Minnedichtung – Ein Essay (IV)

Essay, Kunst, Literatur, Musik, Philosophie, Sprache

Ironie und ein Griff ins pralle Leben – Teil I

Die Dichter der hohen Minne waren sich sehr wohl bewusst, dass es neben dem Preisen der geistigen Werte der unerreichbaren Liebsten und ihres „Zwillings“ im Himmel auch noch Handfesteres auf dieser Welt gibt. Ihr Publikum an den Höfen, übrigens auch den bischöflichen, wollten gerade solches begeistert hören. (1) Nicht einmal die Minnedichter lebten nach den Idealen, die sie vertraten, die meisten von ihnen waren verheiratet oder hatten diverse Liebschaften und besuchten gerne die Badehäuser, die nicht nur der körperlichen Hygiene dienten, sondern oft genug auch die mittelalterliche Variante eines Swingerclubs waren.

Mancher begrüßt mich so
und das macht mich gar nicht froh,
Hartmann, gehen wir schauen,
ritterliche Frauen.
So lass er mich in Ruh
und seh allein den Frauen zu.
Wenn ich vor solche Frauen kam,
war ich voller Scham.

 Bei Frauen hab ich nur eins im Sinn,
dass sie so zu mir sind wie ich bin.
Deshalb vertreib ich mir lieber den Tag,
indem ich arme Frauen mag.
Überall gibt es von ihnen viel,
und dort ist immer eine, die mich will.
Die ist dann meines Herzens Spiel.
Was also nutzt mir ein so hohes Ziel?

 Noch heut geht mir die Torheit nach
dass ich zu der edlen Dame sprach:
Edle Frau, ich habe alle meine Sinne
ausgerichtet auf Eure Minne.
Da begann sie über mich zu klagen,
Drum will ich, lasst euch sagen,
nur noch solche Frauen suchen,
die mich nicht so offen fluchen.

Also dichtete Hartmann von Aue (um 1165 – 1215), manchem Schüler als Epiker in schlechter Erinnerung (2) und er klingt ehrlich. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass Dichter nie stärker stilisierten und an überkommene Formen gebunden waren als gerade im MA. Vorbild waren auch hier – soweit bekannt – die klassische lateinische Dichtung wie die von Ovid oder Vergil und die maurisch-fränkischen Troubaroures. Jedes Lied, das entstand, musste in eine Gattungsschublade passen und sich auch inhaltlich an einen ganz eng gefassten Rahmen halten. In diesem Abschnitt will ich für die wichtigsten Liedgattungen jeweils einen charakteristischen Vertreter zeigen.

minne6Der Grund für das Stilisieren der Minnedichter ist wieder in der Religion zu finden. Da, bedingt durch die bereits erläuterte Weltanschauung des MA, das Ich des Einzelnen, das erst eine Erfindung der Renaissance ist, nur eine verschwindend geringe Rolle spielen durfte und persönliche Eigenarten des Einzelnen im großen Ordnungsplan als eher störend empfunden und „Neues“ sogar als ketzerisch gebrandmarkt wurde, legte man darauf Wert darauf, dass dichterische Texte und Kunst überhaupt einen allgemeingültigen Aspekt aufwiesen. Fast nie wurde eine Statue mit individuellen Zügen ausgestattet, Portraits wurden nicht geschaffen, vom „Kunstwerk“ sprach man erst im 19. Jahrhundert.

„Dabei gibt der Künstler Form und Gestalt nur einem Gegenstand, der bereits vorhanden ist und Dasein schon besitzt, wie der Erde, dem Steine, dem Holze, dem Golde oder einem beliebigen anderen Stoffe dieser Art. Und woher wären diese, wenn du, mein Gott, nicht ihnen Dasein verliehen hättest? Du hast dem Künstler den Leib gebildet, du ihm eine Seele geschaffen, die den Gliedern gebietet, du hast ihm den Stoff geliefert, aus dem er etwas bildet, du ihm das Talent gegeben, mit dem er die Kunst erfaßt und innerlich schaut, was er äußerlich darstellen soll, du die Sinne, durch deren Vermittlung er das Bild seines Geistes auf den Stoff überträgt und wiederum der Seele über die Verwirklichung der Idee berichtet, so daß dann dieser die in seinem Innern thronende Wahrheit fragen kann, ob das Abbild gut sei. Dich preist all dieses als den Schöpfer aller Dinge.“

So schreibt Augustinus, erneut als Zeuge für die mittelalterliche Weltanschauung dienend, und er macht deutlich, wie der Künstler nur als ein Sprachrohr Gottes aufgefasst wurde, seine Person und sein Name weiter keine Bedeutung haben, vom tatsächlichen Urheber alles Geschaffenen nur ablenken. Darüber, ob das sündig sei und ob ein Künstler damit auch Geld verdienen dürfe, wurde in den Kirchenkonzilen gestritten.

Obwohl die höfische Welt, die etwa 8 – 9 % der Bevölkerung ausmachte, als erste so etwas wie „Selbst”-Bewusstsein entwickelte, waren ihre Dichter sehr vorsichtig mit einer Darstellung ihrer eigenen Persönlichkeit und gingen sehr ins Allgemeine oder Typische, werden dadurch nur selten als Menschen greifbar. Auch aus diesem Grund ist sehr wenig über ihre Biographien erfahrbar. Es scheint, als seien sie wie der Moderne Mensch von einer promethischen Scham erfasst, jedoch nicht gegenüber der Maschine, sondern gegenüber Gott. (3)

Dennoch gibt es immer wieder Momente, manchmal nur eine Zeile oder Wendung, in der einer der Minnedichter die Konvention aufbricht und dann gelingt ihm Großartiges. Das folgende Gedicht ist der Anfang eines sogenannten Tageliedes und behandelt eines der beliebtesten Minnethemen des MA. Es beschreibt den Morgen nach dem Ehebruch. Der fahrende Ritter liegt im Bett seiner Herrin, es graut der Morgen, der Wächter auf den Zinnen – ein Vertrauter der beiden – kündigt den neuen Tag und die Rückkehr des gehörnten Ehemannes an. Die Frau will diese Meldung nicht wahrhaben. Trotz der nun gebotenen Eile können sich die beiden erst von einander trennen, nachdem sie noch einmal miteinander geschlafen haben.

„Die Pranken zog der Tag durch die Wolken,
er steigt herauf mit Manneskraft,
ich sehe schon den Morgen grauen:
jenen Tag, der uns das Liebesglück
zerstören will ,mir und dem edlen Mann,
der sich zur Nacht hereingeschlichen –
ich bring ihn fort, wenn das noch geht.
Er zeichnet sich in vielem aus – ich muss es tun!”

Man kennt von den Minnedichtern Hunderte von Variationen des Tageliedes; auch hier stammen die Vorlagen aus dem Französischen. Das eben zitierte hat der edle Wolfram von Eschenbach (um 1170 – 1220) einer höfischen Gesellschaft vorgetragen, die den Ehebruch ablehnte; eine Frau, die Unzucht trieb, wurde geächtet. Das Tagelied war nichts weiter als ein typisches literarisches Muster und besaß keinerlei soziale Realität; zumindest nicht für die Gesellschaft im mittelalterlichen Deutschland.

Und doch: Was für eine Kraft hat diese Dichtung noch heute!

Die Pranken zog der Tag durch die Wolken

[ZUM FÜNFTEN TEIL]

Fußnoten

(1) Dass die Minnesänger dabei auch Schwierigkeiten hatten, es allen recht zu machen, spiegeln die folgenden, von Dieter Kühn übertragenen Zeilen wieder, die von einem recht verzweifelten Marner (gest. um 1270) stammen. Vor allem in der desillusionierten letzten Strophe gibt er eine zeitlose Künstlererfahrung wieder:

Sing ich vor den Leuten meine Lieder,
so hätte der erste gerne dies:
wie Herr Dietrich floh, aus Bern;
der zweite: wo herrscht König Rother;
der dritte wünscht den Reussenkampf,
der vierte: Eckehards Leid und Tod,
der fünfte: wer war Kriemhilds Opfer;
der sechste hörte lieber dies:
wie’s dem Volk der Wilzen geht;
der siebte möchte irgendwas
vom Kampf des Heime oder Wittich,
vom Tod des Siegfried oder Ecke;
der achte will aber nur eines:
Minnesang im Stil des Hofes;
den neunten langweilt dies alles sehr;
der zehnte weiß nicht, was er will.
[…]
So dringt mein Lied in Ohren ein:
wie weiches Blei in Marmorstein.

(2) Wie die Schule mit diesen Dichtern umgeht, so sie nicht einen großen Bogen um sie macht, ist ein Thema für sich und zwar ein trauriges: Der Spaß an Lyrik und Literatur wird einem nirgendwo gründlicher verdorben als im Deutschunterricht. Oft hält diese ablehnende Konditionierung ein Leben lang. Die Erzeugnisse der Dichter werden in der Schule nicht nur gewalttätig mit Bildung, Kategorisierung und durch weihevolles Anbeten getötet, es wird dann auch noch mit hanebüchenen Deutungen so lange Leichenfledderei betrieben, bis auch dem letzten die Lust daran vergangen ist, sich mit Literatur auseinander zu setzen.

(3) Der Begriff der promethischen Scham, den ich hier so bedenkenlos übernehme, stammt aus dem I. Band der Antiquiertheit des Menschen, München 1956, von Günther Anders.

Minnedichtung – Ein Essay (II)

Essay, Kunst, Literatur, meine weiteren Werke, Musik, Philosophie, Sprache

Gott ist die Welt

 Es ist bei Nichtfachleuten wenig bekannt, dass der Begriff Mittelalter keine Verlegenheitserfindung von modernen Mediävisten ist, sondern aus der Theologie des Hl. Augustinus (um 354 – 430) stammt, der den Schöpfungsbericht als eine Analogie für die Menschheitsgeschichte auslegte. (1) Die Werke von Augustinus, der am Ausgang der Antike lebte, waren für das MA die grundlegenden Staats-, Geschichts- und Gotteslehren; dieser afrikanische Bischof hat sozusagen die Theorie des MA’s geschrieben, spätere Denker wie der unter ihnen weit herausragende Thomas von Aquin (um 1225 – 1274), also ein Zeitgenosse der Minnedichter, beschäftigten sich in der Hauptsache mit der Kommentierung und Auslegung seiner Schriften. Deshalb ist es nicht zu vermeiden, Augustinus in diesem Kapitel etwas ausführlicher zu Wort kommen zu lassen.

Für Augustinus lebten die Menschen in einer Zwischenzeit, dem mittleren Zeitalter. Geschichte war ihm ein Altern der Welt zwischen der ersten und zweiten parousia, also dem ersten Auftreten Jesu und seiner erwarteten Wiederkunft, die das Ende aller Tage einläuten sollte. Die Zeit, die ihm übrigens einiges Kopfzerbrechen bereitete, (2) ist für ihn also von Anbeginn durch den Herrn terminiert: Es ist die Übergangsperiode der Bewährung auf der Erde, eine Zeit, in der jeder von Gott an seinen Platz gestellt dieses irdische Jammertal durchlaufen muss. Die Erde stellt dabei den weltlichen Teil des Gottesstaates dar, der aus einem Ort im Himmel (civitas Dei coelestis) und eben dem auf der Erde wandernden Gottesstaat (civitas Dei pereginans in terris) besteht. Der peregrinus ist laut römischem Recht ein ortsansässiger Fremder. Die Christen sind also, wo immer sie sich auf Erden aufhalten, nur Fremde. Ihr Ziel besteht darin, die nach dem Fall Luzifers und seiner Anhänger gelichteten Reihen des civitas Dei coelestis wieder aufzufüllen. Nicht alle Glieder des wandernden Gottesstaates – der Kirche – werden auch Mitglieder des himmlischen Staates sein; erst am Ende der Tage wird sichtbar werden, wer den ewigen Lohn verdient. Doch alle Christen möchten dazugehören; dieser Wille zur Zugehörigkeit macht Engel und Menschen bereits jetzt zu Mitgliedern eines Gottesstaates.

Minne2Neben den hier nicht weiter behandelbaren rechtsphilosophischen Konsequenzen dieses Gedankens auf das Verhältnis von geistlicher und weltlicher Macht wird eines deutlich: die Erde ist nicht mehr als ein Wartesaal und sie ist statisch: Das Wort Zeit wurde im MA nahezu ausschließlich in seiner Mehrzahlform verwandt, also nie als eine fortlaufende Reihe von Ereignissen verstanden. Eine Entwicklung im Sinne von Fortschritt ist auf der Erde nicht denkbar und für den Christen nicht von Interesse. Die Himmels- und Weltmaschine, die Gott konstruiert hat, kann durch nichts gestört werden – es gibt zwar Beschädigungen, teuflische Störungen, aber der Ablauf bleibt gleichmäßig. Mit welchem Recht sollte ein Mensch wagen, diese Schöpfung zu ändern, und sei es auch nur in der Ausdeutung? Wissenschaftliche Erkenntnis ist ein Widerspruch in sich selbst, da die Dinge, die Gott dem Menschen verborgen hat, ihn auch nichts angehen: Wissenschaft in heutigem Sinn ist teuflische Störung, Häresie. Deshalb kann es keinen Fortschritt über Aristoteles hinaus geben, der, soweit seine Schriften bekannt waren, für das MA den Gipfelpunkt menschlichen Erkenntnisvermögens darstellte. (3) Das Ende des MA läutet u. a. dann auch die Wiederentdeckung von Platon und Lukrez und die Kritik an Aristoteles durch die Humanisten ein.

Die Umwelt ist nur dazu da, dem Menschen Beschwernis aufzuerlegen. So etwas wie die gefühlvolle Betrachtung der Natur kann es nicht geben; sie wird ausschließlich von ihrem Nutzwert zum Überleben oder als Strafe Gottes betrachtet. Der Dichter Neidhard aus dem Reuethal (1. Hälfte des 13. Jahrhunderts, ab 1215 in Bayern nachweisbar) hat z. B. in einem Gedicht über eine Italienreise fast überschwängliche Worte für die Fruchtbarkeit der für uns so langweiligen Po-Ebene, die Alpen, die er vorher überwinden musste, sind ihm gleichgültig, ein lästiges Hindernis. (4) Den Begriffen der Romantik würde er verständnislos gegenüberstehen. Erst Petrarca wird hundert Jahre später allein deshalb einen Berg besteigen, weil er die Aussicht genießen will. Vielleicht ist das der Tag, an dem die Neuzeit beginnt.

Der Eine Gott und das Ziel, einst in den himmlischen Teil des Gottesstaates einzuziehen, sind also die Fluchtpunkte im Unendlichen, auf die das ganze MA zentriert ist. (5) Auch die Kunst, die ja immer eine Funktion ihrer Zeit ist, ist von dieser Weltsicht dominiert. Ein hoher Prozentsatz der Kunst und damit der Literatur (manche Forscher sprechen von annähernd 90 %) hat rein geistlichen Inhalt und er ist allein auf das von Walther von der Vogelweide in der Einleitung angesprochene Problem ausgerichtet, wie man leben solle, um das ewige Leben im Angesichte Gottes zu erringen. Ein beispielhafter anonymer mystischer Text aus dem 13. Jahrhundert rät deshalb zur Weltflucht:

Werde wie ein Kind,
werde taub, werde blind!
Dein Selbst und dein Ich
müssen zum Nichts werden.
Jage alles Sein weit von dir.
Laß die Erde, laß die Zeiten,
mach dir kein Bild von ihnen.

 Gehe den schmalen Steig,
geh ihn ohne Weg.
Dann gelingt es dir,
die Leere aufzuspüren.
Dann, meine Seele,
gehst du in Gott ein.
Dann sinkt dein ganzes Sein
in Gottes Nichts,
versinkt in seiner grundlosen Flut.

Dabei kann je nach Parteizugehörigkeit des Autors zwar durchaus Kritik an Papst oder Kaiser laut werden, die beiden Vertreter der geistlichen und der weltlichen Macht lagen ich bekanntlich fast das ganze MA in den Haaren, wer vom jeweils anderen seine Legitimation bekäme. Die göttliche Ordnung allerdings wurde nie in Frage gestellt, konnte auch nicht in Frage gestellt werden. Als Beispiel möge hier ein Ausschnitt aus der Bescheidenheit von Freidank (gest. 1233 in der Abtei Kaisheim/Donauwörth) dienen, der, von einem Kreuzzug desillusioniert, eine harsche Attacke gegen die weltliche und die geistliche Macht ritt, aber zuletzt seine Zuflucht doch wieder in Gott fand:

Kein Kirchenbann reicht vor Gott
weiter als die Schuld eines Menschen.
 Gehorsam ist nur so lange gut,
als der Papst richtig handelt.
Wenn er jemanden zu gottlosem Handeln zwingen will,
dann soll man ihm nicht folgen.

So viel zur Unfehlbarkeit des Papstes. Doch auch die weltliche Macht kriegt ihr Fett ab:

Superschlau und Genausoschlau
sollten sich drei Mark teilen.
Superschlau wollte den größten Anteil.
Genausoschlau ließ es nicht zu.
Ihr Streit ist noch nicht entschieden.

So streiten Kaiser und Sultan.

[…]

So helfe uns Gott!
Papst und Kaiser sind irre geworden!

Auch die Minnedichtung, zumal die der hohen Minne, kann nur aus diesem Ansatz betrachtet werden. Sie ist weit weniger weltlich, als sie sich bei einer flüchtigen Betrachtung darstellt.

[ZUM DRITTEN TEIL]

Fußnoten

(1) z. B.: Augustinus, De Genesis contra Manichaeus oder De diversis quaestionibus, Augustini opera, Wien 1887ff. Im folgenden wird in diesem Kapitel aus dem 11. Buch der Confessiones und aus De Civitate Dei zitiert.

(2) Meine Seele brennt vor Verlangen, diesen so überaus verwickelten Knoten zu lösen. Verschließe doch, Herr, mein Gott, du gütiger Vater, ich bitte dich um Christi willen, verschließe doch diese so alltäglichen und doch so geheimnisvollen Dinge nicht vor meinem Verlangen; lass meinen Geist darin eindringen, auf dass sie mir im Lichte deiner Barmherzigkeit, o Herr, klar werden. […] Was ist die Zeit?
Ich glaube nicht, dass vor Goethes Faust die Leiden eines wissenschaftlichen Geistes, der mit der Erkenntnis ringt, noch einmal so eindringlich formuliert worden sind.

(3) Auch hier ist die Ausnahme die Bestätigung der Regel. Interessant in unserem Zeitzusammenhang ist die Lehre des später mit einem Bann belegten und als Häretiker verfolgten Amalrich von Bena, der an der Pariser Universität zu Beginn des 13. Jahrhunderts lehrte, allein das philosophische Wissen sei heilsbringend: in dem Maße, in dem wir wissend seien, sei Gott in uns, ungeachtet jedes religiösen Bekenntnisses, denn Gott sei die forma mundi. Das ist Aufklärung in ihrem besten Sinne.
Bemerkenswert scheint mir, dass im Umfeld dieser Pariser Universität, in der solche Gedanken möglich wurden, in signifikanter zeitlicher Übereinstimmung auch die polyphone Musik entwickelt wurde. Ganz so, als käme das eine ohne das andere nicht aus, setzte die Polyphonie zu ihrem Siegeszug erst an, als sich in der Renaissance der wissenschaftliche Aufklärungsgedanke allgemein verbreitete.

(4) In seltsamer Übereinstimmung ließ noch Johann Joachim Winckelmann die Vorhänge an seiner Kutsche schließen, wenn er die Alpen überquerte, weil das „scheußliche Durcheinander“ der Berggipfel seinen ästhethischen Sinne verwirrte.

(5) Dass das MA keine Räumlichkeit in ihren Bildwerken entwickelte, liegt m. E. an eben dieser Tatsache, dass die Menschen ihren Blick nur hinauf zu Gott wendeten und mit ihren emporstrebenden gotischen Kirchen wie mit Fingern auf ihn und in die Unendlichkeit deuteten, ihre Augen jedoch nur selten auf der Erde schweifen ließen, einer Erde, deren Erscheinungen sie kaum Interesse entgegenbrachten.