Aber ein Traum …

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Labyrinthe – Eine Erzählung aus der Heimat (Teil 2)

Labyrinthe
Eine Erzählung aus der Heimat

Beachtlich sind die zahlreichen Tierarten im Na­turschutzgebiet, wobei besonders zu erwähnen sind: das Damwild, Reh- und Schwarzwild, Hase, Fasan und Rebhuhn, aber auch die weniger auf­fälligen Tierarten wie Marder, Iltis, Fledermaus, Igel, Eich­hörnchen, Fuchs und Dachs sind im Natur­parkgebiet beheimatet. Neben zahl- und artenrei­chen Sing­vögeln sind noch eine Reihe von Greif­vögeln zu beob­achten, so insbesondere Mäuse­bussard, Sperber, Ro­ter Milan, Baum- und Turmfalke, Waldohreule, Waldkauz, Steinkauz und Schleiereule. Immer häu­figer konnen nun auch der Graureiher und der Weißstorch beobachtet werden.

Daniel ging die Wellenburger Straße hinunter zum Anhauser Weiher, dem ersten einer ganzen Kette, die das Anhauser Tal löchrig und sumpfig macht. Er nahm den Weg westlich um den Tümpel herum, bis er sich nach rechts wandte, um spontan einer Forststraße zu folgen. Die bisher reine Fichtenschonung wandelte sich in einen schönen Mischwald, in dem Buchen das lichtfleckige Grün saftig dunkelten. Nach etwa zehn Minuten verließ er diesen Hohlweg nach halb­links und gelangte schließlich zu einer Weggabel, an der er stehen blieb.

Die Aufzählung der Sehenswürdigkeiten im Natur­park wäre nicht vollständig ohne den Hinweis auf die Zeugnisse vor- und frühgeschichtlicher Besied­lung.

Und Elegorn war des Weges und der Kriege müde. Er setzte sich auf einen Baumstumpf, wandte sein Ge­sicht hinauf zu der hitzigen Sonne des späten Wid­dar. Dann betrachtete er nach­denklich den vor ihm liegenden Scheideweg. Wo­hin er sich auch wen­den würde, keiner der in den Wald geschlagenen Pfade würde ihn in die Heimat führen. Denn er hat­te keine, sie war längst verlo­ren. Und schau, da senkte sich eine verirrte Tau­be auf seine Schulter. Er schmiegte seinen Kopf gegen das gurrende Tier und weinte. Elegorn, der große Kämpfer der Inseln, der Bezwinger von Asha, der Grünen und Held von Fafnersaat, war einsam.

ich muss mal dumme wurzel hängengeblieben der hosenfall immer klemmt das gleiche mit wenn jetzt den neuen jeans jemand kommt aber außer mir ist wohl und latscht niemand so blöd bei der hitze im wald rum

„Ich werde ein Tagebuch in Gedichtform schrei­ben.“

gut das ist ein beim pinkeln guter gedanke habe ich immer die besten das erste gedicht einfälle wird die stille des waldes die blätter beschreiben erdrü­cken den laut so wird es was reimt sich auf laut be­ginnen scheiße auf die turnschuhe was gibt es ekli­geres ge­schifft als warme pisse zwischen den da ist eine ameisenstraße zehen die erreiche ich noch im urin mit dem strahl der strahl gotttes ersaufen auch eine art in meinem urin zu sterben es gibt sicher schlech­tere

„Wo habe ich meine Schultasche hingestellt?“

ach neben dem stift und papier baumstamm bevor ich den vers kein hauch an meinem ohr die haut ich fror vergesse ja klasse wollte ich mir nicht noch et­was was ist denn das aufschreiben zeugnis der kriti­sche schüler das zeugnis verfolgte bla bla bla den unterricht religion eins mathe fünf im fach sport konnte der schüler nicht idioten warum benotet wer­den habt ihr nicht geschieben der ziegler dass er sich den verstand weggesoffen hat während wir ein jahr lang aber nein fußball spielten der schüler konnte nicht der baum benotet werden da ist ideal ich hänge es dran wie einen vielleicht steckbrief fin­det ihn eine kopfgeldjäger und setzt sich was bedeu­ten auf meine spur eigentlich die geschmierten blau­en kreuze an alle fünfzig meter den bäumen ist ei­ner sollen die gefällt werden oder ist das ein wan­derweg für kurzsichtige

27. Juli, gegen Abend

die blätter erdrücken jeden laut, kein hauch kommt an mein ohr.
Streichelt sanft meine haut, so ich trotz der hitze fror.
ich wandte mich um und war allein, nur die tannen neig­ten sich
trunken von harz‘gem wein und ich fürchtete mich.
die sonne sandte ihre letzten Strahlen runter zu der erde,
lichtschwerter die verletzten, ich spüre, dass es nacht wer­de.

und scheiße oh die letzte strophe ist scheiße aber mir ist ich werde wohl heiß in der nähe übernachten da ist irgendwo die da habe ich schon buchkopfquel­le einmal einen wandertag gemacht hab mich verlaufen und damals da kann ich pennen die polizei gesucht

*

„Schau mal, der Zettel da.“

„Wo?“

„Na, dort, an der Tanne, nein, wo siehst du denn schon wieder hin?“

„Ach, ja, das sieht aus wie — Hast du meine Brille?“

„In der Tasche. Warte, ich suche sie.“

„Einmal möchte ich wissen, was du alles in deiner Tasche hast.“

„Hier.“

„Wirklich ein Wunder, dass du sie gefunden hast. Das ist tatsächlich ein Schulzeugnis. Ist heute nicht der erste Ferientag?“

„Nein, morgen. Heute war der letzte Schultag.“

„Mein ich ja. Zeugnis der Fachoberschule in Augs­burg. Für Daniel Sonnenberg.“

„Den kenne ich nicht.“

„Ja. Geboren ist er am neunzehnten März 19.., dann ist er jetzt auch neunzehn und in der 11. Klas­se. Folglich müsste er, ja, er müsste einmal durchge­fallen sein.“

„Ob er sein Zeugnis verloren hat?“

„Ruhe, ich lese.“

„Nehmen wir es mit oder lassen wir es hängen? Der arme Junge wird bestimmt danach suchen.“

„Was? Ach, das glaube ich nicht. Das Zeugnis hängt bestimmt nicht zufällig da. Aber hör doch mal: Der kritische Schüler folgte dem Unterricht meist auf­merksam und interessiert. Allgemein und im beson­deren im Fach Mathematik ließ jedoch seine Arbeits­moral zu wünschen übrig. Das Amt des Klassenspre­chers versah er mit Umsicht und Fleiß. Das ist eine wirklich schlechte Zeugnisbemerkung. Und erst die Noten! Hauptsächlich Vierer. In Religion hat er eine Eins, ausgerechnet. Und in Deutsch einen Zweier. Nicht gerade überragend. Dem Thomas hätte ich was erzählt, wenn damit nach Hause gekommen wäre. Ich hätte das Ding an seiner Stelle auch an ei­nen Baum gehängt. Und mich selbst dazu.“

„Das ist ein Dokument.“

„Und ein wichtiges auch noch.“

„Ja, ja, mach dich nur lustig.“

„Nimm meine Brille und stecke sie zurück, aber so, dass du sie gleich wiederfindest, wenn ich sie brau­che.“

„Nehmen wir das Zeugnis nicht mit? Wie könnten es doch mit der Post schicken.“

*

Daniel wachte sehr früh auf. Es fiel ihm schwer, in die Wirklichkeit zu finden. Er wusste nicht, was ihn geweckt hatte. Seine dünne Kleidung war voller Tau und feuchten Grasflecken, aber die Sonne, die durch die Stämme der Tannen zu seinem Schlafplatz her­über spähte, trug bereits die Wärme eines heißen Tages mit sich. Daniel riss zwei Seiten Gauss’schen Algorithmus aus seinem Mathematikordner und trat ins Ge­büsch, um sich zu erleichtern. Hier schreckte er ein kleines Tier auf, das pfeifend ins Unterholz flüchte­te. Er konnte nicht erkennen, was es war – ein Marder vielleicht? An der Buchkopfquelle wusch er sich und stillte trotz eines Warnschildes seinen Durst. Dann hockte er sich wieder in das feuchte, hohe Gras, das er in der Nacht niedergelegen hatte und genoss den jun­gen Morgen. Er schrieb ein Gedicht. Eine gute Stunde später schlenderte er den Weg weiter nach Burgwalden hinein, um im dortigen Gasthaus zu frühstücken.

28. Juli, sehr früh.

Wald
natürlich wäre hier nur
mein ekel.
aber die morgensonne
malt streifen
zwischen die fichten.
der tag erwacht.
vögel begrüßen den tag.
der necropole entkommen
fängt mich die romantik.

sitzen liegen das ist gehen nicht mein fall ich muss um nicht wieder gehen hereinfallen auf den alltag brüder grüßt mir die sonne brüder grüßt mir den burgwalder golfplatz im lichterschein

Der Weiler Burgwalden ist ein beliebtes Ausflugs­ziel inmitten der reizvollen Landschaft der Westli­chen Wälder. Hier am Ausgang des Anhauser Ta­les bilden Wälder, Wiesen und Weiher ein reizvolles Bild. Die Siedlung Burgwalden entstand vermutlich im elften Jahrhundert durch Brandrodung und hieß bis 1513 Ettenhofen. Besitzer war das Augsbur­ger Benedikti­nerkloster St. Ulrich und Afra, das die Herrschaft an verschiedene Augsburger Handels­familien verlieh. An den Kirchenbau von 1513 durch Ambrosius Höchstätter erinnert eine Inschrif­tentafel an der In­nenwand des hübschen Kirch­leins, das nach dem Übergang des Besitzes an das Haus Fugger eine Er­neuerung und im 18. Jahrhun­dert eine üppige spät­barocke Ausgestaltung er­lebte. Reizvoller Stuck und bemerkenswerte Holzfi­guren zeichnen den freundli­chen und gutgepfleg­ten Kirchenraum aus.

[Fortsetzung nächsten Sonntag …]

Labyrinthe – Eine Erzählung aus der Heimat (Teil 1)

Labyrinthe
Eine Erzählung aus der Heimat

 

„Wer versteht die Welt?“
„Nur, wer sich selbst versteht.“
Goethe, Märchen

Der Naturpark Augsburg – Westliche Wälder umfasst eintausendeinhundertfünfundsieb­zig Quadratkilometer Fläche. Er wird im Osten durch den Lauf der Wertach und der Schmut­ter, im Westen duch die Mindel begrenzt. Die Nord-Süd-Ausdehung reicht vom Donauried bis Türk­heim. Die sehr abwechslungsreiche Landschaft wird von zahlreichen Tälern durch zogen. Der hohe Waldanteil von vierzig Prozent setzt sich zu 80 Pro­zent aus Nadelbäumen und zu zwanzig Prozent aus Laubbäumen zusammen.

ob man magengeschwüre vom ehrgeiz bekom­men stillstehen kann heißt ich rückschritt stehe still aber ich gehe nicht sprichwörter zurück sind nicht sondern logisch eine emotion wer rastet irgendetwas der egal ausgerechnet heute hat der bus ausgerechnet heute hat er verspätung warten auf den sie bus sieht wieder hallo her

„Ich bin auch geil.“

ich fürchte wenn ich schuhfetischist ehrlich bin bin ich rote schuhfetischist pumps mit centabsätzen ihr körper ja tänzelt toll ja komm schon lass mich le­cken ja schon zehn nach wo bleibt eins der bus

„Ja. Stefan. Mir geht es gut. Klar, muss es ja.“

ja stef doch doch hast ja stehst recht aber in meiner blickfeld schuhe gesehen ich lecke sie siehst du mit den augen

„Ja. Stefan. Der Brunner ist ein Arsch. Am letzten Tag Mathe.“

rote lackpumps in seinem stecken arschloch span­nen hämorrhoiden

„Ja. Stefan. Ich warte auf den Bus. Ach, so, weiß ich nicht, vielleicht nach Spanien.“

hau zisch doch ich seh sie nicht stehst im weg komm

„Nein. Stefan. Ich weiß nicht, was bei der ersten Aufgabe rauskam. Ist mir auch egal jetzt. Wird eh nicht benotet. Ich bin beim Integral hängen geblie­ben.“

das ist jetzt nicht du dein ernst fragst die mathenull mich da bist du bist doch noch besser

„Nein. Stefan. x – i, ja, sicher.“

also als ob ich der stefan hat ferien und kommt mir mit mathe das ist sowas von tot

„Also, bis dann. Stefan. Klar, wünsche ich dir auch.“

endlich du als ob ich schwätzer also wenn sie das nächste mal werde ich lächeln herschaut das kann ich wenn ich gut mich traue ich habe heute früh die fische vergessen das schulhaus füttern sechs wochen zweiundvierzig tage kotze ich du bist grau auf dich schülerschreie in beton der satz gemauert ist gut schrei zu beton gemauert ich muss ihn bis daheim aufschreiben habe ich ihn sonst vergessen

„Wie die Fische.“

ach der bus drängle mann nicht kriegst schon so ei­nen hock dich endlich sitzplatz wo ist sie ah die schuhe los lächeln jetzt

„Nichts war‘s.“

Als Organisationsform haben die Initiatoren des Na­turparks am 30. Mai 1974 einen Verein gegründet. Die Gründungsmitglieder sind der Freistaat Bayern (Staatsforstverwaltung), der Regierungsbezirk Schwaben, die Stadt Augsburg, der Landkreise Augsburg, Unterallgäu, Günzburg, Dillingen-Donau. Als weitere Mitglieder gehören demVerein an: Der Landkreis Donau-Ries, die Gemeinden bzw. Märkte Bonstetten, Dinkel-scherben, Horgau, Markt Wald, Welden, Zusmars-hausen und Fischach, der Bayeri­sche Wald-besitzerverband, der Bayerische Bauern­verband sowie zahlreiche Einzelpersonen als för­dernde Mitglieder.

Die zwei heruntergeklappten Stufen auf einmal neh­mend sprang Daniel in den Bus. Einen Sitzplatz er­haschte er nicht mehr. Er blieb beim Einstieg ste­hen, stemmte sich gegen die rempelnde Masse, die ihm nachfolgte und sich an ihm vorbei ins Innere schob. Im Gewühl verlor er den Kontakt zu dem Mädchen, das immer so vielversprechend zu ihm herüber sah. Zischend schloss sich die Tür und die Haltestelle glitt nach einem scharfen Ruck nach hinten davon. Daniel ließ die abgewetzte, braune Schultasche zwi­schen seine Beine fallen. Er bemühte sich, dabei ein lautes, endgültiges Geräusch zu machen.

Zu den vordringlichsten Aufgaben des Naturpark­vereins zählt, das großräumige Gebiet als Erho­lungsgebiet zu erschließen und der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Heute ist ein umfangrei­ches Wanderweg- und Radnetz von rund zweit­ausendfünfhundert Kilometer Länge markiert und mit zahlreichen Brunnenanlagen und etwa fünf­hundert Ruhebänken versehen. Außerdem sind zwanzig Kilo­meter Reitwege, fünf Naturlehrpfade und Liegewie­sen angelegt. Eine ständige Sorge beitete dabei vor allem die laufende Sauberhal­tung des Waldes und der Landschaft, wobe der Naturpark auf die bereit­willige Mitarbeit von Ge­meinden und Waldarbeitern bauen kann.

„Was für ein Gesicht der machen würde. Er kommt rein und alle haben den gleichen Bart wie er.“

„Auch die Mädchen.“

„Alle schauen aus wie er. Oder er kommt rein und hinter ihm kommt einer rein, der schaut aus wie er.“

„Und der sagt: Guten Tag, mein Name ist Paul Schludi.“ (Gelächter)

„Der hochanständige Schüler….“ (Lachen)

„Hochanständig! Das einzige, was an dir hoch …“

„Nächste: Rotes Tor.“ (Lachen)

„Oder es kommt einer rein und hat einen Schlafan­zug an und eine Zahnbürste in der Hand und sagt: Was machen Sie in meinem Hotelzimmer?“

„Weißt du noch, der Langer?“

„Ja, ja, im U-Bahnhof. „Waaß, ßo weiid??“ (Geläch­ter)

„Oder, wie er sein Blatt umdreht und gesagt hat: „Ich muuß doch mal schaun, oob daß Käätche da beii Ihne auf den Bläddern au auff der lingen Seide ißt?“

„He, Daniel, weißt du:Deutschör Dualißmuß!?“

„Ja, ja.“

„Wenn ich es dir sage: Obergrenze minus Untergren­ze. Nicht umgekehrt. x – i war doch fünf.“

„Schau, mal. Die Blaue, jetzt steigt sie ein. Oh, Mann.“

„Die würde ich nicht von der Bettkante stoßen.“

„Oder es kommt einer rein …“

„Ich muss hier raus. Schöne Ferien, Jungs.“

„Schöne Ferien.“

„Schöne Ferien, Daniel.“

„Mach’s gut.“

Daneben ist das Augenmerk vor allem auf die Pflege und Erhaltung der Schönheit, Vielfalt und Ei­genart der Landschaft gerichtet, wobei die zahl­reichen Feldgehölze, Einzelbäume und Bachein­grünungen dem Besucher besonders angenehm auffallen. Aber auch die Waldbesitzer leisten ei­nen beachtlichen Beitrag bei ihren waldbaulichen Maßnahmen zu ei­ner abwechslungsreichen Ge­staltung der Waldbilder, insbesondere durch einen stufigen Waldaufbau, ent­sprechende Baumarten­mischung, Belassung von Altbäumen als soge­nannte Überhälter und harmoni­sche Gestaltung der Waldränder. Auf die diesbezüg­lichen beson­deren Anstrengungen sowohl der Oberforstdirektio­n Augsburg als auch der Kommu­nen und Großwaldbesitzer sollte in diesem Zusam­menhang dankbar verwiesen werden.

Daniel stieg langsam aus dem Bus. Er war nicht an der Endhaltestelle ausgestiegen und auch nicht in der Nähe der Wohnung seiner Eltern, bei denen er noch wohnte. Er verließ den Bus und ging willkür­lich die Straße hinab. Sie führte aus der Stadt her­aus. Zu seiner Rechten standen alte Fabrikbauten.

*

Es ist 17.23 Uhr Ortszeit an diesem Mittwoch, dem 27. Juli. Der Tag liegt staubig über der waidwunden Stadt. Eine angespannte Stille herrscht in den zer­narbten Straßen. Wenige verspätete Menschen eilen gehetzt zu ihren Wohnungen. Hinter hohlen Fens­terlöchern starren unruhige Augen.

Man erwartet die Nachmittagsflugzeuge mit ihrer Bombenfracht. Doch da wird in der Ferne das Wum­mern von Hubschrauberrotoren hörbar. Es gleitet näher. Ein junger Mann mit staubigem und fettig schwarzem Haar bleibt zögernd stehen, beschattet sein bärtiges Gesicht mit zitternder Hand. Sieben drohende Punkte sind über dem von der feindlichen Miliz beherrschten Stadtteil aufgetaucht. Sie vergrö­ßern sich rasch. Ihr Ziel ist ganz offensichtlich die­ses ehemals bessere Wohnviertel, auf dessen Haupt­straße sich der junge Mann nun besorgt umsieht. In seiner Nähe, aus einem Loch Schutt, das einmal ein Hotel ge­wesen ist, dringt Hundegebell. Notfalls kann er dort Deckung suchen, obwohl ihn, wie er weiß, nichts vor den Bomben schützen kann. Aber er wür­de sich geborgener fühlen und er müsste dem Tod nicht in die Augen sehen, wenn er kommt.

Jetzt schwärmen die Hubschrauber aus, einer hält direkt auf die Straße zu. Er kommt in niede­rem Flug heran, berührt fast die Dächer. Ein Auf­klärungsflug, will sich der junge Mann beruhigen, noch kommen nicht die Bomber. Da öffnet sich an der Seite der schweren Flugmaschine eine Tür, deutlich ist ein Soldat zu erkennen, der eine Last herabschüttet. Der junge Mann will fliehen, macht einen unsi­cheren Schritt, bleibt dann überrascht stehen. In seiner unmittelbaren Umgebung klatschen Gegenstände in den Sand. Es sind kleine Blech­autos, Puppen und Teddybären. Die Luftwaffe des Feindes wirft Spiel­zeug über dem zu Tode ver­wundeten Stadtteil ab.

Die Motorengeräusche verhallen hinter verkohl­ten Häuserleichen. Viele Menschen kommen aus ihren Verstecken, treten zaghaft ins ungeschützte Freie, als hätten sie Angst vor dem Sonnenlicht. Da bricht sich ein Kinderruf an den geschwärzten Wänden. Der junge Mann sieht sich um. Ein viel­leicht vier­jähriges Kind reißt sich von seiner tief verschleierten Mut­ter los. Sie versucht vergeblich, es zurückzuhal­ten. Das Kind trägt nur ein schmutziges Hemd, das ihm bis zum Knie reicht. Seine kleinen, kräf­tigen Füße stampfen zu dem jungen Mann, es patscht an ihm vorbei. Er erhascht ei­nen Blick auf leuchten­de Augen, die ein mageres, verhärmtes und schmutziges Gesicht überstrahlen. Das Kind stolpert auf einen größe­ren rosafarbenen Plüschbären zu, hebt das Ge­schenk der Luft vorsichtig und zärtlich in die Höhe und umarmt es. Jetzt treffen sich die Blicke der beiden. Sie lächeln.

Der Plüschbär explodiert. Das Kind wird in blu­tiges Fleisch zerfetzt. Durch den Sprengdruck de­toniert ein Spielzeugauto neben dem jungen Mann, dessen beide Beine abgerissen werden. Er fällt schwer zurück in den Staub. Dann ist es wieder still. Ruhe liegt auf dem Platz wie eine dicke Wolldecke. Spä­ter schreit eine Frau. Von der Ferne nähern sich Bomber mit ihrer Nachmittagsfracht.

[Zum 2. Teil …]

Der Hl. Abend damals – Wahrgelogenes (Teil 4)

[Zum ersten Teil …]

(Ich konnte nicht einfach so aufhören, deshalb habe ich einige Drogen eingeschmissen, der Erkältung getrotzt und meine Geschichte zuende erzählt. Wenn es euch zu sentimental ist, dann gebt Grippostat die Schuld.)

Eine schöne Bescherung

Sie stritten also an Weihnachten, meine Eltern: ausdauernd, lautstark und bitterböse. Sie zerfleischten sich manchmal gegenseitig in ihrem hektischen Bemühen, ein gelungenes Familienfest zu feiern. Jeder kannte die Verletzbarkeiten des anderen und besonders mein Vater hatte ein sicheres Gefühl dafür, was wirklich wehtat und dort stach er mit Vorliebe und ohne Rücksicht auf Verluste hinein(1). Die Tränen meiner Mutter flossen während der Bescherung und danach reichlich und es waren eben nicht nur Tränen der Rührung über den schönen Baum und die herzzerreißenden Gesänge während der Besinnung, sondern leider auch oft genug andere, Tränen der Verletzung, der Wut, des Leids.  In meinem Gedächtnis stritten die beiden an jedem Weihnachten, Jahr für Jahr für Jahr – aber ich mag mich von meinen Erinnerungen so trügen lassen wie beim Schnee.

Bescherung! Der Zwerg im Vordergrund bin ich. Für die Nachgeborenen: Damals war die Welt schon farbig, aber ich habe das Foto von einem uralten Dia abgescannt und die schlechte Qualität durch die Sepiatöne verschleiert.

Man kann uns also mit Fug und Recht eine dysfunktionale Familie nennen, an der jeder Psychologe und Soziologe seine wahre Freude hätte. Jedes von uns Kindern hat aus dieser Familie einige psychische Deformationen und Neurosen ins Erwachsenenleben mitgenommen. Doch dabei darf man nicht vergessen, dass sich meine Eltern in jedem Jahr auf Neue geradezu verzweifelt darum bemühten, uns ein gelungenes und behütetes Weihnachten erleben zu lassen, uns überhaupt eine glückliche Kindheit zu schenken. Es ist ihnen im Großen und Ganzen gelungen. Das war schon damals und – ehrlich gesagt -, auch heute keine Selbstverständlichkeit, wenn ich an die vielen kaputten, ja, traumatisierten Kinder denke, denen ich in meinem Brotberuf begegne und die so etwas wie eine Familie oder ein Weihnachtsfest nur vom Hörensagen kennen.

Und was die Streitigkeiten meiner Eltern angeht, die einmal sogar dazu führten, dass meine Mutter ins Hotel zog, sich einen eigenen Topf kaufte, und wild entschlossen war, sich scheiden zu lassen: Beide leben noch; mein Vater noch recht rüstig für seine bald 92 Jahre allein in der Wohnung, die er seit fast vierzig Jahren bewohnt, meine Mutter ist seit acht Jahren vollkommen dement und liegt in einem Pflegeheim ganz in seiner Nähe. Sie ist gerade 90 geworden und längst nur noch ein ausgemergelter, bis auf die Knochen abgemagerter leidender Körper, der, hat er mal die Lider nicht geschlossen, blicklos an die kahle Decke starrt und von Krämpfen gezerrt wird. Die liebende Seele, die ihn einst belebte, ist schon vor Jahren komplett verloren gegangen – der Mensch, der meine Mutter einmal war, ist zwar noch nicht beerdigt, aber schon lange tot. Mein Vater besucht sie trotzdem regelmäßig, obwohl ihm der Gang den steilen Stephinger Berg hinauf immer schwerer fällt. Dann beugt er sich in ihrem Zimmer zu ihr herab, streichelt ihr zärtlich über die Wange und wenn sie dabei tatsächlich die Augen öffnet, dann flüstert er: „Manchmal glaube ich, dass sie mich erkennt …“

Bei uns Kindern herrschte nach dem besinnlichen Augenblick endlich eitle Freude. Wir hatten es geschafft, unser Hl. Abend war durch seine schier endlose Katharsis gegangen. Wir rissen die Decken von den Geschenkpaketen und bis man uns ins Bett brachte, spielten wir mit unseren neuen Sachen, klauten dem anderen die Leckereien aus seinem mit Süßigkeiten übervollen „Bunten Teller“. Ich baute an meinen Legos, ließ meine neuen Cowboys (2) ihre ersten Abenteuer erleben, blätterte im neuen Fünf-Freunde-Buch, ärgerte mich, dass ich wieder keinen Kaufmannsladen bekommen hatte und hatte keine Zeit, mich um die Erwachsenen zu kümmern. Meine Mutter war aber schon wieder bei der Arbeit. Die Verwandschaft, die uns besuchte, wollte verköstigt werden. Diese konsumierte erhebliche Alkoholmengen und kalte Wurst- und Käseplatten, verputzte halbe Eier, die mit Mayonaise und Fake-Kaviar belegt waren, Fischhappen und Schinken, flätzte hemdsärmelig und zumindest in den 60ern noch kettenrauchend auf den Sofas und Stühlen. Wir Kinder fielen irgendwann mit rotglühenden Wangen und vollkommen überdreht vom Spielen in einen unruhigen, fiebernden Schlaf, die Eltern überfressen und abgefüllt mit Bier, Wein, Sekt und Schnaps.

Doch am nächsten Tag waren wir im Gegensatz zu ihnen schon vor dem Hellwerden wieder auf den Beinen und spielten weiter. Die Eltern nüchterten langsam aus; es galt fürs Mittagsessen die Gans zu braten und – ganz wichtig für die Stegherr-Omi – den Weihnachtssegen des Papstes Urbi et Orbi zu sehen. Am 2. Feiertag trafen sich meine Eltern mit dem Onkel Siegfried und der Tante Inge zum Sektfrühstück mit anschließendem Schafkopf bis in die Nacht.(3) Auch dieser Tag endete für alle in einem Besäufnis und – weil mein Vater immer gewann – je mehr er trank, um so besser war er – und meine Mutter immer verlor – in einem formitablen Ehekrach. Dann war Weihnachten vorbei, man nahm sich vor, nie mehr etwas zu essen und erholte sich bis Silvester, wo schon die nächsten Katastrophen lauerten.

Was habe ich nun in meine eigene Familie übernommen? Natürlich nicht das Gänseklein, nicht die Wanderung am Hl. Abend und vor allem nicht den Streit. Das alles wäre mit Frau Klammerle auch nicht zu machen. Was uns aber immer wichtig war, war es, unseren Söhnen Weihnachten als etwas Einzigartiges, Besonderes zu präsentieren – ihnen den Zauber zu vermitteln, den ein gelungener Hl. Abend im Kreis der Familie ausstrahlt. Und das, obwohl ich überzeugter Atheist bin, denn die Feier der Geburt Christi‘ ist nur der Aufhänger. Nennt mich sentimental, aber für mich ist Weihnachten mehr; ein Moment, der wie Klebstoff wirkt und die Menschen, die ich liebe, zusammenhält. Morgen kommen die beiden Söhne zu uns; erwachsene Männer, die längst ihr eigenes Leben führen, um genau diesen Augenblick mit ihren Alten wieder zu erleben. So ganz falsch können wir es also nicht gemacht haben.

Ich wünsche jedem so ein Weihnachten.

___________

(1) Dabei war sein Herz selbst voller innerer Wundmale, die nur oberflächlich vernarbt waren und sofort wieder aufbrachen, wenn Alkohol im Spiel war. Als 17jähriger Soldat der Waffen-SS war er während des Kampfs um Berlin verwundet und für fünf Jahre in russische Kriegsgefangenschaft gekommen, wo er an jedem Tag um sein Überleben kämpfen musste und als kranker, gebrochener Mann zurückkehrte, dem die Nazis seine Jugend und seine Ideale geraubt hatten.

(2) So beginnen Schriftsteller: Im Jahr 1968 bekam ich eine Cowboy-Postkutsche mit Kutscher und ein paar bösen Indianern geschenkt und ich spielte am 1. Feiertag damit auf dem Wohnzimmerteppich. Im Hintergrund lief der Fernseher und von den Nachrichten, die dort liefen, bekam mein Cowboykutscher seinen Namen: „Johnson“, benannt nach dem damaligen amerikanischen Präsidenten. Mein Johnson erlebte viele, viele Abenteuer und war einige Jahre später gemeinsam mit dem tapferen Sioux Siosi (der Name beruht auf einem Lesefehler) der Held meiner ersten Schreibversuche.

(3) Ja, ich weiß, M.! Hier bin ich die Geschichte schuldig, wie du und unser Bruder gemeinsam eine riesige Parfümflasche in die Luft jagten (3a), während ich bei den Eltern im Schlafzimmer gruschtelte und anschließend vergaß, meine Spuren zu verwischen. Es stank drei Tage nach Veilchenduft – oder, wie es meine Mutter ausdrückte: „Puh, hier stinkt es ja wie in einem serbischen Männerpuff!“ Ich erzähle das alles ein andermal. Versprochen!

 

Vorgezogene Blogpause

Eine schöne Bescherung

Das ist der Nachteil, wenn man wie ich seinen Blog und seine literarische Arbeit als „Ein-Mann-Betrieb“ betreibt: Falle ich aus, ruht die Arbeit komplett.

Das heißt in meinem Fall: Es wird vor Weihnachten keine weiteren Texte mehr geben, keine Isabella-Folge (Hans-Dieter Heun wird es mir danken), keine Kindheitserinnerungen und keine „Andere Art der Liebe“, weil mich gestern rücksichtslos und hinterhältig eine heftige Erkältung mit allen unangenehmen Begleitsympthomen überfallen und niedergerungen hat, an der wohl oder übel ich zwischen den Jahren laborieren werde. Ein Ende der Qualen ist im Moment nicht absehbar, jeder Tag bringt noch einmal eine neue Steigerung meiner Leiden, die meine etwas genervte, im Feiertagsstress eigentlich auf meine Hilfe angewiesene Frau Klammerle leicht abschätzig als „Männerschnupfen“ abtut. Da sie als Kinderkrankenschwester im Intensivbereich täglich mit Entscheidungen zwischen Leben und Tod konfrontiert wird, ist sie da wahrscheinlich etwas vorurteilsbeladen und professionell deformiert. Die Meinungen, wie ernst meine Erkältung ist, gehen also weit auseinander. Wie dem nun auch sein mag, ob meine Leiden Hypochondrie oder lebensbedrohend sind: Ich huste jedenfalls, räuspere, schnupfe, fiebere und schniefe. Der Kopf ist dick, der Hals ist rau, die Glieder schmerzen, mich friert und die Stimmung ist flau und wenig weihnachtlich. Es ist mir augenblicklich unmöglich, mit laufender Nase, bellendem Husten und Kopfschmerzen auch nur eine einzige sinnvolle Zeile auf’s Papier zu bringen oder gar eine Geschichte schreiben. Nicht einmal das Lesen gelingt mir! Was für ein Jammertal.

Deshalb muss ich mein literarisches Schaffen in der nächsten Zeit stark einschränken und mich mit Hausmittelchen kurieren, die diese bevorstehende Woche Erkältung auf sieben Tage einzuschränken helfen. Ich muss also auch diesen Blog früher als gedacht für einige Zeit bis ins neue Jahr hinein ruhen lassen, meiner Frau ihre ayurvedischen Teemischungen wegtrinken,  jammern, klagen, schneuzen, mich selbst bemitleiden und in eine dicke Decke gehüllt vom Sofa aus gelangweilt dem heftigen Regen beim Fallen zusehen.

All meinen Freunden und Followern, zufällig oder absichtsvoll vorbeisurfenden, allen, die mich mögen oder auch nicht, wünsche ich friedvolle, besinnliche Feiertage im Kreise ihrer Liebsten, Gesundheit, Glück und weiterhin Gefallen an meiner Literatur.

Grüße aus dem feuchten, aber weihnachtlichen Augsburg.

Bis bald, Euer Nikolaus.

Ein kleines Weihnachtsgeschenk habe ich aber noch:

Meine Bücher kosten ab sofort in ihrer E-Book-Version in allen Online-Shops der Buchhändler nur 99 Cent. Ich selbst verdiene daran nichts. Gebt meiner Literatur bitte eine Chance.

Wenn euch also noch ein Werk aus meinem Buchkatalog fehlt, dann schlagt schnell zu!

 

Der Hl. Abend damals – Wahrgelogenes (Teil 3)

[Zum ersten Teil …]

Die fliegende Lutherbibel

Ich habe mich inzwischen etwas schlauer gemacht; das Internet macht es möglich. In den Jahren zwischen 1968 und 1980, aus denen ich meine Weihnachtserinnerungen für diesen Text geschöpft und sie zu einem paradigmatischen Hl. Abend zusammengebastelt habe, hat es in Augsburg immerhin vier weiße Weihnachten gegeben – nämlich ’70, ’73, ’75 und ’76. Das sind immerhin doppelt soviele wie es sie seit der Jahrtausendwende gab, wo nur in den Jahren 2001 und 2010 Schnee lag. Für dieses Jahr ist mal wieder Starkregen angesagt. (Und für alle, die noch immer nicht an einen Klimawandel glauben: Zwischen 1960 und 1970 gab es sogar sieben Jahre, in denen es an Weihnachten schneite.) Aber genug von der Statistik und zurück zu dem kleinen, dicklichen Jungen, der nun so kurz vor dem Höhepunkt seines Jahres vor Aufregung zitterte und der nur noch das kurze Fegefeuer des besinnlichen Teils des Hl. Abends vor sich hatte, bis er endlich ins Paradies eintreten konnte und mit seinen neuen Legos und seinen Cowboy-Mänschgerle spielen durfte.

Der alte Mann denkt larmoyant an Weihnachten, wie es früher einmal war …

Man sieht es dem Foto an: Ich habe es geschafft. Ich gehe als typischer Babyboomer, der im längsten und kältesten Schneewinter des 20. Jahrhunderts geboren wurde, inzwischen mit Siebenmeilenstiefeln auf die 60 zu und gehöre also endlich ebenfalls zu den älteren, weißen Männern, die das Narrativ des 21. Jahrhunderts dominieren und jede andere Stimme mit ihrer Wortgewalt, ihrem Rasissmus und ihrem Antifeminismus unterdrücken. So behauptet es zumindest das Imago, das heute unsere Gesellschaft bestimmt und sich damit einen recht merkwürdigen Feind zugelegt hat, der allerdings nur in den Köpfen existiert. Gut so, in dieser Rolle fühle ich mich wohl und ihr Grundstein wurde sicherlich an den Hl. Abenden gelegt, bei denen ich als Kind das Vergnügen hatte, sie im Kreise meiner kleinbürgerlichen und typisch bundesrepublikanischen Familie miterleben zu dürfen. Was dort bei der Bescherung im kleinen – im unserem Mikrokosmos geschah – war, wenn auch leicht verspätet, paradigmatisch für die westdeutsche Gesellschaft Ende der 60er bis in die Mitte der 70er Jahre. Das Zeitgenössische hielt Einzug. (1)

Aber zuerst musste nach den klassischen geplatzen Würstchen mit Kartoffelsalat von uns Kindern abgespült und abgetrocknet werden, während der Hausherr im Wohnzimmer die letzten Vorbereitungen zum feierlichen Teil traf und anfangs noch die echten, später dann die elektrischen Lichter am Baum entzündete. Das musste schnell gehen, denn bald wurden die Eltern meines Vaters und weitere Verwandtschaft zum Weihnachtsabendessen erwartet und dann musste die Bescherung abgeschlossen sein. Traditionell wurde der Höhepunkt des Abends dann von meinem Vater mit einem Glöckchen eingeläutet, das wir allerdings meist überhörten. Glück, heißt es, sei die ewige Wiederkehr des ewiggleichen. Wenn das stimmt, war mein Weihnachten sehr glücklich, denn sein ritualisierter Ablauf änderte sich kaum. Er sah in seinem besinnlichen Teil vor der Bescherung stimmungsvolle Musik und die Lesung der Weihnachtsgeschichte vor, die meine Mutter mit ihrer uralten, zerfletterten Lutherbibel in der Fassung von 1912 unternahm. Das war der einzige Moment im Jahr, in dem diese zum Vorschein kam – danach verschwand die Bibel wieder für 365 Tage in einem Schrank. Meine Mutter las salbungsvoll und getragen, aber niemals fehlerfrei. Sie stolperte immer über die gleiche Stelle, bei der sie ihren Finger anfeuchten und umblättern musste. Sie begann mit Lukas 2.1:

Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war.

… und endete bei 2.20:

Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Obwohl ich wirklich abgelenkt war und während ihrer Lesung ungeduldig abzuschätzen versuchte, was sich für Geschenke für mich unter dem Tücherhügel unter dem Baum verbargen, kann ich diesen antiquierten Text noch immer auswendig. Ich hatte als Kind natürlich merkwürdige Vorstellungen davon, wie eine Schätzung ablief; ich stellte sie mir als eine große Waage vor, auf der man gewogen wurde. Warum der römische Kaiser sich für das Gewicht seiner Untertanen interessierte, war mir aber ein Rätsel. Auch die Worte, die Maria in ihrem Herzen bewegte, stellte ich mir wie das Schaukeln vor, mit dem man einen Säugling in den Schlaf wiegt. Auch hier tauchte wieder das Bild einer Waage auf, was mich doch ziemlich verwirrte. Meine Schwester M. (1) hat mir mal erzählt, sie bemühte sich immer, mich bei der Lesung nicht anzusehen, weil sie sonst einen Lachkrampf bekommen hätte. Ich muss dabei wirklich wie ein überfahrener Frosch ausgesehen haben.

Meine Geschwister, meine Mutter und die Stegherr-Omi

Vor und nach Lukas wurde in den 60ern Hausmusik gemacht, das heißt, meine Mutter, meine Schwester und auch mein Bruder flöteten(2) oder M. spielte auf dem Akkordeon, während die Stegherr-Omi ein aus ihrem Ärmel gefischtes Taschentuch in der Hand zerknitterte, in das sie still hineinheulte, während sie den in diesem Jahr wieder besonders gelungenen Baum bewunderte. Dazu wurde falsch und nicht allzu textsicher gesungen. In späterer Zeit legte mein Vater dann nur noch seine Weihnachts-Schallplatte auf und vor der Lesung erklang in der Version von Rudolf Schock(3) und den Regensburger Domspatzen „Stille Nacht“, danach „Oh, du Fröhliche“ (Über diese Reihenfolge wurde manchmal gestritten). Meist hatte er Probleme, im schummrigen Kerzenlicht, das der Baum ausstrahlte, die Nadel des Plattenspielers richtig aufzusetzen und es ertönten vor der stillen Nacht mit einem hässlichen Quietschen die letzten Takte von Eine Muh, eine Mäh: „Eine Muh, eine Mäh, eine Täterätätä … Ratadschingderattabum!“

Der Umbruch von der Live-Hausmusik zum Vinyl geschah übrigens während des besinnlichen Teils eines Hl. Abends, als M. sich standhaft weigerte, Musik zu machen, niemand singen wollte und meine Mutter schließlich wütend ihre Bibel durch den Raum schleuderte und die Besinnung in einem monumentalten Streit gipfelte.

Aber für heute habe ich schon genug erzählt, ich mache morgen weiter.

[Wird morgen fortgesetzt …]

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(1) M. ist übrigens kein Pseudonym. So nenne ich meine Schwester eben, die ziemlich genau 9 Jahre älter als ich ist. Früher riefen wir sie meist „Trulle“. Sie musste als die Älteste unter uns Geschwistern als erste gegen die fatale Familienaufstellung rebellieren und dies fiel in die unruhigen Jahre nach der klassischen 68er-Revolution. Sie hörte Hendrix, verkaufte irgendwann ihr Akkordeon, um eine Stereoanlage zu erwerben und ging eine Mesalliance mit einem Künstler ein. Mein Vater, der sehr schnell mit harten Urteilen bei der Hand war, riss ihr Hendrix-Plakat von der Wand, weil er keine „Menschenfresser“ im Haus duldete, teilte Ohrfeigen(1a) aus und prophezeite ihr eine Karriere als Prostituierte. Mir hat er übrigens später weisgesagt, ich würde als Müllmann enden. Allein mein Bruder fand Gnade unter seinen gestrengen Augen. Tatsächlich war M. bis zu ihrer Pensionierung in diesem Jahr Förderlehrerin an einer Augsburger Grundschule und ich, naja, mir muss von Frau Klammerle sehr nachdrücklich befohlen werden, den Müll vors Haus zu bringen.

(1a) Psychische Gewalt zählte eigentlich weniger zu den Erziehungsmethoden meiner Eltern, auch wenn ihnen immer wieder einmal die Hand „ausrutschte“. Meist – ich gebe es zu – hatte zumindest ich es auch verdient; wenn ich z. B. mit einem Nahtauftrenner das frisch genähte Kleid meiner Mutter in Lametta zerschnitt (hat Spaß gemacht!) oder meinem Vater, der mich an einem Sonntagnachmittag zu einer seiner Wanderungen zwingen wollte, mit dem Götz-Zitat beschied, denn ich wollte lieber „Bill Bo und seine Bande“ sehen – was ich dann mit schmerzender Backe auch tat, während er wütend und allein durch die Wälder stapfte. Meine Mutter hat an diesem Nachmittag übrigens zum ersten Mal in meinem Leben leckere Bratäpfel gemacht und ich glaube noch immer, dass es da einen Zusammenhang gab.

(2) Durch die schlechten Erfahrungen haben es meine Eltern gar nicht erst versucht, mich an einem Instrument auszubilden. Zudem galt ich als vollkommen unmusikalisch.

(3) Es kann auch René Kollo oder ein anderer Heldentenor gewesen sein, da bin ich mir nicht mehr sicher. Ich bin zu faul, meinen Vater zu besuchen und nachzusehen; aber er kommt am 2. Weihnachtsfeiertag zu mir und werde ihn fragen. Über den Versuch meiner Schwester, doch einmal bei der Besinnung statt Herrn Schock Mahilia Jackson die „Silent Night“ singen zu lassen, breite ich den Mantel des Schweigens.

[Zum 4. und letzten Teil …]

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