Aber ein Traum …

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Mein neues Buch – „Aber ein Traum“

Das Geheimnis der Eulenvilla

»Für manche von uns sind Zeit und Raum ein sich überkreuzendes Flechtwerk von Wegen, das sie immer wieder an den gleichen Ausgangspunkt zurück­bringt, Ambakoum. Die Eulenvilla ist solch ein Ort.«

Das Leben aber ist ein Traum, ein Traum in einem Traum.

Die Zwillinge Alban und Ruben Waldescher werden bei ihrer Geburt voneinander getrennt. Sie wachsen in verschiedenen Welten auf – in unterschiedlichen Universen. Es gelingt ihnen, Kontakt miteinander aufzunehmen und sie beginnen, zwischen ihren Leben hin- und herzuwechseln. Damit lösen sie eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen aus, die die Existenz der verwandten Welten bedroht. Eine Schlüsselfigur im Ringen der verfeindeten Brüder ist der ahnungslose Jonas Habakuk, der von Alban und Ruben in einen tödlichen Strudel aus Zeit und Raum gerissen wird.

Wird es ihm gelingen, die Leben der Menschen zu retten, die er liebt? Und welche Rolle spielt dabei die geheimnisvolle Eulenvilla?

Das Geheimnis der Eulenvilla
320 Seiten
10,99 € als Taschenbuch und
2,49 € als Ebook

Neuerscheinung!

In den Bücherkellern des Vatikans (4)

<– zum 3. Teil …

»Wenn wir von etwas im hier Vatikan reichlich haben, so sind es angebrochene Messweine«, kicherte die Alte und verriet damit zum ersten Mal ihren Aufenthaltsort, den Welkenbaum ohnehin schon vermutet hatte. Die beiden hatten ihn also in den Vatikan entführt!

»Diese Flasche hier ist direkt der privaten Reserve des Papas … entnommen«, ergänzte ihr Partner. „Er stammt von der Cantina Cormòns aus dem Friaul. Ihr Vinum pro Sancta Missa ist ein Cuvée aus Tocai, Verduzzo, Chardonnay, Pinot Bianco und Sauvignon und wird bei allen Messen des Vatikans in das Blut Christi transsubstantiert. Es ist ein süßer, aber leichter und milder Likörwein, weil der Papst ja meist am Vormittag die Messe feiert. Auch zu viel Säure darf er nicht haben – das ist nicht so gut für seinen empfindlichen Magen. Achten Sie bitte auf das feine Muskataroma, Signore editore.«

Welkenbaum war hinreichend beeindruckt, auch wenn er mehr mit den Bayerischen Biersorten als mit italienischen Cuvées vertraut war. Er grunzte anerkennend und leerte das Glas durstig in einem Zug, streckte es dann der pikiert die Stirn runzelnden Alten zum Nachschenken entgegen. Anschließend konzentrierte er sich vollkommen auf sein schmackhaftes Essen.

Schließlich schob er satt den Teller zur Seite, den er vollkommen geleert und mit dem Scherzl Brot sorgfältig ausgewischt hatte. Voller Genuss trank den Rest des ausgezeichneten Weins. Die Alten, die ihm kommentarlos bei seiner Mahlzeit zugesehen hatten, blickten ihn nun erwartungsvoll an. Welkenbaum fragte sich, ob sie auf ein höfliches Aufstoßen von ihm warteten.

»Era molto buono!«, suchte er seine kümmerlichen italienischen Sprachkenntnisse zusammen, die alle mit Essen und Trinken zusammenhingen. Anschließend ahmte er unwillkürlich die umständliche und antiquierte Redeweise seiner Gefängnisaufseher nach. »Ihre Minestrone mundete ganz köstlich, meine Liebe. Fürs Erste bin ich saturiert. Der Wein jedoch, ich gestehs, war mir ein wenig zu pappig. Ist hier im Vatikan denn kein Bier erhältlich, vorzugsweise ein Bayerisches? Schließlich ist doch der Papa emeritus ein Landsmann von mir, dessen Geburtshaus in Marktl übrigens nur einen Katzensprung von meinem Ferienhaus entfernt liegt.«

Sein voller Magen brachte ihn ins Plaudern. Dazu wollte er die Entführer mit seinen harmlosen Anmerkungen in Sicherheit wiegen. Die Alte nahm Teller und Löffel auf und machte dabei tatsächlich einen Hausmädchenknicks, bei dem aus ihren Knien ein metallisches Knirschen ertönte. Offenbar hatte Welkenbaum den richtigen Ton gefunden.

»Ich werde sehen, ob noch etwas vorrätig ist, das ich für Sie beiseite schaffen kann. Sein Assistent, der Signore Kurienerzbischof Gänswein, achtet allerdings mit scharfen Augen auf den Haushalt des alten Herrn.« Sie zwinkerte ihrem Entführungsopfer verschwörerisch zu. Welkenbaum lächelte verständnisvoll.

»Aber nun lassen Sie uns endlich reden!«, sagte er und schob den Stuhl etwas von der Platte des Sekretärs zurück, damit sich sein Schmerbauch ungehindert ausdehnen konnte. Jetzt hätte er eigentlich die nötige Kraft für einen kleinen Mittagsschlaf gehabt. Ob wohl noch die Droge seiner Entführer wirkte? War er wegen ihr so gelassen oder aufgrund der ›optimalen Ranzenspannung‹?

»Warum in aller Welt haben Sie mich entführt? Ich wäre liebend gerne freiwillig Ihrer Einladung in den Vatikan gefolgt, wenn Sie mich freundlich gefragt hätten. Ich habe übrigens für morgen Eintrittskarten zur Generalaudienz beim Papst. In diesen Rahmen hätte ein Besuch ihrer gastfreundlichen Räumlichkeiten doch perfekt gepasst.«

»Glauben Sie mir, Signore, es gehört nicht zu unseren Gepflogenheiten, Menschenraub zu begehen …«

»… doch die außerordentlichen Umstände zwangen uns dazu. Denn die Lega delle iene hat ihre Augen und Ohren überall. Doch wo sind unsere Manieren?«

Die Lega delle iene? Die Liga der Hyänen? Habe ich davon nicht schon in Klammers Buch gelesen? Merkwürdig …, dachte Welkenbaum und musterte die beiden Alten misstrauisch. In was für einen Verschwörungsthriller bin ich da nur geraten!

»… wenn wir uns denn endlich vorstellen dürfen: Ich heiße Alegra Artifici und dies ist mein Bruder Jacopo. Wir gehören offiziell zum Haushalt des Kardinaldekans Angelo Sodano …«

»… aber dies ist selbstverständlich nicht unser tatsächliches und vorrangiges Aufgabengebiet, wie Sie sicherlich bereits vermuten werden. Wir sind Numerarier – also Laienmitglieder – der Praelatura Sanctae Crucis et Operis Dei, die 1928 von unserem hochgeschätzten und inzwischen schon sehr lange verstorbenen Freund, dem Heiligen Josemaría Escrivá de Balaguer y Albás, gegründet wurde. Wenn Sie möchten, könnten Sie das Opus Dei als eine Art päpstlichen Geheimdienst bezeichnen, obwohl das vielleicht ein wenig weithergeholt ist. Aber der Grund Ihrer Entführung ist eher … privater Natur und hat mit dem Opus nur am Rande zu tun. Wir beide benötigen dringend Ihre Hilfe.«

Es folgte eine dramatische Pause. Welkenbaum runzelte die Stirn. Er hatte die Namen des Duos und den des Gründers von Opus Dei bereits wieder vergessen. Sie waren von seinem Ohr überhaupt nicht bis zu seinem vom Genuss der wirklich köstlichen Minestrone abgelenkten Gehirn gelangt. Jemandem aufmerksam zuhören, das war überhaupt keine seiner Eigenschaften. Er entschied sich daher, das Paar für sich ›Pat & Patachon‹ zu nennen – nach den beiden vergessenen dänischen Komikern, deren Filme er in seiner Kindheit geliebt hatte.

»Sie müssen uns einen Gefallen tun, der Ihnen kaum schwerfallen wird.« Patachon deute mit dem Lauf seiner Pistole auf eines der Bücherregale an der Seitenwand. Erst jetzt entdeckte Welkenbaum, dass es nicht so vollkommen leergeräumt wie die anderen war. Auf Augenhöhe stand darin ein dickes, schwarzes Buch, das er sofort am Titelblatt wiedererkannte. Es waren Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren!

»Sie haben mich wegen dieses Romans von Nikolaus Klammer betäubt und entführt?«, fragte er fassungslos. Die beiden Alten tauschten einen dieser Blicke, bei denen ihm erneut deutlich wurde, dass sie zwar körperlich getrennt, aber in ihrer Seele eine Einheit waren, aus der ein Geist und ein Wille aus zwei Mündern sprach.

»Wer ist denn dieser Nikolaus Klammer? Muss man ihn kennen?«, fragten sie gleichzeitig. Welkenbaum hob verwundert die Hände.

»Klammer ist ein Verlagsautor bei mir. Sein Name steht auf dem Cover. Er hat das Buch geschrieben.« Er zögerte. »Nehme ich zumindest an«, schränkte er dann ein.

»Tatsächlich?«, fragte Patachon interessiert. »Ist das so? Nikolaus Klammer, sagten Sie? Ich bin einmal in London einem Künstler begegnet, der so hieß. Das war ein Österreicher. Sehr begabt, aber auch sehr faul. Seine Aussprache des Englischen war grauenvoll. Klammer? Schreibt er sich vorne mit C oder mit K?«

»Das ist jetzt egal«, mischte sich seine Schwester Pat ein. »Wir möchten, dass Sie das Buch weiter und so schnell wie möglich zuende lesen – falls dies möglich ist. Danach haben wir ein paar Fragen an Sie, Signore editore. Dann können Sie gehen und Ihren weiteren Aufenthalt in der Ewigen Stadt genießen.«

»Das ist alles. Wir wollen Ihnen nichts Böses.«

Welkenbaum konnte kaum glauben, was er da hörte. Das Groteske seiner Situation, das ihn seit dem Auftauchen der Alten ständig zum Lachen gereizt hatte, schlug wieder in Grauen um. Die zwei mussten vollkommen irre sein! Deswegen hatten ihm Pat & Patachon K.O.-Tropfen ins Bier gekippt und in die Katakomben des Vatikans geschleppt? Damit er unter ihrer Aufsicht in Klammers bescheuertem Buch weiterlesen konnte? Wie hatten ihn diese gebrechlichen Mumien eigentlich bewusstlos durch das Raphael schleppen und quer durch Rom in diesen muffigen Keller im Vatikan transportieren können? Keiner von den beiden sah ihm danach aus, als würde er einen 130-Kilo-Verleger wie ihn einfach über die Schulter werfen und davontragen können. Sie mussten noch einen motorisierten Helfer haben – oder eine Sackkarre. Und dann war da noch eine Frage, die unbeantwortet im Raum stand:

»Aber warum haben Sie mich dann mit sich genommen? Hätte es nicht gereicht, mir das Buch zu stehlen? Das wäre doch viel einfacher gewesen.«

[Zum 5. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (3)

<– zum 2. Teil …

Für einen Moment wusste Welkenbaum nicht, wie er reagieren sollte, dann lachte er schallend. Er hatte schon eine Antwort auf den Lippen, wohin sich die beiden Mumien ihren heiligen Ort hinstecken konnten. Aber er hielt es dann doch für vernünftiger, die Menschen, in deren Händen er war, nicht weiter zu reizen. Terroristen waren humorlos, da konnte eine sarkastische Bemerkung ihn wortwörtlich den Kopf kosten. Er verstummte deshalb und starrte das Duo neugierig an. Sein erster Eindruck war, dass sie mit ihm ebenso wenig anzufangen wussten, wie er mit ihnen. Waren die beiden altgewordene, eineiige Zwillinge oder ein Ehepaar kurz vor der Gnadenhochzeit, weil sie sich so vollkommen ähnelten und einer die Sätze des anderen beendete? Auf jeden Fall machten sie auf den Verleger den Eindruck einer eingespielten, ja, symbiotischen Einheit, die schon sehr, sehr lange Bestand hatte. Es wäre sicherlich anstrengend, aber auch interessant gewesen, die zwei ›Siamesen‹ aus ihrem Leben erzählen zu lassen. Sie waren bestimmt keine niederländischen Touristen, wie Welkenbaum anfangs vermutet hatte. Die beiden trugen auch nicht mehr die schreiend bunte und abgetragene Kleidung aus der 70er-Jahre-Mottenkiste, in der sie ihren Nachmittagstee auf der Dachterrasse des Raphael eingenommen hatten, während sie ihm aufdringlich Löcher in den Bauch starrten. Stattdessen hatten sie nun weite, schwarze Überwürfe an, die Welkenbaum an Mönchskutten erinnerten. Ihre Blicke waren finster und ließen das Schlimmste befürchten. Er fühlte sich direkt in einen Schauerroman des 19. Jahrhunderts versetzt; in ein Werk von Eugène Sue oder Wilkie Collins möglicherweise.

»Himmel hilf!«, rief er und erschrak: War er etwa in die Hände einer Sekte von Satanisten gefallen? Vorausgesetzt, es gab solche Teufelsanbeter auch außerhalb von schlechten Dan-Brown-Romanklonen und apokalyptischen Netflix-Serien auch im wahren Leben. Und warum fielen ihm in diesem seltsamen Ambiente jetzt die gewalttätigen und pornografischen Romane des Marquis de Sade ein? Das fehlte ja gerade noch! Er wollte ängstlich zurückrutschen, doch die ehemals rote Chaiselongue, an die er gefesselt war, hinderte ihn daran.

Dann stieg ihm plötzlich der fette Geruch einer kräftigen Suppe in die Nase. Er überdeckte appetitlich den Staub- und Schimmelgeruch des Raums. Welkenbaum schnupperte. Der mutmaßlich weibliche Teil des greisen Duos trat ein paar Schritte näher. Sie hielt einen Teller in der Hand, dessen Inhalt verheißungsvoll dampfte und so verführerisch duftete, dass sich Welkenbaums Magen verkrampfte und fast lauter knurrte, als sein Mundwerk eben noch geschimpft hatte.

»Wenn Sie sich vernünftig verhalten, Signore editore …«, begann sie in zögerndem, aber gut verständlichem Deutsch, das aber sicher nicht ihre Muttersprache war.

»… dann können wir Sie von Ihren Fesseln befreien. Sie haben sicherlich Hunger«, ergänzte ihr Partner mit dem gleichen, nicht näher verortbaren Akzent. Er stellte sich abwartend neben die Alte und hob lockend die linke Hand, in der er einen übervollen Metallring hielt, an dem sicherlich dreißig oder vierzig Schlüssel hingen. Welkenbaum nickte nur begierig. Er hätte in diesem Augenblick für diesen Teller Suppe töten können, was er aber offensichtlich nicht tun musste. Seine Situation erschien ihm auch nicht mehr so gefährlich wie gerade eben, sondern eher grotesk. Mit den zwei Klappergestalten würde er im Zweifelsfall schon zurechtkommen. Jetzt überwogen die Neugierde und sein gewaltiger Appetit.

»Gut, dann halten Sie jetzt still.« Der Alte mit seinem enormen Schlüsselbund, mit dem er wohl im halben Rom die Türen öffnen konnte, trat sehr vorsichtig näher. Dabei kramte er mit seiner rechten Hand für alle Fälle eine riesige Duellpistole aus seiner Kutte hervor. Er richtete sie sogleich auf seinen Gefangenen, während er sich herab beugte und die Handschelle löste. Er fand den richtigen Schlüssel auf der Stelle, obwohl er sich in Welkenbaums Augen kaum von den anderen unterschied.

»Diese Steinschloss-Perkussionspistole wurde im Jahr 1860 von Houllier Blanchard in Paris gefertigt«, erklärte er dabei fachmännisch und fast liebevoll, »und hatte einige prominente Auftritte bei den Ehrenhändeln des Conte Julio Antonio di Mattei, des Cousins des Kardinaldekans Mario Mattei, dessen Portrait Sie hier sehen. Sein Glaube war größer als sein Fleiß und der geistige Beistand, den er seinen Brüdern in Jesu zukommen ließ. Er glaubte vor allem an das pralle Anschwellen seines privaten Geldbeutels und an die Patronage seiner Angehörigen.« Er deutete kurz mit seiner Waffe auf das Gemälde über dem wuchtigen Nussbaum-Sekretär, dann schwenkte er sie wieder herum und zielte auf Welkenbaum.

»Mit dieser pistola wurde seit Ewigkeiten nicht mehr geschossen, aber ich habe sie immer gepflegt und sorgfältig in Waffenöl gelagert. Sie ist frisch geladen und – wie Ihnen sicherlich nicht entgangen ist -, auch entsichert. Ich hoffe sehr, Sie wollen nicht versuchen, ob die Waffe noch funktionstüchtig ist.«

»Und wenn der eher unwahrscheinliche Fall eintritt«, sprang hier die Alte ein, während ihr Partner eine Verbeugung andeutete, »und das Schießpulver zündet nicht, so taugt die Pistole doch dazu, sie Ihnen über den Schädel zu ziehen. Und ihr Knauf will mir mit Verlaub härter erscheinen als die Schädeldecke des Signore

Welkenbaum musterte schaudernd den achteckigen, sicherlich an die dreißig Zentimeter langen Lauf, der einen beeindruckenden Innendurchmesser aufwies. Der Schriftsteller Karl May hätte dieses Ungetüm in einem Roman als einen ›Schießprügel‹ bezeichnet. Wenn der Alte die Antiquität abfeuerte, würde ihm eine Kugel daraus wahrscheinlich den halben Kopf wegreißen. Das wollte er nicht riskieren, deshalb hütete er sich, eine missverständliche Geste zu machen. Mühsam richtete sich der dicke Verleger auf und rieb sein wundes Handgelenk.

»Ich befinde mich ganz in Ihrer Gewalt«, murmelte er.

Durch das schnelle Aufstehen war ihm etwas schwindlig, aber er schob dieses Schwächegefühl nicht auf seinen Kreislauf, sondern auf die letzten Auswirkungen des Betäubungsmittels, das ihm seine Entführer ins Bier geschüttet hatten. Er ging ein paar Schritte hin und her und bemerkte erst jetzt, dass er keine Schuhe mehr trug, sondern mit seinen feinen Seidensocken den Staub des Bodens aufwirbelte. Inzwischen hatte die Alte die Suppe auf der aufgeklappten Tischfläche des Sekretärs neben der Tür angerichtet und auch eine Ecke Weißbrot dazugelegt.

»Beeilen Sie sich, bevor die Minestrone kalt wird«, sagte sie. Dabei holte sie aus ihrer Tasche einen großen, angelaufenen Löffel, den sie anhauchte und am derben Stoff ihrer Kutte glänzend rieb, bevor sie ihn auffordernd neben den Teller legte. Welkenbaum wurde weiterhin voller Argwohn von dem Mann mit der Pistole beäugt, während er langsam auf dem antiquierten Stuhl Platz nahm, der dem Aussehen nach mit der Chaiselongue zusammen einmal eine Sitzgruppe gebildet hatte und interessanterweise auch auf dem Gemälde des Kardinals dargestellt war. Das Möbel ächzte und stöhnte unter seinem Gewicht, hielt ihm aber zumindest vorläufig stand. Der Verleger probierte vorsichtig die noch heiße Suppe, dann schloss er die Augen und atmete langsam und voller Genuss ein. Er nahm an, die Alte hatte diese Speise zubereitet. Sie war eine Meisterin ihres Fachs! Welkenbaum leckte sich das Fett von den Lippen. Dieser Geschmack versöhnte ihn beinahe mit seiner Situation.

»Kann ich auch noch etwas zu trinken bekommen?«, krächzte er übertrieben heiser. Sofort zauberte die Alte aus den offenbar unergründlichen Taschen ihres Gewands ein kleines, dickwandiges Glas und eine halbvolle, schwarze Flasche, die sie entkorkte und deren bernsteinfarbenen Inhalt einschenkte. Sie reichte Welkenbaum das Glas, bevor sie ihm wie ein Sommelier die eckige Weinflasche zur Begutachtung vorzeigte.

Tu autem servasti bonum vinum usque adhuc‹, stand auf dem Etikett. Welkenbaums Lateinkenntnisse aus seiner Pennälerzeit reichten aus, um diesen Satz zu übersetzen: ›Ich habe dir den besten Wein aufgehoben.‹

[Zum 4. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (2)

<– zum 1. Teil …

Der Verleger fragte sich, ob er wirklich schon ganz wach war. Die Wohlklänge eines barocken Musikstücks füllten den nicht gerade kleinen und fensterlosen Raum. Sie wurden von den knisternden und knackenden Nebengeräuschen begleitet, wie sie die Wiedergabe einer Vinyl-Schallplatte mit sich bringt. Welkenbaum lag in der Mitte des Raums auf einer schäbigen, mit ehemals rotem Stoff bezogenen Couch und starrte an die Decke. Er nahm kaum wahr, was er dort sah. Er hatte noch einen weiten Weg von seinem Falltraum hinein in die Wirklichkeit zu gehen. Es dauerte eine gefühlte halbe Ewigkeit, bis sein Verstand endlich die Sonate wahrnahm, die sein Ohr schon lange hörte und deren Melodie seine Lippen bereits eine ganze Weile mitsummten. Es kostete ihn ein gewaltiges Maß an Konzentration, sich auf die Kaskaden der perlenden Gänge des Cembalos und das elegische Seufzen der Streicher zu konzentrieren und das Auf und Ab der Töne als eine Strickleiter zu benutzen, an der er zurück in den Wachzustand klettern konnte. Doch die überaus reine und feinstrukturierte Klarheit des Adagios, die ihm jede nahende Tonfolge im Voraus verriet und genießen ließ, bevor sie dann tatsächlich erklang, half ihm schließlich, langsam aus seiner tiefen Betäubung zu erwachen. Es war beglückend und befriedigend, sich von dieser Musik an die Hand nehmen und von ihr zurück in die Welt führen zu lassen. Aber es benötigte viel Zeit, denn sein Geist war endlos tief und fast komatös in ihm selbst begraben gelegen.

Welkenbaum kaute abgelenkt auf etwas Trockenem, Säuerlichem und Abgestandenem herum – seiner eigenen Zunge! – und gab sich ganz den himmlischen Harmonien der Musik hin. Endlich begriff er auch, was seine an die Decke gerichteten und schon lange geöffneten Augen betrachteten: Es war ein aus roten Ziegeln errichtetes Tonnengewölbe, von dessen Zentrum eine kahle Glühlampe herabhing. Ihr Licht war warm, aber nicht allzu hell. Es gelang ihr nicht, den weiten Raum vollkommen auszuleuchten. Die unverputzten und zum Großteil mit leeren Regalen verstellten Backsteinwände lagen in den Schatten. Mit Welkenbaums beginnender Wahrnehmung seiner Umgebung geschahen zwei Dinge gleichzeitig: Die Nadel des Plattenspielers gelangte zu einem Kratzer auf dem Vinyl. Dort blieb sie hängen, sprang zurück und ein halber Cembaloakkord erklang von Neuem. Und dann noch einmal und noch einmal …

Doch in Welkenbaums umnebeltem Gehirn passierte dadurch genau das Gegenteil: Er kam endlich wieder in die richtige Spur und er erwachte endgültig. Er erinnerte sich mit einem Mal deutlich an die Momente vor seinem Traumsturz in diesen Keller hinab.

Er hatte auf dem Dach des Hotels Raphael in Klammers außergewöhnlichem Buch gelesen und dabei viel zu viel Bier getrunken – im Nachhinein betrachtet, war das in der römischen Hitze keine gute Idee gewesen.

Dem Roman von Nikolaus Klammer, der vorgab, die aberwitzige Autobiografie eines sowjetischen Gulagsträflings zu sein, war eine sepiabraune Fotografie beigelegt gewesen, die Welkenbaum beim Lesen in den Schoß gerutscht war. Die Ablichtung hatte eine junge Frau mit Tropenhelm auf dem Kopf und Kleidung aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeigt. Die Aufnahme wirkte wie ein Publicity still aus einem uralten Tarzan-Film, das die abgebildete Schauspielerin als Autogrammkarte vervielfältigt hatte. Was den Verleger jedoch fast um den Verstand gebracht hatte: Die gut aussehende Forscherin sah haargenau wie seine Verlobte aus. Auch wenn sie auf dem Foto eine andere Frisur trug, hatte Welkenbaum sie doch sofort an ihrer unverwechselbaren Körperhaltung und an ihrem kecken Profil erkannt.

Anschließend … ja, was war dann eigentlich im Anschluss geschehen? Jemand muss ihm etwas ins Bier getan haben, ganz sicher … irgendeine KO-Droge. Diese hatte ihn dann in seinen wahnwitzigen Falltraum geschwemmt. Das war offenbar guter Stoff gewesen. Und er wusste mit einem Mal ganz genau, wer ihm das angetan hatte. Das hatten die beiden Alten getan, die ihn schon den ganzen Nachmittag über von ihrem Tisch auf der Dachterrasse des Hotels aus beobachtet hatten.

»Herrgott! Zefix!«, rief der Verleger aus und wollte von dem muffigen Sofa aufspringen, das wohl schon seit dem Biedermeier hier unten in dem dunklen Kellerraum vor sich hin moderte und entsprechend scharf nach feuchtem Schimmel und anderem Unaussprechlichem roch. Wie er dabei auf recht schmerzhafte Weise feststellen musste, konnte sein linker Arm diese Bewegung nicht mitmachen. Das Handgelenk war durch massive Handschellen mit einem der Löwenfüße des alten Liegemöbels verbunden. Welkenbaum landete deshalb äußerst unsanft neben dem Sofa. ›Chaiselongue wäre wohl die exaktere Bezeichnung‹, fiel ihm ein. Er knallte ungebremst auf die kalten Fliesen Seine Schulter tat höllisch weh. Er nieste in den zentimeterdicken Staub, der den Boden bedeckte und jammerte kurz auf, hielt sich mit der freien Hand die schmerzende Stelle.

Anschließend steigerte er sich in einen bemerkenswerten Wutanfall hinein, der jeden, der ihn kannte, verblüfft hätte; galt er doch als ruhiger, besonnener, geradezu phlegmatischer Mann. Er spuckte, wütete und tobte – und diese gotteslästerliche Schimpfkanonade wurde heiter von der ewig wiederholten Tonfolge der kaputten Schallplatte untermalt. Zum Glück war der bayerische Dialekt so reich wie kaum eine andere Sprache auf der Welt mit zum Anlass passenden Kraftausdrücken gesegnet. Ohne eine Pause bei seinem schier unerschöpflichen Fluss an Verbalinjurien zu machen, kniete sich Welkenbaum hin. Er versuchte, das Sofa ein wenig hochzuheben, um seine Handfessel unter dem Fuß hindurch zu fädeln. Aber das scheußliche Möbelstück gehörte anscheinend zum Inventar und war zumindest für ihn mit bloßen Händen unlösbar mit dem Boden verschraubt. Dadurch wurde seine Wut noch größer.

»Sakrisches Drecksding, verrecktes! Hurasakrament!«, brüllte er, bis die Wände wackelten. Verzweifelt rüttelte er an dem Sofa. Es war nicht auszumachen, ob er den Plattenspieler, das Sofa, seine Handschelle oder alles zusammen meinte, aber endlich bewirkte sein Fluchen eine Reaktion. Die nervtötende Tonfolge endete mit dem dissonanten Knirschen, das entsteht, wenn man mit der Nadel des Plattenspielers über das Vinyl kratzt. Danach öffnete sich die Tür zu diesem Loch, in dem er gefangen gehalten wurde. Seine beiden Entführer traten zu ihm herein. Wie er schon vermutet hatte, waren es tatsächlich die beiden Alten vom Raphael. Ein zweites und viel helleres Deckenlicht wurde eingeschaltet. Nun konnte Weltenbaum, der seine Brillen vermisste, mehr von dem großen, fensterlosen Ort erkennen, in dem man ihn festhielt. Es schien sich um das Kellergewölbe eines alten Archivs zu handeln. Große, bis an an die Decke reichende Holzregale, die offenbar alle leer waren, bedeckten drei Seiten des Raums. In dessen Mitte hockte Welkenbaum an das Sofa gefesselt auf dem lange nicht mehr gereinigten Boden. Er suchte nach etwas, mit dem er um sich schmeißen konnte.

Nur die Frontseite des Raums, an der die Tür war, sah anders aus. Hier standen ein alter und wertvoll aussehender Sekretär und ein barocker, vergoldeter Stuhl an der Ziegelwand. Über diesem Arbeitsplatz hing ein großes, dunkles Ölgemälde, das einen Geistlichen zeigte. Anhand der Kleidung vermutete Welkenbaum, dass es sich um einen Kardinal aus dem 19. Jahrhundert handelte, der mit finsterem Blick unter zusammengezogenen Augenbrauen missbilligend und voller Abscheu auf den Verleger herabsah, als wäre er über dessen Schimpfwörterflut ebenso empört wie die Entführer.

„Reißen Sie sich zusammen und hören Sie endlich auf, so entsetzlich zu fluchen!“, sagte der alte Mann und seine verwitterte Begleiterin vollendete: „Das ist ungehörig! Sie sind an einem heiligen Ort.“

[Zum 3. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (1)

 Nikolaus Klammer

Dr. Geltsamers
erinnerte Memoiren
„Eine phantastische Trilogie“
in 5 Büchern

4. Buch:
In den Bücherkellern des Vatikans

Zwischen den Zeilen

Welkenbaum fiel. Er stürzte nun schon seit einer Ewigkeit in gleichmäßiger, ruhiger Geschwindigkeit einen rotgeziegelten Brunnenschacht senkrecht hinab in eine schier grundlose Tiefe. Sein Zeitgefühl hatte er dabei längst verloren. Aber inzwischen musste er sicherlich schon Stunden in dieser aberwitzigen Situation verbracht haben, von der er nicht wusste, wie er in sie hinein geraten war. Er hatte sich längst an seinen Sturz gewöhnt und er erschien ihm nicht mehr absonderlich. Obwohl er sich vor dem Ende seines endlosen Falls fürchtete, den er doch unmöglich überleben konnte, und die Angst vor dem Zerschmettern auf dem Boden des Schachts wie ein Stachel im Hintergrund seiner Gedanken steckte, genoss er den Augenblick. Es war ein beglückendes Gefühl, frei wie ein Vogel zu sein und nur den Luftwiderstand um sich zu spüren. Er umschloss ihn sanft und begleitete ihn wie eine warme Decke den Abgrund hinunter.

Bereits seit vielen Jahren fühlte sich der Verleger in seinem aufgeschwemmten, unsportlichen und mit dem Altern schwächer und für Beschwerden anfälliger werdenden Körper immer unwohler. Er hatte sich von ihm entfremdet. Seine weltliche Hülle führte ein eigenes, amöbenhaftes Leben, das seinem Geist, der sich in dem fetten Leib wie ein Gefangener in einem viel zu kleinen Verlies vorkam, nicht gefiel und den er eigentlich verabscheute. Unaufhörlich bereitete ihm sein Körper Probleme: Da zwickte, dort drückte etwas, quälte, beengte und schränkte ihn ein. Häufig litt er unter Atemnot, stechendem Schmerz in den Hüften und an Krämpfen in den Schenkeln. Dazu kam eine stumpfe Taubheit in den Fingern und den Zehen. Sein täglicher und unverantwortlich hoher Alkoholkonsum, von dem er als einziger in seiner näheren Umgebung der Auffassung war, er hätte keine Probleme mit ihm, half ihm besser durch diese Beschwerden als jede Medizin. Trotzdem ließ er sie sich großzügig von seinen Hausärzten verschreiben und schluckte brav die Wässerchen, Pillen und Tabletten, obwohl er ihre Wirkungen nicht zu spüren glaubte. Er war sich freilich bewusst, dass die abendliche Flasche Rotwein und der „Betthupferl“-Whisky wahrscheinlich einen Großteil seiner Unbilden erst verursachten. Schließlich waren die morgendlichen Konsequenzen seiner regelmäßigen Besäufnisse – Übelkeit, Herzrasen und stumpfes Kopfweh -, oft grausamer als die Schmerzen des Vorabends, die seine Sauferei betäuben sollte. Doch daran etwas zu ändern, hatte er längst nicht mehr in der Hand. Das war ein Teufelskreis, dem er nicht mehr entrinnen konnte.

›Ab 50 beginnt jeder Morgen mit einer neuen Wunde‹, erinnerte sich Welkenbaum an eine Bemerkung seines Vaters Oswald an dessen 90. Geburtstag, ›und jede Stunde beschert dir ein weiteres Leid. 90‹, dachte er, ›so alt werde ich bestimmt nicht.‹

Doch all dies war nun wie weggeblasener Staub von den Regalen seiner Erinnerung und seine Seele und der verflixte Körper fühlten sich zum ersten Mal seit langer, langer Zeit im gemeinsamen Sturz miteinander versöhnt. Wenn Welkenbaum an seine Krankheiten dachte, dann hatte er das Gefühl, als wären sie jemand anderem in einem anderen Leben geschehen. Sie waren für ihn wie etwas, das er vor längerer Zeit in einem weinerlichen Buch von Nikolaus Klammer oder von Daniel Kehlmann gelesen hatte – insgesamt doch eher unerfreuliche, selbstmitleidige und unerfreulich larmoyante Lektüren, bei denen er Erleichterung empfand, wenn er sie beenden konnte.

Wie gesagt: Er wusste weder, wie lange dieser Zustand des unablässigen Fallens schon andauerte, noch, wieviel Zeit ihm das Schicksal noch gewährte. Doch augenblicklich stürzte er in gleichmäßigem Tempo in eine bodenlose Tiefe und er war glücklich. Dabei konnte er sich auch beim besten Willen nicht erinnern, wie er in diese Situation gekommen war. War er über den Rand eines römischen Brunnenschachts, der hinab in die Katakomben unter der Via delle Sette Chiese führte, gestolpert oder von jemandem von hinten gestoßen worden? Er wusste es nicht. Und wie tief mochte dieser kreisrunde Ziegelschlauch noch sein, dessen Ränder er berühren könnte, wenn er seine Arme nur noch ein wenig weiter ausstreckte? Er glaubte, jetzt schon einen halben Tag hinabzufallen. Wie schnell wurde noch einmal der Körper eines Fallschirmspringers? 200 Kilometer in der Stunde oder mehr? Ging das nun so weiter bis zum Erdmittelpunkt – so ein Sturz würde etwa dreißig Stunden dauern –, oder gar darüber hinaus? Und was geschah dann? Welkenbaum entschloss sich, nicht weiter in seinem Gedächtnis nach den Physikkenntnissen seiner Jugend zu suchen, sondern diesen besonderen Moment ohne Schmerzen und Kummer zu genießen, so lange er eben dauerte.

›Sorgen und Schmerzen sind kein Frosch, die hüpfen nicht über Nacht davon.‹ Das war auch ein Spruch seines Vaters; der war ein wandelnder Büchmann gewesen.

Dies war doch schon immer Welkenbaums Problem gewesen: Er war niemals vollkommen entspannt. In den unruhigen, nächtlichen Schlaf quälte er sich nur mit Bromazepam-Tabletten und altem Glenlivet und versuchte er ruhig zu sitzen, begannen seine Beine in rastloser Bewegung zu zittern und seine Füße schliefen ein. Nun jedoch war alles gut und das Leben schön. Warum konnte er diesen Moment einfach nicht mehr genießen? Aber die Frage, was mit ihm geschehen war, nagte plötzlich an Welkenbaum. Sie stach als akuter, nadelfeiner Schmerz knapp über der Nasenwurzel in seinen Verstand und störte das vollkommene Glück, das er eben noch empfunden hatte. Gleichzeitig hatte sich auch in seiner Umgebung, in jenem monotonen, endlosen Brunnenschacht, in den er fiel, etwas verändert. Auch wenn der Verleger noch nicht begriff, was anders war.

Oder war dies überhaupt kein Sturz, den er da erlebte? Vielleicht saß er ja einer optischen Täuschung auf und glitt stattdessen empor, nach oben, dem Himmel entgegen, wie ein mit Helium gefüllter Luftballon. Das würde sich, fiel ihm auf, genauso anfühlen. Vielleicht war der gemauerte Schlund ja kein Schacht, sondern ein gewaltiger Kamin! Vielleicht lag er gerade im Sterben und dieser Fall oder Aufstieg oder was auch immer war seine persönliche Nahtod-Erfahrung. Aber wurde nicht immer etwas von einem hellen Licht gefaselt, dem man entgegenflog? Wenn er sich nur erinnern könnte!

Welkenbaum konzentrierte sich auf seine rechte Hand, durch deren gespreizte Finger er den Fallwind fühlte und wollte sie drehen, um dadurch die Richtung festzustellen, in der er unterwegs war. Es misslang ihm vollkommen; er hatte keine Kontrolle über seine Muskeln.

›Wahrscheinlich ist das alles nur ein luszider Traum und ich schlafe morgens unruhig kurz vor dem Erwachen in meinem Bett‹, kam ihm beruhigend in den Sinn und seine Kopfschmerzen wurden dabei stärker. ›Ach, wie langweilig. Träume will ich weder erleben, noch sie von jemandem erzählt bekommen. Das ist doch öde. Es gehört zu den sieben Todsünden eines Autors, von einem Traum zu berichten oder mit ihnen gar einen neuen Roman zu beginnen. Das geht schon dreimal nicht. Niemand will das lesen. Und ich will jetzt aufwachen! Auf der Stelle!‹ Er öffnete die Augen.

Welkenbaum konnte die Ziegelwand und aus den Augenwinkeln seinen fetten, fallenden Körper sehen. Er trug übrigens einen leichten, sommerlichen Leinenanzug und unter dem Sakko, dessen kurze Schöße fröhlich im Wind flatterten, ein hellblaues, von Bierflecken besudeltes Hemd. Dies erschien ihm aus irgendeinem vergessenen Grund ein wichtiges Indiz zu sein. Trotzdem fragte er sich, ob er seine Augen tatsächlich geöffnet hatte oder es sich nur einbildete. Wenn er träumte, dann konnten diese Sinneseindrücke auch von seinem Geist an die Innenseite seiner geschlossenen Lider projiziert worden sein. Aber wenn er diese auseinander zwang, würde er unzweifelhaft erwachen. Er fokussierte seinen ganzen Willen und versuchte krampfhaft, seine Augen nicht erneut in den Traum, sondern jetzt in die Wirklichkeit hinein zu öffnen. Der Schmerz, den diese Anstrengung verursachte, jagte wie eine alles überwältigende Hafenwelle vom Kopf ausgehend durch seinen gesamten Körper und erschütterte ihn. Er schnappte entsetzt nach Luft und konnte seinen unruhigen, eiligen Herzschlag an der Halsschlagader pulsieren fühlen. In diesem Moment sah er wie in einer Vision ein Gesicht vor sich auftauchen, dessen kleine, von unzähligen Krähenfüßen eingefasste Knopfaugen ihn gleichzeitig spöttisch und auch besorgt und abschätzend anblickten. Nein, er irrte sich, nicht ein verwittertes Antlitz war es, sondern es waren zwei, die – weil Welkenbaum vielleicht schielte – halb ineinander übergingen und ein Monstrum aus drei Augen, zwei Nasen und einem endlos breiten, verkniffenen Mund bildeten. Die Lippen bewegten sich, gelbe, braunfleckige Zähne wurden sichtbar, aber der Verleger konnte die Worte nicht verstehen, die der Zwitter flüsterte. Die beiden verschmolzenen Uralten waren sich sehr ähnlich. Es waren ein Mann und eine Frau. Sie hatten überaus faltige, ledrige, beinahe haarlose Köpfe, mumienhaft und starr. Was war das? Wer war das? Hatten etwa diese beiden Monstren ihn in den Brunnen gestoßen?

Welkenbaum konzentrierte sich von Neuem. Er zählte langsam bis drei. Anschließend versuchte er ein weiteres Mal, das Gespinst, das sich inzwischen in einen Albtraum verwandelt hatte, zu verlassen, indem er seine Augen aufschlug. Verzweifelt zog er seine Stirn in Falten. Und dann gelang es ihm – überraschend schnell und einfach. Er starrte an die graue Betondecke eines schlecht ausgeleuchteten Kellerraums.

[Zum 2. Teil …]

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