Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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06.01.21 – kurze Nachrichten aus dem Elfenbeinturm

In herrlicher Einsamkeit hab ich manchmal in mir selber gelebt,
ich bin’s gewohnt geworden, die Außendinge abzuschütteln
wie Flocken von Schnee.
 Hölderlin

Mittwoch, 06.01.2021

Liebe unbekannte Leserin,

wir haben es also geschafft. Wir sind in Zweieinundzwanzig und damit endlich in den Zwanzigerjahren angekommen.(1)  Fühlt sich das Neue Jahr anders an als das erbärmliche 2020? Für mich eher nicht. Die äußeren Umstände haben sich nicht verändert, sie wurden sogar noch verschärft und nun müssen Frau Klammerle und ich uns wieder entscheiden, welcher unserer Söhne uns der Liebste ist und mit welchem wir uns treffen wollen. Immerhin: Es schneit …

Im Moment postet ja jeder in den sozialen Medien Winterbilder und ich musste neidisch zusehen, weil die Schneewolken bislang einen weiten Bogen um Diedorf machten. Aber nun hatte das Tief Ahmet zum Ärger der Idioten von der AfD und zu meiner Freude Erbarmen mit mir und hat zum ersten Mal in diesem Winter auch meiner Heimatgemeinde ein paar Flocken beschert. Mashalla! (2) Es ist wirklich eine Erleichterung. Die kurzen Tage um Neujahr waren grau, kalt, dunkel, deprimierend, einsam. Nun sind sie weiß, kalt, hell – und einsam. Das ist doch schon mal was! Am Nachmittag werde ich meine Boots anziehen und in die Wälder stapfen, die eiskalte Luft atmen und das Wunder genießen, wie ein wenig Schnee die Welt verzaubern und verschönern kann. (3) Dann werde ich auf meiner Terrasse die Glühweinreste von Weihnachten genießen und  mein ganz privates Dreikönigstreffen veranstalten: Frau Klammerle (die übrigens bereits geimpft ist), Katze Amy und meine Wenigkeit. C+M+B, „Christus mansionem benedicat“.

Bis dahin habe ich mich in mein Büro im ersten Stock zurückgezogen, die Heizung aufgedreht und schreibe weiter an meinem Geltsamer-Roman. Frau Klammerle liest inzwischen aufs Sofa gekuschelt und mit schnurrendem Katzen-„Topping“ unerschüttert und schmachtend im bereits 6. Band der „Schwesternsaga“ von Lucinda Riley. Das Leben im Elfenbeinturm ist schön.

Du hast sicher gesehen, dass „Die Bücherkeller des Vatikans“ gut vorwärts kommen und ich schon die ersten 100 Seiten (Das sind ungefähr 25000 Wörter!) in einer fortgeschrittenen Version fertig habe, mit der ich im Großen und Ganzen recht zufrieden bin. In den letzten zwei Wochen war ich sehr, sehr fleißig und es „lief“ bei mir in meiner Schreibklausur. Vielleicht hast du ja schon ein wenig reingelesen.

Ach ja, vergiss nicht: Ich treibe mich jetzt auch auf YouTube herum – und dort mein Unwesen. Gestern habe ich meine „10 goldenen Regeln“ für den erfolgreichen Schriftsteller als Online-Lesung hochgeladen und du kannst in der Aufnahme nicht nur erkennen, dass mir Frau Klammerle recht erfolgreich die Haare geschnitten, sondern dass die Weihnachtsvöllerei inzwischen durchaus Ergebnisse zeigt. (4) Wenn du also Lust hast, dich gut zu unterhalten, ein wenig fremdzuschämen und mich in „Liveaction“ zu genießen, dann klicke doch unten auf den Link und schon zaubert mich Freund Google auf deinen Bildschirm. Wenn du möchtest, kannst du mich dort sogar abonnieren. Viel Vergnügen!

Eine Online-Lesung

Ich würde mich natürlich auch wahnsinnig freuen, wenn du mir dort oder hier einen kritischen Kommentar zu meinem YouTube-Abenteuer hinterlassen würdest. Ich habe keine Ahnung, wie und ob das ankommt. Danke im Voraus.

Du siehst also, meine liebe unbekannte Leserin, dass ich noch an meinen guten Vorsätzen festhalte und fleißig dabei bin, meine leichte Lebens- und Schreibkrise zu überwinden. Der Lockdown hilft mir durchaus dabei.

Bis bald, dein Nikolaus


(1) Du weißt, ich bin ein alter Klugscheißer. Da es kein Jahr Null gab, begannen die Dekade der ‚Goldenen 20er‘ des 21. Jhds. eben erst vor sechs Tagen.

(2) Ich bin ein Held! Ich bin sogar schon um 09:00 Uhr mehr oder weniger freiwillig aufgestanden (Amy wollte gefüttert werden und hat Theater gemacht) und habe schneegeräumt!

(3) Ich bleibe natürlich im Radius von 15 km!

(4) Ab Montag wird es die leichte und kalorienarme Gemüseküche von Frau Klammerle geben. Zucchini, Kohlrabi und Brokkoli – sie leben hoch!

Hl. Abend, 2020 – Die große Erschöpfung …

Ich werde versuchen, dieses Weihnachten
in mein Herz zu legen und
das ganze Jahr dort aufzubewahren.
Charles Dickens

 

Mittwoch, 24.12.2020

Liebe unbekannte Leserin,

geht es dir wie mir? Mein Zwanzigzwanzig war wie bei vielen eine Katastrophe. Es war grausam, übergriffig, ungesund und verstörend.

Status.

Ich bin froh, dieses furchtbare Jahr in ein paar Tagen nur noch als schlechte Erinnerung im Rückspiegel betrachten zu können. Ich weiß nicht, ob unser Zwanzigeinundzwanzig besser wird, aber ich hoffe es wirklich. Denn noch so ein Jahr will ich nicht überleben. Selbstverständlich waren ein paar meiner Probleme typische Erstwelt-Sorgen, die zu erwähnen ich mich fast schäme. Ich will auch nicht schon wieder mit dem Jammern über meine Erfolglosigkeit als Autor anfangen. Es wäre mir peinlich, diese Unannehmlichkeiten, über die andere mit einem Achselzucken hinweg gehen, hier vor dir auszubreiten. Zusammengefasst wurde ich in diesem Pandemie-Jahr um gefühlte zehn Jahre älter, einige körperliche Beschwerden verstärkten sich, meine Laune war die meiste Zeit bei -2, wenn ich mal eine Skala von 1 bis 10 ansetze. Am stärksten getroffen hat mich der Tod meines Vaters während der ersten Coronawelle im April, der mir meine seelischen Defizite und meine eigene Sterblichkeit deutlich vor Augen führte und sehr viele Auswirkungen auf mein alltägliches Leben hatte. Ich hatte in den leeren, endlosen und einsamen Tagen dieses Jahres viel Gelegenheit, darüber nachzudenken und habe dabei viel zu viel gegessen, getrunken und Netflix geglotzt. Die Ablenkungen über diesen Lebenszeit verschwendenden Konsum hinaus waren rar gesät. Dazu machte mir eine heftige Schreibkrise zu schaffen, an deren Nachwirkungen ich noch immer laboriere. Der Brotberuf wurde zur Last und die Beziehnung zu Frau Klammerle litt unter meinen Zuständen.

Pläne.

Aber nun kommen die in diesem Jahr tatsächlich stillen Tage zwischen den Jahren und ich will sie wie immer nutzen, nach vorne sehen, Neues beginnen, Altes abschließen. Ich hoffe, dass ich sie nicht wie Silvestervorsätze schon im Januar vergesse. Du wirst von mir erst einmal nicht viel hören, denn ich gehe „offline“ und arbeite mit einem konsequenten Plan am 4. Geltsamer-Roman „In den Bücherkellern des Vatikans“, dessen Entwurf ich weiterhin in wöchentlichen Häppchen hier ins Netz stellen möchte (1) und den ich Mitte nächsten Jahres abschließen will.  Dann möchte ich im Frühjahr 2021 einen Band mit meinen Erzählungen herausbringen, der eine Art Zwilling des Kurzgeschichtenbuchs „Das Rote Haus“ werden soll. Als drittes plane ich mit „Mánis Fall“ einen Roman aus meiner „Brautschau“-Sage. Er ist chronologisch der erste der Fantasy-Reihe und ist schon recht weit fortgeschritten.

Die Neuerscheinungen 2021

Auch Online tut sich bei mir etwas. Ich bin dabei, vor meiner Webcam einige meiner Texte als Lesungen einzusprechen und habe einen YouTube-Kanal gegründet, wo ich diese veröffentliche. Das widerspricht zwar dem 8. Gebot für Autoren: „Du sollst keine Lesungen halten“ und ist auch noch dilettantisch und manchmal zum Fremdschämen. Aber wenn du mal Zeit und Lust hast und mich „live“ und in Farbe erleben möchtest, dann klicke doch auf den Link im Bild. Ich würde mich wirklich freuen. Vielleicht willst du mich sogar „abonnieren“ und hinterlässt ein Lebenszeichen.

Fazit.

Du sieht also, ich versuche mal wieder, mich wie Münchhausen am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen, in dem ich 2020 immer tiefer versunken bin. Mir ist bewusst, dass ich solche Ankündigungen bei jedem Jahreswechsel mache und jedesmal von Neuem denke: „Im nächsten Jahr, dann wird es endlich klappen. Dann finde ich Leser, ein Publikum, Anerkennung, Freunde.“ Trotzdem will und werde ich versuchen, dieses unglückselige Jahr als Sprungbrett zu verwenden, um genau das zu erreichen.

Die Ikone habe ich übrigens von meinem Vater geerbt, der sie nach der Gefangenschaft aus der UdSSR mitbrachte.

Nun bleibt mir eigentlich nur noch, dir und den zufällig Vorbeisurfenden gesunde, besinnliche, glückliche Weihnachtsmomente mit den Menschen, die du liebst, zu wünschen. Wir treffen uns dann irgendwann im Januar in einem hoffentlich besseren Neuen Jahr.

Dein Nikolaus.

 


(1) Ich weiß, dass die Zugriffszahlen meines Blogs seit vielen Monaten gegen 0 tendieren und er sein – statistisch betrachtet – schlechtestes Jahr hinter sich hat. Es kommen mich hier eigentlich nur noch Spammer besuchen. Aber das belastet mich nicht, denn die Hoffnung, mir über ihn ein Publikum aufzubauen, habe ich nicht mehr. Der Blog ist zu dem geworden, was er eigentlich auch sein sollte: Mein Online-Tagebuch. Und eigentlich will ich gar nicht, dass in meinem Tagebuch geschmökert wird.

Samstag, 26.09.20 – Herbstgejammer und ein Thermenbesuch

Samstag, 26.09.2020

Liebe unbekannte Leserin,

eigentlich müsste dies heute wieder ein übelgelaunter und dunkelgrau depressiver Brief werden. Doch über meine Misserfolge als Autor und meine Sorgen im Privaten will ich schweigen. Ich möchte nicht zu denen gehören, die sich anderen zumuten, obwohl sie sich selbst kaum ertragen können. Ich habe schon einmal darüber geschrieben, kann ich mich erinnern:

Pünktlich wie die nasskalten Herbststürme, die Lebkuchen und die Nikoläuse in den Supermarktre­galen, den Kürbiscremesuppen, Wildwochen und Maro­nenrezepten auf den Speisekarten der Gaststätten und die künstliche Erregung, wer wieder einmal nicht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht, ist ab Ende September in allen literarischen Zeitschriften, Feuilletons, Blogs und Foren, bei allen Dichterlingen und jenen, die es noch werden wollten – oder auch wie ich meinen, es zu sein -, ein Phä­nomen zu beobachten, das exakt bis zum ersten Advent reicht: Obwohl es noch einen guten Monat hin ist, erinnert man sich plötzlich wieder an den No­vember mit all seinen makaberen Festtagen. Es riecht überall nach Verzweiflung, Verwesung und Tod.

Mit den morgendlichen Nebeln, die ein viel zu früher, eiskalter Nordwind aus den klammen Wiesen über die feuchten, grauen Wege treibt, auf denen bunte Blätter wie tote Schmetterlinge kleben, kultivieren die Literaten ihre ach so tiefempfundene, ach so heuchleri­sche Pseudotrauer, ich will sie mal Das Große Herbstjammern nennen. Sie wird im Advent von der Weih­nachts-Weinerlichkeit und der Feiertags-Betroffenheit abgelöst. Dann folgt wie ein Naturgesetz die Winterdepression.

Es ist, als hätten sie voller Ungeduld den ganzen Som­mer darauf gewartet: Wie bestellt legen auch gleich ein paar Große der Zunft erschöpft ihre Stifte zur Seite und den Geist in die Hände einer trauernden Nachwelt. Plötzlich springt jeder auf diesen Zug auf und drückt seine Betrof­fenheit in mehr oder weniger gelungenen Nekrologen und larmoyanten Erinnerungen aus. Die Journalisten reiben sich die Hände, weil sie ihre längst geschriebenen genialen Nachrufe endlich gegen Bares im Feuilleton unterbringen können und die Verleger sind erfreut, weil sie pünktlich zur Frankfurter Buchmesse die Werke des – egal, wie alt er war – immer allzu früh von uns Gegangenen nach­drucken können und diese sich wie geschnitten Brot verkaufen. Ich glaube, es gibt keinen einzigen gro­ßen Autoren, der mitten im Sommer in seiner Villa auf Fuerteventura starb. Vielleicht wird hier von der Verlagsmafia auch manches Ableben künstlich hinausgezögert.(1)

Apropos Sommer: Wo waren sie in den letzten Mona­ten, die herbstgrauen, wehmütigen, todessehnsüchtigen, morbiden Gedichtlein und Texte voll von Herbst, Ab­schied, frühem Leid, Bedauern, Melancholie, Depressi­on, Krankheit, Verzweiflung? Lagen sie am Strand in der Sonne? Wie Saunaschweiß perlen sie jetzt auf den erhitzten Stirnen der Lyriker und tropfen mit salzigen Tränen vermischt aufs Papier oder die Tastaturen! Ach, so klamm und kalt ist dem Poeten plötzlich, ein namen­loses Gefühl greift ihn fest und unbarmherzig ans Herz und engt seine Brust. Wie einsam und verlassen ist er doch mit einem Mal, wie gleichgültig behandeln ihn sei­ne Mitmenschen – so furchtbar allein ist er mit seinen tiefen Empfindungen und Sorgen. So sehr trägt er am Gewicht der Welt, am Kummer seiner Menschheit, dass ihm jeder Schritt zur schleppenden Qual wird. So schrecklich ist das Absterben der Natur und so furcht­bar dabei sein eigenes Los, so bedeutungsschwanger die Kürze der Tage und die lange, frostkalte Nacht. Jam­mern auf höchstem Niveau. Ach, wir sind doch nur Staub im Wind.

„Oje, morgens ist es jetzt schon immer länger dunkel. Und abends auch. Da brauche ich tatsächlich Licht im Bad! Ich musste schon die Heizung anmachen, festes Schuhwerk und die dicke Jacke aus den hinteren Schrankwinkeln ziehen … Und in drei Monaten ist Weihnachten! Wann soll ich da nur mit meiner Diät an­fangen können?“

Das ist doch ein Gedicht wert! Das muss ich allen mit­teilen, darüber muss man schreiben dürfen. Meine Herbstdepression, die interessiert die anderen, die teile ich. Ich habe traurige Worte, die will jeder hören. Meine zweihunderttausend Instagram-Freunde kennen das gar nicht, das muss ich ihnen erklären! Von denen empfin­det eh niemand so tief und ehrlich wie ich. Vielleicht kriege ich ja von allen ein „Gefällt mir“. Ich nenne das Gedicht:

Herbstnacht

Ein Wasserfall von Kälte stürzt hernieder.
Die Menschen werden fahl und grau.
Asche dunkelt den Himmel.
Lichter erwachen
zu geisterhaft glitzerndem Leben.
Müde bleichen Sterne
in schweren Wolkenmeeren.

Nacht wimmert zwischen den Ästen,
beweint den verlorenen Tag.
Die Stadt erbricht lasterhaftes Tun.
Schlaf sinkt wie Tod herab.
Schwärze schluckt den Lärm.
Nebel geifert grauen Qualm.
Alles still, Gott so fern:
Albträume Wahnsinniger.

Gut, nicht? Ich bin selbst ganz betroffen von der Tiefe meiner Lyrik. Ich werde mir jetzt eine Flasche Bordeaux öffnen und noch ein paar Tränen über das Schicksal der Menschheit vergießen. Dann schmecken die ersten Schoko-Lebkuchen noch viel besser.

Nachtrag: Was immer gegen die Herbstdepression hilft, ist eine Finnische Sauna; da schwitzt der Autor alles aus, was ihn belastet. Frau Klammerle und ich verbrachten den gestrigen Freitag in Bad Wörishofen in der Therme des Kursorts, wo wir ein paar Sauna- und Massagegutscheine aufbrauchten, die sich seit unseren letzten Geburtstagen angesammelt hatten. Es war unser erster Besuch in einer Wellness-Oase seit dem Pandemiebeginn. Es war schon eine recht merkwürdige Stimmung, die dort herrschte und im Hinterkopf nagte beständig die Coronafurcht. Aber nach einer gewissen Eingewöhnungszeit genossen wir einen gelungenen Tag. Wahrscheinlich ist eine 90°C heiße Sauna der vor einer Ansteckung sicherste Ort der Welt (Mein Arbeitsplatz ist es nicht, wie ich in dieser Woche erfahren musste). Die Abstandsregelungen wurden streng beachtet und man konnte die Therme nur mit Voranmeldung betreten. Dadurch war es für einen Freitag ungewohnt leer und das kalte Regenwetter passte perfekt.

Wir werden so etwas wieder häufiger machen.

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(1) Und damit habe ich jetzt auch einmal ein Fake-Nachricht in die Welt gesetzt. Ich bin gespannt, wann ich es bei web.de als Schlagzeile lese.

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