Aber ein Traum …

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Nutzlose Menschen – Roman (Leseprobe) – Teil 1

Ende dieses Monats, bevor ich mich in den Sommerurlaub verabschiede und wie in jedem Jahr zwei Monate lang ein analoges Leben führe, wird mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ im Buchhandel erscheinen. Hier schon mal als Leseprobe für die ein oder zwei treuen Leser dieses Blogs ein paar Abschnitte des ersten Kapitels dieses zentralen Romans aus meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus.

Nutzlose Menschen
Roman
250 Seiten
erhältlich gebunden und als E-Book

 

 

„Sie tun nichts, was wert ist, getan zu werden,
und sagen nichts, was wert ist, gesagt zu werden,
aber sie tun und sagen es immer und immer wieder …“
Saki

*

ERSTES KAPITEL
Die Beamten

»Ironie ist teuer. Sie kann sich nur erlauben, wer sie sich wirklich leisten kann«, erwiderte Klammer lächelnd. Er wischte mit einer strengen, konzentrierten Bewegung ei­nen hellen Fussel vom Revers seines lindgrünen Jacketts. »Das ist, auf einen allzu kurzen und auch durchaus eu­phemistischen Nenner gebracht, die Essenz der Philoso­phie des Hippias und etwas, das der nüchterne Platon dem Sophisten endothym nicht verzeihen konnte. Auch dem Chaos kann sich im Übrigen nur der lustvoll hingeben, der es versteht, eine gewisse Ordnung zu genießen.«

Sapher zuckte hilflos mit den Schultern.

»Entschuldigen Sie bitte, Herr Dr. Aber wie so oft verste­he ich Sie nicht.« Er drehte mit einer unbewussten Geste der Kapitulation seine Handflächen nach oben und seufz­te. »Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich jetzt zugeben: Ich verstehe Ihre Plaudereien eigentlich nie. Sie sind doch jetzt seit zwei Jahren mein Vorgesetzter an der Behörde und fast an jedem Arbeitstag reden wir miteinander, nicht wahr? Und trotzdem habe ich immer den Eindruck, Sie reden nicht mit mir, sondern an mir vorbei, mit … ich weiß nicht, mit jemandem an einem ande­ren Tisch oder mit der Nachwelt. Ist das Ihre Absicht? Was sind denn das für Gedankengänge, die Sie immer wieder vor mir ausbreiten? Wen sollen sie beeindrucken? Mich verwirren Sie nur …«, sagte Sapher unsicher. Nikolaus Klammer erweckte bei ihm nicht den Eindruck, als habe er ihm zugehört. Sein Vorgesetzter sah mit seinem einge­frorenen Lächeln zum Fenster hinaus, als er antwortete:

»Es gibt nichts Erstaunlicheres als mich selbst«, zitierte er zum wiederholten Male seinen Lieblingsschriftsteller, »Sie und ich sind wie die zwei im Altersverhältnis zuein­ander umgekehrten Beamten Poiret und Bixiou. Verzei­hen Sie mir. Ich will Sie nicht verletzen, aber Sie sind ein eingeschränkter und – im positiven Wortsinn -, ein einfacher Bürger. Nehmen Sie es als Auszeichnung, wenn ich das nun sage, als eines der seltenen lobenden Worte aus meinem verbitterten Mund. Denn Ihre Rasse und Ihresgleichen, die doch den Staat erhalten, sind im Aussterben begriffen. Der Bourgeois stirbt in unserem bourgeoisen Land am Ennui und niemand verfasst seinen Nekrolog. Sie jedoch sind einer der letzten und das zeichnet Sie aus. Deshalb rede ich mit Ihnen auch nicht über Fußball, Autos oder Computer – von Dingen übrigens, von denen ich eh nichts verstehe.« Klammer wandte seinen Blick erst jetzt wieder zu Sapher, der ihm nun zwar aufmerksam, aber nicht minder fassungslos zuhörte.  »Der letzte Mohikaner, der letzte Kaiser, der letzte Zivi­list – der letzte Bürger! Ich denke, ich werde Ihnen zu Ehren einen Roman mit diesem Titel schreiben, ein homerisches Epos über die Suche nach einem Mann ohne Eigenschaften in einer verlorenen Zeit. Wissen Sie, Sa­pher, es ist ebenso leicht, sich ein Buch auszudenken, wie es schwer ist, eines zu schreiben. Ich denke schon eine ganze Weile darüber nach – und jetzt weiß ich auch endlich den ersten Satz des Werks, er ist mir gerade eingefallen.« Klammer setzte sich gerade und begann ausgelassen und von der eige­nen Eloquenz begeistert zu deklamieren:

»Hören Sie: „Aus dem bewegungslosen, amorphen Grau des heraufdämmernden, jungfräulichen Morgens, der in dieser schmutzigen, erbarmungslosen Verhöhnung all der Gründe, aus denen Menschen Städte bauten, so schnell al­terte und zahnlos wurde, vorverdaut von der sodomitischen Enge in den dampfigen Verkehrsmitteln, in einen Mantel stinkender Abgase gehüllt, schälte sich täppisch die ge­beugte Silhouette des letzten Beamten …“«

»Ich weiß nie, wann Sie sich über mich lustig machen. Wer ist dieser Bixiou, von dem Sie eben sprachen?«

»So unterbrechen Sie mich doch bitte nicht, denn solch ein Augenblick der Inspiration kommt unter Umständen nie wieder! Wenn ein kraftvoller Gedanke auf seinen traum­haften Schwingen einen Dichter entführt und ihn von den Umständen, die ihn hier einschließen, entfernt, indem er ihn durch die grenzenlosesten Regionen schleudert, wo die ungeheuersten Ansammlungen von Tatsachen zu Abs­traktionen werden, wo die größten Werke der Natur nur Bilder scheinen -, wehe ihm, wenn irgendein Lärm an sei­ne Sinne schlägt und die schweifende Seele in das Gefäng­nis von Fleisch und Bein zurückruft!«, ereiferte sich Klammer theatralisch. Wahrscheinlich zitierte er wieder einmal einen Autor des 1. Jahrhunderts, in dem er sich besonders wohl fühlte. Sein Gedächtnis war wirklich sensationell, denn alles, was er irgendwann gelesen oder aufgeschnappt hatte, konnte er lückenlos und fehler­frei wiedergeben. Er wirkte jedoch für einen Moment tat­sächlich verärgert.

»Sehen Sie, wenn der erste Satz stimmt, ist der Roman schon fast geschrieben, alles Weitere sind Fleiß und Zeit. Das sind zwei Dinge, die ich im Übrigen nicht besitze, denn Faulheit und Bewegungslosigkeit sind der normale Zustand aller Künstler.« Er legte die Hände vor seinem Mund wie zu einem Gebet zusammen. »Der erste Satz muss eine Mausefalle sein, er muss den Leser fassen und darf ihn für zweihundert atemlose Seiten nicht mehr von sich lassen. Was habe ich gesagt? Aus dem bewegungslo­sen, amorphen Grau eines beginnenden Morgens, der in unserer dreckigen Stadt so …, na, so schnell altert … und … und … vorverdaut wird?« Klammer runzelte die Stirn und machte dann eine wegwerfende Handbewegung. »Egal, es ist weg, eine weitere Perle ver­schwendet. Wir haben den Augenblick verloren. Nun wird Ihr Epos immer unvollendet bleiben. Es ist Bruchwerk, niedergeschrieben auf einem von der Zeit zerfressenen Pergamentfetzen. Es ist ein Fragment, das aus dem Fragment des ersten Sat­zes besteht. Das ist nicht viel, aber dieses Fragment, das doch Großes hoffen lässt, schenke ich Ihnen. Die­ses bewe­gungslose, amorphe Grau, ich eigne es Ihnen zu. Es ist ein Satz für Sapher.« Atempause. »Dabei fällt mir ein: Ihr Name, mein lieber Sapher, mein lieber Benjamin Sapher, das wollte ich Sie schon immer fragen, welcher willkürli­chen und humorvollen Gottheit verdanken Sie ihn? Er ist herrlich, ein Füllhorn des Wohlklangs, wie die So­natine von Ravel. Entschuldigen Sie bitte die schlechte Alliteratio­n, Herr Sapher, aber eine Metapher der Sappho kann nicht besser klingen: „… geschüttelt hat Eros mich wie der Sturm, der vom Berge her sich wild auf die Eichen stürzt.“ Wissen Sie übrigens, dass es nur ganz wenige Poe­ten gibt, deren Name allein schon ein wohlklingendes Gedicht ist? Ernst Jandl, Detlev von Liliencron, Durs Grünbein. Schrecklich, nicht wahr? Man will kein Gedicht von Menschen lesen, die so heißen. Aber hören Sie dage­gen: Hölderlin, Novalis, Walt Whitman, Sappho, Ovid und Erich Fried. Genießen Sie die Euphonie, das Versmaß, das Distichon. Benjamin Sa­pher, man muss Ihren Namen laut und mit französischer Akzentuierung aussprechen, um ihn völlig genießen zu können«, begeisterte sich der Dr., der mit jedem Atemzug, den er machte, auf ein neues The­ma zu stoßen schien.

»Meine Familie kommt von Großvaters Seite aus dem El­sass«, warf Sapher geschmeichelt ein.

»Vous appelez un chat un chat! Ihr Name ist strahlende Poesie, aber für ein bürgerliches Trauerspiel wie das un­sere ist er leider denkbar ungeeignet. Bei Schiller würden Sie eher von Kalb oder Wurm heißen – oder wie wäre es mit Schwerdgeburth? Das ist ein beredter, ein wunderba­rer Name, nicht wahr? So hieß, wenn ich mich recht ent­sinne, im vorigen Jahrhundert ein Freund von Johann Gottfried Seume, ein Maler … Haben Sie den „Spazier­gang nach Syracus“ gelesen?«

»Wie würde denn Klammer klingen?«, fragte Sapher leichthin und lächelte selbstsicher. In diesem Augenblick glaubte er, er könne seinem Vorgesetzten zum ersten Mal in diesem Gespräch Paroli bieten. Dessen Stimme wurde jedoch im Folgenden einen Hauch schärfer und kälter. Es war nur ein ephemerer Strich auf der Maßeinheit seiner Modulationsmöglichkei­ten, doch als er fortfuhr, genügte jener Hauch, Saphers Selbstzufrie­denheit über seine Schlagfertigkeit wie einen Krümel hinwegzuwischen und ihr Vorgesetzten-Untergebenen-Verhältnis wieder herzu­stellen:

»Sieh an, Sie zeigen Witz! Ihr Umgang mit mir erbringt erste Früchte. Also erscheint er doch nicht umsonst. Nun ja, vielleicht Klammer, warum auch nicht? Aber es lässt sich viel dagegen sagen. Der Name ist zu bedeutungs­schwanger, mit Inhalt und Symbolik überfrachtet. Niko­laus Klammer, das klingt wie Willi Loman, Wilhelm Meis­ter, Peter Kien, Stil­ler, Herr Keuner oder Darth Vader; da schwingt viel zu viel mit. Man darf einen Leser niemals für dumm halten, ihn nie unterschätzen. Deuten Sie nur an, wenn über­haupt. Sie dürfen mit dem Namen Ihrer Hauptfigur nicht gleich den ganzen Roman verraten. Neh­men Sie etwas opakeres, verschlüsselteres. Oder – noch besser -, Sie schlagen ein Telefonbuch auf, dort finden Sie so viele Namen und Geschichten …«

Sapher, der das merkwürdige Gespräch gerne beenden wollte, sah kurz auf seine Uhr. »Ich unterbreche Sie nur ungern, Herr Dr., aber die Arbeit ruft.«

»Es ist schon zehn?«, fragte Klammer, der nie eine Uhr trug.

»Bereits ein paar Minuten danach.«

Klammer schüttelte den Kopf: »Meine liebe Sappho, Sie werden mir unpünktlich. Aber bleiben Sie doch, heute ist Freitag und ich gebe Ihnen Dispens! Nein, wirklich. Krea­tive Menschen wie wir brauchen die Muße, ihre Gedanken zu entwickeln. Die Freiheit der Fantasie hat Marasmus zur Folge. Außerdem ist es hier unter dem Ventilator an­genehm kühl. Ist es paradox, wenn es mich bei dem Ge­danken an unsere überhitzten Zimmerfluchten fröstelt?« Klammer lachte, nahm Sapher an der Schulter und drückte ihn zurück in den Stuhl, aus dem er sich, über den Tisch gebeugt, bereits halb erhoben hatte. Ergeben gehorchte er dem sanften Druck seines Vorgesetzten. »Ihr Publikumsverkehr muss eben einen Moment warten. Viele werden es jetzt in der Urlaubszeit und bei diesem Wetter eh nicht sein. Ich will Ihnen etwas verraten. Es ist ein offenes Geheimnis und mich wundert, dass Sie es noch nicht kennen: Die Leute, mit denen wir es hier im Amt zu tun haben und die sich jeden Tag in unseren Gängen drängen, die wollen warten. Die kommen nur deswegen hierher. Helfen können wir ihnen nicht, das wissen wir beide nur zu gut. Die Leute ahnen das ebenfalls. Aber indem wir sie warten lassen, schenken wir ihnen eine kurze Hoffnung, einen versteckten Zugang zu Pandoras Büchse. Die halbe Stunde, vielleicht sogar Stunde, die sie ungedul­dig vor unseren Türen verharren müssen, in stummer Ei­fersucht in die Gesichter derer starrend, die näher bei der Tür sitzen oder einen Zettel mit einer niedrigeren Nummer in den Fingern haben, diese Stunde ist weit wichtiger als das kurze, ergebnislose Gespräch mit uns, unser resignie­rendes Kopfschütteln, unsere Vertröstungen, Formulare und neuen Termine, sogar unser Geld. Warum haben die­se Leute so selten etwas zum Lesen dabei oder sonst eine Beschäftigung? Warum stricken sie nicht einen Pullover? Haben Sie sich das schon einmal gefragt? Die Antwort ist: Weil sie sich das Warten nicht durch ei­nen Zeitvertreib verkürzen wollen- Denn in jenen endlosen Momenten des Geduldens hegen sie die geheime, ihnen selbst nicht ganz bewusste Hoffnung, es würde diesmal anders werden. Heute, bilden sie sich ein, sind sie nicht schon wieder um­sonst gekommen, sondern sie werden vielleicht wirklich etwas erreichen können. Das ist wie beim Lotto spielen. Solange die Ziehung der Zahlen noch nicht war, bin ich Millionär. Und gleichzeitig spüren die Leute: Es gibt noch etwas anderes, als wie Estragon  auf den Fluren von Behörden vergeblich auf das Erscheinen von Go­dot zu harren. Es wird ein Gefühl geweckt, eine Begierde nach der Familie und nach Betätigung. Wir schenken den Menschen etwas Nachdenken, ein Stück Leben, das sie in der modernen Welt verloren haben. Vielleicht ist das un­sere eigentliche Aufgabe als Beamte.«

»Sie sind wieder zynisch, Herr Dr.«

Klammer kniff wie verärgert die Augen zusammen und überraschte Sapher mit einem plötzlich ernsten, abschät­zenden Blick. Dann lächelte er und sein Gegenüber folgte seinem Beispiel unsicher. »Ich sagte schon, man muss sich Ironie leisten können. Ich hätte auch sagen können, dass ich bei meinem mickrigen Gehalt niemals ironisch, zy­nisch oder gar sarkastisch bin. Im Ernst, lassen Sie des­halb die Leute ruhigen Gewissens warten, wir unterhal­ten uns heute so gut.«

Sie unterhalten sich heute so gut, Herr Dr. Klammer, dachte Sapher. Zum ersten Mal während seines Gesprächs mit seinem Vorge­setzten sprach er einen Gedanken nicht aus. »Wer ist Bixiou?«, fragte er stattdessen erneut, ohne eine Antwort zu erwarten. Er bekam sie auch nicht.

Nutzlose Menschen – Roman (Teil VIERUNDZWANZIG)

»Nutzen wir dir die Gelegenheit«, sagte Gitta, als ihr Andernaj weit genug entfernt schien, »und lass uns jetzt endlich von hier verschwinden. Das bringt doch alles nichts und jetzt habe ich wirklich Hunger.« Beate winkte ab, während sie ihren Wein austrank und das Glas zurück auf die Theke stellte.

»Nicht doch, ich denke gar nicht daran! Jetzt wird es doch endlich wieder interessant«, protestierte sie; dann sah sie Anderaj nachdenklich hinterher. »Warte mal einen Augenblick. Ich will nur etwas überprüfen, denn ich habe da so einen Verdacht.« Sie ließ die schwach protestierende Gitta stehen und folgte Andernaj aus dem Gastraum. Sie hatte sich nicht getäuscht. Der Alkoholiker stand in einem schmalen Vorraum, der zu den Toiletten und in die Küche führte. Er telefonierte und wie die meisten Handybenutzer in einer Lautstärke, als wäre er allein auf der Welt. Interessant, dachte sie, sein Bier kann er sich nicht leisten, aber er hat ein Telefon. Da ständig Menschen ein- und ausgingen und Andernaj ihr den Rücken zuwandte, bemerkte er sie nicht. Sie pirschte sich vorsichtig an ihn heran und stellte sich so nah hinter ihn, dass sie sein Gespräch belauschen konnte. Dabei hatte sie kein schlechtes Gewissen. Schließlich war sie es, die betrogen werden sollte. Da war sie sich absolut sicher.

»… was heißt zu früh?«, protestierte Alfons gerade und er klang gereizt. »Du hast ja keine Ahnung! Die Mädels sind nich‘ so doof wie dein Sapher! Soll ich ihnen vielleicht Krieg und Frieden vorlesen, um sie noch ein bisschen aufzuhalten? Dein Zeitplan is‘ dein Problem.«Er lauschte nickend. »Es musste doch alles natürlich sein, weißt schon, sich spontan ergeben. Ich hab auf jeden Fall getan, was ich konnte. Ich bin doch nun wirklich kein Schauspieler. Wir kommen jetzt. — Du, weißt du, wieviel ich gesoffen hab‘? Mir rutscht schon wieder dauernd das rechte Auge weg und dann sehe ich alles vierfach. — Ja, hehe. Weh‘ mir, das Alter! Außerdem bin ich kein Taxifahrer, das bemerken sie sofort, die Mädels sind doch nicht auf den Kopf gefallen. — Ha? Eine Stunde? Du hast ja ’n … ich mein, du machst mir Spaß. Ich kann froh sein, wenn sie noch da sind, wenn ich vom Klo komm‘. Die Alte vom Sapher würd‘ sich am Liebsten gleich verdrücken. Nur gut, dass sie auf ihre Freundin hört.  — Ja, die Czesny, du kennst sie ja. — So, da sind Sie sich also sicher, Dr. Mabuse, hehe? — Du musst es ja haben, is‘ ja nich‘ mein Geld. Ne halbe, höchstens. — Ja, gut, ich versuch’s.«

Beate bemerkte, dass Andernaj dabei war, sein Gespräch zu beenden.  Sie wollte nicht beim Lauschen ertappt werden und flüchtete eilig in die vornehme Damentoilette, bevor er sich umdrehte. Sie sah in den Spiegel, der über dem Waschbecken hing, nickte sich zu und begann zufrieden zu lachen. Ihr war klar, dass Andernaj nur mit Klammer telefoniert haben konnte. Alfons war also ein Teil der Intrige. Er sollte es eingefädeln, dass er sie und Gitta zu dem Maler Sontheimer lockte. Beate fühlte sich bestätigt. Sie hatte von Anfang an recht gehabt. Klammer hatte wie mit Brotkrumen eine Spur für die Frauen gelegt, er wollte von ihnen verfolgt werden. Sie waren ihm allerdings näher auf den Fersen, als ihm lieb war, denn er hatte Andernaj eindeutig den Befehl gegeben, sie noch ein wenig aufzuhalten. Nun, das würde ihm jetzt, da Beater alles wusste, ziemlich schwerfallen. Sie war gespannt, was dem versoffenen Dichter alles einfallen würde, um sie abzulenken. Dann fragte sie sich erneut, was Klammer wirklich wollte und warum Andernaj bei dieser Intrige mitmachte. Wurde er von dem Dr. bezahlt? Das Handygespräch schien darauf hinzuweisen. Auch dass die beiden Sontheimerbrüder darin verwickelt waren, schien ihr nun sicher. Konnten in Klammers historischer Novelle, die ja die Geschichte einer Intrige beschrieb, Hinweise auf seine Ziele versteckt sein? Sie musste sie unbedingt zu Ende lesen; noch bevor Alfons sie zu Klammer brachte. Nun, sie nickte sich selbst über den Spiegel aufmunternd zu, in jedem Fall wird Klammer in mir eine würdige Gegenspielerin finden. Was nötig war, war dafür zu sorgen, dass Gitta weiter mitspielte – keine leichte Aufgabe, denn als Saphers Ehefrau nahm alles natürlich viel ernster als Beate, die nun endgültig den Spielcharakter der Verwicklungen zu erkennen glaubte. Das Vorhaben, das Klammer in seinen Aufzeichnungen notiert hatte, nämlich Sapher zum Ehebruch verleiten zu wollen, hielt sie für einen seiner vielen falschen Fährten und Schwindeleien. Sie glaubte inzwischen, dass es nur ein Vorwand war, um der entschlusslosen Gitta den nötigen Antrieb zu geben, be seinem Spiel mitzumachen. Als sie in ihren Überlegungen an dieser Stelle angelangt war, kam Gitta herein.

Sie schüttelte den Kopf und lehnte sich gegen die Tür.  »Was denkst du dir, mich so lange allein zu lassen? Ich habe es da draußen mit dem Säufer keine Sekunde länger ausgehalten«, sagte sie angewidert. »Er wollte mich die ganze Zeit dazu überreden, als Erstes in seine Wohnung zu gehen, um ein Buch zu holen, das er von Sontheimer geliehen habe und ihm bei dieser Gelegenheit mitbringen wolle. Dabei tatschte er mich die ganze Zeit an. Ich würde jetzt gerne duschen.«

Beate musste schmunzeln. Andernaj, der, wie er vorhin erzählt hatte, überhaupt keine Wohnung besaß, sondern wahrscheinlich schräg gegenüber im Nachtasyl schlief, war nicht sehr einfallsreich. Gitta missdeutete die Vergnügtheit ihrer Freundin. Sie wurde wütend.

»Es mag ja sein, dass das alles für dich sehr lustig ist, aber ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte. Mir steht es bis zum Hals. Ich war eben, als ihr mich allein gelassen habt, schon so weit, zu fliehen und dich alleine zurückzulassen. Aber du hast meine Autoschlüssel eingesteckt. Aber jetzt fahre mich bitte endlich heim. Du kannst dich ja dann anschließend noch mit deinem Alfons vergnügen.« Sie zögerte. »Vielleicht ist ja Benjamin inzwischen wieder zu Hause.«

»Das glaubst du doch selbst nicht«, erwiderte Beate und wurde wegen der zögernden Haltung ihrer Freundin zornig. »Ich bin absolut sicher, dass wir deinen Mann bei diesem Sontheimer finden. Denk doch mal an die Überraschung von Benjamin, wenn wir dort aufkreuzen. Und dieser Maler würde dich auch interessieren, nicht wahr? Du interessierst dich doch so für Kunst. Das wäre doch eine tolle Gelegenheit, ihn persönlich kennenzulernen.«

»Ich habe einiges über ihn gelesen«, gab Gitta zögernd zu. »Er muss eine sehr interessante Persönlichkeit sein. Aber ich glaube nicht, dass ich heute in der Stimmung bin, Gepräche über Malerei zu führen.«  Gitte wartete auf eine Antwort von ihrer Freundin. Sie sollte für sie beide entscheiden. Beate spürte das.

»Wie oft sollen wir uns deswegen noch streiten? Ich will heim, ich bin müde, ich will das nicht, ich kann nicht. Du kommst wirklich jede Viertelstunde mit der gleichen Klage. Wir werden das jetzt ein für alle mal klären und dann heute nicht mehr darüber reden. Entscheide dich endlich. Was willst du wirklich? Es gibt noch immer die beiden Möglichkeiten von Vorhin: Entweder wir bringen zu Ende, was wir uns vorgenommen haben, nämlich deinen Mann aus den Klauen von diesem Klammer zu befreien -, oder wir vergessen alles und fahren heim. Also, wie siehts aus? Sontheimer oder Diebolz?«

»Du würdest lieber zu dem Maler gehen, oder?«, verzögerte Gitta ihre Antwort.

»Selbstverständlich. Das werde ich vermutlich auch dann machen, wenn du jetzt heimfährst. Ich möchte Klammer auch seine Tasche zurückgeben und ihm dabei in die Augen sehen«, sagte Beate trotzig. Gitta blickte treuherzig auf.

»Also gut. Aber entscheide bitte du«, erwiderte sie. Beate hatte Mühe, ernst zu bleiben.

»Wenn ich nicht vorhin mit eigenen Augen deine Entschlossenheit gesehen hätte, als es dir darum ging, Benjamin vor der Versuchung zu retten, könne ich es nicht glauben! Sag mal, willst du denn meinem guten Bekannten und Erzmacho Emilio Parma recht geben, der in einem philosophischen Seminar Weinigers Meinungen überspitzte und allen Ernstes abstritt, dass Frauen ein Über-Ich besitzen, weil immer die Männer zuerst ins Lokal gehen?«

Gitta hasste es, wenn Beate Parma erwähnte. Mit diesem schmierigen Pseudoitaliener, der inzwischen auf Kabarett umgesattelt hatte, hatte sie vor Jahren, als sie noch nicht mit Benjamin zusammen war, eine kurze Beziehung gehabt, bis sie bemerkte, was für ein ekelhafter Angeber und notorischer Fremdgänger Parma war.

»Dann lass uns eben zu Sontheimer gehen«, entschied sie und verließ mit einem kurzen, prüfenden Blick in den Spiegel die Toilette. Beate war über dieses kurze Aufflackern von Eitelkeit amüsiert und folgte ihrer Freundin lächelnd. Andernaj stand ziemlich verloren in der überfüllten Gaststube und wusste nichts mit sich anzufangen. Die Erleichterung, die beiden Frauen auf sich zukommen zu sehen, war ihm anzumerken. Er hielt die Aktenmappe mit Klammers Textn in den Händen, schien sie aber nicht geöffnet zu haben. Beate sah auf ihre Uhr, es war Viertel nach elf Uhr.

»Da seid ihr ja!« rief Andernaj, als das Paar heran gekommen war. »Warum geht ihr Mädels eigentlich nie allein auf’s Klo? Ich hab schon befürchtet, ihr habt mir ’nen Korb gegeben und es wird nix aus unserer Menage aux trois, hehe. Gehn wir zu euch oder zu mir?« Er kicherte anzüglich.

»Träume nur weiter, Alfons. Hebe dir deine Energie lieber für deine Gedichtchen auf, die sind nämlich in der letzten Zeit ein wenig impotent geworden«, erwiderte Beate bissig. Gitta bewunderte ihre Schlagfertigkeit, die bewirkte, dass der Dichter schuldbewusst den Kopf senkte. »Jetzt zeige uns, wo dieser Maler wohnt. Wir fahren dort hin.«

»Woll’n wir nich‘ erst noch was trinken? Ich könnt noch ’n Bier vertragen.« Jetzt kam die mit Klammer besprochene Verzögerungstaktik. Beate hatte nicht vor, ihn damit durchkommen zu lassen.  SIe schüttelte ungeduldig den Kopf.

»Ich werde jetzt schnell bezahlen. Du bist eingeladen. Dann gehen wir. Ich brauche dringend frische Luft, vielleicht hat es sich ja inzwischen etwas abgekühlt. In dieser Räucherkammer hier ist es wie in einer Sauna.«

»Ich hab‘ unsere Rechnung schon beglichen«, erwiderte Andernaj geschraubt und sehr stolz auf sich.

»Seit wann hast du denn Geld?«, fragte Beate erstaunt. Alfons drückte sein Kreuz durch und sah sie von oben herab an. Er legte seine Stirn in vorwurfsvolle Falten.

»Es ist nicht leicht, mich zu beleidigen, aber du hast es jetzt beinahe geschafft«, sagte er ernst und hatte seinen beiläufigen Gesprächston von einem Satz zum nächsten abgelegt. Er sprach nun Hochdeutsch. »Ich weiß selbst, dass ich nur ein Penner bin und nicht gut rieche. Aber einen Rest von Selbstachtung hab ich noch. So gut kennen wir uns nicht, dass du mich einfach so von oben behandeln kannst. Klar, du verachtest mich, aber ich haeb noch Gefühle, trotz allem. Meinst du denn, ich bin so glücklich in der Gosse? Meinst du, ich juble, wenn du mich mit Scheiße bewirfst?« Er machte eine dramatische Pause, in der Beate lächelnd den Kopf zur Seite legte. »Und wenn dir alles das egal ist und du keinen Anstand hast – wenn du dir so toll und überlegen vorkommst mit deinen Herz-Schmerz-Romanen, die sich so gut verkaufen, dich gemütlich in deiner Sagrotan-Wohnung, deinen wohlgeratenen Kindern und mit deinem kleinen Männchen eingerichtet hast, der dich Samstags und an den Feiertagen mal durchrammelt, dann nimm doch wenigstens Rücksicht auf den Künstler, der ich mal war und dessen Ruine vor dir steht, denk an die Gedichte von mir, die dir gefallen. Blute ich nicht ebenfalls, wenn man mich schneidet?«, jammerte Andernaj und machte das Maß voll. Täuschte sich die von diesen Worten angewiderte Gitta oder glänzten sogar plötzlich seine Augen feucht?

Beate jedenfalls seufzte. Alfons war wirklich mit allen Wassern gewaschen. Jetzt kramte er doch tatsächlich den Schauspieler hervor und hielt den Monolog des in seiner Ehre verletzten alten Sünders. Sie musste ihn sofort stoppen und sich auf keinen Fall in den angebotenen Streit einlassen, sonst standen sie noch in ein paar Stunden in dem Lokal.

»Ich habe tatsächlich kein kein Mitleid mit dir, Shylock. Aber ich entschuldige mich, denn ich wollte dich nicht kränken. Und ich bedanke mich für den Wein, den du mir spendiert hast«, unterbrach sie ihn und nahm ihm entschlossen die Aktenmappe aus der Hand, die er nur widerwillig herausgab. »Aber jetzt gehen wir endlich.«

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[Nach 24 Forsetzungen und etwa 250 veröffentlichen Buchseiten gehe ich mit den Nutzlosen Menschen in die – wie es so schön heißt: – wohlverdiente Sommerpause, denn ich will und muss meine Arbeitskraft in der nächsten Zeit für andere Projekte reservieren. Ich bin auch im Zweifel, ob es überhaupt Sinn macht, meine Romane auf diese Weise ins Netz zu stellen. – Nikolaus.]

Nutzlose Menschen – Roman (Teil DREIUNDZWANZIG)

Gitta wandte sich an Beate.

»Was wollen wir jetzt machen?«, fragte sie unschlüssig. Beate berührte leicht ihren Unterarm. Die beiden traten zwei Schritte zurück und waren durch den allgemeinen Lärm im Lokal vor Lauschern geschützt.

»Wir gehen auf keinen Fall heim«, erwiderte sie trotzdem so leise, dass sie von ihrer Freundin kaum verstanden wurde. »Ich bin nämlich gespannt, wie sich die Sache noch entwickeln wird.«

Gitta schüttelte den Kopf. »Ich denke, es ist vorbei. Klammer und Benjamin waren hier nur Essen und wohin sie jetzt sind, können wir nicht in Erfahrung bringen. Ich werde müde und will nicht alle Lokale in der Innenstadt nach den beiden absuchen.«

»Ich bin mir nicht so sicher. Überlege mal: Weit können sie nicht sein, Klammers Auto steht doch noch vor der Tür. Und dann will ich Alfons noch ein bisschen ausfragen. Er scheint einiges zu wissen. Vielleicht bekommen wir durch ihn ein brauchbares Bild von dem Chef deines Mannes.« Beate sah den Zweifel in Gittas Gesicht. »Schau, zum Üben ist es schon zu spät«, versuchte sie ihre Freundin zu überreden, »und wann waren wir zuletzt zusammen weg? Das ist sicher schon Monate her. Nein, heute Abend habe ich frei und Norbert hütet die Kinder. Das will ich ausnutzen.« Sie nickte Manfred zu, der seine Massen freundlich nickend an den beiden vorbei durch die dichtgedrängten Gäste schob und dabei wie ein Eisbrecher wirkte, der das Packeis der Arktis durchbricht. Er verließ das Lokal mit der Frau, die am Eingang auf ihn gewartet hatte.

»Aber dieser ekelhafte, stinkende Mann ist mir zuwider«, beharrte Gitta »Wenn du unbedingt noch ausgehen willst, habe ich ja nichts dagegen. Aber warum nicht woanders hin, vielleicht ins ICEHOUSE?«

»Nein, ich will Alfons noch ein paar Würmer aus der Nase ziehen. Nenne es Intuition, aber er weiß mehr, als er zugeben will. Außerdem habe ich meinen Wein noch nicht getrunken.« Beate lächelte plötzlich strahlend. »Die Sache macht mir jetzt wirklich Spaß; das ist alles ein bisschen wie im Krimi, findest du nicht? Ich will herausfinden, was Klammers Geheimnis ist.«

Was sollte Gitta dazu schon sagen? Sie war weit weniger amüsiert als ihre Freundin und der Schock, dass der Dr. ihre Ehe bedrohte, wühlte noch immer in ihrem Magen. Konnte Beate das schon vergessen haben oder nahm sie ihre Ängste einfach nicht ernst? Empfand sie das Ganze wirklich nur als ein gelungenes Abenteuer? Sah sie denn nicht, wie sehr Gitta litt? Oder sammelte sie etwa Eindrücke für ihren nächsten Roman?

»Ich persönlich glaube«, fuhr Beate fort, »dass Klammer nur ein intriganter Aufschneider ist, der ein wenig Kabale stiften möchte, weil er daran Freude hat. Nein, wirklich, wir sollten es als Spiel betrachten.«

»Na, Mädels, was habt ihr denn so Ernstes zu bereden? Wenn zwei flüstern, muss der Dritte um sein Leben fürchten. Lasst mich doch teilnehmen«, mischte sich Andernaj ein und trat zu den beiden Frauen. Er hatte nicht vergessen, sein Bier und Beates Weinglas mitzubringen. Sie nahm es und lachte ihn gewinnend an.

»Ich hätte noch ein paar Fragen mehr über Klammer. Wann hast du ihn kennengelernt?«, erwiderte sie, ihre seufzende Freundin ignorierend. Andernaj zog abschätzend die Mundwinkel herab und doch war ihm anzumerken, wie sehr er sich freute, das Gespräch fortsetzen zu können. Es geschah ihm nicht mehr allzu oft, dass er sich wie früher vor einem interessierten Publikum, noch dazu vor zwei jungen Frauen, von denen die eine sehr attraktiv war, produzieren zu können.

»Es gibt Menschen, von denen man sich später nicht vorstellen kann, man hätte sie irgendwann einmal nicht gekannt. Man hat das Gefühl, es gab kein Vorher, weil sie schon immer da waren. Sie sind in dieser Beziehung wie ein Bruder oder eine Schwester«, begann Alfons, als würde er den Beginn eines Romans von Tolstoj zitieren. Beate fiel auf, dass Andernaj sich bemühte, hochdeutsch zu sprechen, was ihm auch trotz der nicht verbergbaren süddeutschen Klangfarbe gelang, vielleicht zitierte er jemanden. Gleichzeitig entschied sie sich, ihn ernster zu nehmen, als sie dies, bislang durch die schlechte Meinung ihrer Freundin Elli – Andernajs Ex – beeinflusst, bislang getan hatte.

»Es müssen nicht einmal die besten Freunde sein, bei denen wir dieser Empfindung ausgesetzt sind, es sind im Gegenteil die eher flüchtigen Bekanntschaften; wann habe ich zum ersten Mal den Bäcker gesehen, bei dem ich meine Semmeln hole, oder meinen Nachbarn? Oder wann haben wir beide uns eigentlich zum ersten Mal getroffen? Dieses Unvermögen, sich zu erinnern, hat sicher seinen Grund darin, dass mich das erste Treffen nicht sehr beeindruckt hat. Dieser Mensch war nur einer unter vielen, denen wir täglich begegnen.« Er zögerte, denn Beate ächzte vernehmbar und gelangweilt. Sie war sich nun sicher, er zitierte irgendeinen Autor, wahrscheinlich sich selbst, dafür sprach die Plattheit der Gedanken. Es gab das Gerücht, Andernaj würde seit Jahren an einem unvollendeten Roman schreiben.

»Um nun meinen Ausflug über mein schlechtes Gedächtnis, das auch unter einigen Exzessen alkoholischer Natur gelitten hat, zu beenden«, fuhr er fort und fiel ein wenig zurück in seinen Dialekt, der aber bei weitem nicht so grob aufgetragen wirkte wie sonst, »ich kann mich nicht entsinnen, wann und wo ich Nikki zuerst begegnet bin. Wahrscheinlich in der Uni, eher in der Mensa als im Hörsaal, hehe – wir ham mal beide in den legendären Endsiebzigern Germanistik studiert; ich ’n paar Semester höher als er. Bei unserm ersten Gespräch, an das ich mich erinnern kann, da ham wir uns schon gekannt und hatten die kumpelhafte Nähe von zwei Leuten, die ihre Lebenssituation ähnlich empfinden. Wir wussten unsere Namen und hatten auch schon mal ein paar Worte gewechselt. Wir grüßten uns, wenn wir uns sahen, weißt schon, dieses her geschenkte, verschwörerische Grüßen, das herablassende Nicken und flüchtige Grinsen: ‚Wir haben uns!‘ Das ist wichtig, auch wenn darüber hinaus keine weitere Annäherung geschieht, man schenkt damit einander Existenz, das Recht, lebendig zu sein. Das Gegenteil davon ist das leere Grüßen in den Raum, das niemanden meint und nur für uns selbst eine Manifestierung unseres Seins ist. Philosophisch gesprochen …«

»Alfons! Bleib auf dem Teppich«, unterbrach ihn Beate mit einem Einwand, den er wahrscheinlich bei jedem Gespräch zu hören bekam und gewöhnt war. Andernaj schien auch für ihren Einwurf nicht weiter böse zu sein.

»Is‘ das nich‘ interessant?«, fragte er nur erstaunt und nahm dann seinen Faden wieder auf. »Nikki war damals nich‘ weiter beeindruckend; ein blasser, gerade der Mama entwöhnter Knabe, der älter und schlauer sein wollte, als er war und den Ehrgeiz hatte, es auch zu werden. Es gibt solche Typen, die auf die Dreißig zugehen und doch noch immer wie ’n altkluges Kind wirken. Er hatte schulterlange, dünne Haare, die er meist zu einem Zopf band und ein Mephistobärtchen. Er trug ausschließlich Schwarz; weißt schon, paint it black, die Intellektuellenuniform aller Möchtegerne: Jackett, diese unmöglichen Rollis aus Kunstfaser, in denen man immer nach Schweiß stinkt oder zumindest so aussieht, als würde man es tun, Stoffhose, spitze Schuhe. Er war zum Erbarmen dürr und eckig, ich weiß, es is‘ ’n Klischee, aber er erinnerte an ’nen Storch. Da fällt mir ein, um den Hals trug er immer ’ne Kette aus Holzperlen, an der unten ’n Bild von Thomas Quincey hing, der war damals sein Abgott. Wie die – wie hießen sich noch – die Sannyasin, genau. Nikki und ich kamen in Kontakt, weil wir beide Literatur machten oder zumindest glaubten, es zu tun. Da waren wir beileibe nich‘ die einzigen damals, hehe; damals machte jeder Literatur. Jeder is‘ ’n Künstler, und so, weißt schon.«

»Wo lebte er, als er studierte, wohnte er noch bei seinen Eltern?«, warf Gitta ein. Sie hatte bisher den Eindruck gemacht, als würde sie kaum zuhören, hatte sich abgelenkt im Wirtsraum umgesehen und sich dabei langsam beruhigt. Und je länger Andernaj sprach, umso sinnloser erschien ihr ihre Aufregung. Konnte es nicht sein, dass Benjamin längst zu Hause war, während sie wie eine aufgeregte Glucke nach ihrem verlorenen Küken suchte? Er war hier mit seinem Chef beim Essen gewesen, nur die beiden allein, daran war nichts Verfängliches. Vielleicht hatte Beate recht und sie jagte einen Papiertiger. Trotzdem, der Zweifel blieb. Sie fragte, weil sie Klammer besser begreifen wollte, denn er war ihr weiterhin unheimlich und nicht greifbar. Sie wollte Information, ihn in ein Schema bringen, dem er bislang erfolgreich floh. Sie hatte Schwierigkeiten, sich vorzustellen, dass ein Mann wie der Dr. überhaupt Eltern hatte und einmal jünger, gar ein Kind gewesen und nicht fertig vom Himmel gefallen war. Andernaj reagierte auf ihren Einwurf mit einem abschätzigen Zungenschnalzen.

»Was weiß ich? Ich weiß nich‘ mal, wo er jetzt wohnt, hat -glaub‘ ich – mehrere Wohnungen, reich genug is‘ er ja. Wo schlief denn ich damals? Mal hier, mal dort; is‘ jetzt kaum anders, hehe. Weißt du, wir sind Männer, die unterhalten sich anders als Frauen. Über solche Dinge redet man nich‘. Wenn wir uns trafen, sprachen wir über Kunst und vielleicht mal über Politik. Das hat sich bis heut nich‘ geändert. Über sein privates Leben, ich sagt’s schon, weiß ich nichts, wir ham uns auch zwischendurch mal zehn Jahre aus den Augen verloren, da war ich in Berlin, weil ich nicht zum Bund wollte. Ich kenn ’n paar seiner Bekannten, aber wenn du mich nach seiner Verwandtschaft oder nach seinen Beziehungen fragst, muss ich passen. Mit ihm geht alles, er is‘ ne Hohlform wie’n Schokohase. Er kann ein im kalten Krieg in ’n Westen eingeschleuster DDR-Spion sein, ’n Maulwurf, der nach der Wende vergessen wurde. Ich könnt‘ mir vorstellen, dass nich‘ mal sein Name stimmt, immer wenn ich den höre, muss ich an ’ne Phyton oder ’nen Oktopus denken. Is‘ er noch Jungfrau, homosexuell oder nekrophil, nimmt er Drogen? Hat er all die Bücher gelesen, aus denen er ständig zitiert – oder doch nur die Geflügelten Worte auswendig gelernt? Schreibt er noch, veröffentlicht er, vielleicht unter einem Pseudonym? Is‘ er Stephen King, Konsalik oder Herbert Achternbusch? Du wirst lachen, hehe, aber ich hab ihn noch nie aufs Klo gehn sehn, auch wenn wir stundenlang zusammen waren, ich hab aufgepaßt.«

Andernaj trank von seinem Bier. Jetzt konnte er in seiner Rede eine Pause machen, ohne eine Zwischenfrage befürchten zu müssen, denn er hatte sein Publikum endlich interessiert gemacht. Mit Genuss sprach er weiter: »Na, viel von dieser Phantomhaftigkeit hatte er damals schon, auch wenn die Maske noch nich‘ so perfekt war. Er war noch abhängig von der Meinung anderer und empfindlich, Mann, war der ’ne Mimose. Er konnte heulen, wenn ein Prof. vergaß, ihn zu grüßen oder jemand es wagte, seine Weltbedeutung als Literat in Abrede zu stell’n. Doch unverdrossen wagte er sich mit seinen literarischen Ergüssen vor uns, die wir ’n ausgesprochen kritisches Publikum waren. Sicher ’n Fehler, denn man kann mit fünfundzwanzig noch keine Meisterwerke schaffen. Er hat damals ein Theaterstück von sich inszeniert, eine modische Attacke gegen die hergebrachte Kunstform, gegen, wie er sagte; den Strich der Theaterarrangemente gekämmt, mit viel konkreter Poesie, abstrusem Surrealismus und abwegiger Philosophie: Das Unverständlichste von Marx, Ionescu, Brecht und Jerry Cotton in einen Topf geworfen und hastig umgerührt. Nikki, der Dunkle. Aber man darf bei seiner Kritik nich‘ mit einer zu festen Bürste fegen, sonst kann’s sein, dass man mit den Fusseln den ganzen Stoff entfernt. Is‘ übrigens ’n Spruch von Nikki und ich hab ihn mir ins Stammbuch geschrieben. Ich war in meiner Eigenschaft als Freelance einer neuen Szene-Zeitschrift in dieser Veranstaltung, versuchte damals fürs Feuilleton ganz nah ran an die Avantgarde der Stadt zu kommen. Natürlich interessierte sich niemand für diese Dinge, das hat sich ja bis heute nich‘ geändert, aber das Deckmäntelchen der Aufgeschlossenheit und des Liberalismus kleidete die Zeitung von Rainer Werner damals so gut, dass meine Artikel meist gesetzt wurden und ich vom Zeilenhonorar ein ausreichendes Taschengeld verdiente. Meinen Job hat heute übrigens Georg Hauser, den müsstest du kennen, Beate, oder? Klammers Stück war allerdings nich‘ kritikfähig. Was is‘ auch über ’n Theaterstück auszusagen, in dem sich über drei Stunden lang zwei nackte Männer gegenüberstehen, einander mit Farbe bepinseln und monoton über das Vergehen der Zeit und, typisch Nikki, die Zinspolitik der Bundesbank labern? Die Bürste, sagt‘ ich schon. Ich war natürlich der einzige Vertreter der Presse. Es kamen, glaub ich, eh nur zehn Leute zu der Aufführung, Freunde der beiden Akteure hauptsächlich, und Mädels, die sie nackt sehen wollten, hehe. Nikki hielt sich an mich. Wisst ihr, er war noch jung und wartete auf meine Kritik wie ’n junger Hund auf ’n Schokoladenkeks. Ich hatte aus Mitleid ein paar hohle Standardformulierungen parat, die sich zwar gut anhörten, aber nur verbergen sollten, wie erbärmlich ich sein Werk fand. Er merkte gleich, wie’s stand. Aber er rechnete mir hoch an, dass ich mich mühte, ihm die bittere Pille so schmackhaft wie möglich zu machen. Wir gingen dann zusammen in ’ne Kneipe und ham die ganze Nacht geredet, besser: Er schwafelte und ich gab ihm ab und an ’n Stichwort. Weißt schon, das war einer von den Monologen, die man in dem Alter führt, in dem man sich so gern reden hört. Kein Ziel war ihm zu groß: Er wollte Sensation machen, den Kunstbetrieb revolutionieren, ihr Robespierre und Napoleon zugleich werden. Klar is‘ er gescheitert: Was hast du gedacht, wenn man in dieser Stadt lebt? Die is‘ doch ’n Synonym für Gleichgültigkeit. Ich glaub‘, dass er’s selbst gewusst hat, aber wenn ich versucht hab, ihm das zu sagen, ging ihm der Rollladen runter. Also ließ ich’s sein und hörte zu. Und, weißt du, der konnte reden: Wahnsinn, was der schon damals alles unverdaut im Hirn hatte. Ich hab‘ immer die Typen von der APO bewundert, wenn ’se sich im Auditorium hingestellt ham und einem ihren Milchkaffee aus tausend linken Autoren und Philosophen drüberschütteten. Ich frag mich, wie ’se das gemacht ham, ich hab nie ’nen Satz von Marcuse oder Lukács verstanden oder mir merken können, du vielleicht? Wie diese Linken war Nikki auchr. Er hatte ein phänomenales Gedächtnis und war der geborene Demagoge, is‘ er heut noch, wenn er auch von links nach rechts gewechselt is‘. Weißt schon, er hat das charismatisch Fanatische, wenn er sich in Rage schwätzt. Un‘ verdammich, er war damals dauernd geladen. Aber in dieser Stadt schreiste dich heiser und niemand kümmerts. Auf jeden Fall ham wir uns als die besten Freunde getrennt.« Alfons sah nachdenklich auf den schmutzigen Boden.

»Zwei Monate später flüchtete ich vor’m Barras, war die beschissenste Zeit meines Lebens. In den Jahren, in denen ich ihn dann nicht sah, hat er sich verändert und nich‘ zu seim Vorteil. Ich kenn nur wenige Leute, die sich so geändert ham. Die meisten sind mit dreißig schon so, wie se mit vierzig san, vielleicht ’n bisschen bedächtiger, aber der Charakter is der gleiche, hat sich höchstens vertieft, die guten Eigenschaften sind schwächer, die schlechten stärker. Aber dass man neue hinzugewinnt, is doch außergewöhnlich. Nikki war plötzlich krankhaft ehrgeizig geworden. Klar, hatte ja schon früher große Rosinen im Mund, aber die waren alle auf die Kunst beschränkt und er hat nur gelabert und nich‘ viel für ihre Verwirklichung getan. Jetzt erinnerte er an diesen Romanheld von Balzac. Ich hab Titel und den Namen von dem Kerl vergessen, aber der hat jedenfalls eben seine Ideale zu Grabe getragen und steht nun auf dem Hügel des Père Lachaise, blickt hinunter auf Paris und ruft ergrimmt: Et maintenant…, à nous deux! Klammer selber hat sich jedenfalls mit ihm verglichen. Vielleicht war die Ablehnung seiner Literatur schuld – wahrscheinlicher aber ’ne Frau, hehe, die Welt hat ’nen Poeten verloren und ’nen zynischen Erfolgsmenschen gewonnen. In der Zeit, die ich Berlin vergammelte, brach er jedenfalls sein Studium ab und wechselte zur Juristerei, machte seine Examina und Praktika und blieb dann beim Staat, denn die Hierarchie der Ämter schien ihm ein guter Weg, Macht in die Hände zu kriegen. Hatte offenbar seinen ganz privaten Marsch durch die Institutionen geplant. Er täuschte sich, beim Staat braucht alles seine behördlich vorgeschriebene Zeit, es gibt keine Abkürzungen oder er verbaute sie sich mit seiner Arroganz, was weiß ich. Die Steine, die man ihm in ’n Weg legte, waren ordentlich. Er hätte es doch geschafft, klar, dafür is‘ er ja gemacht, aber dann brach ihm diese dunkle Geschichte das Genick. Naja, Manfred Sontheimer musste ja unbedingt ein Geheimnis daraus machen un‘ ich weiß eigentlich nix darüber.«

»Was ich vorhin schon fragen wollte: Ist er zufällig der Maler Sontheimer?« fragte Gitta, die sich brennend für zeitgenössische Kunst interessierte und in jeder regionalen Ausstellung als Besucherin zu finden war.

»Manfred is‘ sein jüngerer Bruder und nur ’n Mathelehrer am Fuggergymie«, erwiderte Andernaj abschätzig, im gleichen Moment wurde sein Blick starr. Beate fürchtete, dass er seine Abfüllhöhe erreicht hatte und nun umkippte oder sich erbrach. Sicherheitshalber trat sie zur Seite, aber Andernaj schlug sich nur mit der Hand gegen die Stirn. »Mann, war ich blöd. Doofgesoffen! Das is‘ es doch«, rief er. »Jetzt weiß ich, wo Nikki is‘. Die san in der Fabrik, in Sontheimers Atelierwohnung. Das ist nich‘ weit von hier und heut is‘ doch Freitag, da hat er offne Tür. Kommt, ich geh noch auf’s Klo und dann laufen wir rüber. Is gar nicht weit.«

Bevor Gitta oder Beate etwas antworten konnten, bahnte er sich schon einen Weg durch den Raum, was ihm nicht weiter schwer fiel, da seine Erscheinung die Leute schnell zurückweichen ließ.

Nutzlose Menschen – Roman (Teil ZWEIUNDZWANZIG)

»Lass mich da drin reden. Ich habe mehr Abstand als du. Erniedrige dich nicht und spiele nicht die Szene der betrogenen Hausfrau. Sie steht dir nicht. Du willst das wahrscheinlich nicht hören, ich weiß: Aber vielleicht ist alles ganz harmlos und du machst dich lächerlich. Denke daran: Man benötigt für eine Verführung immer zwei Beteiligte; denjenigen, der verführt und den, der sich verführen lässt. Merkst du nicht, wie entsetzlich es ist, dass du zu Benjamin kein Vertrauen hast? Hat er dir dazu einen Grund geboten?«

Gitta antwortete nicht, es tat ihr aber wohl, sich kurz gegen ihre Freundin zu lehnen und an deren Stärke teilzuhaben. Sie war nicht der Meinung Beates, die immer so schrecklich vernünftig war. Aber der Gedanke, in dieses überfüllte Lokal zu stürzen, um Klammer oder der Hure, die er auf Benjamin hetzen wollte, die Augen auszukratzen, dieser Gedanke, der ihr gerade noch als der einzig durchführbare erschienen war, um ihre Ehe zu retten, verlor nun, als er zur Ausführung stand, gewaltig an Attraktivität. Sie erschrak, dass sie in solch platten Klischees denken konnte. Es war sicher besser, erst einmal Beate vorzuschicken. Es blieb dann noch immer genügend Zeit, zu handeln, falls sich ihre Befürchtungen bewahrheiteten und Benjamin mit einer Frau im Brandwirt saß. Gitta befreite sich aus der Umarmung und machte eine Geste, die Beate den Vortritt ließ.

Die beiden Frauen bahnten sich einen Weg durch die im Eingang stehenden und gut gelaunt schwatzenden Leute. Nachdem der Biergarten geschlossen hatte, war das Lokal nun sehr voll; viele hatten nur mehr einen Platz an der Theke gefunden. Die Luft war so verqualmt und stickig, dass den beiden Nichtraucherinnen sofort Tränen in die Augen kamen. Sie sahen sich vergeblich in dem Gewühl nach einem bekannten Gesicht um. Unter dem vorwiegend jungen Publikum, das hier die Zeit aussaß und ‚vorglühte‘, bis die Diskotheken öffneten, waren die Gesuchten nicht zu entdecken. Beate schlängelte sich zwischen den an der Bar Stehenden hindurch und fragte den Wirt, der beflissen Gläser spülte, nach Klammer. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und übersah mit einem flüchtigen Blick den Raum.

»Klammer? Der war eben noch da.« Er polierte mit flinken Händen ein Weinglas. »Marga, ist Dr. Klammer schon gegangen?«, rief er quer durchs Lokal. Eine Bedienung, die eben aus dem Biergarten kam und ein Tablett mit leeren Weizengläsern balancierte, hob den Kopf und zuckte mit den Schultern, eine Geste, die nicht deutlich machte, ob sie eine Antwort gab oder bei dem Stimmengewirr nichts verstanden hatte.

»Nikki is‘ vor zehn Minuten raus. Kann auch ’ne Viertelstunde sein …«, wandte sich jemand von der Seite an Beate. Er stand neben ihr an der Theke und rutschte mit einem Bierglas in der Hand noch ein Stückchen näher. Sein verwahrlostes Aussehen und sein Geruch veranlassten Gitta, einen Schritt zurückzuweichen. Beate blieb ruhig stehen und legte Klammers hässliche Aktenmappe neben sich auf den Tresen.

»Guten Abend, Alfons«, sagte sie lächelnd. Gitta starrte sie ungläubig von der Seite an. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie es möglich war, dass ihre Freundin diesen stinkenden Alkoholiker, der die beiden mit lüsternen Blicken abschätzte, überhaupt kannte und dann auch noch freundlich grüßte.

»Du kennst diesen Penner?«, füsterte sie in Beates Ohren, aber Andernaj hatte gute Ohren und antwortete etwas pikiert an deren Stelle:

»Das is‘ der Vorteil, wenn ‚mer in ’ner überschaubaren Stadt lebt. Überschaubar, das klingt besser als ‚kleinkariert‘, nich‘, is aber’s gleiche Wort. Ich mag das. Wenn ich morgen umfall‘ oder besoffen ins Rathaus kotz‘, wissen’s noch am Abend alle: Der Andernaj hat ins Rathaus gekotzt. Der Gedanke hat was Beruhigendes und es is‘ immer wer da, der mir ’n Bier spendiert.« Zur Bekräftigung trank er seinen Glas leer. »Aber dein Name is‘ mir grad nicht präsent, Mädel, das tut mir in der Seele weh. ‚Erinnere ich mich doch nur der Wolken…‘ un‘ so weiter, hab‘ ich mal auswendig gekonnt.«

»Erinnere ich mich doch nur der Wolken,
die beim Liebesspiel mit uns trieben,
und das Gras, es war grün.
Doch der Name, Mädchen, und das Gesicht,
der Atem an meinen Wangen,
die Glätte dieser Brust, sie sind vergessen.
Weiß, es war schön, mit dir zu liegen
und die Wolken lagen weiß im Blau …«

, ergänzte Beate und zog sich einen weiteren erstaunten Seitenblick ihrer Freundin zu.

»… jagten heiß das Blau.«, verbesserte Andernaj schulmeisterlich. „Sonst hätt ich zweimal Weiß und das wär ein schöner Scheiß.“ Dann klatschte er in die Hände. »Ich bin wahnsinnig geschmeichelt. Du hast das gelesen und kannst es auch noch auswendig? Kennst du etwa die anderen zehn Strophen auch?“ Er drehte sich zu Gitta, die sofort ihre Hand vor das Gesicht hielt. „Das geht in dem Stil so weiter und heißt: Beim Ersten Mal. Ist sicher eine meiner schönsten Balladen, wenn auch ’n bisschen kitschig.«

»Das ist beides wahr, auch wenn du dich kräftig beim Baal bedient hast. Ich bin eine gute Bekannte von Elli und bei ihr haben wir uns ein paarmal gesehen.«

»Genau, jetzt weiß ich’s wieder, du machst Musik, oder so was. Schreibst du nicht auch sonen Weiberkram mit Lavendel und Liebe in der Toscana? Elvira Böckelmann, hehe, die Liebe meines Lebens. Wie geht’s ihr?« Gitta, die dem seltsamen Wortwechsel bislang stumm und überrascht gefolgt war, erinnerte sich ihrer Wut und des Grundes ihrer Anwesenheit in dem Lokal.

»War Klammer allein?«, fragte sie und musste wegen dem Rauch, der in ihrer Kehle kratzte, husten. Andernaj sah erstaunt zu ihr und runzelte die Stirn.

»Äh, nee, da war einer bei ihm, so’n unscheinbar Blasser, Blonder; war wahrscheinlich einer seiner Jünger. Nikki geht nie ohne Publikum aus, ohne Eckermann für seine Aphorismen is‘ er nich‘ glücklich. Ham‘ sich, glaub‘ ich, ganz gut amüsiert, die beiden.«

»War … eine Frau dabei?« Es war Gitta anzumerken, wie viel Mühe ihr diese Frage machte.

»Nee, wär‘ mir aufgefallen, dafür hab‘ ich ’n Auge, hehe. Die waren allein und ham hier gegessen. Dann sind sie wohl abgedampft.«

»Weißt du zufällig, wo sie hin sind?«, fragte Beate, die einen kurzen Blick mit ihrer Freundin wechselte. Andernaj kämmte sich mit der Hand die spärlichen Haare aus der Stirn. Sie fielen sofort wieder zurück.

»Wirklich nich‘, vielleicht noch in irgend ’ne Kneipe, is‘ ja noch nich‘ spät. Kann sein, der Dicke ’ne Ahnung, der hat vorhin mal mit Nikki geredet.« Andernaj sah sich um. »Is‘ Manfred schon weg?« fragte er den Wirt, der die ganze Zeit interessiert zugehört hatte. Der deutete auf ein halbvolles Rotweinglas, das vor ihm stand.

»Wenn ja, dann hat er die Zeche geprellt«, sagte er. Andernaj nickte ergeben.

»Jetzt heißt’s warten, Mädels. Der Dicke is‘ auf ‚m Klo und das dauert.« Er verzog die Mundwinkel in ein, wie er glaubte, gewinnendes Lächeln. »Womit kann ich euch inzwischen die Zeit vertreiben?« Gitta wollte sich empört abwenden, aber Beate hielt sie am Arm fest.

»Du scheinst Klammer ganz gut zu kennen. Was ist das für einer?«, fragte sie, ihm aufmunternd zunickend. Andernajs Lächeln wurde spöttischer. Er wirkte etwas beleidigt.

»Was wollt ihr denn alle von ihm? Jeder fragt mich. Is‘ heut denn Klammertag? Soll ich euch nicht lieber was von mir erzählen?« Beate, die offensichtlich genau wusste, wie sie Andernaj zu nehmen hatte, erwiderte:

»Du mit deiner Menschenkenntnis. Du bist doch mit der ganzen Welt befreundet und kennst alle Gesichten. Du wirst doch etwas wissen.« Andernaj seufzte und warf einen scheelen Blick auf sein leeres Glas. Beate verstand den Wink und bestellte ihm ein volles und sich einen Pinot.

»Eins is‘ klar, über Nikki kann man stundenlang reden oder gar nich‘. Was ich über ihn weiß, hab‘ ich von ihm selbst und das ist nich‘ viel. Er hat den Deckel auf seinem Privatleben.« Er machte eine Kunstpause. »Einen berühmten Skandal gibt es allerdings. Einmal hat er sich aus seinem Schneckenhaus gewagt. Das is‘ schon ein paar Jahre her. Manfred kennt die Geschichte allerdings besser als ich. Aber wenn man vom Teufel spricht, hat ja gar nich‘ so lang gedauert …« Andernaj deutete auf einen fetten Mann, der sich eben mühsam auf einen Barhocker stemmte und verwundert die Aufmerksamkeit konstatierte, die sich auf ihn lenkte.

»Das is‘ Manfred. Manfred, du weißt doch einiges über Nikkis Leichen im Keller?« Das Gesicht des Dicken blieb unbewegt. Er musterte die Frauen abschätzig.

»Ich bin aber nicht so betrunken, darüber zu schwatzen. Das sind alte Geschichten und niemand kann ein Interesse daran haben, sie wieder in die Öffentlichkeit zu tragen.« Dies schien weniger auf die beiden Frauen als auf den noch immer aufmerksam zuhörenden Wirt gemünzt, der nun beleidigt abrückte, aber wahrscheinlich noch immer verstand, was geredet wurde. »Selbstverständlich war er nicht schuldlos, aber er war der vielleicht am wenigsten Schuldige und zugleich der Ehrenhafteste. Ihn hat die Sühne am härtesten getroffen, weil er die ganze Schuld auf sich nahm«, fuhr er geheimnisvoll und reserviert fort. Beate bewunderte seine schöne Stimme, hob aber spöttisch die Augenbrauen.

»Das war ja so vage wie mein Horoskop. Geht es nicht ein wenig genauer?« Manfred Sontheimer sah sie ernst von unten an; es war eine Melange aus Überheblichkeit und beleidigter Enttäuchung. Beate kannte diesen Blick aus ihrer Schulzeit. Das ist ein Lehrer, ging ihr durch den Kopf, dafür habe ich ein Gespür. Gleich fragt er mich aus und ich bin mal wieder nicht vorbereitet.

»Wer möchte das denn wissen?« Beate versuchte gleichzeitig mit Andernaj eine Antwort, der Dicke, der kein Wort verstand, beugte sich leicht vor und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dadurch geriet er näher an Gitta.

»Wissen Sie vielleicht, wohin Nikolaus Klammer heute Nacht noch wollte? Er ist mit meinem Mann unterwegs, den ich unbedingt wegen einer wichtigen Sache erreichen muss. Mein Name ist Gitta Mammensohn-Sapher«, nutzte sie die Gelegenheit und traf den richtigen Ton. Er lächelte und reichte ihr die Hand.

»Und ich heiße Manfred Sontheimer. Es freut mich, Sie kennenzulernen; Sie erinnern mich an meine Frau Lydia. Ich habe in der Tat eben noch mit Dr. Klammer, den ich flüchtig kenne, gesprochen, aber er ist vor einer Viertelstunde gegangen.« Obwohl sie diese Information bereits besaß, machte Gitta ein trauriges Gesicht.

»Und Sie wissen nicht zufällig…?«, verschluckte sie ihre Frage resignierend. Beate bemerkte, dass der Dicke und Andernaj einen kurzen Blick tauschten und der Poet leicht den Kopf schüttelte. Sie überlegte, in welchem geheimen Einverständnis die beiden standen und nahm sich vor, von nun an besser aufzupassen.

»Zu meinem Bedauern habe ich nicht die geringste Ahnung, was der Herr Dr. Klammer in seiner Freizeit unternimmt. Es tut mir aufrichtig leid. Für mich wird es jetzt auch Zeit, zu gehen«, sagte Manfred ruhig und trotzdem klang es wie eine Lüge. Er sah an Gitta vorbei zur Tür. »Dort wartet auch schon meine Verabredung.«

Gitta wandte den Kopf. Dort am Eingang stand eine attraktive dunkelhaarige Frau und winkte dem Dicken zu. Sie wirkte ungeduldig und verärgert. Gitta fand es erstaunlich, dass die beiden miteinander zu tun hatten; sie war mindestens zwanzig Jahre jünger als der fette Mann. Das konnte doch wohl nicht seine Frau sein, von der er eben gesprochen hatte? Manfred griff nach seinem Portemonnaie und gab dem Wirt ein Zeichen. »Kann ich die Rechnung haben? Das Huhn war ausgezeichnet; ich hoffe nur, dass sich bei dieser Hitze seine Belastung mit Salmonellen in Grenzen hielt,« versuchte er zu scherzen, doch außer Andernaj, der ein meckerndes Geräusch hören ließ, fand ihn niemand lustig.

Nutzlose Menschen – Roman (Teil EINUNDZWANZIG)

SECHSTES KAPITEL
Eine dunkle Begebenheit

Beate beendete hustend ihre Lesung, die fast eine Stunde gedauert hatte. Sie seufzte und schüttelte den Kopf.

»Das sollte für den Moment reichen; es war nicht einmal die Hälfte des Textes und die Geschichte hat noch gar nicht richtig angefangen“, sagte sie mit nun rauer, vom Lesen angestrengter Stimme und räusperte sich. »Als Gute-Nacht-Lektüre war es zwar ganz nett, aber doch sehr altmodisch und eklektisch«, rezensierte die Autorin ihren Möchtegern-Kollegen, sich mit ihrem Getränk die Lippen befeuchtend. »Von diesem Klammer – so, wie ich ihn mir vorgestellt habe – hätte ich etwas Bösartigeres erwartet. Ich hatte während des Lesens immer wieder das Gefühl, ich würde die Novelle schon kennen. Ging es dir nicht auch so?«

Gitta antwortete nicht. Sie war in einem Tagtraum gefangen und hatte auch dem Vortrag ihrer Freundin seit geraumer Zeit nicht mehr richtig zugehört, stattdessen mehr der Melodie des Vorgelesenen anstelle des Inhaltes gelauscht. Bei ihren seltenen sonntäglichen Kirchbesuchen ging es ihr ganz ähnlich; während sie das überladene barocke Interieur der Dorfkirche, die schwarzen Ölschinken und das Wolkenejakulat aus Gips, zwischen denen irgendwelche Putten seltsame Dinge unternahmen, begutachtete, da wurden ihr die salbungsvollen und langweiligen Predigten plötzlich zu Klang, ja, zur Musik und damit erträglich, fast ein Genuss. Sie bemerkte plötzlich, dass Beate schwieg, hob rasch den Kopf und sah ihr verwirrt in die Augen; diese nickte, als hätte sie eine zustimmende Antwort erhalten:

»Es lag vielleicht an dem konventionellen, angestaubten Stil, den Klammer pflegt. Das ist nicht echt, nicht zeitgemäß. Heutzutage kann man doch so nicht mehr schreiben. Wie nannte er es selbst: Eine veraltete Novelle? Da hatte er recht. Ich glaube nicht, dass er mit einer Geschichte wie dieser bei einem Verlag einen Blumentopf gewinnen kann, obwohl historische Romane gerade der große Renner sind, glaube ich. Allerdings kenne ich mich da auch nicht so genau aus, diese Art von Literatur lese ich für gewöhnlich nicht.« Beate zuckte mit den Achseln und blätterte zerstreut in dem Ordner nach hinten. »Mich würde allerdings doch interessieren, wie er seinen Knoten auflöst. Dich auch?«

»Lass doch, ich habe für heute genug von diesem Mann – wäre es nicht besser, wenn wir jetzt endlich zum Üben kämen?«, wehrte Gitta, die wieder zur Realität zurückgefunden hatte, ab. Ihre Freundin ignorierte den Einwurf, denn sie stieß überrascht hinter dem literarischen Text auf ein Dutzend Briefe verschiedener namhafter Verlage, in denen sich alle mehr oder weniger freundlich und ausführlich bei Klammer für die Übersendung der ersten zwei Kapitel seines Romans Familienbande bedankten und aus den unterschiedlichsten Gründen von einer Annahme des Manuskripts Abstand nahmen, jedoch in der Regel Interesse an anderem Material zeigten. Beate las ein paar der Briefe an, dann sagte sie:

»Wie ich gedacht habe: Kein Verlag – und er hat sogar meinen angeschrieben – interessiert sich ernsthaft für dieses altmodische Zeug, diesen, ich zitiere: unglücklichen Zwitter aus historischem Roman und Hedwig Courts-Mahler, wie es in dem Brief von Fischer steht. Die hier, ein Schweizer Verlag, drücken sich am Vornehmsten aus: In Bezugnahme auf Ihr Schreiben vom 14. Mai d. J. sende ich Ihnen zu unserer Entlastung Ihr Manuskript zurück. Ich muss Ihnen zu meinem Bedauern mitteilen, dass ich Ihre glänzend geschriebene Novelle, die aber leider sehr viele historische Ungenauigkeiten enthält, zwar mit Aufmerksamkeit gelesen und auch unterhaltsam gefunden habe, diese aber weder in unser Programm passt, noch ein breiteres Publikum, das eine Veröffentlichung von unserer Seite lohnte, finden würde. Leider, und niemand bedauert das mehr als ich, muss der Verlag in der momentanen Rezession, deren Ende noch nicht absehbar ist, in erster Linie ökonomisch denken und einen bestehenden Autorenstamm pflegen. Weit davon entfernt, mich Ihnen, Herr Dr. Klammer, aus erhöhter Warte mit billigen Ratschlägen aufdrängen zu wollen, wäre es vielleicht aber doch von Ihrer Seite einer Überlegung wert, wenn Sie Ihr zweifelsohne vorhandenes Talent dazu nutzen könnten, zeitgemäßere, »moderne« Literatur, möglicherweise aus Ihrem sicherlich interessanten Erlebensumfeld, zu versuchen. Wie dem auch sei, würde ich mich freuen … Und so weiter. Dieser letzte Satz war ja ein Meisterwerk vorsichtigen Formulierens, den Lektor würde ich gerne einmal kennenlernen.«

Gitta zuckte mit den Schultern. Ihr erschien Beate in diesem Moment, während sie neugierig in Klammers Korrespondenz blätterte, nicht wie ihre langjährige Freundin, sondern wie eine etwas seltsame Unbekannte. Die Autorin, die Beate im Alltag und versteckte und die Gitta eigentlich nicht kannte, hatte ihre Freundin wie ein böser Geist übernommen.

»Und was haben wir denn da!« Beate streckte triumphierend ein einzelnes Blatt in die Höhe, das fest zwischen den Briefen gesteckt hatte. Gitta sah auf und sie erschrak. Ihre Ahnungen kehrten zurück. Es war ein handgeschriebener Text und sie wusste sofort, worum es sich handelte. Sie versuchte, das Papier zu erhaschen, doch Beate hob es flink in die Höhe. Sie lächelte wie früher in der Schule, wenn sie Gitta einen Streich spielte. »Das ist noch einmal eine Seite aus Klammers mysteriösem Essay, leider ist es nicht der direkte Anschluss an das Blatt, das wir vorhin entdeckt haben; es ist Seite Sieben.« sagte sie zufrieden und begann sofort laut vorzulesen:

»Dritte Versuchung: Sexualität. Zusammen mit der Gier nach Reichtum und der nach Ruhm ist sie die gewichtigste Triebfeder für das Verhalten von ehrgeizigen Männern mit seiner charakterlichen Ausbildung; sie ist zwar am schwierigsten steuer- und ausnutzbar, aber nach meiner Meinung (die hier erheblich vom Weltbild meines der Psychoanalyse fernen Vorbildes, für das Geld allein die Welt bewegt, abweicht) ist die Gier nach Promiskuität, nach sexueller Ausschweifung und damit nicht zuletzt wieder nach Ausüben oder Erleiden von Macht die vielleicht bedeutendste Motivation dieser Dreieinigkeit der Versuchungen, deren, ohne erneut Freud bemühen zu wollen, ‚heiliger Geist‘ sie ist. Er wird ihr ebenso erliegen wie den anderen beiden.

‚Glückliche Ehen sind sich alle gleich,‘ heißt es, ‚die unglücklichen aber alle auf ihre Weise unglücklich.‘ Von der Wahrheit nur des zweiten Teiles dieses Aperçus ausgehend – denn ich kenne keine glücklichen Ehen, an denen ich die Richtigkeit des ersten prüfen könnte – habe ich tatsächlich trotz der Unterschiede der Krisen und Scheidungsgründe der gescheiterten Lebensgemeinschaften in meinem Umfeld verallgemeinern können, dass aller Grund doch immer in der Untreue eines Partners, in aller Regel des Mannes, zu finden ist. (Ich habe nie begreifen können, warum bei so vielen Männern das Geschlechtsorgan den Verstand in solch absoluter Weise dominiert, um wegen ein paar Bewegungen des Unterleibst funktionierende Beziehungen zu riskieren) Jedermann weiß – trotz all des neumodischen Geredes – dass eine Partnerschaft in unserer bürgerlichen Gesellschaft meist durch den sogenannten Seitensprung zerstört wird, selbst wenn sie noch über Jahre weiter existieren sollte. Dabei will ich bemerken, dass m. E. Fremdgehen eben kein Symptom für die Krankheit einer Ehe ist, sondern im Gegenteil ihre Inkubation kennzeichnet; denn überspitzt ausgedrückt juckt es die Männer dann am meisten am Schwanz, wenn es ihnen in ihrer Beziehung am besten geht. Ich bin nicht Psychologe genug, diese Tatsache zu ergründen, aber Beobachter genug, sie zu konstatieren.

Obwohl also Sapher seine Ehe als glücklich bezeichnet und seiner Frau für den Moment auch treu ist …« Beate zögerte, runzelte Stirn und schwieg. Sie senkte das Blatt und sah zu Gitta, die an ihren Lippen hing und bitter nickte. Diesmal war Beate nicht schnell genug und ihre Freundin hatte das Blatt in der Hand, bevor sie reagieren konnte.

»Warum liest du nicht weiter?«, fragte Gitta und es war ein Vorwurf in ihrer Stimme zu hören, als mache sie Beate und nicht Klammer für den Text verantwortlich. Sie sah auf das Blatt und suchte fiebernd nach der Stelle, an der sich ihre Freundin unterbrochen hatte.

»… auch treu ist«, las sie, »wird er einer nicht einmal massiven Versuchung dann nachgeben, wenn sie ihm unter der Bedingung dargereicht wird, dass er nicht mit Konsequenzen oder Reue rechnen muss. Er ist seiner Frau, auch wenn er es nicht zugeben würde, aus Furcht und mangels Mut und Gelegenheit treu, selbst wenn er sich einzureden versucht, er würde sie nicht betrügen, weil er sie liebe. In Wahrheit hat er Liebe nur zu sich selbst . Seine Ehe kann unter dieser Belastung auch nicht glücklich sein. Sollte es so etwas wie Eheglück überhaupt geben und ich zweifle es aus den erwähnten Gründen an, so ist es anders als Saphers Beziehung zu seiner Frau, die auf der Gewöhnung beruht. Ich nehme an, dass Gitta Mammensohn-Sapher, die trotz ihrer weiblichen Nachgiebigkeit und Kompromissbereitschaft wesentlich erwachsener als ihr Mann ist und nüchtern schließen kann, sich dessen bewusst ist oder es ihr zumindest in der nächsten Zeit wird; es nur einen Anstoß braucht, dass sie endlich die Konsequenzen zieht.« Gittas Stimme wurde brüchig, aber sie las unbeirrt weiter. Beate, die ihre Qual mitleidig beobachtete, war versucht, sie zu unterbrechen, aber als sie eine Bewegung machte, traf sie ein strafender Blick, der ihr deutlich machte, dass es besser war, sich ruhig zu verhalten.

»Ich werde meine Behauptungen nun beweisen: Ich verstricke Sapher in ein Netz der Versuchungen, in das er sich vermeintlich ohne Reue verwickeln wird. Wahrscheinlich wird er dabei nicht einmal an seine Frau denken, da ich ihm für sie ein billiges Alibi liefern werde: Für sie wird es so aussehen, als sei er einen Abend mit mir aus, tatsächlich aber werde ich ihn geradewegs in die Arme einer anderen führen, die für ihn die Erfüllung seiner sexuellen Phantasien ist. Er wird mit offenen Augen in die Falle tappen und noch stolz auf sich sein. Wohlgemerkt will ich hier noch einmal darauf hinweisen: Ich bin nur der Katalysator, wie Goethe in den Wahlverwandtschaften bringe ich die Elemente zusammen, ihre Reaktionen aber sind von mir unabhängig.

Gitta Mammensohn-Sapher will ich allerdings die Chance geben …« Gitta zerknüllte das Papier und warf es zur Seite.

»Schwein!«, rief sie. »Dieses Schwein!«, und wiederholte diese Beschimpfung so lange, bis sich die zuerst sprachlose Beate gesammelt hatte und tonlos fragte:

»Was willst du jetzt tun?«

»Ich hatte recht, nicht wahr? Er will meine Ehe ruinieren. Stelle dir das mal vor! Er nimmt Benjamin an die Hand und führt ihn an das Bett irgendeiner Hure. Katalysator! Dass ich nicht lache. So etwas nennt man Zuhälter, nicht wahr? Ich hatte doch recht, nicht wahr?«, stammelte Gitta und wusste selbst nicht, was sie sagte. Dann barg sie das Gesicht in den Händen und versuchte zu weinen. Es misslang ihr. Beate wechselte den Platz und setzte sich, die Schmerzen im Rücken ignorierend, neben Gitta auf die Couch, legte hilflos einen Arm um sie. Dabei bemerkte auch sie, wie weit der Abstand zu ihrer besten Freundin im Laufe der Jahre geworden, wie fern und fremd sie sich inzwischen waren.

Sie konnte zwar die Reaktion Gittas verstehen, aber dieser bösartige Mann hatte nach Beates Meinung trotz aller Polemik die Wahrheit geschrieben. Auf Gittas Ehe, die sie in Monotonie erstarrt glaubte und die ihre Freundin zu erdrücken drohte, gab sie ebenfalls wenig, zumal sie Benjamin längst in Verdacht hatte, sich anderswo umzusehen. Auch ihre Erfahrungen mit gescheiterten Ehen und Beziehungen in ihrem Bekanntenkreis zeigten ihr, dass bei dem endgültigen Bruch zwar die unterschiedlichsten Gründe genannt wurden, aber es, zwar nicht in der von Klammer behaupteten Ausschließlichkeit, aber doch meist das Fremdgehen eines Partners war, das tatsächlich dahinter steckte. Doch genau diese Gedanken konnte sie unmöglich aussprechen, denn solche Wahrheiten wollte Gitta nicht hören.

»Gib mir mal ein Taschentuch«, sagte ihre Freundin plötzlich und Beate griff gehorsam in ihre Rocktasche. Gitta schnäuzte sich und wischte ein paar nicht vorhandene Tränen aus den Augenwinkeln.

»Willst du mit?«, fragte sie überraschend. Sie war sichtlich um Fassung bemüht, die sie aber noch nicht völlig wiedergewonnen hatte. Beate beugte sich vor und sah ihr überrascht ins Gesicht, doch Gitta vermied einen Blickkontakt und bot ihr nur ihr Profil.

»Was meinst du?« Gitta stand auf und holte das in der Wut zerknüllte Papier Klammers, das sie vorsichtig entfaltete und sorgfältig am Schenkel glättete.

»Das brauche ich als Beweis. Ich weiß, wohin Benjamin und dieser … dieser … hingegangen sind. Sie sind im Brandwirt beim Essen, wenn sie mich nicht angelogen haben. Das Lokal ist in der Unterstadt, ich hole die Autoschlüssel. Ich bin gespannt, was Klammer sagt, wenn ich ihm das hier ins Gesicht schlage!«, sagte sie und zeigte drohend die zerknitterte Seite.

»Du willst doch nicht etwa …« Beate starrte ihre Freundin an, die ihr nun fremder denn je erschien. Wo waren die Unsicherheit, die Schüchternheit, ihr ängstliches Zögern geblieben? Sie entdeckte eine kämpferische, ja, gewalttätige Seite, die ihr völlig neu an Gitta war.

»… in den Brandwirt; mir wäre recht, wenn du fährst, ich fühle mich zu zittrig«, fiel ihr Gitta in die staunende Erwiderung. Sie faltete nun die verräterische Seite zu einem sauberen Viereck und strahlte ihren Worten zum Trotz eine unheimliche Ruhe aus. Sie sah auf die Uhr.

»Es ist noch nicht halb zehn. Wenn wir uns beeilen, komme ich vielleicht noch rechtzeitig.« Sie ging zur Tür; dort sah sie zurück zu Beate. »Was ist jetzt, kommst du mit?«

Ihre Freundin nickte resignierend und kämpfte sich aus der tiefen Höhlung des Sofas. Sie begann, Klammers Aktentasche zu packen.

»Aber selbstverständlich, Liebes. Meinst du, ich lass dich jetzt allein?«

Was aber, wenn wir doch zu spät kommen?, dachte sie, wagte jedoch nicht, die Frage laut zu äußern. Auf jeden Fall war es besser, wenn sie Gitta begleitete und ihr beistand.

»Weißt du, woran ich denken muss? Du hast vorhin gesagt, Klammer hätte unsere Reaktionen vorausplant und wir würden wie Benjamin in seine Fallen tappen. Jetzt glaube ich es auch; der letzte Satz von ihm, den du vorgelesen hast, deutet es an. Das macht mir Angst«, sagte sie leise. Gitta ging ohne Antwort aus dem Zimmer. Nachdem sie einen kurzen, bedauernden Blick auf ihre Flöte und die Notenblätter auf dem Klavier geworfen hatte, folgte Beate ihr achselzuckend, die hässliche Tasche unter dem Arm.

Die Fahrt in die Innenstadt, die die beiden schweigend hinter sich brachten, dauerte eine knappe Viertelstunde. Beate steuerte konzentriert, war geradezu verbissen mit dem eher spärlichen Straßenverkehr beschäftigt, sie überschritt aber nie die zugelassene Höchstgeschwindigkeit, obwohl sie auf der Einfallstraße Gelegenheit dazu hatte und diese an anderen Tagen auch nutzte. Gitta las in der Zwischenzeit noch einmal den Bruchteil von Klammers Essay, den sie nicht aus den Händen ließ.

Um sich nicht einer lästigen Parkplatzsuche auszusetzen, fuhr Beate in ein zentrales Parkhaus; die beiden mussten deshalb einen längeren Fußweg auf sich nehmen, den sie ebenso stumm wie die Autofahrt hinter sich brachten. Beate, die Klammers Aktentasche trug, um sie ihm zurückgeben zu können, überlegte die ganze Zeit, was sie zu Gitta sagen sollte, doch es fielen ihr nur beruhigende Banalitäten und schwache Tröstungen ein, die sie lieber für sich behielt. Über Klammer zu reden, war sicher ein Fehler. Also war es das Beste, wenn sie ihren Mund hielt. Was in Gitta vorging, war nicht in wenigen Worten zusammenfassen: Ihr hetzte eine fiebrige Anzahl von Gedanken und Gefühlen durch den Kopf. Die herausragenden, sich durchaus nicht widersprechenden, sondern einander ergänzenden Empfindungen waren Angst und Wut. Die Angst war namenlos, sie umfasste so amorphe Befürchtungen wie die um Ehe, Zukunft und Existenz; ihre Wut hatte sich jedoch auf die eine Person konzentriert, der sie die Angst verdankte: auf Nikolaus Klammer, der aus ihr unverständlichen Gründen die Fundamente ihres Lebens untergrub. Sie wusste nicht, was sie sagen oder tun würde, wenn sie ihrem Widersacher gegenüber stand, das überließ sie dem Moment. Seltsamerweise gingen ihr auch einige Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse mit Benjamin durch den Kopf . Wäre sie ehrlich mit sich gewesen, hätte sie erkannt, dass sie an ihren Mann wie an jemanden dachte, der sich weit entfernt hatte oder gar vor Jahren verstorben war.

Beate räusperte sich. »Schau mal, ist das nicht Klammers Auto?« Sie deutete auf einen halb auf dem Gehweg parkenden BMW. Gitta sah kurz hinüber und nickte.

»Sie sind also noch im Brandwirt«, erwiderte sie und ihr Schritt wurde zögernder. Wo waren sie plötzlich hin, ihre Sicherheit und die Wut?

»Ich hätte nicht übel Lust, ihm die Scheibe einzuschlagen«, murmelte Beate, um Gitta Rückendeckung zu geben. Doch ihre Freundin lächelte kaum, sie hatte den Eingang zu dem von außen überraschend schäbig wirkenden Lokal entdeckt und blieb stehen. Beate hackte sich bei ihr unter und zog sie weiter. Nun konnte sie endlich wieder ihre gewohnte Rolle spielen, war sie die starke Beschützerin.

»Lass mich da drin reden. Ich habe mehr Abstand als du. Erniedrige dich nicht und spiele nicht die Szene der betrogenen Hausfrau. Sie steht dir nicht. Du willst das wahrscheinlich nicht hören, ich weiß, aber vielleicht ist alles ganz harmlos und du machst dich lächerlich. Denke daran: Man benötigt für eine Verführung immer zwei Beteiligte; denjenigen, der verführt und den, der sich verführen lässt. Merkst du nicht, wie entsetzlich es ist, dass du zu Benjamin kein Vertrauen hast? Hat er dir dazu einen Grund geboten?«

Gitta antwortete nicht, es tat ihr aber wohl, sich kurz gegen ihre Freundin zu lehnen und an deren Stärke teilzuhaben. Sie war nicht der Meinung Beates, die immer so schrecklich vernünftig war, aber der Gedanke, in dieses überfüllte Lokal zu stürzen, um Klammer oder seiner Hure die Augen auszukratzen, der ihr gerade noch als der einzig durchführbare erschienen war, ihre Ehe zu retten, verlor nun, als er zur Ausführung stand, gewaltig an Attraktivität und sie erschrak, dass sie in solch platten Klischees denken konnte. Es war sicher besser, erst einmal Beate vorzuschicken; es blieb dann noch immer genügend Zeit, zu handeln, falls sich ihre Befürchtungen bewahrheiteten und Benjamin mit einer Frau im Brandwirt saß. Gitta befreite sich aus der Umarmung und machte eine Geste, die Beate den Vortritt ließ.

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