesprächs- und Seminarraum. Hier treffen sich unter der Woche unsere verschiedenen Selbsthilfegruppen und hier findet auch die Mehrzahl unserer Kurse statt; selbstverständlich unter kompetent fachlicher und psychologischer Betreuung. Ich werde ihnen später noch einen genauen Überblick über die Seminare, ihre Leiter, die Zielvorstellungen und Erfolge geben“, erklärte Heika, Auswendiggelerntes hersagend. Braumeier nickte abgelenkt und schielte zur Seite. Heika, das den Blick bemerkte, fuhr eilig fort:

„In den Regalen hier rechts haben wir eine kleine Bibliothek mit Fachliteratur und Zeitschriften eingerichtet. Die Bücher können auch von interessierten Frannen entliehen werden.“

Braumeier rückte seine Brille zurecht und legte den Kopf zur Seite, um die Titel zu entziffern. Die Bücher schienen ihn zu beschäftigen. Dem etwas verwirrten Heika fiel auf, dass er einen ungewöhnlich langen und dünnen Hals hatte; zusammen mit dem spitzen Gesicht hatte er eine lächerliche Ähnlichkeit mit einem neugierigen Erpel. Braumeier nahm einen Band vorsichtig heraus und blätterte in ihm. Heika zog die Augenbrauen in die Höhe.

„Das ist von ihnen, ja? Sie sind doch Dr. Heika Bosch, das Autor, das einzige Frann, das je Psychologie studiert hat?“, überraschte er Heika, das ihn erstaunt ansah. Es lachte unsicher.

„Inzwischen nicht mehr das einzige. Es sind zwar leider noch wenige, aber …“ Es zögerte. „Ja, das ist eines meiner Bücher.“ Braumeier lächelte. Es war das erste Mal, dass er es tat.

„Es freut mich außerordentlich, Sie endlich einmal kennenzulernen, Frann Bosch.“ Er hob den dicken Band in die Höhe.

„Ich habe das hier und Das schwächste Geschlecht mit Aufmerksamkeit gelesen. Soweit ich es als psychologischer Amateur überhaupt beurteilen kann, sind es ganz ausgezeichnete Bücher.“

Das Buch, das Braumeier in den Händen hielt, Die versteckte Gewalt – Mechanismen der Unterdrückung homosexueller Frannen, war mit Sicherheit nicht nur Heikas schwierigstes, sondern zugleich sein am meisten kämpferisches Buch. Ein bislang als bieder eingeschätzter Beamte las komplexe psychologische Fachliteratur. Heikas Bild von dem Mann wurde erschüttert. Und gleichzeitig konnte es befreit lächeln. Wenn er ein Bewunderer seiner Literatur war, dann stand es vielleicht doch nicht so schlecht um den Zuschuss der Stadt, bei dem Braumeiers Wort ja ein entscheidendes Gewicht hatte. Heika griff eilig nach einem Buch im Regal und reichte es dem Beamten.

„Das ist mein neuer Titel. Es würde mich freuen, es ihnen als Geschenk zu überlassen.“ Er nahm erfreut den Band in die Hand.

Die Kluft„, las er, „Die nepotische Psychose als Lebenslüge im Alltag. Das ist wunderbar. Ich habe schon davon gehört und einen lobenden Artikel darüber im Science Magazine gelesen. Ich bin sehr interessiert daran. Wenn Sie mir eine Widmung hineinsetzen könnten, wäre das einfach …“

„Aber selbstverständlich“, fiel ihm Heika ins Wort. Die beiden lächelten sich an, verstanden sich.

ErSieEs – 2. Geschichte

ErSieEs

Geschichten aus einer anderen Welt

2. Geschichte

„Es ist bekannt, dass die Anglikanische Kirche von Heinrich VIII. gegründet wurde, der auf diese Weise nach der päpstlichen Verweigerung die einzige Möglichkeit ergriff, sich von Katharina von Aragonien scheiden zu lassen und Anna Boleyn mit dem Segen einer Kirche, nämlich der eigenen, zu ehelichen. Gleichzeitig festigte er mit diesem Schritt seine Macht, da er durch den Suprematseid einen Grund schuf, den langweiligen, prinzipienreitenden Stoiker Lordkanzler Moore aus dem Weg zu räumen. Anna Boleyn, die bald dasselbe Schicksal wie Thomas Morus ereilen sollte, blieb nicht die letzte Frau des Königs.

Wenig bekannt ist hingegen, dass Heinrich VIII. in seinem Bestreben, einen männlichen Thronfolger zu zeugen, nicht nur sechs Frauen ehelichte, sondern mindestens auch sieben Frannen, die, rechtlos, wie sie in jenen düsteren Zeiten waren, nicht in den Annalen Erwähnung fanden. Dennoch gilt es als erwiesen, dass das blutjunge Frann Hetha Muller das Austrag der späteren Königin Elisabeth I. war. Muller ist das Verfasser der berühmten ersten literarischen Selbstdarstellung eines Frann, De Profundis[…] Wir begegnen ihm in Shakespeares Drama Die lustigen Frannen von Windsor in der Person des Annas Page wieder. Auch deshalb hat sich sicher zu Unrecht das Gerücht erhalten, einige der heute Shakespeare zugewiesenen Dramen stammten in Wirklichkeit aus der Feder von Hetha Muller.“
Elias Bellow,“Familie im Wandel,Ein Sittenbild“, S.432 f.

Montag Morgen

Der Radiowecker setzte sich mit einem metallischen Geräusch in Gang. Eine quäkende Stimme sang:

You, you, and me,
we three are one,
from here to eternity.

Sie versuchte geraume Zeit, die Schläferin zu wecken, die sich, verzweifelt die Decke über den Kopf gezogen, gegen diese Zumutung wehrte. Was Rod Stewart nicht gelang, schaffte die anschließende Rundfunkwerbung: Halb schlafwandelnd tappte Tina ins Bad.

Ihr Vater war vor zehn Jahren durch einen Autounfall ums Leben gekommen und sie bewohnte das geräumige Elternhaus nur mit der Mutter und ihrem Frater. Seit längerer Zeit spielte sie mit dem Gedanken, wie ihr älteres Bruster Heika von Zuhause fortzuziehen, sich vielleicht mit Sebastian gemeinsam eine Stadtwohnung zu suchen. Sie verdiente dazu genug Geld und fand, sie bald schon über das Alter hinaus, in dem eine Tochter flügge wird. Die Vorstellung, noch weitere Jahre mit den beiden übriggebliebenen Elternteilen zu leben, erschreckte sie wegen den täglichen Spannungen und Streitigkeiten. Die Mutter, als Schwester im nahen Kreiskrankenhaus tätig, fühlte sich stets überarbeitet und, durch die Wechseljahre bedingt, unverstanden. Gewohnheitsmäßig schlechtgelaunt, ließ sie ihre Wut an ihrem Frann aus, das die Spannungen wiederum an Tina ableitete. Beinahe unerträglich wurde die Situation zwischen den Eltern durch die häufig wechselnden Männerbekanntschaften der Mutter, die durchweg vom Frater abgelehnt wurden, das sich zu alt für Abenteuer fühlte und sich zu sexuellen Begegnungen gezwungen sah, die es ablehnte. Die beiden empfanden keine Zuneigung mehr füreinander, klammerten sich trotzdem an ihre Ehe, weil sie sich ein Leben ohne den anderen nicht vorstellen konnten. Trotzdem konnte sich Tina nicht entscheiden, das Elternhaus zu verlassen. Das lag in der Hauptsache an ihrer Bequemlichkeit. Es war einfach und billig, in dem geräumigen Reihenhaus wohnen zu bleiben, hier wurde ihre Wäsche gewaschen und tägliche Mahlzeiten angerichtet. Zudem bekam sie die streitsüchtige Mutter nur selten zu Gesicht und das Frater betrachtete sie, war sie ehrlich mit sich, als eine Art von besserem Personal, das für sie sorgte. Dafür nahm sie auch gelegentliche Streitereien in Kauf.

Heute war ihr Frater jedoch gut gelaunt, als sie gemeinsam frühstückten. Seine Frau hatte Frühschicht und das Haus längst verlassen. Wenn auch Tina zur Arbeit gegangen war, stand ihm ein ruhiger Vormittag bevor. Obwohl das Frater erst Mitte vierzig war, wirkte es wesentlich älter, aufgeschwemmt und abgearbeitet. Während die Mutter im Wesentlichen sie selbst und der tote Vater immer jung bleiben würde, konnte sich Tina beim besten Willen nicht vorstellen, dass unter dieser verhärmten Larve das schöne Frann verborgen lag, das sie aus alten Fotos kannte. Es bedrückte sie, wie sehr sich ein Mensch innerhalb von zwanzig Jahren verändern konnte. Lag es an den zwei Kindern, die es ausgetragen hatte, an dem Verlust des geliebten Mannes, an der täglichen, stumpfsinnigen Hausarbeit oder daran, wie unzufrieden es mit dem war, was es aus seinem Leben gemacht hatte? Tina wusste keine Antwort. Es war ihr auch nicht angenehm, über solche Dinge nachzudenken. Sie war froh, endlich in ihr Auto zu steigen und sich durch die Fahrt zur Arbeit auf andere Gedanken zu bringen. In der Vorstadt nahm Tina wie jeden Morgen ihre Kollegin Petra auf, mit der sie oberflächlich befreundet war. Sie nahm auf dem inneren der beiden Beifahrersitze Platz.

„Bist du aufgeregt?“, fragte sie nach der Begrüßung und klopfte Tina kameradschaftlich auf die Schulter. „Es wird schon klappen.“

Einen Moment wunderte sich Tina, dann fiel ihr siedendheiß ein, was sie schon den ganzen Morgen erfolgreich verdrängt hatte. Für heute stand die Entscheidung ihrer Vorgesetzten an, wem die Leitung des neuzuschaffenden Ressorts PC-Service und Koordination übertragen würde. Sie wusste von neben ihr drei weiteren aussichtsreichen innerbetrieblichen Kandidaten und, wie sie erfahren hatte, lagen auch zwei Bewerbungen von außerhalb vor. Tina rechnete sich gute Chancen aus, denn ihre fachliche Eignung stand ohne Zweifel. Sie hatte in den letzten Jahren die Mitarbeiterschulungen übernommen und war ein geachteter und erfahrener Ansprechpartner. Sorge machte ihr allein ihr Alter. Eine konservative Firma wie die ihre zögerte, einer jungen Kraft eine Ressortleitung zu übertragen. Aber es gab Gegenbeispiele. Hajo Gärtner von der Fertigungssteuerung war jünger als sie. Deshalb war sie nervös, hatte am Abend Schlaftabletten genommen und litt durch das leichtsinnig gegessene Frühstück unter Magenbeschwerden. Sie war fahrig und abgespannt, fuhr aggressiv und schnell; sie bemerkte es erst, als sie die Kollegin darauf aufmerksam machte. Tina fühlte sich ertappt. Trotzdem lächelte sie überlegen, zumindest hoffte sie, es sähe so aus. Sie wollte sich keine Blöße geben, da Petra keine intime Freundin war und sie ihrer Verschwiegenheit nicht traute. Tina sah die Firma, in der sie arbeitete, als eine Art Schlachtfeld und die Belegschaft als ein Heer von offenen und versteckten Gegnern an. Aus diesem Grund legte sie jedes Wort und jede Regung auf die Waage. Es ärgerte sie, dass ihre Bewerbung für den Ressortleiterposten durch eine, wie sie vermutete, gezielte Indiskretion ihres Vorgesetzten in der Firma durchgesickert war und sie immer wieder freundschaftlich oder gönnerhaft darauf angesprochen wurde.

Das Zimmer, das sie mit einem Kollegen, der stets spät kam, teilte, roch muffig und eigen. Sie vergaß übers Wochenende immer den unangenehmen Geruch und brauchte jeden Montag einige Zeit, um sich an ihn zu gewöhnen. Es lag Arbeit auf dem Schreibtisch, aber sie nutzte diese erste Ruhe, setzte sich, schaltete den Computer an und sah ihm beim booten zu. Jetzt spürte sie vornehmlich in den Beinen und im Rücken ihre Anspannung als ein fast schmerzendes Stechen. Das flaue Gefühl in Bauch verstärkte sich. Vielleicht bekam sie ihre Tage. Eines der Sekretäre kam mit einem einen Tic zu freundlichen Gruß herein, stellte Tina eine dampfende Tasse Kaffee auf den Tisch und machte ein paar der üblichen Montag-Morgen-Bemerkungen. Tina antwortete entgegen ihrer Gewohnheit abgelenkt und unlustig. Sie stieß das Frann damit vor den Kopf und bedauerte es kurz, weil ihr das Sekretär gefiel und sie gern mit ihm flirtete. Doch zu unverbindlicher Koversation war sie heute nicht fähig. Als sie wieder allein war, schob sie angewidert den Kaffee beiseite. Mit ein paar Mausklicken stieg sie in die Datenbank-Software ein, in der sie im Moment eine Anwendung entwickelte und blätterte die Programmlisten auf. Damit wollte sie sich den Anschein geben, sie würde arbeiten. Sie sah auf den Bildschirm, ohne ihn bewusst wahrzunehmen, dachte an nichts und ließ die Zeit verstreichen. Sie wartete. Nach einer Weile trank sie doch den erkalteten Kaffee. Sie bereute es sofort, denn sie bekam fast augenblicklich Unterleibsschmerzen, die ihr allerdings Grund gaben, die Toilette aufzusuchen und dort in kühler Abgeschiedenheit einige Zeit zu verbringen. Bald kehrte sie unruhig in das Zimmer zurück. Ihr Kollege saß am anderen Schreibtisch und grüßte sie abgelenkt über sein Terminal hinweg. Die beiden hatten nichts miteinander zu schaffen und arbeiteten in unterschiedlichen Bereichen, nur die Raumnot in der aus den Nähten platzenden EDV hatte sie zusammengeführt.

Tina setzte sich wieder vor den PC, hinter dem sie sich gut verbergen konnte. Sie ging lustlos mit dem Cursor in dem in der letzten Woche erstellten Programmrumpf spazieren, befand dann nebenzu ein paar der Layoutbefehle für verbesserungswürdig. Keinen Augenblick ließ sie das Telephon aus den Augen, das allerdings wie zum Trotz stumm blieb. Plötzlich läutete es doch und Tina war so erschrocken, dass sie unfähig war, den Hörer aufzunehmen. Ihr Kollege hob ab, lauschte, gab knappe, dann zornige Antworten. Das Gespräch war für ihn. Tina lehnte sich zurück und bemühte sich um einen ruhigen Atem. Sie spürte ihren eiligen Pulsschlag am Hals. Es gelang ihr erst, sich zu beruhigen, als der Kollege am Telefon laut wurde und sich gestikulierend über eine Schlamperei ereiferte. Es machte Tina Spaß, ihm dabei zuzusehen. Sie entdeckte dadurch an ihm, der sonst unauffällig und ausgeglichen seine Arbeit verrichtete, einen neuen Zug. Er legte den Hörer wütend zurück auf die Gabel und murmelte ein paar unverständliche Worte. Dann wurde er überraschend rot im Gesicht und vergrub sich hinter seinem Bildschirm. Für eine Weile war es still im Zimmer.

Tina sah auf die Uhr. Es war noch nicht einmal halb zehn. Das Telefon läutete erneut und wieder war der Kollege mit seiner Hand schneller an dem Gerät, reichte ihr dann aber den Hörer hin:

„Für Sie.“

Tina glaubte, Erstaunen in seiner Stimme zu bemerken. Sie atmete zweimal tief durch, bevor sie sich meldete. Sie hoffte, ihr Tonfall klang ruhig und gefasst. Am anderen Ende war der Leiter der EDV, Dr. Waldemar Keller, der sie mit knappen Worten aufforderte, ihn aufzusuchen, wenn es ihr im Moment passe. Natürlich war es eine Floskel, wenn Keller rief, hatte man alles liegen und stehen zu lassen und zu rennen. Dennoch ließ sich Tina absichtlich ein wenig Zeit, denn sie wollte einen beschäftigten Eindruck machen. Sie prüfte mit einem kleinen Spiegel aus ihrer Handtasche ihr Make-up, bevor sie mit dem Aufzug ins vierte Stockwerk hinauffuhr. Erst als sie an Tür zum Büro des allmächtigen Dr. Keller geklopft hatte, entdeckte sie ihre schweißnassen Hände.

Reiß dich zusammen, dachte sie, in fünf Minuten kommst du als Ressortleiterin wieder heraus. Tina wischte sich die Handinnenflächen an der Hose trocken, dann nahm sie die Klinke in die Hand und klopfte energisch. Sie trat forsch in das geräumige Zimmer und blieb dann unschlüssig stehen. Keller, der selbstherrlich wie Ludwig XIV. (l‘ EDV, ce moi!) hinter seinem Schreibtisch thronte, war nicht allein. Aber anstatt ihres Abteilungsleiters Wigant, den sie erwartet hatte, saß auf einem der Besucherstühle ein elegant gekleidetes, älteres Frann, das mit weltfrännischer Geste rauchte und Tina mit einer abschätzenden Mischung aus Herablassung und distanzierter Höflichkeit maß. Tina gelang es, den Blick kurz und hochnäsig zu erwidern. Keller erhob sich schnaufend, er neigte wegen seiner Körperfülle zur Kurzatmigkeit. Er streckte Tina seine feiste Rechte entgegen. Sie musste sich weit über den Schreibtisch beugen, um seinen Händedruck zu erreichen, sie empfand diese gezwungene, unbequeme Haltung als eine gezielte Entwürdigung, eine Falle, in die sie gedankenlos getappt war. Keller setzte sich und deutete lässig auf das Frann, das sich zum Gruß halb aus dem Sitz erhob:

„Ich darf Ihnen Frann Bender vorstellen. Das ist Frau Bosch, von der wir sprachen, unser PC-Profi. Sie gibt innerbetriebliche Schulungen für unsere Mitarbeiter und schreibt spezielle Anwendungen. Ich darf hinzufügen, dass sie ihre Sache ausgezeichnet macht. Herr Wigant ist leider verhindert, Sie werden ihn aber heute Nachmittag kennenlernen.“ Pause. „Aber nehmen Sie doch Platz, Frau Bosch.“

Keller lächelte gönnerhaft. Tina gehorchte und sah sich unsicher um. Das Gespräch mit dem Vorgesetzten nahm nicht den Verlauf, den sie sich wünschte. Die Nähe zu dem Frann, das sie nicht einschätzen konnte, machte sie nervös. Wo war die Falle? Sie befeuchtete sich die Lippen.

„Sie wollten mich sprechen, Herr Dr. Keller?“

Sie schielte vorsichtig zur Seite. Das Frann, das für sein Alter – Tina schätzte es auf nahezu fünfzig – gutaussehend war, hatte die schlanken, wohlgeformten Beine übereinander geschlagen und der Rock war ihm dadurch, ob bewusst oder nicht, über das Knie gerutscht. Die attraktiven, schwarz bestrumpften Beine brachten Tina, die für diese Reize sehr anfällig war, noch mehr durcheinander. Sie dachte an ihr Frater, das doch jünger sein musste. Welch ein Unterschied war zwischen den beiden! Sie räusperte sich und wiederholte ihre Frage, denn sie hatte in ihrer Verwirrung vergessen, dass sie sie bereits gestellt hatte. Keller, der mit einer ausladenden Geste eine dünne Akte vor sich geschoben hatte und gerade zu einer Antwort ansetzte, verstummte wegen der Wiederholung erstaunt. Tina sah sich nach einem Loch um, in dem sie sich verkriechen konnte. Keller lachte kurz und fuhr lächelnd fort:

„Ich habe hier Ihre Bewerbung für das neuzuschaffende Ressort PC-Service und Koordination – einer weitgehend selbständigen Unterabteilung der EDV – vor mir liegen. Wir wissen Ihre Arbeit zu schätzen, Frau Bosch. Wir haben uns über Ihre Initiative gefreut.“ Er ließ offen, wer sich hinter wir verbarg, wahrscheinlich war es ein pluralis majestatis. Tina wurde kalt und sie sackte ein wenig in ihrem Stuhl zusammen. Ihr rechtes Bein zitterte nervös. Sie rieb die erneut schweißnassen Hände aneinander.

„Nun, um es kurz zu machen, wir stehen Ihrer Bewerbung wohlwollend gegenüber und freuen uns, Sie als kompetenten Mitarbeiter in dem neuen Ressort begrüßen zu dürfen.“ Er stand ächzend auf und streckte ihr die Hand entgegen. Tina, die sich zwar vorher fest vorgenommen hatte, sich nicht ein zweites Mal in die unbequeme Dienerstellung halb über dem ausladenden Schreibtisch zwingen zu lassen, wurde durch die Geste überrumpelt. Sie schüttelte Keller vorn übergebeugt und begeistert die Hand. Nun stand auch das Frann und ergriff gratulierend ihre Rechte. Etwas stimmte nicht. Keller hatte von Mitarbeit und nicht von Leitung gesprochen. Tina fühlte plötzlich keinen Grund unter ihren Füßen.

„Frann Dr. Bender hat viele Jahre bis zur Übernahme durch Siemens für die Firma Nixdorf gearbeitet. Es ist eine ungewöhnlich kenntnisreiche und erfahrene Kraft und wird das Ressort als das Leiter und damit als Ihr direkter Vorgesetzter übernehmen“, sagte Keller. Es klang hämisch. Das Frann versuchte sich in einem gewinnenden Lächeln.

„Ich freue mich auf meine neue Aufgabe und eine gute Zusammenarbeit mit Ihnen, Frau … Bosch, nicht wahr?“

Es war wie eine Ohrfeige. Sie haben es geschafft, dachte Tina, diesmal haben sie mich erwischt. Nur ein unachtsamer Moment und sie stellen mir ein Bein. Sie fühlte Leere in sich, sie war nicht fähig, zu begreifen, was mit ihr vorging. Der Rest des Vormittages glitt eilig an ihr vorüber; sie erlebte ihn verzerrt wie durch eine fettige Brille gesehen. Sie redete und diskutierte zwar intensiv mit Keller und Bender über die Aufgaben des neuen Ressorts, bemühte sich, ihre Enttäuschung, deren ganzes Ausmaß sie noch nicht ermessen konnte, zu verbergen, was ihr nur halbwegs gelang; fuhr dann mit beiden zu einem von Keller initiierten Arbeitsessen. All das lief wie ein seltsamer Film vor ihren Augen ab, ein Film, der sie unbeteiligt ließ und der sie langweilte. Sie erwachte erst aus ihrer Trance, als sie sich von den beiden verabschiedet hatte und wieder in ihrem Büro war.

Der Kollege war unterwegs. Tina wusste, in welchem Schubfach des Schrankes er seine Flasche Cognac versteckt hielt. Sie füllte die Kaffeetasse randvoll mit dem Branntwein auf. Nach ein paar großen Schlucken wurde ihr wieder wärmer. Sie brachte die Konzentration auf, den Vertrag zu studieren, den ihr Keller zusammen mit ein paar Tagen Bedenkzeit zur Unterschrift überlassen hatte. Sicher, dieses Stück Papier bedeutete einen Aufstieg in der Hierarchie und nicht zuletzt auch einen finanziellen Erfolg, aber es war nicht, was sie sich erhofft hatte und was ihr ihrer Meinung nach zustand. Ohne einen einsehbaren Grund wurde eine Kraft von außen vorgezogen. Das schmerzte, doch es wäre zu verkraften, die Zeit würde ihr helfen. Dass ihr jedoch ein Frann vorgesetzt wurde, konnte sie unmöglich hinnehmen. Sie fühlte sich so gedemütigt wie noch nie in ihrem Leben. Ein Frann als Chef war unvorstellbar, in der Firma zudem einzigartig. Tina konnte sich nicht vorstellen, den Weisungen eines Frannen zu gehorchen. Und wenn es sich noch so sehr wie eine Frau benahm, es war und blieb nur ein dummes Frann, das in die Küche und nicht in ein Büro gehörte. Tina füllte sich ihre Kaffeetasse ein weiteres Mal. Der Alkohol war im Augenblick ihre einzige Waffe gegen eine Depression. Petra steckte vorsichtig den Kopf durch den Türspalt. Falls sie vorher angeklopft hatte, war es Tina entgangen.

„Darf man gratulieren?“, fragte sie und kam ganz herein. Tina sah ertappt auf und schob gedankenschnell die Tasse mit dem Cognac zurück, deckte sie mit dem Arm ab. Sie wusste nicht, ob sie eine dringende Arbeit heucheln sollte. Noch hatte sie kein Konzept, wie sie den Kollegen begegnen konnte; zudem stieg ihr der Alkohol langsam zu Kopf. Sie sah Petra ins Gesicht und überlegte. War die freundliche Miene ihrer Bekannten ehrlich oder war sie gekommen, sie zu verhöhnen? Tina traute den Kollegen alles zu, aber die Entscheidung von Keller konnte noch nicht die Runde gemacht haben. Also war Petra wohl nur neugierig. Sie stand verwirrt vor der sie stumm abschätzenden Tina, ihre Rechte hatte sie nach vorn gestreckt, um ihr die Hand zu schütteln. Sie schwebte entschlusslos ein paar Zentimeter vor Tinas Gesicht. Deren Laune besserte sich bei diesem grotesken Anblick ein wenig. Sie lächelte breit und genoss das zögernde Widerspiegeln des Lächelns bei ihrem Gegenüber.

„Du darfst mir gratulieren“, log sie und legte betonte Herablassung auf das Du, denn es schuf die gewünschte Distanz, „es ist nett vor dir, extra deswegen vorbei zu kommen.“

„Keine Ursache; es freut mich. Wann wird es denn offiziell?“

Tina sah plötzlich ganz klar, während sie sich endlich widerstandslos die Hand schütteln ließ und ihr gleichgültig war, wenn dadurch der verräterische Inhalt der Kaffeetasse sichtbar wurde. Sie konnte jetzt Petra richtig einschätzen. Diese Frau bemühte sich um freundschaftliche Nähe zu ihr, weil sie auf einen fahrenden Zug aufspringen, sich in enger Beziehung zu einer Person, die in erwartbarer Zeit Karriere machte, halten wollte. Petra war ein Schmarotzer. Provozierend offen nahm sie die Tasse und leerte sie vor den Augen der betreten zur Seite blickenden Kollegen. Vor so einer brauchte sie sich nicht verstecken. Der Cognac nahm ihr kurz den Atem und es fiel ihr schwer, nicht das Gesicht zu verziehen. Sie kämpfte gegen das starke Schwindelgefühl an und fühlte sich befreit, lachte. Sofort und künstlich fiel Petra in ihr Lachen ein.

„Wann wirst du denn feiern?“

Tina zuckte mit den Schultern. Es machte ihr plötzlich keine Freude mehr, die Lüge fortzuspinnen. Sie suchte nach einer Möglichkeit, die Bekannte loszuwerden.

„Noch habe ich den Vertrag nicht unterschrieben. Ich habe mir Bedenkzeit ausgebeten“, schwächte sie mit einer wegwerfenden Geste ab und Petras Gesichtsausdruck bekam etwas von Heiligenverehrung.

„Vielleicht suche ich mir auch eine andere Arbeit. Ich bin mit den Bedingungen nicht ganz zufrieden. Weißt du, ich hätte ein paar interessante Angebote“, fuhr Tina ohne nachzudenken fort. Sie bereute im selben Moment. Wenn ihr leichtfertiges Märchen die Runde machte, und damit musste sie bei Petra rechnen, konnte es nicht gut sein.

„Erzähle es aber bitte nicht weiter“, ergänzte sie zur Schadensbegrenzung und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Es war der Alkohol, der ihren Verstand trübte, denn sie hatte noch alles schlimmer gemacht, gab der Lüge von der Kündigung erst Gewicht. Sie wusste genau, bei ihrer Kollegin bewirkte eine Aufforderung zu schweigen nur das Gegenteil. Sie hatte das bereits ausgenutzt, als sie ein Gerücht über einen ihr unbequemen Ressortleiter ausstreute. Jetzt musste sie ihre Worte schnell relativieren, abschwächen, ins Scherzhafte wenden, aber ihre Gedanken verwirrten sich immer stärker. Sie befeuchtete die Lippen und für einen kurzen Moment musste sie sich an der Tischplatte festhalten, die ihr entgegenzuschwanken schien. Der Kollege kam geschäftig herein, zwei Operater im Schlepptau. Er war noch immer gereizt, öffnete an der Wand eine Verteilerbuchse, diskutierte mit seiner Begleitung aufgeregt über die Verkabelung. Petra nutzte die Situation für ihren Abgang. Tina sackte in sich zusammen. Ihre letzte Chance zur Eindämmung der leichtsinnigen Lüge war durch das überraschende Auftauchen des Kollegen vertan. Sie stand unsicher auf. Als sie sich an den in der Tür stehenden Operatern vorbeidrängte, grüßte sie einer der beiden flüchtig. Er stank aufdringlich aus dem Mund. Im Gang sah sich Tina vergeblich nach Petra um. Sie schwankte zur Toilette, wo sie sich erbrach.

Beitragsnavigation