Der Oktopus (eine Kurzgeschichte) – Lesung

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Heute hat ein guter Freund von mir Geburtstag; ein Freund, den ich in den letzten Jahren leider etwas aus den Augen verlor (oder er mich, wie man es auch betrachten will). Selbst wenn wir uns leider in vielerlei Hinsicht voneinander entfernt haben:

HD, ich denke heute an dich und danke dir für die wunderbaren Begegnungen und Gespräche. Feiere schön dort oben in deinem niederbayerischen Paradies zusammen mit 264 rothaarigen Feen und exquisiten Speisen! Die spritzige Witwe habe ich schon auf Eis gelegt und werde heute Abend mit Frau Klammerle auf dein Wohl anstoßen!

Du weißt es: Diese Geschichte habe ich dir gewidmet.

*

Der Oktopus
Ein Capriccio(1) ala Heun


(1) Bitte nicht mit einem „Carpaccio“ verwechseln, das sind zwei grundverschiedene Dinge.

Mein Frühjahr in Stillblüten – Roman (5-3)

Fortsetzungsroman, Horror, Künstlerroman, Literatur, Literatur, meine weiteren Werke, Neuerscheinung, Phantastik, Roman, Sprache, Stillblüten

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Ich sah zweifelnd zum Küchenfenster hinaus. Kein Frühling in Sicht. Es schneite noch immer, aber nur leicht. Kleine muntere Flocken, die wie Waschmittelkrümel aussahen, fielen langsam und tanzten dabei im stürmischen Wind, der in der Nacht gedreht hatte. Ich konnte keinen von den Dreitausender-Gipfeln am nahen Horizont gegenüber sehen. Die wattegrauen, nebligen Wolken, die aus den Waldhängen im Tal emporstiegen, hüllten das ›Elsternnest‹ komplett ein. Auch der höchste Gipfel der Bergkette, das beinahe viertausend Meter hohe Lislihorn mit seinem großen Gletscher verbarg sich. Ich kannte den markanten Berg, der ein wenig ans Matterhorn erinnerte, nur aus sommerlichen Abbildungen. Blauer Himmel, Sonnenschein, im Vordergrund ein paar dicke Schafe auf einer blühenden Alm. Fehlte noch der ›Geissenpeter‹, der träumend in der Wiese lag und die Idylle war perfekt. Gerade nicht vorstellbar. Ich fühlte mich vielmehr wie auf einer Schatzinsel, die in einem wabernden Nebelmeer schwimmt und auf keiner Landkarte verzeichnet ist. Ohne eine geheime Seekarte, die in den Nebel hinein und durch gefährliche Untiefen und Klippen führt, kann man unmöglich zu ihrer versteckten Hafenbucht gelangen. Sie ist die einzige Stelle, an der man auf dem von Steilküsten umgebenen Stück Felsen anlanden kann. Wer einmal dieses verlorene Eiland betreten hat, das halb in einer jenseitigen, sepiafarbenen Welt liegt, findet nie mehr nach Hause zurück und buddelt für immer nach den vergrabenen Goldschätzen. Der Gedanke gefiel mir ausgesprochen gut. Warum schreibt heutzutage niemand mehr Piratengeschichten?

Zu meinem Erstaunen entdeckte ich bei meinem melancholischen Blick hinaus, dass die Terrasse vor dem Haus bereits geräumt und gekehrt worden war; auch wenn bereits wieder eine dünne Schneedecke die Holzbohlen und die Möbel draußen bedeckte. Von diesem Freisitz führten Fußspuren zum etwa fünfzig Meter entfernten Wetterkreuz hinauf. Es wirkte wie ein verwittertes Mahnmal und hob sich bedrohlich und trotzig vom fast weißen Nebelhintergrund ab. Die schwarze Maserung des Kreuzes schwitzte Feuchtigkeit. Es markiert den höchsten Punkt meines kleinen Plateaus. Es ist das X auf der Landkarte meiner Ultima Thule-Insel. Dahinter führt der Weg wohl leicht abwärts direkt hinein in den Nebel, aber weitere Fußspuren blieben mir vom Küchenfenster aus verborgen. Wann hatte die bienenfleißige Anneli denn den Schnee geräumt, der gestern in der Nacht noch kniehoch auf dem Außenbereich gelegen hatte? Wann war sie denn schon mit der Kabinenbahn hochgekommen? Tatsächlich schon bei Morgengrauen? Ich hatte so fest geschlafen, dass ich die Seilbahn nicht gehört hatte. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass die dünne ältere Frau in der Lage war, solch eine Strafarbeit alleine zu machen. Hatte sie vielleicht Hilfe gehabt? Das würde auch die Fußspuren erklären, die von der Berghütte wegführten. Wohnte ich hier oben nicht allein?

Ich hatte viele Fragen, aber die erste, die mir einfiel, hatte nichts mit Annelis Arbeit zu tun:

»Ihr Mann und Reto hatten es gestern Nacht plötzlich sehr eilig. Sind sie gut wieder nach Stillblüten zurückgekommen?«, fragte ich. Anneli stutzte und sah mich neugierig aus ihren schwarzen Augen an, die wie Kohlestückchen in ihrem Antlitz glommen.

»Aber ja. Es war zwar schon nach Mitternacht, als sie ins Tal herunterkamen. Aber ihnen ist nichts passiert.«

»Was hätte denn passieren können?«, fragte ich neugierig nach. Es war der Frau deutlich anzumerken, dass sie eigentlich nicht mehr darüber reden wollte. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her.

»Draußen in der Nacht ist es hier oben weit über zweitausend Metern Höhe sehr gefährlich – besonders bei solch einem nasskalten Wetter. Es passiert leider immer wieder, dass sich Bergsteiger verschätzen, in der Finsternis vom Weg abkommen und es dann nicht mehr bis zu einer Unterkunft schaffen. Wir haben in jedem Sommer ein oder zwei solcher Fälle. Die Wanderer stürzen ab oder erfrieren. Die ›Lisli‹-Kette ist noch eine echte Wildnis. Man muss Respekt vor ihr haben und darf sie keinesfalls unterschätzen. Das ist kein Freizeitpark, wie manche meinen.« Sie senkte ihre Stimme und beugte sich über den Küchentisch. »Nach dem zwölften Schlag der Glocke bis zum Herangrauen des Morgens sind die Grate und Gipfel Orte, die die Menschen meiden sollten. Die Nacht gehört den Anderen«, wisperte sie fast unhörbar. Hatte ich richtig gehört und verstanden? Die ›Anderen‹? Lief die Angst vor der Mitternacht auf eine Gespensterfurcht hinaus? Annelie war noch etwas eingefallen. In normaler Lautstärke fuhr sie fort:

»Das steht in der Betriebsanleitung der Seilbahn und Reto hält sich penibel genau an die Vorschriften. Von Mitternacht bis Sonnenaufgang sind Betriebsfahrten verboten.« Die unheimliche Stimmung, die sie mit ihren leisen Worten erzeugt hatte, verschwand so schnell, wie sie gerade aufgetaucht war. »Fragen Sie mich nicht nach den Gründen, Frau Rainer. Das hat auch etwas mit dem Tierschutz an der ›Lisli‹ zu tun. Seit ihre Gipfel vor zwanzig Jahren zum Naturpark erklärt wurden, gibt es hier wieder einige Steinbockherden. Man hat erfolgreich Bartgeier ausgewildert. In den Wäldern unten im ›Sennis‹ sind auch schon Bären gesichtet worden – wahrscheinlich waren das aber nur Männchen, die aus Italien eingewandert sind.«

Ich nickte und schmierte mir mein zweites Honigbrot. Es stimmt schon: Höhenluft macht hungrig. Mein Interesse an der Seilbahn erlosch. Die Flora und Fauna dieses Hochgebirges war mir gleichgültig. Doch etwas blieb zwischen uns unausgesprochen. Ich wollte nachfragen, aber Anneli wechselte das Thema.

»Und? Wie haben Sie in Ihrer ersten Nacht geschlafen? Haben Sie gut geträumt? Es heißt ja, der erste Traum in einer neuen Umgebung würde wahr werden.«

Das wollte ich nicht hoffen. Dachte an meinen luziden Traum von Gerd, die endlosen Kellergänge, die ich in ihm durchwandert und die Gestalt mit den Wölfen, die mich verfolgt hatte. Obwohl diese Erinnerung schnell verloren ging, erschauderte ich nachträglich. »Ich bin leider noch lange wach gelegen. Mich hat das Bellen und Geheule eines großen Hundes gestört. Er hat die ganze Nacht gejault. Ich bin wegen des Lärms erst im Morgengrauen wieder eingenickt. Deshalb habe ich bis weit in den Tag hinein geschlafen. Ich lag vorhin wie im Koma.«

»Ein Hund? Sind sie sicher?« Anneli war sichtlich überrascht. »Das kann eigentlich nicht sein, dass man hier oben die Hofhunde hört. Aber der pfeifende Schneewind von Westen trägt manchmal seltsame Geräusche mit sich. Da kann man durchaus allerlei Wehklagen und Jammern heraushören. Das ist das ›Aroleid‹.«

»Was ist denn das?«

»Ach … Das ist nur eine alte Sage, wie sie die ›Nanis‹ hier im Wallis erzählen. Sie handelt von einer Mutter, die in den ›Flüo‹ bei Zermatt, den ›Bodmen‹, wie man sie dort nennt, lebte. Eines Sonntags ließ sie ihre Kinder allein zu Hause, weil sie mit ihrem Mann zur Messe ging. Die Kinder spielten vor ihrem Heim, als plötzlich ein Adler aus dem Himmelsblau herabstieß und die Kinder ergriff. Er brachte sie hinauf in seinen Horst auf der ›Aroflüh‹. Der Felsen heißt noch heute so, auch wenn es dort keine Adler mehr gibt. Die Kinder jedenfalls wurden nie mehr gesehen. Die Mutter aber weinte und jammerte über deren grausames Schicksal und starb bald in ihrem Kummer. Doch noch immer hört man in den Nächten ihr Leidklagen über den Verlust ihrer kleinen Kinder, das der Wind über die Berge trägt.« Sie lachte in sich hinein und zitierte dann den Anfang eines Gedichts:

»Im Wallis liegt ein stiller Ort,
Geheißen Aroleid;
Es seufzt ein Gram im Namen fort
Seit lang entschwundner Zeit.

Das ist von Gottfried Keller. Ich habe die Verse als Kind auswendig lernen müssen. Alle acht Strophen. Es gibt im Wallis viele solcher schauriger Sagen. Meine Mutter hat mir noch viele von ihnen erzählt. Leider habe ich die meisten vergessen.«

Anneli zuckte die Schultern und deutete zum Bücherschrank des Chalets, in dem in der Hauptsache Wander- und Naturführer standen und ein paar zerlesene Paperbacks, die die Bewohner vor mir zurückgelassen hatten.

»Aber falls sie das interessiert, finden Sie dort einen Band mit Sagen und Märchen aus unserer Gegend.« Sie sah auf die Küchenuhr. »Und da schwatze ich und habe noch so viel zu tun! Da will ich Sie mal in Ruhe frühstücken lassen, Frau Rainer. Reto holt in einer halben Stunde die Kabine runter und ich habe noch einiges aus- und einzuladen.«

Ich kippte den Rest des kalt gewordenen Kaffees. »Ich helfe Ihnen.«

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Mein Frühjahr in Stillblüten – Roman (5-2)

Fortsetzungsroman, Horror, Künstlerroman, Literatur, Literatur, meine weiteren Werke, Neuerscheinung, Phantastik, Roman, Sprache, Stillblüten

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Andrin erklärte mir voller ehrlicher Begeisterung die Luftwärmepumpen, die das Gebäude zusätzlich zum rustikalen Ofen heizten. Er ging so ins Detail, dass ich einfach ausstieg und mich erschöpft auf meinen großen Koffer setzte. Seine Erläuterungen, von denen ich aufgrund seines Walliser Dialekts nicht einmal die Hälfte verstand, verwandelten sich in das Brummen eines gutmütigen Bären. Wäre direkt auf der Stelle eingenickt, wenn nicht Reto eingegriffen hätte. Er legte seine Hand auf die Schulter des alten Berglers und runzelte besorgt die Stirn.

»Ich glaube, es ist gut für heute, oder? Es gibt nichts mehr, was du nicht auch in den nächsten Tagen erzählen kannst. Machen wir Schluss. Es ist bald Mitternacht.«

Andrin beendete sofort sein endloses Gebrabbel. Er wirkte aus einem Grund, der mir nicht klar wurde, betroffen.

»Ja, das …«, stotterte er. Dann fasste er sich. »Freilich. Wir müssen los. Ich habe die Zeit vergessen. Sie müssen doch schrecklich müde sein, Frau Rainer. Wie unhöflich von mir. Da rede ich … Morgen Vormittag kommt meine Anneli zu Ihnen hoch, wegen der Wäsche und der Küchenvorräte. Da kann sie Ihnen ja den Rest des ›Aegäschteä-Nests‹ zeigen. Jetzt tragen wir Ihnen nur noch schnell Ihre Koffer unters Dach. Dann sind Sie uns auch gleich los.«

Ich stand wieder auf und kam dabei ins Schwanken. Kurz war mir schwindlig. Mein Blutdruck, dachte ich, vielleicht sollte ich vor dem Zubettgehen noch einen Piccolo aus der Bar trinken. Reto hatte mich aufmerksam beobachtet und war sofort bei mir. Er stützte mich, damit ich nicht fiel. Er ist ja die Aufmerksamkeit in Person. Ich bekam noch mehr Lust, ihn näher kennenzulernen.

»Es ist nichts.« Dabei lehnte ich mich bewusst fester auf seinen Arm, als es nötig gewesen wäre. Lächerliche kleine Tricks. Ich dachte eigentlich, ich stünde inzwischen über solchen Dingen. »Es geht schon wieder.«

Ich machte mich frei und ärgerte mich über mich selbst.

»Das war ein langer Tag.« Reto sah mich skeptisch von der Seite an, aber er sagte nichts. Zusammen mit Andrin brachte er eilig mein großes Gepäck über die Treppe neben dem Kamin unter das Dach. Hier verläuft eine hölzerne Galerie mit niedriger Brüstung um drei Seiten des Chalets. Es gehen mehrere Türen ab. Eine von ihnen führt in mein gemütliches, in alpenländischem Stil eingerichtetes Schlafzimmer, dessen sehr kurzes Doppelbett unter der Dachschräge steht. Es war mit klein karierter, rot-weißer Wäsche bezogen. In dem Raum roch es fast betäubend nach dem Bergzedernholz der Möbel. Inzwischen habe ich an den Geruch gewöhnt und nehme ihn kaum noch wahr. Es gibt hier noch zwei Türen, die in ein schmales Bad und einen begehbaren Kleiderschrank führen.

Die beiden Männer wuchteten die Koffer auf eine Ablage. Andrin schnaufte kurz aus, dann legte er einen Schlüsselbund auf das Nachtkästchen.

»Ich werde mit meinem Zweitschlüssel unten alles absperren, wenn wir jetzt gehen«, bemerkte er dabei und wollte noch etwas ergänzen, aber Reto tippte nachdringlich auf seine Armbanduhr. »Nun, schlafen Sie gut.«

Er verließ eilig das Zimmer. Auch Reto wollte sich verabschieden, aber ich hielt ihn noch einmal auf.

»Wenn du möchtest, dann komm doch bald mal wieder rauf zu mir«, sagte ich und kam mir dabei schon ein wenig dämlich vor. »Wir können ja ein wenig über meine Bücher plaudern. Ich bin gespannt, was du von ihnen hältst.« War ich zu schnell? Was dachte er jetzt von mir. Ihm musste klar sein, dass dies ein beinahe unverblümter Flirtversuch war. Er zögerte. Dann lächelte er.

»Das … das wäre wirklich nett. Danke für die Einladung, Bernadette!« Er sah erneut auf seine Uhr. Er war wirklich nur halb bei der Sache und schien nun ernsthaft besorgt zu sein. Er bemerkte meinen fragenden Blick. »Wir müssen jetzt wirklich runter nach Stillblüten. Bei diesem Schitterwetter wird die Talfahrt kein Vergnügen. Grüezi, und erhole dich gut. Bis bald.« Und dann beugte er sich einfach vor und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Ich errötete, aber das sah er nicht mehr, denn er ging mit schnellen Schritten aus dem Schlafraum. Seine schweren Schuhe polterten die Treppe hinunter und ich hörte ihn im Wohnzimmer aufgeregt mit Andrin flüstern. Ich verstand kein Wort. Danach fiel gleich die Kellertür ins Schloss und wurde abgesperrt. Kurze Zeit später hörte ich das Quietschen der Seilbahn. Ich war allein im Elsternnest.

*

Das Verhalten der beiden war schon sehr seltsam gewesen. Je später es geworden war, desto unruhiger waren sie geworden. Wäre ich nicht so schläfrig gewesen, hätte mir ihr Verhalten wahrscheinlich noch mehr zu denken gegeben. Doch zu irgendwelchen Grübeleien war ich nicht mehr fähig. Ich packte nicht einmal mehr meine Koffer aus, sondern zog meinen Kulturbeutel und den Pyjama von gestern aus der Reisetasche, machte eine rasche Katzenwäsche. Dann vergrub ich mich eilig unter meinem gewaltigen und voluminösen Federbett. Aber ich konnte nicht einschlafen. Eine Weile wälzte ich mich hin und her, dann gab ich es vorerst auf. Es war inzwischen schon nach eins. Doch meine bewährteste Einschlafhilfe zeigte Wirkung. Ich begann im Schein der Nachttischlampe für dich meine Ankunft in Stillblüten aufzuschreiben. Darüber schlief ich endlich doch ein. Ein paar Stunden später weckte mich dann das Heulen dieses Hundes, von dem ich dir vorhin schon berichtet habe. Es hielt mich fast bis zum Morgengrauen wach – das heißt, ich lag die meiste Zeit in einem unruhigen Halbschlaf. Träumte viel Unsinniges von dir und Gerd. Es war auch wieder einiges Erschreckendes dabei. Mit der Dämmerung schlief ich aber noch einmal fest ein und erwachte erst wieder gegen zehn Uhr durch das Geräusch eines Staubsaugers.

Schlaftrunken tappte ich hinaus auf die Galerie. Unter mir war Anneli Brändli mit Saubermachen beschäftigt. Das über Nacht in sich zusammengefallene Feuer brannte wieder im Kamin. Ich weiß nicht, wie lange sie schon bei der Arbeit war, aber sie war so beschäftigt, dass sie mich nicht wahrnahm, als ich ihr von oben eine Weile beim Staubwischen zusah. Ich zog mich zurück und ging ins Bad. Meine Güte. Ich sah wie eine Megäre aus. Ich war unausgeschlafen und hatte dunkle Ringe um die Augen. Mein Haar wirkte, als hätte ein Vogel in ihm genistet. Mein Teint war so grau wie der Himmel, der durch das halb verschneite Dachfenster zu mir hereinschien. Ich fühlte mich unendlich alt und jenseits meines Verfallsdatums. Die Alte vom Berg …

Die heiße Dusche half, aber ich benötigte anschließend trotzdem eine gute halbe Stunde, um mich wieder einigermaßen wie ich selbst zu fühlen. Mein Bett war bereits aufgeschüttelt und gemacht und der Schlafraum gelüftet, als ich fertig angezogen aus dem Bad kam. Die Herzogin von Bernadette hat unsichtbares, flinkes Personal. Das gefiel mir, obwohl ich freilich wusste, dass dies nicht zur Gewohnheit werden würde. Ich genoss auf jeden Fall das Gefühl, umsorgt zu werden.

Anneli wartete in der Küche mit einem kleinen Frühstück auf mich. Sie hatte frischen Kaffee aufgebrüht, ein Glas Orangensaft, Schwarzbrot, Fassbutter, Honig und Marmelade hergerichtet. Dabei standen noch Obstsalat, Joghurt und Müsli. Erst mein Magenknurren machte mir bewusst, wie ausgehungert ich war. Ich hatte ja seit gestern Morgen im Hotel nichts mehr zu mir genommen. Die Frau von Andrin saß auf der Bank, hatte die Hände gefaltet und wartete geduldig auf mein Erscheinen.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte ich und setzte mich zu ihr. »Normalerweise stehe ich viel früher auf.« Griff dann begeistert zu. Der Milchkaffee, in dem kleine Fettaugen schwammen, war ausgezeichnet. Anneli sah mir eine Weile gut gelaunt zu. Offenbar bereitete ihr mein gesunder Appetit Freude.

»Ich wollte Sie noch einmal herzlich in Stillblüten willkommen heißen. Gestern Abend lief ja nicht alles so glatt ab und es war auch ein wenig hektisch«, sagte sie schließlich. Sie spricht ein wesentlich verständlicheres Deutsch als ihr Mann und lässt keine Dialektwörter einfließen. Die kleine, zähe Person machte auf mich insgesamt einen gebildeteren Eindruck als Andrin und auch Reto. »Wir möchten, dass sie sich hier bei uns in den Bergen wohlfühlen. Das Wetter wird in den nächsten Tagen auch noch besser, glauben Sie mir. Der Frühling lässt sich zwar oft ausbremsen. Aber er kommt immer. Vertrauen Sie mir. Er wird kommen.«

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Mein Frühjahr in Stillblüten – Roman (5-1)

Fortsetzungsroman, Horror, Künstlerroman, Literatur, Literatur, meine weiteren Werke, Neuerscheinung, Phantastik, Roman, Sprache, Stillblüten

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Der Schlaf hat mir gestern Nacht den Stift aus der Hand genommen. Ich habe die letzte Mail erst gegen Mittag fertiggestellt und abgeschickt. Inzwischen ist es wieder Abend geworden. Es so viel passiert, von dem ich dir berichten möchte. Ich befürchte, diese Mail wird erneut den Rahmen sprengen, denn ich habe unendlich viel zu erzählen. Hätte nicht gedacht, dass ich in dieser düsteren Zeit noch einmal zu einer fleißigen Briefschreiberin würde. Zumal ich die literarische Gattung des Briefromans so wie das Versepos für mich persönlich in die Gruft der ausgestorbenen Literaturformen getragen habe und ihnen bislang keine Träne nachweinte. Ich habe niemals gerne Briefe geschrieben und sie auch nicht gerne gelesen. Das war eine Qual von Kindheit an. Die Weihnachtskarte für die Oma, die Korrespondenz mit meiner schottischen Brieffreundin, die Post an meine Mutter, wenn sie wieder einmal aufgrund ihrer Fettleibigkeit auf Kur war. Der ›Werther‹, was für ein langweiliger Quark! Hasste das. So etwas wollte ich niemals selbst fabrizieren.

Und jetzt? Sieht es so aus, als würde ich dir einen Briefroman schreiben. Ausgerechnet. Diese sind übrigens immer an jemanden gerichtet, aber sie wirken wie Monologe. Denn es finden sich nur selten die Antworten der Empfänger darin. Es ist, als wären diese Briefbotschaften nicht an eine bestimmte Person, sondern an die Welt gerichtet: ›An meine imaginierte Leserin‹, die ich eigentlich bei jedem Satz, den ich aufs Papier bringe, im Hinterkopf behalte. Mir geht es bisher mit meinen Nachrichten an dich genauso. Vier endlose E-Mails habe ich bislang abgeschickt, aber bisher noch keine einzige von dir zurückbekommen. In meinem Postfach landen nur Spam und der übliche Werbekram. Hattest du noch keine Zeit für eine Antwort? Oder bist du mir noch böse wegen meines überstürzten Aufbruchs? Eine Empfangsbestätigung hätte mir schon genügt. Ich weiß ja, wie langweilig es ist, mit seiner Mutter zu korrespondieren. Doch dieses Schweigen – das habe ich nicht verdient. Geht es dir denn gut? Wie kommst du zurecht ohne mich? Vermisst du mich auch so sehr?

Weißt du, ohne eine Antwort von dir fühle ich mich tatsächlich so, als würde ich an einem fantasievollen Briefroman arbeiten und nicht einen genauen Bericht für dich über meine Erlebnisse während meiner kleinen Auszeit anfertigen. Tja. Wahrscheinlich sind es genau diese Einträge in mein blaues Notizbuch, die der Weg aus meiner Schreibkrise heraus sind. Ich habe zwar meinen Roman noch nicht fortgesetzt, aber ich schreibe! Zum ersten Mal seit Monaten. Das verstopfte Ventil ist wieder frei. Ich glaube, ich räume mein schwarzes Notizbuch in eine Schublade. Ich lasse meinen angefangenen Levin Lionheart dort einfach ruhen und schreibe mein Frühjahr in Stillblüten. Das wäre der Titel der Geschichte. Frühjahr, ja. Auch wenn ich bei einem Blick aus dem Fenster nur Schneeflächen, graue Wolkenfetzen und ein schwarzes Wetterkreuz sehe. Genau weiß ich noch nicht, wohin das Ganze mich führt. Erzählung, Roman, Memoiren, irgendwas. Ich schreibe einfach mal drauflos. Ich muss nur aufpassen, dass mir nicht meine Fantasie mit mir durchgeht und ich etwas dazuerfinde. Doch das werde ich wohl nicht nötig haben. Den Titel habe ich mir heute Nacht ausgedacht, als mich gegen halb vier Uhr ein lang gezogenes Jaulen weckte und ich danach lange nicht wieder einschlafen konnte. Doch, ich bin mir sicher, dass es Hundegebell war. Von einem großen Tier; einem Hofhund wahrscheinlich. Es klang ganz nah. Merkwürdig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in meiner näheren Umgebung eine Alm gibt, in der einer zuhause sein könnte. Wahrscheinlich war es nur ein Echo aus dem Tal.

Also, gut. Zurück in die Chronologie. Kehren wir dorthin zurück, wo ich gestern aufgehört habe. Die Kabine der Seilbahn, die uns hinauf zum Elsternnest brachte, ist eine eisigkalte Kühltruhe und hat keinerlei Sitzplätze. Sie ist eng und für höchstens vier Personen ausgelegt. Da Reto bei diesem Schneegestöber nur eine einzige Fahrt wagte, war außer uns beiden und Andrin auch noch mein ganzes Gepäck an Bord. Wir standen wie die Ölsardinen aneinandergepresst in der Kabine und redeten während der Fahrt kein Wort miteinander. So viel zu den Abstandsregeln. Es ging über zwei Stützpfeiler sehr steil jene Bergflanke empor, die direkt hinter Stillblüten beginnt. Durch die beschlagenen und zerkratzten Fensterscheiben gab es in dieser finsteren Nacht nicht viel zu sehen. Schnell blieben die wenigen Lichter des Dorfs unter uns zurück und wurden von der von großen Schneeflocken durchwirbelten Schwärze draußen verschluckt. Wenn es nicht aufwärtsgegangen wäre, hätte dies auch meine Fahrt direkt in den 9. Kreis der Hölle sein können. Allein an den beiden beleuchteten Masten wich die Dunkelheit kurzzeitig einem grellen Schlaglicht, das den feuchten, kahlen Felsen schräg vor uns glitzern ließ.

Aber ich sah kaum hinaus. Das war mir zu gruslig. Es reichte schon, dass die Kabine mit den Windstößen hin und her schwankte und an den Masten durchsackte. Ich musste immer wieder Halt an meinem jungen Vergil finden, der mich in die Hölle begleitete. Er starrte zwar konzentriert nach draußen und schwieg. Aber die Berührung unserer Körper schien ihm nicht unangenehm zu sein. Bei besonders heftigen Schwankungen drückte sich dann auch noch Andrin gegen meinen Rücken. Ich wurde dabei so eng an Reto gepresst, als wären wir ein Liebespaar. Auch er wirkte unter seinem weiten Blaumann dünn, aber sehr muskulös. Er stand trotz der Stöße und Schwankungen breitbeinig und sicher vor seinem Steuerungskasten. Wirkte dabei so unerschütterlich wie der Kapitän eines Viermasters bei Juel Verne. Was soll ich noch sagen? Es fühlte sich einfach gut an. Ich war geborgen, hatte meine Panik im Griff und die zehn Minuten Fahrt hinauf zum Elsternnest ging überraschend schnell vorbei. Fast bedauerte ich es, als wir ankamen.

Die kleine Bergstation ist direkt in das Chalet integriert und man gelangt von ihr durch einen kurzen Gang in den Keller des Gebäudes hinein. Meine beiden Begleiter gingen mit dem Gepäck voran und brachten es zur metallenen Eingangstür. Andrin schloss sie auf und spielte den Cicerone, während sich Reto die ganze Zeit schüchtern im Hintergrund hielt und immer wieder nervös auf seine Armbanduhr sah. Wahrscheinlich wäre er am Liebsten gleich wieder aufgebrochen. Doch der Alte ließ es sich nicht nehmen, mir alles genau zu erklären.

»Also: Hier unten sind der Heizungsraum eine Waschküche und ein Lager. Durch den hinteren Eingang geht es in den Fitnessraum. Dort befindet sich auch eine finnische Sauna, die Sie eine halbe Stunde vor der Benutzung einschalten müssten, oder? Und hier geht es hinauf in das Chalet selbst«, plapperte er munter vor sich hin, als hätte ihn die Höhenluft auf fast zweitausend Metern aus seiner Schweigsamkeit geweckt. Ich bekenne mich schuldig. Ich habe ihm kaum zugehört. Meine Müdigkeit und die Schwere in meinen Beinen nahm mit jedem Schritt zu und ich bewegte mich nur noch schlafwandlerisch. Durch eine steile Jakobsleiter stiegen wir zur Wohnung hinauf. Reto und Andrin mussten ziemlich schnaufen, als sie mein Gepäck endlich oben hatten.

Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, wie das Elsternnest von außen aussieht, aber die Inneneinrichtung wirkte, als würde ich die geheime Villa eines James-Bond-Bösewichts betreten. Zwar sind die Wände aus nachgedunkelten Holzbalken und graubraunen Granitblöcken gefertigt und riechen betäubend nach Zedern und Harz, aber das Interieur wirkt wie aus einem Möbelkatalog der späten Sechzigerjahre. Sogar eine gutgefüllte Bar gibt es hier. Hat Welkenbaum diese Wohnsünde verbrochen oder hat sein Verlag das Chalet mitsamt den Möbeln gekauft? Du wirst es nicht glauben, aber es liegen sogar weiße Schafsfelle vor dem offenen, ausladenden Kamin, in dem gestern Abend ein fröhliches Holzfeuer brannte. Es wärmte angenehm den Wohnbereich, der fast das gesamte Erdgeschoss umfasste. Wahrscheinlich war Andrin am späten Nachmittag schon einmal hier gewesen und hatte vorsorglich eingeheizt. Zum ersten Mal an diesem Tag wurde mir warm und ich warf eilig meinen Mantel über das orangefarbene Sofa, auf dem zwei Fellkissen liegen. Über eine Stufe gelangt man von dem Wohnzimmer zu einer Küche mit einer gemütlichen alpenländischen Essecke. An ihr sitze ich übrigens gerade und setze diese E-Mail auf. Hier ist es viel bequemer als unten vor dem Kamin, wo es außer der Couch und zwei Lounge-Sesseln nur noch einen niedrigen Nierentisch in grüner Schockfarbe gibt. Ein Stilbruch ist der große LED-Fernseher, der wie ein Gemälde an der Wand hängt. Ich werde mich nicht allzu oft dort aufhalten, glaube ich. Da ist mir dieser kleine Küchenbereich mit Aussicht auf den Bereich vor dem Chalet schon sympathischer.

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Mein Frühjahr in Stillblüten – Erzählung (4-2)

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Endlich war dann auch diese schier endlose Viertelstunde vorbei. Sie erscheint mir im Nachhinein wie der Griesbreirand ums Schlaraffenland, durch den man sich zuerst hindurchfressen muss, um ins Paradies zu gelangen. Hasse übrigens Griesbrei – und Schnelltests. Nachdem die Ärztin mithilfe einer kleinen Taschenlampe eingehend meinen Teststreifen begutachtet hatte, durfte ich endlich aussteigen. Ich nahm meine restlichen Sachen aus dem Auto mit, denn ich hatte nicht vor, es noch einmal zu öffnen. Merkwürdig! Für ein paar Stunden war es meine Heimat gewesen, aber mit jedem Schritt, mit dem ich mich durch den Schnee von ihm entfernte, wurde es mir fremder – ja, es erschien mir fast absurd, dass ich eben noch in dem wuchtigen schwarzen Wagen gesessen war. Es fühlte sich einfach endgültig an, als ich es, ohne es abzusperren, hinter mir schloss. In den nächsten Tagen würde den SUV jemand hinunter ins Tal fahren. Es blieb allerdings auch das Gefühl, als hätte ich mir damit meinen letzten Fluchtweg verbaut. Nun bin ich bis voraussichtlich Mitte oder Ende Juni Teil dieser seltsamen Dorfgemeinschaft. Auf Gedeih und Verderb!

Kurze Zeit später saß ich schon an einem Tischchen in einer großen, modern eingerichteten Stube in dem Gemeindezentrum, das auch als Tourismuszentrum dient – nicht, dass sich außer versprengten Bergwanderern jemals jemand nach Stillblüten verirrte! Auch Dr. Wanner, die übrigens auch der Gemeindeversammlung dieses winzigen Dorfes als ›Präsidentin‹ vorsteht und damit eine Art von Bürgermeisterin ist, hat hier ihre Praxis. Wie sie es schafft, in Stillblüten über die Runden zu kommen, weiß ich nicht. Was ich jedenfalls im ersten Eindruck für ärmlich gehalten hatte, war typisch Schweizer Understatement und Bewahrung der historischen Bausubstanz. Auch in Stillblüten war längst die Moderne eingekehrt und hatte die archaischen Dorfstrukturen durcheinandergewirbelt. Dachte ich zumindest. Den Großvater von Heidi und Uli, den Knecht, würde ich ebenso wenig hier vorfinden wie die ›Vuivra‹ oder den ›Zug der armen Seelen‹. Aber ein wenig lugten sie noch hinter den freundlich glänzenden Augen der Brändlis hervor.

In meinen eiskalten Händen hielt ich eine Tasse mit fetter, heißer Schokolade, auf der sich bereits eine dicke Milchhaut gebildet hatte. Sie zerknitterte, wenn ich auf sie blies. Ich weiß, du findest das eklig. Mir erschien es verheißungsvoll. Ich fühlte mich an meine Kindheit erinnert. Nun lernte ich auch Andrin Brändli und seine Frau Anneli kennen und schwatze ein wenig mit ihnen. Ihre freundliche Einladung zu einer kleinen Vesper lehnte ich in Anbetracht der Uhrzeit ab. Die beiden trugen wie die Ärztin keine Masken mehr. Es war heimelig, wieder einmal in die bloßen Gesichter von anderen Menschen zu blicken. Ich fühlte mich willkommen. Die Brändlis sehen sich wie viele Ehepaare, die schon Jahrzehnte miteinander verheiratet sind, sehr ähnlich. Bei ihnen sind es schon vierzig Jahre, wie ich erfuhr. Also mögen sie Mitte sechzig sein. Wirkten aber alterslos. Hätten sie mir gesagt, sie wären 40 oder 80, hätte ich es ihnen auch abgekauft. Ihre furchigen Gesichter sind trotz des ungewöhnlich langen Winters dunkel, wie gegerbtes Leder. Sie haben die gleichen buschigen Augenbrauen und eine Hakennase, dazu dunkelbraune Augen und schütteres, aber noch dunkles Haar, das Annelie halb unter einem Kopftuch verbirgt. Sie sind sehr schlank, wirken fast ausgezehrt. Die Frau ist einen Kopf kleiner als ihr Mann, den nur ein Napoleon wie Welkenbauch als ›mittelgroß‹ beschreiben würde. Es ist, als würden sich die beiden untereinander in einer, nur den Eheleuten verständlichen Sprache austauschen. Mag sein, dass sie das wirklich tun. Auch wenn sie mit mir reden und sich um Hochdeutsch bemühen, was ihnen auf eine wirklich charmante Weise misslingt, fällt es schwer, ihren Worten zu folgen.

Welch einen Gegensatz dazu bot die Ärztin, die sich zu uns setzte, nachdem sie ihre Schutzkleidung abgelegt hatte. Sie entpuppte sich als eine sehr attraktive und gepflegte Vierzigjährige mit tiefbraunem Lockenkopf und feurigen, schwarzen Augen. Die Assoziation mit ›Heidi‹ war naheliegend. Genau so stelle ich mir Johanna Spyris Romanfigur als Erwachsene vor. Mit der improvisierten Schutzkleidung hatte sie auch ihren bemutternden Arztton abgelegt und plauderte vergnügt und humorvoll über das scheußliche Wetter. In den Erinnerungen der älteren Stillblütener sei dies der längste und hartnäckigste Winter seit Anfang der Achtzigerjahre. Man habe auch schon lange nicht mehr gesehen, dass der Schnee bis nach Ostern nicht zu schmelzen beginnt. Vera war übrigens der Auffassung, die Wetterlage würde sich bis Mai kaum ändern, wahrscheinlich bis zur ›kalten Sophie‹ andauern.

»Oben beim Chalet liegt der Schnee noch meterhoch!«, sagte sie. Langsam forderte die anstrengende Autofahrt ihren Zoll und ich gähnte ausdauernd. Dann erst wurde mir die Bedeutung ihrer Worte klar.

»Wohne ich denn nicht hier im Ort?«

»Aber nein! Wissen Sie denn das nicht? Das › ›Aegäschtä‹-Nest liegt gut fünfhundert Höhenmeter über uns auf einem flachen Vorgipfel des Lislihorns.«

»Das höre ich wirklich zum ersten Mal. Davon hat mir Herr Welkenbaum nichts erzählt. Aber wie komme ich jetzt da hinauf? Muss ich etwa noch einmal mit dem Auto …?«

»Aber, nein! Wo denken Sie hin, Frau Rainer? Da geht doch keine Straße hin«, lachte Vera. »Sie bringt die Seilbahn hoch.«

»Der Reto macht sie gerade startklar«, mischte sich Andrin ein. »Es ist bei diesem Wetter nicht ganz einfach, eine Nachtfahrt zu machen, aber der Reto beherrscht sein ›Glump‹. Glauben Sie mir.«

Wie aufs Stichwort ertönte ein tiefes Brummen. Es hörte sich wie ein zorniger Bär an, den man zu früh aus dem Winterschlaf geweckt hat. Die Milchhaut auf meinem Kakao vibrierte.

»Die Bahn befindet sich gleich an der Rückfront des Gebäudes«, erklärte Vera. »Wenn es ihnen recht ist, wird sie Reto jetzt dann nach oben bringen, bevor es noch später wird. Der Andrin kommt noch mit. Er hat die Schlüssel vom Chalet und zeigt Ihnen schnell noch alles. Ich werde Sie dann morgen am späten Nachmittag wegen des Impfscheins besuchen, wenn es Ihnen recht ist.«

»Ihr Gepäck ist schon in der Kabine«, ergänzte Andrin und stand auf. Hinten öffnete sich eine Tür. Der Lärm des Dieselgenerators schwoll an. Ein junger Mann trat ein. Er trug einen ölfleckigen Blaumann.

»Ich wäre dann so weit …«, murmelte er und blickte über unsere Köpfe hinweg. Offenbar traute er sich nicht, mir in die Augen zu sehen. Du weißt, wie unangenehm es mir ist, mit einer Bergbahn zu fahren. Besonders Sessellifte bereiten mir großes Unbehagen und – ja!, auch Angst. Doch ich war viel zu müde und erschöpft, um noch eine Panik zu entwickeln. Außerdem machte der junge Mann, den mir Andrin im Vorbeigehen als ›Reto Wyss‹ vorstellte, trotz oder gerade wegen seiner Schüchternheit einen hervorragenden Eindruck auf mich. Hervorragender Eindruck! Wie das klingt. So alt bin ich nun auch wieder nicht, dass ich solche Wörter benutzen darf. Versuche es anders. Zwischen Reto und mir, da war sofort ein Bund. Es war fast greifbar real. Er trat vor mich, lächelte nun spitzbübisch und reichte mir über den Tisch hinweg seinen schmutzigen Ellenbogen zum Coronagruß. Obwohl ich diese Geste noch merkwürdige finde als die alte Unart, sich küssend zu umarmen, stand ich auch auf und ging ungeschickt darauf ein. Ein heftiger Schmerz stach in mein Knie. Hoffe, er deutete mein verzerrtes Gesicht nicht falsch. Mein Gott, ich glaube, dass ich trotzdem gekichert habe.

»Grüezi«, sagte ich und versuchte, wie Marlene Dietrich zu klingen. »Ich bin die Bernadette.« Wie jedes Mal, wenn ich meinen Vornamen nenne, errötete ich gleich darauf. Kam mir wie eine Hochstaplerin vor. ›Bernadette Rainer‹. Ich werde mich niemals vollkommen an diesen Künstlernamen gewöhnen, den Jochen Engold erfunden hat, als er meinen 1. Roman lektorierte.

»Die Geschichte ist so zart und poetisch«, hatte er erklärt. »Sie brauchen unbedingt einen Namen, den man auch in Frankreich und England aussprechen kann!«

Da geschah es. Reto nickte und er lachte so dabei so breit, dass seine makellos weißen Zähne in seinem dunklen Gesicht funkelten.

»Grüezi, Bernadette. Ich habe Ihre Bücher gelesen«, stellte er fest und machte dabei eine einladende Geste zur Tür hin. In meiner Seele ging eine warme, helle Sonne auf.

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