Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Bad Birnbach”

The Twilight Zone Bad Birnbach – Teil 2

Was bisher geschah:

Frau Klammerle und ich waren aus den eher herbstlich als winterlich zu nennenden Tagen zwischen den Jahren weit zurück in die nebliggrau-nasse Vergangenheit des von Welt, Kultur und Gott verlassenen Kurorts Bad Birnbach gereist, wo man offenbar seit Wochen vergessen hatte, die Fenster der Thermen zu schließen. Vor Ort wurden wir im Zeitloch langsam von einem tanzwütigen, misantrophen und neidvollen Rentnervolk und den eigenartigen, in geheimnisvollen Lauten raunenden Ureinwohnern umzingelt, die jeden Zombiefilm zu einem unvergesslichen Horrorspektakel gemacht hätten.

Wir logierten in einem tristen Garni, das „Bauernstuben“ und „Neue Zimmer“ vermietete. Wobei die Hotelierfamilie – ohne weiters auf uns zu achten – bei unserer Ankunft lautstark darüber debattierte, ob wir Jungvolk aus der Stadt es verdienen und uns leisten können, für zwei Nächte die drei Euro teurere Variante (mit Fernseher und Toilette im Zimmer) zu beziehen. Es rächte sich mal wieder, dass die westbayerische Schwäbin Frau Klammerle  gerne mal das billigste Angebot auswählt.

Über Bad Birnbach thront Hans-Dieter Heun wie der Alte vom Berg über den alltäglichen Dingen und schreibt neben seinen pittoresken (ha!) Erzählungen und Romanen gerne auch mal bei Facebook und unter meine Blogbeiträge ebenso tiefsinnige, wie unverständliche Kommentare zum von ihm belächelten Geschehen draußen in der Zivilisation. Ein Tip: Falls morgen die Welt untergehen sollte, schließlich soll das nach dem Mühlhiasl kommen, wenn „man Sommer und Winter nicht mehr unterscheiden kann“ und „man Mandl und Weibl nimmer auseinanderkennt“, – also sehr bald – dann werfe dein Brot hinter dich und reise nach Niederbayern, dort passiert alles dreißig Jahre später.

birnbach4

Der Baumwipfelpfad in Neuschönau

Wir entschieden uns zur Flucht. Nach einem traurigen Frühstück mit ausschließlich weißen Semmeln, Marmelade und Butter in kleinen Alubechern, durchsichtigem Filterkaffee und Magermilch machten wir einen Ausflug in den nahen Bayerischen Wald. Unser Ziel war die Ortschaft Neuschönau kurz hinter Grafenau, wo der Eingang in den Nationalpark und ein sogenannter „Baumwipfelpfad“ locken. Tatsächlich fanden wir wieder aus dem Nebel zurück in das, was man dort im Osten nahe der Grenze zu Tschechien als Kultur bezeichnet; also dem Fremden und Touristen irgendwelchen gläsernen und geschnitzten Unfug zu unverschämten Preisen anzudrehen. Immerhin gingen hier die Uhren nur ein wenig nach, gerade mal eine Woche. Man feierte daher weiterhin beflissen Advent und es gab auf den leicht verschneiten Höhen noch einen netten Weihnachtsmarkt, auf dem man Glühwein und leckere gebratene Mandeln erhalten konnte. Der nicht allzu interessante, aber viel begangene – um nicht zu sagen, überfüllte – Baumwipfelpfad macht dagegen eher einen österlichen Eindruck und schraubt sich in Eierform zu einer schönen Aussicht über den Nationalpark empor. Interessant, dass man dort auch Sehenswürdigkeiten bewundern kann, die nicht zu sehen sind:

...man sieht, dass man nichts sieht!

…man sieht, dass man nichts sieht!

Das wäre doch ein gelunges neues Kunstprojekt nach meiner DOOR-ART (siehe: hier), die die Diedorfer Kultur nachhaltig erschütterte und dazu führte, dass meine Nachbarn alle ihre Türen auswechselten:

INVICIBLE ART.

Ein Museum für unsichtbare Kunst muss her. The art of the unseen! Hier könnte man hinter Glas die Gedanken von Heidegger über das Nichts bewundern, die Geistesblitze eines James Joyce, die Konsekration von Wein, Schillers Gedankenfreiheit, dazu leere Rahmen, weiße Leinwände, den Haken an der Sache, das Rollenverständnis eines Schauspielers, auf Fernsehern würden die Kulturmagazine von RTL und Sat1 laufen, Beamtenschweiß, Portaits von ehrlichen Politikern und in einer Ecke stapelt sich das Geld, das ich mit meiner Schriftstellerei verdiene. Vereinzelt findet man schon solche Werke in den Ausstellungen und Galerien, so entdeckte ich letzte Woche in der Staatsgalerie für Moderne Kunst im Augsburger Glaspalast folgendes Meisterwerk:

birnbach6

Es handelt sich wahrscheinlich um Bad Birnbach im Nebel, um wieder zum Thema zurückzukommen.

Der Ausflug zum Nationalpark lohnte sich übrigens nicht nur wegen dieser genialen Idee, mit der ich die Kunstwelt nachhaltig revolutionieren werde*, sondern auch wegen der Wanderwege; ein wunderschöner führt in einem großen Rund durch ein Freigehege, in dem angeblich Bären, Löwen, Hirsche, Wölfe, Luchse, Wildschweine, Elche und diverses anderes Wild zu erblicken sind. Offensichtlich wurde hier schon meine Idee vom unsichtbaren Museum in einen unsichtbaren Tierpark abgewandelt. Außer seltenen Wanderern, verschlafenen Raubvögeln und einem hyperaktiven Otter war kein Leben in den verschneiten Wäldern zu entdecken. Interessant ist auch, dass an jeder Wegkreuzung ein Plumpsklo für die Touristen steht, sich also niemand zum Fäkieren hinter einen Busch begeben muss.

Aber auch der schönste Tag geht zuende und wir mussten zurück in die Achtziger. Als wir in den Kurort hineinfuhren, hatten wir das Gefühl, dass die Menschen in der Zwischenzeit wie abgelaufene Spieluhren bewegungslos auf der Stelle verharrt waren und sie erst jetzt – durch unsere Ankunft gezwungen – wieder ihren Betätigungen nachgingen, noch langsam und unwillig. Stotternd startete der Motor des Bads. An diesem Abend aßen wir – dem Herrn des Berges sei es gedankt – oben auf dem Hof von Hans-Dieter. Ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnt habe: Er ist nicht nur ein begnadeter Autor, sondern auch ein ebenso begnadeter Koch, wenngleich seine Küche für mich als Vegetarier ein wenig zu fleischlastig ist und er mir fürs Risotto statt einer Gemüsebrühe eine auf Gänsefettbasis unterjubelte.

Lieber Leser, sollten dich deine Wege irgendwann einmal aus mir unverständlichen Gründen nach Bad Birnbach führen, vielleicht hast du dich auch nur im Nebel verfahren – dann zögere nicht, dich mit Hans-Dieter in Verbindung zu setzen. Sage ihm, ich hätte dich geschickt. Lass die Düsternis und die leidenden Kurmumien hinter dir. Wandle hinauf zu dem im Sonnenlicht badenden Hügel, auf dem er residiert. Setze dich neben ihn auf einen Stuhl unter dem Haselnussstrauch beim Fischweiher und lausche einer der Geschichten, an der er dich in seiner Weisheit teilhaben lassen wird. Lobe ihn reichlich, kaufe ihm ein paar seiner Romane ab und vielleicht wird er dich zum Essen einladen.

Näher ans Paradies wirst du hienieden nicht gelangen.

_____________

*Seit geraumer Zeit veröffentliche ich jeden Mittwoch hier auf meinem Blog exklusiv einen unsichtbaren Artikel. Demnächst werde ich diese Beiträge gesammelt als E-Book bei Amazon herausgeben.

The Twilight Zone Bad Birnbach – Teil 1

Zwischen den Jahren war es mal wieder so weit:

Frau Klammerle und ich besuchten meinen Freund Hans-Dieter Heun – den ich an dieser Stelle wohl nicht mehr vorstellen muss – auf dem idyllischen Vierseithof, den er im niederbayerischen Bäderdreieck(1) gemietet hat und seit vielen Jahren mit seiner Frau bewohnt und pflegt. Das bäuerliche Anwesen liegt zwischen Feldern und Wäldern auf einer sanften Anhöhe, die vielleicht nach dem Ort der Verklärung Christi benannt ist, aber wahrscheinlich eher eine frühneuzeitliche Wehranlage bezeichnet, die es dort einmal gegeben haben muss. Beide Deutungen passen zu dem mal verklärten, mal wehrhaften Autor und Koch. Hier oben residiert in klösterlicher Abgeschiedenheit der Einsiedler erhaben über allem weltlichen Treiben, hält Zwiesprache mit der Natur und allerlei keltischen Waldgeistern und feilt an seinen skurrilen Geschichten. Für Frau Klammerle und mich ist ein Besuch immer ein wenig wie ein Heimkehren nach einer langen Reise.

Die Heunsche Residenz an einem schönen Sommertag

Die Heunsche Residenz an einem schönen Sommertag

Diesmal allerdings übernachteten wir nicht direkt bei unseren Freunden, sondern hatten über das Netz ein Hotelzimmer im nahen Kurort Bad Birnbach gemietet, dessen Wellness-Angebote wir nach den üppigen Feiertagsvöllereien nutzen wollten, um uns fürs neue Jahr fit zu machen. Birnbach liegt in der Flussniederung der Rott an der B 388 und darf sich seit 1987 „Bad“ nennen. Den übersichtlichen Ort dominieren der häßliche neue Golfplatz am Ortseingang, große Kurhotelanlagen und eben die Therme. Sie bietet neben einer netten Saunalandschaft heiße, leicht nach Schwefel riechende Wasserbecken, in denen inkontinente Kurgäste ihre Nachmittage damit verbringen, auf Wassersprudeln zu sitzen oder sich gegen Düsen zu drücken und dabei ihre Ressentiments und allerlei multiresistente Keime pflegen. Erwähnenswert ist vielleicht der langezogene, meiner Faulheit entgegenkommende Strömungskanal, in dem man mit einer Schwimmnudel ausgerüstet seine Kreise drehen kann. Im übrigen erhält man – und das ist die Hauptattraktion des Ortes – in der italienischen Eisdiele gegenüber der unsäglich kitschigen Schaufenster eines Bayerwaldglas-Kaufhauses das beste Tartuffo der Welt. Leider ist das Café im Winter geschlossen.

Obwohl wir nun ebenfalls zu den älteren Semestern zählen, senken Frau Klammerle und ich beim Betreten der Ortschaft weiterhin den Altersdurchschnitt von Birnbach um ein paar Jahre. Dass die niederbayerischen Kurorte ausgedehnte Altersheime sind, ist uns durchaus bewusst. Wir haben jedoch nicht damit gerechnet, wie gruslig und unheimlich unser Abstecher diesmal würde…

Birnbach im Nebel

Birnbach im Nebel

Unser Kurzurlaub begann verheißungsvoll: Als wir mittags in Augsburg aufbrachen, meinte es des Winter gut mit uns. Er bescherte uns einen strahlenden Sonnentag, der zwar kalt, aber klar und hell war. Die ganze Fahrt über standen im Süden gewaltig der Alpenhauptkamm und später hinter Landshut in östlicher Richtung der Bayerische Wald; sie rückten in greifbare Nachbarschaft und erweckten bei uns Sehnsucht nach den sommerlichen Wandertouren, die leider noch Monate auf sich warten lassen werden. Der ganze Tag war ein Geschenk des Föhns. Das änderte sich schlagartig, als wir uns hinter Spitzmausing(2) in die Niederung des Rotttals gelangten. Lichtjahre von jeglicher Zivilisation entfernt drangen die Klammerles in Ortschaften vor, die noch nie ein vernünftiger Mensch betreten hat.

Hier im Tal, wahrscheinlich dem einzigen Nebelloch in ganz Bayern, waberte eine dicke, feuchtkalte Suppe.  Uns war, als würden wir mit dem Nebel in eine andere Welt tauchen und in eine andere Zeit. Wie in einer alten Startrek-Folge gelangten wir aus einem sonnigen Samstag Ende 2013 in eine temporale Anomalie, die uns mindestens 25 Jahre zurückführte. Birnbach ist in dem Jahr, in dem es zum Bad erhoben wurde, stehengeblieben. Es existiert in einer Zeit, in der der bayerische Ministerpräsident Strauß heißt, der Papst ein Pole und der amerikanische Präsident ein drittklassiger Cowboydarsteller ist, es die Mauer noch gibt, Internet ein Fremdwort und die Chartstürmer Milli Vanilli sind. Eine düstere, trübe Stimmung hängt über der Ortschaft, in der wir gemeinsam mit geister- und schattenhaften Rentnerschemen auf der Suche nach einem einzigen nicht geschlossenen Café durch den Nebel irrten, in dem es  zum Kaffee (nur Kännchen!) Sahne in kleinen Plastikbechern gibt und die Teekarte aus Schwarztee, Pfefferminz- und Kamillentee besteht. Es ist eine Welt, in der die Hoteltür ab 18:00 Uhr verschlossen ist und es „Toast Hawaii“, aber keine vegetarischen Gerichte auf den Speisekarten gibt. Uns wunderte, dass man dort bereits mit Euroscheinen bezahlen kann.

Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann

Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann

Am Abend verirrten wir uns in die Vorhölle eines Lokals, das auf einem Schild neben dem interessanten Tagesgericht „Musik und Tanz“ versprach. Über dem Eingang hätte eigentlich stehen müssen: Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“ Der Papst hat zwar in seiner Weisheit die Vorhölle abgeschafft, aber das hat sich selbstredend in Birnbach noch nicht herumgesprochen. Obwohl mit dem Dunkelwerden die Straßen so leer wie die in einer Wildwest-Geisterstadt wurden, brummte der Laden. Es war wahrscheinlich die einzige Gaststätte, die um diese Zeit noch geöffnet war und etwas bot, das entfernt an Unterhaltung erinnerte. Ein Alleinunterhalter quälte seine elektronische Orgel, sang dazu gelangweilt Sechziger-Jahre-Schlager, die ich als Nachgeborener glücklicherweise bis dahin verpasst hatte. Dazu tanzte reichlich animiert das Kurvolk, das sich zu jung fühlte, wie die anderen Rentner schon längst im Bett zu liegen, damit sie die ersten am Frühstücksbuffett sein können.

Am Nebentische wippten begeistert im Takt der „heißen“ Rhythmen feiste Frauenleiber und streuten schmachtende Blicke. Neben ihnen hockten gelangweilt in die Leere ihrer Biergläser starrende Ehegatten oder Kurschatten. Sie versuchten ausdauernd, so zu tun, als würden sie von der postklimakterischen Erregung ihrer Begleiterinnen nichts bemerken. An der Wand war großes Kruzifix befestigt, an dem ein entsetzlich leidender, überaus schmerzensreicher Christus hing, der sich zu fragen schien, warum er sich ausgerechnet für diese Menschen geopfert hatte. Nicht einmal die Ohren konnte er sich in seiner Lage zuhalten, er konnte nur sein Haupt verzweifelt gegen den Oberarm pressen.

(Nächste Woche geht es weiter…)

———-

(1) Bad Birnbach, Bad Griesbach, Bad Füssing. Birnbach ist trotz neuem Golfplatz der am wenigsten mondäne Ort der drei; es wirbt für sich als das „ländliche Bad“.

(2) Es gibt, glaube ich, keine Gegend auf der Welt, wo die Dörfer und Weiler lustigere Namen besitzen. Frauentödling, Wolfsschießen, Luderbach, Hasenöd, Kindham, Wampendobel, Schnecking…

Am Wegesrand (V)

Birnbach1

Diese Aufnahme enstand zwischen den Jahren bei einer kurzen Stippvisite im Niederbayerischen Kurort Bad Birnbach. Ich werde nächste Woche in einem Blogartikel Genaueres über meinen Ausflug berichten. In dieser etymologischen Studie aus einer von der Zivilisation vergessenen Weltgegend werde ich auch darlegen, was man in den Flussniederungen östlich von München unter „Musik und Tanz“ versteht.

Beitragsnavigation