Aber ein Traum …

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Der Dienstagsroman (VII)

(Was bisher geschah: Der junge Missionar Martin Wolfenklau liegt in Singapur krank darnieder und kämpft mit den Geistern seiner Vergangenheit. Ein Fieberanfall führt ihn zurück zu seiner Vergangenheit in Niederbayern, in der alles begann. Der geheimnisvolle alter Xaver kommt auf den Bauernhof, den Martin allein mit seiner Mutter Magdalena bewohnt. Der ‘Einöder’ braucht die Hilfe von der erfahrenen Heilerin und Kräuterfrau. Er zwingt Martin dazu, das Verbot seiner Mutter zu übertreten und sie im Badehaus zu stören, in dem Seltsames vorgeht: Beim Verlassen des Bades wird er von dem Dorfpfarrer Emeran abgefangen und entdeckt einen geheimnisvollen Blutfleck an seinem Arm:)

Die Hand des Pfarrers griff nach oben, nahm geradezu zärtlich mit Zeigefinger und Daumen Martins Kinn, hob es an. Er schüttelte dabei sanftmütig lächelnd seinen Kopf, als habe er den jungen Mann bei einer lässlichen Sünde ertappt. Ganz dicht schob sich der Geistliche jetzt an Martin heran und der intensive Geruch nach Lavendelblüten verstärkte sich. Gleichzeitig aber schwamm eine weitere Duftnote in dem allzu üppig verwendeten Parfum. Etwas Fauliges, Unappetitliches kam Martin in die Nase und erzeugte ein Würgen in seinem Hals. Daher atmete er durch den Mund, das half ein wenig.

Emeran hielt seine Hand am Kinn, bis sein junges Gegenüber angewidert den Kopf zur Seite drehte. Hochwürden war ein untadeliger Diener des Herrn. Martin bewunderte dessen tiefe, beseelte Frömmigkeit und seinen Wissensreichtum bezüglich der Heiligen Schrift, aber trotzdem hatte er etwas an sich und das waren nicht nur seine Ausdünstungen, was den Jungen abstieß.

Frau Wolfenklau ist im Bad, nicht wahr? Ich muss sofort mit ihr sprechen, mein Junge, obgleich die Schrift verkündet: Niemand darf von den heiligen Gaben essen, außer er hat seinen Leib gebadet.“

Verflixt und zugenäht, was wollten denn an diesem Vormittag nur alle von seiner Mutter? Martin kannte Pfarrer Emerans Gewohnheit, fast jeden Satz mit einem Bibelzitat zu würzen; auch wenn manches nicht zu dem zu passen schien, was er so gelehrt von sich gab. Geduldig wartete er also, bis der Geistliche nach einem Stirnrunzeln „Levitikus, 22. Vers 6“ hinzugefügt hatte. Wie unabsichtlich trat er währenddessen zwei Schritte zurück und stand eisern mit dem Rücken zur Tür.

Ich darf sie nicht stören…“ Emeran jedoch nutzte die Gelegenheit, dass ihm der junge Mann nicht mehr auskommen konnte und nahm Martin beim Arm. Um so vieles anders war die Berührung dieser schweißnassen und weichen Hand verglichen mit dem kraftvollen Griff seiner Mutter.

Sag ihr, es sei wirklich dringend, mein Sohn.“ Martin wusste nicht, was er machen sollte. Er sah sich hilfesuchend nach Xaver um, doch der Alte war verschwunden. Lautlos, geradezu heimlich, wie vom Erdboden verschluckt. An der Stelle, an der er doch eben noch gestanden, saß die Katze Annerl, leckte sich eine Pfote und sah mit aufgestellten Ohren zu dem ungleichen Paar hinüber. Es stimmte schon, was die Leute aus dem Dorf raunten: Wo sich die Kirche befand, das war kein Xaver.

Der Pfarrer begann Martins Arm zu streicheln.

Der Gerechte gedeiht wie ein Palmbaum, schön wie eine Libanonzeder wächst er empor.“ Kunstpause, Emeran lächelte wie von sich selbst verzückt, und sein Ekel erregender Geruch drang trotz des angehaltenen Atems in Martins Nase. „Psalm 93. Vers 13.“

Als hätte er damit etwas bewiesen, den Bezug zur Zeder und ihr anstößiges Wachsen unterstreichen wollen, gab der Geistliche den jungen Mann endlich frei. Er griff in die Tasche seiner schwarzen Jacke, beförderte umständlich ein blütenweißes Stofftaschentuch ans Licht und wischte sich angelegentlich die Hände ab. Das Tuch war feinste Klöppelarbeit, die der katholische Landfrauenbund der Hl.-Kreuz-Kirche gespendet, um mit ihr die ebenso Heilige Monstranz gebührend heilig zu bedecken. Hochwürden Emeran fand jedoch, das Tuch stünde seiner fast heiligen Nase ebenso gut an.

Er wusch seine Hände und sprach: ‚Ich bin unschuldig am Blut dieses Gerechten.‘Matthäus 27, Vers 24. Und jetzt holst du deine Mutter. Hurtig, mein hübscher Engel, hurtig!“, erklärte er bestimmt. Martin wurde eine Entscheidung abgenommen: Hinter ihm trat Magdalena Wolfenklau aus dem Saustall und baute sich neben ihrem Sohn auf. Sie trug ihr Alltagsgewand, ein schlichtes, blaues Schürzenkleid, das an ihrer mageren, aber geraden Gestalt hing wie ein alter Kartoffelsack an einer Vogelscheuche. Ihr früh durch immensen Kummer ergrautes langes Haar trug sie zu einem Dutt geknotet, den jedoch ein einfaches rotes Kopftuch verbarg. Eisblaue, durchsichtige Augen ruhten verächtlich auf dem dicken Pfarrer, der sich unter diesem Blick duckte.

Man nimmt die Worte des Herrn nicht leichtfertig in den Mund, Emeran Zwarmbrunner: ‚Posaune nicht vor dir her, wie es die Heuchler auf den Straßen tun, damit sie gepriesen werden von den Menschen.‘ Matthäus 6, Vers 2.

Aus der Bibel zitieren: Das konnte sie fast noch besser als der Geistliche.

Was also suchst du hier? Vollmond ist in drei Tagen. Du bist zu früh!“ Als sie sprach, wurde ihre Nase spitz und weiß, erinnerte Martin an den Schnabel eines Falken, der auf sein Opfer herabstößt. Vorerst erklang vom Pfarrer aber nur ein schmatzendes, langanhaltendes Furzen, offenbar vermochte er seine Darmwinde wieder einmal nicht im Zaum zu halten.

Doch keinesfalls Scham! Emeran hatte einen wichtigen Auftrag: „Ich käme nicht, wenn es nicht dringend wäre“, bettelte er, „das Äquinoktium ist nah, hat seine Ehrwürdigste Exzellenz, der Erhabene Herr Erz…“

Schweig still!“, donnerte Magda mit einem raschen Seitenblick auf ihren Sohn, der aufmerksam lauschte.

Bua, hoasd koa Oarbeid ned? Hoasd scho de Goaß´n gmolken?“ Nahtlos verfiel Magdalena dem eigenen Sohn gegenüber in die heimatliche Sprache des Briggidoi. Für einen kurzen Moment wollte Martin protestieren, aber dann ging er gehorsam quer über den Hof zum Stall.

Die ‚Exzellenz‘ muss sich noch gedulden. Drei Tage, nicht eher…“, vernahm er noch, dann trat er in den Stall. Der herbe Gestank der Ziegen war ihm nach Emerans Ausdünstungen wie Weihrauch und Myrrhe. Martin holte einen Blecheimer und den Melkschemel. Er wunderte sich ein wenig, dass ihm Annerl nicht wie sonst in der Hoffnung, etwas von der warmen Milch abzubekommen, in den Stall gefolgt war. Seltsam, die Katze war doch sonst geradezu wild auf die gesunde Geißenmilch. Er klopfte Zenta, seiner Lieblingziege, auf den Hintern. Das Wort Arsch auch nur zu denken, verbot ihm Mutters Erziehung. Dabei fiel ihm auf, dass der Blutfleck auf seinem Arm verschwunden war. Wie um alles um der Welt war solches möglich, er hatte doch nicht gewischt? Er setzte sich auf den Schemel und sah nachdenklich zur angelehnten Stalltür.

Was hatte seine Mutter mit dem fetten Pfarrer zu bereden und was machte sie in voller Wirklichkeit wahrhaftig jeden Morgen in ihrer Badstube? Die Neugierde, die der Xaver in ihm geweckt, stach ihn erneut. Martin entschied bei sich: Wenn seine Mutter später hinauf zum Hof des alten Einsiedlers stieg, um dessen Kuh beim Kalben zu helfen, würde er sich den alten Saustall näher ansehen.

Er war ja nicht dumm: Hier ging etwas vor, das ihm ganz und gar nicht gefiel. Doch er würde herausfinden, was es war.

Ende des 2. Kapitels

(Fortsetzung folgt nicht…)

 

Der Dienstagsroman (VI)

(Was bisher geschah: Der junge Missionar Martin Wolfenklau liegt in wilden Fieberträumen in einem schäbigen Zimmer in Singapur und kämpft mit den Geistern seiner Vergangenheit. Die ehemalige Prostituierte Parbati, mit der er gemeinsam vor der grausamen Gräfin aus dem Rimbu geflohen ist, pflegt ihn aufopfernd. Er versucht, die Frau, die er liebt, vor der mörderischen Gräfin zu warnen, als ihn ein erneuter Fieberanfall zurückführt zu seiner Vergangenheit in Niederbayern, in der alles begann. Der geheimnisvolle alter Xaver kommt auf den Bauernhof, den Martin allein mit seiner Mutter Magdalena bewohnt. Der ‘Einöder’ braucht die Hilfe von der erfahrenen Heilerin und Kräuterfrau. Er zwingt Martin dazu, das Verbot seiner Mutter zu übertreten und sie im Badehaus zu stören:)

Martin war nicht wohl dabei, seine Mutter zu stören. Er schreckte vor der einfachen Tür zurück, von deren rissigen Brettern die weiße Farbe abblätterte und hinter der sie ihr Alleinsein verbarg. Einmal noch sah er zu dem seltsamen Kauz Xaver hinüber. Der Alte betrachtete nun gleichmütig die Flugkünste der letzten, späten Mauersegler über dem Haus, während er wie ein witternder Fährtenhund seine knollige Nase gegen den wehenden Wind hielt.  Annerl, die Katze, pirschte sich an ihn heran; ihr Bauch berührte fast den Boden, der aufgeregt zuckende Schwanz war dick und buschig. Es musste also sein, Xaver würde den Hof  nicht ohne Martins Mutter verlassen.

Der junge Mann drückte die Klinke hinunter, vergeblich. Freilich war die Tür von innen verschlossen, Martin hatte es  nicht anders erwartet.

Muata, dea Xaver war do! Ea brauchad dei Helf zwengs dem Lieserl sei Kaibi!“ Für sich selbst unbemerkt verfiel er wie immer, wenn er mit seiner Mutter sprach, in die Sprache seiner Heimat. Er klopfte behutsam und lauschte. Kein Geräusch drang von drinnen zu ihm ins Freie.

Muata, des war fei scho pressant!“ Er pochte erneut ans Holz, kräftiger diesmal. Nichts, kein Laut, kein sich Regen. Martin zuckte mit den Schultern, nahm entschlossen den großen Hausbund aus seiner speckigen Lederhose. An ihm hing ein zweiter Schlüssel zum Badhaus.

Du, i kimm jedzd eina!“ rief er lauthals und schloss so lärmend wie er nur konnte auf, öffnete die Tür und polterte mit seinen genagelten Stiefeln über die Schwelle in das Dämmerlicht. Martin hatte noch keine zwei Schritte getan, da tappte er gegen einen schweren, bodenlangen Vorhang, der den hinteren Bereich des alten Schweinestalls vor Zugluft und neugierigen Blicken verbarg. So war ein kleiner Vorraum geschaffen, auf dessen blanken Bodenfliesen fein säuberlich die rohen Holzpantoffeln von Magdalena Wolfenklau standen. So sehr Martin auch die Ohren aufstellte, war außer seinem eigenen Herzschlag, der in seinen Schläfen pochte, nichts zu hören. Er hob die Arme und suchte vor sich den Spalt, an dem sich die beiden Hälften des Vorhangs aus grauem Eselsleder überlappten. Seine forschende Rechte fand auch die Öffnung – und er wurde mit fester Hand am Unterarm gepackt, als würde ihn eine Kreuzotter beißen!

Martin zuckte zusammen, wollte sich erschrocken aus der schmerzhaften Umklammerung winden, da vernahm er die Stimme seiner Mutter. Sie war es, deren Hand ihn durch den Spalt, aus dem nun schwache Lichtstrahlen in den Vorraum fielen, eisern gepackt hielt:

Bua! Bleib stehn, auf da Stell! Wag es nua, dass davo rennsd!“

Martin gehorchte sofort. Magda war eine strenge Frau, aber so drohend und ärgerlich hatte ihre Stimme noch nie geklungen; auch nicht bei der gewaltigen Standpauke vor einigen Jahren, als er eines Abends seine tägliche Pflicht vernachlässigte und versäumte, die Hühner in den Stall zu treiben, weil er sich lieber heimlich unten am Waldrand bei den Schleierfällen mit seiner großen Liebe Annamirl Ödbichler traf, der blonden Tochter des Bürgermeisters. Durch seine übergroße Schuld hatte der Fuchs sich damals die beste Legehenne genommen. „Dea Xaver… Muata… ’s Lieserl“, stotterte er.

I woaß, hob di scho gheard, Warsd ja laut gnua“, erwiderte Magda durch den Vorhangspalt, durch den sie nur ihren einen nackten Arm streckte und weiterhin ihren Sohn bestimmt und mit der Gewalt eines Mannes hielt. Einer Kraft, die ihr Martin bisher nicht zugetraut.

Und jedza gehsd. Sog dem Xaver, i kimm glei.“ Sie ließ den Martin überraschend frei und ihr Arm verschwand hinter der Lederwand. Der Junge taumelte vom Griff befreit rückwärts durch die Tür und stolperte gegen die untersetzte von Emeran Zwarmbrunner, dem Gemeindepfarrer, der in eine Lavendelduftwolke gehüllt in seinem Rücken urplötzlich erschienen war. So kräftig war der Stoß, dass sich der fette Geistliche fast in den Kies gesetzt hätte, wenn er sich nicht gedankenschnell an Martins Hosenträgern festgehalten hätte. Flink war er ja, der Hohe Herr, schließlich war sein Steckenpferd die Jagd auf die kapriziösen bunten Schmetterlinge der heimatlichen Wiesen und Gärten.

Mein süßes Jesulein“, näselte Emeran mit hoher Kastratenstimme, die rosigen Lippen gespitzt, „bist mir ja ein ganz stürmischer Bub.“ Er kicherte und seine Augen verwandelten sich in schmale Schlitze.

Martin drehte sich eilig auf der Stelle und schloss dabei hinter sich die Tür zur Badstube, denn er sah die begierig funkelnden Augen des Geistlichen, die Hochwürden ertappt nach unten senkte. Martin schaute, wie der Pfarrer überrascht den Mund öffnete und sah an sich herab, auf seinen rechten Unterarm, auf dem nun Emerans verwunderter Blick ruhte: Sein Arm, den Mutter eben noch wie ein Schraubstock gehalten. Martins Augen weiteten sich, ein dunkelroter, feuchter Fingerabdruck!

Wo kam der jetzt her? Himmel, Herrgott, war das etwa Blut?

 (Fortsetzung folgt…)

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