Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.4)

[Zum 1. Teil]

Das Intermezzo im Buchladen hatte höchstens zehn Minuten gedauert, da war sich Klammer sicher. Aber die schmale Vicolo vor der Ladentür lag still in der Abenddämmerung und war vollkommen menschenleer. Im Schatten der sich nahe gegenüberstehenden, wie sich schützend einander zuneigenden Häuser war es spürbar kälter geworden. Das näherkommende Knattern von mehreren Motoren drang an Klammers Ohren. Er sah sich nach dem Avvocato Ienalli um, doch der lehnte nicht mehr an der Häuserfront und leckte seine Wunden und sein angeschlagenes Ego. Offenbar war mehr Zeit vergangen, als der Autor gedacht hatte. Aber war er nicht nur ein paar Augenblicke – viel zu kurz für seinen Geschmack! – in der Buchhandlung zusammen mit seiner Tochter und den anderen gewesen? Irgendwie hatte er jetzt das Gefühl, es sei inzwischen mindestens eine Stunde vergangen und die Kühle eines Abends im April manifestierte sich fast schon als Nebel über dem brüchigen und vielfach ausgebesserten Asphalt. Er hörte das Geräusch einer sich schließenden Tür hinter sich. Verenas Miene verfinsterte sich. Marini war den beiden gegen ihre ausdrückliche Anweisung nach draußen gefolgt und ebenfalls aus der Buchhandlung getreten. Gerade verschloss er den Eingang gewissenhaft hinter sich. Offenbar war es um den Gehorsam von Verenas Gefolgsleuten – Pagen? – doch nicht so gut bestellt, wie Klammer gedacht hatte. Er war neugierig, wie sich Marini verteidigen würde.

„Waren meine Anweisungen etwa nicht deutlich genug?“, fragte Verena scharf.

Certo! Das waren sie. Aber seit wann ist unser kleiner Geheimbund eine Diktatur, in der du der Tyrann bist? Ich finde, es wäre doch besser, wenn ich mit euch mitkomme. Mercedes und Isa kommen gut ohne mich zurecht, aber euch kann ich helfen“, führte Marini gelassen aus, nachdem er den Schlüssel sorgfältig in seine Hosentasche gesteckt hatte. Er hob in opernhafter Verzweiflung die Hände vor sich, als würde er an einem Apfelbaum schütteln. „Überlege doch mal, Elena: Drei Zeugen sind erst einmal wesentlich überzeugender als zwei – schließlich kenne ich im Gegensatz zu Niccolo die ganze Geschichte. Und dann könnten wir vielleicht doch noch unseren geplanten kleinen Ausflug in die Bücherkeller des Vatikans unternehmen und das andere Exemplar stehlen. Wie findest du das? Außerdem sind deine Ortskenntnisse über Rom schon ein wenig veraltet, nicht?“

Verena legte den Kopf schief und kniff ein Auge zusammen, während sie den kleinen Mann aufmerksam musterte. Klammer erschien diese Körperhaltung wie auswendig gelernt und sehr gekünstelt. Ihm war, als hätte er sie oder eine ganz ähnliche schon einmal in einem Film oder auf einem Foto gesehen, aber obwohl es ihm auf der Zunge lag, fiel ihm einfach nicht ein, bei welcher Gelegenheit das gewesen war. Das Gesicht der geheimnisvollen Frau war vollkommen leer, dann nickte sie.

„Ja, ich gebe es zu. Seit dem Sommer 1816 hat sich hier einiges verändert. Und nicht nur zum Guten.“ 1816? Klammer biss sich auf die Lippen. Wie alt war diese Frau?

„Aber irgendwie glaube ich, du hast auch noch einen anderen Grund, uns zu begleiten, oder?“, fuhr sie fort. Sie lächelte dabei wissend, doch Marini zuckte nur mit den Schultern.

„Gehen wir endlich?“, fragte er und fügte nach kurzem Zögern geheimnisvoll hinzu: „Es wird schwierig genug werden.“

Die Strecke nach vorne zur Kreuzung, an der die Vicolo della Volpe zuerst in die Vicolo della Pace und anschließend in die Via d‘Lorenesi mündete, wo das von Efeu überwucherte Hotel Raphael seinen Haupteingang hatte, war nur einige hundert Meter lang. Die Gasse war so schmal und eng, dass sie kaum Gelegenheit bot, nebeneinanderzugehen. So mussten die drei mit Verena Salva an ihrer Spitze im Gänsemarsch laufen und sich dabei ganz eng an die schmutzigen, braunen Hauswände pressen, um für die ihnen entgegenkommenden oder sie in tollkühnen, lautstark hupenden Ausweichmanövern überholenden Vespas kein Verkehrshindernis zu sein. Die Motorroller schwärmten plötzlich, wie auf ein geheimes Signal hin, einem aufgeregten Hornissenschwarm gleichend durch die eigentlich nur für Fußgänger zugelassene Vicolo. Die nahe Santa-Maria-del-Pace-Kirche hinter ihrer hohen, schimmelfleckigen Mauer läutete gerade zur Vesper.

Klammer drehte sich zur Seite, und ließ eine stinkende, in Altrosa lackierte Vespa an sich vorbei, auf der eine junge Römerin saß, deren dunkle Lockenpracht unter ihrem ebenfalls rosafarbenen Helm hervorquoll. Sie schien etwas zu ihm zu sagen, während sie ihn überholte, aber Klammer konnte sie wegen des infernalischen Lärms ihrer Maschine nicht verstehen. Merkwürdig! Er fragte sich, ob die Uhrzeit der Grund war, aus dem so viele Zweiräder mit knatternden Zweitaktermotoren ihren Weg ausgerechnet durch dieses unscheinbare Gässlein bahnten, als wäre es eine Hauptverkehrsader. Dieses aus dem Nichts aufgetauchte Verkehrschaos hatte schon etwas Bedrohliches und er war längst darüber hinaus, eine solche Erscheinung als zufällig abzutun. Seit er dem Avvocato Ienalli begegnet war, schien ihm alles um ihn herum voller Zeichen und geheimer Codes. Er ertappte sich bei dem Gedanken, ob nicht auch die Anordnung der kleinen, holprigen Pflastersteine im Boden eine geheime Bedeutung besaß, die ihm nur verborgen war, weil er nicht ihre Sprache verstand. Und nun erschien ihm auch der Weg durch die Gasse wesentlich länger als vorhin, als er sie auf der Suche nach der Buchhandlung vorsichtig in die andere Richtung hinuntergegangen war. Nach dem virtuellen Stadtplan, den er zuhause am Computer studiert hatte, war die Vicolo della Volpe nicht einmal hundert Meter lang und mündete in nördlicher Richtung beim Uhrengeschäft Brandizzi in die Via dei Coronari. Doch nun erschien sie ihm wie ein schier endloser, beängstigend enger Schlauch, der sich mit jedem Schritt weiter vor ihm aufrollte und dessen Ende sich mit jedem Schritt weiter von ihm entfernte. War dies ein ähnlicher Effekt wie jener, den er gestern Vormittag auf der Kellertreppe in dem Haus in der Augsburger Altstadt erlebt hatte? Auch dort hatte es sich für ihn so angefühlt, als hätte er währenddessen Jahre und nicht nur Augenblicke erlebt. Er verzögerte seinen Schritt und wandte sich halb zu Marini um, der zwei Schritte hinter ihm ging, die Hände in die Hosentaschen gesteckt hatte und schräg, aber unverkennbar, die Anfangstakte der Kleinen Nachtmusik pfiff. Der Italiener holte auf.

„Ich habe Ihr Buch gelesen“, behauptete Klammer, obwohl er nur den Abschnitt über die Illuminaten überflogen hatte. In Marinis Gesicht ging die Sonne auf und seine Augen wurden hinter seiner lupenartigen, schwarzen Hornbrille noch größer.

Davvero?“, fragte er erfreut und machte synchron mit Klammer einen Sprung zur Seite, um einer weiteren Vespa-Fahrerin auszuweichen, die von hinten angerollt kam. Marini musste schreien, um deren Krach zu übertönen. Auch dieser Motorroller war rosa lackiert, genau in dem Farbton, in dem auch der Helm gehalten war, den die Lenkerin keck über ihre herrlichen, schulterlangen Locken gestülpt hatte. Rief sie den beiden etwas zu? Bei dem Lärm war das schwer zu sagen.

Kommen hier denn immer wieder die gleichen Motorroller vorbei? Wie verrückt ist das denn? Wenn das ein Traum ist, fragte sich Klammer, wann habe ich dann eigentlich begonnen, ihn zu träumen? Marini, der die Konfusion sah, die in Klammers Gesicht erschienen war, schob ihn noch näher an die bröcklige, mit Graffitis beschmierte Mauer heran und fasste ihn vertraulich unter den Arm. Um das weiterhin stete und einfach nicht enden wollende Läuten der Kirchenglocken und das Knattern der Zweitakter zu übertönen, schrie er dem Autor ins Ohr.

„Das muss dich beunruhigen, Niccolo. Du bist das noch nicht gewöhnt. Diese merkwürdigen Zustände erscheinen immer, wenn die Buchhandlung zwischen zwei Orten … wie soll ich sagen? … transitiert. Es ist, als würden ihre Räumlichkeiten in der näheren Umgebung ein Vakuum zurücklassen, in dem die Wirklichkeit wie ein altes Dieselaggregat einige Anläufe benötigt, bis sie stotternd wieder in Gang kommt und die Lücke ausfüllt. Ich habe keine Erklärung dafür, denn ich bin Historiker und kein Physiker. Der Spuk müsste aber gleich vorbei sein“, erläuterte er. Klammer verstand kein Wort. Die Römerin in Rosa fuhr ein weiteres Mal knatternd durch die endlose Gasse und an ihnen vorbei. Doch diesmal schien sie die Gruppe Fußgänger zu bemerken, denn sie drehte ihren Kopf nach ihnen.

[Zum 5. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.3)

[Zum 1. Teil]

Porca miseria! Wie konnte denn das geschehen?“, warf Marini zornig und überrascht ein. Nach dem Fluch, der ihm unbedacht herausgerutscht war, wechselte er sofort in ein akzentfreies Hochdeutsch. „Was machen wir denn nun? Wir brauchen das Buch!“

Klammer hob schuldbewusst die Handflächen nach oben. Er fühlte sich plötzlich wie vor ein Gericht gestellt. Er wandte sich an Verena, die ihm vielleicht als Anwältin helfen konnte:

„Es schien mir das einzig Richtige zu sein. Ich wurde seit Innsbruck von diesem Avvocato verfolgt und ich wusste, dass er nicht nur hinter Isa, sondern auch hinter dem Geltsamer-Buch her war. Mal abgesehen von dem Zaubertrick, den es durchführen kann, habe ich nicht die geringste Ahnung, was das Buch so wertvoll macht. Doch ich habe die einzige Gelegenheit genutzt, die sich mir bot, es in Sicherheit zu bringen, als ich mich heute Vormittag im Hotel Raphael nach euch beiden erkundigte. Ihr wart ja leider unterwegs … also, was sollte ich tun? Ich hatte auch nicht viel Zeit, nachzudenken.“

„Das war ja sicher ein guter Einfall, aber …“, setzte Isa an.

„… aber jetzt ist der Verleger in Lebensgefahr und das Buch könnte den Hyänen in die Hände fallen“, brachte Mercedes den Satz zuende. Weiter hinvollkommen in mit ihr telefoninio versunken, hatte sie bisher nicht den Eindruck gemacht, als würde sie zuhören. Aber nun hatte sie das Offensichtliche in dem düsteren und rauchigen Tonfall einer Sybille ausgesprochen.

„Das wäre eine Katastrophe, die wir unbedingt verhindern müssen. Welki sitzt im Moment auf der Dachterrasse unseres Hotels und ist von vielen Menschen umgeben“, sagte Verena nach einer kleinen Pause, in der alle betroffen vor sich hinstarrten. „Ich hielt es für das Beste, ihn dort sitzen zu lassen, denn ich dachte, er wäre dort sicher. Aber nachdem nun klar ist, dass uns die Hyänen auch hier in Rom aufgespürt haben, war das wohl nur Wunschdenken. Wir wissen es ja: Um Isabellachen in die Hände zu kriegen, würden sie über Leichen gehen. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass sie das tun.“ Verena hielt den Kopf schief, überlegte. Dann klatschte sie entschlossen in die Hände. „Es geht nicht anders. Wir müssen unseren Plan ein wenig abändern. Ich werde zurück ins Hotel gehen und meinen Welki in alles einweihen müssen. Da wird er Augen machen! Ich hoffe, er kann mir verzeihen und verdauen, dass ich ihn schon seit Monaten belüge! Gaetano, Mercedes und Isa, ihr solltet sofort gemeinsam mit der Bibliothek verschwinden – ihr wisst wohin. Die Sicherheit der Einzigen hat Vorrang vor allem anderen. Die Hyänen dürfen nicht noch einmal so nah an sie herankommen wie in Brasilien. Wir treffen uns dann mit dem Russen am vereinbarten sicheren Platz.“

„Aber wie werdet ihr uns folgen können?“, fragte Marini, auf dessen gerunzelter Stirn deutlich geschrieben stand, wie wenig Beifall dieser Entschluss bei ihm fand.

„Wir sind gestern Mittag mit Welkis Privatflugzeug auf dem Aeroporto Ciampino gelandet. Hast du das vergessen? Wir holen uns schnell neue Genehmigungen und ich fliege euch dann mit der Maschine hinterher. Morgen oder spätestens übermorgen sind wir alle zusammen in der Schweiz im Rayon. Ich kann euch allerdings noch nicht sagen, auf welchem Flughafen wir landen dürfen, werde euch aber, sobald es möglich ist, informieren und dann mit einem Mietauto kommen.“

Marini kaute an einer zweifelnden Antwort, aber er schluckte sie hinunter. Eines war Klammer während des Wortwechsels deutlich geworden: Verena Salva war Anführerin, Mittelpunkt und spiritus rector des kleinen, verschworenen Bundes. Es gab keinen Widerspruch, wenn die angebliche Lyrikerin eine Entscheidung traf; auch wenn Marini offensichtlich nicht mit ihr einverstanden war.  Klammer kniff die Augen zusammen und musterte die Frau, die gelassen auf Marinis Zustimmung wartete und ruhig dessen Blick erwiderte. Sie war für ihn auf die Schnelle nicht zu durchschauen. Obwohl Klammer viel auf seine Menschenkenntnis hielt, wurde er einfach nicht schlau aus ihr. Sie hatte in dem kurzen Gespräch alle seine Vorurteile bestätigt, die er gegen Frauen hegte, die Poesie schrieben. Doch als sie eben als deus ex machina über den armen Avvocato Ienalli hergefallen war und den Tag rettete, hatte sie auf Klammer wie eine in allen Kampfkünsten erfahrene, weibliche James-Bond-Ausgabe gewirkt. Dabei war sie eine zwar große, aber fast jungenhaft schmale Frau Mitte Dreißig, die ein kurzes Sommerkleid und Sandalen mit hohen Absätzen trug und einen vollkommen harmlosen ersten Eindruck machte. Nichts an ihrer Erscheinung ließ erahnen, wie stark und geschickt sie war. Doch ihre bezwingende Ausstrahlung und Dominanz war für ihn, da er nun direkt neben ihr stand, nahezu körperlich spürbar. Es gab eine merkwürdige Diskrepanz zwischen der hübschen Hülle und der alten Seele, die in ihr wohnte. Ihr Blick aus hellblauen, durchsichtigen Augen wirkten abgeklärt, weltweise und sie schienen Klammer so vollkommen zu durchschauen, als stünde er nackt vor ihr. Der Schriftsteller hatte so etwas noch nie erlebt: Das waren bleiche Greisenaugen in dem schönen, spöttischen Gesicht einer, von seinem Standpunkt aus betrachtet, noch jungen Frau. Es schien ihm überhaupt nicht mehr abwegig, dass in diesem Kopf Elena Kuipers Seele stecken könnte, der Geist jener taperen Dschungelforscherin, die – glaubte er Marinis Vorwort zu ihrem Tagebuch – doch schon seit über achtzig Jahren tot war. Aber wie war so etwas überhaupt möglich? Klammer wollte gerade fragen, ob die „Rosmarinkatze“ die Enkelin oder Urenkelin der Ärztin mit niederländischen Wurzeln war, da wurde er von Marini unterbrochen:

„Also gut, dann machen wir das so“, gab sich der ehemalige Jesuit endlich geschlagen, nachdem er eine Weile überlegt hatte. Aber seine weiterhin in Falten gelegte Stirn strafte seine Worte Lügen. Er war durchaus nicht mit Salvas Entscheidung einverstanden. Nun war Klammer an der Reihe, sich zu räuspern.

„Und was ist mit mir, Verena?“ Er konnte sich noch nicht überwinden, die Frau wie die anderen „Elena“ zu nennen. Er wollte sich einfach nicht mit der Vorstellung anfreunden, diese dichtende Freundin seines Verlegers sei mit der Ärztin aus dem Tagebuch identisch und inzwischen 120 Jahre alt.

„Du gehst mit mir zu Welki mit, Nikolaus!“, sagte Verena bestimmt und packte ihn am Oberarm. Probeweise versuchte er, sich loszumachen, doch es gelang ihm nicht. Ihr Griff war viel zu fest, eisern wie eine Handschelle.

„Warum kann Papa nicht mit uns kommen?“, warf Isa erstaunt ein.

„Weil ich ihn zum Einen benötige, um Welki zu überzeugen. Wenn ich meinem Dickerchen ohne Zeugen mit unserer Geschichte komme, lässt er mich geradewegs in die Irrenanstalt an der Piazza Colonna einweisen.“

„Die ist schon vor zweihundert Jahren geschlossen worden“, bemerkte Marini lachend. Verena zuckte mit den Schultern.

„So? Als ich zuletzt in Rom war, gab es sie noch. Auf jeden Fall brauche ich die ganze endlose Geschichte nicht jedem einzeln erzählen, wenn ich Nikolaus mitnehme“, fuhr sie in sich hineinlächelnd fort. „Außerdem wird es Zeit, dass dein Vater endlich seine Arbeit als Page aufnimmt.“

Sie zog den von dieser plötzlichen Wendung vollkommen überraschten Klammer wie ein widerspenstiges Kind mit sich. Obwohl er seine eben wiedergefundene Tochter auf keinen Fall schon wieder verlassen wollte, war er so überrumpelt, dass er sich nicht wehrte, was ihm eingedenk der Stärke von Welkenbaums Freunden eh nichts genützt hätte. An der Tür blieb Verena noch einmal stehen und sah zu der betroffenen Isa zurück.

„Ich werde auf ihn aufpassen, keine Sorge. Deinem Vater wird nichts geschehen. Ihr seht euch bald wieder.“ Dann holte sie einmal konzentriert Luft und trat mit Klammer im Schlepptau aus der Buchhandlung, bevor er oder seine Tochter noch einmal Einsprüche erheben konnten.

[Zum 4. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Das rote Haus – Die Illustrationen

Anfang Februar werde ich im Eigenverlag(1) meinen Kurzgeschichtenband „Das rote Haus“ veröffentlichen.

In dem 230 Seiten dicken Buch, das es selbstredend auch als Ebook geben wird, wird eine Auswahl meiner kurzen Geschichten zu finden sein. Ich habe das Buch in vier Kapitel unterteilt, um die 25 inhaltlich und auch sprachlich sehr unterschiedlichen Texte ein wenig zu gliedern. Zu jedem der Kapitel habe ich eine Illustration gemacht, die mit einem kurzen Zitat(2) in den Themenkreis einführt.

Da ich aus Kostengründen die Innenillustrationen des Buchs nur in Schwarz-Weiß abbilden kann, hier mal die farbigen Originale:

Ich hoffe, meine künstlerischen Versuche erwecken in euch die Lust, mein neues Buch zu lesen.


(1) Warum sagt man seit ein paar Jahren eigentlich immer „Selfpublishing“, wenn es dafür auch das, wie ich finde, elegantere und prägnantere deutsche Wort „Eigenverlag“ gibt? Sälfbublisching, nein, das geht gar nicht!

(2) Wer findet alle Quellen? Heutzutage ist das mit dem Internet kein Problem mehr.

Ein paar Anmerkungen zu meinem Blog „Aber ein Traum“

Wer wagt, durch das Reich der Träume zu schreiten,
gelangt zur Wahrheit.

E.T.A. Hoffmann

Vor bald acht Jahren begann mit den folgenden, hier ein wenig erweiterten Artikeln mein persönlicher Traum von einem Blog, mit dem ich mich als Autor einer Öffentlichkeit präsentieren, neue Menschen kennenlernen, alte Bekannte wiedertreffen, Kontakte pflegen und Gespräche führen wollte, nachdem ich 20 Jahre lang geschwiegen und nur für meine Familie gelebt hatte. Ich hatte sogar die verschämte Hoffnung, meine intellektuelle Vereinsamung beenden zu können … Nun, aus diesem Traum bin ich dann doch bald erwacht. Nach all der Zeit fasse muss ich nun nüchtern zusammen: Fast niemand verirrt meinen Blog, meine Literatur oder meine Glossen. Der Blog dient mir inzwischen als Textarchiv in der ‚Cloud‘ und als Anreiz, meine Texte in eine endgültige Form zu schleifen, um sie dann für mich persönlich in ansprechender Form binden zu lassen.

Trotzdem kann ich mir selbst auf die Schultern klopfen: In der Zeit habe ich über 1000 Einträge erstellt, jede Woche, manchmal sogar jeden Tag, etwas Neues geschrieben und veröffentlicht. Dabei sind hunderte von Seiten aus meinen Romanen, viele Erzählungen, Lyrik, Kurzgeschichten, „Freitagsaufreger“, „Wochenlesen“ über Bücher und Autoren, Theaterstücke und ein umfangreiches Essay über Minnedichtung, Artikel über das Leben in meinem Dorf, Glossen und Momentaufnahmen, Gedankensplitter, Wanderberichte und sogar 3 Kochrezepte. Zum Zwecke der Illustration habe ich etwa 800 eigene Fotos eingebunden. Ich werde mir später eine Flasche französischen Sprudel von der Witwe Clicquot entkorken und mit mir selbst anstoßen.

Und weitermachen …

All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

E. A. Poe

Gut, but mit aber zu übertragen mag ein wenig eigenwillig sein – „Edgar a Poet“ hätte es mir wohl verziehen, zumal seine Deutschkenntnisse nur gering waren. Allerdings gefiel mir aber deutlich besser als das gebräuchliche nurAber ist viel trotziger, aufsässiger, durch den langen Vokal am Anfang dominanter und hier ist es nicht als Konjunktion, sondern als Adverb gebraucht (im Sinne von wieder, abermals).

Aber ein Traum … Damit ist das Thema meines Romanes gesetzt und auch auf eine Quelle der Inspiration hingewiesen, und so beginnt das zweite Kapitel auch mit dem Erwachen aus einem Traum, der jedoch erst später erzählt wird:

„Am ersten Montag seines Sommerurlaubs erwachte Jonas Zacharias Habakuk mit bohrenden Rückenschmerzen, die wie ein Messer zwischen seinen Lendenwirbeln steckten.

Das war ihm überraschend, da der sportliche Mittvierziger nur selten Probleme mit seiner Wirbelsäule hatte und sich auch nicht erinnern konnte, am Wochenende schwer gehoben oder unbequem gesessen zu haben. Er lag daher selbstmitleidig und mehr erstaunt als ängstlich auf dem Rücken und versuchte, ihn so wenig wie möglich zu belasten. Ihm wurde bewusst, dass er bereits aus einem nicht erinnerten Traum heraus jede plötzliche Bewegung vermied, es nicht einmal wagte, seinen Kopf in Richtung Nachttischlampe und Uhr zu wenden.

Es dämmerte, wie er an dem verwaschen grauen, zum Fenster hin heller werdenden Lichtfleck an der Decke erkennen konnte und mochte gegen fünf Uhr am Morgen sein, noch viel zu früh, um an seinem verpflichtungslosen Urlaubstag Ende Juni aufzustehen.“

Ich will ehrlich sein: Erzählte Träume langweilen mich. In Romanen überblättere ich sie grundsätzlich, denn sie haben eigentlich nie etwas mit der Handlung zu tun, sie sind ein retardierender und, wie ich finde, fader Moment des Zeilenschindens. Man lernt auch die Figur des Träumenden nicht näher kennen, denn Träume sind in der Tat Schäume, sie bedeuten mir – Freud zum Trotz – buchstäblich Nichts.

Nicht nur im Buch, auch im Alltäglichen habe ich einen Horror vor Traumgeschichten. Jemand erzählt mir zu meinem Leidwesen den seinen brühwarm am Frühstückstisch, den, den er beim Erwachen träumte und den er beim Erwachen eigentlich schon wieder fast vergessen hat – meistens liegt ihm nur noch ein Geschmack auf dem Mund – und während er berichtet, geschieht etwas Seltsames: Sein Geist/Verstand/Über-Ich/Was-weiß-Ich greift ordnend ein und gibt dem Traum Folgerichtigkeit, innere Logik, einen Handlungsablauf, der nie existerte – der Traum wird zum Gleichnis, zur Allegorie. Der tatsächliche Traum war nur eine Melange von wirren und surrealen Bildern, Eindrücken, Satzfetzen und Bewegungen, alle ohne Handlung, Logik oder gar Stringenz.

Das ist wie mit den Wolkentieren, den Badezimmerfliesengestalten oder dem Jesusabbild auf dem angebrannten Tost: Eigentlich ist dort nichts zu sehen, die Gegenstände sind zufällig so, sie nehmen keinen Kontakt mit mir auf. Aber verzweifelt schafft mein Verstand Verbindungen (er ist dazu gezwungen) und es gelingt ihm, die Gegenstände zu beleben, etwas zu erkennen, was nicht da ist. Wenn er sein Bild dann gefunden hat, vergisst es es erleichtert nie mehr: Das Mondgesicht ist geboren. Bei Träumen ist das ganz ähnlich: Das Gehirn schmeißt während meines Schlafs wie ein Messie alle möglichen Abfälle des Tages wüst in einen Raum und wühlt sie durcheinander. Wenn ich aufwache, beginne ich aufzuräumen. Ich konstruiere mir meinen Traum – und oft ist er für mich wundervoll. Es gibt Traumbilder, die man nie vergisst. Aber warum muss ich sie unbedingt anderen erzählen? Was bedeuten denn jemandem meine Träume?

Ich kann verstehen, wenn man voll des Erlebten ist und durch Erzählen festhalten will, was in Wahrheit längst verloren, aber ich bin dann der schlechteste Zuhörer der Welt. Bin ich der einzige, dem es so geht?

Do I contradict myself? Very well, then I contradict myself,
I am large, I contain multitudes.“

Walt Whitman

Um noch einmal auf den Titel dieser Blogseiten und meines Romanes zurückzukommen, so ist der Widerspruch nur ein scheinbarer:

In Aber ein Traum … geht es nicht um die Träume einer unruhigen Nacht, auch wenn dort tatsächlich welche erzählt werden. Hier ist das Leben ein Traum, verstanden wie bei dem chinesischen Philosophen Zhuangzi, der sich zu der existenziellen Frage gezwungen sieht, ob er ein Mensch ist, der träumt, ein Schmetterling zu sein oder ein Schmetterling, der sich in einen Menschen träumt. Die Welten, in denen sich meine Figuren bewegen, in die Waldescher, Binderseil und die anderen wechseln, sind im eigentlichen Sinne Anderswelten, wie sie in den klassischen irischen Sagen auftauchen, auch wenn das nie so deutlich ausgesprochen wird. Es sind Welten mit einer eigenen Physik, ihren eigenen Gesetzen und ihrer eigenen Zeit – weitere Bläschen im Schaum des Universums.

Ob sie ebensoviel Existenz besitzen, wie die sogenannte Realität und ob sie nicht neben ihr, sondern zwischen ihr Platz gefunden haben: Das ist mein Thema von Aber ein Traum …

Schlussbemerkung:

Am Anfang kommt die Handschrift – das Aufsetzen.

Das hat zwei Gründe:

Zum einen zwingt mich die Arbeit mit dem Bleistift zu Langsamkeit, zur Nachdenklichkeit. Es ist wie mit dem Wandern und dem Autofahren: Wenn ich gemächlich mit dem Bleistift in der Hand über die Zeilen schlendere, jeden Buchstaben ausmale, dann kommt meine Seele mit mir am Ziel – dem Ende des Absatzes – an. Ich komme meinen eigenen Gedanken hinterher und habe die Zeit, mich in die Stimmung meines Textes zu finden. Denn diese Stimmung ist zu Anfang wichtiger als lupenrein ausformulierte Sätze. Wenn ich dagegen einen Text tippe, bin ich meistens mit den Gedanken bei den technischen Spielereien (Blocksatz, Schriftart, Tippfehler usw.) oder in der Vorstellung bereits 2 Absätze weiter.

Nachteil des Handschriftlichen ist, dass ich manchmal schon nach ein paar Stunden meine eigene Klaue nicht mehr entziffern kann; das passiert vor allem bei zwischen die Zeilen geschmierten Einschüben, die mir im Augenblick des Aufschreibens unglaublich wichtig waren! Ich schreibe handschriftlich meist nur in der Öffentlichkeit, also in einem Café oder einem Park. Ich glaube, Simone de Beauvoir hat einmal gesagt: „Der Schreibende ist der einsamste Mensch der Welt.“ Und wie eine Antwort liest sich eine Bemerkung Tschaikowskys an Nadeshada von Maeck:

„Wenn du in dir selbst keine Freude finden kannst, so blicke um dich. Geh ins Volk! Schau, wie es sich dem Vergnügen, der ungehemmten Freude hingibt.“

Im Café fühle ich mich zwar noch immer einsam, aber ich bin nicht mehr allein.

Ich hasse es übrigens, Briefe zu schreiben…

Handschrift

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.2)

[Zum 1. Teil]

Auch Nikolaus Klammer fiel. Sein unglücklicher Sturz war jedoch wesentlich kürzer als der seines Verlegers und das Ergebnis noch schmerzhafter. Klammer stolperte in die kühle, abgedunkle Buchhandlung hinein und hatte kurz den Eindruck, Rom würde sich hinter ihm wie ein Fernsehbild schließen, das jemand mit einer Fernbedienung ausschaltet. Dann machte er auch schon Bekanntschaft mit dem Holzboden und schlug sich dabei heftig das Knie an.

„Aua“, jammerte er und drei erstaunte Augenpaare starrten den zu Boden gegangenen und nach Mitleid ausschauhaltenden Autor von dem Verkaufstresen aus an, an dem er erst vorgestern seinen überaus seltenen Balzac-Roman und den Geltsamer erworben hatte. Es waren zwei Frauen und ein Mann, die dort standen und sich offenbar angeregt unterhalten hatten, als Klammer ihr Gespräch durch seinen ungeschickten Auftritt unterbrach. Sie erstummten wie ertappt. Der Mann, der zwischen den Frauen stand, war ein mittelgroßer Italiener, dessen schwarze Haare wie bei einer japanischen Comic-Figur steil zu Berge standen. Er trug eine dicke Hornbrille, die seine ohnehin nicht kleinen Augen so vergrößerte, dass sein Gesichtsausdruck wie ein lebendig gewordenes Fragezeichen aussah. Wahrscheinlich – nein, sicher – war das Gaetano Marini, der angebliche Herausgeber von Elena Kuipers Dschungeltagebuch. Anhand des grobgerasterten Zeitungsfotos, das Klammer von ihm kannte, hätte er ihn nicht identifizieren können. Zumal er heute zivile, legere Kleidung und keine Soutane mit römischem Kollar trug. Hatte nicht gestern Engold bei ihrem Telefongespräch erwähnt, Marini sei aus der Kirche ausgetreten und hätte geheiratet? Dann war wohl die attraktive Frau neben ihm seine Gattin Mercedes. Klammer kannte sie von seinem Bucheinkauf. Sie schien ihm noch immer an demselben Spearmint wie vor zwei Tagen zu kauen und war die einzige, die über seine Ungeschicklichkeit kicherte. Als Klammer die andere Frau erkannte, stiegen ihm die Tränen in die Augen. Das lag nicht nur an den Schmerzen in dem Knie, auf das er gefallen war. Seine Suche hatte ein Ende:

Er kniete vor seine Tochter Isa!

Da war sie endlich; schließlich hatte er sie doch gefunden. Er konnte sein Glück kaum fassen. Seine Isa! Gesund und fröhlich stand sie zwischen den Bücherreihen und strahlte ihn an. Aber sie hatte sich verändert, seit er sie zuletzt gesehen hatte. Isa trug ihr von der Sonne ausgeblichenes Haar nicht mehr so lang wie früher, sondern kurz, fast militärisch streng geschnitten; was ihr aber nicht schlecht stand, sondern eine gewisse Abgeklärtheit und Autorität verlieh. Die Haut an Gesicht und Armen war durch ihren Aufenthalt in Südamerika dunkel eingefärbt und sie hatte das eine oder andere Pfund abgenommen. Isa war in dem halben Jahr, in dem Klammer sie nicht mehr gesehen hatte, sehr erwachsen geworden. Er musste sich wohl oder übel damit abfinden, dass sie nun wirklich nicht mehr sein „kleines Mädchen“ war. Nur mit ihren grauen, gelbgesprenkelten Augen sah sie noch immer so erstaunt und neugierig in die Welt, wie sie das schon in den ersten Minuten nach ihrer Geburt getan hatte, als die Hebamme den stillen Säugling vorsichtig in Klammers Arme legte. Diesen gleichzeitig weisen und wissbegierigen Kinderblick hatte sie sich bis zum heutigen Tag bewahrt.

Verena Salva – oder Elena oder wie immer sie auch heißen mochte –, vor der Klammer das Antiquariat auf diese ungeschickte Weise betreten hatte, mit der er im wahrsten Sinn des Wortes mit der Tür ins Haus gefallen war, beugte sich zu ihm herab und half ihm zurück in die Senkrechte.  Dabei fiel Klammer auf, wie stark die Freundin von Welkenbaum war. Sie stellte den untersetzten Autor praktisch nur mit einer einzigen flüssigen Handbewegung auf die Füße, die sie überhaupt nicht anzustrengen schien. Doch dann gab es für Klammer nur noch die Freude des Wiedersehens. Er humpelte eilig auf Isa zu, fiel ihr in die Arme und umarmte sie so fest, als würde er sie nie mehr loslassen wollen. Die Tränen flossen reichlich über seine Wangen. Er wusste nicht, ob es die Rührung oder der stechende Schmerz in seinem Knie war, der ihren nicht enden wollenden Fluss verursachte – wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem. Doch der Autor hielt seine Tochter nicht nur so lange und fest umklammert, weil er sie endlich in Sicherheit und geborgen in seinen Armen wusste, sondern auch aus einem anderen, eigennützigeren Grund. Er bekam dadurch die Gelegenheit, sich nach den Ereignissen ein wenig zu fassen und zu beruhigen. Allzu viel war in kürzester Zeit auf ihn eingestürzt, hatte seine Welt auf den Kopf gestellt und ihn fast um den Verstand gebracht, hatte ihn verwirrt und verängstigt. Sicherheiten waren erschüttert worden, er war von unheimlichen Verfolgern gejagt worden und das Leben seiner Familie und sein eigenes wurden bedroht. Klammer war erschöpft, übermüdet, ausgehungert und nun schmerzte auch noch sein Knie nach dem unglücklichen Sturz eben. Er musste schon eine jämmerliche Figur abgeben!

Die Umarmung seiner Tochter gab ihm seine Kraft zurück und langsam ging es ihm wieder besser. Auch der Schmerz im Knie ließ nach. Wenn seine Erlebnisse der letzten Tage ein Roman gewesen wären, den er selbst geschrieben hatte, dann wäre nun eine gute Gelegenheit gewesen, das Wort ENDE unter seine Geschichte zu setzen. Doch solch einen Kniff konnte man sich nur als Schriftsteller leisten, denn in der Wirklichkeit endete eine Geschichte für den Hauptdarsteller – ihn selbst, Nikolaus M. Klammer – niemals, auch wenn sich die Wirklichkeit, die er gerade erlebte, nicht gerade real anfühlte, sondern eher aus einem Albtraum zu stammen schien. Er hob den Blick von Isas Schulter, in deren Halsbeuge er bislang seinen Kopf vergraben gehalten hatte. Er fand den geduldigen, aber auch etwas peinlich berührten Augenaufschlag von Marini; während dessen Frau Mercedes kaugummikauend neben ihm stand und sich offensichtlich langweilte, denn sie hielt ein Smartphone in der Hand und wischte abgelenkt und flink mit dem Daumen über das Display. Ein Räuspern in seinem Rücken brachte Klammer endlich dazu, zögernd seine Tochter loszulassen und einen Schritt zurückzutreten. Isa lächelte verlegen. Unter ihrer Urlaubsbräune war sie errötet und sie nickte ihrem Vater liebevoll zu.

„Deine Entführer …“, stammelte Klammer mit einem dicken Kloß im Hals, „… haben sie dir nichts getan? Ich hatte solche Sorgen.“

„Mich hat niemand entführt. Haben sie das behauptet? Nein, nein, das war eine Lüge. Es war zwar ziemlich knapp, als sie mich in dem Lokal in Brasília aufgespürt haben, aber ich konnte ihnen entwischen.“ Klammer seufzte erleichtert. Wie er schon vermutet hatte, hatte überhaupt keine Entführung stattgefunden. Die Verbrecherorganisation der Hyänen, die offenbar nicht nur in dem Berlinroman seines Großvaters Sebastian Kerr, sondern nun auch in seinem eigenen Leben eine Rolle spielte, hatten ihm ihr Verbrechen nur vorgegaukelt, um an das Geltsamer-Buch zu kommen. Warum sie dann diese Scharade nicht aufrecht erhalten hatten, konnte er sich nicht erklären und übrigens auch nicht, wie es Isa geschafft hatte, innerhalb von eineinhalb Tagen von der Hauptstadt Brasiliens – was hatte sie eigentlich dort verloren? Sie hätte eigentlich in Lima sein müssen! – nach Rom in die Vicolo della Volpe zu gelangen. Ein Flug allein dauerte schon mindestens fünfzehn Stunden. Vielleicht geht es den Hyänen ja wie mir und es passiert ihnen alles viel zu schnell, dachte er. Ich habe sie einfach mit meiner Abreise überrascht. Sie mussten ihren Plan mit der fingierten Entführung aufgeben und mir den mörderischen Avvocato auf den Hals hetzen.

„Es ist ja alles gut gegangen, Papa“, unterbrach Isa seine Gedanken. „Aber sag, wie geht es Mama?“

„Gut, nehme ich an. Ich habe ihr irgendeinen Bären aufgebunden, weshalb ich unbedingt nach Rom fahren musste. Ich glaube, das war auch in deinem Interesse, sie erst einmal aus der Sache herauszuhalten, oder?“

„Ja, das hätte alles noch viel komplizierter gemacht. Mama ist zuhause am Sichersten und am besten aufgehoben. Aber du musst doch hundert Fragen haben.“

„Nur hundert? Ich habe tausend Fragen! Ich weiß überhaupt nicht, mit welcher ich anfangen soll. Vielleicht erklärst du mir …“

„Das wird leider noch etwas warten müssen“, wurde Klammer von Verena unterbrochen. Sie war es gewesen, die sich eben geräuspert hatte. Nun stellte sie sich zwischen Vater und Tochter. Die große, blonde Frau drehte ihren Kopf hin und her und musterte die beiden nachdenklich. „Isa, wie ich erfahren habe, hat dein Vater unser Buch nicht mehr. Er hat es ausgerechnet meinem Welki gegeben und scheint auch schon eifrig darin gelesen zu haben.“

[Zum 3. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

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