Aber ein Traum …

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Diese Sommerlektüren (7) – Berg und See

„Hier werden wir bleiben,
was auch geschieht.
Und auf die Stimmen des alten Meeres hören.“
Norman Lewis

Es gibt eine Diskussion, die führen Frau Klammerle und ich in jedem Jahr. Wenn im Frühling die Entscheidung ansteht, wohin es uns in unserem gemeinsamen Urlaub ziehen wird, stehen grundsätzlich zwei Himmelsrichtungen zur Auswahl: Der Norden oder der Süden. Meine Frau will ans Meer. Sie will ein Cottage in Irland, im Watt wandern, finnische Fjorde, Radfahren auf Rügen, die salzige Nordsee der windgepeitschten Bretagne im Gesicht spüren. Mich hingegen zieht es in die Wärme. Ich möchte Renaissance in der Toskana, Alpenglühen am Rosengarten, Antiken in Griechenland, die Abgeschiedenheit einer Berghütte, das Zirpen der Grillen nach einem hitzeschweren Sommertag. Vor allem aber möchte ich nicht tagelang im Auto sitzen, um abgekämpft meinen Urlaubsort zu erreichen. Dieses Argument sticht in der Regel. Schließlich liegt Augsburg schon recht südlich an der alten Via Claudia und ich bin fast schneller in Rom als in Hamburg. In Italien ist zudem das Essen besser; dort würde niemand auf die Idee kommen, „Labskaus“ zu servieren. Warum sollte ich zu den Mücken und dem Regen des Vänersees fahren, wenn ich mich mit einem Vino Rosso in der Hand im abendlich warmen Licht des Lago Maggiore stechen lassen kann? Billiger ist es auch.

Obwohl also meist die Vernunft (also ich) siegt, bleibt doch eine Sehnsucht, die ich mit Frau Klammerle teile, wenn ich ehrlich bin. Wer die „Binderseil-Erzählung“ meines Romans „Aber ein Traum“ liest, kann dort diese Faszination wiederfinden. Der erste ernsthafte Romanversuch, den ich im Alter von zarten 14 Jahren schrieb und freilich nie beendet habe, begann mit folgenden Worten (Achtung, jetzt kommt eine Jugendsünde!):

„Das Meer ruht niemals. In ewiger Bewegung kräuselt es schaumige Wellen empor und strömt dahin. Wie Könige erheben sich hohe Wellen. Ihre Spitzen tragen Kronen von blendendem Weiß, ihr Umhang ist durchsichtig grün. Sie schwimmen und ergießen sich sterbend in die Gischt des Ufers.“

Und so geht es noch ein paar Absätze weiter. Ich wusste eben den Anfang auswendig, obwohl ich den Text seit Jahren nicht mehr aus meiner Giftschublade holte. Es muss die Sehnsucht des Landbewohners sein, eine Ur-Erinnerung, eine Suche nach dem Mutterschoß des Meeres. Und ich meine hier nicht die müde, alte Badewanne Mittelmeer, die zumindest auf ihrer europäischen Seite (1) ein gezähmtes, zahnloses und verschmutztes Raubtier ist, sondern die Endlosigkeit des Großen Ozeans, den Atlantik, den Pazifik, die Schicksale, die sich an oder auf ihnen begeben …

Wie gut, dass da Schriftsteller sind, die vom Meer schreiben und die Sehnsüchte befriedigen können. Ihre Zahl ist Legion und ihr Heerführer ist Herman Melville.

Ich habe mich wieder einmal durchgesetzt und verbrachte die letzte Woche gemeinsam mit Frau Klammerle bei extrem hitzigen Wetter im Berchtesgadener Land. Vielleicht sollten wir noch weiter in den Süden fahren. Im Gepäck hatte ich auf jeden Fall den einen Roman von Josef Conrad (1857 – 1924), den ich noch nicht las, weil er außer in teuren Gesamtausgaben auch antiquarisch kaum erhältlich ist. Es ist sein letzter Roman „Der goldene Pfeil“, der nicht mehr ganz die Wucht seiner früheren See-Stücke erreicht, sondern wie „Mit den Augen des Westens“ mehr ein von Galsworthy beeinflusstes Gesellschaftsdrama ist. Conrad ist längst gemeinfrei und man kann einige seiner Werke bei den üblichen Verdächtigen als kostenlose E-Book-Ausgaben auf seinen Reader laden. Neben „Lord Jim“ ist „Herz der Finsternis“ sein bekanntestes Werk und es ist schlicht die beste Erzählung, die ich je gelesen habe. Conrad wurde übrigens in Polen geboren und erlernte die englische Sprache erst im Erwachsenenalter, die er dann allerdings so perfekt beherrschte, dass er als der sprachlich beste Romancier Britanniens gilt. Wer eine Ahnung davon haben möchte, sollte als Strandlektüre „Die Schattenlinie“ lesen, ein kleiner Roman, von dem Jakob Wassermann geschrieben hat, die Erzählung sei „so markant und unverwechselbar, daß man ihre Luft noch atmet, in ihrem Rhythmus noch schwingt, auch wenn ihr Inhalt, Fabel und Szene längst in der Erinnerung verblaßt sind.“ Vielleicht ist das das größte Kompliment, das man einem Autor machen kann. Ich wünschte mir, dass dies irgendwann einmal jemand über einen Text von mir sagen wird.

Die zweite Empfehlung ist Norman Lewis (1908 – 2003). Obwohl er ein geradezu magischer Geschichtenerzähler war und viele spannende Romane und Reiseberichte geschrieben hat, ist er in Deutschland nahezu unbekannt und kaum übersetzt. Wer das Glück hat, die Insel-Taschenbuchausgabe von „Die Stimmen des alten Meeres“ mit einem Vorwort von Cees Nooteboom antiquarisch zu ergattern, sollte diesen frühen „tourismuskritischen“ Roman unbedingt in diesem Sommer lesen. Er ist teilweise autobiografisch und erzählt aus der Sicht eines Fremden, wie die Moderne innerhalb von 3 Jahren die archaische Gemeinschaft eines spanischen Fischerdorfs zerstört, wie der bereits in den 50er-Jahren aufkommende Massentourismus bewirkt, dass über Jahrhunderte gewachsene Strukturen aufbrechen, uralte Traditionen vergessen werden, die Umwelt und die Lebensgrundlagen der Menschen vergiftet werden. Und es ist ein wundervolles Buch über das Meer und seine Anwohner.

Im paradoxen Gegensatz zu der ozeanischen Literatur, die sich wie ein Berg auftürmt, ist die alpine flach wie der Meeresspiegel. Es gibt kaum nennenswerte Bergliteratur. Woran mag das liegen? Dass viele Schriftsteller lieber am Sandstrand im Schatten einer Palme schreiben, wenn sie die Alkoholmengen des Vortages verdaut haben (Hemingway) und nicht im Frühtau zu Berge ziehen, fallera? Dort dann eher „Der alte Mann und das Meer“ als „Der alte Mann und der Berg“ entstehen? Dass Bergliteratur immer ein „Geschmäckle“ hat, wie die Schwaben es nennen, man sofort an Ludwig Ganghofer, Heidi, Luis Trenker, den Förster vom Silberwald, unsägliche nationalsozialistische Blut-und-Boden-Schinken, den Obersalzberg, Andy Borg und die Kastelruther Spatzen denken muss? Warum regt die atemberaubende Enge und Tiefe der Schluchten, das todweiße, kristallklare Eis des Gipfels, die menschenverachtende Majestät der Höhen nicht mehr und vor allem bessere Autoren an, ihnen ein Lied zu singen? Ich weiß es nicht. Gelungene Bücher gibt es selbstverständlich auch, zum Beispiel Jon Krakauers „In eisige Höhen“, das den Irrsinn des boomenden Mount-Everest-Tourismus beschreibt, der in schöner Regelmäßigkeit Katastrophen und Dramen produziert, die eines Shakespeare würdig wären. Die modernen Menschen spielen leichtfertig mit der Tragödie, weil sie nicht an sie glauben …

Also, liebe Schriftstellerkollegen, hier ist noch viel Stoff zu finden. Die Berge sind ein Steinbruch an Ideen, ein unbekanntes Land voller weißer Flecken, die auf ihren Erforscher warten. Oder um es mit Franzl Lang zu sagen:

„Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen,
steigen dem Gipfelkreuz zu,
in unsern Herzen brennt eine Sehnsucht,
die lässt uns nimmermehr in Ruh.“

_________________________________

(1) Lawrence Durrell (1912 – 1990) spricht in seiner „Alexandria“-Romantetralogie von der richtigen und der falschen Küste des Mittelmeers. Betrachtet man das Schicksal der afrikanischen Flüchtlinge, von denen viele ihren Versuch, von der einen zur anderen Seite zu wechseln, mit dem Leben bezahlen, ist diese Einteilung noch heute aktuell. Durrells Griechenland- und Italien-Reisebücher aus den 40er- und 50er-Jahren (z. B. „Leuchtende Orangen“ oder „Bittere Limonen“) sind noch immer Standardwerke, die man im Reisegepäck haben sollte, wenn man nach Rhodos oder Zypern fährt.

Diese Sommerlektüren (6) – Thomas Pynchon

Ich schreibe nicht nur gerne selbst dicke Romane, ich schätze es auch, sie zu lesen. Und in meinem Ur­laub neh­me ich mir immer ein besonders dickes vor. Jedes Jahr aufs Neue bilde ich mir ein, die freien Tage seien endlos, die Abende warm und die Nächte hell und kurz. Ich hätte alle Zeit der Welt. Freilich ist es nicht so, es ist aber ein Traum, den ein Blick auf den Ka­lender zerstört: Die Tage reihen sich wie Do­minosteine aneinander, einmal angesto­ßen, fallen sie um so schneller. Und plötzlich liegt der letz­te vor mir auf dem Tisch, unbegreiflich im Nachhinein, wie eilig die Zeit verging. Es ist Herbst, kühle, feuchte Tage kün­den ihn, Winde jagen tiefhängende, graue Wolken über abgeerntete Felder. In den Läden kann man wie­der Feder­weißen und bald auch Nikoläuse erwerben, im Radio sin­gen Green Day Wake me when septem­ber ends. Der All­tag beginnt von Neuem und ein fet­tes, halb gelesenes Buch thront lastend auf dem Nachttisch wie eine Mahnung. Aber wenn ich es auf­schlage, duftet es noch nach Hitze und Sommerflie­der, riecht nach einem verloren Paradies.

Gibt es Schöneres als ein Buch, dessen Autor mich an der Hand nimmt und mir eine bisher ungekannte Welt zeigt, sie mir wortreich und spannend be­schreibt, bis ich mich in ihr heimisch fühle, mich in ihr verliere und ich den Mo­ment fürchte, an dem ich sie vielleicht für immer verlassen muss? Noch nach Jahren denke ich liebevoll an diese Wer­ke und tauche sehnsuchtsvoll in Erinnerungen ein, die sich anfüh­len, als hätte ich die Orte der Romane besucht, mit ihren Figuren gelebt und gelitten und ihre Abenteuer und Leben geteilt.

»Zwischen den Palästen« von Nagib Machfus ist solch ein Roman, Mervyn Peakes »Gormenghast« oder »Kristin Lavranstochter« von Sigrid Undset, um nur drei zu nen­nen; alle sind Werke mit tausend, zwei­tausend Seiten oder mehr. Das Eintauchen in diese so unterschiedlichen Wel­ten, in die in staubiger Hitze erstarrten Gassen und Hin­terhöfe Kairos, das laby­rintische, bedrohliche Schloss der in leere Riten er­starrten Fürsten von Groan oder das entbehrungsrei­che, karge Leben im frühmittelalter­lich eisigen Nor­wegen ist so vollkommen, dass man den heimlich ge­trunkenen Alkohol aus dem Mund von Abd al-Gaw­wad riecht, sich vor der Berührung des fetten Kochs Swelter ekelt oder mit Kristin um ihre Kinder weint. All diese Bü­cher fordern dem Le­ser zu Anfang reich­lich Geduld ab, aber wenn man die ers­ten 100 Seiten gelesen hat, ist man für den Rest sei­nes Lebens ge­fangen und sie lassen einen nie mehr los.

Manche dieser endlosen Bücher sperren sich jedoch auch nach vierhundert Seiten noch und machen das Lesen zum Kampf. Als Beispiele seien hier die »100 Jahre« von Opper­mann, Marcel Proust oder meine diesjährige Ferienlektüre genannt. In diesem Som­mer machte ich mich an den Ro­man »Gegen den Tag« des geheimnisumwitterten Autors Thomas Pynchon, der nicht nur aufgrund seiner 1600 Sei­ten eine schwergewichtige Lektüre ist, die das Lesen im Bett zu einer lebensbedrohlichen Angelegenheit macht. Es ist ein Buch, das geradezu danach schreit, als E-Book ver­öffentlicht zu werden, um dem Leser einiges an Last abzu­nehmen; Rowohlt sieht das jedoch anders. Man müsste den Verlag wegen der zu erwartenden Sehnenscheidenentzün­dungen beim krampfhaften Halten des Buches verklagen.

Ohne mich mit dem Autor vergleichen zu wollen oder zu können, ist seine Auffassung von Literatur der meinen wahrscheinlich sehr ähnlich. Obwohl »Gegen den Tag« zu­sammen mit dem erheblich kürzeren »Na­türliche Mängel« zu den leichter konsumierbaren Bü­chern des Amerikaners zählt, macht Pynchon, ein Phantom, von dem es keine Fo­tos und keine Biografie gibt, es dem Leser mal wieder nicht einfach: Das Buch hat keine durchgehende Handlung, keine Haupt­figur und es ist nicht spannend. Dabei springt so munter zwischen den trivialeren Literaturgenres hin und her, dass es beim Lesen schwindeln macht. Da niemand einen Autoren besser loben kann als er sich selbst, sei Pynchon nun das Wort überlassen:
»Gegen den Tag umspannt den Zeitraum zwischen der Weltausstellung in Chicago 1893 und den Jahren kurz nach dem Ersten Weltkrieg und führt von den Arbeiterun­ruhen in Colorado über das New York der Jahrhundert­wende, London und Göttingen, Venedig und Wien, den Bal­kan, Zentralasien, Sibirien zur Zeit des Tunguska-Ereig­nisses und Mexiko während der Revolution ins Paris der Nachkriegszeit, Hollywood während der Stummfilmära und an ein, zwei Orte, die auf keiner Landkarte zu finden sind. Während sich die weltweite Katastrophe schon am Horizont ab­zeichnet, beherrschen hemmungslose kapitalis­tische Gier, falsche Religiosität, tiefe Geistlosigkeit und böse Absichten an hohen Stellen das Bild. Derweil treibt Thomas Pynchon sein Spiel. Figuren unterbrechen ihr Tun, um größtenteils alberne Liedchen zu singen. Seltsame und abseitige Sexualpraktiken werden aus­geübt, obskure Spra­chen gesprochen, und das nicht immer idiomatisch richtig. Kontrafaktische Ereignis­se finden statt. Vielleicht ist dies nicht die Welt, aber mit ein, zwei kleinen Änderungen könnte sie es sein.«

Wer sich auf den Kampf mit dem endlosen Buch ein­lässt, wird ihn – falls er ihn gewinnt – bestimmt nicht bedauern. Für alle anderen ist »Gegen den Tag« ein Ärgernis.

Und im nächsten Sommer, der wieder endlos und ewig sein wird, lese ich endlich »Krieg und Frieden«.

PynchonThomas Pynchon
Gegen den Tag
(Rowohlt, 2008, inzwischen neu nur noch als gewichtiges Taschenbuch oder als vollkommen überteuertes E-Book erhältlich)

Mánis Fall (Kapitel 1.11)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

knoten

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»Ich werde dir helfen. Teile mir bitte die Art deines medizinischen Notfalls mit.«

Wie die meisten goLEMs verdankte der beeindruckende Arztball sein merkwürdiges Aussehen nicht ästhetischen Überlegungen, sondern allein der Zweckmäßigkeit. Er hatte einen Durchmesser von gut einem Meter und konnte seine vielen Arme, von denen er allerdings fast alle eingeklappt hatte, bis zu zwei Meter Länge ausfahren und sah dann wie ein grotesk vergrößerter Virus aus. Er flog in einem sanften Bogen heran und stieg dabei etwas in die Höhe, bis sich seine acht optischen Linsen, die knapp oberhalb des Kugelmeridians angebracht waren, in Fabias Augenhöhe befanden. Es war irritierend, von diesen acht fast menschlich wirkenden Augen mit ihrer grellgrünen Iris gemustert zu werden. Das war dem Arzt offenbar bewusst, denn er betrieb nur zwei von ihnen, durch die er einen erstaunlich intelligent und besorgt wirkenden Blick auf Fabia und Omicron warf. Falls es den Tu-as-qu’à verwunderte, dass nach der Räümung der Sorbonne noch eine sichtlich angeschlagene Patientin mit einem kleinen goLEM unter dem Arm zu ihm hereinschneite, ließ er es sich nicht anmerken und keine Bemerkung darüber fallen.

Trotz der weltweit gültigen Roboter-Gesetze, die nach dem verheerenden KI-Auf­stand im 23. Jahrhundert Verstand und Persönlichkeit künstlicher Intelligenzen strengen Obergrenzen unter­warfen, waren die Tu-as-qu‘à von der Mooncorp. mit der fortschrittlichsten und selbstständigsten KI-Programmierung ausgestattet worden, die es gab. Denn diese goLEMs mussten überall auf der Welt und im All an Orten, die ein menschlicher Arzt nicht erreichen konnte, neben ihren medizinischen auch psychologi­sche und psychiatrische Aufgaben erledigen können. Die geistigen Fähigkeiten der Gammas über­trafen damit bei weitem die Möglichkeiten der durch­schnittlichen und absichtlich »dumm« programmierten anderen goLEMs; Fabia schätzte die Tu-as-qu’à sogar für intelligenter und sozialkompetenter als die meisten Menschen ein, die sie kannte – sich selbst dabei einge­schlossen. Die Gammas waren eigentlich nur durch ihre eigenwillige äußere Form, die einseitige Codierung auf medizinische Zwecke und durch die Kontrollen des I-Nets be­schränkt. Das Prinzip ihrer neuronalen Quantengehirne hatte üb­rigens Professor Rosenthal entwickelt, dem dafür einen seiner beiden Nobelpreise verliehen worden war.

»Teile mir jetzt die Art deines medizinischen Problems mit«, beharrte er. Fabia weckte Omicron aus dem Standby und stellte ihn am Boden ab. Die beiden Kugelroboter begannen sofort, sich über ihre Krankenakte auszutauschen. Der goLEM der Studentin wirkte wie die Kinderspielzeug-Ausgabe des großen, fliegenden Gammas, aber dieser schien ihm trotzdem aufmerksam zu lauschen – auch wenn Fabia mit ihren ausgeschalteten Augreyes nichts von ihrer eifrigen Unterhaltung über Funk mitbekam. Etwas war an diesem Tu-as-qu’à anders als an den Medizinmaschinen, mit denen sie sonst zu tun hatte. Sie wusste nur nicht, was und hätte gerne in der VR seiner Zentraleinheit einen Besuch abgestattet. Doch dazu blieb keine Zeit. Der Arzt unterbrach die Verbindung zu Omicron.

»Das ist keine Kritik an deinem Omicron µ-4598-76, der mir fundierte Informationen lieferte. Aber ich würde dich gerne noch einmal selbst untersuchen, Bürgerin Winterfeld. Bist du einverstanden?«

»Ja, ich stimme zu. Aber beeile dich bitte.« Sie hätte sich gerne noch länger mit dem Arzt unterhalten, alleine, um weiter seiner sonoren Stimme lauschen zu können. Omicron an ihrer Seite murmelte stolz etwas Unverständliches.

Fabia schmunzelte, als sie sich unter dem grünen Un­tersuchungsstrahl des Gammas einmal um sich selbst drehte. Wie wohl die Corp., die dem Professor seine Forschungsergebnisse und Patente gestohlen hatte, re­agieren würde, wenn sie wüsse, dass er insgeheim schon viel, viel weiter war und in den Kybernetiklabo­ren der Pariser Universität den ersten komplett men­schenähnlichen Androiden geschaffen hatte, den er in einem Wortspiel nach dem shakespeareschen Waldgott aus dem „Sommernachtstraum“ Oberone getauft hatte. Wenn schon kein Gott, so sollte Ober-1 unter den Normalsterblichen – auch den genopti­mierten – zumindest ein Halbgott sein. Es war Fa­bias Aufgabe in Baruch Rosenthals kleinem Team, die KI des Androiden zu pflegen, zu testen und weiter zu entwi­ckeln. Er sollte von ihr lernen – vor allem menschliche Verhaltensweisen. Die Studentin hatte inzwischen ein sonderbares, sehr inti­mes Verhältnis zu dem künstlichen Wesen aufgebaut; ein verwirrendes Verhältnis, über das sie nicht näher nachdenken wollte. Oberone war vom Wissen und erstaunlicherweise auch vom sich sehr langsam entwickelnden Charakter her wie eine jüngere Ausgabe des Professors, in den sie verliebt war.

Der grüne Strahl erlosch.

»Bürgerin«, sagte der goLEM. Er klang sehr ernst und hatte tatsächlich eine wohldosierte Besorgnis in seine Stimme gelegt. »Begebe dich sofort zur Behandlungslie­ge. Du benötigst dringend meine ärztliche Hilfe.«

Hoffentlich informierte er jetzt nicht die Behörden. Aber das Rote Kreuz unterstand, wie sie wusste, keiner Regierungsstelle und schon gar nicht der 2MC. Deshalb war sie das Risiko eingegangen. Der Tu-as-qu’à schien auch tatsächlich nur an ihrem Zustand interessiert zu sein und hatte bisher keine Identifikationsnachweise von ihr gefordert.

Einer der dünnen Arme des Gammas klappte aus seiner Verankerung am Kugelkörper. Der Tu-as-qu’à klickte ungeduldig und deutete auf den hinteren Bereich der Station, an der einige mit komplizier­tem medizinischem Gerät verbundene leere Betten standen.

»Folge mir bitte«, sagte er und flog voran. Omicron rollte ihm wie ein Haustierchen hinterher. Fabia erkannte erleichtert einen Dialyseapparat. Sie kam gehorsam hinterher und setzte sich auf eine der Patientenliegen. Sie zog den Hoodie ihres verstorbenen Bruders aus und legte ihn neben sich. Dann ließ sie sich von dem Tu-as-qu’à einen Shunt legen, über den er sie flink mit den Apparaturen der Notfall-Station verband. Bewundernd beobachtete sie seine professionelle und zielgerichtete Arbeit. Eigentlich war es unverantwortlich, solch eine wertvolle Technologie wie diesen Gamma einfach der Zerstörung oder irgendwelchen Plünderern zu überlassen, die – Weltun­tergang hin, Armageddon her –, doch sicher die evaku­ierten Gebäude und Einrichtungen nach Beute absuch­ten; auch wenn ein paar von ihnen bestimmt von den Polizeiomegas geschnappt und unter Anwendung der neuen 2MC-Gesetzgebung an Ort und Stelle stand­rechtlich exekutiert wurden. Hier im Univiertel der Sorbonne, zumindest im Umfeld der großen Bibliothek, schien jedoch vorerst noch alles ruhig zu sein. Erstaunlich genug …

Fabia lehnte sich vorsichtig auf der Liege zurück, schloss dann die Augen und überließ sich der Pflege des goLEMs. Er schwebte nun neben ihr und hatte sich über eines seiner Ärmchen mit der Konsole verbunden, die am Kopfende stand. Dabei summte er leise eine komplizierte Melodie, die Fabia bekann vorkam, obwohl ihr nicht einfiel, wie das Lied hieß. Sie hätte ihre Augreyes wieder einschalten und im Netz suchen müssen, aber das erschien ihr zu gefährlich. Wie war es zu dieser Eigenart gekommen? Hatte die KI des Tu-as-qu’à sie eigenständig entwickelt? Wahrscheinlicher war es, dass für dieses Summen ein paar Codezeilen der ursprünglichen Programmierung verantwortlich waren. Schließlich war diese ja vom Professor entwickelt worden, dem das Hinzufügen solch einer kleinen Skurrilität durchaus zuzutrauen war. Baruch Rosenthal nannte dies eine „Prägung“. Ob wohl seine neuste, weiterentwickelte Schöpfung Ober-1 auch auf diese Weise von ihm „geprägt“ worden war? Sie kanne zumindest sämtliche Werke von Shakespeare und konnte diese mit unterschiedlichen Stimmen vortragen. Fabia hatte jedoch in ihrem täglichen Umgang mit dem Androiden bisher nichts in dieser Richtung feststellen können. Wahrscheinlich konnte Oberone singen; seine künstlichen Stimmbänder waren zumindest theoretisch dazu in der Lage. Sie musste das unbedingt bald untersuchen. Das wäre ein Thema für ihre Semesterarbeit.

Fasziniert lauschte Fabia weiter der eigenartig hypnotischen Musik des Tu-as-qu’à, die ihren Zweck erfüllte. Die Patientin des atmete nun langsamer und regelmäßig, ihr rasender Geist beruhigte sich. Auch wenn ihre Furcht vor den nahenden Gefahren der Zukunft nicht nachließ, so rückte sie wenigstens ein wenig aus dem Fokus. Zum ersten Mal seit ihrer überstürzten Flucht aus ihrer Wohnung fand sie ein wenig Ruhe.

»Aber ich muss aufpassen«, ging Fabia durch den Kopf. »Das ist die Ruhe vor dem Sturm.« Dann schlief sie ein.

[Zur Fortsetzung …]

Wie es weitergeht:

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Und wer nicht genug kriegen kann:

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Der Weg, der in den Tag führt

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Mánis Fall (Kapitel 1.10)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

knoten

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»Herrgott! Überrangprotokoll Fabia! Omicron, Stand­by«, zischte Fabia zwischen zwei Würgeanfällen. Der kleine goLEM blieb sofort stehen und blinkte stumm. Obwohl er sich nicht mehr bewegte, machte er einen vorwurfsvollen Eindruck.

»Na, Mädchen?«, fragte Leon mitleidig, als es Fabia wieder etwas besser ging, »doch nicht so stark und mu­tig?«

»Nein, es ist nur … Mir ist ziemlich schwindlig wegen meiner Krankheit. Ich werde langsam hämoylitisch. Das wirkt sich zuerst auf meinen Kreislauf aus.« Sie sah sich um und deutete auf einen kleinen, zellenartigen Anbau an ei­nem Gebäude in der Nähe, auf dessen Milchglastür ein großes rotes Kreuz dargestellt war. »Ich muss dringend zu dieser Notarzt-Station. Ich brauche Medikamente und eine Transfusion.«

Fabia spuckte aus, um den ekligen Geschmack im Mund loszuwerden, was ihr auf diese Weise jedoch nicht gelang.

»Ich helfe dir«, bot sich Leon an. »Die Ärzte sind sicherlich schon längst geflohen oder evakuiert worden. Ich glau­be nicht, dass sich außer uns und deinen Freunden noch jemand in diesem Stadtviertel aufhält.«

Fabia richtete sich zitternd auf und winkte ab. Sie probierte ein paar Schritte. Ihre Knie waren zwar weich und die Beine wacklig, aber bis zu der Krankenstation würde sie es ohne fremde Hilfe schaffen.

»Danke, aber das wird nicht nötig sein«, lehnte sie Le­ons Angebot ab. »Es wird dort drin sicher noch einen Gamma geben, der mir helfen kann. Falls sie ihn aber doch schon abgezogen haben sollten, kann mich auch mein Omi­kron unterstützen. Er hat ein komplettes Medizin-Update.«

Der Bildhauer wollte einen Einwand machen, aber Fabia ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Ihr beide solltet auf jeden Fall auf der Stelle aufbrechen und nicht in irgendwelche Bunker, sondern zu den Zügen fliegen, bevor uns die Polizei wiederfindet. So beschäftigt können die gar nicht sein, dass sie nicht den Absturz ihrer zwei Einheiten untersuchen. Bringt euch in Sicherheit, bevor sie kommen. Mit dem Schwe­ber habt ihr eine echte Chance.«

Leon nickte und fuhr sich mit der Hand nachdenklich über die Glatze. Er seufzte.

»Bist du dir sicher? Du weißt aber schon, dass sie uns eben nicht zufällig abgepasst haben? Die Polizeischweber haben auf uns gewartet. Du bist verraten wor­den und sie sind hinter dir her. Ich lasse dich nur un­gern alleine.«

Ja, es war Fabia bewusst, dass man sie verraten hatte. Es war nicht schön, damit konfrontiert zu werden, denn sie hätte die Überlegungen, wer das getan hatte, gerne verdrängt.

»Ich werde in der Bibliothek bei meinen Freunden in Sicherheit vor der Polizei sein – keine Sorge«, winkte sie ab. »Von Babel aus kann ich auch problemlos die Uniklinik-Haltestelle der UMS-Bahn erreichen. Die bringt mich in einer Stunde nach Frankfurt. Vielleicht können wir uns dort wieder treffen. Aber jetzt fliegt endlich los. Ich wünsche euch alles Glück. Meldet euch, wenn ihr euch gerettet habt – danach, meine ich, wenn das alles vorbei ist …«

Leon beulte mit der Zunge seine linke Wange aus.

»Da gibt es noch etwas, das ich für dich tun kann. Wenn du willst, kann ich deine Augreyes komplett ausschalten und anschließend fliegst du unter dem Radar der 2MC.« Er holte aus seiner Hosentasche ein handgroßes Gerät, das wie eine kleine Pistole aussah, und zeigte es Fabia.

»Dieses Spielzeug hat mich auf dem Untergrund-Schwarzmarkt Unsummen gekostet, aber es ist sein Geld wert. Es ist ein sogenannter Jailbreaker und er ist kinderleicht zu bedienen. Aber wahrscheinlich hast du mehr Ahnung von solchen Dingen als ich. Keine Sorge, es tut nicht weh. Du wirst dich danach nur ein wenig … verlassen vorkommen.«

»Ich habe schon von diesen Geräten gehört, aber es ist das erste Mal, dass ich eines sehe«, erwiderte Fabia. Sie war einen Augenblick unschlüssig, dann nickte sie zustimmend. Leon hielt ihr den Apparat kurz gegen die linke, dann gegen die rechte Schläfe und betätigte einen Schalter. Fabia blinzelte. Tatsächlich! Sie hatte keinen Kontakt mehr mit I-Net. Sie fühlte sich ein wenig verwirrt und einsam, aber das würde schnell vergehen.

»So, das war es schon. Deine Augreyes sind heruntergefahren«, sagte er. »Um sie wieder einschalten zu können, wirst du den Jailbreaker erneut benutzen müssen.« Leon reichte ihr sein Hackerwerkzeug.

»Das kann ich doch nicht annehmen. Brauchst du es denn nicht selbst?«

»Nein. Raphaël und ich haben unsere Augreyes längst ausgeschaltet und ich glaube nicht, dass wir sie noch einmal einschalten müssen. In ein paar Stunden wird es kein I-Net mehr geben.«

Da Fabia weiterhin zögerte, steckte er ihr den Jailbreaker einfach in die Tasche ihres nun viel zu warmen Hoodies und nickte ihr auffordernd zu. Der Bildhauer hatte recht; es war alles gesagt. Sie nahm ihren reglosen goLEM unter den Arm und ging mit so festen Schritten, wie sie ihr in ihrem Zustand möglich waren, auf die Notfall-Einrichtung zu. Sie wollte Stärke ausstrahlen und drehte sich nicht noch einmal um, weil ihr sonst wahrscheinlich die Tränen gekommen wären.

Leon sah ihr so lange hinterher, bis sie den Platz überquert hat­te. Dann warf er einen letzten Blick hinauf in den leeren, grauen Himmel, über den nun merkwürdig gleichmäßige und runde Wolken zogen, die aus sich selbst heraus orange leuchteten. Sie glichen farbigen Ballons und wirkten auf ihn wie die Boten des nahen­den Untergangs. Der Bildhauer hätte sie gerne mit sei­nen eigenen Händen aus Ton nachgeformt. Aber er würde wohl nicht mehr dazu kommen, seine Kunst noch einmal auszuüben. Auch wenn die Pariser bessere Chancen als die Einwohner der direkt an der Atlantik­küste liegenden Megapole Marelona hatten, fühlte Leon im Gegensatz zu Fabia keinen Optimismus. Er hatte keinen Glauben, dass ausgerechnet er und sein Freund die Kata­strophe in etwa zwölf Stunden überleben würden. Schließlich waren ja auch heute Morgen im Osten wieder die Kampfhandlungen mit der Indopazifischen Union auf­geflammt, die jederzeit ein nukleares Armageddon auslösen konnten. Was der Impact des Mondbrockens und der Tsunami nicht erledigen konnten, das schafften sicherlich die Atomwaffen der Kriegsparteien: Europa zwischen Scylla im Westen und Charybdis im Osten zu zerrei­ben. Vielleicht überstanden ja zumindest ein paar seiner Werke den Weltuntergang …

Raphaël rief ungeduldig nach ihm und er lief kopfschüttelnd zum Schweber zurück. Er war höchste Zeit, aufzubrechen und die dem Tode geweihte Stadt zu verlassen.

Fabia hatte inzwischen das Rote-Kreuz-Gebäude er­reicht und legte ihre Hand auf die Glasfläche der Tür. Sie wurde gescannt und die Tür öffnete sich vor ihr. Die angenehm heruntergekühle Luft aus der Klimaanlage der Krankenstation kam ihr einladend entgegen. Be­vor sie eintrat, sah sie doch noch einmal zurück und dem emporsteigenden Schweber hinterher, bis er hinter einem der schlank wie eine Nadel in den Himmel stechenden Val-d’Oise-Türme verschwand. Der Abschied eben war für immer gewesen, das war auch ihr klar. Selbst wenn sie alle drei der großen Welle entkamen und rechtzeitig in die sicheren Gebiete im Westen gelangten, so würde doch das I-Net zusammenbrechen und sie sich in dem Chaos niemals wiederfinden, das gerade in den Deutschen Landen herrschen musste, die von Milliarden von Menschen überschwemmt wurden, die von den Küsten her ins Landesinnere flüchteten. Jetzt lief ihr doch eine Träne über die Wange. Leon, Raphaël und sie hätten gute Freunde werden können …

»Womit kann ich dir dienen, Bürgerin?«, wurde Fabias düstere Stimmung von einer einfühlsamen, besorgten und tiefen Stimme in ihrem Rücken unterbro­chen. Sie wandte sich zurück und trat in das niedrige Gebäude, das aus einem einzigen, großen Raum bestand, der durch ein paar verschiebbare Wände in einen Empfang und eine Krankenstation unterteilt war. Die stachlige Kugel eines Arzt-goLEMs schwebte von einem langgezogenen Tresen heran. Die medizi­nischen Robotereinheiten der Gamma-Reihe wurden im Volks­mund wegen der Treffsicherheit ihrer Prognosen Tu-as-qu’à oder DO ASK genannt und erinnerten Fabia immer ein wenig an einen fliegenden Seeigel, dessen Stacheln allerdings dünne Arme waren, die den unterschiedlichsten medi­zinischen Zwecken dienten. Außer dem Tu-as-qu’à und ein paar der überall anzufinden­den, spinnenähnlichen Sanitäts- und Reparaturdeltas, die im Hintergrund an den Wänden hingen und leicht auf ihren unzähligen kleinen Beinchen zitterten, befand sich niemand mehr in der Notfall-Einrichtung. Fabia hatte großes Glück, dass man sie noch nicht geschlossen hatte.

[Zur Fortsetzung …]

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Der Weg, der in den Tag führt

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Mánis Fall (Kapitel 1.9)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

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Und hinab ging der trudelnde Sturzflug in die Tiefe, kreuzte vertikal ein paar der zum Glück nur wenig be­fahrenen Luftstraßen und tauchte dann nur ungefähr zwanzig Meter über dem Boden zwischen zwei eng bei­einander stehende Gebäude, wo Fabia durch tollkühne Flugmanöver versuchte, die Verfolger abzuhängen. Es gelang ihr nicht. Die künstlichen Piloten der Poli­zeischweber steuerten gedankenschnell und mit ebenso viel Todesverachtung wie die junge Frau, der sie mit ge­ringem Abstand auf dem halsbrecherischen Zickzack-Kurs durch das antike Stadtviertel Bezons ohne Pro­bleme folgten. Blaue Lichter kreisten um die Meridiane der Polizeiflieger und Omicron bekam viel Arbeit, die Hackzugriffe der Omegas auf den Schweber zu unter­binden.

Weil der Motor aufs Äußerste gefordert wurde, war es in der Kabine wurde es trotz der Enge mit einem Mal eisig kalt. Fabias hektisch ausgestoßener Atem stand als Wolke vor ihr. Jetzt, knapp über dem Boden auf ei­ner scheinbar willkürlich und zufällig gewählten Route dahinjagend, beschleunigte sie immer weiter, reizte den Motor bis zu seinen Grenzen aus. Der Steuerknüp­pel in ihrer Hand begann zu vibrieren und ließ sich kaum mehr von ihr beherrschen. Leon, der die Gefahr erkannte und wohl auch Fabias Vorhaben er­ahnte, leg­te seine Hand auf ihre und gemeinsam hielten sie den Schweber stabil und weiterhin unter Kontrolle. Von Omicron von seinen Sicherheitsschranken befreit, war er fast dreihundert Stundenkilometer schnell, ein mör­derisches Tempo, das alle in ihre Sitze drückte.

Dann hatte Fabia über die von ihren Augreyes einge­blendete Stadtkarte einen geeigneten Ort für ihren waghalsigen Plan gefunden. Nur auf diese Weise würde sie die Polizei abschütteln können. Sie bog noch zwei­mal ab – einmal trennte ihr Fluggefährt in der Kurve nur Zentimeter von der Hauswand – dann raste sie auf einen niedrigen Torbogen zu, der einen Eingang zu ei­ner ausgedehnten Gartenanlage markierte, die dem al­ten Bois de Bologne nachemp­funden war. Links und rechts von dem Tor erhoben sich massive Steinmauern. Selbstverständ­lich war es nur die zeitgenössische Ko­pie eines Tri­umphbogens aus der napoleonischen Zeit. Man hatte schon vor Langem alle übrig gebliebenen Antiken durch widerstandsfähige Repliken ersetzt. Manche von ihnen, wie die Glaspyramide im Innenhof des Louvres – der übrigens auch ein Nachbau war -, existierten nur noch als Hologramm. Fabia hätte es niemals gewagt, ein echtes, achthundert Jahre altes Relikt aus der be­wegten Vergangenheit der Megapole auf diese Weise der Gefahr seiner Zerstörung auszuset­zen. Doch sie lenkte den Schweber mit gutem Gewissen durch das aus nahezu unverwüstlichem Kunststoff nachgebildete Tor.

Es war ein heikles Kunststück, aber es gelang ihr per­fekt, als hätte sie es seit ihrer Jugend geübt. Links und rechts blieben ihr zwischen dem Schweber und den Säulen vielleicht eine Armlänge Platz. Glücklich durch das Tor gezwängt, riss sie das Steuer scharf zu sich und bremste. Die Steuerung kreischte wie ein weidwundes Tier auf, gehorchte jedoch. Raphaël, nicht angeschnallt, weil die Kabine ja nur für zwei ausgelegt war, wurde von der Fliehkraft nach vorne geschleudert. Leon hielt ihn zwar am Kragen fest und und milderte dadurch den Fall des Dichters etwas ab, aber er schlug doch mit dem Gesicht gegen das Glas der Scheibe und holte sich eine blutige Nase. Wahrscheinlich hätte er sich den Hals gebrochen, wenn sich nicht die Notfall-Trägheits­dämpfung einge­schaltet hätte und den abrupten Bremsvorgang abpufferte.

Doch von diesem Schönheitsfehler abgesehen, war Fa­bias akrobatisches Flugmanöver ein voller Erfolg. Die Maschinenintelligenz in dem Polizeischweber, die wie eine Klette an ihr hing, war auf solch eine blitzartige Pirouette nicht vorbereitet. Während Fabia ihre gläser­ne Kugel in einer engen Aufwärtskurve elegant empor­steigen ließ, gelang es zwar dem ersten der Verfolger noch, ihr unbeschadet durch das Tor zu fol­gen, aber die anschließende scharfe Kehre schaffte er nicht mehr. Sein Wendekreis war um einige Meter breiter und das Fluggerät geriet dadurch in die Äste eines der Allee­bäume, die den Kiesweg in den Park säumten. Sich um sich selbst drehend stürzte der Polizeischweber in die üppigen Büsche, von denen eine empörte Wolke winzi­ger Droh­nen aufstieg, die auf allen landwirtschaftli­chen Flä­chen die Bestäubungsarbeit der fast ausgestor­benen Bienen unterstützten.

Dem zweiten Polizeischiff erging es noch schlechter. Sein Pilot wollte den Fehler des anderen vermeiden und dem Triumphbogen in letzter Sekunde auswei­chen, streifte aber eine der dorischen Säulen und explo­dierte in einem Feuerball, der ein Loch in die Garten­mauer sprengte. Zum Glück hielt sich kein Mensch in der Nähe auf.

»Bürgerin Winterfeld …«, vernahm Fabia noch die Stimme eines Roboter-Polizisten durch die Funkverbin­dung, dann war nur noch weißes Rauschen zu hören. Seelenruhig gab sie die Steuerung wieder an Omicron ab, der den Flieger auf den rechten Kurs brachte, ihn über die nahe Seine steuerte und in gemäßigtem Tem­po und niedriger Höhe auf das weitläufige Universi­tätsgelände zu­hielt. Gemeinsam mit Leon kümmerte sich Fabia wäh­renddessen um den jammernden Ra­phaël, dem zwei kaum zu stoppende Blutrinnsale aus der Nase liefen. Sein Freund griff unter den Sitz und holte den Erste-Hilfe-Koffer heraus, aus dem er dann eine Ban­dage nahm, die er dem jungen Dichter gegen die Blutung presste.

»Entschuldigt bitte mein Flugmanöver, aber ich sah keine andere Möglichkeit, die Polizei loszuwerden«, sagte Fabia kleinlaut. Sie hatte inzwischen großen Re­spekt vor dem glatzköpfigen Bildhauer, der offenbar immer Herr der Lage war. Raphaël grunzte nur, aber Leon machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Das geht schon in Ordnung. Wenn sie uns erwischt hätten, dann wären wir wahrscheinlich auf der Stelle gelasert worden. Die Notstandsgesetze der 2MC ken­nen kein Erbarmen und keine Entschuldigungen. Ich hatte gehofft, sie würden nie in Kraft treten. Noch vor einem Monat haben wir gegen sie demonstriert, weil sie unsere bürgerliche Gesellschaft in die brutalste und menschenverachtendste Diktatur seit Ibn-Saids „Recht­gläubigem Rotem Reich“ verwandeln würden, wenn sie zur Anwendung kämen. Man kann doch keine KI Recht sprechen lassen! Aber von einem multikontinentalen, planetaren Konzern wie der Corporation kann man nichts anderes erwarten, wenn er sich an die Regie­rung putscht. Solche Wirtschaftsgiganten sind die na­türlichen Feinde jeder Demokratie«, steigerte er sich wütend in ein politisches Manifest.

Omicron landete den Schweber auf einem kleinen Platz neben der Universitätsbibliothek. Die beeindru­ckende, glänzende Fassade des Gebäudes reichte fünf­zehn Stockwerke in den Himmel und ebenso viele in den Erdboden hinab. Wegen ihrer verwinkelten, in der Regel sechseckigen Innenräume und den schier bodenl­osen Lichthöfen wurde sie von den Studierenden und den Professoren in Anklang an den alten Schrift­steller Jorge Luis Borges „Babel“ genannt. Dort residier­ten in der untersten Kelleretage die Citoyens um Pro­fessor Rosenthal und dorthin wollte Fabia.

Sie schnallte sich ab, nahm Omicron unter den Arm und schälte sich aus dem Schweber, dessen mitgenom­mene Außenhülle trotz der sommerlichen Temperatu­ren, die am Boden herrschten, mit Reif bezogen war. Er dampfte eisig. Sie sah sich um. Es war fast unheimlich, wie leer der Platz war. Für Men­schen, die es gewohnt waren, ihr Leben auf engstem Raum mit Milliarden an­deren Individuen zu teilen, war es beängstigend. Fabia war da nicht anders. Sie kannte Einsamkeit und Leere nur, wenn sie über ihre Augreyes auf den Server des Computerspiels „Walden 3.2“ ging, das einen weltum­spannenden Wald simulierte und – weil es aus der Mode gekommen war – nur weni­ge NPCs und Player hatte, die sich deshalb fast nie begegneten. Dort saß sie gerne ein paar Stunden vor ihrer virtuel­len Holzfällerhütte im Sonnenschein, sah den Flugech­sen zu, die in der Ther­mik unter dem rosafarbenen Himmel ihre Runden drehten und genoss diese scheinbare Ein­samkeit. Doch in der echten Welt fürchtete sie die Lee­re und litt an Agoraphobie, gegen die sie sich nie hatte behandeln lassen. Sie wäre am Liebsten direkt in die Bibliothek mit ihren engen, nach echten Büchern riechenden Räu­me voller Menschen gewechselt, als die wenigen hun­dert Meter quer über den verwaisten Platz zu laufen. Aber ihr blieb keine andere Wahl.

Sie machte ein paar unsichere Schritte in Richtung Eingangstore. Doch dann sank sie in die Knie und er­brach sich. Schnell war Leon bei ihr und beugte sich über sie, hielt ihr helfend die Stirn. Omicron drehte aufgeregt fiepend enge Kreise um die beiden.

[Zur Fortsetzung …]

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