Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Dieser eine, dieser verführerische, dieser erste Satz …

Meine liebe Kollegin Luna hat sich eben auf ihrem Blog „Schreibmaschinchen“ Gedanken zu dem Eingangssatz gemacht, der einen Roman für den Leser aufschließt. Ich wollte ihr eigentlich in einem Kommentar antworten, aber meine Antwort ist dann doch etwas zu lang ausgefallen. Das passiert mir doch immer wieder. Deshalb wird sie mir hoffentlich verzeihen können, dass ich meinen Kommentar auf meinen eigenen Seiten veröffentliche.

Eigentlich interessiert der erste Satz eines Romans nur die Autoren. Dabei sollte sie vor allem der letzte Satz ihres Buches interessieren; aber so weit kommen viele nicht. So beginnt mein Roman Nutzlose Menschen von 1995 (1), in dem erstmals der zynische Beamte „Nikolaus Klammer“ auftaucht, dessen Namen ich seither als Pseudonym verwende.(2)

»Ironie ist teuer. Sie kann sich nur erlauben, wer sie sich wirklich leisten kann«, erwiderte Nikolaus Klammer lächelnd. »Hören Sie: ‚Aus dem bewegungslosen, amorphen Grau des heraufdämmernden, jungfräulichen Morgens, der in dieser schmutzigen, erbarmungslosen Verhöhnung all der Gründe, aus denen Menschen Städte bauen, so schnell altert und zahnlos wird, vorverdaut von der sodomitischen Enge in den dampfigen Verkehrsmitteln, in einen Mantel stinkender Abgase gehüllt, schält sich täppisch die gebeugte Silhouette des letzten Beamten…’«

»Ich weiß nie, wann Sie sich über mich lustig machen.«

»So unterbrechen Sie mich doch bitte nicht, denn solch ein Augenblick der Inspiration kommt unter Umständen nie wieder! Wenn ein kraftvoller Gedanke auf seinen traumhaften Schwingen einen Dichter entführt und ihn von den Umständen, die ihn hier einschließen, entfernt, indem er ihn durch die grenzenlosen Regionen schleudert, wo die ungeheuersten Ansammlungen von Tatsachen zu Abstraktionen werden, wo die größten Werke der Natur nur Bilder scheinen – wehe ihm, wenn irgendein Lärm an seine Sinne schlägt und die schweifende Seele in das Gefängnis von Fleisch und Bein zurückruft!« ereiferte sich Klammer theatralisch, wieder einmal jemanden zitierend. Er wirkte jedoch für einen Moment tatsächlich verärgert. »Sehen Sie, wenn der erste Satz stimmt, ist der Roman schon fast geschrieben, alles weitere ist Fleiß und Zeit. Das sind zwei Dinge, die ich im übrigen nicht besitze, denn Faulheit ist der normale Zustand aller Künstler.« Er faltete die Hände vor dem Mund.

»Der erste Satz muss eine Mausefalle sein, er muss den Leser fassen und darf ihn für zweihundert atemlose Seiten nicht mehr loslassen. Was habe ich gesagt? Aus dem bewegungslosen, amorphen Grau eines beginnenden Morgens, der in unserer dreckigen Stadt so… na, so schnell altert… und… und… vorverdaut wird?« Klammer runzelte die Stirn und machte dann eine wegwerfende Handbewegung. »Egal, es ist weg, eine weitere Perle verschwendet; wir haben den Augenblick verloren. Nun wird Ihr Epos immer unvollendet bleiben, ein Fragment, das aus dem Fragment des ersten Satzes besteht. Das ist nicht viel, aber dieses Fragment schenke ich Ihnen, dieses bewegungslose, amorphe Grau, ich eigne es Ihnen zu. Ein Satz für Sie.« Atempause.

aus: Nutzlose Menschen, Roman

Ich gebe es zu: Ich habe diesen Anfang geklaut.

Die Idee, einen Roman mit einer Antwort zu beginnen, ohne dem Leser zu verraten, auf was geantwortet wird, ist von Laurence Sterne. Er ist der erste, der sich 1768 in seinem Buch ‚Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien‘ herausnimmt, den Leser ohne lange Vorrede in die Handlung zu stürzen, einen Roman mit wörtlicher Rede beginnen zu lassen.

»… In Frankreich«, sagte ich, »verstehn sie das Ding besser.«

Der Leser wird auf den nächsten 400 wundervoll sarkastischen und ausgesprochen unterhaltsamen, für die damalige Zeit gewagten Seiten nicht erfahren, von welchem ‚Ding‘ die Rede war.(3) Aber seine Aufmerksamkeit ist geweckt. Das ist die Aufgabe des ersten Satzes, über den Klammer oben nachdenkt. Sein Ziel sollte es sein, dass der potentielle Leser noch in der Buchhandlung beim lustlosen Blättern stutzt und sich einen der roten Lesesessel sucht, um sich begeistert hineinzulesen.(4)

Ich habe kürzlich in einem literarischen Forum behauptet, man dürfe keinen Roman mit einer „Als“-Konstruktion beginnen. Das sei ein sicheres Zeichen, dass das Buch misslungen sei. Nachdem man ausgiebig über mich hergefallen war (eines der Ergebnisse kann man bei den Kritiken lesen), hatte ich keine Lust mehr, meine Meinung zu erklären. Deshalb mache ich das in der gebotenen Kürze hier:

»Wir fuhren an einem türkischen Schiffe vorbei, sie brannten ihre Kanonen los: die Gondel wankte, worin ich aufgerichtet stand; ich verlor das Gleichgewicht und stürzte in die See, verwickelte mich in meinen Mantel, arbeitete vergebens und sank unter. (5)

So muss ein Spannungsroman beginnen: Ein Satz und mitten hinein ins unerhörte, abenteuerliche Geschehen und Bangen um die Hauptfigur. Und jetzt lesen wir diesen faszinierenden Romananfang mal mit einem ‚Als‘ vorne:

„Als ich aufgerichtet in der Gondel stand, fuhren wir an einem türkischen Schiff vorbei. Sie brannten sie ihre Kanonen los und die Gondel wankte. Als ich das Gleichgewicht verlor und in die See stürzte, verwickelte ich mich in meinen Mantel. Ich arbeitete vergebens und sank unter.“

‚Als‘ am Anfang verzögert die Handlung, es ist ein vollkommen überflüssiges Füllwort, das die Satzkonstruktion unnötig kompliziert, die Reihenfolge der Abläufe verändert, Unwichtiges nach vorne schiebt und ganz allgemein ‚retardiert‘, eine Mauer zwischen Erzähler und Leser errichtet. Es zeigt einen Autor, der sein Handwerkszeug nicht beherrscht, kein Gefühl für die Geschichte hat oder einen schlampigen Lektor. Viele Erzählungen und Kurzgeschichten beginnen übrigens mit „Als“, z. B. „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Ich frage mich aber, ob: „Gregor Samsa erwachte eines Morgens und fand sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“, nicht besser gewesen wäre.

Zum schönsten ersten Satz der deutschen Literatur wurde übrigens vor ein paar Jahren „Ilsebill salzte nach.“ aus dem Butt von Günter Grass erkoren. Der beste Romananfang allerdings, den ich kenne, verzichtet auf jede Spielerei. Er besteht ebenfalls aus drei Wörtern, die ausdrücken, dass der Erzähler anonym bleiben will, er trotzdem seine Zuhörer einlädt, seiner Geschichte zu folgen, die zudem alttestamentarische Größe hat. Zugleich ist es der Beginn des großartigsten literarischen Werkes, das je von einem einzelnen geschrieben wurde; wer es noch nicht las, ist arm, weil er es nicht kennt und reich, weil ihm das beglückende Erlebnis noch bevorsteht:

»Nennt mich Ismael.«(6)

Melville

PS. Es geht noch kürzer. Der 4. Teil meiner Geltsamer-Reihe beginnt mit:

Welkenbaum fiel.

____

(1) Der übrigens bislang auch unvollendet geblieben ist.

(2) Da war auch einmal einen österreichischen Gemmen-Schneider namens Nikolaus Klammer (1769 – 1830). Er war ein Künstler des Klassizismus und hat nur wenige, dafür außerordentlich filigrane und heute hochpreisige Werke hinterlassen, die man bewundern kann, wenn man nach uns beiden googlet. Er soll ausgesprochen faul gewesen sein …
Honi soit qui mal y pense.

(3) Vielleicht ist dieses „Ding“ ja jenes, das der Erzähler beim ebenso genialen, in drei Pünktchen endenden Schluss-Satz in Händen hält: „Also, da ich die Hand ausstreckte, fasste ich der Kammerjungfer ihre …“ Wie gesagt, Schlusssätze haben auch etwas.

(4) Die ‚Empfindsame Reise‘ gibt es antiquarisch in einer bibliophilen Ausgabe der „Anderen Bibliothek“ oder günstiger als Fischer-TB. Das Werk findet sich wie auch Sternes Hauptstück ‚Tristam Shandy‘ (gehört zu den 100 Büchern, die man gelesen haben muss) gratis bei mobileread als E-Book.

(5) ‚Ardinghello und die glückseligen Inseln‘ von Wilhelm Heinse (1746 – 1803). Dieser höchst romantische Roman des heute vergessenen Dichters bleibt nicht so spannend, aber auch er gehört der Vergessenheit entrissen. Gratis bei mobileread, edel als antiquarische Ausgabe von Greno in Nördlingen, die auch Enzensbergers „Andere Bibliothek“ drucken, saftig teuer als gelbes Reclamheft. Ein weiterer, sehr lesenswerter Abenteuer-Roman von Heinse ist ‚Anastasia und das Schachspiel‘, ebenfalls bei mobileread. Heise führte übrigens mit dem schachbegeisterten F.M.Klinger einen Fernschach-Briefwechsel, in dem höchstens einmal im Monat ein Zug gemacht wurde.

(6) ‚Moby Dick‘ von Hermann Melville ist in jeder gut sortierten Buchhandlung erhältlich und wurde kürzlich mal wieder zum xten Mal neu übersetzt.

Gut. Ich gebe mich geschlagen.

garten10

Der Wind bläst zwar noch recht kräftig aus dem Westen, aber man kann es nicht leugnen: Seine Brise ist lau und sie duftet nach Frühling, nach schwerer Erde, Sonnenstrahlen und Hoffnung. Die Vögel haben sie längst bemerkt. Ich spüre ein Durchatmen wie nach einer langen Bergwanderung, eine im Unbewussten längst geahnte Erleichterung ist in meiner Brust. Es geht aufwärts, es beginnt etwas von Neuem. Das Leben wird weiter, offener, intensiver. Es hat Qualität gewonnen.

Ich gehe nach draußen in den Garten, mache ein Foto vom Geilwuchs der wilden Krokusse, die Natur tut mir gut. Ich erwache mit ihr gemeinsam aus einem langen unruhigen Schlaf. Vielleicht ist ja 2016 mein Jahr – wer weiß?

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Obwohl es vielleicht ein Fehler war, habe ich mich überreden lassen und mir eben ein Facebook-Konto eingerichtet. Wahrscheinlich ist kaum jemand ungeeigneter für soziale Netzwerke als ich, aber gehört es für einen modernen Autor offenbar doch zum Unverzichtbaren, dort präsent zu sein. Wer mich also tatsächlich näher kennenlernen, an meinem Leben als Autor und auch als Mensch direkt teilnehmen will, ist herzlich eingeladen, dort mein „Freund“ zu werden:

Moi
Nikolaus Klammer

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