Aber ein Traum …

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In den Bücherkellern des Vatikans (2)

<– zum 1. Teil …

Der Verleger fragte sich, ob er wirklich schon ganz wach war. Die Wohlklänge eines barocken Musikstücks füllten den nicht gerade kleinen und fensterlosen Raum. Sie wurden von den knisternden und knackenden Nebengeräuschen begleitet, wie sie die Wiedergabe einer Vinyl-Schallplatte mit sich bringt. Welkenbaum lag in der Mitte des Raums auf einer schäbigen, mit ehemals rotem Stoff bezogenen Couch und starrte an die Decke. Er nahm kaum wahr, was er dort sah. Er hatte noch einen weiten Weg von seinem Falltraum hinein in die Wirklichkeit zu gehen. Es dauerte eine gefühlte halbe Ewigkeit, bis sein Verstand endlich die Sonate wahrnahm, die sein Ohr schon lange hörte und deren Melodie seine Lippen bereits eine ganze Weile mitsummten. Es kostete ihn ein gewaltiges Maß an Konzentration, sich auf die Kaskaden der perlenden Gänge des Cembalos und das elegische Seufzen der Streicher zu konzentrieren und das Auf und Ab der Töne als eine Strickleiter zu benutzen, an der er zurück in den Wachzustand klettern konnte. Doch die überaus reine und feinstrukturierte Klarheit des Adagios, die ihm jede nahende Tonfolge im Voraus verriet und genießen ließ, bevor sie dann tatsächlich erklang, half ihm schließlich, langsam aus seiner tiefen Betäubung zu erwachen. Es war beglückend und befriedigend, sich von dieser Musik an die Hand nehmen und von ihr zurück in die Welt führen zu lassen. Aber es benötigte viel Zeit, denn sein Geist war endlos tief und fast komatös in ihm selbst begraben gelegen.

Welkenbaum kaute abgelenkt auf etwas Trockenem, Säuerlichem und Abgestandenem herum – seiner eigenen Zunge! – und gab sich ganz den himmlischen Harmonien der Musik hin. Endlich begriff er auch, was seine an die Decke gerichteten und schon lange geöffneten Augen betrachteten: Es war ein aus roten Ziegeln errichtetes Tonnengewölbe, von dessen Zentrum eine kahle Glühlampe herabhing. Ihr Licht war warm, aber nicht allzu hell. Es gelang ihr nicht, den weiten Raum vollkommen auszuleuchten. Die unverputzten und zum Großteil mit leeren Regalen verstellten Backsteinwände lagen in den Schatten. Mit Welkenbaums beginnender Wahrnehmung seiner Umgebung geschahen zwei Dinge gleichzeitig: Die Nadel des Plattenspielers gelangte zu einem Kratzer auf dem Vinyl. Dort blieb sie hängen, sprang zurück und ein halber Cembaloakkord erklang von Neuem. Und dann noch einmal und noch einmal …

Doch in Welkenbaums umnebeltem Gehirn passierte dadurch genau das Gegenteil: Er kam endlich wieder in die richtige Spur und er erwachte endgültig. Er erinnerte sich mit einem Mal deutlich an die Momente vor seinem Traumsturz in diesen Keller hinab.

Er hatte auf dem Dach des Hotels Raphael in Klammers außergewöhnlichem Buch gelesen und dabei viel zu viel Bier getrunken – im Nachhinein betrachtet, war das in der römischen Hitze keine gute Idee gewesen.

Dem Roman von Nikolaus Klammer, der vorgab, die aberwitzige Autobiografie eines sowjetischen Gulagsträflings zu sein, war eine sepiabraune Fotografie beigelegt gewesen, die Welkenbaum beim Lesen in den Schoß gerutscht war. Die Ablichtung hatte eine junge Frau mit Tropenhelm auf dem Kopf und Kleidung aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeigt. Die Aufnahme wirkte wie ein Publicity still aus einem uralten Tarzan-Film, das die abgebildete Schauspielerin als Autogrammkarte vervielfältigt hatte. Was den Verleger jedoch fast um den Verstand gebracht hatte: Die gut aussehende Forscherin sah haargenau wie seine Verlobte aus. Auch wenn sie auf dem Foto eine andere Frisur trug, hatte Welkenbaum sie doch sofort an ihrer unverwechselbaren Körperhaltung und an ihrem kecken Profil erkannt.

Anschließend … ja, was war dann eigentlich im Anschluss geschehen? Jemand muss ihm etwas ins Bier getan haben, ganz sicher … irgendeine KO-Droge. Diese hatte ihn dann in seinen wahnwitzigen Falltraum geschwemmt. Das war offenbar guter Stoff gewesen. Und er wusste mit einem Mal ganz genau, wer ihm das angetan hatte. Das hatten die beiden Alten getan, die ihn schon den ganzen Nachmittag über von ihrem Tisch auf der Dachterrasse des Hotels aus beobachtet hatten.

»Herrgott! Zefix!«, rief der Verleger aus und wollte von dem muffigen Sofa aufspringen, das wohl schon seit dem Biedermeier hier unten in dem dunklen Kellerraum vor sich hin moderte und entsprechend scharf nach feuchtem Schimmel und anderem Unaussprechlichem roch. Wie er dabei auf recht schmerzhafte Weise feststellen musste, konnte sein linker Arm diese Bewegung nicht mitmachen. Das Handgelenk war durch massive Handschellen mit einem der Löwenfüße des alten Liegemöbels verbunden. Welkenbaum landete deshalb äußerst unsanft neben dem Sofa. ›Chaiselongue wäre wohl die exaktere Bezeichnung‹, fiel ihm ein. Er knallte ungebremst auf die kalten Fliesen Seine Schulter tat höllisch weh. Er nieste in den zentimeterdicken Staub, der den Boden bedeckte und jammerte kurz auf, hielt sich mit der freien Hand die schmerzende Stelle.

Anschließend steigerte er sich in einen bemerkenswerten Wutanfall hinein, der jeden, der ihn kannte, verblüfft hätte; galt er doch als ruhiger, besonnener, geradezu phlegmatischer Mann. Er spuckte, wütete und tobte – und diese gotteslästerliche Schimpfkanonade wurde heiter von der ewig wiederholten Tonfolge der kaputten Schallplatte untermalt. Zum Glück war der bayerische Dialekt so reich wie kaum eine andere Sprache auf der Welt mit zum Anlass passenden Kraftausdrücken gesegnet. Ohne eine Pause bei seinem schier unerschöpflichen Fluss an Verbalinjurien zu machen, kniete sich Welkenbaum hin. Er versuchte, das Sofa ein wenig hochzuheben, um seine Handfessel unter dem Fuß hindurch zu fädeln. Aber das scheußliche Möbelstück gehörte anscheinend zum Inventar und war zumindest für ihn mit bloßen Händen unlösbar mit dem Boden verschraubt. Dadurch wurde seine Wut noch größer.

»Sakrisches Drecksding, verrecktes! Hurasakrament!«, brüllte er, bis die Wände wackelten. Verzweifelt rüttelte er an dem Sofa. Es war nicht auszumachen, ob er den Plattenspieler, das Sofa, seine Handschelle oder alles zusammen meinte, aber endlich bewirkte sein Fluchen eine Reaktion. Die nervtötende Tonfolge endete mit dem dissonanten Knirschen, das entsteht, wenn man mit der Nadel des Plattenspielers über das Vinyl kratzt. Danach öffnete sich die Tür zu diesem Loch, in dem er gefangen gehalten wurde. Seine beiden Entführer traten zu ihm herein. Wie er schon vermutet hatte, waren es tatsächlich die beiden Alten vom Raphael. Ein zweites und viel helleres Deckenlicht wurde eingeschaltet. Nun konnte Weltenbaum, der seine Brillen vermisste, mehr von dem großen, fensterlosen Ort erkennen, in dem man ihn festhielt. Es schien sich um das Kellergewölbe eines alten Archivs zu handeln. Große, bis an an die Decke reichende Holzregale, die offenbar alle leer waren, bedeckten drei Seiten des Raums. In dessen Mitte hockte Welkenbaum an das Sofa gefesselt auf dem lange nicht mehr gereinigten Boden. Er suchte nach etwas, mit dem er um sich schmeißen konnte.

Nur die Frontseite des Raums, an der die Tür war, sah anders aus. Hier standen ein alter und wertvoll aussehender Sekretär und ein barocker, vergoldeter Stuhl an der Ziegelwand. Über diesem Arbeitsplatz hing ein großes, dunkles Ölgemälde, das einen Geistlichen zeigte. Anhand der Kleidung vermutete Welkenbaum, dass es sich um einen Kardinal aus dem 19. Jahrhundert handelte, der mit finsterem Blick unter zusammengezogenen Augenbrauen missbilligend und voller Abscheu auf den Verleger herabsah, als wäre er über dessen Schimpfwörterflut ebenso empört wie die Entführer.

„Reißen Sie sich zusammen und hören Sie endlich auf, so entsetzlich zu fluchen!“, sagte der alte Mann und seine verwitterte Begleiterin vollendete: „Das ist ungehörig! Sie sind an einem heiligen Ort.“

[Zum 3. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (1)

 Nikolaus Klammer

Dr. Geltsamers
erinnerte Memoiren
„Eine phantastische Trilogie“
in 5 Büchern

4. Buch:
In den Bücherkellern des Vatikans

Zwischen den Zeilen

Welkenbaum fiel. Er stürzte nun schon seit einer Ewigkeit in gleichmäßiger, ruhiger Geschwindigkeit einen rotgeziegelten Brunnenschacht senkrecht hinab in eine schier grundlose Tiefe. Sein Zeitgefühl hatte er dabei längst verloren. Aber inzwischen musste er sicherlich schon Stunden in dieser aberwitzigen Situation verbracht haben, von der er nicht wusste, wie er in sie hinein geraten war. Er hatte sich längst an seinen Sturz gewöhnt und er erschien ihm nicht mehr absonderlich. Obwohl er sich vor dem Ende seines endlosen Falls fürchtete, den er doch unmöglich überleben konnte, und die Angst vor dem Zerschmettern auf dem Boden des Schachts wie ein Stachel im Hintergrund seiner Gedanken steckte, genoss er den Augenblick. Es war ein beglückendes Gefühl, frei wie ein Vogel zu sein und nur den Luftwiderstand um sich zu spüren. Er umschloss ihn sanft und begleitete ihn wie eine warme Decke den Abgrund hinunter.

Bereits seit vielen Jahren fühlte sich der Verleger in seinem aufgeschwemmten, unsportlichen und mit dem Altern schwächer und für Beschwerden anfälliger werdenden Körper immer unwohler. Er hatte sich von ihm entfremdet. Seine weltliche Hülle führte ein eigenes, amöbenhaftes Leben, das seinem Geist, der sich in dem fetten Leib wie ein Gefangener in einem viel zu kleinen Verlies vorkam, nicht gefiel und den er eigentlich verabscheute. Unaufhörlich bereitete ihm sein Körper Probleme: Da zwickte, dort drückte etwas, quälte, beengte und schränkte ihn ein. Häufig litt er unter Atemnot, stechendem Schmerz in den Hüften und an Krämpfen in den Schenkeln. Dazu kam eine stumpfe Taubheit in den Fingern und den Zehen. Sein täglicher und unverantwortlich hoher Alkoholkonsum, von dem er als einziger in seiner näheren Umgebung der Auffassung war, er hätte keine Probleme mit ihm, half ihm besser durch diese Beschwerden als jede Medizin. Trotzdem ließ er sie sich großzügig von seinen Hausärzten verschreiben und schluckte brav die Wässerchen, Pillen und Tabletten, obwohl er ihre Wirkungen nicht zu spüren glaubte. Er war sich freilich bewusst, dass die abendliche Flasche Rotwein und der „Betthupferl“-Whisky wahrscheinlich einen Großteil seiner Unbilden erst verursachten. Schließlich waren die morgendlichen Konsequenzen seiner regelmäßigen Besäufnisse – Übelkeit, Herzrasen und stumpfes Kopfweh -, oft grausamer als die Schmerzen des Vorabends, die seine Sauferei betäuben sollte. Doch daran etwas zu ändern, hatte er längst nicht mehr in der Hand. Das war ein Teufelskreis, dem er nicht mehr entrinnen konnte.

›Ab 50 beginnt jeder Morgen mit einer neuen Wunde‹, erinnerte sich Welkenbaum an eine Bemerkung seines Vaters Oswald an dessen 90. Geburtstag, ›und jede Stunde beschert dir ein weiteres Leid. 90‹, dachte er, ›so alt werde ich bestimmt nicht.‹

Doch all dies war nun wie weggeblasener Staub von den Regalen seiner Erinnerung und seine Seele und der verflixte Körper fühlten sich zum ersten Mal seit langer, langer Zeit im gemeinsamen Sturz miteinander versöhnt. Wenn Welkenbaum an seine Krankheiten dachte, dann hatte er das Gefühl, als wären sie jemand anderem in einem anderen Leben geschehen. Sie waren für ihn wie etwas, das er vor längerer Zeit in einem weinerlichen Buch von Nikolaus Klammer oder von Daniel Kehlmann gelesen hatte – insgesamt doch eher unerfreuliche, selbstmitleidige und unerfreulich larmoyante Lektüren, bei denen er Erleichterung empfand, wenn er sie beenden konnte.

Wie gesagt: Er wusste weder, wie lange dieser Zustand des unablässigen Fallens schon andauerte, noch, wieviel Zeit ihm das Schicksal noch gewährte. Doch augenblicklich stürzte er in gleichmäßigem Tempo in eine bodenlose Tiefe und er war glücklich. Dabei konnte er sich auch beim besten Willen nicht erinnern, wie er in diese Situation gekommen war. War er über den Rand eines römischen Brunnenschachts, der hinab in die Katakomben unter der Via delle Sette Chiese führte, gestolpert oder von jemandem von hinten gestoßen worden? Er wusste es nicht. Und wie tief mochte dieser kreisrunde Ziegelschlauch noch sein, dessen Ränder er berühren könnte, wenn er seine Arme nur noch ein wenig weiter ausstreckte? Er glaubte, jetzt schon einen halben Tag hinabzufallen. Wie schnell wurde noch einmal der Körper eines Fallschirmspringers? 200 Kilometer in der Stunde oder mehr? Ging das nun so weiter bis zum Erdmittelpunkt – so ein Sturz würde etwa dreißig Stunden dauern –, oder gar darüber hinaus? Und was geschah dann? Welkenbaum entschloss sich, nicht weiter in seinem Gedächtnis nach den Physikkenntnissen seiner Jugend zu suchen, sondern diesen besonderen Moment ohne Schmerzen und Kummer zu genießen, so lange er eben dauerte.

›Sorgen und Schmerzen sind kein Frosch, die hüpfen nicht über Nacht davon.‹ Das war auch ein Spruch seines Vaters; der war ein wandelnder Büchmann gewesen.

Dies war doch schon immer Welkenbaums Problem gewesen: Er war niemals vollkommen entspannt. In den unruhigen, nächtlichen Schlaf quälte er sich nur mit Bromazepam-Tabletten und altem Glenlivet und versuchte er ruhig zu sitzen, begannen seine Beine in rastloser Bewegung zu zittern und seine Füße schliefen ein. Nun jedoch war alles gut und das Leben schön. Warum konnte er diesen Moment einfach nicht mehr genießen? Aber die Frage, was mit ihm geschehen war, nagte plötzlich an Welkenbaum. Sie stach als akuter, nadelfeiner Schmerz knapp über der Nasenwurzel in seinen Verstand und störte das vollkommene Glück, das er eben noch empfunden hatte. Gleichzeitig hatte sich auch in seiner Umgebung, in jenem monotonen, endlosen Brunnenschacht, in den er fiel, etwas verändert. Auch wenn der Verleger noch nicht begriff, was anders war.

Oder war dies überhaupt kein Sturz, den er da erlebte? Vielleicht saß er ja einer optischen Täuschung auf und glitt stattdessen empor, nach oben, dem Himmel entgegen, wie ein mit Helium gefüllter Luftballon. Das würde sich, fiel ihm auf, genauso anfühlen. Vielleicht war der gemauerte Schlund ja kein Schacht, sondern ein gewaltiger Kamin! Vielleicht lag er gerade im Sterben und dieser Fall oder Aufstieg oder was auch immer war seine persönliche Nahtod-Erfahrung. Aber wurde nicht immer etwas von einem hellen Licht gefaselt, dem man entgegenflog? Wenn er sich nur erinnern könnte!

Welkenbaum konzentrierte sich auf seine rechte Hand, durch deren gespreizte Finger er den Fallwind fühlte und wollte sie drehen, um dadurch die Richtung festzustellen, in der er unterwegs war. Es misslang ihm vollkommen; er hatte keine Kontrolle über seine Muskeln.

›Wahrscheinlich ist das alles nur ein luszider Traum und ich schlafe morgens unruhig kurz vor dem Erwachen in meinem Bett‹, kam ihm beruhigend in den Sinn und seine Kopfschmerzen wurden dabei stärker. ›Ach, wie langweilig. Träume will ich weder erleben, noch sie von jemandem erzählt bekommen. Das ist doch öde. Es gehört zu den sieben Todsünden eines Autors, von einem Traum zu berichten oder mit ihnen gar einen neuen Roman zu beginnen. Das geht schon dreimal nicht. Niemand will das lesen. Und ich will jetzt aufwachen! Auf der Stelle!‹ Er öffnete die Augen.

Welkenbaum konnte die Ziegelwand und aus den Augenwinkeln seinen fetten, fallenden Körper sehen. Er trug übrigens einen leichten, sommerlichen Leinenanzug und unter dem Sakko, dessen kurze Schöße fröhlich im Wind flatterten, ein hellblaues, von Bierflecken besudeltes Hemd. Dies erschien ihm aus irgendeinem vergessenen Grund ein wichtiges Indiz zu sein. Trotzdem fragte er sich, ob er seine Augen tatsächlich geöffnet hatte oder es sich nur einbildete. Wenn er träumte, dann konnten diese Sinneseindrücke auch von seinem Geist an die Innenseite seiner geschlossenen Lider projiziert worden sein. Aber wenn er diese auseinander zwang, würde er unzweifelhaft erwachen. Er fokussierte seinen ganzen Willen und versuchte krampfhaft, seine Augen nicht erneut in den Traum, sondern jetzt in die Wirklichkeit hinein zu öffnen. Der Schmerz, den diese Anstrengung verursachte, jagte wie eine alles überwältigende Hafenwelle vom Kopf ausgehend durch seinen gesamten Körper und erschütterte ihn. Er schnappte entsetzt nach Luft und konnte seinen unruhigen, eiligen Herzschlag an der Halsschlagader pulsieren fühlen. In diesem Moment sah er wie in einer Vision ein Gesicht vor sich auftauchen, dessen kleine, von unzähligen Krähenfüßen eingefasste Knopfaugen ihn gleichzeitig spöttisch und auch besorgt und abschätzend anblickten. Nein, er irrte sich, nicht ein verwittertes Antlitz war es, sondern es waren zwei, die – weil Welkenbaum vielleicht schielte – halb ineinander übergingen und ein Monstrum aus drei Augen, zwei Nasen und einem endlos breiten, verkniffenen Mund bildeten. Die Lippen bewegten sich, gelbe, braunfleckige Zähne wurden sichtbar, aber der Verleger konnte die Worte nicht verstehen, die der Zwitter flüsterte. Die beiden verschmolzenen Uralten waren sich sehr ähnlich. Es waren ein Mann und eine Frau. Sie hatten überaus faltige, ledrige, beinahe haarlose Köpfe, mumienhaft und starr. Was war das? Wer war das? Hatten etwa diese beiden Monstren ihn in den Brunnen gestoßen?

Welkenbaum konzentrierte sich von Neuem. Er zählte langsam bis drei. Anschließend versuchte er ein weiteres Mal, das Gespinst, das sich inzwischen in einen Albtraum verwandelt hatte, zu verlassen, indem er seine Augen aufschlug. Verzweifelt zog er seine Stirn in Falten. Und dann gelang es ihm – überraschend schnell und einfach. Er starrte an die graue Betondecke eines schlecht ausgeleuchteten Kellerraums.

[Zum 2. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Die Bilder an meiner Wand – EINS (Sehen und Warten)

Ein Künstlerschicksal

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ Kaltnadel/Ätzradierung 1972

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“
Kaltnadel/Ätzradierung 1974

Diese Radierung von Dieter Kühn (bitte nicht mit dem leider schon verstorbenen und von mir sehr geschätzten Autor gleichen Namens verwechseln) mit dem etwas sperrigen Titel „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ hängt in meiner Wohnküche und war eine der Inspirationen für den Roman „Aber ein Traum“, der Ende des Monats erscheinen soll.

Der wirklich nicht allzu bekannte Künstler Kühn war in den Frühen Siebzigern der Freund meiner älteren Schwester. Es war eine toxische Beziehung. Kühn hatte mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen, die ihn schließlich in den Suizid trieben. Als sich meine Schwester wegen seiner psychotischen und sogar ihr Leben bedrohenden Schübe von ihm trennte, machte sie es auf die einzig richtige Weise. Sie zog einen Schlussstrich, von heute auf morgen. Sie vernichtete in ihrer damaligen Wohnung systematisch alle Erinnerungsstücke an ihn und zerstörte dabei Fotos, Gemälde, beeindruckende, surrealistische Bleistift- und Tuschezeichungen und auch Texte, Verse und Briefe des Malers. Allein diese Radierung überlebte die verzweifelte Auslöschung ihrer ersten großen Liebe, weil sie sie zufällig umgedreht als Hintergrund-Passepartout für ein Poster von Jimi Hendrix benutzt und dort vergessen hatte. Irgendwann Ende der Achziger gelangte dann das Bild in meinen Besitz und seitdem begleitet es mich. Ich begegne ihm an fast jedem Tag, wenn ich an meinem Esstisch sitze.

Das Motiv ist natürlich im Zeitkontext zu sehen: Sartre, Camus, Dali – man beachte die zerfließenden Brillen –  Surrealismus, Existenzialismus, Black Soul, die frühen Pink Floyd, LSD, die Heideggersche „Geworfenheit des Menschen“ und freier Sex. Wer das Plattencover von Isaak Hayes‘ „Black Moses“ kennt, weiß auch, warum ihm das  Männergesicht so bekannt vorkommt. Kühn hat den Kopf auf der Radierung übrigens seitenverkehrt nachgearbeitet und leicht verändert, so dass es tatsächlich nicht mehr Hayes, sondern eher dem Maler selbst gleicht. Aus der Kapuze von Hayes Hoody ist eine Art Haare/Federn/Taubenkopf-Kappe geworden. Die Frau daneben, die mit dem Künstler in eine ungewisse und, im Nachhinein betrachtet, sehr kurze gemeinsame Zukunft sieht, ist übrigens meine Schwester. Auf ihrer Stirn, die wie die vertrocknete und aufgeplatzte Erdkruste wirkt, beobachten uns zwei Katzenaugen. Damit ist sie gut beschrieben. Die Schemen im verwaschenen Hintergrund sollen wahrscheinlich ebenfalls die beiden darstellen – geworfene, dem Schicksal ausgelieferte Figuren wie in einem „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel, die in den Spinnenfäden der Zeit gefangen sind.

Mir erzählte dieses Bild  schon von Anfang an eine ganz andere Geschichte: Alban Waldescher (der in meinem Roman wie der Mann auf dem Bild beschrieben wird) und Lina Brunswick habe ich direkt aus der Radierung gefischt. Seit einigen Jahren sehe ich in dem Bild nicht mehr meine Schwester und Dieter Kühn, sondern die beiden Hauptfiguren meines Romans „Aber ein Traum“.

Liest man übrigens den Titel des Romans „Aber ein Traum“ und hat ein paar meiner Blogeinträge verfolgt, kann man vermuten, mich hätte der amerikanische Autor E. A. Poe zu meinem Werk inspiriert. Die Wahrheit ist viel komplizierter. Zwar hat mich Poe in meiner Jugend beeindruckt und auch beeinflusst, als ich mit Vierzehn das von Arno Schmidt & Co. übersetzte Gesamtwerk las (auch „Eureka“) und ich habe ihn in der Geltsamer-Reihe ein Denkmal gesetzt. Aber er ist nur indirekt durch das weiter unten wiedergegebenen Gedicht mit „Aber ein Traum“ verknüpft. Zurück zu Dieter Kühn, dessen Radierung „Sehen und Warten“ ja neben meinem Kühlschrank hängt. Er hat Anfang der Siebziger Jahre einen renommierten und damals mit tausend Mark recht hochdotieren Kunstpreis der Stadt München gewonnen. Ob es schon ein Zeichen seiner beginnenden psychischen Erkrankung, ein Statement oder einfach der Leichtsinn eines Künstlers war, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber er gab das gesamte Geld an einem Nachmittag für Schallplatten aus (Mein Maler Jonas Nix aus „Die Wahrheit über Jürgen“ hat einige Züge von Kühn übernommen).

Ein Teil der schwarzen Vinylscheiben verblieb später im Besitz meiner Schwester – die hat sie nicht zerstört; sie waren für sie von der Beziehung nicht „vergiftet“. Unter dieser Musikauswahl fand ich – viele Jahre später – die Musiker, die meine heiße Liebe zur Klassischen Musik ablösten. Nachdem ich, bis ich etwa achtzehn war, nur die aufdringlichen slawischen Romantiker gehört hatte (Tschaikowsky, Rachmaninoff, Dvorak et al.), rückten nun sehr folgerichtig die Progrocker in mein Gesichtsfeld, also die Jon-Lord-lastigen Deep Purple-Platten, Jethro Tull, die frühen Genesis, Bo Hannson, Mahavishnu Orchestra, ELP, Eloy, Mike Oldfield und Pink Floyd, um nur ein paar zu nennen. Manches war wirklich ein Kulturschock für mich.

Von allen Musikern gab es die eine oder andere exemplarische Scheibe in der üppigen Sammlung meiner Schwester, manches kaufte ich mir. Auf dem Pink Floyd-Album „Atom Heart Mother“ (Ich liebe es!) ist der 13minütige Titel Alan’s Psychedelic Breakfast. Dort taucht auch der Name Alan Parsons auf dem Cover auf und wurde mir bewusst. Deshalb schaffte ich mir von dessen Gruppe ihr Debutalbum „Tales of Mystery and Imagination“ an, ein Konzeptalbum über Edgar Allan Poe, das eine Zeitlang bei mir im Dauerbetrieb lief. Ich kann noch heute zum Leidwesen von Frau Klammerle jedes Lied mitsingen. In den Jahren danach entdeckte ich den Blues für mich und die Platte von Alan Parsons verstaubte im Regal.

Die Erfindung der CD brachte es mit sich, sich zwangsweise einige der Lieblingsalben ein zweitesmal zu kaufen, darunter war auch die „Tales of Mystery and Imagination“. Ich legte die CD in den Player, öffnete schon den Mund, um: „Thus quoth the Raven, Nevermore, nevermore, never!“ mitzugröhlen, als zu Beginn der CD etwas völlig anderes passierte. Nach ein paar psychedelischen Klängen rezitierte eine sonore tiefe Stimme das Gedicht „A dream within a dream“. Auf dem Beizettel der Silberscheibe war dann zu lesen, dass diese Stimme zu Orson Welles gehörte, der für Alan Parsons kurz vor seinem Tod noch zwei Poe-Gedichte eingesprochen hatte und diese endlich im Gegensatz zur Schallplatte in der Enhanced Version enthalten seien.

Und so stammt über den Umweg Dieter Kühn – Progrock – Pink Floyd – Alan Parsons Projekt – Erfindung der CD und Orson Welles der Titel zu meinem Roman direkt von E. A. Poe. Ich danke allen Beteiligten.

A Dream Within A Dream

Take this kiss upon the brow!
And, in parting from you now,
Thus much let me avow-
You are not wrong, who deem
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

I stand amid the roar
Of a surf-tormented shore,
And I hold within my hand
Grains of the golden sand-
How few! yet how they creep
Through my fingers to the deep,
While I weep- while I weep!
O God! can I not grasp
Them with a tighter clasp?
O God! can I not save
One from the pitiless wave?
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?

Edgar Allan Poe

Diese Sommerlektüren (8) – Faulkner

Das Leben ist an Gut und Böse nicht interessiert…
Das moralische Gewissen des Menschen ist der Fluch,
den er von den Göttern anzunehmen hatte,
damit er von ihnen das Recht bekam, zu träumen.
William Faulkner

Dieser Sommer ist anders.

Er ist alt, ein Anachronismus. Er ist ein Sommer aus dem letzten Jahrhundert. Einer, den ich in „Stromausfall“ beschrieben habe; einer, wie er streng und unnachgiebig in meiner Erinnerung regelmäßig die Augustferien während meiner Schuljahre dominierte: Schwül, drückend, gewitterreich, dann grau, regnerisch und rasch abkühlend in der Nacht. Ein August, der morgens schon nach Oktober schmeckt. In dem bereits Nebel in der Frühe über den Feldern dampft, der sich dann nur zögernd und unwillig wie ein schlecht erzogener Hund vor der stechenden Sonne  in die Wälder flüchtet.

Selbst wenn der Morgen wolkenlos und frisch aus der Nacht tritt und der Tag heiß und trocken wird, sich eitel vom Regen der Nacht sauber gewaschen mit Tautropfen wie mit einer Perlenkette schmückt: Spätestens zur Mittagsstunde quellen wieder hitzige Wolken in den Himmel, erobert wie eine sich rasch ausbreitende Seuche tintenfarbenes Schiefergrau das Blau. Vom Luftdruck verblödete Schmeißfliegen taumeln ziellos und lästig brummend herum. Bremsen und kleine Mücken stürzen wie Kamikazeflieger auf ihre Beute. Träge, endlose Nachmittage, voller unbestimmter Erwartung und nie erfüllbarer Sehnsucht. In ihnen fällt sogar das Nichtstun schwer und jede Bewegung erzeugt Schweißtropfen auf der Stirn.

Dann, am Ende dieser blauen Stunden, folgt ein atemloser Moment der Bewegungslosigkeit, in dem nur die Grillen und von Ferne der ICE zu hören sind. Kein Blatt bewegt sich am Baum, die Natur lauscht und wartet. Bald bläst ein Unwetter den toten Nachmittag davon und der Abend ist so nass und feucht, dass sich das Papier meiner Lektüre wellt, das Hemd juckend auf dem Leib klebt und die Atmosphäre am Weinglas kondensiert.

Nein, der Coronasommer ist hier südlich der Donau kein Sommer des 21. Jahrhunderts. Die großen Ferienthemen wie Kornkreise, Sommerbaustellen und Schnapsideen aus politischer Sommerfrische tauchen in diesem Jahr nur am Rande auf. Kalte und heiße Kriege werden zwar weiterhin erbittert geführt, Ideologien und Religionen stoßen unversöhnlich aufeinander, Machtphantasien oder schlichtweg Irrsinn fordern täglich ungezählte unschuldige Opfer. Die Deutschen sind im Heimaturlaub und stehen im Stau. Wenn ich nicht schon längst den Glauben an die menschliche Vernunft oder an einen Gott verloren hätte, ich würde verzweifeln und ein Ende suchen. Aber so, im Zynismus und im Auge des Sturms, lebt es sich in diesem Sommer gar nicht schlecht. Man kann ja auch unter dem Vordach grillen. Ennui.

Und nun zur Sommerlektüre

Das Licht und die Stimmung dieses Sommers: Genau so muss es in den südlichen Staaten am Mississippi sein und das nicht nur eine Fegefeuer-Saison lang von ein paar Wochen, sondern eine lange Höllenewigkeit. Man denke nur an Elisabeth Taylor, die es sich in einem engen schwarzen Kleid als Katze auf dem heißen Blechdach gemütlich macht, an die frühen Romane von Truman Capote („Die Grasharfe“ und „Andere Stimmen, andere Räume„), an Rhett Butler, Onkel Tom (ja, ja, ich weiß. Die Sommerthemen) und an die Hitze der Nacht. Baumwollplantagen, große Villen mit Säulengängen, gewaltige Eichen. Dampfiges, regenreiches, subtropisches Klima, Sklavenhalter, Louisiana. Ein Schwarzer Diener in Livree reicht Highballs, die mit schwarz gebranntem Whiskey gemixt wurden. An den Gläsern kondensiert die hohe Luftfeuchtigkeit, blaue Stunden. Ennui.

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Niemand hat diese Welt besser und zugleich komplexer in seinen Büchern bewahrt wie der Nobelpreisträger Willam Faulkner (1897 – 1962), der bei all seinen teilweise kindischen Modernismen[1] ein genialer Erzähler war und nicht zuletzt auch ein kleiner Balzac. Seine vielen Novellen, Kurzgeschichten und die etwa 20 Romane aus der von ihm erfundenen, vom Mississippi durchflossenen Provinz Yoknapatawpha (kein Scherz!) mit ihrer Hauptstadt Jefferson sind eine Art Chronik seiner Zeit mit einem festen Figurenpersonal, die sich im großen und ganzen um die Familien Satoris und Snopes dreht.

Das Gesamtwerk – auch hier ähnelt Faulkner Balzac – ist auf Deutsch nur antiquarisch erhältlich, wichtige Werke wie die Snopes-Trilogie sind nicht in aktuellen Ausgaben erhältlich. Es gibt eine alte Taschenbuchedition von Diogenes, von der allerdings nur ein Teil im Buchhandel erwerbbar ist. Faulkner zu übersetzen ist übrigens immer eine Großtat und erzeugt Rauschen in den Blättern der Feuilletons. Kürzlich  ist bei Rowohlt eine aktuelle Übersetzung von Schall und Wahn erschienen, dem Hauptwerk des Südstaatenromanciers – für Faulkner-Beginner ist das Werk allerdings nahezu unlesbar; egal, in welcher Ausgabe. Auch der wundervolle Roman Licht im August wurde neu übersetzt.

Empfohlen seien für Einsteiger, die sich nicht schwindlig lesen und das Buch wutentbrannt in die Ecke feuern wollen, die Erzählungen und unter diesen die Kriminalgeschichten, für die Faulkner ein Faible hatte. Ich will behaupten, dass „Eine Rose für Emily“ die beste Krimi-Kurzgeschichte ist, die ich je gelesen habe. Wer es nicht ganz so kurzatmig haben will, dem sei in diesem Südstaatensommer der für Faulknerverhältnisse leicht und flüssig lesbare Roman „Griff in den Staub“ empfohlen, in dem dieser mit der Hand des Meisters geradezu lässig eine Stimmung aufbaut, vor der man nur bewundernd in die Knie sinken kann. Es ist eine Detektivgeschichte, die sich zu einem ganz großen Drama entwickelt.

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[1] Im Satz wechselnde Erzähler, Hauptfiguren mit gleichem Vornamen, Stream-of-consciousness, fröhliche Zeitsprünge und andere, ungezählte Manierismen. Faulkner ist Meister im Leserverärgern.

Diese Sommerlektüren (7) – Berg und See

„Hier werden wir bleiben,
was auch geschieht.
Und auf die Stimmen des alten Meeres hören.“
Norman Lewis

Es gibt eine Diskussion, die führen Frau Klammerle und ich in jedem Jahr. Wenn im Frühling die Entscheidung ansteht, wohin es uns in unserem gemeinsamen Urlaub ziehen wird, stehen grundsätzlich zwei Himmelsrichtungen zur Auswahl: Der Norden oder der Süden. Meine Frau will ans Meer. Sie will ein Cottage in Irland, im Watt wandern, finnische Fjorde, Radfahren auf Rügen, die salzige Nordsee der windgepeitschten Bretagne im Gesicht spüren. Mich hingegen zieht es in die Wärme. Ich möchte Renaissance in der Toskana, Alpenglühen am Rosengarten, Antiken in Griechenland, die Abgeschiedenheit einer Berghütte, das Zirpen der Grillen nach einem hitzeschweren Sommertag. Vor allem aber möchte ich nicht tagelang im Auto sitzen, um abgekämpft meinen Urlaubsort zu erreichen. Dieses Argument sticht in der Regel. Schließlich liegt Augsburg schon recht südlich an der alten Via Claudia und ich bin fast schneller in Rom als in Hamburg. In Italien ist zudem das Essen besser; dort würde niemand auf die Idee kommen, „Labskaus“ zu servieren. Warum sollte ich zu den Mücken und dem Regen des Vänersees fahren, wenn ich mich mit einem Vino Rosso in der Hand im abendlich warmen Licht des Lago Maggiore stechen lassen kann? Billiger ist es auch.

Obwohl also meist die Vernunft (also ich) siegt, bleibt doch eine Sehnsucht, die ich mit Frau Klammerle teile, wenn ich ehrlich bin. Wer die „Binderseil-Erzählung“ meines Romans „Aber ein Traum“ liest, kann dort diese Faszination wiederfinden. Der erste ernsthafte Romanversuch, den ich im Alter von zarten 14 Jahren schrieb und freilich nie beendet habe, begann mit folgenden Worten (Achtung, jetzt kommt eine Jugendsünde!):

„Das Meer ruht niemals. In ewiger Bewegung kräuselt es schaumige Wellen empor und strömt dahin. Wie Könige erheben sich hohe Wellen. Ihre Spitzen tragen Kronen von blendendem Weiß, ihr Umhang ist durchsichtig grün. Sie schwimmen und ergießen sich sterbend in die Gischt des Ufers.“

Und so geht es noch ein paar Absätze weiter. Ich wusste eben den Anfang auswendig, obwohl ich den Text seit Jahren nicht mehr aus meiner Giftschublade holte. Es muss die Sehnsucht des Landbewohners sein, eine Ur-Erinnerung, eine Suche nach dem Mutterschoß des Meeres. Und ich meine hier nicht die müde, alte Badewanne Mittelmeer, die zumindest auf ihrer europäischen Seite (1) ein gezähmtes, zahnloses und verschmutztes Raubtier ist, sondern die Endlosigkeit des Großen Ozeans, den Atlantik, den Pazifik, die Schicksale, die sich an oder auf ihnen begeben …

Wie gut, dass da Schriftsteller sind, die vom Meer schreiben und die Sehnsüchte befriedigen können. Ihre Zahl ist Legion und ihr Heerführer ist Herman Melville.

Ich habe mich wieder einmal durchgesetzt und verbrachte die letzte Woche gemeinsam mit Frau Klammerle bei extrem hitzigen Wetter im Berchtesgadener Land. Vielleicht sollten wir noch weiter in den Süden fahren. Im Gepäck hatte ich auf jeden Fall den einen Roman von Josef Conrad (1857 – 1924), den ich noch nicht las, weil er außer in teuren Gesamtausgaben auch antiquarisch kaum erhältlich ist. Es ist sein letzter Roman „Der goldene Pfeil“, der nicht mehr ganz die Wucht seiner früheren See-Stücke erreicht, sondern wie „Mit den Augen des Westens“ mehr ein von Galsworthy beeinflusstes Gesellschaftsdrama ist. Conrad ist längst gemeinfrei und man kann einige seiner Werke bei den üblichen Verdächtigen als kostenlose E-Book-Ausgaben auf seinen Reader laden. Neben „Lord Jim“ ist „Herz der Finsternis“ sein bekanntestes Werk und es ist schlicht die beste Erzählung, die ich je gelesen habe. Conrad wurde übrigens in Polen geboren und erlernte die englische Sprache erst im Erwachsenenalter, die er dann allerdings so perfekt beherrschte, dass er als der sprachlich beste Romancier Britanniens gilt. Wer eine Ahnung davon haben möchte, sollte als Strandlektüre „Die Schattenlinie“ lesen, ein kleiner Roman, von dem Jakob Wassermann geschrieben hat, die Erzählung sei „so markant und unverwechselbar, daß man ihre Luft noch atmet, in ihrem Rhythmus noch schwingt, auch wenn ihr Inhalt, Fabel und Szene längst in der Erinnerung verblaßt sind.“ Vielleicht ist das das größte Kompliment, das man einem Autor machen kann. Ich wünschte mir, dass dies irgendwann einmal jemand über einen Text von mir sagen wird.

Die zweite Empfehlung ist Norman Lewis (1908 – 2003). Obwohl er ein geradezu magischer Geschichtenerzähler war und viele spannende Romane und Reiseberichte geschrieben hat, ist er in Deutschland nahezu unbekannt und kaum übersetzt. Wer das Glück hat, die Insel-Taschenbuchausgabe von „Die Stimmen des alten Meeres“ mit einem Vorwort von Cees Nooteboom antiquarisch zu ergattern, sollte diesen frühen „tourismuskritischen“ Roman unbedingt in diesem Sommer lesen. Er ist teilweise autobiografisch und erzählt aus der Sicht eines Fremden, wie die Moderne innerhalb von 3 Jahren die archaische Gemeinschaft eines spanischen Fischerdorfs zerstört, wie der bereits in den 50er-Jahren aufkommende Massentourismus bewirkt, dass über Jahrhunderte gewachsene Strukturen aufbrechen, uralte Traditionen vergessen werden, die Umwelt und die Lebensgrundlagen der Menschen vergiftet werden. Und es ist ein wundervolles Buch über das Meer und seine Anwohner.

Im paradoxen Gegensatz zu der ozeanischen Literatur, die sich wie ein Berg auftürmt, ist die alpine flach wie der Meeresspiegel. Es gibt kaum nennenswerte Bergliteratur. Woran mag das liegen? Dass viele Schriftsteller lieber am Sandstrand im Schatten einer Palme schreiben, wenn sie die Alkoholmengen des Vortages verdaut haben (Hemingway) und nicht im Frühtau zu Berge ziehen, fallera? Dort dann eher „Der alte Mann und das Meer“ als „Der alte Mann und der Berg“ entstehen? Dass Bergliteratur immer ein „Geschmäckle“ hat, wie die Schwaben es nennen, man sofort an Ludwig Ganghofer, Heidi, Luis Trenker, den Förster vom Silberwald, unsägliche nationalsozialistische Blut-und-Boden-Schinken, den Obersalzberg, Andy Borg und die Kastelruther Spatzen denken muss? Warum regt die atemberaubende Enge und Tiefe der Schluchten, das todweiße, kristallklare Eis des Gipfels, die menschenverachtende Majestät der Höhen nicht mehr und vor allem bessere Autoren an, ihnen ein Lied zu singen? Ich weiß es nicht. Gelungene Bücher gibt es selbstverständlich auch, zum Beispiel Jon Krakauers „In eisige Höhen“, das den Irrsinn des boomenden Mount-Everest-Tourismus beschreibt, der in schöner Regelmäßigkeit Katastrophen und Dramen produziert, die eines Shakespeare würdig wären. Die modernen Menschen spielen leichtfertig mit der Tragödie, weil sie nicht an sie glauben …

Also, liebe Schriftstellerkollegen, hier ist noch viel Stoff zu finden. Die Berge sind ein Steinbruch an Ideen, ein unbekanntes Land voller weißer Flecken, die auf ihren Erforscher warten. Oder um es mit Franzl Lang zu sagen:

„Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen,
steigen dem Gipfelkreuz zu,
in unsern Herzen brennt eine Sehnsucht,
die lässt uns nimmermehr in Ruh.“

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(1) Lawrence Durrell (1912 – 1990) spricht in seiner „Alexandria“-Romantetralogie von der richtigen und der falschen Küste des Mittelmeers. Betrachtet man das Schicksal der afrikanischen Flüchtlinge, von denen viele ihren Versuch, von der einen zur anderen Seite zu wechseln, mit dem Leben bezahlen, ist diese Einteilung noch heute aktuell. Durrells Griechenland- und Italien-Reisebücher aus den 40er- und 50er-Jahren (z. B. „Leuchtende Orangen“ oder „Bittere Limonen“) sind noch immer Standardwerke, die man im Reisegepäck haben sollte, wenn man nach Rhodos oder Zypern fährt.

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