Aber ein Traum …

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Diese Sommerlektüren (7) – Berg und See

„Hier werden wir bleiben,
was auch geschieht.
Und auf die Stimmen des alten Meeres hören.“
Norman Lewis

Es gibt eine Diskussion, die führen Frau Klammerle und ich in jedem Jahr. Wenn im Frühling die Entscheidung ansteht, wohin es uns in unserem gemeinsamen Urlaub ziehen wird, stehen grundsätzlich zwei Himmelsrichtungen zur Auswahl: Der Norden oder der Süden. Meine Frau will ans Meer. Sie will ein Cottage in Irland, im Watt wandern, finnische Fjorde, Radfahren auf Rügen, die salzige Nordsee der windgepeitschten Bretagne im Gesicht spüren. Mich hingegen zieht es in die Wärme. Ich möchte Renaissance in der Toskana, Alpenglühen am Rosengarten, Antiken in Griechenland, die Abgeschiedenheit einer Berghütte, das Zirpen der Grillen nach einem hitzeschweren Sommertag. Vor allem aber möchte ich nicht tagelang im Auto sitzen, um abgekämpft meinen Urlaubsort zu erreichen. Dieses Argument sticht in der Regel. Schließlich liegt Augsburg schon recht südlich an der alten Via Claudia und ich bin fast schneller in Rom als in Hamburg. In Italien ist zudem das Essen besser; dort würde niemand auf die Idee kommen, „Labskaus“ zu servieren. Warum sollte ich zu den Mücken und dem Regen des Vänersees fahren, wenn ich mich mit einem Vino Rosso in der Hand im abendlich warmen Licht des Lago Maggiore stechen lassen kann? Billiger ist es auch.

Obwohl also meist die Vernunft (also ich) siegt, bleibt doch eine Sehnsucht, die ich mit Frau Klammerle teile, wenn ich ehrlich bin. Wer die „Binderseil-Erzählung“ meines Romans „Aber ein Traum“ liest, kann dort diese Faszination wiederfinden. Der erste ernsthafte Romanversuch, den ich im Alter von zarten 14 Jahren schrieb und freilich nie beendet habe, begann mit folgenden Worten (Achtung, jetzt kommt eine Jugendsünde!):

„Das Meer ruht niemals. In ewiger Bewegung kräuselt es schaumige Wellen empor und strömt dahin. Wie Könige erheben sich hohe Wellen. Ihre Spitzen tragen Kronen von blendendem Weiß, ihr Umhang ist durchsichtig grün. Sie schwimmen und ergießen sich sterbend in die Gischt des Ufers.“

Und so geht es noch ein paar Absätze weiter. Ich wusste eben den Anfang auswendig, obwohl ich den Text seit Jahren nicht mehr aus meiner Giftschublade holte. Es muss die Sehnsucht des Landbewohners sein, eine Ur-Erinnerung, eine Suche nach dem Mutterschoß des Meeres. Und ich meine hier nicht die müde, alte Badewanne Mittelmeer, die zumindest auf ihrer europäischen Seite (1) ein gezähmtes, zahnloses und verschmutztes Raubtier ist, sondern die Endlosigkeit des Großen Ozeans, den Atlantik, den Pazifik, die Schicksale, die sich an oder auf ihnen begeben …

Wie gut, dass da Schriftsteller sind, die vom Meer schreiben und die Sehnsüchte befriedigen können. Ihre Zahl ist Legion und ihr Heerführer ist Herman Melville.

Ich habe mich wieder einmal durchgesetzt und verbrachte die letzte Woche gemeinsam mit Frau Klammerle bei extrem hitzigen Wetter im Berchtesgadener Land. Vielleicht sollten wir noch weiter in den Süden fahren. Im Gepäck hatte ich auf jeden Fall den einen Roman von Josef Conrad (1857 – 1924), den ich noch nicht las, weil er außer in teuren Gesamtausgaben auch antiquarisch kaum erhältlich ist. Es ist sein letzter Roman „Der goldene Pfeil“, der nicht mehr ganz die Wucht seiner früheren See-Stücke erreicht, sondern wie „Mit den Augen des Westens“ mehr ein von Galsworthy beeinflusstes Gesellschaftsdrama ist. Conrad ist längst gemeinfrei und man kann einige seiner Werke bei den üblichen Verdächtigen als kostenlose E-Book-Ausgaben auf seinen Reader laden. Neben „Lord Jim“ ist „Herz der Finsternis“ sein bekanntestes Werk und es ist schlicht die beste Erzählung, die ich je gelesen habe. Conrad wurde übrigens in Polen geboren und erlernte die englische Sprache erst im Erwachsenenalter, die er dann allerdings so perfekt beherrschte, dass er als der sprachlich beste Romancier Britanniens gilt. Wer eine Ahnung davon haben möchte, sollte als Strandlektüre „Die Schattenlinie“ lesen, ein kleiner Roman, von dem Jakob Wassermann geschrieben hat, die Erzählung sei „so markant und unverwechselbar, daß man ihre Luft noch atmet, in ihrem Rhythmus noch schwingt, auch wenn ihr Inhalt, Fabel und Szene längst in der Erinnerung verblaßt sind.“ Vielleicht ist das das größte Kompliment, das man einem Autor machen kann. Ich wünschte mir, dass dies irgendwann einmal jemand über einen Text von mir sagen wird.

Die zweite Empfehlung ist Norman Lewis (1908 – 2003). Obwohl er ein geradezu magischer Geschichtenerzähler war und viele spannende Romane und Reiseberichte geschrieben hat, ist er in Deutschland nahezu unbekannt und kaum übersetzt. Wer das Glück hat, die Insel-Taschenbuchausgabe von „Die Stimmen des alten Meeres“ mit einem Vorwort von Cees Nooteboom antiquarisch zu ergattern, sollte diesen frühen „tourismuskritischen“ Roman unbedingt in diesem Sommer lesen. Er ist teilweise autobiografisch und erzählt aus der Sicht eines Fremden, wie die Moderne innerhalb von 3 Jahren die archaische Gemeinschaft eines spanischen Fischerdorfs zerstört, wie der bereits in den 50er-Jahren aufkommende Massentourismus bewirkt, dass über Jahrhunderte gewachsene Strukturen aufbrechen, uralte Traditionen vergessen werden, die Umwelt und die Lebensgrundlagen der Menschen vergiftet werden. Und es ist ein wundervolles Buch über das Meer und seine Anwohner.

Im paradoxen Gegensatz zu der ozeanischen Literatur, die sich wie ein Berg auftürmt, ist die alpine flach wie der Meeresspiegel. Es gibt kaum nennenswerte Bergliteratur. Woran mag das liegen? Dass viele Schriftsteller lieber am Sandstrand im Schatten einer Palme schreiben, wenn sie die Alkoholmengen des Vortages verdaut haben (Hemingway) und nicht im Frühtau zu Berge ziehen, fallera? Dort dann eher „Der alte Mann und das Meer“ als „Der alte Mann und der Berg“ entstehen? Dass Bergliteratur immer ein „Geschmäckle“ hat, wie die Schwaben es nennen, man sofort an Ludwig Ganghofer, Heidi, Luis Trenker, den Förster vom Silberwald, unsägliche nationalsozialistische Blut-und-Boden-Schinken, den Obersalzberg, Andy Borg und die Kastelruther Spatzen denken muss? Warum regt die atemberaubende Enge und Tiefe der Schluchten, das todweiße, kristallklare Eis des Gipfels, die menschenverachtende Majestät der Höhen nicht mehr und vor allem bessere Autoren an, ihnen ein Lied zu singen? Ich weiß es nicht. Gelungene Bücher gibt es selbstverständlich auch, zum Beispiel Jon Krakauers „In eisige Höhen“, das den Irrsinn des boomenden Mount-Everest-Tourismus beschreibt, der in schöner Regelmäßigkeit Katastrophen und Dramen produziert, die eines Shakespeare würdig wären. Die modernen Menschen spielen leichtfertig mit der Tragödie, weil sie nicht an sie glauben …

Also, liebe Schriftstellerkollegen, hier ist noch viel Stoff zu finden. Die Berge sind ein Steinbruch an Ideen, ein unbekanntes Land voller weißer Flecken, die auf ihren Erforscher warten. Oder um es mit Franzl Lang zu sagen:

„Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen,
steigen dem Gipfelkreuz zu,
in unsern Herzen brennt eine Sehnsucht,
die lässt uns nimmermehr in Ruh.“

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(1) Lawrence Durrell (1912 – 1990) spricht in seiner „Alexandria“-Romantetralogie von der richtigen und der falschen Küste des Mittelmeers. Betrachtet man das Schicksal der afrikanischen Flüchtlinge, von denen viele ihren Versuch, von der einen zur anderen Seite zu wechseln, mit dem Leben bezahlen, ist diese Einteilung noch heute aktuell. Durrells Griechenland- und Italien-Reisebücher aus den 40er- und 50er-Jahren (z. B. „Leuchtende Orangen“ oder „Bittere Limonen“) sind noch immer Standardwerke, die man im Reisegepäck haben sollte, wenn man nach Rhodos oder Zypern fährt.

Die gute alte Inspiration

… sie stellt sich bei mir in der Hauptsache beim Wandern ein. Ich habe erst kürzlich erzählt, wie meine Texte Schritt für Schritt entstehen und sich aus den handschriftlichen Notizen (1) in Computerdateien, dann in Blogeinträge und schließlich in Bücher verwandeln. Doch das ist ja „nur“ das Handwerk, das jedoch 90 %, manchmal sogar 99 % meiner Arbeit ausmacht. Dann ist da noch die Idee, die Inspiration, die Entwicklung des Plots. Die Geschichte existiert meist schon vollkommen in meinem Kopf, bevor ich sie – manchmal erst nach Jahren – aufs Papier bringe. Während des Schreibens verändert sich oft noch etwas; es gibt in meinen Büchern Figuren, die ein mir manchmal unheimliches Eigenleben entwickeln und mehr Raum oder eine Entwicklung einfordern, durch die sich meine ursprüngliche Geschichte verändert. Zwischendurch benötige ich immer wieder einmal Pausen, um das Ganze zu überdenken und die Fäden neu zu spinnen. Dann gehe ich in den Bergen wandern und der Blog ruht mal wieder. Letzte Woche war ich von Oberstaufen aus in der Nagelfluh (2) unterwegs und habe außer einem ordentlichen Muskelkater und einem Sonnenbrand auf der Nase viele neue Ideen mitgebracht.

Je höher es hinauf geht, ja schweißtreibender der Anstieg und je ausgedehnter die Tour ist, umso befreiter atme ich durch und um so klarer werden meine Gedanken. Meine Kunst entsteht also hier oben auf den Gipfeln und vielleicht ist sie auch deswegen etwas abgehoben. Manchmal merkt man ihr das auch an:

Wanderer – Kurzgeschichte

Was das Schönste an einer Bergwanderung ist? Das Gipfelerlebnis? Die Einkehr in einer Alpe? Die Erhabenheit der Natur? Das Körpergefühl beim Laufen? Der Gesundheitsaspekt? Ganz ehrlich: Das höchste Glücksgefühl stellt sich in dem Moment ein, in dem ich nach der Tour meine schweren Bergstiefel öffne, die dampfenden Socken von den müden Füßen ziehe und die Zehen bewege. (3)


(1) Habe ich hier eigentlich schon mal erzählt, dass ich die „Deutsche Einheitskurzschrift“ nach dem Herren Franz X. Gabelsberger beherrsche und durchaus in der Lage bin, eine Rede oder ein Telefonat als Stenogramm mitzuschreiben? Ich hatte die Stenografie mal in grauer Vorzeit in der Schule als Unterrichtsfach, aber abgrundtief gehasst und mich ihr komplett verweigert. Später während meiner Ausbildung zu meinem Brotberuf war ich dann doch noch gezwungen, sie zu erlernen (1a). Steno ist eine bittere Speise, so schwer zu erlernen wie eine Fremdsprache und gleich wieder vergessen, wenn man es nicht täglich übt. Zudem ist es heute eigentlich überflüssig und so anachronistisch wie eine Telefonzelle oder ein Versroman. – Aber cool ist es schon irgendwie …

(1a) Wie dichtet doch der Herr Geheimrat in seinem Torquato Tasso so schön: „So zwingt das Leben uns, zu scheinen, ja zu sein, wie jene, die wir kühn und blind verachten konnten.“(1b)

(1b) Und nun habe ich endlich einmal wie mein Freund David Foster Wallace in einer Fußnote eine weitere eröffnet.

(2) Für die Nicht-Bergwanderer (den anderen erzähle ich nichts Neues): Die sogenannte Nagelfluh ist eine Bergkette, die über zwanzig Kilometer lang ist und von Immenstadt bis nach Hittisau im Bregenzer Wald reicht und eine herrliche Gratwanderung ermöglicht, die jedoch auch recht anstrengend ist. Ihre höchste Erhebung ist der Hochgrat mit 1834 m. Zwischen den sechzehn Gipfeln muss man aber immer wieder 300 oder 400 Höhenmeter steil absteigen und sie anschließend wieder aufsteigen. Vom ersten Berg, dem „Mittag“, bis zum letzten, dem „Hohen Hochhäderich“ ist man zwei Tage unterwegs. Die Nagelfluh ist übrigens eine geologische Besonderheit und besteht aus bröckligem Konglomeratgestein, das vom Aussehen her an Waschbetonplatten erinnert.

(3) Das hat jetzt allerdings mehr mit Transpiration als mit Inspiration zu tun.

Goldgelber Herbsturlaub

Ich nehme mir gerade eine kleine Auszeit im sonnigen Südtirol, meinem bevorzugten Wanderziel, und erklimme die Berge des Ultentals. Im Hintergrund der Aufnahme ist der 2468 m hohe Nagelstein zu sehen, den ich am Montag erstiegen habe. Aber ich habe noch einige andere Gipfel vor …

Der Blog ruht in der Zwischenzeit. Ich grüße meine neuen und alten Freunde!

Bis bald,

Euer Nikolaus

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